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Posts Tagged ‘Milinowo’


Dieser Tage wurde wieder – das dritte Jahr in Folge – im Rahmen eines Wettbewerbs, an dem fast 80 Ortschaften der ganzen Region Wladimir teilnahmen, das „schönste Dorf“ ausgewählt. Der mit 150.000 Rbl. dotierte Preis versteht sich auch als Aktion, die der andauernden Landflucht entgegenwirken soll. Wie notwendig – und leider oft auch vergebens – das ist, zeigt eine unlängst im „Prisyw“ erschienene Reportage über das Geisterdorf Milinowo, das die Zeitung als eines der „geheimnisvollsten im Landkreis Kowrow, wenn nicht im ganzen Gouvernement Wladimir“ bezeichnet.

St. Nikolaj in Milinowo

Bis zur nächsten Ansiedlung, nach Krasnyj Oktjabr, sind es acht Kilometer durch den Wald. Die früher kaum passierbare Straße wurde hergerichtet, doch noch in den 50er Jahren sei es gefährlich gewesen, diesen Weg zu nehmen. Einmal sei sogar eine Lehrerin, die zu Fuß unterwegs war, von Wölfen zerrissen worden; man habe nur noch blutige Kleiderfetzen von ihr gefunden… Doch heute lebt hier schon lange niemand mehr. Nur noch „Schatzgräber“ und mystisch angehauchte Besucher verirren sich hierher. Manche wollen stillen Gesang aus der verfallenen Kirche hören, andere schwören, Gespenster auf dem Friedhof gesehen zu haben.

Im Inneren der Kirche von Milinowo

Man glaubt es kaum, aber Milinowo galt mit seinen etwa 800 Einwohnern früher als „Zentrum der hiesigen Zivilisation“. Neben der Kirche gab es eine Einrichtung für ambulante medizinische Hilfe und eine Apotheke, ein Rathaus und einige Geschäfte, sogar eine Schule. In der Sowjetperiode betrieb man hier hauptsächlich kollektive Landwirtschaft, und der Ort erhielt ein eigenes Postamt. Nichts davon ist übrig. Nur noch Ruinen des einstigen Lebens. Und eben die Kirche, um die sich ein bis heute ungelöstes Rätsel rankt.

So ist bis heute unklar, wann das Gotteshaus inmitten der ausgedehnten Wälder für damals kaum mehr als 300 Einwohner erbaut wurde. Einiges spricht aber für eine Bauzeit im 17. Jahrhundert, denn stilistisch erinnert die Kirche an den sogenannten Naryschkin-Barock der Epoche der Zaren Fjodor III, Iwan V und Peter I. Bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts bewahrte man hier eine Schenkung der Schwester von Peter dem Großen, Jewdokia Alexejewna, auf, deren Mundschenk Wassilij Sagrjaschskij war. Ins Reich der Legenden gehört aber wohl, die beiden hätten eine Liebesbeziehung unterhalten.

Das Kreuz der Kirche, das alle Zeitläufte überdauerte

Ungewöhnlich freilich bleibt der Umstand, daß Ende des 17. Jahrhunderts in einem doch eher unbedeutenden Dorf, umgeben von endlosen Wäldern, eine Steinkirche entstand – noch dazu mit einem Kirchenschatz aus dem Zarenhaus. In welchem Auftrag, aus welchen Mitteln und auf der Grundlage welcher Pläne gebaut wurde, bleibt unbekannt. Es gibt sogar die Theorie, es habe einen Vorläuferbau im Stil der Zeltdachkirche von Kolomenskoje bei Moskau gegeben.

Ein Umstand ist dann aber doch aus der dunklen Geschichte der Kirche bekannt: 1734 stürzte sie, weil „verfallen“, teilweise ein. Ein erstaunlicher Vorfall. Wie lange muß ein solcher Steinbau gestanden haben, um zu verfallen? Ein Hinweis darauf, daß sie doch schon älter ist, vielleicht doch schon aus der Zeit von Iwan dem Schrecklichen, wie Heimatkundler mutmaßen? Jedenfalls kennt man das Jahr des Wiederaufbaus, 1768, und die Baumeister, das Ehepaar Michail und Marfa Puschtschin.

Grabplatte von Alexander Jachontow

Doch auch diese beiden umgibt ein Rätsel. Man kennt die Verzweigungen des Adelsgeschlechts derer von Puschtschins recht gut, gehört doch einer der Vertreter des Hauses, Iwan Puschtschin, zu den engsten Freunden von Alexander Puschkin. Nur von Michail Puschtschin fehlt fast jede Spur in den Archiven. Bekannt ist nur seine Ernennung zum Brigadegeneral im Jahr 1764. Von Marfa, seiner Frau, kennt man nicht einmal den Mädchennamen.

Wassilij Pokrowskij, einer der letzten Pfarrer von Milinowo und Opfer des Großen Terrors, mit seiner Frau, Wera Jachontowa, Tochter des Priesters, Alexander Jachontow

1939 dann die Schließung der dem hl. Nikolaj geweihten Kirche, auf deren Gottesacker noch viele Gräber zu finden sind – von Priestern und Staatsbediensteten, die meisten aber unter „unbekannt“ zu rubrizieren. Für Forscher und Archivare Material, um die steinernen Zeugen einer vergangenen Zeit am Ufer, der fast schon verlandeten Milinowka zu deuten. Nicht auf dem Friedhof findet man aber sicher die neun Männer – und dabei ist der Pfarrer gar nicht mitgerechnet -, die in der Zeit des Großen Terrors den Säuberungen zum Opfer fielen und im Gulag ums Leben kamen, ebensowenig wie all jene, die in den 40er Jahren an die Front eingezogen wurden und nie mehr in ihr Dorf zurückkehrten, wo sie heute auch niemand mehr erwarten würde.

Michail Rudnik, Brücke über die Gus nach Garald

Auch den Wladimir Künstler, Michail Rudnik, beschäftigt das Thema. Er besucht von Zeit zu Zeit das ausgestorbene Dorf mit dem ungewöhnlichen Namen Garald – möglicherweise vom deutschen „Harald“ abgeleitet – im Landkreis Gus-Chrustalnyj und berichtet von einigen bejahrten Frauen, die zu den Altgläubigen gehören und hier ganz unter sich sein wollen. Bis in die 50er Jahre hinein soll es hier ein reiches Dorfleben gegeben haben, bis dann die Kommunisten alles zerstörten. Nicht viel mehr soll heute davon übrig sein als die halbverfallene Brücke über die Gus, die der Maler im Bild festhielt.

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