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Posts Tagged ‘Ökologie Wladimir’


Man sollte sich auf eine besondere Begriffswelt einstellen, wenn man das Klärwerk besucht – und die Fähigkeit mitbringen, so richtig zu staunen. So erfährt man bei der Führung mit Werkleiter Wolfgang Fuchs und Abteileilungsleiter Wolfgang Engelhardt, man habe es in Erlangen mit einem schwachen Vorfluter zu tun, sprich mit einem Fluß, der wenig Wasser führt. Desto entscheidender, die Klärung der Abwässer von Privathaushalten und Gewerbe aus Stadt und Umland bestmöglich sicherzustellen.

Stefan Engelhardt, Schamil Chabibullin, Anatolij Kurganskij, Olga Kanischtschewa, Gregor Helfritsch, Wolfgang Fuchs und Anna Barth

Ins Staunen kammen dann gestern die Gäste aus Wladimir so richtig im Untergrund, „wo wir unser ganzes Geld verbaut haben“, wie Wolfgang Fuchs meint. Wenn man zu einem der deutschlandweit führenden Klärwerke gehören und Strom wie Wärme für den eigenen Betrieb aus der Abwärme des Faulschlamms produzieren will, braucht man all diese Technik und Rohre, die alle notwendigen Prozesse in Gang halten: ohne Chemie, nur in der Nachahmung der natürlichen Abbauvorgänge.

Ein Beispiel dafür, wie gut das gelingt, ist die Stillegung des bis vor wenigen Jahren noch genutzen Filters am Auslaß in die Regnitz. Inzwischen sind die Reinigungsstufen derart perfekt, daß das in den Fluß eingeleitete Abwasser klarer und reiner ist als der Vorfluter. Was man freilich mit bloßem Auge nicht sieht, sind Mikroplastik, Arzeimittelrückstände, Hormone mit all ihren erst jetzt erkennbaren Folgen für die Gewässerfauna. Deshalb eine Projektzusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, die es in der Art nur noch einmal in Deutschland – in Berlin – gibt.

Die von den beiden Jugendparlamentariern Anna Barth und Gregor Helfritsch begleiteten Gäste – und Olga Kanischtschewa, zuständig für die Landschafts- und Naturschutzgebiete der Region Wladimir, ganz besonders – begeistert diese Mischung aus Hochtechnologie, Autarkie und Sorge um die Umwelt: naturnahe Wiesen, in denen Hasen hoppeln und sich vor der Kamera verstecken, ein Biotop an einem Abschnitt des Main-Donau-Kanals aus König Ludwigs Zeiten mit Revieren für Biber und Eisvogel, Bienenstöcke.

Noch größer ist die Freude natürlich über das Angebot einer Zusammenarbeit auch über die Partnerstadt hinaus, etwa nach Kameschkowo, wohin Kreisrat Anatolij Kurganskij herzlich einlädt. Denn nichts wünscht er sich mehr als kompetente Konsultation zum Thema Gewässerreinhaltung, Beratung von Fachleuten, die kein kommerzielles Ziel verfolgen.

Und auch die Gegeneinladung für Fachleute aus der Region Wladimir steht. Und damit eine gute Tradition, die seit 1991 besteht, als die ersten Kontakte zur Stadtentwässerung Wladimir aufgenommen wurden, die bis heute Bestand haben.

Und nun also eine Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte, auf deren nächste Kapitel man sich jetzt schon freuen darf.

Bevor es zur Eröffnung der Bergkirchweih ging stand noch ein Treffen im Umweltamt mit Stadträtin Bianca Fuchs und Amtsleiter Rainer Lennemann auf dem Arbeitsprogramm. Thema: Zusammenarbeit von Naturschutzorganisationen mit den Behörden am Beispiel des Bayerischen Landesbundes für Vogelschutz.

Bianca Fuchs, Gerda-Marie Reitzenstein, Schamil Chabibullin, Reiner Lennemann, Olga Kanischtschewa, Annette Ohrmann und Anatolij Kurganskij

Nicht alle Fragen konnten beantwortet werden, aber man hat sich wieder ein wenig besser kennengelernt zwischen Erlangen und Wladimir – und das ist ja so wenig nicht in Zeiten wie diesen.

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Im September veranstaltet die Staatliche Universität Wladimir ein Symposium zum Thema „Ökosystem der Flußläufe“, an dem auch eine Mitarbeiterin des Umweltamtes der Stadt Erlangen teilnimmt. Unterdessen geschieht einiges, um die Biodiversität der Gewässer in der Region Wladimir zu verbessern. Bis Oktober, so das Nachrichtenportal Gubernia 33, will man zum Beispiel fünf Millionen junge Exemplare der Spezies Sterlet in der Oka aussetzen, eine Aktion, finanziert von den Betreibern der Brücken und Sandwerke entlang des Zuflusses der Wolga als Ausgleichsmaßnahme für den Schaden, den sie durch ihre Eingriffe dem Ökosystem zufügen. In den beiden vorangegangenen Jahren hatte man übrigens bereits im großen Stil eine Sterletpopulation in der Kljasma aufgebaut.

Die Kljasma

Nun hat sich für den Sommer in der Region Wladimir eine Gruppe von Wissenschaftlern auf dem Forschungsinstitut für Fischwirtschaft und Ozeanographie angekündigt, die erkunden will, wie sich die Ichtyofauna vor allem in den Fließgewässern entwickelt. Schon jetzt aber beunruhigt der Rückgang der Besatzzahlen bei Hecht und Zander, der wohl mit dem zunehmenden Fang vom Motorboot aus per Echolot zusammenhängt. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres liefen bereits 40 Verfahren wegen illegaler Fangmethoden, während es 2017 insgesamt nur 49 Fälle waren. Meistenteils handelt es sich dabei um das Aufstellen von Netzen in der Laichzeit, während die früher häufige Verwendung von Dynamit und Stromschlägen zurückgeht. Überhaupt sollen Quoten eingeführt werden, denn bisher gibt es beim Fang von nicht als gefährdet eingestuften Arten keine Obergrenze, während in der Sowjetzeit noch ein Limit von fünf Kilogramm pro Tag und Angler galt.

Die Uschna im Landkreis Murom

Positiv hingegen: Die Qualität des Wassers scheint mancherorts sogar den Flußkrebsen zu bekommen. In der Uschna und Kolp sind sie ebenso zu finden wie in der Kljasma, wo sie ein halbes Jahrhundert nicht mehr gesichtet wurden. Besonders bei Kowrow, wo das Flußbett steinig ist, kommen die Krustentiere häufig vor. Doch, kaum klappern sie wieder mit ihren Zangen, will der Mensch sie gleich auch fangen, gern verbotenerweise mit der Hand in ihren Höhlen, wobei oft die Scheren abgerissen werden, oder wenn sie noch nicht die Mindestgröße von zehn Zentimeter erreicht haben…

Die Kolp im Landkreis Gus-Chrustalnyj

Welch ein Versäumnis der Evolution, die geschuppte und gepanzerte Fauna stumm belassen zu haben. Was wäre wohl, wenn Fisch und Krebs ihre Todesangst und Schmerzen ihren Peinigern vernehmlich kundtun könnten?!

P.S.: Ein russisches Sprichwort lautet in freier Übersetzung: Gibt es einmal keinen Fisch, kommen Krebse auf den Tisch.

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In unseren apokalyptisch anmutenden Zeiten, wo angesichts des dramatischen Rückgangs der Insekten nicht einmal mehr der böse Friederich auch nur einer Fliege etwas zuleide tun wollte, freut man sich besonders über jede Sichtung einer seltenen Spezies. So auch in der Region Wladimir, wo dieser Tage Ruslan Schukow, Dozent am Institut für Biologie und Ökologie an der Staatlichen Universität, eine kleine Population des hier schon als ausgestorben vermuteten Schmetterlings Osterluzeifalter nachweisen konnte. Ausgerechnet in der Nähe des Dorfes Karatscharowo bei Murom, das die Legende als Heimat des Recken Ilja Muromez überliefert.

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Osterluzeifalter, gesehen von Ruslan Schukow

Auf die gezielte Suche nach dem Tagfalter hatte sich der Wissenschaftler nun gemacht, nachdem 2017 Meldungen einer zufälligen Sichtung bekannt wurden. Die Verbreitung des Schmetterlings reicht zwar von Südeuropa bis in den Kaukasus und Ural, aber überall – auch in Deutschland – handelt es sich um isolierte und zum Teil stark gefährdete Vorkommen, was wiederum mit der ausschließlichen Futterpflanze für die Raupen, der Osterluzei, zusammenhängt, die sich heute – einst sogar als Heilkraut kultiviert – auf dem Rückzug befindet.

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Ruslan Schukow

Ruslan Schukow wollte nichts dem Zufall überlassen, Wetter und Temperatur sollten stimmen, und so wurde er denn auch tatsächlich fündig und entdeckte bei seiner sechsstündigen Erkundung zwanzig Exemplare, Männchen wie Weibchen und sogar Eier an einer Osterluzei, also den Nachweis eines stabilen Vorkommens.

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Raupe des Osterluzeifalters

Erst im vergangenen Jahr hatte man den Schmetterling in das Rote Buch der Region Wladimir aufgenommen, nun wollen sich die Ökologen dafür einsetzen, das Habitat unter Schutz zu stellen und dafür zu sorgen, daß hier keine Viehweide eingerichtet wird. Vor allem aber droht das bei allen Verboten leider immer noch verbreitete wilde Abbrennen von Trockenflächen im Frühling das Vorkommen der Osterluzei zu gefährden. So hängt eben – wie überall im Leben – das eine mit dem anderen zusammen. Und alles ist so verletzlich, verwundbar, was der Mensch in seinem Wahn ja oft erst schmerzlich begreift, wenn es bereits zu spät ist. Hoffentlich nicht im Fall dieser schönen Symbiose von Pflanze und Falter.

Material nach einem Bericht von Zebra-TV

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In Erlangen hat Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens die Schirmherrschaft über die Aktion „Deckel gegen Polio“ übernommen, zu der unter https://is.gd/S4OO7H mehr zu lesen ist. Nun gibt es, wie der Journalist, Michail Mojsejantschik, in seinem Blog aktuell berichtet, eine vergleichbare Sammlung in Wladimir. Sehr erfreulich, aber, wie dem nachstehenden Bericht zu entnehmen, auch noch ausbaufähig. Wie übrigens auch bei uns, wo ein weiterer Schritt darin bestehen könnte, Plastikflaschen grundsätzlich zunächst aus dem Rathaus und den Kantinen der städtischen Töchter zu verbannen und ansonsten so hoch zu besteuern, bis sie niemand mehr kaufen und unterwegs daran nuckeln mag, bevor sie – wie immer noch viel zu oft – ihren Daseinszweck als Landschaftsverschönerung finden. Wovon wir uns mit Grauen abwenden, um uns der beispielhaften Aktion in der Partnerstadt zuzuwenden.

Elske Preuß

Michail Mojsejantschik und Elisabeth Preuß, Juni 2016

Unlängst gab es in Wladimir eine Ausstellung zu den Erfolgen der Stadtwerke und des Wohnungswesens zu sehen. Dabei wirkte alles recht „appetitlich“. Das Auge hatte wirklich seine Freude (davon später) daran. Mein Blick fiel auf den Behälter neben einem Stand. Zu lesen stand da auf einem Schild: „Hast Du die Verschlüsse abgegeben?“ Das ist dir mal was, dachte ich mir. In der Stadt entwickelt sich ja mittlerweile die getrennte Sammlung von Müll, aber nicht in dem Tempo wie in den Millionenstädten oder im „verfaulten Westen“. Und nun diese Neuerung.

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Hast Du die Verschlüsse abgegeben?

Natürlich bringt niemand eine leere Tonne auf eine Ausstellung. Deshalb hat man schon vorher (obwohl nicht auszuschließen ist, daß Staatsdiener in ihren Taschen Deckel haben und sich ihrer hier entledigten) Verschlüsse hineingeworfen. Übrigens ist auf dem Schild zu lesen, es handle sich um die gesamtstädtische Umweltaktion „Sammle Verschlüsse“. Der Erlös aus dem Verkauf des Plastiks geht an die Wladimirer Kinderstiftung. Eine wirklich gute Sache, ohne Zweifel. Dabei sollte man die Menge von Verschlüssen ins Verhältnis zum Nutzen für die Kinder setzen. Um dem nachzugehen, grub ich im Internet einige Bemerkungen zu ähnlichen Aktionen aus.

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Sammelbehälter

Euch lange erklären zu müssen, warum es notwendig ist, Plastikflaschen und deren Verschlüsse gesondert zu sammeln, ist hoffentlich nicht notwendig. Obwohl man auch dazu ein paar Worte verlieren könnte. Es hat damit zu tun, daß die Kapseln aus einer anderen Art von Plastik hergestellt und meistenteils nicht wiederverwertet werden, obwohl das Recycling derzeit ein neues Niveau erreicht und schon einige Betriebe diese Plastikstoffe gemeinsam aufarbeiten.

Doch zurück zu unserer Aktion. Anfang des Jahres begann eine landesweite Aktion zur Sammlung von Plastikverschlüssen unter dem Namen „Gute Deckel“. Erstmals erwähnt wurde die Sache 2016, als Freiwillige eine neuartige Sammlung veranstalteten, um für einen Jungen einen Rollstuhl anschaffen zu können. Diese Aktion griffen sogleich Moskau, Petersburg und viele andere Städte auf. Und jetzt endlich ist sie auch bei uns angekommen. Ich hoffe, die Leute machen mit und geben ihre Verschlüsse ab. Nur ist noch nicht ganz klar, wohin man sie bringen könnte. Ich habe bisher nämlich nur einen einzigen Behälter entdeckt, während ich von niemandem eine vernünftige Antwort auf meine Frage nach weiteren Standorten erhielt. Man muß sich wohl an die Kinderstiftung wenden, um Klarheit zu erhalten.

Wenn man übrigens acht Tonnen Plastik (ungefähr eine Lkw-Ladung) beisammen hat, stellt das den Gegenwert zu einem Kinderrollstuhl dar. Insgesamt wären das vier Millionen Verschlüsse (ein Kilogramm entsprechen ungefähr 500 Stück), der Preis für einen Deckel liegt bei sieben Kopeken, und eine Tonne bringt ca. 25.000 Rubel. So jedenfalls die Berechnungen von Freiwilligen, die den Erfolg ihrer Aktion dem Umstand zuschreiben, daß es sich um eine einfache und unaufwendige Geste handle, die niemandem etwas koste und dabei sowohl der Umwelt als auch bedürftigen Menschen helfe, denen man so Rollstühle, Prothesen oder eine teure Behandlung finanzieren könne.

Kunstaktion

Übrigens verwenden viele Künstler diese Deckel für ihre Projekte, und einige Menschen sammeln sie sogar. Die eingeschworensten Fans dieser Verschlüsse nennen sich „Philolidisten“.

 

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Das Gouvernement Wladimir hat mit sechs anderen Regionen den Zuschlag zu einem föderalen Projekt erhalten, das abzielt auf die Wiederbelebung von kleineren und größeren Flüssen. Begonnen hat man nun mit der etwa 60 km langen Seraja, die durch Alexandrow, 125 km nordwestlich von Wladimir gelegen, fließt und in die Scherna mündet, ihrerseits ein Zufluß der Kljasma. Schlamm und Wasserpflanzen nach jahrzehntelanger Hypotrophierung haben dem Gewässer die Fähigkeit zur Selbstreinigung genommen und der Seraja, wie es in Medien heißt, zumindest innerhalb des Stadtgebietes „praktisch den Status eines Flusses genommen“.

Ausbaggerung der Seraja in Alexandrow

Ausbaggerung der Seraja in Alexandrow

Bis 2019 und mit einem Aufwand von 100 Millionen Rubel soll das Flußbett nun von einer Spezialfirma aus Sankt Petersburg saniert werden. Doch dabei bleibt es nicht, auch kleinere Flüsse in anderen Landkreisen der Region Wladimir stehen auf der Liste und werden in den nächsten zwei bis drei Jahren wiederertüchtigt.

Die Seraja im Kreis Alexandrow

Die Seraja im Kreis Alexandrow

Ein nächster Schritt wäre darauf die Modernisierung der Klärwerke. Vielleicht kehren dann auch Wassermaulwurf und Sterlet, Biber und Rapfen, Döbel und Fischotter, Uferschwalbe und Schelladler in ihre alte Heimat zurück.

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