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Posts Tagged ‘Michail Tjukarkin’


Mein Wladimir-Abenteuer begann eigentlich schon auf dem Weg hierher. Da ich vorher in Weißrußland war, konnte ich nur von Minsk aus nach Moskau fliegen (der belarussisch-russische Grenzübertritt auf dem Landweg ist für Deutsche verboten). Vom Flughafen aus machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof Kurskaja, von wo mein Zug nach Wladimir abfahren sollte. Alles klappte fabelhaft; ich hatte dort sogar noch Zeit, mir eine russische SIM-Karte zu besorgen. Ging also in Ruhe zum Bahnsteig, ließ entspannt noch eine dieser ungezählten Gepäckkontrollen über mich ergehen, um den Zug betreten zu dürfen – und bemerkte in dem Moment, als ich einsteigen wollte, daß mein Paß verschwunden war. Schock. Blitzschnell schoß mir durch den Kopf, daß ich den Ausweis wohl in dem Laden, wo ich die SIM-Karte gekauft, liegen gelassen hatte. Hoffentlich – wenn er stattdessen aus meiner Tasche gefallen war… Lieber nicht drüber nachdenken. Und noch weniger darüber, daß in zehn Minuten mein Zug abfahren würde; höchstwahrscheinlich ohne mich, da ich, um in den Bahnhof hinein- und wieder herauszukommen wieder Gepäckkontrollen vor mir hatte, ganz zu schweigen von der Suche nach dem Laden in diesem Chaos von Menschenmassen… Es war 21 Uhr, um 23 Uhr erwartete mich Irina, die Krankenschwester, bei der ich wohnen würde – der gegenüber ich eh schon wegen der späten Verbindung ein schlechtes Gewissen hatte. All diese Gedanken liefen zum Glück nur in meinem Hinterkopf ab, mein Frontalkortex schaltete dagegen auf „Machen“. Ich also rein in den Bahnhof, verirrt, wieder raus, anderer Eingang. Nach unten, in den Laden gestürmt, peinlich betretener Verkäufer überreicht mir meinen Paß. Schaue auf die Uhr: 21:07 – 21:08 Abfahrt des Zuges. Hoffnungslos. Nur um es zumindest probiert zu haben, renne ich mit letzter Kraft nach oben auf den Bahnsteig. Und da geschieht das Wunder: Der Mann an der Gepäckkontrollstation tritt einfach zur Seite und ruft mir „Renn!!“ hinterher. Der Schaffner, der gerade zur Abfahrt pfeifen will, zieht mich in den Zug, die Türen schließen sich hinter mir. Eine andere Schaffnerin neben mir lächelt mich an, gemeinsam atmen wir erleichtert auf. Ich kann nicht fassen, daß es tatsächlich noch geklappt hat – ich sitze im Zug nach Wladimir!

Dort angekommen, erwartete mich direkt eine Überraschung: Statt, wie erwartet, schon am nächsten Morgen mit der Arbeit anzufangen, eröffnete mir Irina, diese unglaublich herzliche Frau, daß wir morgen zu ihrem Mann auf die Datscha fahren, weil sie das immer so macht am Wochenende. Die Datscha… Was hatte ich nicht schon für unzählige Geschichten gelesen und gehört über diesen angeblich russischsten aller russischen Orte! Und ich kann wahrhaftig nicht sagen, enttäuscht worden zu sein. Gleich am Abend ging es in die Banja (russische Sauna), zum Schluß Abklopfen mit Birkenzweigen. Nachdem der Kreislauf so ordentlich in Schwung gekommen war, wartete ein fürstliches Essen mit Freunden auf uns, wobei ein wenig Wodka und eingelegte Gurken natürlich nicht fehlen durften… Am nächsten Tag gab es gleich noch ein Festgelage; zwischendurch durfte ich den traumhaften Garten von Irina und ihrem Mann bestaunen. Wer immer beim Stichwort „Osteuropa“ Plattenbauten vor Augen hat, denen sage ich: Besucht eine Datscha, und Eure Vorstellung wird sich um 180 Grad wenden. Schönheit ist gar kein Wort dafür. Ehrlich.

Nun aber zum Hauptgrund meines Aufenthaltes hier: Mein Praktikum im Rotkreuz-Krankenhaus. Schon seit vielen Jahren gibt es einen regen Austausch zwischen diesem Krankenhaus und Erlangen. Michail Tjukarin, der Arzt, der meinen Aufenthalt hier organisiert, erzählte mir, er sei schon 1989 zum ersten Mal in die deutsche Partnerstadt gereist! Das Rot-Kreuz-Krankenhaus ist ein Haus der Akutversorgung – hier werden keine elektiven Operationen durchgeführt, sondern man kann sich hier melden, wenn dringend eine Behandlung benötigt wird. Ich bin jetzt mittlerweile seit einer Woche auf der gynäkologischen Abteilung. Hierher kommen zum Beispiel Patientinnen, die eine Eileiterschwangerschaft haben oder wegen eines Myoms (gutartiger Muskeltumor) in der Gebärmutter an Blutverlust und Schmerzen leiden. Insgesamt arbeitet ein elfköpfiges Ärzteteam auf der Station, von denen ca. vier in einer Schicht arbeiten.

Gesa Baum mit „ihrem Kind Natascha“ in Minsk

Neu für mich: Jeder Morgen beginnt mit einer Konferenz, zu der sich alle Mediziner des Krankenhauses versammeln und verlesen, welche Neuaufnahmen und Entlassungen es auf ihren Stationen gab. Danach geht es an den meisten Tagen in den OP: Der Großteil der Operationen wird laparoskopisch (wenige kleine Löcher in den Bauch, durch die Kamera und Instrumente gesteckt werden) durchgeführt. Praktisch für mich: Ich kann bequem im Sitzen auf dem Bildschirm verfolgen, was geschieht und mir in Ruhe Fragen an die Fachleute überlegen, die stets bereitwillig antworten. Überhaupt bin ich überrascht, wie sehr man sich um mich kümmert: Gefühlt alle zwei Minuten werde ich gefragt, ob ich heute denn genug gegessen habe (habe ich – ich mußte mir schon Turnschuhe kaufen, um dem Kalorienüberfluß wenigstens ein bißchen einzudämmen) und sowohl das Pflegepersonal als auch die Ärzte sind immer offen für einen kleinen Plausch – egal, ob es dabei um bei mir zu füllende medizinische Wissenslücken, deutsche Flüchtlingspolitik oder um die Frage geht, warum Russen in der Öffentlichkeit eigentlich nie lächeln.

So viel also zu meiner ersten Woche in Wladimir. Wie man hoffentlich aus diesem Bericht merkt, fühle ich mich sehr wohl und bin immer wieder baff über die Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die mir entgegengebracht wird. Ich freue mich schon auf den kommenden Monat und bin gespannt, was ich noch entdecken werde: Im Krankenhaus, auf Ausflügen – aber vor allem bei den Menschen.

Gesa Baum

P.S.: Mehr zu Gesa Baum ist hier zu lesen: https://is.gd/0uxwaV, und zu den Urgründen der Medizinkontakte mit Michail Tjukarkin geht es da zurück: https://is.gd/R0NBBa

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Der Ärzteaustausch gehört heute zum Standardprogramm der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir. Aber alles hat seinen Anfang, und den machte bereits 1989 Michail Tjukarkin, der heute via Blog seinem Kollegen und Freund, Klaus-Georg Bregulla, zum 80. Geburtstag gratuliert und die Gelegenheit zu einem kleinen Rückblick auf die erste Begegnung nutzt.

Im September 1989 schickten mich mein Krankenhaus und die Stadtverwaltung Wladimir zum Erfahrungsaustausch mit den Universitätskliniken nach Erlangen. Man holte mich am Flughafen Frankfurt am Main ab, brachte mich in einem feinen Studentenwohnheim unter, stattete mich mit einem Fahrrad aus und stellte mich anderntags bei der morgendlichen Ärztekonferenz der Abteilung für Innere Medizin unter der Leitung von Professor Eckhard Hahn vor. Damals war ich 30 Jahre alt, hatte mich in der selbständigen Arbeit auf den Gebieten der Notfall-, Allgemein- und Gefäßchirurgie bewährt, spielte einigermaßen gut Fußball und Eishockey, beherrschte als Autodidakt mehr schlecht als recht die deutsche Sprache und interessierte mich brennend für englischsprachige Medizin. Und ich befand mich zum ersten Mal in meinem Leben außerhalb der Landesgrenzen der UdSSR. Als das Auditorium der deutschen Ärzte nach meiner Vorstellung durch Professor Hahn mit den Fingerknöcheln auf die Tische klopfte (wie man mir später erklärte, war das als Zeichen einer besonderen und großen Ehre zu verstehen), war ich drauf und dran, den Raum zu verlassen (damals war ich noch etwas wunderlich und hasenherzig). Im weiteren wußte ich gar nicht, worüber ich mich mehr verwundern sollte, über das ausgesprochen hohe Niveau der Arbeitsorganisation, der Ausstattung der Klinik oder über die herzliche Aufnahme, die ich seitens der Kollegen und des ganzen Personals erfuhr. Ich sah schon 1989 an der Klinik Behandlungsweisen und Medizintechnik (Werner Matek), die es bis heute in vielen Moskauer Krankenhäusern oder unserem Regionalkrankenhaus in Wladimir so nicht gibt.

2003 am Hotel „Goldener Ring“ in Wladimir, die Medizindelegation mit Thomas Seltmann, Steffen Lanig, Brigitte Mugele, Michael Reitzenstein, Jürgen Binder und Michail Tjukarkin

Am siebten Tag meines Auslandsaufenthalts teilte man mir mit, ein gewisser Medizinprofessor namens Klaus-Georg Bregulla wolle mich treffen. Am Abend holte mich dann mit seinem Auto ein etwa fünfzigjähriger energischer Mann mittlerer Größe am Wohnheim ab und brachte mich im Dunkeln zu seinem Haus. Der riesige Schäferhund Pepper legte mir derart freundschaftlich die Vorderpfoten auf die Brust, daß ich mich beinahe zur ewigen Ruhe gelegt hätte. Doch der Gastgeber hauchte mir rasch neues Leben ein.

Oberschwester Anna Reswowa, Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, Michail Tjukarkin und ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses, Jewgenij Jaskin, 2017

Ungeachtet meiner damals noch unbeholfenen und armseligen Sprachkenntnisse schwankte ich in meiner Begeisterung hin und her zwischen der Bewunderung für des Professors ungewöhnlich weiten medizinischen Horizont (er war der dritte Gynäkologe europaweit und der erste, der in Deutschland erfolgreich das In-Vitro-Fertilisations-Programm einführte, und hatte an dem Abend auch noch berühmte Kollegen aus Ost-Berlin, darunter von der Charité, zu Gast) und der ihm eigenen Herzensbildung und Gastfreundschaft. In diesen nun fast 30 Jahren der Bekanntschaft ließ ich jedenfalls nie etwas auf ihn kommen und versuchte, mich seiner würdig zu erweisen. Manchmal nenne ich Klaus-Georg Bregulla und seine göttliche Frau Uschi meine zweiten Eltern (ohne jede Blutsverwandtschaft) und Lehrer. Ich freue mich, bis heute mit Erlangen nicht nur diese menschlichen und fachlichen Werte zu verbinden, sondern auch eine solche Freundschaft mit Kollegen in Deutschland pflegen zu können.

Michail Tjukarkin

 

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Der Antrittsbesuch von Susanne Lender-Cassens ging gestern in die Zielgerade mit einem medizinisch-sportlichen Programm, unterwegs zu allen Terminen, ganz wie in Erlangen, mit dem Fahrrad. Und es zeigt sich: Entgegen der hier vorherrschenden Meinung kann man auch auf Wladimirs Straßen abgasfrei vorankommen, sogar recht zügig und ohne ständig fürchten zu müssen, so auf dem schnellsten Weg in die Unfallchirurgie zu gelangen.

Anna Reswowa, Susanne Lender-Cassens, Michail Tjukarkin und Jewgenij Jaskin

Ungläubiges Staunen denn auch in den Augen und Worten des ärztlichen Direktors vom Rot-Kreuz-Krankenhaus, wo alle schweren Fälle landen, als er von Erlangens Bürgermeisterin erfährt, wie sie sich hier fortbewegt, die den umgehend angebotenen Dienstwagen auch noch rundweg mit einem entschiedenen Lächeln ablehnt. Aber es geht hier ja auch um ein ganz anderes Thema, den Austausch von Krankenschwestern, der auf Wunsch des Gastgebers möglichst bald stattfinden soll, denn ohne die Pflege hilft dem Patienten auch die allerbeste Operation und Therapie nicht.

Anna Reswowa, Susanne Lender-Cassens und Maria Kabakowa

Wie gerufen, kommt beim Rundgang durch das Krankenhaus mit seinen 450 Betten, der Besucherin Michail Tjukarkin entgegen, der als erster Wladimirer Arzt – übrigens mit recht guten Deutsch-Kenntnissen – bereits 1989 in Erlangen hospitierte und den Anfang im Medizinaustausch machte. Ein gutes Omen für die Aufnahme von Krankenschwesternkontakten.

Gertrud Härer und Susanne Lender-Cassens beim Radkorso auf der Umgehungsstraße

Wenige Pedaltritte unterhalb des Krankenhauses eröffnete man gestern eine vierspurige Straße – ins einstige Bett des Baches Lybjed hineinasphaltiert -, von der man sich eine wesentliche Verkehrsbelastung für die bisherige Hauptachse durch die Altstadt verspricht. Mit welchem Erfolg, wird sich noch weisen.

Gennadij Stachurlow und Susanne Lender-Cassens

Erfreulich in jedem Fall, daß die Planungen auch noch Radwege entlang der Trasse vorsehen, für etwa 50 Mio. Rubel. Dabei, so buchstäblich die Erfahrung der Radler aus Erlangen, würde eine schlichte Markierung am Straßenrand auch schon ein Mehr an Sicherheit und Komfort bringen. Aber da geht man eben überall seiner eigenen Wege. Auch hier übrigens ein Wiedersehen: Susanne Lender-Cassens und der Wladimirer Fahrradpionier, Gennadij Stachurlow, kennen sich von einem Treffen in Erlangen und hoffen, noch viel gemeinsam für Umwelt und ökologische Verkehrsplanung machen zu können.

Inna Morosowa, Leiterin der Fachschule, Susanne Lender-Cassens, Jelena Owtschinnikowa, Tatjana Sajtschikowa und Olga Antropowa, beide stellv. Leiterinnen der Fachschule

Die Zeremonie freilich dauerte gar zu lange, auf die Bürgermeisterin wartete schon der nächste Termin in der Berufsschule für Pflegekräfte, die bereits in der Planung für einen Austausch mit Jena steht und natürlich auch Erlangen gern im Boot hätte. Überhaupt herrscht hier ein internationales Klima, denn es gibt auch schon Verbindungen zu einer Partnereinrichtung in Illinois. Was soll da dem Austausch noch entgegenstehen!

Interview im Garten des Erlangen-Hauses: Peter Steger und Susanne Lender-Cassens

Ein wenig später und etwa drei Radkilometer weiter geht es dann im Büro von Jelena Owtschinnikowa, der stellvertretenden Leiterin der Regionalen Gesundheitsverwaltung, um ein Herzstück der Partnerschaft, den „Blauen Himmel“. Wegen neuer föderaler Gesetze, die eine unmittelbare Anbindung von Reha-Einrichtungen an die jeweils zuständige Klinik fordern, wurde die Einrichtung in Penkino geschlossen. Man ist dort dabei, ein Sanatorium Senioren einzurichten, angegliedert an die bereits bestehende medizinische Einrichtung für Veteranen. Die Kinder hingegen sollen nach ihrer Behandlung in der Psychiatrie oder ihrem Aufenthalt in einer sozialen Einrichtung in Zukunft zur Rehabilitation und erlebnispädagogischen Nachsorge ein neues Dach, ebenfalls außerhalb Wladimir in naturnaher Lage finden. Auf keinen Fall, so die Medizinerin und ehemalige stellvertretende Bürgermeisterin, werde man das Projekt „Blauer Himmel“ aufgeben, das könne sie allen versichern, die sich für dieses Gemeinschaftswerk verdient gemacht haben.

Witalij Iwantschuk, Susanne Lender-Cassens und Oleg Medwedjew

Zurück im Garten des Erlangen-Hauses stand noch ein Interview mit der Lokalredaktion des TV-Senders „Rossija 1“ auf dem Programm – mit Fragen zu Zielen und Ergebnissen des Besuchs. Immer wieder erfreulich, wie sehr sich die Medien für die Partnerschaft interessieren und damit den Austausch im Bewußtsein halten.

Schule für Rhythmische Sportgymnastik

Zu diesem Austausch gehört natürlich schon immer auch der Sport, besonders das Turnen, eine Disziplin, mit der Wladimir Weltruhm genießt. Nicht vergleichbar mit Erlangen – Susanne Lender-Cassens weiß das als Sportbürgermeisterin nur zu gut -, aber die Gastgeber, Witalij Iwantschuk und Oleg Medwedjew, ihres Zeichens Leiter der Turnschule und Chef des städtischen Sportamtes, bieten Trainern und deren Schützlingen aus ihrer Partnerstadt Meisterklassen an, auch im Bereich Rhythmische Sportgymnastik, die im Gebäude gleich gegenüber unterrichtet wird. Zumal so ja auch viele neue Freundschaften entstehen könnten. Recht haben sie natürlich

Kunstwerk von Stefan Schnetz im Garten des Erlangen-Hauses

Was bleibt? Vieles, woran angeknüpft werden kann, jede Menge neuer Ideen und Initiativen und noch viel mehr, als sich hier im Blog darstellen läßt. In jedem Fall Impulse, von denen der Austausch schon bald noch vielfältiger und intensiver wird. Ganz im Sinne der Erfinder dieser wunderbaren Freundschaft.

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Matthias W. Beckmann, Alexander Hinz, Roman GortaSo herzlich Matthias W. Beckmann, Direktor der Erlanger Frauenklinik, am gestrigen Spätnachmittag seinen Wladimirer Kollegen, Roman Gorta, empfing, so wenig ließ man sich Zeit für Präliminarien und sonstige Floskeln. Man verstand sich ohnehin auf Anhieb auf Englisch und tauschte im Stakkato – den Gastgeber drängte der nächste Termin – die Informationen aus, um festzustellen, daß man fachlich nahe beieinander war. Ehe man sich versah und ohne Zögern hatte der Professor für Gynäkologie dem Chef der Frauenheilkunde am Erste-Hilfe-Krankenhaus in Wladimir zugesagt, er sei jederzeit zu einer Hospitation willkommen. Sprach’s und eilte weiter, doch nicht ohne die freundliche Aufforderung, ihm eine Mail zu schicken. Man werde dann sicher einen Termin für einen längeren Aufenthalt finden.

dsci0290Assistenzarzt Alexander Hinz, mit der Führung durch das Haus betraut, bot die nächste angenehme Überraschung mit seinem perfekten Russisch. Schließlich konnte man ja nicht wissen, wie firm der Kollege aus Wladimir im Englischen ist. Und den Betreuer aus dem Rathaus wollte man wohl nicht mit der Übersetzung von Fachvokabular in die Bredouille bringen. Sogar eine weitere Mitarbeiterin des Klinikums stünde im Bedarfsfall mit besten Russischkenntnissen zur Verfügung. Ideale sprachliche Bedingungen also von beiden Seiten für den Fachaustausch. Doch auch inhaltlich hat man schon zueinander gefunden.

Roman Gorta ist niemand, der im eigenen Saft schmoren will. Ihm fehlt in Wladimir vor allem die unmittelbare Betreuung und Korrektur in der täglichen Arbeit durch einen Lehrstuhl. Medizin gibt es halt leider an den beiden Wladimirer Universitäten nicht, und Iwanowo oder Nischnij Nowgorod und erst recht Moskau, wo die Professoren lehren und forschen, sind weit und haben kaum Zeit für die Kollegen in der akademischen Provinz. Und so nutzt Roman Gorta seinen Urlaub, um sich im Ausland – er kennt sich in Frankreich, Italien und Tschechien aus – umzutun und Erfahrungen zu sammeln. In Deutschland, so sein Fazit, sei die Gynäkologie wohl am besten in Europa entwickelt, und die Medizinstadt Erlangen hat da ja auch einiges zu bieten.

Die Erlanger Frauenklinik trägt seit Herbst 2008 das Gütesiegel „Gynäkologisches Krebszentrum“, das nur neun weitere Häuser in Deutschland vorweisen können und von dem Matthias W. Beckmann meint, es sei „ein weiterer Meilenstein“ bei der Qualitätssicherung in der Krebsmedizin für Frauen, „ein wichtiger Schritt hin zur umfassenden und fachübergreifenden Betreuung von Frauen mit verschiedenen Genitalkrebsformen in Deutschland“. Eben dieses übergreifende Element fehlt Roman Gorta zu Hause. Man brauche sich fachlich zwar nicht verstecken, aber ihm gehe die ordnende Hand ab, es gebe zu wenig Koordination, und man sollte auch in Wladimir endlich ein regionales Zentrum für Frauenheilkunde einrichten. Aber ob sich die Politik dazu durchringen kann?

Roman Gorta steht in einer langen Tradition des Ärzteaustausches mit Wladimir. Schon Ende der 80er Jahre besuchte eine russische Medizinerdelegation die Partnerstadt. Mit von der Partie war der Chirurg Michail Tjukarkin, dem es gelang, gute Beziehungen u.a. zu seinem Kollegen Werner Hohenberger und dem Frauenarzt Klaus-Georg Bregulla aufzubauen und zu unterhalten. So stand er denn auch Pate für den jetzigen Besuch und vermittelte für Roman Gorta eine mehrtägige Hospitation bei den Kollegen in Neumarkt. Kaum ein Fachgebiet der Medizin, das in der Zwischenzeit nicht in den Austausch einbezogen wurde. Wenn in den 90er Jahren vor allem noch der Aspekt der humanitären Hilfe im Vordergrund stand, begegnet man sich nun schon lange auf Augenhöhe und lernt voneinander. Daher verwundert es gar nicht, daß Alexander Hinz im Gespräch mit dem Gast aufhorcht, als der gewisse Operationen und Therapieformen erwähnt, die vor Ort praktiziert zu sehen, für die Erlanger durchaus von Interesse wären.

Auch die Gynäkologie war – freilich noch vor dem ausgesprochen gelungenen Umbau des Klinikums – bereits am Austausch beteiligt. Ärztinnen der Frauenheilkunde vom Wladimirer Krankenhaus des Traktorenwerks hospitierten mehrfach in Erlangen, ihre niedergelassenen Kollegen Helga Potschadtke, Michael Reitzenstein und vor allem Steffen Lanig stellten ihr Fachwissen zur Verfügung. Letzterer organisierte sogar die Spende eines Laparaskops für minimalinvasive Eingriffe, das bis heute in der Partnerstadt gute Dienste leistet. Roman Gorta übernimmt nun das Staffelholz und wird sicher bald wieder über die Zielgerade in Erlangen einlaufen. Willkommen!

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