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Posts Tagged ‘Nikolaj Schtschelkonogow’


Gestern nacht gegen drei Uhr schlief Günter Kuhne ebenso unerwartet wie friedlich und ohne Schmerzen in Gera für immer ein. Dabei hatte doch der so lebensfrohe und kregle Weltkriegsveteran Anfang Dezember noch seinen russischen Kameraden, Nikolaj Schtschelkonogow, zum „sozialistischen Wettbewerb“ herausgefordert, um gemeinsam mit dem einstigen Feind die 100 Jahre vollzumachen und sich noch mindestens einmal wiederzusehen. Nun wird es bei diesem letzten Treffen vor gut drei Monaten bleiben.

Günther Kuhne und Nikolaj Schtschelkonogow, Dezember 2019

Der Thüringer, Günter Kuhne, wie sein Freund aus Wladimir Jahrgang 1926, gehörte zu der Generation, die als Kanonenfutter an die bereits verlorene Front geschickt wurden, zunächst in die trügerische Adrennenoffensive, dann, nach einer Zwischenstation in Remagen und bei Hannover, verwundet ins Hilfslazarett Rostock, das er im März 1945 verließ, um im Sportlazarett von Neustrelitz, Brandenburg, eine Reha zu machen. Der Angehörige der Hitler-Jugend Waffen-SS ging noch an zwei Krücken, als er vom Stabsarzt gemustert und mit den von abgrundtiefem Zynismus zeugenden Worten „Sie brauchen nicht laufen können, Hauptsache Sie können im Loch stehen und schießen!“ für tauglich erklärt wurde. Mit einem zusammengewürfelten Haufen wurde der Kriegsversehrte von Nauen bei Berlin aus ohne Stammeinheit Richtung Oder verfrachtet, um die längst verlorenen Rückzugskämpfe bei Halbe zu unterstützen. In dieser schlimmsten Kesselschlacht nach Stalingrad standen 2.100.000 Rotarmisten gerade einmal 200.000 Wehrmachtssoldaten gegenüber. Marschall Georgij Schukow hatte die Kapitulation angeboten, aber General Theodor Busse lehnte ab und setzte auf die 4. Panzerarmee. „Doch wir hatten keine Chance!“ erinnerte sich Günter Kuhne. „Im Kessel bin ich zum Glück in Gefangenschaft geraten!“ Immerhin noch besser, als zu den 30.000 toten deutschen Soldaten zu gehören, die auf dem Schlachtfeld blieben, ohne den Vormarsch der Roten Armee aufhalten zu können.

Günter Kuhne, August 2016 in Erlangen; ganz links im Bild sein Kamerad, Philipp Dörr, ebenfalls Kriegsgefangener in Wladimir

Bis Juli 1948 arbeitete Günter Kuhne in der Schlosserei des Traktorenwerks in Wladimir, bevor er an den Wolga-Don-Kanal weitergeschickt wurde, von wo er Anfang 1950 in die Heimat zurückkehrte. Ohne Groll gegen die Sowjets („Russen“ zu sagen, war in der DDR jener Tage nicht opportun), von Beginn an zur Aussöhnung bereit, auch wenn die niedrigen Mannschaftsgrade, zu denen er ja gehörte, nie in den aus seiner Sicht ohnehin zweifelhaften Genuß kamen, in die den Parteibonzen vorbehaltenen Zirkel der offiziellen deutsch-sowjetischen Freundschaft aufgenommen zu werden.

Günter Kuhne, März 2016 in Jena

Nach der Friedlichen Revolution, deren Früchte Günter Kuhne gern gegen Kritik verteidigte, betätigte er sich im Veteranenverband und nahm dann auch früh Kontakt zum Kreis der Wladimirer Kriegsgefangenen um Friedhelm Kröger auf, wo er sich mit seinem verschmitzten Humor nur Freunde machte. Klagen war nicht seine Sache. Nur ein Umstand verdroß ihn sehr: Das völlige Desinteresse von Schulen seiner Heimatstadt an einer Begegnung mit ihm als Zeitzeugen. Und nun ist es zu spät dafür… Umso freudiger ergriff der Versöhner unserer Völker jede Gelegenheit – etwa bei der Vorstellung des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ in Jena oder bei den Interviews mit Schülern an der Franconian International School in Erlangen -, seine Lebenserfahrung und seine Mission mitzuteilen: „Haltet Freundschaft mit den Russen, bewahrt den Frieden, es gibt nichts, was kostbarer wäre!“

Günter Kuhne hat nun seinen ewigen Frieden gefunden. Seine Mahnung sollten wir zeit unseres Lebens beherzigen. Und das mit dem „sozialistischen Wettbewerb“? Der Geraer war ein guter Verlierer, und er hätte wohl mit einem schelmischen Lächeln gesagt: „Nicht traurig sein, man kann nicht immer gewinnen. Ich bin dankbar für mein glückliches Leben. Es hätte ja schon vor 75 Jahren zu Ende sein können, damals in jenem Loch, in das man mich schickte…“

Mehr zum Verstorbenen, der nun seiner Frau folgt und einen Sohn hinterläßt, im Blog u.a. hier https://is.gd/sg1uul und da https://is.gd/XAsPKG

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Die Veröffentlichung eines Briefes ist immer so eine Sache. Es gilt ja gerade auch für den Blog das Fernmeldegesetz. In der Redaktion gab es deshalb durchaus kontroverse Ansichten beim Eintreffen des Schreibens des Weltkriegsveteranen, Nikolaj Schtschelkonogow. Doch bei der folgenden Epistel aus Wladimir handelt es sich um ein Zeitzeugnis, um nicht zu sagen um ein Manifest, das nicht im Ordner „Persönliches“ verschwinden sollte. Urteilen Sie selbst.

Lieber Peter!

Lassen Sie mich der Führung Ihrer herrlichen Stadt und Ihnen persönlich für die Organisation einer meiner weiteren Reisen zu Ihnen, für die Fahrt nach Erlangen, meine aufrichtige und herzliche Dankbarkeit aussprechen. Alles ereignete sich so rasch und unerwartet.

Damals bei dem Musikabend (am 6. September 2019 in Wladimir, Anm. der Redaktion) erinnerte ich einfach nur an die Absicht von Fritz Rösch, mich irgendwohin zu bringen. Aber ich hätte doch nicht im Ernst an eine solche Reise zu denken gewagt, und dann war ich ja auch ängstlich; schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste. Seit meinem Militärdienst auf dem Gebiet der DDR sind 62 Jahre vergangen, und in Erlangen war ich zuletzt vor elf Jahren. In dieser Zeit hat sich viel verändert, eine phantastische Idee also.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Johanna und Paul Sander vor dem Konzert

Natürlich freute ich mich über die Maßen, noch einmal die Familien derer zu besuchen, die vor ihrer Zeit aus dem Leben geschieden waren, unsere gemeinsamen Freunde wiederzusehen, all die Veteranen verschiedener Kategorien noch einmal zu treffen, mit der russischen Diaspora und den Freunden Rußlands in den vielen Städten zusammenzukommen und einen herzlichen Empfang auf allen Ebenen zu erleben.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Fritz Rösch und Ulrich Girschner

Ihnen allen wollte ich noch einmal meine tiefe Dankbarkeit aussprechen, ihnen die besten Wünsche der Veteranen aus Wladimir überbringen, die zu vertreten ich das Glück habe. Sie hegen größte Hochachtung für das Volk Deutschlands, vor seiner Kultur, seinen Sitten und Bräuchen, vor der internationalen Autorität des Landes. Wir sind für den Frieden, für die Freundschaft, für die Sicherheit der Völker, für die Ungestörtheit und das Glück der ganzen Menschheit.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschekonogow

Bei uns hat jetzt die aktive Vorbereitung auf die Organisation und Durchführung der Veranstaltungen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes begonnen. Ich erinnere mich an die Maitage des Jahres 1945 und die ersten Begegnungen mit Zivilisten im Umkreis von Zerbst. Wie die Menschen da erleichtert aufatmeten, weil der Krieg endlich vorüber war. Heute komme ich jeden Tag mit Jugendlichen, Schülern und Veteranen zusammen. Sie fragen dann immer: „Wie war es denn dort, in Deutschland?“ Worauf ich vor allem auf diese erstaunlich umfangreiche Arbeit zu sprechen komme, die notwendig war, um meine Reise zu ermöglichen, die so warmherzig und gelungen verlief. Und sie wurde ja auch zu einem bezeichnenden Ereignis, einem Parameter für die Gründlichkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit, angelegt im Charakter der Deutschen. Das kam schon in der Nachkriegszeit klar zum Ausdruck: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.“

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Bitte übermitteln Sie nochmals allen-allen meine tiefe Dankbarkeit und Verbundenheit für die herzliche und freundschaftliche Aufmerksamkeit, die mir zuteil wurde. Offen gestanden, träumte ich nach meiner Rückkehr mehrere Nächte hintereinander von dieser Reise, und beim Aufwachen fühlte ich mich jedes Mal, als hielte ich mich noch in Deutschland auf. Erst nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, wurde mir klar, zu Hause im Bett zu liegen. Und dank allen Heiligen bewahren wir füreinander die Freundschaft.

Ich gebe zu und sehe ein, nur ein alter Mann zu sein, ein einfacher Mensch ohne große Bedeutung. Doch wenn diese Reise auch nur ein klein wenig dazu dienen sollte, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Städten und damit auch unserer beiden Völker, der Russen und der Deutschen, zu festigen, kann ich meinem Schicksal unendlich dankbar sein. Friede und Wohlergehen Ihnen allen und dem deutschen Volk eine blühende Zukunft.

Hochachtungsvoll, Nikolaj Schtschelkonogow (16.12.2019)

Nachzulesen ist das Protokoll der Reise des ehemaligen Rotarmisten nach Deutschland im Blog vom 28. November bis 7. Dezember 2019.

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Heute feiert Dietmar Hahlweg seinen 85. Geburtstag. Zu den großen und bleibenden Erfolgen des Altoberbürgermeisters und Ehrenbürgers der Stadt Erlangen gehören über die kommunalpolitischen Leistungen hinaus die Begründung der Städtepartnerschaften mit Wladimir, Jena, Stoke-on-Trent und San Carlos. Dabei war dem gebürtigen Schlesier die Aussöhnung mit der UdSSR und Polen sowie die Verständigung mit der DDR im Geist der Ostpolitik während seiner segensreichen Amtszeit von 1972 bis 1996 das wohl wichtigste Anliegen.

Nikolaj Schtschelkonogow und Dietmar Hahlweg, 9. Mai 2010, Wladimir

Die Tiefenschärfe dieses Bildes mit dem heute 94jährigen Kriegsveteranen in Wladimir erschließt sich erst nach der Lektüre des folgenden Berichts, den Dietmar Hahlweg dieser Tage im Rahmen des deutsch-russischen Projekts „Kriegskinder“ (siehe auch die Erinnerungen von Ute Schirmer: https://is.gd/OpWO3J) zu Papier brachte, vorab exklusiv im Blog veröffentlicht.

Flucht der Familie Hahlweg vom 20.1. bis 10.9.1945 aus Jagdschütz, Schlesien, bis nach Lorenzreuth bei Marktredwitz in Bayern

Zum Jahreswechsel 1944/1945 lebte meine Mutter, Elisabeth Hahlweg (34), mit ihren vier Kindern, Bärbel (12), Dietmar (10), Harald (8) und Hubertus (6), im Gutshaus in Jagdschütz, Kreis Trebnitz, ca. 30 km nördlich von Breslau. Mein Vater war seit 1939 ununterbrochen im Krieg; seither führte meine Mutter den 334 ha großen Gutsbetrieb mit etwa 40 Beschäftigten alleine.

Meine Mutter ahnte, Deutschland werde den Krieg verlieren, und begann heimlich (offen durfte darüber nicht gesprochen werden, das wäre Wehrkraftzersetzung gewesen) Kisten und Koffer vorzubereiten. Wir Kinder ahnten davon nichts.

Dann kam, vermutlich von der Nationalsozialistischen Kreisleitung, am 20. Januar 1945 der sogenannte „Treck-Befehl“. Innerhalb von 24 Stunden mußte der Gutsbereich geräumt werden. Treckleiterin war meine Mutter.

24 Stunden später zog der Treck, meine Mutter mit ihren vier Kindern und allen auf dem Gut beschäftigten Familien (darunter 25 Kinder und viele ältere Menschen), auf zwei Traktoren mit Anhängern und zehn Pferdegespannen bei 20 Grad minus Richtung Westen.

In den folgenden drei  Wochen waren die Ziele 1. Etappe Penzig bei Görlitz (ca. 200 km), 2. Etappe Görlitz – Dresden  (ca. 100 km) und die 3. Etappe Dresden – Richtung Leipzig mit dem Gut Zöschau bei Oschatz (ca. 70 km), das wir am 15. Februar 1945 erreichten. Wir bewältigten also mit dem Treck in 26 Tagen insgesamt ca. 370 km.

Obwohl das im Treckbefehl vom 20. Januar 1945 angegeben Treckziel Bayreuth in Bayern lautete und meine Mutter auch von sich aus mit dem Treck ohne Unterbrechung direkt nach Bayern weiterziehen wollte, beugte sie sich höchst widerwillig dem Willen meines Vaters, der zu dieser Zeit verwundet in einem Lazarett  in der Nähe von Breslau lag und mit dem sie telefonieren konnte. Auf sein Anraten hin blieb sie mit dem Treck auf Gut Zöschau. Mein Vater hatte auf diesem Gut sein Praktikum als angehender Landwirt abgeleistet, wußte, die Gutsfamilie von Oppel werde uns gut aufnehmen und meinte zudem, von dort sei die Rückkehr nach Schlesien leichter möglich.

Mein Vater meinte es gut, aber sein dringender Rat, zunächst in Zöschau zu bleiben, sollte sich als sehr falsch erweisen.

Die US-Armee, die bei Kriegsende am 8. Mai 1945 auch Thüringen und Sachsen und damit auch Zöschau befreit hatte, zog sich wenig später im Ausgleich für einen US-Sektor in dem von der sowjetischen Armee eroberten Berlin aus Thüringen und Sachsen wieder zurück. Einheiten der Roten Armee kamen deshalb auch nach Zöschau, requirierten Traktoren und Pferde. Wir mußten aus unserer Bleibe im Gutshaus auf den Scheunenboden umziehen.

Für meine Mutter war klar: Sie wollte so schnell wie möglich mit ihren Kindern und ihrer inzwischen zu uns gestoßenen Schwägerin nach Westen, gen Bayern. Sie organisierte im Tausch gegen eine goldene Uhr drei Handwagen, und am 20. Juni 1945 brachen wir mit dem Nötigsten Richtung Grimma (40 km) auf, wo zu dieser Zeit an der Mulde die Grenze zwischen Amerikanern und Sowjets verlief. An der Mulde verbrachten wir fast zwei Wochen im Freien, weil die Amerikaner nur so viele Flüchtlinge aus dem Osten aufnahmen, wie andererseits Menschen von Westen nach Osten wechseln wollten. Schließlich gelang das Übersetzen mit einem Kahn. Von Grimma ging es dann weiter nach Hof in Bayern (ca. 180 km) und von dort Richtung Bayreuth. In Gefrees, wo wir im bergigen Gelände baten, uns beim Hinaufschieben der Handwagen zu helfen, bot uns jemand zwei Ponys an, und meine Mutter kaufte diese spontan. Jetzt zogen die beiden Ponys unsere drei Wagen, und ich war von heute auf morgen stolzer Kutscher.

Unser Fluchtweg führte uns zunächst Richtung Nürnberg – manchmal am Tag nur acht km, dann einmal sogar 38 km –, dann aber bogen wir nach 50 km in Richtung Bamberg ab, weil es dort ein milderes Klima und eine günstigere Versorgung geben sollte. Inzwischen war es August / September geworden, und wir konnten gegen Kost und Übernachtung in der Scheune beim Ernten helfen. Mein Onkel Fredi, der jüngste der drei Brüder meiner Mutter, war nach seiner frühen Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft schon im Juli zu uns gestoßen, begleitete uns sporadisch, schwärmte aber immer wieder aus, um nach seiner Frau, dem Treck seiner Eltern, nach unserem Vater und seinen Brüdern zu suchen. Anfang September 1945 kam Onkel Fredi freudestrahlend mit einem Brief der Eltern meiner Mutter zurück, den diese an Bekannte aus Breslau geschrieben hatten, die inzwischen in Mindelheim im Allgäu gelandet waren.

Demnach waren meine Großeltern, Pächter des Gutes Großpeterwitz, ca. 15 km westlich von Jagdschütz gelegen, mit ihrem Treck auf einer Südroute durch das Sudetenland im Juni 1945 in Lorenzreuth bei Marktredwitz gelandet und hatten dort eine kleine Hofstelle pachten können. Wir waren auf unserem Weg im Juli Richtung Bayreuth nur weniger als 50 km von Lorenzreuth entfernt und zogen nun die ca. 150 km dorthin zurück und waren glücklich, dort am 10. September 1945  die Großeltern wiederzusehen und, obwohl äußerst beengt, dort auch unterzukommen und etwas zum Essen zu haben. Dies nach fast drei Monaten auf der Landstraße, ohne ein festes Dach über dem Kopf.

Die realistische Einschätzung meiner Mutter bewahrheitete sich: Ein Zurück nach Schlesien auf unseren Gutshof gab es nicht. Mit dem Potsdamer Abkommen der Siegermächte vom August 1945 fiel Schlesien an Polen. Meine Familie gehörte zu den Deutschen, die nicht nur den Krieg, sondern auch ihre Heimat verloren hatten, im Fall meiner Eltern mit dem Gutshof auch ihre ganze Existenz. Trotzdem gab es in meiner Familie nie Kritik an Polen oder der Sowjetunion.

Es war, wie wir sahen, Hitler-Deutschland gewesen, das diesen furchtbaren Zweiten Weltkrieg „vom Zaun gebrochen“, das heißt mutwillig begonnen hatte. Und man erfuhr mehr und mehr, wie gerade die beiden Länder, Polen und die Sowjetunion, es waren, die in besonders unvorstellbarem Ausmaß unter diesem Krieg gelitten hatten. Aus diesem Wissen und der bleibenden Scham darüber war es mir in meinem Amt als Oberbürgermeister, aber auch als Mitmensch, stets ein Anliegen, bei der Aussöhnung und dem Aufbau einer guten Nachbarschaft mit Polen und Russen mitzuhelfen. Es bleibt mein sehnlichster Wunsch, daß dies dauerhaft gelinge.

Dietmar Hahlweg

P.S.: Mit den besten Wünschen für den Jubilar hier noch der Hinweis auf seine Würdigung zum 80. Geburtstag, zu finden hier im Blog unter: https://is.gd/YegSNn

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Den emotionalen Höhepunkt setzte Nikolaj Schtschelkonogow gestern morgen zum Ende seiner fast zweiwöchigen Reise in die eigene Vergangenheit mit dem Besuch der Roten Kaserne in Potsdam, wo er von 1951 bis 1957 stationiert war. Hierher holte er nach Stalins Tod 1953 seine Frau nach, von hier aus wurde er zur Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 nach Berlin kommandiert, wo sich aber bei seinem Eintreffen die Lage bereits beruhigt hatte, und hier, im Militärkrankenhaus von Beelitz, in der einstigen Doktor-Koch-Klinik, kam sein Sohn zur Welt. Hier liegt der Grund für seine tiefe Verbundenheit mit den Deutschen, die sich übrigens, wie der Veteran betont, in all den sechs Jahren seiner Stationierung auch nur im Ansatz feindselig ihm gegenüber benommen hätten, ganz im Gegenteil, sogar Familienfreundschaften seien in jener Zeit entstanden, von denen Nikolaj Schtschelkonogow immer wieder gerne erzählt.

Jekaterina Zwetkowa, Andrej Maximow, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Maxim Lortschenko vor dem Hauptkomplex der Roten Kaserne in Potsdam

In dem riesigen Komplex der Roten Kaserne, benannt nach dem Baumaterial Klinker und entstanden bereits Ende des 19. Jahrhunderts, war ab 1948/1949 bis 1993 die Sowjetische bzw. Russische Armee einquartiert, und bot Platz für die ganze 34. Artillerdivision, in der Nikolaj Schtschelkonogow diente. Nach dem Abzug der Soldaten nutze die Stadt Potsdam – ähnlich wie das in Erlangen geschah – das Areal zur Neugestaltung eines ganzen Viertels mit Wohnungen, Büros und Forschungseinrichtungen.

Auf dem Weg zur Alexander-Newskij-Gedächtniskirche in Potsdam

Doch dann ging es schon hinauf zur Alexander-Newskij-Kirche, erbaut auf Anordnung König Friedrich Wilhelms III. in den Jahren 1826 bis 1829 als Manifest der engen Freundschaft von Preußen und dem Russischen Reich, auf dem Kappellenberg, unweit der Kolonie Alexandrowka, die eigens für die russischen Soldaten angelegt wurde. Heute ist sowohl die Siedlung als auch die Kirche, das älteste russisch-orthodoxe Gotteshaus in ganz Westeuropa, Teil des UNESCO-Welterbes.

Alexander-Newskij-Kirche in Potsdam

Der Schutzpatron wiederum steht in enger Beziehung zu Partnerstadt. Der einstige Großfürst von Wladimir wurde in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale beigesetzt, Peter I ließ aber die Gebeine des mittlerweile heiliggesprochenen Siegers über den Deutschherrnorden und dessen Drang nach Osten in seine neue Hauptstadt überführen, wo sie wohl auch bleiben werden.

Gottesdienst in der Alexander-Newskij-Kirche zu Potsdam

Aber wer wollte schon groß an diesen Reliquienraub denken, wenn doch, wie es der Himmel will, gerade an diesem Freitagmorgen ein Festgottesdienst gefeiert wird. Übrigens war die Kirche auch damals, in den 50er Jahren, geöffnet. „Auch wenn ich, als Kommunist erzogen, kein gläubiger Mensch war“, erinnert sich Nikolaj Schtschelkonogow, „kam ich doch immer wieder hierher. Denn es ging uns materiell zwar recht gut, und wir fühlten uns wohl hier, aber Heimweh hatten wir doch alle, und da bot die Kirche uns ein Stück Rußland.“ Allerdings, und auch das gehörte zum Leben der Sowjetsoldaten: „In den Büschen, wo es zu dem einen oder anderen Stelldichein mit den Fräuleins gekommen sein mag, saßen gern auch Geheimdienstleute, um über die Moral der Truppe zu wachen.

Schloß Cecilienhof

Zu den festen Ausflugszielen gehörten natürlich auch Schloß Cecilienhof, wo die Potsdamer Konferenz stattgefunden hatte, dessen viele Zimmer Nikolaj Schtschelkonogow noch heute fast alle beschreiben könnte. Für eine Besichtigung bleibt freilich ebensowenig Zeit wie für eine Führung durch Sanssouci.

Sanssouci

Aber es war ja auch keine touristische Reise für den Veteran. Er konnte sich seinen Herzenswunsch erfüllen: zum sechsten Mal nach Erlangen kommen, um Abschied von seinen deutschen Kameraden und Freunden zu nehmen, um noch einmal die wichtigsten Stationen seiner Zeit als Soldat in Deutschland zu besuchen, vor allem aber, um sein ganz persönliches Zeugnis für die russisch-deutsche Aussöhnung über die ungezählten Gräber hinweg abzulegen, um zu beweisen, daß man den Krieg in sich besiegen kann. Davon wird nun bald die Dokumentation von Jekaterina Zwetkowa berichten, die bereits im April fertiggestellt sein soll, um sie dann – möglichst mit Gästen aus Erlangen – zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Wladimir uraufzuführen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Nikolaj Schtschelkonogow will so lange nicht warten. Viel zu ungeduldig ist er dafür, zumal er keinen Tag ungenutzt verstreichen lassen möchte. Und so wird er schon heute – im Geiste der Verständigung – von seinen Erlebnissen und Eindrücken in Deutschland berichten und sicher einen Reisebericht schreiben, ganz im Sinne seiner Mission der Aussöhnung mit den einstigen Feinden. Welch ein großer Mensch!

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Nikolaj Schtschelkonogow erinnert sich noch genau, wie die Operation Bagration der Sowjetarmee, der Wehrmacht das Rückgrat brach, die Kampfmoral nahm, die letzte Hoffnung raubte, mit Moskau wenigstens noch einen Verhandlungsfrieden schließen zu können. Die Verluste waren nicht mehr auszugleichen. Und er, der 1925 im Ural geborene Bauernjunge, der ohne Vater aufwuchs und mit 15 Jahren als Mähdrescherfahrer bereits Verantwortung für sein ganzes Dorf trug und erst nach dem Krieg eine richtige militärische Ausbildung erhielt, er war dabei, als die Heeresgruppe Mitte aus Babrujsk vertrieben und versprengt wurde, als der Sturm auf Berlin seinen großen Anlauf nahm.

„Auch wenn wir auf dem Vormarsch waren, verlief nicht immer alles nach Plan“, erzählt der Veteran, den man nach seiner Ausbildung in der Ukraine nach Wladimir versetzte, von wo aus er dann sechs Jahre zum Dienst in die DDR geschickt wurde. „Es gab Situationen, wo die pure Panik ausbrach, wo Kameraden zitterten und schlotterten, Todesangst litten, den Leichengeruch nicht mehr aushielten, die verbrannte Erde Würgen verursachte. „Noch heute“, so bekennt Nikolaj Schtschelkongow dem eigens auf den Leipziger Ehrenfriedhof für die Sowjetarmee gekommenen Vizekonsul, Ilja Matwejew, zuständig für die Grabstätten in Thüringen und Sachsen, „noch heute wache ich manchmal auf und höre die Schreie, die Schüsse, spüre das Grauen des Krieges.“ Aber da ist natürlich auch die Freude über den Sieg, der Stolz auf die eigene Leistung, und da ist besonders seine persönliche Mission, alles zu erzählen, damit es in Zukunft keine neuen Kriegsveteranen gebe: sein Operation Frieden.

Gräberfeld auf dem Sowjetischen Friedhof Leipzig

Auf diesem Feldzug des Friedens und der Versöhnung ist der ehrenhalber zum Oberst ernannte einstige Hauptmann der Sowjetarmee nun von Erlangen aus via Jena und Leipzig in Berlin eingetroffen, wo er gestern gegen Mittag das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst besuchte. Man kann nur ahnen, was in Nikolaj Schtschelkongow vorging, als er durch die Räume des Hauses schritt, in dem vom 8. auf den 9. Mai die Kapitulationsurkunde auf Betreiben der sowjetischen Seite ein zweites Mal unterzeichnet und das Ende des Dritten Reichs besiegelt wurde.

Nikolaj Schtschelkonogow vor dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst

Der Wladimirer Friedensbotschafter kam damals beim Sturm auf Berlin auch durch diesen Vorort und drang dann vor bis zum Hauptquartier der Gestapo – in einem verbissenen Häuser- und Straßenkampf. „Es gab Gebäude, die mehrmals am Tag den Frontverlauf veränderten, immer wieder neu eingenommen werden mußten“, weiß er zu berichten. „Es war schrecklich zu sehen, wie verzweifelt der Volkssturm um etwas kämpfte, das längst verloren war!“

Nikolaj Schtschelkonogow

Mehr als 300.000 Rotarmisten fielen bei der Operation Berlin, darunter viele an der Seite von Nikolaj Schtschelkonogow, der heute bedauert, damals nicht Tagebuch geführt zu haben. Aber auch so erinnert er noch unglaublich viel und hat zu dem Thema Hunderte von Vorträgen verfaßt und an einem Dutzend von Büchern mitgewirkt. Und nun begleitet ihn ja auf seiner Operation Frieden das Dokumentarfilm-Team von Jekaterina Zwetkowa. Wie gut, daß damit sein Wissensschatz bewahrt bleibt.

Nikolaj Schtschelkonogow vor einem Plakat aus den USA im Jahr 1942

Und so zeigt denn auch das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst Interesse nicht nur an dem Film, sondern an den Erinnerungen des Gastes aus Wladimir. Jedes Detail jener letzten Kriegstage ist hier von Belang, und in den zahlreichen Sonderausstellungen kommt auch jedes Zeugnis zur Wirkung. Welch ein Glücksort der deutsch-russischen Verständigung.

Eintrag von Nikolaj Schtschelkonogow im Gästebuch des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst

Natürlich gehört zum Berlin-Besuch auch der Gang zum Ehrenmal für die Sowjetarmee im Treptower Park. Und wenn Nikolaj Schtschelkonogow dort dann auch noch jemanden wie Dominik Steger trifft, den er schon als Kleinkind ins Herz geschlossen hatte, dann kann die Versöhnung über die Gräber und Generationen zwischen Russen und Deutschen nicht symbolischer zum Ausdruck kommen. Vielleicht aber versteht man die Kraft dieser Momente auch erst mit dem Abstand einiger Jahre…

Nikolaj Schtschelkonogow und Dominik Steger: Versöhnung über den Gräbern am Ehrenmal im Treptower Park

Ein ganz besonderer Moment erwartete Nikolaj Schtschelkonogow dann aber am Nachmittag in der Botschaft der Russischen Föderation: ein Empfang beim höchsten Diplomaten seiner Heimat.

Nikolaj Schtschelkonogow

Eine ganze halbe Stunde nimmt sich Sergej Netschajew für den Gast Zeit, erkundigt sich nach dem Stand der Entwicklung von Wladimir und der ganzen Region – und lobt die Partnerschaft mit Erlangen. Aber der Botschafter gibt dem Veteranen auch die Zeit, um von seinen Kriegserlebnissen und natürlich den freundschaftlichen Verbindungen zu den deutschen Kameraden zu erzählen und auf die Aktion „Hilfe für Wladimir“ zurückzublicken, wo er persönlich über die gerechte Verteilung der humanitären Lieferungen aus Erlangen an bedürftige Kriegsteilnehmer und ihre Familien wachte.

Nikolaj Schtschelkongow und Sergej Netschajew

„Ich hätte nie gedacht, als einfacher Mensch einmal eine derart hohe diplomatische Ehre zu erleben“, gestand Nikolaj Schtschelkonogow nach dem Empfang, bei dem er auch das mit einer Widmung versehene Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ überreichte. Und in der Tat: In all den Jahren der Städtepartnerschaft seit 1983 gab es derlei, ein Tête-à-Tête mit einem amtierenden russischen Botschafter, noch nie. Schön und verdient, daß nun diese Ehre dem Botschafter h.c. des Friedens und der Verständigung zuteilwurde.

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„Im Sommer 1945 brachte man uns hierher. Ich war damals ja noch ganz jung. Aber gesehen hatte ich schon viel Grauenhaftes beim Vormarsch auf Berlin. Berge von Haaren und Schuhen, ausgemergelte Männer, Frauen, Kinder. Immer wieder stießen wir auf solche Lager. Aber Buchenwald hat bei uns einen besonderen Namen, steht wie Auschwitz und Dachau für das ganze schreckliche KZ-System.“ An manchen Stellen ist es fast, als könnte Nikolaj Schtschelkonogow selbst die Führung durch die Anlage übernehmen.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jewgenij Sacharjewitsch, Tatjana Jazkowa und Jekaterina Zwetkowa vor dem Modell des Arbeitslagers Buchenwald

„Aber das war damals schon noch ganz anders, wenige Monate nach der Befreiung durch die Amerikaner im April. Überall Stacheldraht, das Grauen greifbar. Und einige der Baracken blieben für uns geschlossen.“ „Da könnten“, fährt der Veteran fort, „schon die internierten Deutschen gesessen haben, die hier von den Sowjets als vermeintliche oder tatsächliche Nazis gefangen gehalten wurden.“ Bis 1950 blieb Buchenau also ein Ort des Schreckens, an dem, wenn auch nicht mehr durch willkürliche Erschießungen oder mittels Vernichtung durch Arbeit, 7.000 Deutsche an Hunger und Kälte starben. Dem gegenüber stehen freilich die hiesigen 56.000 Opfer des Nationalsozialismus, darunter alleine 15.000 aus der Sowjetunion.

Eingangstor zum Arbeitslager Buchenwald

Wenn hier die Steine sprechen könnten. Was hätten sie alles an Schicksalen zu erzählen von all den Menschen, die ihre Familien und Freunde nie mehr wiedersehen sollten, von all den Familien und Freunden, die nur ahnen konnten, was der Lagerinsasse zu erleiden hatte: schwerste Arbeit, Erniedrigungen, Schikanen, Hunger, Krankheit, Folter, Tod. „Jedem das Seine“, wie zynisch am Tor zu lesen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Kann und soll man gewichten hier? Wo geschah mehr Leid, wo war es erträglicher? Wer wollte das sagen. Und die Steine schweigen. Aber dann gibt es doch besonders grausame Orte, schier nicht zu ertragen. Etwa das Gelände der ehemaligen Reithalle und dem Pferdestall, von der Lagerleitung als „medizinische Einrichtung“ getarnt, wohin man Sowjetsoldaten brachte, um sie „untersuchen“ zu lassen. Nichts ahnend, da außerhalb des eigentlichen Lagers gelegen, gingen so 8.483 Rotarmisten in den Tod durch Genickschuß.

Iwan Nisowzew, Tatjana Jazkowa und Nikolaj Schtschelkonogow am Platz der Hinrichtung von 8.483 sowjetischen Soldaten und Offizieren

Da ist es gut, in Begleitung zu sein, sprechen zu können über das Unaussprechliche – mit den Landsleuten, Iwan Nisowzew, der jetzt schon seit acht Jahren in Jena lebt, und Jewgenij Sacharjewitsch, der zur Zeit als Freiwilliger aus Wladimir in der Euro-Werkstatt arbeitet und Buchenwald bereits von vorherigen Besuchen her kennt.

Nikolaj Schtschelkonogow in Buchenwald

Stets vor Augen hatten die Lagerinsassen – keine Frauen, aber einige Kinder – den Tod in Form der Verbrennungsanlage. Krematorium kann man das graue Gebäude nicht nennen, denn die sterblichen Überreste wurden natürlich nicht individuell in Urnen aufbewahrt und beigesetzt. Man wurde fast spurlos beseitigt. Und vorher, in der sogenannten „Pathologie“, entnahm man den Toten auch noch alles Wertvolle, wie zum Beispiel das Zahngold.

„Pathologie“ von Buchenwald

Vielleicht ist Buchenwald aber auch so ein symbolischer Ort, weil er ja in unmittelbarer Nähe zu Weimar liegt, der Stadt der deutschen Klassik. Der Beweis dafür, daß Bildung nicht unbedingt gegen Menschenverachtung hilft. Auch die Nazis kannten „ihren“ Goethe oder Schiller, gingen ins Theater, hörten Musik, schrieben Gedichte und Lebenserinnerungen. Es kann wohl nur die Herzensbildung sein, die Menschen gegen die Barbarei immunisiert. Aber welche Schule kann sich um die kümmern?

Opfertafel Buchenwald

Und für noch etwas steht Buchenau – oder gegen etwas: Gegen die Mär, wonach die Bevölkerung Deutschlands nichts von den Schrecken der Lager haben wissen können. Wie dann ist es möglich, daß die gesamte Infrastruktur von Buchenwald – Wasser, Strom, Erschließung durch eine Straße – von Firmen und Behörden aus Weimar bewerkstelltigt wurde? Wie, wenn ein Betrieb dort in Geschäftsbeziehungen mit der SS stand und in deren Auftrag – gegen Rechnung – die Verbrennungsanlage baute? Ohne Zwang, einfach nur, um Geld zu verdienen – mit dem Tod.

Nikolaj Schtschelkonogow und Tatjana Jazkowa vor den Verbrennungsöfen in Buchenwald

Nikolaj Schtschelkonogow wollte noch einmal an diesen dunklen Ort der deutsch-sowjetischen Geschichte. Die Regie der Reise wollte es, daß dieser Besuch auf seinen 94. Geburtstag fiel. Da darf natürlich eine freudige Überraschung nicht fehlen. Nach einem Stadtrundgang in Jena empfing den Jubilar der Frauenchor von Michael Berman.

Geburtstagstanz mit Nikolaj Schtschelkonogow

Eigentlich war ja nur eine kleine Probe angesetzt, aber dann wurde daraus doch ein fröhliches Fest mit deutsch-russischem Gesang und Tanz in der Multikulturellen Integrationsgruppe Jena. „Zu Tränen rührend“, bekannte der überraschte Veteran.

Nikolaj Schtschelkonogow und der Frauenchor von Michail Berman

Welch ein Ausklang dieses Tages. Auch davon sollten eines Tages die Steine erzählen, wenn sie denn sprechen könnten.

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„Mein ganzer Stolz war eine Praktica 2 von Zeiss, die ich nach meiner Militärzeit in der DDR mit nach Wladimir brachte“, erzählt Nikolaj Schtschelkonogow beim gestrigen Empfang Oberbürgermeister Thomas Nitzsche. „Alle hielten mich für einen weiß Gott wie bedeutenden Photographen.“ In all den sechs Jahren seines Dienstes hatte der Veteran freilich nie Gelegenheit, Jena kennenzulernen. Immer sah er die Saalestadt nur auf der Durchfahrt – etwa nach Weimar, an dessen beschauliche Gassen sich der Gast noch bestens erinnert.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

Aber Nikolaj Schtschelkonogow ist es um mehr zu tun, als nur in Erinnerungen zu schwelgen: Er möchte auch in Jena seine Friedensbotschaft verkünden und zum Ausdruck bringen, für wie wichtig er das nun schon ins zwölfte Jahr gehende Partnerschaftsdreieck Erlangen-Jena-Wladimir hält.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

Und der Gastgeber kann sich nur freuen über diese „so eindrucksvolle Persönlichkeit“, den Zeugen einer Zeit, die wir nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen. Kein Wunder, wie Nikolaj Schtschelkonogow betont, denn in beiden Ländern sind mehr als 80% der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg geboren.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

„Da ist es umso wichtiger“, betont der einstige Sowjetsoldat, an die Vergangenheit zu erinnern, das historische Gedächtnis zu bewahren. Und als Rüdiger Stutz beklagt, man habe auch in Jena viel zu lange gebraucht, um eine Gedenkstätte für das Außenlager Weimar und die Behelfsbaracken zu schaffen, von wo aus die aus ihren Häusern und Wohnungen vertriebenen Juden in den Tod geschickt wurden, sagt der Gast fast nachsichtig: „Besser spät als nie. Und so, wie ihr das macht, ist es gut. Meine Anerkennung!“

Nikolaj Schtschelkonogow und Rüdiger Stutz

Und dann ist der lange Tag nach der Anreise aus Erlangen auch fast schon wieder vergangen. Doch eine Begegnung steht noch aus, die mit dem Altersgenossen Günter Kuhne in Gera. Eine Begegnung, an deren Ende der Thüringer sagen soll: „Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk!“

Nikolaj Schtschelkonogow und Günter Kuhne

Auch diese beiden standen an der Front einander unmittelbar gegenüber, der eine, der nach einer schweren Verwundung, noch an Krücken gehend, in die Schlacht bei Halbe geschickt wurde und dort in Gefangenschaft geriet, der andere, der mit seiner Einheit auf Berlin vorrückte. „Es hätte sein können, daß wir aufeinander schießen hätten müssen“, sagt Günter Kuhne, der im Traktorenwerk Wladimir als Maschinenschlosser eingesetzt war, „und jetzt können wir uns in die Augen sehen und umarmen. Man hat uns beiden die Jugend gestohlen, aber jetzt, im Alter, finden wir in der gemeinsamen Erinnerung und im Zusammentreffen Trost.“ So gelingen kann das freilich nur, wenn man die Maxime von Nikolaj Schtschelkonogow beherzigt: „Wir müssen uns an das Verbindende halten und dürfen nicht dauernd das Trennende betonen!“ Und dann rufen die beiden Veteranen noch einen sozialistischen Wettbewerb aus: Sie wollen 100 Jahre alt werden und natürlich einander wiedersehen. Mehr zu Günter Kuhne unter: https://is.gd/sg1uul

Günter Kuhne und Nikolaj Schtschelkonogow

Damit ist man fast schon beim Thema des Tages angelangt: Nikolaj Schtschelkonogow feiert heute in Jena seinen 94. Geburtstag. С днём рождения! Sicher mit der einen oder anderen angenehmen Überraschung im Programm. Doch es soll noch von einem anderen Programm die Rede sein.

Morgen stellt Alfred Binner beim gVe-Konzert „Die Rettung der Welt“ mit Igudesman & Joo in der Heinrich-Lades-Halle sein Projekt unter dem Motto von Claudio Abbado „Die Musik zeigt uns, daß Hören grundsätzlich wichtiger ist als Sagen“ vor. Zur Gedenkfeier „75 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus“ der Partnerstädte Erlangen und Wladimir sucht der Geigenbaumeister einen Sponsor für die „Friedensvioline“, die er als Zeichen der engen deutsch-russischen Verbundenheit einem jungen förderungswürdigen Talent als Leihgabe überreichen will. Im Mai soll diese Geste der Verständigung Wirklichkeit werden, und mitmachen können alle. Mehr dazu unter kontakt@binner-alfred.de

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