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Posts Tagged ‘Moritz Florin’


Ein derart volles Haus mit einem dreißigköpfigen Auditorium wie gestern abend in der Aula der Volkshochschule hatte Moritz Florin dann doch nicht zu seinem Vortrag zum Thema „Rußland zwischen Revolution und Terror“ erwartet, doch der promovierte Historiker und Akademische Rat vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU fand zu dem ausnahmsweise nicht studentisch geprägten Publikum rasch Zugang und nahm es auf eine lehrreiche Reise mit in jene Zeiten, wo Schrecken und Gewalt als Programm für gesellschaftlichen Umsturz firmierten.

Moritz Florin

Um diesen Ansatz zu stützen auch gleich zu Beginn des etwa einstündigen Referats der Hinweis: „Wer die jüngere Geschichte Europas verstehen will, beschäftige sich mit der Französischen Revolution.“ Der Geist jener Zeit beeinflußte auch und besonders das Denken im Russischen Reich, wie prägend, zeigt ein Zitat aus dem 1868/69 veröffentlichten Roman „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoj:

„Die Revolution war eine große Sache!“ fuhr Monsieur Pierre fort und verriet durch diese kühne und herausfordernde Behauptung sein äußert jugendliches Alter. „Wie? Revolution und Königsmord sind eine große Sache?“ „Ich rede nicht von Königsmord, ich rede von Ideen.“ „Ja. Ideen von Raub, Mord und Königsmord“, warf eine ironische Stimme erneut ein. „Das waren zweifellos Auswüchse, aber nicht das eigentlich Wichtige. Wirklich wichtig sind die Menschenrechte, die Befreiung von Vorurteilen und die Gleichheit der Bürger.“

Wohl kaum Zufall, wenn gerade einmal zwei Jahre vorher Dmitrij Karakosow einen Attentatsversuch auf Zar Alexander II unternimmt, verhindert ausgerechnet von einem Lehrling, dem der Prototyp des Terrorismus als einen der „Esel“ bezeichnet, für die er doch geschossen habe. Immerhin „inspiriert“ der Geheimbündler über seine Hinrichtung hinaus spätere Anschläge wie den von Wera Sassulitsch auf den Stadthauptmann von Sankt Petersburg im Jahr 1878 und 1881 die schließlich erfolgreiche Ermordung von Zar Alexander II durch eine Gruppe der „Narodnaja Wolja“, des selbsternannten „Volkswillens“, der die eben erst von der Leibeigenschaft befreiten, aber weiter verarmten Bauern in eine lichte Zukunft führen will und deren traditionelle genossenschaftliche Lebensweise als Grundlage der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet. Der Kaiser ist tot – ebenso wie fünf der erhängten Attentäter, darunter Sofia Perowskaja, die erste für ein politisches Vergehen hingerichtete Frau im Russischen Reich -, doch ihm folgt der Sohn, Alexander III, der sich abwendet von den liberalen Reformen des Vaters, die Autokratie restauriert und die „Ochrana“ gründet, jene Geheimpolizei, die dem Untergrund den Krieg erklärt und später auch von den Bolschewiken unter neuen Namen fortgesetzt wird. Diese betrachten den Terrorismus übrigens als ineffektiv und gescheitert; sie setzen lieber – und das durchaus erfolgreich – auf Staatsterror gegenüber ihren Gegnern. Gelesen aber hatten sie alle – bis hin zu Wladimir Lenin – den 1869 von Sergej Netschajew verfaßten „Revolutionären Katechismus“ https://is.gd/7vlmzb, das dem Verfechter der gerechten Sache einiges abverlangt:

Tyrannisch gegenüber sich selber, muß er auch anderen gegenüber tyrannisch sein. Er muß all die sanften, schwächenden Gefühle der Verwandtschaft, Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit und sogar der Ehre in sich unterdrücken und der eiskalten, zielstrebigen Leidenschaft für die Revolution Raum geben. Für ihn gibt es nur eine Freude, einen Trost, einen Lohn und eine Befriedigung — den Erfolg der Revolution. Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken haben, ein Ziel vor sich sehen — erbarmungslose Zerstörung. Während er unermüdlich und kaltblütig diesem Ziel zustrebt, muß er bereit sein, sich selber zu vernichten und mit seinen eigenen Händen alles zu vernichten, das der Revolution im Wege steht.

Moritz Florin

Eine Stunde ist natürlich viel zu wenig für den weiten Weg vom russischen Untergrund, dem es nie gelingen sollte, das Volk auf seine Seite zu bringen, über den „Blutsonntag“ im Jahr 1905 bis hin zur Bürgerlichen Revolution und dem darauf folgenden Staatsstreiches der Bolschewiken 1917, die dem Terrorismus von Anarchisten und Nihilisten die systematische Unterdrückung und physische Vernichtung aller Gegner des neuen Systems entgegensetzten und Staatsterror zur Methode machten. Doch wer dabei war und die anschließende Diskussion in ihrem lebhaften Widerstreit erlebte, nahm zumindest den Vorsatz mit nach Hause, diesen so entscheidenden Teil der russischen Geschichte im Selbststudium zu vertiefen, denn, so der Dozent, die Ideengeschichte der russischen Sozialrevolutionäre wirkte sogar noch bei der „Roten Armee Fraktion“ fort. Aber auch einmal wieder die Spur von Carl Ludwig Sand aufzunehmen, würde sich lohnen. Der aus Wunsiedel stammende Theologiestudent, dem in Alterlangen eine Straße gewidmet ist, gründete an der FAU eine Burschenschaft, die noch heute als „Bubenreuther“ bekannt ist, setzte seine Ausbildung in Jena fort und ermordete 1819 August von Kotzebue, Anlaß für Clemens Wenzel von Metternich, mit den Karlsbader Beschlüssen dem liberalen Geist an den Universitäten die Luft zu nehmen, Anlaß aber auch für den Freigeist und Sympathisanten der „Dekabristen“, Alexander Puschkin, 1825 dem fränkischen Gotteskrieger mit dem Gedicht „Der Dolch“ ein literarisches Denkmal zu setzen. Viele Spuren eben, die der gestrige Abend legte, denen nachzugehen lohnt.

Jekaterina Korschofski

Derweil im gleichen Gebäude um die selbige Zeit ein ebenfalls bis auf den letzten Platz gefülltes Klassenzimmer, wo man unter Anleitung von Jekaterina Korschofski, Absolventin der Universität Wladimir und dereinst als Au-pair in Erlangen tätig, bevor sie hier ihre Familie gründete, erfahren kann: „Kyrillisch schreiben… ist gar nicht so schwierig“. An einem Abend freilich ist das Thema noch nicht erledigt, weshalb Teil 2 des Kurses morgen folgt. Dies aber nur nachrichtlich, denn es gibt keine Plätze mehr, ausgebucht. Was wollen sich die Programmverantwortlichen der Russisch-Deutschen Wochen mehr wünschen!

 

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Die närrischen Tage eilen ihren tollen Höhepunkten entgegen, und bald schon sind die Faschingsferien der Volkshochschule wieder zu Ende. Zeit also, nochmals an die zweite Runde der „Russisch-Deutschen Wochen“ zu erinnern.

Keine zehn Jahre nach der Oktoberrevolution schrieb Michail Bulgakow seine bißige Satire von einem Hund, der sich dank chirurgischer Kunst zu einem Menschen entwickelt, ein hybrides Geschöpf, das nicht unbedingt die besten Seiten beider Wesen kultiviert. Erst 2013 erschien auf Deutsch von Alexander Nitzberg unter dem Titel „Das hündische Herz“ eine angemessene Übersetzung des Werks der sowjetischen Klassik. Die Russistin Swetlana Steinbusch, Dozentin am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, zeigt an dem Abend den 1976 entstandenen Film „Hundeherz“ und stellt am Montag, den 19. Februar, um 19.30 Uhr im Club International all die vielen Verbindungen zwischen Literatur und Kino, zwischen Imagination und Realität – damals und heute – her.

Swetlana Steinbusch, sitzend links, im Kollegenkreis des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde

Moritz Florin, promovierter Historiker und seit 2015 Akademischer Rat am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der Universität Erlangen-Nürnberg, arbeitet wissenschaftlich am Thema der Entstehung des Terrorismus und ist dabei auf den Spuren der russischen Anarchisten und Revolutionäre. Der Vortrag am Dienstag, den 20. Februar, um 19.30 Uhr in der Aula der Volkshochschule, Friedrichstraße 17, schlägt dann auch den Bogen von den ersten Anschlägen auf den Zaren im 19. Jahrhundert bis hin zu den Wirren der Oktoberrevolution und den von Terror geprägten Jahren des Bürgerkriegs und der Entstehung der Sowjetunion.

Moritz Florin inmitten seiner Studentengruppe

Wer klassische Musik in Erlangen schätzt, kennt Dorian Keilhack. Der Pianist und Dirigent seinerseits kennt wie kaum ein anderer die russische Klassik, zumal er selbst in deren Geist seine musikalische Ausbildung genoß. Am Mittwoch, den 21. Februar, um 19.00 Uhr, führt im Historischen Saal  führt der Leiter der Camerata Franconia am Flügel anhand von ausgewählten Beispielen in Wort und Klang durch die faszinierende Welt der großen russischen Namen – von Michail Glinka bis zu Dimitrij Schostakowitsch – und stellt die Bezüge zur westeuropäischen Klassik her. Hinweis: Am Sonntag, den 18. März, dirigiert Dorian Keilhack im Redoutensaal sein Orchester mit Gastmusikern aus Wladimir zum 35jährigen Jubiläum der Partnerschaft.

Dorian Keilhack (rechts im Bild) mit Gästen aus Wladimir

Alleine mit dem Fahrrad von Erlangen bis Wladimir? In nur fünf Wochen? Als Frau? Ohne Sprachkenntnisse? Alles Fragen, auf die Gertrud Härer mit einem klaren Ja antworten kann. Den ganzen August 2017 saß sie fest im Sattel, radelte über Polen und das Baltikum bis kurz vor Moskau, von wo aus sie dann mit Jonas Eberlein, ebenfalls aus Erlangen, bis in die Partnerstadt weiterfuhr, um dort auch noch am Halbmarathon teilzunehmen und als zweite ihrer Altersgruppe ins Ziel zu kommen. Etwas, das nur Gertrud Härer schafft, die an diesem Abend – mit Bildern von Othmar Wiesenegger – am Donnerstag, den 22. Februar, um 19.00 Uhr im Großen Saal (nicht im Club International, wie ursprünglich angekündigt!) von ihrem russischem Abenteuer auf Rädern viel erzählen kann.

Doris Härer mit Jonas Eberlein in Wladimir auf dem Tandem

Das Verstehen der gesprochenen Sprache bereitet oft Schwierigkeiten. Anhand ausgewählter Themen und Hörtexte sowie Originalaufnahmen aus dem Fernsehen  werden hier das Hörverstehen und die mündliche Ausdrucksfähigkeit geübt. Darüber hinaus wiederholt und erweitert man durch verschiedene Übungen die grammatischen Strukturen und den Wortschatz. Dieses Seminar (Kursnummer 17W634068) am Freitag, den 23. Februar, richtet sich von 16.00 Uhr bis 19.00 Uhr, im Raum 20 der Volkshochschule, Friedrichstraße 17, an Teilnehmer mit Vorkenntnissen. Im Unterschied zu dem Kurs „Kyrillisch schreiben… ist gar nicht so schwer“ am Dienstag, dem am Dienstag und Donnerstag stattfindet, gibt es für das Seminar noch wenige freie Plätze. Noch!

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So gut sie inhaltlich vorbereitet war, so gut ist sie auch technisch – abgesehen von anfänglichen Störgeräuschen durch falsch positionierte Mikrophone –  gestern im Universitätsgebäude der Friedrich-Alexander-Universität in der Kochstraße 4 gelungen, die erste Videokonferenz zwischen Erlangen und Wladimir. Von 9.00 Uhr bis 11.45 Uhr tauschte man Kurzvorträge zum Thema „100 Jahre Russische Revolution – Deutsche und russische Perspektiven“ aus und vertiefte anschließend den vielfältigen Stoff in der Diskussion.

Die Initiative zu dieser Premiere ging von der russischen Seite aus, die sich auf dem Bildschirm auch in beeindruckender Aufstellung präsentierte. Irina Lapschina, Leiterin der Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte und habilitierte Historikerin, moderierte im sich rasch einspielenden Tandem mit Moritz Florin, ihrem Erlanger promovierten Kollegen vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas, die Runde mit den abgesprochenen Themenblöcken.

Als Arbeitssprache hatte man Englisch gewählt, da auf Seiten Erlangens nicht alle über ausreichend Russischkenntnisse verfügten. Desto erstaunlicher der Vortrag von Alexej Andrianow auf Deutsch, wenn man einmal absieht vom flüssig-gewandten Wechsel zwischen allen drei Sprachen, den Moritz Florin an den Tag legte, oder vom gepflegten Russisch des Muttersprachlers Igor Biberman.

Wladimir zwischen Moskau und Gorkij

Das „mächtige Häuflein“ in Erlangen hatte sich gut vorbereitet mit einer Landkarte der Sowjetunion aus dem Jahr 1961, behängt mit Artikeln und Publikationen zum Thema, sowie einem kleinen Büchertisch, Zeugnisse einer intensiven Auseinandersetzung der deutschen Öffentlichkeit mit der Oktoberrevolution. Nicht von ungefähr zeigte man diese „Leistungsschau“, denn allgemein herrscht der Eindruck vor, die russische Politik, Wissenschaft und Medienwelt habe dem Jahrhundertereignis eher stiefmütterliches Interesse entgegengebracht. Ob dem auch wirklich so sei, sollte schließlich zu einem der Leitmotive der Konferenz werden.

Klaus Dyroff grüßt Wladimir

Von Nikolaj Karamsin, dem Vater der russischen Geschichtsschreibung stammt der Satz „Das Volk ist ein scharfes Eisen, mit dem zu spielen gefährlich ist, und die Revolution ist ein offener Sarg für die Tugend ebenso wie für die Missetat.“ Er hatte die Französische Revolution vor Augen, aber gültig ist sein Aphorismus sicher nicht minder für das, was im Oktober/November vor 100 Jahren in Petrograd seinen blutigen Anfang nahm.

Heute, so Irina Lapschina in ihrer Einführung, sei die Bevölkerung in der Beurteilung der Ereignisse – ob Revolution oder Staatsstreich – geteilter Meinung: 46:46 stehen sich mit einer positiven bzw. negativen Haltung gegenüber. Und die Historiker hier wie dort? Das auszudiskutieren, genügen natürlich auch drei Stunden nicht, aber ein guter Anfang ist gemacht.

Moritz Florin im Dialog mit Irina Lapschina

Immerhin gelang es, in zwölf Blöcken im Wechsel neue Ansätze des Verständnisses und der Interpretation vorzustellen, weg von Sozialgeschichte, wie sie in der UdSSR vorherrschte, hin zu einer stärker subjektiven Wahrnehmung etwa in Karl Schlögels neuer Monographie „Das sowjetische Jahrhundert“, in neuen Bewertungen der Revolution durch zeitgenössische russische Forscher, die Entdeckung von Archivmaterial mit Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, wie derzeit in der Süddeutschen Zeitung publiziert, in der Rezeption von Erinnerungen des französischen Diplomaten Georges Maurice Paléologue, der Reportagen des amerikanischen Journalisten und Gründer der kommunistischen Arbeiterpartei in den USA, John Reed, oder der Memoiren des britischen Diplomaten, George Buchanan.

Michael Herzog zum Thema „Martin Luther und Wladimir Lenin“

Interessant auch der Einblick in die Stoffvermittlung in russischen Lehrbüchern, in eine große Ausstellung im Landesmuseum Wladimir oder die umfangreiche Berichterstattung deutscher Printmedien und TV-Reportagen wie der Sendung „Zarensturz – Ende der Romanows“ im ZDF oder „Die Künstler und die Revolution“ auf Arte. Kurios die Parallelen, die sich – an manchem wirren Haar – herbeiziehen lassen zwischen 500 Jahren Reformation und 100 Jahren Revolution.

Die Technik überlistet von Sonja Ruppik und Cornelia Götschel

In der Diskussion stellte sich rasch eines heraus: Man kann und will über alles sprechen, weder hier noch dort gibt es Tabuzonen oder vorgestanzte Auffassungen, die ja Friedrich Schiller immer so fürchtete:  „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, / schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Auch nicht zum mehr diskutierten als rezipierten Spielfilm „Mathilde“, der in russisch-orthodoxen Kreisen – auch in Wladimir – so viel Wirbel ausgelöst hatte und die gestrige Runde so gelassen ließ; auch nicht zur Frage, warum denn nun die Kreml-Politik die Rote Revolution im Jubiläumsjahr so unter den Scheffel stellt. Eine Wladimirer Studentin mutmaßt denn auch, man wolle wohl angesichts der Präsidentschaftswahl im März niemanden auch nur in Gedanken auf die Barrikaden bringen. Ein eher geringes Risiko so die russische Meinung dazu, zumal ja auch nur wenige den Aufrufen der Kommunisten zu ihren Kundgebungen folgten.

Werner Landmann, Sonja Ruppig, Cornelia Götschel, Igor Biberman, Moritz Florin, Andreas Beckert, Klaus Dyroff und Michael Herzog

In Abwandlung eines Ausspruchs von Zarin Katharina II – „Ihr Philosophen habt es gut. Ihr schreibt auf Papier, und Papier ist geduldig. Ich unglückliche Kaiserin schreibe auf der empfindlichen Haut von Menschen.“ – könnte man sagen, die Oktoberrevolution hat die Haut von Millionen von Menschen gegerbt, die Narben und Verletzungen werden wohl noch lange weitervererbt. Da braucht es dann schon eine gute Erklärung für die Frage, warum neuerdings in der russischen Forschung der Begriff „Große Revolution“ auftauche. Vielleicht, so eine Deutung aus Wladimir, weil damit das gesamte Jahr 1917 gemeint ist, das Zusammenwirken der bürgerlichen Revolution im Februar mit dem bolschewistischen Umsturz im Oktober. Da besteht aber sicher noch Klärungsbedarf zwischen den Debattanten, die es sicher nicht bei dieser ersten Videokonferenz bewenden lassen, zumal – wie es sich für jede anständige Konferenz gehört – eine Zusammenstellung und Publizierung der Beiträge vorgesehen ist und man auch schon ein Wiedersehen realiter im Sommer plant.

S. auch: https://is.gd/t6UFpQ und https://is.gd/PkRADg

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Das Jahr ist noch nicht zu Ende, aber ein erstes Fazit darf man schon ziehen und dabei auf einen besonderen Glücksfall der Zusammenarbeit im Rahmen der Städtepartnerschaft hinweisen: den Austausch des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU mit der Staatlichen Universität Wladimir. Im Ergebnis der Exkursion einer neunzehnköpfigen Gruppe aus Erlangen mit der Lehrstuhlleiterin Julia Obertreis nach Sankt Petersburg und Wladimir Ende Mai bildete sich nicht nur die Studenteninitiative „Kommunalka“, sondern die russische Seite schlägt nun auch zum Thema „Die Russische Revolution. Russische und deutsche Perspektiven.“ eine Videokonferenz vor, die am Freitag, den 8. Dezember, um 9.00 Uhr im Regionalen Rechenzentrum der FAU, Martensstraße 1 starten und bis 12.00 Uhr dauern soll. Geplant ist die Diskussion – übrigens auf Englisch und Russisch, wobei ggf. für Übersetzung gesorgt wird – als Synopsis von Publikationen und Interpretationen in beiden Ländern zum „Roten Oktober“.

Alle Macht den Räten! 1917 Beginn einer neuen Ära.

In kurzen Vorträgen, nicht länger als fünf Minuten, wollen die Studenten der Partnerstädte ein aktuelles Buch, einen Zeitungsartikel oder Film, eine Ausstellung, Konferenz oder Dokumentation zum Thema vorstellen. Einige Beiträge stehen schon fest. So wird Moritz Florin, Koordinator der Veranstaltung und Akademischer Rat am Lehrstuhl, zu der Plakatausstellung „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“ sprechen, die in ganz Deutschland in Schulen und an anderen öffentlichen Orten gezeigt wurde, siehe: https://is.gd/7d5BEN. Klaus Dyroff hat eine Reihe von Zeitungsartikeln zum Thema zusammengestellt, die er allen Teilnehmern in Form eines Readers zur Verfügung stellt.

Es lebe die große sozialistische Oktoberrevolution!

Thematisiert werden können aber auch die aktuellen Fernsehdokumentationen zu dem epochalen Ereignis, etwa „Der letzte Zar“ – siehe https://is.gd/i5neff, wo unter anderem Matthias Stadelmann, Professor am Lehrstuhl von Julia Obertreis, zu sehen ist. Als Stoff bieten sich aber auch neue Bücher deutscher Historiker an, darunter Martin Aust, Gerd Koenen und Karl Schlögel. Zur Lektüre und Vorbereitung empfohlen auch „Rußland 1917“ aus der Feder des Erlanger Emeritus, Helmut Altrichter. Darüber hinaus befassen sich mit dem Jahrestag die Publikationen „100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, Berlin 2017“, die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Osteuropa“ sowie das kürzlich erschienene Heft aus der Reihe „Geo-Epoche“. Angesprochen werden können jedoch auch durchaus heikle Themen wie der Film „Mathilde“, zu dessen Resonanz in der russischen und insbesondere der Wladimirer Öffentlichkeit auch der Blog berichtete: https://is.gd/t6UFpQ

Das Land den Bauern, die Betriebe den Arbeitern! – Demonstration der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation am 7. November 2017 in Wladimir.

So frei die Wissenschaft, so offen die Teilnahme – auch ohne Immatrikulation. Wer also an der Videokonferenz – gleich ob aktiv mit einem eigenen Beitrag oder als Gasthörer – teilnehmen möchte, melde sich bei moritz.florin@fau.de an, auch um zu erfahren, in welchem Raum die Veranstaltung stattfinden wird.

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In Erlangens Partnerstadt am frühen Morgen angekommen, folgte eine etwas längere Wanderung zum Hostel. Wladimir bot bereits auf den ersten Blick einen deutlichen Kontrast zur Metropole Sankt Petersburg. Viele Häuser sind einfach und von der Sowjetarchitektur geprägt. An vielen Fassaden kann man auch noch Hammer und Sichel oder rote Sterne als Ornamente entdecken. Nach dem Einchecken, Frühstück und Erholungspause machte sich die Gruppe per Bus zur Universität auf. Auf dem Weg dorthin konnten wir weitere Eindrücke der Stadt gewinnen, so passierten wir beispielsweise eine weitere Lenin-Statue.

Willkommen in der Welt des Wissens

An der Universität angekommen, wurden wir in einen prachtvollen Konferenzraum geführt, wo eine Delegation russischer Studenten auf uns wartete. Da Wladimir die Partnerstadt von Erlangen ist und auch die Universitäten eine Kooperation pflegen, hatten wir die Möglichkeit, uns auszutauschen und einander anzunähern. So gewannen wir viele Erkenntnisse über den Alltag der russischen Kommilitonen, beispielsweise liegt die zu erwartende Bezahlung für angehende Akademiker hier weit niedriger als in Deutschland. Andererseits war zu erkennen, wie eng an russischen Hochschulen das Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden zu sein scheint. Trotz einiger Anfangsschwierigkeiten entfaltete sich eine lebhafte Diskussion über die Revolution, Geschichtspolitik und Geschichtsunterricht in beiden Ländern. Nach der Diskussionsrunde bot eine längere Mittagspause die Möglichkeit, sich mit den Gastgebern in kleinerem Kreis zu unterhalten. So wurden uns einige Hörsäle gezeigt, und wir probierten die Mensa aus. Außerdem machten wir nähere Bekanntschaft mit dem Erlanger Austauschstudenten Max Firgau, der ebenfalls bei der Diskussion anwesend war und uns für den Rest unserer Exkursion begleitete. Moritz Florin und Julia Obertreis hatten zudem die Gelegenheit, sich mit ihren russischen Kollegen über weitere Pläne zur Zusammenarbeit auszutauschen.

Demetrius-Kathedrale

Nach der Mittagspause folgte eine Stadtbesichtigung, bei der uns die kenntnisreiche Stadtführerin Jelena Ljubar die Sehenswürdigkeiten von Wladimir präsentierte. Zunächst besichtigten wir die Demetrius-Kathedrale, einen von außen reich mit Reliefs geschmückten Kreuzkuppelzentralbau aus dem 12. Jahrhundert. Der Innenraum ist sehr schlicht, allein einige wenige Fresken aus der Erbauungszeit und ein Dachkreuz, das nun am Altar steht, schmücken das Innere der Kirche. Dann gingen wir zur nahe gelegenen Mariä-Entschlafens-Kathedrale, die ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert und der Zeit des Großfürstentums Wladimir – Susdal stammt. Im Inneren befinden sich eindrucksvolle Fresken von Andrej Rubljow aus dem 15. Jahrhundert, die unter anderem eine Darstellung des Jüngsten Gerichts zeigen. Der letzte Programmpunkt war dann die Besichtigung der Anlage des Goldenen Tors, das aus derselben Zeit wie die anderen Sehenswürdigkeiten stammt und eine Ausstellung beherbergt. Am Abend traf sich die Gruppe wieder mit einigen der russischen Studenten vom Vormittag, um gemeinsam essen zu gehen. Dabei legten sich vor allem die männlichen Exkursionsteilnehmer mächtig ins Zeug, um bei den russischen Studentinnen einen guten Eindruck zu machen, natürlich nur aus Gründen der Völkerverständigung…

Den letzten Tag unserer Exkursion verbrachten wir im kleinen, ländlichen aber historisch wichtigen Ort Susdal. Neben Max begleitete uns hier auch eine russische Studentin und wieder unsere Städteführerin Jelena Ljubar. Die Reise von Wladimir nach Susdal gestaltete sich als ein kleines Abenteuer an sich, denn der Bus war brechend voll, und eine chinesische Touristengruppe schien, sich uns anschließen zu wollen. In Susdal angekommen, besichtigten wir zunächst das Erlöser-Euphemius-Kloster. In der dortigen Erlöser-Verklärungs-Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert durften wir einem fünfköpfigen Männerchor bei der Interpretation eines Abendgebets in Altrussisch zuhören. Der sphärische Klang des Gesangs vor der Kulisse der bunten Fresken im reich ausgemalten Innenraum war ein einmaliges Erlebnis. Eine weitere Sehenswürdigkeit stellte der Glockenturm der Anlage dar. Um 12 Uhr hörten wir dem dort per Hand intonierten Glockenspiel zu, das überraschend dynamisch und rhythmisch klingt. Außerdem legten wir einen kurzen Halt am Mausoleum des Fürsten Dmitrij Poscharskij ein. Vom Kloster aus liefen wir dann zum Susdaler Kreml. Dort besichtigten wir die innerhalb der Kremlmauern befindliche Mariä-Geburts-Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert. Ihre blauen Zwiebeldächer muten durch ihre Verzierung an wie ein Sternenhimmel.

Mariä-Geburts-Kathedrale

Im Inneren der Kirche kann man ein goldenes Tor bestaunen, das in der Art auch einmal in Wladimir vorhanden war, bevor es geraubt wurde. Eine weitere Besonderheit im Inneren ist die archetypische Ikonenwand, die durch ihr üppiges Gold beeindruckt. Vom Kreml aus spazierten wir durch den Ort über weite Wiesen und über einen Markt, der allerhand Souvenirs und russische Spezialitäten bot. Die letzte Station in Susdal war das Freilichtmuseum für Holzarchitektur, das Bauernhäuser und Holzkirchen aus dem 18. und 19. Jahrhundert ausstellt. In der Holzkirche konnten wir im Vergleich zu den bisher besichtigten Kircheninnenräumen eine sehr einfach gehaltene Ikonenwand sehen. Schnitzereien setzten die Ikonen stimmungsvoll in Szene und handgewebte Läufer sorgten für ein familiäres Gefühl. Verschieden große Bauernhäuser auf dem Gelände veranschaulichten die Lebensweise der Bauern unterschiedlicher sozialer Schichten. Im Inneren konnte man sehen, wie die Menschen früher lebten: mit dem Ofen als wichtigstem Einrichtungsgegenstand, den Bänken entlang der Wand und dem großen Tisch in der Stube, über dem in der rechten Ecke des Raums die Ikonenecke schwebte.

Gruppe in Susdal

Nach diesem ereignisreichen Vormittag in Susdal kehrten wir am Nachmittag zurück nach Wladimir. Dort besuchten wir noch das Erlangen-Haus als zentralen Ort der Städtepartnerschaft. Dann ging es zum Abendessen in ein aserbaidschanisches Restaurant. Ein Teil der Gruppe besuchte zuvor jedoch noch einen orthodoxen Gottesdienst in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Auch dies war ein faszinierendes Erlebnis, da die Art und Weise, wie der Gottesdienst in der orthodoxen Kirche abgehalten wird, so stark von den katholischen und evangelischen Riten abweicht. Die Gläubigen stehen und können umhergehen. In der Mitte des Raums vor dem Altar stehen die Priester mit der heiligen Schrift und halten im Sprechgesang den Gottesdienst ab, während die Gläubigen sich wiederholt bekreuzigen und verbeugen. Da die Orthodoxie so allgegenwärtig ist und Religiosität in ganz Osteuropa immer noch einen hohen Stellenwert besitzt, war es interessant, während dieser Exkursion auch einen Einblick in die spirituellen Traditionen und Praktiken des Landes zu erhalten. Insgesamt kann man sagen: Die Städte Wladimir und Susdal bilden einen enormen Kontrast zur Millionenmetropole Sankt Petersburg mit ihrer westlichen und imposanten Architektur. Wir erhielten so einen vielseitigen Blick auf das Land mit all seinen Facetten.

Gruppe in Wladimir

Nach einer spannenden Woche machten wir uns am 28. Mai wieder auf den Weg zurück nach Deutschland, was sich ein wenig anstrengender gestaltete als die Hinreise. Zunächst hatten wir drei Stunden in einem eiskalten Zug bis nach Moskau auszuharren, der von Kleinwarenverkäufern und einer in Tarnanzügen gekleideten Gesangsgruppe frequentiert wurde. In Moskau konnten wir dann auf dem Weg vom Bahnhof zum Flughafen einen flüchtigen Blick auf die reich verzierten U-Bahn-Stationen erhaschen. Letztlich kamen wir jedoch alle pünktlich und wohlbehalten wieder in Nürnberg bzw. Erlangen an. Die Exkursion hat uns viele neue und lehrreiche Einblicke in die russische Geschichte und Gegenwart eröffnet, an die wir während unseres weiteren Studiums sicher noch oftmals denken werden.

Jessica Wengel

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Einhundert Jahre ist die Russische Revolution nun her, die jene alte Ordnung des Zarenreichs aus den Angeln hob und den Beginn einer Zeit der Veränderung markierte. Vor dem Hintergrund dieses Jubiläums reisten 14 Studenten, zwei Doktoranden und ein Gasthörer gemeinsam mit Moritz Florin und Professorin Julia Obertreis nach Sankt Petersburg, dem zentralen Ort der Revolution, sowie nach Wladimir, Erlangens russische Partnerstadt.

Die Gruppe in Susdal

Zur Vorbereitung trafen sich die Exkursionsteilnehmer an zwei Wochenenden, um sich im Rahmen eines Blockseminars in die Thematik einzuarbeiten. Das innovative Konzept eines Rollenspiels, bei dem man jeweils in die Rolle einer relevanten historischen Persönlichkeit schlüpfte und ihre Ansichten zu den verschiedenen Phasen der Revolution präsentierte, bereitete nicht nur viel Spaß, sondern ermöglichte auch einen einprägsamen Zugang zur Materie. Gut vorbereitet startete die Gruppe also am 21. Mai ihre Reise.

In Petersburg checkte die Gruppe im Cuba Hostel ein, nicht nur vom Namen her zur Thematik passend, sondern auch durch seine offene Innenarchitektur das Gemeinschaftsgefühl ganz im Sinne des sozialistischen Geistes fördernd. Den ersten Tag ließen alle zunächst im georgischen Restaurant auf der anderen Straßenseite bei gutem Essen ausklingen. Dann machten sich die Studenten alleine auf den Weg durch das Zentrum hin zum Newa-Ufer, von dem aus sie gemeinsam eine Bootstour unternahmen. Vom Wasser aus konnte man die imperiale Schönheit der Stadt bewundern. Das einzigartige Licht der „weißen Nächte“ hüllte die imposanten Gebäude in ein blau-orangenes Leuchten und ließ das Wasser der Newa wie flüssiges Kristall erscheinen.

Der darauffolgende Tag stand ganz im Zeichen ebendieser Sehenswürdigkeiten, denn er war gefüllt mit einem straffen Programm an Besichtigungen. Zunächst ging die Gruppe zur Kasaner Kathedrale, die ganz in der Nähe des Hostels liegt. Dort war ein Referat über den hier befindlichen Newskij Prospekt zu hören. Während sich unsere Professorin dann auf die beschwerliche Suche nach einer geldwechselnden Bank machte, ging die restliche Gruppe zur ersten katholischen Kirche der Stadt, gegründet von der polnischen Minderheit. Dies war nicht nur im Hinblick auf die Position der Minoritäten und ihrer Möglichkeit der eigenen Entfaltung im Vielvölkerstaat interessant, sondern auch hinsichtlich des Gegensatzes vom Katholizismus gegenüber der dominanten Orthodoxie.

Kasaner Kathedrale

Wieder vereint, machte die Gruppe dann einen Abstecher zum Winterpalais, von wo aus es dann zur Isaakskathedrale ging, die durch ihre wuchtig-klassizistische Architektur beeindruckt. Nach der Besichtigung des Ehernen Reiters spazierten wir an der Newa entlang in Richtung der Peter-und-Paul-Festung und hörten ein weiteres Referat zu den Ursprüngen der Stadt. Bei einem Abstecher auf eine Art Steg außerhalb der Festungsmauern konnte die Gruppe älteren russischen Herren in viel zu knappen Badehosen beim Bräunen zusehen. Nach kurzem Genießen dieses Anblicks gingen wir zur umstrittenen Statue von Peter dem Großen aus den 1990er Jahren, die ihn auf angeblich realistische Weise mit einem absurd kleinen Kopf darstellt.

Peter I

Anschließend führte der Weg zur Petersburger Moschee, die als erstes islamisches Gotteshaus der Stadt einen weiteren wichtigen Aspekt bei der Betrachtung nationaler und religiöser Minderheiten im Land repräsentiert. Es folgte der Panzerkreuzer Aurora, der als Symbol der Revolution hinsichtlich des Seminarthemas eine besonders wichtige Sehenswürdigkeit darstellte. Ein leidenschaftlich vorgetragenes Referat über die Rolle des Schiffs tröstete die Gruppe darüber hinweg, das Museum leider geschlossen vorzufinden. Die letzte Sehenswürdigkeit des Tages war die Auferstehungskirche, die durch ihre russische Architektur nach Moskauer Art deutlich aus dem sonst dominant klassizistischen Stadtbild heraussticht. Den ereignisreichen Tag beendete die Gruppe dann bei einem wenig beeindruckenden eurasischen Essen, von dem vor allem die Verständigungsprobleme mit dem Kellner und die Frage, ob der Borschtsch nun aus war oder nicht, in Erinnerung blieben. Der Großteil der Gruppe ließ den Abend noch in einer Bar in der Nähe des Hostels ausklingen, wo selbstverständlich der russische Wodka getestet und mehr oder weniger genossen wurde.

Panzerkreuzer Aurora

Der dritte Tag begann mit einem fast zweistündigen Marsch durch die Stadt, der das Smolnyj-Institut zum Ziel hatte. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, die Stadt auch außerhalb des unmittelbaren Zentrums zu erleben. So kamen wir an einigen interessanten Gebäuden und Denkmälern vorbei, wie dem Taurischen Palais. Zunächst besichtigten wir die Kathedrale des Smolnyj-Klosters, die durch ihre weiß-hellblaue Fassade und ihren hohen Bau schon von weitem beeindruckt. Der Innenraum ist dagegen eher schlicht und ganz in Weiß gehalten. Allein die reich mit Gold verzierten Ikonen, die dort ausgestellt sind, bilden einen Kontrast. Lohnenswert war der Aufstieg auf den Kirchturm, von wo aus man einen weiten Blick auf die Dächer der Stadt hat. Von außen besichtigen konnten wir das Smolnyj-Institut als zentralen Ort der Revolution: mit Lenin-Statue und Denkmälern für Karl Marx und Friedrich Engels.

Smolnyj

Am Nachmittag fuhren wir mit zwielichtig aussehenden Taxis zur Historischen Akademie wo ein Treffen mit russischen Geschichtswissenschaftlern stattfand. Besonders interessant hierbei, wie die Historiker ihre unterschiedlichen Forschungsmeinungen einander gegenüberstellten, so zum Beispiel hinsichtlich der Frage ob eine Revolution langen Prozessen über einen größeren Zeitraum hinweg oder nur kurzen Momenten in der Geschichte entspreche. Dies gab einen Einblick zu der Frage, wie in der Geschichtswissenschaft Forschungsgegenstände auf höchst unterschiedliche Weise interpretiert werden können, zeigte aber auch in eine Debatte über die Revolution, wie wenig abgeschlossen diese Fragen in russischen Fachkreisen bisher bleiben. Denn, so die Historiker auf dem Podium, das öffentliche Interesse für die Revolution in diesem Jubiläumsjahr sei viel größer, als sie es sich je erträumt hätten.

Nikolaj Lichatschjow, russischer Historiker

Nach diesem aufschlußreichen Gespräch folgte ein Besuch des hausinternen Archivs, bei dem uns eine wenig bekannte Sammlung von Archivalien vorgelegt wurden, darunter nicht nur zahlreiche russische Urkunden, sondern auch wichtige, von Nikolaj Lichatschjow im 19. Jahrhundert gesammelte Quellen zur deutschen und westeuropäischen Geschichte. Der Nachmittag dieses Tages stand den Exkursionsteilnehmern zur freien Verfügung. Wie bereits erwähnt, nutzten einige diese Gelegenheit, um die Peter-und-Paul-Kathedrale von innen zu besichtigen. Die Zarengräber, in Form von Sarkophagen im Kirchenraum verstreut, sind durchaus sehenswert, so auch das Grab des Kaisers Nikolaus II und seiner Familie, deren Mitglieder von den Bolschewiki hingerichtet wurden. Andere gingen zum Hostel zurück, um sich von den Anstrengungen der letzten Tage ein wenig zu erholen. Zum gemeinsamen Abendessen beim Georgier kam die gesamte Gruppe dann wieder zusammen.

Peter-und-Paul-Kathedrale

Peter-und-Paul-Kathedrale

Der vierte Tag begann mit einem Besuch der Eremitage. Das Winterpalais beeindruckte nicht nur mit seiner herrschaftlichen Architektur und reichen Innengestaltung, sondern auch mit den darin befindlichen Exponaten. Nach der Mittagspause, die wir gemeinsam in einer modern gestalteten „Stolowaja“ verbrachten, ging es in einen anderen, etwas entfernt gelegenen Stadtteil, der nicht mehr von den imperialen Prachtbauten des Zentrums, sondern von einfacheren Gebäuden geprägt ist. Dort stand die Besichtigung einer so genannten „Kommunalka“ an. Die Wohnungsinhaberin und Gastgeberin begeisterte mit ihrer herzlichen Persönlichkeit und den interessanten und oftmals amüsanten Geschichten, die sich in dieser Gemeinschaftswohnung über die Jahrzehnte hinweg ereignet hatten. So eröffnete sich ein sehr persönlicher Zugang zur Alltagswelt in der Sowjetunion. Dieser Programmpunkt über die russische Alltagsgeschichte im 20. Jahrhundert stand in einem angenehmen Kontrast zur Kunst- und vor allem dominanten Politikgeschichte, die meist im Fokus der Besichtigungen standen. Darauf ging ein Teil der Gruppe in das Michajlowskij-Theater, um sich die Oper „Eugen Onegin“ anzusehen, die durch ihre moderne Inszenierung überraschte und polarisierte. Der andere Teil besuchte das Ballett „Sylvia“ im Marijnskij-Theater, das sehr klassisch inszeniert war und mit aufwendigen Bühnenbildern und Elementen aus der antiken Mythologie faszinierte.

Die Erlanger „Kommunalka“

Am letzten Tag in St. Petersburg besuchten wir zunächst die Higher School of Economics, wo uns Prof. Julia Lajus das dort seit neustem angebotene, englischsprachige Master-Programm „Usable Pasts: Applied and Interdisciplinary History“ vorstellte. Die Universität, die sich in einem ehemaligen Fabrikgebäude befindet, beeindruckte durch seine moderne Innenausstattung sowie fortschrittliche und international orientierte Master-Programme. Danach kehrte die Gruppe ins Stadtzentrum zurück, wo sie erneut den Panzerkreuzer Aurora aufsuchten, um ihn endlich auch zu betreten und von innen zu besichtigen. Das Schiffsinnere bot eine Ausstellung mit einer Vielzahl an historischen Exponaten, die die Geschichte des Schiffs, seine Symbolkraft für die Revolution und die Lebensrealität der Besatzung nachzeichnete. Danach stand der Nachmittag zur freien Verfügung, jedoch entschied sich die Mehrheit dafür, das Russische Museum zu besuchen. Ein spannender Kontrastpunkt zu den bisherigen Besichtigungen war die dort ausgestellte moderne Kunst der berühmtesten russischen Künstler, darunter das schwarze Quadrat von Malewitsch, das bereits während des Blockseminars erwähnt wurde. Bemerkenswert war auch die Ausstellung der Werke von Wasilij Wereschtschagin, von Kriegsszenerien und Reiseimpressionen aus Zentralasien und Fernost geprägt.

Russisches Museum

Ein Teil der Gruppe kehrte dann zur Auferstehungskirche zurück, um sie auch von Innen zu besichtigen. Der dominant blau-goldene Innenraum ist üppig mit eindrucksvollen Ikonen ausgeschmückt und der Altardekor mutet in seinen Formen beinahe orientalisch an. Ebenfalls sehenswert sind die umzäunten Pflastersteine im Inneren der Kirche, die die Stelle markieren, an der Zar Alexander II. einem Attentat zum Opfer fiel.

Die Eremitage

Am Abend traf sich die Gruppe am Hostel wieder, wo sie ihre Koffer abholten und sich dann auf dem Weg zum Bahnhof machten, um per Nachtzug nach Wladimir zu fahren. Nach anfänglicher Verwirrung über die Verteilung auf die gebuchten Zugabteile, nutzte die Gruppe die Zeit, sich zu unterhalten und besser kennenzulernen. Das Schlafen in einem russischen Nachtzug ist ein Erlebnis für sich, jedoch war es für die meisten eine alles andere als erholsame Nacht. Denn bereits gegen halb fünf in der Frühe erreichten wir den Bahnhof in Wladimir.

Jessica Wengel

Fortsetzung folgt.

 

 

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