Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Michail Matjuschkin’


Frau Holle meinte es in den letzten Wochen und Monaten gut mit Wladimir. Auch wenn die Temperaturen zumeist diesseits von dem lagen, was man vom russischen Winter glaubt, erwarten zu dürfen, fiel der Schnee in rauhen Mengen, und erst in den letzten Tagen setzte dauerhaftes Tauwetter ein, das die weiße Pracht nun überall dahinschmelzen läßt.

Hohe Zeit für Photographen wie Sergej Skuratow und Igor Gankow, aufzubrechen in jenes Zwischenreich des Abschieds vom Winter und der Vorfreude auf den Frühling.

Zeit aber auch, sich vorzubereiten auf die sprichwörtliche Weglosigkeit, auf Überschwemmungen und von der Außenwelt abgeschnittene Ortschaften. Die ersten Dörfer sind schon jetzt nur noch per Boot zu erreichen und müssen über das steigende Wasser versorgt werden.

Bald wird wohl auch Mariä Schutz an der Nerl wieder wie ein Eiland aus den Fluten ragen, aber wohl dank der künstlichen Aufschüttung aus dem 12. Jahrhundert auch heuer wieder nur nasse Füße riskieren.

Gestern dann ein Frühlingsbote im Weichselbaum des Gartens um das Erlangen-Haus, gesehen von Irina Chasowa: ein Dompfaff oder Gimpel mit einer Knospe im Schnabel. Im Russischen nennt sich der sangesfreudige Blutfink https://is.gd/eHvXqO, der bisweilen auch im Osten Erlangens gesichtet wird, снегирь, was sich von снег, Schnee, ableitet. Und dem Vogel ist ein schönes russisches Märchen gewidmet:

Es war einmal ein einsamer Vogel mit Namen Schneeling, so genannt, weil er weiß wie Schnee war und ein schwarzes Käppchen und einen schwarzen Umhang trug. Der Piepmatz war herzensgut und half immer allen, die in Not waren, teilte mit ihnen seine Beeren und Körner. Es gab viele Vögel im Wald, aber keines glich ihm, weshalb der Schneeling traurig wurde. Und als er eines Tages davonflog, weit weg, hinter die sieben Berge, traf er dort einen Vogel, der wie er selbst schneeweiß war. Die beiden Vögel freuten sich von Herzen, flogen zusammen umher, pickten Beeren im Wald, flöteten nach Herzenslust. Eines Tages aber brach über ihre kleine Welt ein schlimmer Schneesturm herein, der klirrenden Frost mitbrachte. Das ganze gefiederte Völkchen suchte sich einen Unterschlupf. Auch der Schneeling versteckte sich unter einem breiten Tannenzweig. Doch sein Freund blieb zurück. Da machte sich der Schneeling Sorgen, fragte sich, wo der Freund nur bleibe, als plötzlich ein kleiner Schneeball zu Boden fiel. Der Schneeling flog dem Schneeball nach und sah, daß es sein Freund war, erfroren und ohne Atem. Wie ihn der Schneeling auch schüttelte und rüttelte, es half alles nichts. Da weinte er lange und legte die Flügel um seinen Freund. In seiner Not wandte sich der Schneeling an die Eule um Rat. Die verriet ihm, es könne ein Wunder geschehen, wenn er dem Freund einen Tropfen seines eigenen Blutes schenke. Da pickte sich der Schneeling die Brust blutig, fing einen Blutstropfen auf und legte ihn auf die Brust des Freundes. Die ganze Brust des Freundes färbte sich sogleich purpurrot, und der Gefährte öffnete die Augen. Auch die Brust des Schneelings hatte sich vom Blut rot gefärbt. Da war die Freude der beiden Freunde groß, und die ganze Vogelwelt freute sich mit ihnen. Seither trägt der Schneeling den Namen Blutfink.

 

Michail Matjuschkin, der ein paar Kilometer vor den Toren Wladimirs wohnt, hielt bereits am 24. März die ersten Stare im Bild fest, die freilich um einiges zu früh in ihr Sommerquartier zurückkehrten. Dennoch, bald wird auch in die Partnerstadt die ganze Vogelschar zurückgekehrt sein und den Frühling besingen, während Frau Holle ihre Kissen wieder im Keller verstaut.

Read Full Post »


Auf dem Spielplan des Theaters Erlangen stand 1995/96 das Stück „Scharf“ des 2009 verstorbenen Wladimirer Autors Lew Protalin. Seine Frau, Tamara Dschulaj, inszenierte dann 2002 auf Einladung des deutsch-russischen Kulturvereins Brücken das Märchen „Wassilissa Wunderschön“ in der deutschen Partnerstadt. Eine künstlerische Zusammenarbeit, die nun fortgesetzt werden soll.

Tamara Dschulaj

Tamara Dschulaj

Die Leiterin der Theaterabteilung an der Hochschule für Kultur und Kunst kommt nun Anfang Juli nach Erlangen, um sich das Arena-Festival anzusehen und bei der Gelegenheit sowohl die Verbindung zu den Brücken wieder aufzunehmen als auch neue Kontakte zu knüpfen. Denn: Möglichst bald möchte die Theaterpädagogin ihre Studententruppe mit einem Stück in die Partnerstadt begleiten und natürlich auch Aufführungen von dort nach Wladimir holen. Frei nach William Shakespeare und seinem Stück „Wie es euch gefällt“: Die ganze Partnerschaft ist eine Bühne – und alle Frauen und Männer bloße Spieler.

Tschischowo

Tschischowo mit Westblick

Wer je die Erzählung „Antonäpfel“ aus der Feder des ersten russischen Nobel-Preisträgers für Literatur, Iwan Bunin, gelesen hat, wird sich hier in Tschischowo, etwa 25 km außerhalb von Wladimir in Richtung Moskau gelegen, zurückversetzt fühlen in die Zeit des ländlichen Rußlands vor der Oktober-Revolution, deren Schockwellen die Menschen bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen.

Tschischowo

Tschischowo

Eine Handvoll Familien lebt hier im Winter. Erst in der warmen Jahreszeit zieht es zur Aussaat, zum Pflanzen, Harken und Jäten, zum Gießen und Düngen ein paar Ruhesuchende mehr nach Tschischowo, bis es dann nach der Ernte wie in der Erzählung heißt „Wie kalt, wie tauig es ist, wie schön auf der Erde zu leben!“ und sich das Dorf mit Anbruch des Winters wieder leert. Hier stehen sie noch Antonow-Apfelbäume, 1941 gepflanzt, und viele alte russische Obstsorten, längst vom Verschwinden bedroht wie im „Kirschgarten“ bei Anton Tschechow.

Michail Matjuschkin

Michail Matjuschkin

Michail Matjuschkin hat sich hier seinen Lebenstraum verwirklicht. Obwohl er in Wladimir eine Wohnung hat, verbringt er auch im Winter die meiste Zeit in seinem Haus, das der Restaurator selbst umgebaut und eingerichtet hat. Hier, in Tschischowo, wo er gerne Gäste empfängt und bewirtet, hat er die Ruhe und Abgeschiedenheit, die er für sein filigranes Kunsthandwerk benötigt. Hier entstehen vielfach preisgekrönte Schmuckstücke, für die Bezeichnungen wie „Souvenir“ oder „Mitbringsel“ abschätzig wären.

Michail Matjuschkin

Michail Matjuschkin

Drei Werkstätten oder besser Ateliers füllt der gebürtige Tomsker mit Regalen voller Farben, Werkzeuge, Chemikalien. Im ganzen Haus wundersame Spuren seiner Arbeit. Über Murom ist der 65jährige nach Wladimir gekommen, wo er sich bald einen Namen als Verleger machte, als Pressesprecher von Gouverneur Nikolaj Winogradow arbeitete und 2004 die Leitung des Wladimirer Lokalfernsehens übernahm.

Tschischowo

Tschischowo

Es sind heute oft Menschen wie Michail Matjuschkin, der 1998 zum 15jährigen Partnerschaftsjubiläum nach Erlangen kam, denen Dörfer wie Tschischowo ihr Überleben verdanken. Sie sind es auch, die andere kreative Köpfe nachholen. So berichtet der Kunsthandwerker gern von den Besuchen des Begründers der Wladimirer Malschule, Kim Britow, der vom Hang über dem Ort aus die Landschaft malte oder mit ihm auf der Veranda saß und den Sonnenuntergang genoß. Bis es nicht mehr ging, bis der Künstler vor vier Jahren verstarb.

Tschischowo

Tschischowo

Mitunter bekommt Michail Matjuschkin auch Besuch von seiner Frau, die ansonsten in Wladimir wohnen bleibt und ihrem Mann die künstlerische Freiheit gönnt, die er früher als Staatsdiener so vermissen mußte. Immer wieder finden den holprigen Weg aber auch Fachleute vom Landesmuseum zu dem Autodidakten mit den geschickten Händen. Über Jahre hinweg nämlich hat er Ornamente an den Kirchen in und um Wladimir studiert wie kaum ein zweiter und leider auch deren Verfall dokumentiert. Da ist es wichtig, jemanden wie ihn zu haben, der die Geduld und Fähigkeit besitzt, die bedrohten Kulturschätze zu bewahren und künstlerisch zu konservieren.

Tschischowo

Tschischowo

Ebenso wie das Haus, einst von einem vermögenden Händler bewohnt, der auf dem großzügigen Grund wohl so viel Vieh hielt, daß man, wie der heutige Besitzer des Anwesens sagt, nur einen Stock in die Erde zu stoßen brauche, um mit einer reichen Ernte belohnt zu werden. Wie schön, auf einer solchen Erde zu leben!

März 9

Kolokscha

Der ausgefahrene Feldweg, der von der Landstraße Babajewo – Stawrowo rechts nach Tschischowo abbiegt, führt über die Kolotschka, einen fischreichen Fluß, der aber nicht immer so friedlich dahinfließt, sondern nach der Schneeschmelze gern derart über die Ufer tritt, daß das Dorf für Tage von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Erzengel-Michael-Kirche in Babajewo

Erzengel-Michael-Kirche in Babajewo

Von einer Außenwelt, die ohnehin viel weiter von der Stadt entrückt scheint, als es in Kilometern auszudrücken ist. Und in die man doch so rasch zurückkehren kann, wenn dort wieder die Arbeit im Erlangen-Haus ruft.

Olga Morosowa, Irina Arschanych und Irina Plaksina

Olga Morosowa, Irina Arschanych und Irina Plaksina

Am Vorabend des Internationalen Frauentages warten dort die Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemeine und Pädagogische Psychologie, Olga Morosowa, die Professorin Irina Plaksina sowie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Irina Arschanych. Eigentlich sollten ja schon Anfang April Kollegen aus Erlangen zu einer Fachtagung unter dem Motto „Lebensentwürfe der heutigen Jugend“ kommen, aber die Einladung erfolgte zu kurzfristig. Nun erwartet man in Wladimir zumindest den einen oder anderen schriftlichen Beitrag zu dem Thema, um ihn dann hier zu publizieren. Und Mitte April wird dann Irina Arschanych, die am dreißigjährigen Jubiläum der WAB Kosbach teilnehmen will, mit den Psychologen an der FAU über Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit sprechen. Zur nächsten Fachtagung trifft dann gewiß auch die Einladung früh genug ein.

Guram Tschotschjew, Dominik Steger, Swetlana Schelesowa und Irina Chasowa

Guram Tschotschjew, Dominik Steger, Swetlana Schelesowa und Irina Chasowa

Wie schön es sein kann, auf der Erde zu leben, weiß kaum einer besser zu vermitteln als Guram Tschotschjew. Der Orthopäde, der seinen medizinischen Weltruf 1992 mit dem ersten Besuch im Waldkrankenhaus begründete, stimmte denn auch Irina Chasowa und Swetlana Schelesowa vom Erlangen-Haus mit seiner legendären Gastfreundschaft so auf den Festtag ein, daß beide übereinstimmend meinten, sie bräuchten ja anderntags gar nicht mehr zu feiern. Doch eben weil es so schön ist, auf der Erde zu leben, ist es auch so traurig, an das zu denken, was „draußen“ vor sich geht. Der aus Ossetien stammende Arzt muß dieser Tage zur amerikanischen Botschaft um für einen Kongreß, zu dem er mit zwei Beiträgen eingeladen ist, das Visum zu beantragen. Ob er es unter den gegebenen und sich ja zunehmend verschärfenden Umständen erhält, ist noch ungewiß.

Kleinod aus der Hand von Michail Matjuschkin nach einer Fabelfigur an der Demetrius-Kathedrale in Wladimir

Kleinod aus der Hand von Michail Matjuschkin nach einer Fabelfigur an der Demetrius-Kathedrale in Wladimir

Wohl nicht von ungefähr kommt Guram Tschotschjew da Anton Tschechows „Kirschgarten“ in den Sinn: „Es ist ja doch sonnenklar: Um wirklich und lebendig mit der Gegenwart zu leben, müssen wir erst mit der Vergangenheit abschließen und sie abbüßen, und das können wir nur durch hartes Leid, durch unermüdliche, anstrengende Arbeit erreichen.“ Stattdessen so viel Zerstörung rundum. Auch in der kleinen Heimat die Bedrohung, wenn ein Obstgarten weichen muß, weil dort gebaut werden soll. Als gäbe es im größten Land der Welt nicht genug Grundstücke dafür. Also lesen wir weiter, bevor der Vorhang zum Stück fällt: „Der Kirschgarten ist verkauft, ist hin, das ist wahr – aber weine darum nicht, denn sieh: Dir ist doch noch ein Stück Leben, dir ist deine herrliche, reine Seele geblieben … Komm mit mir, komm meine Liebe … wir gehen von hier fort! Wir wollen einen neuen Kirschgarten pflanzen, der noch schöner sein wird, als dieser da, und du wirst ihn sehen, wirst alles begreifen. Eine stille, tiefe Freude wird sich in deine Seele senken, wie der Sonnenschein in die Abendstunde fällt, und du wirst lächeln, Mama. Komm, Liebste, komm!“

Read Full Post »


Laut den Fachleuten des Wladimirer Museums gibt es zwei Schulterstücke, die mutmaßlich aus der Zeit Andrej Bogoljubskijs (12. Jahrhundert) stammen. Das eine ist auf abenteuerlichen Weise in den Louvre gelangt, das andere fand seinen verschlungenen Weg ins Germanische Nationalmuseum zu Nürnberg. Die Geschichte des zweiten Stücks  sei hier kurz referriert.

Armilla des Andrej Bogoljubskij

Armilla des Andrej Bogoljubskij

Die Existenz von deutschen Königsinsignien in altrussischen Fürstenstädten erlaubt, davon zu sprechen, daß es nicht nur kulturelle, sondern auch zwischenstaatliche und politische Verbindungen zwischen der Nordöstlichen Rus und dem Deutschen Reich gegeben hat. Die beiden Schulterstücke waren nämlich mehr als importierte Luxusgegenstände, sie symbolisierten nicht Geringeres, als weltliche Macht.

Andrej Bogoljubskij, Büste im Wladimirer Landesmuseum

Andrej Bogoljubskij, Büste im Wladimirer Landesmuseum

Die historische Tradition verbindet das Schulterstück mit Andrej Bogoljubskij, der danach strebte, ähnlich wie die westlichen Könige, ein autokratischer Herrscher zu werden. Die Freundschaft des Fürsten Andrej mit Friedrich Barbarossa, dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, kam nicht von ungefähr. Die Hinwendung des Wladimirer Selbstherrschers zum katholischen Westen trug vor dem Hintergrund des Kampfes mit dem Patriarchat von Konstantinopol um die Unabhängigkeit der Wladimir-Susdaler Kirche durchaus demonstrativen Charakter. Allerdings ist es bisher nicht gelungen, die Legende wissenschaftlich zu belegen, wonach das Schulterstück aus der Mariä-Entschlafens-Kathedrale tatsächlich am Grabmal von Fürst Andrej Bogoljubskij angebracht war. Wann und unter welchen Umständen die deutschen Königsregalien in die Wladimir-Susdaler Rus gelangt sind, welchem Zweck sie dort dienten, wer die Entscheidung traf, die einzigartigen Exponate ins Ausland zu verkaufen, all das ist ebenfalls von der Forschung noch zu klären.

Geklärt scheint für Michail Matjuschkin eines bereits jetzt, wo er die CD mit dem Photo aus Nürnberg in Händen hält. Nach seiner Analyse der Herstellungstechnik, des Stils und der Ikonographie gelangt er zu der Auffassung, daß die Arbeit nicht schon aus dem 12. Jahrhundert, sondern wohl eher aus dem 14. oder sogar erst 15. Jahrhundert stammt. In jedem Fall tut sich da ein neues und weites Feld der Zusammenarbeit von Historikern aus Wladimir und Nürnberg auf.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: