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Posts Tagged ‘Mstjora’


Wer zwei einzigartige Gemälde von Michail Schibanow aus der Wladimirer Welt des 18. Jahrhunderts sehen will, muß nach Moskau reisen, in die Tretjakow-Galerie. Zu sehen sind da die wohl ersten Beispiele einer realistischen Darstellung des Lebens abseits des Hofs und der Aristokratie, mit denen so gut wie jedes Lehrbuch über die Geschichte der russischen Malerei aufmacht: erstmals statt historischer Sujets, Pastoralen, Portraits hochgestellter Persönlichkeiten oder mythischer Gestalten – Szenen aus dem Alltag der einfachen Leute.

Michail Schibanow: Bauernmahl

 

Die eine Arbeit von 1774 stellt vier Erwachsene und einen Säugling dar, die andere, drei Jahre später entstanden, zeigt eine bäuerliche Gruppe während eines der Hochzeit vorangestellten Brauchs, der Verlobung. Beide Bilder sind signiert, das eine mit „Dieses Gemälde stellt Bauern der Susdaler Provinz dar. 1774 geschaffen von M. Schibanow.“, das andere mit „In der nämlichen Provinz geschaffen im Kirchdorf Tatarowo 1777 von M. Schibanow.“

Abschluß des Heiratsvertrages

 

Die Forscher sind sich sicher: Hinter jenem Tatarowo verbirgt sich Barkoje Tatarowo, mittlerweile mit dem für seine Lackminiaturarbeiten berühmten Mstjora im Landkreis Wjasniki, Gouvernement Wladimir, zusammengewachsen, wo nach dem Künstler auch eine Straße benannt ist. Von dem Maler weiß man freilich eher wenig, weder Ort noch Datum seiner Geburt oder seines Todes sind bekannt. Man nimmt allerdings an, er entstamme entweder einer Leibeigenenfamilie auf einem der Güter des Fürsten Grigorij Potjomkin-Tawridskij oder des Admirals Grigorij Spiridonow aus Pereslawl-Saleskij, wofür das Protrait von dessen Sohn aus dem Atelier Michail Schibanows spricht.

Katharina II

Als gesichert gilt allerdings, daß der Künstler im Auftrag von Fürst Potjomkin arbeitete und auch ein Portrait der Zarin Katharina II und ihres Favoriten, Alexander Dmitrijew-Mamonow, malte.

Detail aus dem „Bauernmahl“

Welche Laune des Schicksals den Künstler in das Gouvernement Wladimir brachte, ist wiederum Gegenstand von Mutmaßungen. Bleiben werden aber die beiden Arbeiten mit ihren ausdrucksstarken Gesichtern einfacher Leute, die vor zweieinhalb Jahrhunderten lebten und so etwas wie einen enzyklopädischen Schatz darstellen, zeigen die Figuren doch Details der russischen Trachten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Forscher begeistern sich an der exakten Wiedergabe von Einzelheiten der Kleidung wie des Ablaufs einer Zeremonie, die genau dem entsprechen, was man aus schriftlichen Quellen über jene Zeit erfahren kann.

Detail aus dem „Abschluß des Heiratsvertrages“

Und der Betrachter? Er ist erfreut über die ausdrucksstarke Vielfalt der Gesichter und Gesten, die eine längst versunkene Welt auferstehen lassen und zurückführen an den Anfang dessen, was man später die Wladimir Malschule nennen sollte.

zusammengestellt nach Material von Dmitrij Artjuch

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Es muß wirklich nicht immer Kaviar sein, wenn man ein Geschenk aus Wladimir erhält. Unerschöpflich scheint nämlich der Ideenreichtum von Gästen aus der Partnerstadt, wenn sie ihren Freunden in Erlangen eine Freude machen wollen. Heute einmal zwei Beispiele für die ausgesuchte Schönheit der Präsente.

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Zunächst ein eher offizielles Kleinod mit Stadtwappen und Miniaturansichten in der traditionellen Technik der Lackmalerei, wie sie bis heute in der Region Wladimir, vor allem in Mstjora, gepflegt wird: eine Schatulle, geeignet etwa zur Aufbewahrung von Schmuck oder anderen Kostbarkeiten.

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Und dann ein Brillenetui mit dem Märchenmotiv des Feuervogels in all seiner Farbenpracht und Liebe zum Detail, wie man sie kennt und schätzt.

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Klappt man dann aber den Deckel auf, sollte man auch auf die Entdeckung eines kleinen Schatzes vorbereitet sein. Der Inhalt könnte nämlich nicht ganz den Erwartungen entsprechen, dafür desto mehr Freude bereiten. Womit wir wieder beim Ideenreichtum wären und es Zeit ist, ein russisches Sprichwort zu bemühen, das die Gäste aus Wladimir offenbar beherzigen: Das Schönste am Schenken ist das Leuchten in den Augen des Beschenkten.

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Während der Präsident seinem Volk Patriotismus als verbindend-verbindliche Staatsideologie verordnet, finden die Menschen vor Ort die Ordnung ihrer noch überschaubaren Welt in der Wiederbelebung von Legenden, der Neuauslegung von Überlieferungen und der Pflege des Überkommenen. Wie überall, wo man sich von den Zumutungen der Globalisierung überfordert glaubt und die lokalen Eigenheiten bedroht sieht. Und so sammelt sich Wladimir neuerdings wieder im trauten Kirschgarten, Susdal beißt in seine knackigen Gurken, und Mstjora setzt dem Karpfen ein Denkmal – mit Krone. Das erinnert Sie an etwas? An Kalchreuth mit seinem Kirschenfest, an das Knoblauchsland zwischen Erlangen und Nürnberg oder die Zwiebeltreter in den Gemüsegärten von Bamberg, gar an Höchstadt mit dem Karpfen als inoffiziellem Wappentier und die Lieblingsspeise eines ichthyophilen Landrats in Ruhestand? Tja, so ähnlich sind sich eben Franken und Russen, wenn es um das eigene Kolorit geht.

Karpfen in Mstjora

Die 1628 erstmals urkundlich erwähnte 4.000-Seelen-Gemeinde, gute 100 km östlich von Wladimir in den Wäldern zwischen Kowrow und Wjasniki gelegen, verbindet ihre Geschichte mit zwei Sagen. Der ersten zufolge gründeten den Ort Handwerker, die während des Mongolensturms vor der Goldenen Horde unter dem Khan Batu in die unwegsame Wildnis flüchteten, die man bald darauf als fleißige Leute schätzte und wegen ihres tiefgründigen Wesens und ihrer Verschwiegenheit „Karpfen“ taufte. Eine zweite Version lautet, die Einwohner von Mstjora hätten es faustdick hinter den Ohren gehabt. Ein fremder Händler soll nämlich dereinst auf dem Marktplatz des Ortes frischen Fisch angeboten und besonders seine Karpfen angeboten haben. Doch zu einem viel zu hohen Preis, auf den sich die Einheimischen nicht einlassen wollten und denn auch die Ware liegenließen, bis der verhinderte Verkäufer am Abend unverrichteter Dinge mitsamt seiner nun schon nicht mehr ganz so frischen Fracht wieder seiner Wege zog. Ob nun aus Verdruß oder weil es auf der Fuhre schon zu stinken begann, jedenfalls entledigte sich der Kaufmann seiner Last und kippte alles in eine Senke, bevor er weiterfuhr. Damit hatten die bauernschlauen Mstjoraner wohl gerechnet, denn am nächsten Morgen war kein Karpfen mehr zu finden, sie hatten alle Fische in der Dunkelheit aufgelesen.

Karpfen in Mstjora 1

Und nun thront, wie die Zeitung „Prisyw“ berichtet, ein Fisch, ein Karpfen mit gekröntem Haupt als Skulptur an einer Kreuzung in Mstjora und grüßt Gäste wie Einheimische von seinem Gestell herab, geschaffen von Maxim Kirikow, dem Leiter der Ortsgruppe von Kunstschmieden. Kaum freilich hat das Getier aus Metall Gestalt angenommen, da soll es bereits Gesellschaft bekommen. Schon läuft in den sozialen Medien eine Umfrage, welche Figur als nächste das Städtchen zieren soll. Könnte der Karpfen mit abstimmen, ließe er wohl aus seinen Gräten eine Kärpfin formen, bestimmt aber keinen Hecht. Na ja, wir wissen es schlecht, und so enden wir lieber mit dem Schluß des XX. Sonetts von Rainer Maria Rilke, der wie kaum ein Deutscher vor ihm und danach dem russischen Wesen entsprach:

Alles ist weit -, und nirgends schließt sich der Kreis.
Sieh in der Schüssel, auf heiter bereitetem Tische,
seltsam der Fische Gesicht.

Fische sind stumm…, meinte man einmal. Wer weiß?
Aber ist nicht am Ende ein Ort, wo man das, was der Fische
Sprache wäre, ohne sie spricht?

 

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Beschäftigt man sich eingehender mit der Landeskunde des Gouvernements Wladimir, findet man immer wieder Hinweise auf einen zumeist eher wenig geachteten und kaum beachteten Stand, der es dennoch eben hier zwischen Moskau und Nischnij Nowgorod zu einer besonderen Blüte seines Gewerbes brachte. Die Rede ist von den Hausierern, einem längst ausgestorbenen Beruf, der freilich noch einige Spuren hinterlassen hat, denen der Blog heute nachgehen möchte.

Die umherziehenden Händler schufen vom 17. bis 19. Jahrhundert im Zarenreich ihre ganz eigene Kultur, die allerdings mit der Erschließung der Weiten des Landes durch die Eisenbahn und die damit möglich gewordene bessere Versorgung der Kleinstädte und Dörfer mit Dingen des täglichen Bedarfs ihren Niedergang erlebte, bis die Sowjetmacht dem selbständigen Broterwerb der Hausierer ein gewaltsames Ende bereitete. Bereichert sollen sie sich nach der roten Ideologie an den Bauern haben, und als Unterart der Kaufleute war den Tandlern ohnehin alles nur denkbar Klassenfeindliche zuzutrauen. Der Staat allein war nun für die kollektive Versorgung zuständig – mit bekanntem Ausgang, durch den wir heute aber nicht gehen wollen.

"Athener" in seiner Tracht, Ende 19. Jahrhundert

„Athener“ in seiner Tracht, Ende 19. Jahrhundert

Wirtschaftshistorisch betrachtet handelt es sich bei den Hausierern um eine noch wenig erforschte Form des Unternehmertums, dem geschätzt mehr als fünf Millionen Bauern – saisonal, oft aber auch als neuem Vollerwerb – ihre Existenz verdankten. Aber auch sprachgeschichtlich stellen sie ein Gruppe dar, die Aufmerksamkeit verdient. Die Hausierer nannten sich nämlich „Athener“ – im Russischen офеня, abgeleitet von афинян -, so zumindest eine Theorie, die sich auf den Umstand stützt, daß in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts viele griechische Händler in Moskowien auftauchen und sich später wohl assimilierten. Für die Annahme spricht auch, daß die „Athener“ bis zu ihrer Auslöschung einen eigenen Jargon pflegten, in dem eine Vielzahl griechischer Begriffe Verwendung fand. Eine anderer Erklärung mutmaßt, bei dem Eigennamen „Athener“ handle es ich um eine eigene Wortschöpfung der Hausierersprache mit der Bedeutung von „Kreuzträger“, „Getaufte“, „Rechtgläubige“. Möglich, aber diese Attribute hätten doch keine Unterscheidung von der übrigen Bevölkerung markiert, die doch, von den wenigen Ausländern und Sektierern abgesehen, so gut wie vollständig im Zeichen der Orthodoxie lebte. Klären läßt sich diese Frage freilich nicht mehr, denn die „kreuztragenden Athener“ hinterließen keine schriftlichen Aufzeichnungen aus der Zeit ihres Entstehens.

Hausierer mit Bauladen im frühen 19. Jahrhundert

Hausierer mit Bauladen im frühen 19. Jahrhundert

Gewißheit besteht aber hinsichtlich dieser Zunft und ihrer Verbindung zur Region Wladimir. In Wjasniki nämlich, gut 100 km östlich von Erlangens Partnerstadt an der Kljasma gelegen, und in den Dörfern der Umgebung, wo neben dem Obst- und Gartenbau auch das Kunsthandwerk blühte, bildete sich der Zweig von Hausierern, die vor allem Ikonen und andere Devotionalien im Angebot hatten. Warum gerade hier? Dafür gibt es ganz profane Gründe. Im Gouvernement Wladimir nämlich wuchsen damals vor allem Linde und Eiche – heute leider vielerorts verdrängt von der Nadelwaldmonokultur -, auf deren Holz sich Ikonen prächtig malen lassen; die Flüsse Oka, Kljasma, Nerl oder Tesa boten die Verkehrsinfrastruktur; die landwirtschaftliche Saisonarbeit machte einen Nebenerwerb notwendig. Und schließlich gab es hier den ganzen spirituellen „Überbau“ dank der besonderen Rolle Wladimirs als zeitweiser Sitz des Patriarchen, als Hauptstadt der Alten Rus und als Zentrum des orthodoxen Mönchtums mit all seinen Pilgerstätten. Weder Kirche noch Staat sorgten für die Verbreitung und den Vertrieb all der weltlichen wie geistlichen Güter, die rund um Wjasniki vom Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts in großer Stückzahl hergestellt wurden, und so übernahmen die Höker diese offenbar lohnende Aufgabe.

Beim Handeln, frühes 19. Jahrhundert

Beim Handeln, frühes 19. Jahrhundert

Es gibt Schätzungen, wonach Ende des 19. Jahrhunderts in der Gegend jährlich bis zu fünfeinhalb Millionen Heiligenbilder hergestellt wurden, die kostbarsten davon aus den Dörfern Palech, Mstjora und Choluj, wo bis heute als künstlerischer Ausweg die schönsten Lackminiaturen Rußlands entstehen, nachdem die Kommunisten die Ikonenmalerei verboten hatten. Allein aus dem kleinen Mstjora kamen Jahr für Jahr mehr als 500.000 lizensierte Ikonen, von den etwa 80.000 aufwendig restaurierten Bildern ganz zu schweigen. Viel Arbeit für die reisenden Händler, das alles unter das gottesfürchtige Volk, in die Gemeinden und Klöster zu bringen.

In den Körben der Höker fanden sich aber natürlich nicht nur gottgefällige Gegenstände, sondern auch ganz Irdisches wie Kurzwaren, Schmuck, Stoffe, Leder, Bücher und wohl auch die eine oder andere Waffe. Es gab Tandler, die sich auf antiquarische Objekte spezialisierten, oder wandernde Händler, die vor allem Haushaltswaren führten, eben alles, was man so brauchte und vor Ort nicht erhältlich war. Wegen der fehlenden Infrastruktur wurde diese Art des Handels vom Staat geduldet, auch wenn die Reisenden in eigener Sache wohl zumeist nur unregelmäßig, wenn überhaupt, Steuern entrichteten.

Ikonenhändler unterwegs

Ikonenhändler unterwegs

Zurück zu den Ikonenhändlern. Die profitierten von einer steigenden Nachfrage und davon, daß die Klöster vom Ende des 17. Jahrhunderts an selbst nicht mehr die in ihren Mauern entstandenen Heiligenbilder vertrieben. Dies war dann auch die Stunde der Kunsthandwerker aus dem Bauernstand, die mit dem Malen von Ikonen oft ihren Lebensunterhalt bestritten. Freilich schufen sie dabei nicht immer Kunstwerke, die dem Kanon entsprachen. Es gibt Zeugnisse, wonach derartige Ikonen „frevlerisch falsch“ gewesen seine, und die dargestellten Heiligen eher „Ungeheuern denn Stellvertretern des Allmächtigen“ glichen. In einer Urkunde aus dem Jahr 1668 heißt es gar: „In einigen Orten bei Susdal, insbesondere im Kirchdorf Choluj, malen die Ansässigen Ikonen ohne jeden Sinn für Ehrfurcht.“ Seltsamerweise bürgerte sich von da an auch der Begriff „Susdaler Gewerbe“ ein, obwohl in Susdal selbst kaum Ikonen gemalt wurden und keine Hausierer lebten. Anders eben als in der Umgebung von Wjasniki sowie Palech, Choluj und Mstjora, wo noch Ende des 19. Jahrhunderts, also bereits in der Zeit ihres Niedergangs, mehr als 150 Dörfer bekannt waren, wo fast ausschließlich die Familien diese „Athener“ lebten, Ihr Wirkungskreis reichte bis in die letzten Winkel des Zarenreiches, sogar bis nach Sibirien, wo man die Hausierer „Wjasniker“ oder „Susdaler“ nannte. Spätestens seit Anfang des 18. Jahrhunderts ist belegt, daß die fleißigen Händler aus der Region Wladimir auch im Ausland, etwa in Serbien, Ikonen für den Massengebrauch vertrieben. 1754 schreibt ein Priester aus Susdal: „Viele aus Choluj und Palech reisen mit heiligen Ikonen in ferne Länder, als da sind Polen, Caesarien, Slowenien, Serbien, Bulgarien und andere, und tauschen dort die hl. Ikonen.“

Es wird niemanden groß verwundern, daß bei diesem Tauschhandel auch mancher Schwindel betrieben wurde. Manches Heiligenbild wurde wohl als älter ausgegeben, als es tatsächlich war, um einen höheren Preis zu erzielen. Besonders tückisch war aber folgendes Gaunerstück: Zwei „Athener“ taten sich zusammen. Der eine ließ auf dem Holzbrett Fratzen und Symbole der Hölle anbringen, bevor es bemalt wurde. Diese Ikonen verhökerte er dann in einem Dorf, wo wenig später sein Kumpan mit seiner Hucke voll Heiligenbilder eintraf. Die Leute, frisch eingedeckt, wollten ihm natürlich nichts abkaufen, bis er sie aufklärte und ihnen die Augen öffnete: „Einem Betrüger seid ihr aufgesessen. Schaut her!“ Und schon kratzt er den Lack von einer Ikone seines Kollegen ab, und hervor kommen Zeichen des Gottseibeiuns. Die gutgläubigen Muschiks werfen die Abbilder der Dämonen ins Feuer – und kaufen von ihren letzten Kopeken die neuen Ikonen, während die beiden Spießgesellen doppelten Gewinn machen.

Lackminiatur aus Mstjora

Lackminiatur aus Mstjora

Doch keine Sorge: Wenn heute ein Gast aus Wladimir eine Ikone oder eine Lackminiatur mitbringt, geschieht das reinen Herzens, die Herkunft unterliegt keinem Zweifel, und übervorteilt soll mit dem Geschenk auch ganz bestimmt niemand werden. Vielleicht wird die Freude über das kostbare Präsent sogar aber noch ein wenig größer, wenn man die Geschichte von den Wladimirer „Athenern“ mitdenkt.

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Nach dem vielen Schnee und einem frostig-langen Winter hat erst dieser Tage vom Eise befreit den Strom, die Bäche des Frühlings holder, belebender Blick. Doch im Tale der Kljasma und ihrer Nebenflüsse grünet nun weniger Hoffnungsglück, wie weiland beim Osterspaziergang des Doktor Faust, es droht vielmehr Überflutung, Überschwemmung, Hochwasser. Die Partnerstadt selbst bleibt wohl dank ihrer erhobenen Lage auf dem Trockenen, aber im weiten flachen Land steigen die Pegel stetig und erreichen mancherorts kritische Marken. In der Kreisstadt Sudogda stehen schon über 50 Grundstücke unter Wasser, das Kunsthandwerkerstädtchen Mstjora meldet Land unter, Landstraßen um Wladimir sind nicht mehr passierbar, ein Ortsteil von Sobinka ist durch die trüben Fluten von der Außenwelt abgeschnitten. Die Nerl, die an der Mündung in die Kljasma schon die Wiesen um Bogoljubowo unter Wasser gesetzt hat, dürfte noch um einen weiteren Meter anschwellen. Der Scheitelpunkt jedenfalls des Hochwassers in der Region Wladimir wird erst in einigen Tagen erwartet.

Mariä-Schutz-Kirche an der Nerl.

Mariä-Schutz-Kirche an der Nerl.

Bei aller berechtigten Sorge darf man aber erwarten, daß Mariä Schutz an der Nerl auch diese Flut – wie all die vielen vorangegangenen – auf ihrem künstlich von den Baumeistern vor fast 900 Jahren aufgeschütteten Hügel trockenen Fußes übersteht. Allerdings bleibt dieses Schmuckstück der russischen Kirchenarchitektur wohl noch einige Wochen auf dem Landweg unerreichbar. Findige Fährleute bieten deshalb nun Bootsfahrten zu dem UNESCO-Weltkulturerbe an. Bis zum Partnerschaftsjubiläum Ende Mai aber, ist der Pfad zum Gotteshaus hoffentlich wieder begehbar, damit alle Gäste aus Erlangen frei nach Goethe zufrieden jauchzen, groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich rein!

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Wladimirs Oberbürgermeister, Sergej Sacharow, hält Wort. Beim Empfang für die Gäste aus Erlangen hatte er am Donnerstag unmittelbar vor seiner Kurzreise nach Berlin versprochen, sich auf dem Rückweg am Samstagabend noch von den Freunden zu verabschieden. Und tatsächlich stieß er, selbst am Steuer, vom Flughafen kommend, zu dem Gastmahl, das Guram Tschjotschjew ausgerichtet hatte, um jedem Delegationsmitglied ein Abschiedsgeschenk zu überreichen und zu hören, mit welchen Eindrücken die Erlanger die Heimreise am Sonntag antreten würden. 

Stephan Beck und Sergej Sacharow. Im Hintergrund Leonhard Hirl.

Stephan Beck und Sergej Sacharow. Im Hintergrund Leonhard Hirl.

Stephan Beck, im Kulturamt für die Vereinsförderung und die kulturelle Stadtteilarbeit zuständig, ist rundum zufrieden und spricht damit für alle. Parallel zu dem Seminar zur Behindertenarbeit erkundete er die räumlichen und organisatorischen Bedingungen für die Auftritte und Beiträge der Kulturgruppen beim Partnerschaftsjubiläum, besuchte das Puppentheater und das Schauspielhaus, traf seine Kollegen aus dem Kulturamt, staunte ein wenig neidisch über die Vielzahl der Freizeiteinrichtungen und Konzertsäle, sprach mit der Leitung des Instituts für Kunst an der Universität Wladimir und kehrt mit der Überzeugung zurück: Bei der Unterstützung und den Gegenheiten vor Ort kann das Jubiläum mit all seinen vielfältigen Programmpunkten ruhig kommen. 

Tatjana Popowa.

Tatjana Popowa.

Themenwechsel. Und doch bleiben wir bei der Kultur. Wie schlecht es in der Region bestellt ist um die Zukunft des Kunsthandwerks, wurde gerade erst im Blog behandelt. Während in Mstjora die Stickerinnen nach Hause geschickt werden (s. http://is.gd/H0iEeO), unterrichtet Tatjana Popowa 60 Kinder in der Kunstschule von Sobinka, 40 km südwestlich von Wladimir, just in diesem Handwerk. Gerade einmal 20.000 Einwohner hat der Ort und leistet sich doch eine außerschulische Einrichtung, an der mehr als 800 Kinder unter fachkundiger Anleitung an Kunst und Kultur herangeführt werden. 

Tatjana Popowa.

Tatjana Popowa.

Eine kleine Auswahl der anmutigen Handarbeiten bringt Tatjana Popowa eigens ins Erlangen-Haus. Nicht ohne gute Hintergedanken. Ihre jungen Künstler suchen nach Gleichgesinnten in Erlangen, würden gern einmal die eigenen Kunstwerke in Deutschland zeigen und sich über einen Austausch freuen, zumal sie sich besonders der Schwälmer Weißstickerei widmen. All diesen vielen Details und Verästelungen muß ein Oberbürgermeister natürlich nicht wissen. Wissen aber soll er, daß er und seine Stadt Wladimir wieder neue Freunde gefunden haben, die in ihren so unterschiedlichen Bereichen alles tun werden, um die Partnerschaft noch lebendiger und vielfältiger zu machen. Und sie werden ebenso Wort halten wie er. Versprochen!

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Ins Rote Buch des Kunsthandwerks muß man wohl bald zwei Spezies neu aufnehmen. Mehr als zwei Jahrhunderte lang steppte, nähte und stickte man fast in jedem Haushalt. Nun hat in Mstjora, dem Zentrum der russischen Stickerei, der letzte Betrieb die Arbeit eingestellt. 200 hochspezialisierte Arbeitsplätze fallen ersatzlos weg. Nicht mehr rentabel.

Stickarbeit aus Mstjora.

Stickarbeit aus Mstjora.

Bereits im 18. Jahrhundert führten Nonnen das Sticken in Mstjora ein und begründeten damit einen ganzen Erwerbszweig mit einer eigenen Tradition, die unverwechselbare Blumenmuster auf Stoff und Batist hervorbrachte. Filigrane Kunstwerke, die man bald nur noch im Museum finden wird. Nun will zwar die örtliche Berufsfachschule wenigstens ein bis zwei Plätze weiter für die Ausbildung in dem aussterbenden Kunsthandwerk vorhalten, aber ohne Perspektive, einen Arbeitsplatz zu finden, wird sich der Zulauf in Grenzen halten. Bleibt die Hoffnung auf den Staat, der helfen soll, diese Volkskunst am Leben zu erhalten. Aber ob der das als seine Pflichtaufgabe sieht, bleibt abzuwarten.

Lackminiaturarbeit aus Mstjora

Lackminiaturarbeit aus Mstjora

Auch einem anderen Kunsthandwerk in dem 5.000-Seelen-Städtchen Mstjora, fast zwei Autostunden westlich von Wladimir gelegen, droht das Aus. Das Institut für Kunsthandwerk feiert zwar gerade sein achtzigjähriges Bestehen, aber immer weniger entscheiden sich für die Technik der Lackminiaturmalerei. Fast ein Jahrhundert lang prägte sie gemeinsam mit der Stickerei das kulturelle und wirtschaftliche Leben am Ort, bewahrte die Tradition, natürliche Farben auf der Grundlage von Eidotter zu verwenden. Jetzt fehlt es an Nachwuchs. Wo vor zehn Jahren noch mehr als 200 junge Menschen lernten, den feinen Pinsel richtig auf den Schatullen aus Pappmaché zu führen, verlieren sich jetzt ganze 40 in den Studios. Die Kunst geht zurück auf die Ikonenmalerei, nach der Oktoberrevolution verboten und abgedrängt in diese handwerkliche Nische, wo sie eine ganz eigene Blüte entwickelte und sich etwa durch die Farbgebung ihrer Märchenmotive zu unterscheiden wußte von den Traditionen in Palech, Fedoskino und Choluja.

Lackminiaturarbeit aus Mstjora.

Lackminiaturarbeit aus Mstjora.

Vielleicht kann ja der Tourismus helfen, diese bedrohten Handwerkskünste zu erhalten. Dazu müßten freilich mehr Reiseanbieter Mstjora in ihr Programm aufnehmen und es Wolfram Howein gleichtun, der auch bei seiner Kulturreise anläßlich des dreißigjährigen Partnerschaftsjubiläums Ende Mai mit einer Gruppe diese Kunststadt besucht.

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