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Posts Tagged ‘Nikolaj Winogradow’


Der am Dienstag so jäh verstorbene Gerd Lohwasser stand in den frühen 80er Jahren einer Städtepartnerschaft mit Wladimir noch ausgesprochen kritisch gegenüber. Die einfachen Menschen werden, so sein Tenor, ohnehin nichts von den Beziehungen haben, und für einen reinen Austausch von Höflichkeiten unter Funktionären könne er nicht stimmen. Zudem führte er mit Verweis auf das Gefängnis, in dem prominente Dissidenten festgehalten wurden, die kritische Menschenrechtslage ins Feld und bezweifelte in Zeiten des Kalten Krieges grundsätzlich die „außenpolitischen“ Möglichkeiten von Kommunen aus entgegengesetzten weltanschaulichen Systemen, in Richtung Entspannung und Verständigung zu wirken.

Marina Trubizyna, Gastlehrerin aus Wladimir, mit Gerd Lohwasser

Marina Trubizyna, Gastlehrerin aus Wladimir, mit Gerd Lohwasser

Doch als es 1987 im Stadtrat zum Schwur kam und seine Fraktion der CSU aufgefordert war, dem Antrag der SPD zu folgen, hatte Gerd Lohwasser seine Partei längst auf ein Pro eingestimmt und zeigte damit seine vielleicht herausragendste Gabe: die eigene Position nie an ideologischen Standpunkten festzumachen, sondern stets mit den tatsächlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten abzugleichen.

Gerd Lohwasser und eine Hallenfußballmannschaft aus Wladimir

Gerd Lohwasser und eine Hallenfußballmannschaft aus Wladimir

In den fünf „Probejahren“ der Partnerschaft seit 1983 hatte sich der gelernte Pädagoge davon überzeugen lassen: Wladimir paßt zu Erlangen, und die Menschen hier wie dort wollen ein Miteinander. Wie sollte er sich dem entgegenstellen!

Gerd Lohwasser bei der Feuerwehr in Wladimir

Gerd Lohwasser mit Melitta Schön, Nadja Steger, Brüne Soltau und Helmut Schmitt bei der Feuerwehr in Wladimir

Zumal er, der bereits im Oktober 1974, wie sich der ehemalige Leiter des Bürgermeister- und Presseamts, Helmut Schmitt, erinnert, beim zehnjährigen Partnerschaftsjubiläum in Rennes das „Feuer der internationalen Kontakte für seine späteren Aktivitäten auf Stadt- und Bezirksebene entdeckte“; er, der Mitte der 80er Jahre mit Stadtratskollegen wie Wolf Peter Schnetz und Claus Uhl in Polen nach einer Partnerstadt suchte und später als Bezirkstagspräsident maßgeblich zum Zustandekommen der Beziehungen zwischen Mittelfranken und Pommern beitrug, von all den anderen Freundschaftskontakten zu Jena, Stoke-on-Trent, Umhausen, Cumiana oder Gabarone sowie zu den Vertriebenen aus Brüx und Komotau ganz zu schweigen. Und das als jemand, der, 1941 in Karlsbad geboren, die Vertreibung am eigenen Leib hatte erleben müssen!

Gerd Lohwasser, Heinrich von Mosch, Peter Steger, Jurij Fjodorow und Nikolaj Winogradow

Gerd Lohwasser, Heinrich von Mosch, Peter Steger, Jurij Fjodorow und Nikolaj Winogradow

1994 reiste Gerd Lohwasser als Präsident der Bezirkstags von Mittelfranken mit Regierungspräsident Heinrich von Mosch nach Wladimir, und der konservative Besucher verstand sich auf Anhieb mit dem kommunistischen Gastgeber und Kollegen, Nikolaj Winogradow, dem späteren Gouverneur und damaligen Vorsitzenden der Regionalduma. In Statur und als Frohnatur waren sich die beiden auf ganz sympathische Weise ähnlich, vor allem aber in einem: im überparteiischen Pragmatismus, gepaart mit unbedingter Verläßlichkeit. Die beiden hätten sich Ende nächster Woche gern wiedergesehen. Doch nun bleibt nur die Erinnerung.

Gerd Lohwasser bei der Verabschiedung von Amtsleiter Helmut Schmitt

Gerd Lohwasser bei der Verabschiedung von Amtsleiter Helmut Schmitt

Gerd Lohwasser beließ es nicht bei diesem Besuch. 2003 nahm er am Stadtfest in Wladimir teil und attestierte den Freunden, sie verstünden sich mindestens ebensogut wie die Erlanger auf das Feiern. 2006 dann die von Thomas Rex in der Partnerstadt gedrehte Reportage „Spasibo Erlangen“ mit dem Bürgermeister als Mitwirkenden, und 2010 seine letzte Reise an den Goldenen Ring, als er die Erlanger Lokalpolitik bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an seinen Mitarbeiter, Peter Steger, vertrat. Immer vertraut, immer gern gesehen, immer ein umsichtiger Gesprächspartner.

Gerd Lohwasser mit Deutschlehrerinnen im Erlangen-Haus

Gerd Lohwasser mit Deutschlehrerinnen im Erlangen-Haus

Dabei zeigte er sich stets besonders verbunden – sicher professionell bedingt – mit dem Schüleraustausch, dem Sport, der Feuerwehr sowie den medizinischen Kontakten. Einzigartig seine Freundschaft mit Jewgenij Jaskin, dem ärztlichen Direktor des Notfallkrankenhauses, aber auch seine Unterstützung für die vom Bayerischen Roten Kreuz Erlangen – Höchstadt getragene Aktion „Hilfe für Wladimir“ und die Aktivitäten des „Fördervereins Rotes Kreuz Wladimir“.

Gerd Lohwasser mit Wolfram Howein und Helmut Schmitt auf dem kalten Roten Platz

Gerd Lohwasser mit Wolfram Howein und Helmut Schmitt auf dem kalten Roten Platz

Stadtrat Robert Thaler hat sich an den Kollegen einmal dank einem genialen Freud’schen Versprecher bei einer Laudatio als „Gott Lohwasser“ gewandt. Der eilig erfolgten Korrektur hätte es nicht bedurft. Niemand im Publikum hätte bei dem tosenden Gelächter widersprochen. Das politische Multitalent hatte nämlich tatsächlich etwas von Jupiter, von einem Göttervater, an sich, ohne dabei je herablassend jovial zu wirken.

Deutsch-russische Freundschaft: Gerd Lohwasser und Jewgenij Jaskin

Deutsch-russische Freundschaft: Gerd Lohwasser und Jewgenij Jaskin

Gewiß, er hatte auch menschliche Züge: Er konnte längst nicht alle Wünsche erfüllen.Aber er hörte sich alle Wünsche an und vermittelte dem Gegenüber das Gefühl, sich ihrer nach Kräften anzunehmen. Wenn freilich etwas jenseits seiner Möglichkeiten lag, räumte er das so offen ein, daß ihm niemand gram sein konnte. Im Gegenteil. Auch derartige Begegnungen mit ihm endeten zumeist mit einem versöhnlichen Scherz, mündeten  in ein oft nachgerade homerisches – oder besser lowasserisches – Gelächter.

Gerd Lohwasser und seine Lebensgefährtin Rita Stolz und seinen Ärzten aus Wladimir und Erlangen

Gerd Lohwasser und seine Lebensgefährtin Rita Stoltz und seinen Ärzten aus Wladimir und Erlangen

„Wo er war, war das Lachen“, erinnert sich Oberbürgermeister Florian Janik. Fjodor Dostojewskij hat einmal geschrieben: „Wenn du einen Menschen richtig kennenlernen und etwas über sein innerstes Wesen in Erfahrung bringen willst, so mache dir nicht erst die Mühe zu analysieren, wie er spricht, schweigt, weint oder von hehren Gedanken ergriffen wird. Du brauchst ihn bloß beim Lachen zu beobachten. Hat er ein gutes Lachen, ist er ein guter Mensch.“ Gerd Lohwasser hatte wahrhaftig ein gutes Lachen, ein sehr gutes, das uns allen nun so fehlen wird!

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Kaum hat das neue Jahr begonnen, schon stehen in der Partnerschaft mit Wladimir große Ereignisse an: Die Volkshochschule veranstaltet vom 18. Januar bis 5. Februar – zum bereits fünften Mal im Zweijahresturnus – wieder die Russisch-Deutschen Wochen mit einem ansprechenden Programm aus Vorträgen zu Politik, Landeskunde und Geschichte, aber auch mit Veranstaltungen zu Sprache, Küche und Musik.

Dolfin-Schokolade, exklusiv in Erlangen erhältlich bei "Köstlich & Co.", Friedrichstr. 18

Dolfin-Schokolade, exklusiv in Erlangen erhältlich bei „Köstlich & Co.“, Friedrichstr. 18

Den Auftakt macht am Montag, den 18. Januar, um 20.00 Uhr im Club International der VHS Nikolaj Winogradow, von Dezember 1996 bis März 2013 Gouverneur der Region Wladimir und in seiner Amtszeit ein großer Freund und Förderer der Partnerschaft, dem u.a. die Verwirklichung des Zentrums für Natur- und Erlebnispädagogik „Blauer Himmel“ zu verdanken ist. Bis heute fühlt sich der Politiker mit nach wie vor engen Verbindungen zu Regierungskreisen dieser russisch-deutschen Volksdiplomatie eng verbunden, und so darf man gespannt sein auf die rückblickende Einschätzung seiner aktiven Jahre und die Bewertung der gegenwärtige Situation in seiner Heimat sowie die aktuellen Beziehungen zwischen Moskau und Berlin. Eines ist – ohne vorgreifen zu wollen – sicher: Von diesem klugen Mann des Ausgleichs sind keine Spitzen zu erwarten, aber er versteht es geschickt, sein Publikum auf rhetorische Gipfel zu führen, von wo aus man einen weiten Ausblick auf die gesellschaftspolitische Landschaft geboten bekommt.

Nikolaj Winogradow und Dietmar Hahlweg im Juni 2015

Nikolaj Winogradow und Dietmar Hahlweg im Juni 2015

Es ist hier nicht der Platz, all die vielen Termine ausführlich vorzustellen, deshalb nur im Telegrammstil die wichtigsten Angaben: Bereits am 20. Januar macht ab 19.00 Uhr in der Aula der VHS Klaus Steinke, emeritierter Professor für Slawistik an der FAU,  „Anmerkungen zum deutsch-russischen Dialog“ und stellt sein im Vorjahr gemeinsam mit Natalia Judina und Wiktor Malygin in Wladimir erschienenes Buch zum Thema vor. Am 22. und 29. Januar bietet Natalia Kaiser jeweils von 17.00 Uhr bis 19.00 Uhr im Raum 18 der VHS, Friedrichstraße 17, einen „Russischen Gesprächskreis“ für Fortgeschrittene an, und am 23. Januar machen Nadja Steger und Jekaterina Korschofski im Historischen Saal der VHS, Friedrichstr. 19, von 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr in einer Kleingruppe „Fit für Rußland“ – mit sprachlichen und kulinarischen Schmankerln zum Thema „Essen und Trinken“, die über das hinausgehen, was der Blog bieten kann!

Alexandra Rauhtäschlein und Reinhard Beer, das Macherpaar der Russisch-Deutschen Wochen

Alexandra Rauhtäschlein und Reinhard Beer, das Macherpaar der Russisch-Deutschen Wochen

Am 25. Januar folgt von 19.30 Uhr bis 21.00 Uhr, wieder im Club International, der Vortrag von Wolfram Howein, dem vielgereisten Faktotum der Partnerschaft mit Wladimir, über „Städte und Landschaften am Baikalsee“. Wer seine photographischen Talente, auf die übrigens auch die Macher des Programmheftes der „Russisch-Deutschen Wochen“ zurückgriffen, bereits kennt, wird diesen Abend nicht auslassen wollen. Am 27. Januar präparieren Nadja Steger und Reinhard Beer Interessierte mit Sprachkenntnissen unterschiedlichen Niveaus für das „Europäische Sprachenzertifikat Russisch“. Die VHS Erlangen ist ja, wie mehrfach im Blog berichtet, eines von nur zwei anerkannten Prüfungszentren Russisch des Bayerischen Volkshochschulverbandes. Nutzen Sie also die Chance, Ihr Können zertifizieren zu lassen!

Michail und Olga Gantmann

Michail und Olga Gantmann

Am 29. Januar gibt es von 19.30 Uhr bis 21.30 Uhr im Club International „Russische Lieder live“ zu hören, von Romanzen bis Chansons, interpretiert von Michail und Olga Gantmann, die, aus Moskau stammend, dank einem Forschungsauftrag der FAU derzeit in Erlangen leben und in ihrer Heimat als profunde Kenner der sowjetischen und zeitgenössischen Liedermacherszene gelten. Einen Tag später schon, am 30. Januar, kann man sich wieder „Fit für Rußland“ machen lassen, dieses Mal von 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr im Raum 20, Friedrichstr. 17, zum Thema „Sprachliche und landeskundliche Informationen und Tips“, zusammengestellt und vermittelt von der Dozentin Natalia Kaiser und Gerhard Kreitz, Sprecher des Freundeskreises Wladimir, der schließlich am 2. Februar von 19.45 Uhr bis 21.30 Uhr in sein „Hauptquartier“, den Club International, einlädt. Der Veranstaltungsreigen endet am 5. Februar von 19.30 Uhr bis 22.00 Uhr im Historischen Saal der Volkshochschule mit dem Vortrag von Jelena Ljubar zu den „Architektonischen Wundern der Wladimirer Rus“. Schon jetzt sei verraten: Bei diesem Abend erfährt man von der partnerschaftserprobten Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin des Landesmuseums Wladimir-Susdal nicht nur, wie eng im Mittelalter schon die politischen und kulturellen Verbindungen zwischen Ost und West waren, sondern es gibt bei einem Wladimir-Quiz auch wieder attraktive Preise zu gewinnen, getreu dem Motto „Dabei sein ist alles, aufmerken ist mehr!“

Jelena Ljubar

Jelena Ljubar

Die Vorträge finden übrigens alle bei freiem Eintritt statt, nur für die Seminare und den musikalischen Abend erhebt die VHS eher symbolische Gebühren. Näheres hier im Programmheft zum Herunterladen: Programm Russische Wochen 2016

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„Wenn Dietmar Hahlweg in unsere Stadt kommt, ist es eine Sache der Ehre, sich mit ihm zu treffen. – Und eine Sache des Herzens“, bekennt Nikolaj Winogradow, von Dezember 1996 bis März 2013 Gouverneur der Region Wladimir. Die beiden Politiker kennen und schätzen einander bereits seit 1995, als sie gemeinsam das Erlangen-Haus eröffneten. Der spätere Landesvater des Gouvernements war damals noch Präsident der Regionalduma.

Nikolaj Winogradow und Dietmar Hahlweg

Nikolaj Winogradow und Dietmar Hahlweg

Auch wenn die Städtepartnerschaft sicherlich nicht zu seinen Kernaufgaben gehörte, haben ihm die Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir viel zu verdanken. Ohne seine persönliche Unterstützung gäbe es beispielsweise den Blauen Himmel nicht, und viele andere Projekte, die über den engeren Rahmen der beiden Städte hinausgehen, wären ohne sein aktives Wohlwollen nur schwer vorstellbar. Desto mehr freut er sich jetzt, wenn er sieht, wie die Zusammenarbeit fortgesetzt wird, – und er bietet, wo nötig und möglich, an, auch in Zukunft beim Austausch anzupacken. „Denn diese Kontakte sind in der momentanen politischen Lage wichtiger denn je. Mindestens ebenso wichtig wie damals gegen Ende des Kalten Krieges“, mahnt Nikolaj Winogradow am gestrigen Vormittag zum Abschied von seinem deutschen Freund.

Anna und Fjodor Lawrow, Wiktor Malygin, Dietmar Hahlweg und Alexander Rybakow

Anna und Fjodor Lawrow, Wiktor Malygin, Dietmar Hahlweg und Alexander Rybakow

Altoberbürgermeister Alexander Rybakow, in der Amtszeit von Dietmar Hahlweg stellvertretendes Stadtoberhaupt von Wladimir und u.a. zuständig für die Organisation des Fränkischen Festes 1993 und die Koordination der Sanierungsarbeiten am Erlangen-Haus, sieht das nicht anders. Der Nachfolger von Igor Schamow und Vorgänger von Sergej Sacharow hat viel Kärrnerarbeit für die Partnerschaft geleistet und ist, wenn auch schon vier Jahre nicht mehr im Dienst, noch immer am Austausch interessiert. Da kommt es auch nicht von ungefähr, wenn er gemeinsam mit Fjodor Lawrow und Wiktor Malygin im Erlangen-Haus erscheint, die beide vor allem in den Bereichen Sport, Tourismus und Bildung ihre ganz eigenen Akzente setzen.

Jurij Iwatko und Jelena

Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa

Fast gleichzeitig klingeln Jermakowa und Jurij Iwatko an der Tür des Erlangen-Hauses. Das Künstlerehepaar hatte ja schon gleich nach seinem ersten Besuch in Erlangen im vergangenen Dezember angekündigt, möglichst bald wieder in die Partnerstadt kommen zu wollen, nachzulesen unter  http://is.gd/w0ZWqK. Und nun ist es tatsächlich schon im Juli so weit. Jurij Iwatko hat bereits die Skizzen und Modelle für eine Arbeit gefertigt, die er für den geplanten Skulpturenweg in Tennenlohe schaffen will. Ob sie figürlich wird mit einem tiefen Riß durch den Oberkörper als symbolisches Wundmal des Krieges oder eher abstrakt als „erster Stein“, den ein Mensch auf einen anderen geworfen, wird sich vor Ort weisen.

Marlene Wüstner und Soroptimist International Wladimir

Schon seit einigen Jahren trifft sich der Frauenklub Soroptimist International, gegründet 2001 mit Unterstützung aus Erlangen, und entwickelt Projekte, die mit den fränkischen Schwestern umgesetzt werden. Genannt werden sollen hier nur die Unterstützung für die Kinder-TBC-Station, die Einrichtung eines gynäkologischen Behandlungsraums für Mädchen, die Aussstellung zum Thema „Heimat“ mit Schülerarbeiten aus den Partnerstädten oder die Übersetzung eines Romans der Erlanger Krimi-Autorin Ines Schäfer. Gestern nun versammelte sich der Service-Klub, um mit Marlene Wüstner und Bürgermeisterin Jelena Owtschinnikowa die nächsten Aktionen zu besprechen, von denen der Blog sicher bald berichten kann.

Margartia Bersenjewa, Elke Sausmikat, Alexander Bersenjew und Jürgen Ganzmann

Margartia Bersenjewa, Elke Sausmikat, Alexander Bersenjew und Jürgen Ganzmann

Ebenso wie von dem, was Alexander Bersenjew, Chefpsychiater der Region Wladimir, mit Jürgen Ganzmann und seiner Mitarbeiterin, Elke Sausmikat, besprochen hat. Seit 1999 sind die beiden Fachleute für die Therapie von Menschen mit psychischen Erkrankungen nun schon befreundet, wollen es aber nicht beim Rückblick auf ihre großartigen Leistungen – das Projekt „Lichtblick“ gehört ebenso dazu wie das Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik „Blauer Himmel“ – belassen, sondern arbeiten schon wieder an neuen Ideen für den Austausch, von dem es ja gerade jetzt gar nicht genug geben kann.

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Unter dem Nom de Guerre „gatta felice“ ist sie per E-Mail zu erreichen, und ihren Blog nennt sie „Bewohnte Insel für freie Menschen“, wo der Leitspruch gilt: „Die Minderheit hat immer recht“. Die Journalistin Natalia Nowoschilowa ist alles andere als Mittelmaß und schon gar keine Mitläuferin, eher eine Aristokratin der Demokratie, stets zum Widerspruch bereit, bekannt in Wladimir und weit darüber hinaus als Widersacherin jeder politischen oder administrativen Einschränkung der Freiheitsrechte. Sie demonstriert im Notfall auch allein gegen Willkür, sie vertritt die Partei der Volksfreiheit, die 2011 gar nicht erst zu den Duma-Wahlen zugelassen war, und sie personifiziert Amnesty International in der Partnerstadt. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Gerd-Bucerius-Menschenrechtspreis, schrieb sie – bis sie sich vor einigen Jahren mit den Chefredakteuren überworfen hatte – für zwei Lokalzeitungen in Wladimir und saß – ein Zeichen für seine durchaus liberale Gesinnung – auf Vorschlag von Ex-Gouverneur, Nikolaj Winogradow, zwei Wahlperioden lang in der Zivilgesellschaftlichen Kammer der Region Wladimir, einem ehrenamtlich besetzten Gremium, das der Politik auf die Finger sehen soll. Aus Enttäuschung über die, wie sie meinte, allumfassende Vormacht der Kreml-Partei Einiges Rußland, gab sie diese Kontrollfunktion allerdings im Oktober vergangenen Jahres auf.

Natalia Nowoschilowa im Februar 2012: Nieder mit der Selbstherrschaft!

Natalia Nowoschilowa im Februar 2012: Nieder mit der Selbstherrschaft!

Und nun läßt sie wohl alle Hoffnung auf Besserung fahren und gibt ganz auf. Auch wenn Natalia Nowoschilowa, die sich vor gut einem Jahr noch mit Heide Mattischeck, der ehemaligen Bundestagsabgeordneten, getroffen hatte, im TV-Interview angibt, in letzter Zeit keinen besonderen Repressionen ausgesetzt gewesen zu sein, erträgt sie als entschiedene Kritikerin des Kremlkurses auch und gerade in der Ukraine-Krise das öffentliche Klima nicht mehr, wo sich Abweichler rasch als Angehörige der „Fünften Kolonne“ und „Mietlinge des Westens“ gebrandmarkt sehen, während das Volk selbst, wie es Jus Aleschkowskij in seinem erschütternden Roman „Die Hand“ den monologisierenden Henker sagen läßt, „ohne Murren diese faulige und zotig-verlogene Propaganda schluckt“.

Natalia Nowoschilowa Anfang der 90er Jahre mit Andrej Filinow, dem heutigen Chefredakteur des Staatlichen Lokalsenders Wladimir

Natalia Nowoschilowa Anfang der 90er Jahre mit Andrej Filinow, dem heutigen Chefredakteur des Staatlichen Lokalsenders Wladimir

Natalia Nowoschilowa verläßt ihre Heimat, emigriert nach Bulgarien. Manch einer wird erleichtert aufatmen und ihr eine gute Reise wünschen. Aber vermissen werden in Wladimir ihre Stimme auch jene, denen sie aufrecht und unerschrocken die Stirn bot. Und fehlen wird sie allen als unbequeme Stimme des Gewissens, als eine Frau, in der die Idee der Freiheit aller Menschen zum Lebensprinzip geworden ist und die sich nun das Recht auf Selbstbestimmung ihres Wohnortes nimmt. Leider fern von Wladimir.

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Eine Personalie der erfreulichen Art ist zu vermelden: Gestern wählte die Gesellschaftskammer des Gouvernements Wladimir in geheimer Abstimmung Olga Dejewa, die Vorsitzende des Roten Kreuzes der Partnerstadt, in die Bundesversammlung dieses Bürgergremiums, das sich aus Delegierten der Regionen zusammensetzt. Das zivilgesellschaftliche Organ mit beratender Funktion soll Gesetzesvorhaben öffentlich begleiten und vor Ort aktuelle soziale Fragen an die regionale bzw. föderale Politik herantragen. Auf Bundesebene besteht die Kammer aus 166 Mitgliedern, die drei unterschiedliche Gruppen darstellen: 83 repräsentieren die Subjekte der Russischen Föderation, also die Regionen; 40 Vertreter werden vom Staatspräsidenten bestimmt; 43 Mitglieder dürfen die landesweit tätigen gemeinnützigen Verbände stellen. Seit Ende Dezember 2009 gibt es die Gesellschaftskammer auch in der Region Wladimir. 42 Mitglieder zählt sie, von denen – analog zur Bundesebene – ein Drittel von der Staatskanzlei des Gouvernements benannt werden, während Städte und Kreise bzw. gemeinnützigen Verbände die übrigen „Parlamentarier“ entsenden. Überschattet ist die Arbeit des Gremiums durch prominente Austritte von zwei Persönlichkeiten, die noch von Gouverneur Nikolaj Winogradow ernannt worden waren: Schon früh verabschiedete sich im Streit der Politologe Roman Jewstifejew, und die Brocken warf vor vier Monaten auch die oppositionelle Journalistin Natalia Nowoschilowa die Brocken hin mit dem Verweis darauf, die Kammer verkomme zum Sprachrohr der Kremlpartei Einiges Rußland.

Olga Dejewa und Irina Chasowa

Olga Dejewa und Irina Chasowa

Doch lassen wir uns von all dem nicht beirren: Olga Dejewa hat gestern bewiesen, nicht nur für das Rote Kreuz eine gute Wahl zu sein. Dabei ist es ja nicht so, daß sie bisher untätig gewesen wäre! Hauptberuflich leitet sie das Sozialwerk der Stadt Wladimir, sie ist Mitglied der Partei Einiges Rußland, vertritt die Bürgerrechtsorganisation Memorial und gilt auch in der Gewerkschaftsarbeit als ausgesprochen aktiv. Gratulation! Und auf weiterhin gute Zusammenarbeit mit dem Förderverein Rotes Kreuz Wladimir!

P.S.: Der Projektantrag für eine Fortsetzung des Erste-Hilfe-Programms „Das sollte jeder wissen“ ist schon bei der Stadt Wladimir gestellt, und der Verein wird sicher nicht abseits stehen, wenn es um die Förderung der Kurse geht.

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Seit gestern ist es qua Ukas des Präsidenten der Russischen Föderation amtlich. Gouverneur Nikolaj Winogradow, dessen vierte Regierungszeit am Samstag zu Ende ging, verliert seinen Posten als Landesvater der Region Wladimir mit sofortiger Wirkung (s.http://is.gd/RaKwa5) . Bis zu den Wahlen im September übernimmt Swetlana Orlowa, bisher stellvertretende Präsidentin des Föderationsrates, vergleichbar mit dem deutschen Bundesrat, kommissarisch die Amtsgeschäfte und wird sich, wie ihre Partei Einiges Rußland bereits bestätigt, im Herbst dem Wählervotum stellen.

Swetlana Orlowa.

Swetlana Orlowa.

Beobachter bezeichnen die für ihr strenges Regiment bekannte Politikerin als eine „Warägerin“, angelehnt an die Legende aus der Nestorchronik, nach der die Slawen sich im 9. Jahrhundert an die „Waräger“ genannten Skandinavier mit den Worten wandten: „Unser Land ist groß und reich, doch es ist keine Ordnung in ihm; so kommt über uns herrschen und gebieten.“ Was da ein Mönch in Kiew Anfang des 12. Jahrhunderts als Gründungsmythos schuf, läßt sich durchaus mit der Situation in der Region Wladimir vergleichen. Nikolaj Winogradow – mit 16 Jahren im Amt einer der altgedientesten Gouverneure landesweit – war der letzte Kommunist in dieser Funktion. Immer wieder war über seine Abberufung spekuliert worden, aber er entschied zwei Mal die Wahlen für sich und wurde für weitere zwei Amtsperioden vom Staatspräsidenten ernannt. Eine einmalige politische Laufbahn, die nun aber ans Ende gelangt ist. Siegfried Balleis, Erlangens Oberbürgermeister, hatte dem scheidenden Gouverneur bereits Ende vergangener Woche für die vertrauensvolle Zusammenarbeit gedankt, besonders aber für die vielen Partnerschaftsprojekte – den Blauen Himmel und das geplante Pilgerhaus für die Rosenkranzgemeinde, um nur die wichtigsten zu nennen -, an deren Gelingen Nikolaj Winogradow persönlich entscheidenden Anteil hatte.

Swetlana Orlowa im Gespräch mit Wladimir Putin.

Swetlana Orlowa im Gespräch mit Wladimir Putin.

Die 1954 in der Region Chabarowsk, also im Fernen Osten des Landes, geborene Swetlana Orlowa gilt als „schwere Artillerie“, von Wladimir Putin und der Partei Einiges Rußland in Stellung gebracht, um das rote Gouvernement Wladimir auf Linie zu bringen. Dabei gab es durchaus lokale Anwärter auf den Posten, doch offenbar befand der Kreml deren politisches Gewicht als zu leicht. Dabei wird es auch die Reingeschmeckte nicht leicht haben im Kampf um die Stimmen. Sie kennt Wladimir bisher nur von einem einzigen Besuch her, vor ziemlich genau zwei Jahren. Damals war sie auf Inspektionsreise in Sachen Stadtwerke unterwegs und kündigte ein unerbittlich hartes Vorgehen gegen Behörden und Personen an, die sich auf Kosten der Bevölkerung bereichern und die Finanzen nicht zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bürger einsetzen. Das war keine kammermusikalische Einlage, eher ein brausendes Tutti, das nachhallt und spätestens jetzt für viele zum Weckruf werden dürfte.

Nikolaj Winogradow.

Nikolaj Winogradow.

Auch wenn Moskau gesprochen und eine Frau berufen hat, ist die Sache noch nicht entschieden. Gegen Swetlana Orlowa will in jedem Fall Alexander Filippow antreten, der seine Partei Einiges Rußland nach den Wahlfälschungen 2011 im Streit verließ und die „Bürgerplattform“ gründete. Und die Kommunisten werden das Feld auch nicht kampflos räumen. Bis Ende der Woche wollen sie ihren Kandidaten für das Amt des Gouverneurs benennen. Spätestens dann – und damit früh genug! – beginnt der Wahlkampf. Gleich, wie der ausgeht, Swetlana Orlowa ist aus Erlangen eine glückliche Hand für ihre Aufgabe zu wünschen, das Gouvernement Wladimir zu regieren. Spätestens zum Jubiläum Ende Mai wird sie dann auch Gelegenheit haben, die Städtepartnerschaft kennenzulernen, die längst weit auf die ganze Region ausstrahlt und hoffentlich auch ihre Unterstützung findet. Glück auf!

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Wir befinden uns im Jahr 13 n. P. Alle Gouverneursposten sind von Politikern der Partei Einiges Rußland besetzt. In ganz Rußland? Nein! Eine von unbeugsamen Wladimirern bevölkerte Region hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Moskauer Legionäre, die als Besatzung in den befestigten Lagern Wladimir, Kowrow, Alexandrow und Gus-Chrustalnyj liegen.

Nikolaj Winogradow.

Nikolaj Winogradow.

So verlockend die Anspielung auf die gallischen Comic-Helden sein mag, wenn es ernst wird, zeigt sich ein ganz anderes Bild, nicht so einfach zu übertragen auf die Situation in Wladimir. Tatsächlich ist Nikolaj Winogradow, der letzte Kommunist im Amt eines Gouverneurs und seit 16 Jahren Landesvater der Region Wladimir, nämlich alles andere als ein Haudegen, der einen Haufen Aufständischer anführt. Sein rotes Parteibuch hat er zwar nie versteckt oder gar abgegeben, er trug es aber auch nie als Ikone vor sich her, machte es nie zur alleinigen Richtschnur seines politischen Handelns. Wurden die Genossen einmal gar zu radikal mit ihren Forderungen, ging er durchaus auf sichtbare Distanz zur Partei, agierte fast präsidial als Staatsmann und verstand es meisterhaft, mit Moskau ein gütliches Auskommen zu finden. Natürlich hat er seine politischen Gegner – übrigens auch in den Medien -, aber seine Leistungen, seine Fähigkeit zur ausgleichenden Führung, vor allem jedoch seine persönliche Integrität wird ihm niemand absprechen.

Jetzt aber beginnt sie allmählich doch, die Gouverneursdämmerung. Ende des Monats nämlich, so verkündete er dieser Tage auf seiner letzten Pressekonferenz werde über sein weiteres Schicksal entschieden. In Moskau. Im September stehen Wahlen an. Würde man ihn fragen und rufen, wäre er bereit für eine weitere Amtszeit. Geistig wie körperlich fühle er sich dazu in der Lage. Und am Willen zur Macht hat es ihm nie gefehlt. Dennoch könne er sich auch andere auf dem Posten vorstellen; vier Namen, die er natürlich nie in der Öffentlichkeit nennen würde, hätte er als Nachfolger in petto. Nur eines diktiert er den Journalisten in die Notizbücher: „Für mich ist nicht die Parteizugehörigkeit eines Kandidaten wichtig. Entscheidend ist allein die Kompetenz. Ich fürchte immer jene Menschen, die sich um solche Positionen reißen. Überzeugt und überredet muß man werden, dieses Amt anzutreten.“

Nikolaj Winogradow

Nikolaj Winogradow

Es ist zu früh für einen Nachruf auf Nikolaj Winogradow, und er selbst denkt gar nicht daran, jetzt schon seine Memoiren zu schreiben. Zu viele Aufgaben könne er sich auch im Fall einer Abberufung aus dem Weißen Haus in Wladimir vorstellen. Ins Austragshäusl will er deshalb noch lange nicht einziehen. Aber nun ist er nicht mehr Herr im eigenen Haus. Die Gouverneure werden zwar – das zumindest haben die Proteste nach den Wahlfälschungen bewirkt – nicht mehr unbedingt vom Präsidenten auf Vorschlag des Regionalparlaments bestätigt und eingesetzt, sondern können wieder frei gewählt werden. Das genaue Prozedere für das Gouvernement Wladimir ist freilich noch nicht festgelegt. Fest steht nur, daß nach dem Ende der regulären Amtszeit des 66jährigen – der vierten! -, in zwei Wochen also, bis zu den Wahlen im September die Leitung des Region Wladimir kommissarisch übernommen wird. Wohl kaum jedoch von Nikolaj Winogradow.

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