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Posts Tagged ‘Müllproblematik Rußland’


So später der Schnee heuer fällt, so rechtzeitig, um den Winter auszutreiben. Während bei uns ab heute Schluß mit lustig ist, steuert der russische Karneval, bekannt als Butterwoche, seinem Höhepunkt entgegen. Bei allem ausgelassenen Treiben gilt allerdings der Grundsatz: Kein Fest ohne feste Regeln. Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der vierzigtägigen österlichen Fastenzeit, die sogar den Verzehr von Milchprodukten untersagt, noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“!) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt.

Masleniza von Dmitrij Cholin

Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse, gern auch Kaviar. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Masleniza: Jeder Wochentag ist ein besonderer Tag

Der Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der heutige Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Masleniza von Dmitrij Cholin

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt und in effigie für den Winter eine Strohpuppe verbrennt und deren Asche zu Grabe trägt, aus der im Frühjahr die frische Saat hervorwachsen soll.

Masleniza mit dem Ensemble Rus in Erlangen 2016

Doch das heißt nicht, daß alles in Butter sei. Seit vergangenem Sonntag spitzt sich die Lage vor der Mülldeponie bei Alexandrow weiter zu. Da ganz offenbar entgegen allen Regeln und Verträgen weiterhin Abfälle aus Moskau ihren Weg in die Region Wladimir suchen und finden, nehmen seit Sonntag, dem „Tag des Verteidigers der Heimat“, Aktivisten unter dem Motto „Verteidiger der Mülldeponie von Alexandrow“ die anrüchige Sache selbst in die Hand und blockieren – 15 bis 60 Mann hoch – rund um die Uhr die Zufahrt. Durchgelassen werden nur Fahrzeuge mit einheimischen Nummern. Größere Konflikte gab es bisher nicht, die Moskauer Laster kehren zumeist mit ihrer unwillkommenen Fracht wieder um, aber die Behörden rufen dazu auf, die Sperrungen aufzuheben, weil sie vor allem nachts und wegen der winterlichen Straßenverhältnisse Unfälle fürchten. Außerdem solle man die gerichtlichen Entscheidungen abwarten.

Doch klein beigeben wollen die Verteidiger des Müllbergs nicht, zumal sie nach eigenen Angaben Unterstützer in Moskau haben, die Informationen über Abfalltransporte weitergeben. Man will den Gegner zermürben und mit spielerischer Taktik schlagen:

Es liegt allein in unseren Händen, konsequent zu bleiben und den Sieg mittels gesetzlichem Vorgehen zu erringen. Die Müllkutscher zeigen Nerven und machen unüberlegte Schritte, indem sie den Verkehr stören und damit negative Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wir sind stärker und härter, unser Stehvermögen reicht allemal, um sie am Schachbrett zu schlagen, so sehr sie uns auch in den Ring oder auf die Matte zerren wollen.

Wie auch immer die Sache weitergeht, das Thema wird die Agenda auch dieses Jahres bestimmen. Solange die Politik keine Lösungen bietet, könnten – auch hierzulande – all die kleinen Sünderlein ja mal bei sich anfangen und beim Müll fasten. Aber bitte nicht nur vor Ostern!

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Von Demonstrationen gegen den Müllnotstand in Stadt und Land Wladimir und gegen die Abfallfuhren aus Moskau waren im Vorjahr Demonstrationen fast schon an der Tagesordnung. Seit aber mit Einführung eines neuen Entsorgungssystems Anfang Januar auch die wenigen Container zur Mülltrennung in der Partnerstadt verschwanden, steht das Thema ganz oben auf der Agenda der Menschen und wird zum Objekt der Kunst.

Am Freitag stellte eine Künstlergruppe vor einem Möbelhaus eine Müllinstallation auf, und fanden in der Nähe des Goldenen Tors und auf dem Leninplatz kreative Kunstaktionen unter dem Motto „Müll-Karneval“ statt.

Friede, Arbeit, Mai – beim Abfalltrennen sei dabei!

Sogar ein eigener Hashtag wurde ins Leben gerufen, den man mit #trenndenmuell übersetzen könnte.

Die Proteste richten sich zunehmend gegen der Lokal- und Regionalpolitik, der es bisher nicht gelingen will, der Problematik Herr zu werden. Mit dem Versprechen, bis zum Sommer werde man alles wieder in den Griff bekommen, will man sich nicht mehr abspeisen lassen.

Müllhydra

Auch in Städten der Region, die besonders vom Müllexport aus der Hauptstadt betroffen sind, wachsen Unmut und Widerstand, entstehen immer neue Initiativen, um sich gegen den Mißstand zur Wehr zu setzen, bunt und kreativ, wie hier auf dem Video von TV-Zebra zu sehen: https://is.gd/5PRQg0 Siehe auch: https://is.gd/WtYiJ6

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Am vergangenen Freitag verabschiedete sich Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg von seinem Freund aus Wladimir, Jurij Fjodorow, bei einem Ausflug in die Fränkische Schweiz und stellte dem Gast die Frage, wie es denn aktuell um den Umweltschutz in seinem Land bestellt sei. „Ein ganz wichtiges Thema für Politik und Bürgerschaft“, gab der Abgeordnete des Wladimirer Regionalparlaments zurück, „das auch ganz oben im Kreml angekommen ist.“ Und in der Tat hat sich da in der öffentlichen Wahrnehmung viel getan, denn die Auswirkungen der ökologischen Sünden werden immer spürbarer, etwa auch daran, daß in der Partnerstadt jetzt, wo eigentlich die strengsten Fröste herrschen sollten, Tauwetter angesagt ist.

Jurij Fjodorow und Dietmar Hahlweg vor dem Kunreuther Schloß

Nach Angabe von Wissenschaftlern der Abteilung für dynamische Meteorologie und Klimaforschung am Geophysischen Observatorium in Sankt Petersburg https://is.gd/jk0PpP erwärmt sich das Klima in Rußland zweieinhalb Mal rascher als im Durchschnitt auf der Welt. Zusammenhängen soll das mit der enormen Landmasse des größten Flächenstaats der Erde gegenüber einer verhältnismäßig kleinen Wasserfläche. Denn es seien gerade die Ozeane, die Wärme viel besser speichern als das Land. Und so tauen die Permafrostböden wohl noch schneller auf, es entweicht noch mehr Methan, und der Kippunkt rückt näher, an dem die Eigendynamik der Erderwärmung stärker wird als noch die entschiedenste und radikalste Politik der Einsparung von Treibhausgasen. Die Szenarien von versinkenden sibirischen Städten sind bekannt und brauchen hier nicht weiter ausgebreitet zu werden.

Nächste Baustelle: Wladimir wird den Müll nicht los. Zum einen karrt die Metropole Moskau und ihr Umland weiter ihren Dreck auf eigentlich längst zu schließende Deponien in der Region Wladimir, zum andern führt die seit dem Jahreswechsel in Kraft gesetzte Abfallreform zu teils chaotischen Verhältnissen. So verschwanden unter der Regie des neuen Entsorgers die Container für Trennung und Recycling aus der Partnerstadt, die Abfuhr kommt ins Stocken, und aufgebrachte Unbekannte luden aus Protest ihren Müll sogar schon vor dem Weißen Haus, dem Sitz von Regierung und Parlament des Gouvernements, ab. Kein Tag, an dem nicht neue Berichte in den Medien zu dem Thema erscheinen, für das noch immer nach einer Lösung gesucht wird und vor dem offenbar mittlerweile sogar schon Fachleute kapitulieren.

Sergej Fokin, Jäger und Chefredakteur eines Fachmagazins

Und dann sind da noch die Pläne für die Mautautobahn Moskau – Kasan, die nach bisherigen Projektierung ein wichtiges Biotop bei Petuschki, im Westen der Region Wladimir, durchschneiden soll und damit, wie es Sergej Fokin, Autor eines Artikels, ausdrückt, ein „ökologisches Verbrechen“ darstellt. In der Tat liest sich die Liste der hier, in den Auen der Kljasma – noch – heimischen Vögel wie ein Who is Who der Roten Liste: Knäck-, Löffel-, Reiher-, Schell- und Krickente, Birk- und Rebhuhn, Wachtelkönig, Tüpfelsumpfhuhn, Teichralle, Doppelschnepfe und Bekassine. Auf dem Durchzug legen hier – noch – einen Zwischenhalt ein: Zwergschnepfe, Pfeif-, Tafel- und Spießente, Haubentaucher, Bläß- und Saatgans. Darüber hinaus kann man hier den Kranich, die Schnatterente, den Gänsesäger und Teichwasserläufer, den Kampfläufer und Großen Brachvogel, die Uferschnepfe, das Kleine Sumpfhuhn, die Wasserralle und die Weißflügelseeschwalbe, den Turmfalken oder die Turteltaube beobachten.

Balz der Doppelschnepfe

Man kann den Umweltschützern in der Region nur mehr Kraft und Gelingen wünschen als ihren Leidensgenossen in Bayern, wo ja auch entgegen allen Protesten gnadenlos die Isentalautobahn in die einst so idyllische und ökologisch wertvolle Landschaft gepflastert wurde. Am Ende kommt die Umwelt immer unter die Räder. So wird es wohl leider auch in der Region Wladimir kommen. Und ob es die seltenen Vögel dann hier und überhaupt noch gibt, wird ohnehin kaum jemanden kümmern. Die meisten von uns haben ja noch nicht einmal ihren Namen gehört. Und so könnte das Verzeichnis auch ein Nekrolog der verstummten Vögel werden.

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Fridays for Future hat in Rußland noch nicht Fuß gefaßt, aber vor allem der Kampf gegen die Müllflut – besonders aus der Hauptstadt – über das weite Land hin wird längst auch auf der Straße ausgetragen. Die bereits allenthalben manifeste anthropogene Klimaveränderung treibt die Menschen noch wenig um. Das gilt auch für Larissa Jefremowa, ein zehnjähriges Mädchen aus Kowrow, die Greta Thunberg verblüffend ähnelt. Im Interview meint sie sogar, ihre Klasse habe das „Original“ mit ihr verwechselt. Doch es bleibt nicht bei Äußerlichkeiten. Auch die Schülerin aus der Region Wladimir sorgt sich um die Umwelt und wünscht sich, die Menschen würden im Wald keine Abfälle hinterlassen, weil das Wild sich da die Schnauze oder das Maul verletzen könne. Der Kleinen ist nun nur zu wünschen, daß sie die öffentliche Aufmerksamkeit gut verkraftet und nicht mit dem Erwartungsdruck konfrontiert wird, dem die weltbekannte Schwedin erstaunlich robust zu trotzen versteht. Vor allem möge ihr all der Haß erspart bleiben, der Greta Thunberg auf allen Kanälen entgegenschlägt.

Greta und Larissa

Eines vereint beide in jedem Fall: Die Beschämung der Erwachsenen, denen Kinder sagen müssen, wie man sich gegenüber der Umwelt verhalten sollte.

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Von Montag bis Donnerstag besuchte Marcus Redel, Leiter des Betriebs für Stadtgrün, Abfallwirtschaft und Straßenreinigung, die Partnerstadt, um mit seiner Expertise den Fachleuten in der Region Wladimir Anregungen bei der anstehenden Umsetzung der notwendigen Reformen zur Müllvermeidung und beim Recycling Impulse zu geben. Diese Thematik wurde bereits im Juni ausführlich im Rahmen des Diskussionsforums „Prisma“ mit Gästen aus Wladimir besprochen, und am Ende der Tagung stand der Wunsch der russischen Seite, möglichst bald jemanden aus Erlangen mit Fachwissen zu entsenden. Siehe hier https://is.gd/8qpTqT und https://is.gd/w6SQJy

Alexander Rytschkow, Wjatscheslaw Kartuchin, Marcus Redel und Marina Gedina

Der Blog berichtete immer wieder über die Dramatik der Müllfrage in der Partnerstadt, und die Internetplattform Zebra-TV, das gestern – ebenso wie der staatliche Lokalsender ausführlich über den Auftritt von Marcus Redel am Dienstagnachmittag berichtete, stellt anschaulich dar, in welcher Konstellation der Referent aus Erlangen seinen Vortrag zu halten hatte:

Die Russen können sich einfach noch nicht an die Mülltrennung gewöhnen. Eine Vielzahl von Versuchen unternahm man bereits, um bei uns ein System einzuführen, das dem in Deutschland ähnelt. Bis 2024 sollen nun nicht weniger als 60% der festen Müllmengen wiederverwertet werden. Doch die Aussichten sind durchwachsen. In der Region Wladimir fallen beispielsweise p.a. mehr als 650.000 t Abfälle an, und es ist von mehr als 1.800 illegalen Müllkippen zu rechnen, obwohl es über 70 Organisationen gibt, die in der Abfallverwertung tätig sind. Die mechanischen Prozesse zur Mülltrennung sollten mit einer vernüftig gestalteten Gesetzgebung beginnen, meint Wjatscheslaw Kartuchin:

Man kann heute folgendes sagen: Die Region Wladimir hat es versäumt, rechtzeitig ins Programm der Müllreform einzusteigen. Es liegen jetzt derart viele Entwürfe und normative Dokumente vor, daß sich darin selbst Fachleute kaum mehr zurechtfinden. Der Hauptakteur bei der Müllfrage, die Bevölkerung, befindet sich in völliger Unkenntnis von Regeln, Tarifen und Methoden der Abfalltrennung.

Und so berichten die Medien über den Besuch des Fachmanns aus Erlangen:

Marcus Redel und seine Dolmetscherin, Marina Gedina

Die Erfahrung der Kollegen aus Deutschland. Im Rahmen der Gesprächsplattform „Prisma: Erlangen-Wladimir“ und des Kommunalverbandes der Region Wladimir besprach man Fragen der Wiederverwertung von Abfällen.

Stromgewinnung aus Müll, Dünger für den Garten aus einfachen Speiseresten. Vielen mag das als irreal erscheinen. In Deutschland macht man das schon seit 30 Jahren! Bei dem Praxis-Seminar in der Wladimirer Filiale der Präsidialakademie für Verwaltung und Volkswirtschaft diskutierte man Fragen der Sammlung und Wiederverwertung von Müll.

Unsere russische Seite ist derzeit daran interessiert, dieses Problem anzupacken und zu lösen. Auf staatlicher Ebene werden diesbezüglich sehr ernsthafte Anstrengungen unternommen, und es ist sehr wichtig, allen an diesen Beziehungen beteiligten Akteuren zu verdeutlichen, was von ihnen gefordert wird.

Wjatscheslaw Kartuchin, Direktor der Akademie und stellv. Vorsitzender der Wladimirer Regionalduma

In Deutschland ist die Mülltrennung in die Wirtschaft des Landes eingebunden. Je besser die Abfälle gesammelt werden, desto höher ist der Anteil der Wiederverwertung. So macht man aus losen Blättern neue Hefte, während verschmutztes Papier einfach verbrannt wird. Die Trennung hängt von jedem einzelnen Menschen ab und ist gesetzlich geregelt, vor den Häusern stehen verschiedene Tonnen: für organische Abfälle, Papier und Karton, Plastik, Metall und sogar Elektrogeräte. Aber das war nicht immer so.

In Deutschland stand es um die Müllproblematik noch vor 30 bis 40 Jahren nicht besser als heute in der Russischen Föderation. Im Lauf dieser Zeit machten wir freilich sehr gute Erfahrungen. Das Schlüsselmoment ist das Sammeln jener Abfälle, die für das weitere Recycling verarbeitet werden können. Der Müll, der für die Wiederverwertung nicht mehr in Frage kommt, sollte thermisch behandelt und so verbrannt werden, daß er für die Umwelt keine Gefahr mehr darstellt.

Marcus Redel, zuständig bei der Stadt Erlangen für Müllverwertung und Straßenreinigung

Die Erfahrungen des Auslands zu bewerten, ist besonders wichtig. Umso mehr als unsere Region mit Verspätung die Abfallreform einleitet. Um wertvolle Ratschläge bei der Trennung und Weiterverarbeitung fester kommunaler Abfälle zu erhalten, versammelten sich die Oberhäupter von Städten und Kreisen der Region Wladimir.

Das Problem hat viele Aspekte. Wir wünschen uns nicht nur sozusagen einen Erfahrungsaustausch, sondern wir wollen konkret hören, wie man das in Deutschland anpackt, um dann etwas Gemeinsames zu finden, für sich Schlüsse zu ziehen und das eine oder andere dann auf dem eigenen Gebiet anzuwenden.

Jewgenij Rytschkow, Landrat von Murom

Das Problem zu lösen, hilft die Wiederverwertung mit einem maximalen Nutzen, wie die Erfahrung der deutschen Wissenschaftler lehrt. Allerdings genügt es nicht, richtig zu trennen und die Abfälle zu recyceln, sondern man darf auch keine unkontrollierte Zunahme von neuem Müll zulassen. Es geht darum, die „Müllfrage“ auf „intelligente“ Weise anzugehen.

Die Reportage ist zu sehen unter: https://vladtv.ru/society/103523

Im Publikum. Alle Bilder von Zebra-TV.

Für die Umsetzung des Prozesses der Wiederverwertung bezahlt man eine Abgabe, die unmittelbar von der individuell produzierten Abfallmenge abhängt. Außerdem tragen auch die Hersteller ihren Anteil zur Lösung des Problems bei, für sie lohnt sich das Recycling von Rohstoffen. Es gibt aber auch ein Problem, das, wie Marcus Redel sagt, bisher nicht gelöst ist: Man komme mit den Produzenten noch nicht bei der Einführung von Verpackungen überein, die man einfach und ohne großen Aufwand wiederverwerten könnte.

Die Kultur eines vernünftigen Konsums helfen in Deutschland Fachleute zu schaffen. So erklären beispielsweise in Kindergärten und Schulen Berater den Nutzen der Mülltrennung. Bei uns gibt es dergleichen noch nicht. Aber das ist eine Frage der Zeit. Die ausländische Erfahrung schätzten neben den Studenten auch die Leitungskräfte der kommunalen Selbstverwaltung, die das Problem unmittelbar betrifft. Deshalb bat man den Referenten auch, alles bis ins letzte Detail zu erklären. Die so vermittelten Informationen können an die Gegebenheiten der Region Wladimir adaptiert und umgesetzt werden.

Im Original nachzulesen bei Zebra-TV unter: https://is.gd/yrgm36

 

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Gennadij Stachurlow erinnert sich noch an den XXII. Parteitag der KPdSU, auf dem Generalsekretär Nikita Chruschtschow 1961 verkündete, in zwanzig Jahren werde man den Sozialismus zum Kommunismus entwickelt haben. Damals war der spätere Umweltschützer gerade einmal acht Jahre alt und rechnete sich aus, alle Chancen zu haben, das politische Heilsversprechen als eingelöst zu erleben. Heute meint der Gast aus Wladimir, Deutschland sei an dieser Utopie viel näher dran als es die UdSSR je war. Und seine Frau Walentina pflichtet ihm nach zwei Besuchswochen bei: „Nirgendwo Polizei zu sehen, keine Kontrollen in Bussen und Bahnen, überall Ordnung, hoher Lebensstandard, sogar auf dem Land, alles für die Menschen gemacht.“

Peter Steger, Julia Bailey, Dieter Argast, Gennadij und Walentina Stachurlow

Peter Steger, Julia Bailey, Dieter Argast, Gennadij und Walentina Stachurlow

Vor allem bewegt den Ingenieur, der Ende der 80er Jahre zu den Mitinitiatoren der Umweltbewegung und der Grünen Partei in Wladimir gehörte, im Gespräch mit Stadträtin, Julia Bailey, und seinem Freund, Dieter Argast, beim Sommerfest im Garten des Grünen Hauses am Ende seines sechsten Aufenthalts in Erlangen noch immer die Frage, wie es die Grünen gerade auch in Erlangen schaffen, an der Urne erfolgreich zu bleiben, obwohl doch die ökologischen Probleme sichtbar abgenommen haben. Wo doch auch das Müllproblem gelöst scheine. Ein Problem, an dem man in Wladimir verzweifeln könne. Denn noch immer habe man es nicht geschafft, flächendeckend Mülltrennung einzuführen, den Recycling-Gedanken ins Bewußtsein der Menschen zu bringen oder gar Müll zu vermeiden. Im Gegenteil: Es wird immer schlimmer, wie ein Medienbericht dieser Tage belegt:

Müll abladen verboten

Müll abladen verboten

Allein in den ersten vier Monaten des Jahres lasen die Müllmänner entlang den Straßen der Region Wladimir 2.500 m³ Abfälle auf, fast die doppelte Menge im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres. Vielerorts werden die Hinterlassenschaften der Zivilisation vor allem in der Nähe von Dörfern und Kleinstädten am Straßenrand abgeladen, wo die Müllabfuhr nicht funktioniert. Zwei Drittel der Kleingärtnerkolonien, Datschensiedlungen und Garagengemeinschaften haben nicht einmal eigene Abfallcontainer. Ein weites Feld für die zukünftige Zusammenarbeit der Partnerstädte, ein Feld, das hoffentlich auch weiterhin Gennadij Stachurlow zu bearbeiten hilft, auch wenn seine Grünen sich mangels Mitgliedern und Wählerzuspruch aufgelöst haben. Man braucht sie noch. Mehr denn je! Denn eine Ideologie wie der Kommunismus mag in der Realität scheitern: Die Menschheit wird sich mit oder ohne sie weiterhelfen. Aber in einer gleich unter welchen politischen Vorzeichen zerstörten Umwelt mögen und können die Menschen nicht weiterleben. Und wir haben keine zwanzig Jahre mehr zu warten. Vielleicht spüren das die Menschen in Deutschland stärker als anderswo, vielleicht der Grund, warum die Grünen hier stärker sind als anderswo.

Siehe dazu auch: http://is.gd/7JBczZ

 

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Was man früher einmal Alchemie nannte,  praktizieren heute die Betreiber von Mülldeponien und ihre Patrone aus der Politik. Leider bisweilen zum ruinösen Nachteil von Mensch und Umwelt überall auf der Erde. Auch in der Region Wladimir.

Fischsterben

Das Thema Müll kommt dort nicht aus den Schlagzeilen. In der vergangenen Woche haben erzürnte Anwohner der Deponie Marinskij die Zufahrt blockiert, weil bereits Kolonnen von LKWs den Abfall aus Kameschkowo und bald von allüberallher herankarren, obwohl die Betriebsgenehmigung noch gar nicht erteilt, die Anlage noch nicht fertig ist und niemand kontrolliert, was da so alles illegal abgekippt wird. Nur eines ist klar: Die Abwässer der bisher nicht isolierten Müllhalde fließen ungeklärt in einen Weiher, der bereits als ökologisch tot gilt, und in den entgegen allen Vorschriften nur 50 Meter entfernten Fluß Tschjornaja, ein Laichgewässer unter anderem für den Graskarpfen, in Rußland auch Weißer Amur genannt, das bei Kowrow in die Kljasma mündet, aus der wiederum vielerorts Trinkwasser gewonnen wird – mit aufwendigen Klärmethoden. So ist das eben: Was vorne reinkommt, muß hinten wieder raus. Und irgendwo dazwischen treiben nicht nur die toten Fische, sondern es verenden sogar die Biber.

Wilde Müllkippe im Wald

Der Sache hat sich nun der Wladimirer Sender TV 6 angenommen und sieht sich prompt einer Gegendarstellung der Regionalverwaltung ausgesetzt, in der es heißt: „Am vergangenen Freitag berichtete der Sender TV 6 über angebliche Gewässerverschmutzungen im Bereich der Deponie von Marinskij. Dergleichen geschieht nicht, wie hier öffentlich erklärt wird.“

Deponie

Die Bilder der Journalisten, die zum Ort des Geschehens gefahren sind, sprechen eine andere Sprache, zeigen die einst malerischen Gestade eines Flusses, der seinen einstigen Bewohnern den Tod gebracht hat und seine giftige Fracht weiterträgt in das ohnehin schon stark belastete Kljasmabecken. Doch bei schockierenden Bildern belassen es die Reporter nicht, sie konfrontieren Gouverneur Nikolaj Winogradow mit der Ökokatastrophe und verlangen sein Eingreifen. Doch der behauptet, die Mißstände werden behoben und es gebe keine Alternative zu der Deponie. Die wiederum betreibt ein Oligarch, mit dem der Politiker laut TV 6 befreundet sein soll. Da liegt für den Sender der Verdacht der politischen Patronage nahe. Bevor das geklärt wird, ist aber nun die Staatsanwaltschaft am Zug, um der fortgesetzten Wasserverschmutzung Einhalt zu gebieten und herauszufinden, wie eine Deponie ohne Genehmigung in Betrieb genommen werden konnte.

Hast du dich freiwillig zum Subbotnik gemeldet?

Unterdessen will der Stadtrat Wladimir im Mai ein Gesetz zur Stadtreinigung erlassen, 270 Seiten dick und unter Mitwirkung von mehr als 20 Organisationen entstanden. Und dann ist da noch der Subbotnik, der freiwillige Kehr- und Fegetag, an dem geschätzte 30.000 Wladimirer am letzten Samstag teilgenommen haben, um die Stadt vom Winterdreck zu befreien. Schön und wichtig. Nur auch da ist noch immer nicht geklärt, wohin mit dem Müll, geschweige denn, daß er sortiert und gar wiederverwertet würde. Die sporadischen Aktionen von Schülern, Altpapier zu sammeln, muten da leider eher hilflos an. Wladimir und das ganze schöne Rußland haben endlich ein effektives Programm zur Vermeidung, Sortierung und Aufarbeitung von Haus- und Gewerbemüll verdient – und Politiker, die das umsetzen, bevor auch hier die Triade von Rainer Werner Fassbinder „Der Müll, die Stadt und der Tod“ gilt.

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