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Posts Tagged ‘Nachrüstungsbeschluß’


Heide Mattischeck ist gewiß keine Quotenfrau. Lange vor Erfindung dieser Fördermaßnahme für das schöne Geschlecht hat sie sich ihren Platz in der Politik mit Kompetenz, Fleiß und Bürgernähe erobert und bestimmte als SPD-Stadträtin von 1972 bis 1991 maßgeblich die Geschicke Erlangens mit, bis sie dann von 1990 bis 2002 sogar als Bundestagsabgeordnete ihren fränkischen Wahlkreis in Bonn und Berlin vertrat. Neben all den vielen kommunal- und innenpolitischen Fragen, die Heide Mattischeck beschäftigten, trieb sie ein Thema besonders um: die Aussöhnung mit dem Osten nach einem Krieg, unter dem gerade ihre eigene Familie, die den Vater verlor und dann auch noch vertrieben wurde, so schlimm zu leiden hatte.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck

Als der damalige Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, so erinnert sie sich, Anfang Juni 1881 gemeinsam mit den Schriftstellern Inge Meidinger-Geise und Wolf Peter Schnetz in Moskau wegen einer Partnerschaft zu einer sowjetischen Stadt vorfühlte, gehörte die UdSSR noch zum „feindlichsten Ausland“. Die ersten Bemühungen zur Verständigung, angeregt von der Ostpolitik mit ihrem Motto „Wandel durch Annäherung“, fanden in einem gar nicht so wohlwollenden Umfeld statt. Die Konservativen, wie die passionierte, nun aber schon pensionierte Volksvertreterin rückschauend ohne Vorwurf urteilt, waren zunächst strikt gegen die Absichten der Sozialdemokraten. Die ersten Schritte hatten also etwas Gewagtes an sich. Schwieriges Terrain für ein Stadtoberhaupt, das immer auf Ausgleich bedacht und gerade bei den internationalen Beziehungen darauf aus war, Einmütigkeit über alle politischen Lagergrenzen hinweg zu erzielen. Kaum möglich, sollte man meinen, wenn die CSU fast geschlossen gegen die Operation Wladimir stand und wegen des dortigen Zentralgefängnisses, in dem bis 1981 auch Dissidenten einsaßen, dafür auch öffentlichen Beifall erhielt. Bis schließlich doch ein CSU-Stadtrat aus der Phalanx ausbrach und seine Parteifreunde davon überzeugte, daß es möglich wäre, eine Bürgerpartnerschaft mit Wladimir zu beginnen. Doch wir eilen voraus und nehmen vorweg, was hier ein andermal Anlaß zum Rückblick geben soll.

Iwanow und Heide Mattischeck

Igor Iwanow, Vorsitzender des Stadtrates Wladimir, und Heide Mattischeck

Man schrieb das Jahr 1983, Sommer, als Dietmar Hahlweg mit den beiden Stadträten Heide Mattischeck und Claus Uhl, FDP, begleitet vom Journalisten Peter Millian, Erlanger Nachrichten, das noch gänzlich unbekannte Gelände 200 km nordöstlich von Moskau erkundete. „Ein Glück“, so Heide Mattischeck, „daß wir Peter Millian dabei hatten – er besetzte den der CSU zustehenden, von ihr aber nicht genutzten Platz in der Delegation -, der dem Unterfangen ebenso aufgeschlossen wie kritisch gegenüberstand, wußten wir doch gar nicht so recht, wie das wohl alles gehen würde. Ohne die spätere Berichterstattung in den EN hätten wir die Kontakte nie so schnell in der Bürgerschaft verankern können.“ Man hatte sich wohl vorbereitet, wußte, daß man mit der Aufnahme von Verbindungen zur UdSSR bundesweit zu den ersten zehn Kommunen gehörte, in Bayern sogar bis dato die einzige Stadt mit derlei Ambitionen war. Aber wer konnte schon vorhersagen, ob man sich menschlich verstehen und einander näherkommen würde? Schließlich hatten weder Wladimir noch Erlangen die Wahl füreinander getroffen, sondern die Gesellschaft für Völkerfreundschaft in Moskau hatte sich als Schmuser eingeschaltet und dem Brautwerber Dietmar Hahlweg die Herzdame des Goldenen Rings zur Vermählung präsentiert.

MIra Woronitschewa, Peter Millian und Dietmar Hahlweg

MIra Woronitschewa, Peter Millian und Dietmar Hahlweg

Und dann der Beweis dafür, daß auch arrangierte Ehen das Zeug zum Glücklichwerden haben können: „Wir hatten von Beginn an das Gefühl, gerngesehene Gäste zu sein. Natürlich war zu der Zeit der Kommunismus noch dogmatisch und wurde recht strikt ausgelegt.“ Überraschend für Heide Mattischeck auch, wie sehr das ideologische Korsett mit traditionellen Mustern durchsetzt war und aufgelockert daherkam. Überall konnte man den Stolz auf die eigene Kultur und das russische Brauchtum spüren, etwa wenn man den Gästen Brot und Salz reichte. Und dann überhaupt die großartigen Vorführungen auf den Bühnen, gar nicht vergleichbar mit unserer Amateurkultur und nur erklärlich durch die Kombinate mit ihren eigenen Budgets für Kultur und Sport.

Gruppenbild der neuen Partner und Freunde mit Peter Millian am Auslöser

Gruppenbild der neuen Partner und Freunde mit Peter Millian am Auslöser

Natürlich konnte man sich damals noch nicht frei bewegen, schon gar nicht als Mitglied einer offiziellen Delegation. Man wurde förmlich mit Gastfreundschaft und Betreuung „ummantelt“. Gerne hätte Heide Mattischeck einmal auf eigene Faust in einem Laden einen Samowar gekauft. Doch kaum hatte sie den Wunsch geäußert, als sie anderntags im Hotel schon eine ganze Auswahl verschiedener Geräte aufgestellt vorfand. Vielleicht wollte man aber auch einfach der Besucherin die triste Leere eines sozialistischen Kaufhauses vorenthalten. Daneben die bis heute so lebendige Erinnerung daran, wie nah man sich persönlich kam, wie offen die Gespräche verliefen. Wenn es denn überhaupt zwischen Gastgebern und Gästen noch emotionales Eis zu brechen gab, dann war das spätestens zu dem Zeitpunkt gelungen, als Heide Mattischeck und Michail Swonarjow, der mittlerweile verstorbene Oberbürgermeister von Wladimir, während einer Rauchpause im Park eines Gewerkschaftserholungsheims auf ihre Väter zu sprechen kamen, die sie beide noch als kleine Kinder im gleichen Jahr auf der Krim verloren hatten. „Berührend war das“, erinnert sich Heide Mattischeck und ergänzt: „Er hätte ja gar nichts davon erzählen müssen.“ Es sind wohl vor allem solche unscheinbaren Begebenheiten am Rande der großen politischen Erklärungen – so wichtig sie zweifellos waren und bleiben -, die den Kitt für eine Freundschaft zwischen den Städten und Menschen abgeben, der bis heute nicht bröckelt.

MIchail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

MIchail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

Trotzdem: Eine fremde Welt war das schon. Bei der Abholung am Flughafen ging es durch die VIP-Schleuse. Bis nach Wladimir fuhr man in zwei Limousinen, für die auf der ganzen Strecke der Weg freigehalten wurde, was die Gäste erst später bemerkten. Und in Wladimir selbst konnten sich die Besucher aus dem bereits verkehrsberuhigten Erlangen nicht daran gewöhnen, mit welchem Tempo sie durch die Stadt chauffiert wurden. Die Fußgänger spritzten regelrecht zur Seite. Einmal versuchte Dietmar Hahlweg über die Dolmetscherin Mira Woronitschewa an seinen Kollegen die Botschaft vom rücksichtsvollen Fahren heranzubringen, doch für den Gastgeber war das kein Thema, bei dem er sich aufgehalten hätte… Befremdlich auch, in den Restaurants immer alles verhangen vorzufinden, regelrecht abgeschirmt von anderen Gästen. Dabei bogen sich die Tische immer unter den Speisen – darunter fast schon peinlich viel Kaviar – und Getränken, wobei Heide Mattischeck sich von Wera Sorina, der stellvertretenden Bürgermeisterin, gern vor zu viel Wodka schützen ließ.

Picknick auf Russisch

Picknick auf Russisch

Auf der Rückreise legte die Gruppe noch bei Dirk Sager, dem ZDF-Reporter vom Studio Moskau, in der Hauptstadt einen Halt ein und verbrachten einen langen Abend bei ihm in der Wohnung. Der erfahrene Korrespondent ermutigte die Gäste, auf dem Weg der Partnerschaft voranzuschreiten, doch weder Heide Mattischeck noch Claus Uhl hätten sich wohl vorstellen können, noch im gleichen Jahr erneut nach Wladimir zu reisen. Und das kam so: Im Zuge der Diskussion um den Nachrüstungsbeschluß – den sowjetischen SS-20-Rakten sollten amerikanische Pershings Paroli bieten – verschlechterte sich das Klima zwischen den Blöcken zusehends, die Diskussionen nahmen an Schärfe zu, es ging hart auf hart. Da erhielt Heide Mattischeck im Herbst 1983 von Claus Uhl eines Abends einen Anruf aus einem Restaurant in der Goethestraße in etwa folgenden Inhalts: „Weißt Du schon, daß wir, Klaus Springen und ich, heuer noch nach Wladimir fahren wollen? Willst Du nicht mitkommen?“ Wie sollte die Friedenskämpferin so ein Angebot ablehnen?!

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Anfang Dezember ging es los. Die beiden Stadträte – ohne politischen Auftrag -, begleitet von Klaus Springen, dem viel zu früh verstorbenen damaligen stellvertretenden Chefredakteur der Erlanger Nachrichten und späteren Leiter des Ressorts Kultur, fuhren in jeder Hinsicht auf eigene Rechnung nach Wladimir, um den russischen Freunden zu erklären, daß sie für den Frieden und gegen die Nachrüstung seien. Heide Mattischeck erinnert sich: „Die Wladimirer haben das volle Programm gemacht und uns durch Fabriken geschleppt, wo wir unsere Meinung kundtaten. Natürlich haben die Gastgeber das ideologisch genutzt, aber unser Anliegen war es, in Wladimir klarzumachen, daß wir die Partnerschaft wollten und uns die politische Großwetterlage nicht würde entmutigen können.“ Heftige Kritik setzte es damals für den Alleingang der drei Friedensbotschafter im eigenen Auftrag seitens der CSU, aber Heide Mattischeck findet auch im Rückblick, damals richtig gehandelt zu haben. „Geschadet hat es bestimmt niemandem.“ Der Nachrüstungsbeschluß wurde zwar umgesetzt, doch die Partnerschaft mit Wladimir – nach einer Verlobungsphase bis 1987 – ebenfalls.

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Heide Mattischeck bleibt Wladimir bis heute eng verbunden. 1993 war sie beim Fränkischen Fest dabei, dann 2003 bei der 20-Jahr-Feier und 2005 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, wo sie gemeinsam mit Veteranen aus beiden Städten Bäume gepflanzt hat. Nächstes Jahr will sie – wieder auf eigene Faust – mit einer kleinen Gruppe mit dem Zug nach Wladimir… Und schließlich ist da noch Percy Gurwitz, der sich mit Hilfe der Genossin aus Erlangen seinen Traum vom deutschen Paß erfüllen konnte. In Anspielung an ein altes Kirchenlied könnte man deshalb getrost sagen: Was sie tat, das war wohlgetan.

Und doch: Bedenkenträger brachten die Reise bis vor den Regierungsbezirk Mittelfranken, der über die Rechtmäßigkeit des Unterfangens richten sollte, in der lokalen wie überregionalen Presse – das Internet gab es damals ja noch nicht – gifteten Eiferer gegen die „nützlichen Idioten der Kommunisten“, sogar in der Deutschen Welle schlug der außenpolitische Casus hohe Wogen. Die Gemüter haben sich aber mit den ersten Beweisen für einen Austausch von Mensch zu Mensch rasch wieder beruhigt, und spätestens ab 1986 verstummte in der Erlanger Kommunalpolitik auch noch die letzte Stimme gegen die Zusammenarbeit mit Wladimir. So war die Schlagzeile „In Wladimir für den Frieden“ in der Weihnachtsausgabe 1983 der Erlanger Nachrichten nicht nur für das Fest ausgelegt, sie brachte jenes pragmatisch-programmatische Leitbild zum Ausdruck, das noch heute Gültigkeit besitzt, damals aber persönlichen Mut und politischen Weitblick forderte.

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Überlassen wir das letzte Wort Klaus Springen, der seinen Artikel wie folgt abschließt: „Wünsche vieler Erlanger Bürger konnte die Gruppe mit nach Wladimir nehmen, von Menschen, die bereit sind, den Dialog über den Frieden jenseits politischer Gesellschaftssysteme und Kalküle der Regierenden zu führen. Vielleicht war die Reise auch ein Exempel für die, die in ihrem Kämmerlein ihre Vorurteile pflegen. Man muß etwas für den Frieden tun – zum Beispiel nach Wladimir fahren!“

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