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Posts Tagged ‘Michael Reitzenstein’


Der Ärzteaustausch gehört heute zum Standardprogramm der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir. Aber alles hat seinen Anfang, und den machte bereits 1989 Michail Tjukarkin, der heute via Blog seinem Kollegen und Freund, Klaus-Georg Bregulla, zum 80. Geburtstag gratuliert und die Gelegenheit zu einem kleinen Rückblick auf die erste Begegnung nutzt.

Im September 1989 schickten mich mein Krankenhaus und die Stadtverwaltung Wladimir zum Erfahrungsaustausch mit den Universitätskliniken nach Erlangen. Man holte mich am Flughafen Frankfurt am Main ab, brachte mich in einem feinen Studentenwohnheim unter, stattete mich mit einem Fahrrad aus und stellte mich anderntags bei der morgendlichen Ärztekonferenz der Abteilung für Innere Medizin unter der Leitung von Professor Eckhard Hahn vor. Damals war ich 30 Jahre alt, hatte mich in der selbständigen Arbeit auf den Gebieten der Notfall-, Allgemein- und Gefäßchirurgie bewährt, spielte einigermaßen gut Fußball und Eishockey, beherrschte als Autodidakt mehr schlecht als recht die deutsche Sprache und interessierte mich brennend für englischsprachige Medizin. Und ich befand mich zum ersten Mal in meinem Leben außerhalb der Landesgrenzen der UdSSR. Als das Auditorium der deutschen Ärzte nach meiner Vorstellung durch Professor Hahn mit den Fingerknöcheln auf die Tische klopfte (wie man mir später erklärte, war das als Zeichen einer besonderen und großen Ehre zu verstehen), war ich drauf und dran, den Raum zu verlassen (damals war ich noch etwas wunderlich und hasenherzig). Im weiteren wußte ich gar nicht, worüber ich mich mehr verwundern sollte, über das ausgesprochen hohe Niveau der Arbeitsorganisation, der Ausstattung der Klinik oder über die herzliche Aufnahme, die ich seitens der Kollegen und des ganzen Personals erfuhr. Ich sah schon 1989 an der Klinik Behandlungsweisen und Medizintechnik (Werner Matek), die es bis heute in vielen Moskauer Krankenhäusern oder unserem Regionalkrankenhaus in Wladimir so nicht gibt.

2003 am Hotel „Goldener Ring“ in Wladimir, die Medizindelegation mit Thomas Seltmann, Steffen Lanig, Brigitte Mugele, Michael Reitzenstein, Jürgen Binder und Michail Tjukarkin

Am siebten Tag meines Auslandsaufenthalts teilte man mir mit, ein gewisser Medizinprofessor namens Klaus-Georg Bregulla wolle mich treffen. Am Abend holte mich dann mit seinem Auto ein etwa fünfzigjähriger energischer Mann mittlerer Größe am Wohnheim ab und brachte mich im Dunkeln zu seinem Haus. Der riesige Schäferhund Pepper legte mir derart freundschaftlich die Vorderpfoten auf die Brust, daß ich mich beinahe zur ewigen Ruhe gelegt hätte. Doch der Gastgeber hauchte mir rasch neues Leben ein.

Oberschwester Anna Reswowa, Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, Michail Tjukarkin und ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses, Jewgenij Jaskin, 2017

Ungeachtet meiner damals noch unbeholfenen und armseligen Sprachkenntnisse schwankte ich in meiner Begeisterung hin und her zwischen der Bewunderung für des Professors ungewöhnlich weiten medizinischen Horizont (er war der dritte Gynäkologe europaweit und der erste, der in Deutschland erfolgreich das In-Vitro-Fertilisations-Programm einführte, und hatte an dem Abend auch noch berühmte Kollegen aus Ost-Berlin, darunter von der Charité, zu Gast) und der ihm eigenen Herzensbildung und Gastfreundschaft. In diesen nun fast 30 Jahren der Bekanntschaft ließ ich jedenfalls nie etwas auf ihn kommen und versuchte, mich seiner würdig zu erweisen. Manchmal nenne ich Klaus-Georg Bregulla und seine göttliche Frau Uschi meine zweiten Eltern (ohne jede Blutsverwandtschaft) und Lehrer. Ich freue mich, bis heute mit Erlangen nicht nur diese menschlichen und fachlichen Werte zu verbinden, sondern auch eine solche Freundschaft mit Kollegen in Deutschland pflegen zu können.

Michail Tjukarkin

 

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Vor acht Jahren veranstaltete das Bürgermeister- und Presseamt zum ersten Mal einem Empfang für Personen und Gruppen, die sich ehrenamtlich für die Städtepartnerschaften engagieren. Seither entwickelte sich die Feier im Ratssaal zu einer festen Institution, bei der von Mal zu Mal die Sessel und Stühle zahlreicher besetzt sind. Gestern nun, als Wolfram Howein aus den Händen von Oberbürgermeister Florian Janik den Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften entgegennahm, blieb freilich wirklich kein Platz mehr frei. Vielleicht, weil, wie der Laudator, anerkennend und vom Manuskript abweichend, meinte, der Geehrte es beispielhaft verstehe, andere in seine vielfachen Aktivitäten und Initiativen einzubinden.

Wie vielfältig und für das Gemeinwohl entscheidend dieses Engagement gerade auch im Internationalen Bereich wirkt, betonte Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens in ihrer Begrüßung. Durchaus auch aus eigener Anschauung vor Ort auf dem Feld der Ökologie, Jugendarbeit oder Kulturvereine. Das Stadtoberhaupt ging sogar noch weiter und stellte diese Arbeit in einen globalen Zusammenhang: „Heute bedarf es mehr denn je der Menschen, die Brücken bauen; gerade jetzt, wo so viele andere sich daran machen, Brücken einzureißen und Mauern hochzuziehen.“

Florian Janik und Wolfram Howein

Desto wichtiger, einmal im Jahr all die einzuladen, denen die Zusammenarbeit mit den zehn Partnerstädten und den drei befreundeten Kommunen, von den sonstigen Verbindungen Erlangens in alle Welt zu schweigen, am Herzen liegt. Und eine Person stellvertretend für die anderen auszuzeichnen, gestern Wolfram Howein. Wofür und mit welchen Worten ist hier nachzulesen: Laudatio Wolfram Howein – 21.11.2018

Wolfram und Inge Howein

Florian Janik machte es sichtlich Freude, dem ehemaligen Siemens-Manager das in vierzehn Jahren und auf vierzig Wladimir-Reisen verdiente Lob auszusprechen, kennt er doch die Ergebnisse dieser großartigen Arbeit aus eigener Anschauung, im Blauen Himmel wie beim Roten Kreuz, im Forum Prisma wie bei den wissenschaftlichen Projekten, besonders aber im Erlangen-Haus, wo beide das „beste Frühstück in der Partnerstadt“ zu schätzen wissen, und von wo aus beide sich auch schon auf die Suche nach einem Schlummertrunk machten.

Gratulation von Melitta Schön an Wolfram Howein

Wolfram Howein nahm es in seiner Erwiderung sportlich: „Mein Engagement für Wladimir ist allemal billiger als Golf zu spielen.“ Aber im Ernst: „Mein Leben ist reicher geworden durch diese Begegnungen, und Wladimir ist mir zum Jungbrunnen geworden.“ Möglich aber natürlich auch nur, wenn die Frau diesen Einsatz unterstützt. Deshalb galt denn der erste und größte Dank Inge Howein, die nun auch schon zehn Reisen in die Partnerstadt hinter sich hat.

Gratulanten: Margrit Vollertsen-Diewerge, Ute Schirmer, Jürgen Binder, Inge und Wolfram Howein, Gerda-Marie und Michael Reitzenstein

Was das Ehepaar noch vor sich hat? Hoffentlich noch viele Jahre der Zusammenarbeit mit Wladimir – zumal sich, siehe Blogeintrag von gestern, im Bereich Erlebnispädagogik schon wieder neue Türen öffnen – und die dafür nötige Gesundheit.

Knut Gradert und seine Stadl Harmonists

Zum Gelingen des Abends trugen auf ihre Weise die Stadl Harmonists aus Kosbach mit „Weltmusik“ bei, von „California Dreaming“ über „Ein Freund, ein guter Freund“ oder „Über den Wolken“ bis hin zum abschließenden „Oj, moros, moros“, das der Leiter des Ensembles, Knut Gradert, bereits 1993 zum Fränkischen Fest in Wladimir mit seinem großen Chor einstudierte und zur Überraschung der Gastgeber auf Russisch interpretierte. Gestern nun also auch noch diese musikalische Brücke über ein Vierteljahrhundert Partnerschaft. Was kann schöner sein?!

Karin Günther, Ruth Sych mit der Broschüre über ihr Engagement in Wladimir vor 20 Jahren und Susanne Lender-Cassens

Höchstens noch die vielen Gespräche, die beim Stehempfang zustandekamen – über die Grenzen der jeweiligen Städtepartnerschaften hinweg. Jena stand da neben Riverside und Rennes kam mit San Carlos ins Gespräch, während Wladimir mit Cumiana Erfahrungen austauschte.

Rudolf und Inge Schloßbauer mit Giuseppe Andolina

Eine Börse der internationalen Beziehungen eben, wo, wie Florian Janik bei der Eröffnung des Buffets meinte, „bestimmt wieder neue Ideen und Projekte entstehen“.

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Aus Rjasan und Kasan, aus Moskau und – Erlangen trafen sich gestern in Wladimir und Susdal Mediziner, um den 100. Jahrestag der Gründung des Rot-Kreuz-Krankenhauses zu begehen. Wie es sich gehört, mit einer wissenschaftlich-praktischen Konferenz, zu der Werner Hohenberger, Leiter des Lehrstuhls für Chirurgie der Friedrich-Alexander-Universität, das erste Referat zum Thema „akute Koloproktologie“ beisteuerte. Eingeladen hatte den europaweit führenden und vielfach ausgezeichneten Fachmann für chirurgische Onkologie bereits im Januar Jewgenij Jaskin, ärztlicher Direktor des Notfallkrankenhauses Wladimir, im Volksmund „Rot-Kreuz-Krankenhaus“ genannt, als sich die ersten Fuhren mit den gespendeten Betten von Erlangen aus auf den Weg in die Partnerstadt machten.

Vortrag Werner Hohenberger

Vortrag Werner Hohenberger

Gestern vor 100 Jahren wurde anläßlich der 300-Jahr-Feiern des Zarengeschlechts der Romanows, am Geburtstag der Schirmherrin des Russischen Roten Kreuzes, der Kaiserin Maria Fjodorowna, das Gebäude im pseudorussischen Stil eröffnet, übrigens entworfen vom deutschstämmigen Architekten Leonid Scherer. Die ersten Patienten des Krankenhauses waren Verwundete im Ersten Weltkrieg. Heute macht man hier jährlich mehr als 12.000 Operationen, womit die Klinik die größte Einrichtung für Chirurgie und Traumatologie in der ganzen Region ist, wo vor allem die schwierigsten Fälle behandelt werden. Allein die Unfallchirurgie hat zwei Abteilungen mit je 107 Betten, auch für Patienten mit Verbrennungen. Darüber hinaus arbeiten hier Ärzte aus 36 Fachbereichen, darunter Urologie, Gynäkologie und Neurochirurgie. Mit insgesamt 547 Mitarbeitern – von den Medizinern bis zu den Pflegekräften und zum technischen Personal – und 444 Betten steht das Krankenhaus nicht nur hinsichtlich seines Profils, sondern auch von seiner Größe her mit an der Spitze der medizinischen Einrichtungen im Gouvernement Wladimir. Dabei hatte das aus Spendenmitteln gebaute Haus vor 100 Jahren mit gerade einmal 25 Betten begonnen.

Vortrag Werner Hohenbeger

Vortrag Werner Hohenbeger

Werner Hohenberger, der in Erlangen studiert hat und nach seiner Habilitation 1984 zunächst an seiner Alma Mater ordentlicher Professor wurde, dann nach Regensburg zum Lehrstuhl für Chirurgie wechselte und 1995 den Ruf an die Chirurgische Klinik der FAU erhielt, kennt Wladimir von einem früheren Besuch her und natürlich dank den vielen Hospitationen von Kollegen aus der Partnerstadt an seinem Krankenhaus. Und schließlich liegt das Rot-Kreuz-Krankenhaus stets auf der Route aller Mediziner aus Erlangen, die Wladimir besuchen: Ignaz Schneider, Jürgen Binder, Walter Otto, Michael Reitzenstein…

Werner Hohenberger

Werner Hohenberger

Die Zusammenarbeit zwischen den Medizinern dürfte sich in Zukunft weiter vertiefen, denn in Wladimir will man dem Personalmangel – derzeit fehlen, vor allem auf dem Land, 938 Ärzte und 1.185 Pflegekräfte – nicht nur mit einer Anhebung der kargen Gehälter, die kaum über 500 Euro liegen, begegnen, sondern es ist auch geplant, an der Universität der Partnerstadt endlich eine Medizinische Fakultät einzurichten. Außerdem will man endlich mehr Aufmerksamkeit der Palliativmedizin widmen und die bisher gerade einmal 15 Betten für die ganze Region innerhalb von drei Jahren auf 65 aufstocken. Sicher längst nicht genug, aber ein Anfang, der auch ein Verdienst der Kooperation mit den Erlanger Kollegen ist, die immer wieder dieses Thema anmahnten.

Dank an Irina Chasowa für die Photos! Mehr zum Thema unter: http://is.gd/QZAHau

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Hier nun Fortsetzung und Ende des Reiseberichts, dessen erster Teil am 29. Dezember 2011 zu lesen war, wo es zur Einführung hieß: „Heute blicken wir wieder ein wenig zurück ins vielfältige Geschehen der Partnerschaft und lassen uns von Professor Ignaz Schneider an der Hand nehmen. Der Oberarzt an der Chirurgischen Klinik mit Poliklinik in Erlangen hat vom 26. Oktober bis 1. November gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, Roswitha Ungar, sowie dem Ehepaar Michael und Gerda-Maria Reitzenstein, niedergelassener Frauenarzt bzw. Direktorin des Amtsgerichts Erlangen, eine Reise nach Wladimir unternommen und einen Bericht angefertigt, der in zwei Teilen im Blog erscheint.“

Festtafel zur Begrüßung der Gäste

Am Abend fand das offizielle Begrüßungsessen für unsere Delegation in einem eleganten, stilvoll-modernen Restaurant statt. Neben den Ärzten der Klinik, Jewgenij Jaskin, Jelena Solowjowa, Roman Gorta und Magir Katschabekow (der ebenfalls als Dolmetscher geholfen hatte), waren mehrere Vertreter der Verwaltung des Krankenhauses und der Leiter der Städtischen Gesundheitsbehörde mit ihren Ehefrauen anwesend. Von Anfang an bestand eine sehr herzliche und freundschaftliche Atmosphäre, die durch die persönlichen Gespräche zwischen den Gästen und den Gastgebern noch vertieft wurde. Bei den Tischreden kam erneut der Wunsch zum Ausdruck, dieser Erfahrungsaustausch werde vor allem eine Kooperation im medizinischen Bereich zwischen den Partnerstädten Erlangen und Wladimir befördern.

Ausflug nach Susdal mit Jelena Ljubar

An den darauf folgenden beiden Tagen, dem Freitag und dem Samstag, ließen es sich unsere Gastgeber nicht nehmen, uns ihr schönes Land zu zeigen. Am Freitag unternahmen wir mit Jewgenij Jaskin und Jelena Ljubar, einer fließend deutsch sprechenden Fremdenführerin, einen Ausflug nach Susdal, das gelegentlich als das russische Rothenburg o.d. Tauber bezeichnet wird. In der Tat sind die beiden Städte auch partnerschaftlich verbunden, und ein gelbes deutsches Straßenschild in Susdal weist den Weg in das 2.660 km entfernte Rothenburg o.d. Tauber. Uns begeisterten die zahlreichen, sehr schön renovierten Kirchen und Klöster, wobei uns vor allem der Hinweis faszinierte, daß man es sich früher leistete, jeweils eine größere Sommerkirche und eine kleinere und damit leichter beheizbare Winterkirche zu bauen. In seiner Blütezeit standen in Susdal insgesamt 40 Kirchen und Klöster, und man konnte leicht errechnen, daß auf 120 Einwohner ein Gotteshaus entfiel.

Ausflug nach Murom

Am Samstag folgte wiederum in Jewgenij Jaskins Wagen ein Ausflug nach Murom an der Oka. Dort wurden wir von seiner Kollegin, Tatjana Piwikina, der Leiterin des Städtischen Kinderkrankenhauses, begrüßt. Mit ihr zusammen besichtigten wir die Sehenswürdigkeiten des Ortes, darunter die berühmte Kathedrale des Dreifaltigkeitsklosters. Nach einem gemeinsamen Mittagessen wurde uns die große Ehre zuteil, von unserer Gastgeberin noch zu Kaffee und Kuchen in ihr Privathaus eingeladen zu werden. Die herzliche Verbindung zwischen Gästen und Gastgebern kam auch in den sehr persönlichen Tischreden zum Ausdruck, wobei beide Seiten daran erinnerten, daß die Generation der Eltern und speziell der Väter trotz der Schrecknisse des vergangenen Krieges in direkten zwischenmenschlichen Kontakten die Warmherzigkeit der russischen Bevölkerung kennengelernt hatte.

Gruppenbild mit Irina Chasowa und Tatjana Afanasjewa (3. und 4. v.l.)

Der Sonntagvormittag stand uns zur freien Verfügung. Wir konnten auf eigene Faust das Stadtzentrum von Wladimir mit seinen Sehenswürdigkeiten erkunden oder in den auch am Sonntag geöffneten Geschäften Reiseandenken einkaufen. Am Nachmittag und Abend trafen wir uns auf Initiative des Ehepaars Reitzenstein mit der früheren Leiterin der Gynäkologischen Abteilung der Klinik des Traktorenwerks, Natalia Afanasjewa. Das Ehepaar Reitzenstein hatte die Ärztin bei einem früheren Besuch in Wladimir kennen- und schätzengelernt, und mit Hilfe von Irina Chasowa, der Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses, war es gelungen, den Kontakt wieder herzustellen. Frau Chasowa, die perfekt deutsch spricht, begleitete uns auch während unseres Besuches am Nachmittag, so daß die Eheleute Reitzenstein keine Schwierigkeiten hatten, ihre Eindrücke und Erinnerungen an den Besuch vor sieben Jahren auszutauschen.

Am Montag, den 31. Oktober, waren wir wieder in der Klinik. Wir trafen uns mit weiteren Kollegen und besprachen vor allen Dingen, wie die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir auf medizinischer Ebene weiter ausgebaut werden könnten. Wir knüpften Kontakte, um bei speziellen Problemen Befunde von russischen Patienten aus der Gegend von Wladimir gemeinsam erörtern zu können oder diesen Patienten ggf. eine Behandlung in den Erlanger Universitätskliniken zu ermöglichen.

Empfang bei Oberbürgermeister Sergej Sacharow (Mitte)

Trotz seines knappen Zeitplanes nahm sich Sergej Sacharow, der Bürgermeister von Wladimir, am Nachmittag eine halbe Stunde Zeit, um unsere Delegation im Rathaus zu begrüßen. Neben dem Stadtoberhaupt begrüßten uns weitere Vertreter der Stadtverwaltung, darunter auch Wladimir Sawinow, der Leiter der Städtischen Gesundheitsbehörde. Wir unterhielten uns über Themen aus dem Gesundheitswesen und berichteten über unseren Erfahrungsaustausch mit den Kollegen im Rot-Kreuz-Krankenhaus. Der Bürgermeister zeigte sich sehr interessiert und bedauerte, daß wir ihm keine Photographien von unseren gemeinsam ausgeführten Operationen zur Verfügung stellen konnten. Nach der Überreichung von typischen Geschenken aus der Heimat der Gastgeber bzw. der Gäste endete der sehr herzliche Empfang im Rathaus von Wladimir. Mit einem Abendessen, bei dem neben unseren ärztlichen Kollegen wiederum der Gesundheitsreferent der Stadt Wladimir anwesend war, endete dieser sehr eindrucksvolle Aufenthalt in Wladimir. Beide Seiten betonten den Willen, ihr sehr herzliches Verhältnis zueinander ausbauen und damit auch die Möglichkeiten des Austausches auf dem medizinischen Gebiet in jeder Hinsicht verbessern zu wollen.

Am nächsten Morgen traten wir die Heimreise an. Bevor wir mit dem Bus zum Moskauer Flughafen losfuhren, kamen Jewgenij Jaskin und Roman Gorta ins Erlangen-Haus, um sich ganz persönlich von uns zu verabschieden. Nach alter russischer Tradition setzten wir uns für eine kurze Auszeit der Besinnung zusammen, bis wir dann schließlich in den bereitstehenden Bus stiegen, der uns nach Domodedowo brachte.

Wir flogen nach Hause mit reichlichen Eindrücken von guter Medizin, ausgeführt unter nicht immer einfachen Umständen, und waren tief beeindruckt von der Gastfreundschaft unserer russischen Gastgeber in Wladimir.

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Heute blicken wir wieder ein wenig zurück ins vielfältige Geschehen der Partnerschaft und lassen uns von Professor Ignaz Schneider an der Hand nehmen. Der Oberarzt an der Chirurgischen Klinik mit Poliklinik in Erlangen hat vom 26. Oktober bis 1. November gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, Roswitha Ungar, sowie dem Ehepaar Michael und Gerda-Maria Reitzenstein, niedergelassener Frauenarzt bzw. Direktorin des Amtsgerichts Erlangen, eine Reise nach Wladimir unternommen und einen Bericht angefertigt, der in zwei Teilen im Blog erscheint. 

Auf dem Flug von Nürnberg mit kurzer Zwischenlandung in Berlin-Tegel nach Moskau-Domodedowo fragten wir uns alle gespannt, wer uns am Flughafen abholen und wie die Verständigung klappen würde. Alle waren sehr erfreut, als sie in der Wartehalle das vertraute Gesicht von Roman Gorta erblickten, der im Juni mit der russischen Delegation nach Erlangen gekommen war. Wir begrüßten uns sehr herzlich, so wie alte Freunde, die sich schon lange Jahre kennen, und Roman Gorta begleitete uns zu dem wartenden Kleinbus mit Fahrer. Da der Gynäkologe sehr gut Englisch spricht und die Verständigung somit kein Problem war, konnten wir uns bereits auf der Fahrt nach Wladimir ausgiebig über die Fahrtstrecke, die Sehenswürdigkeiten am Rand des Weges, über unsere Arbeit in den Kliniken und das bevorstehende Programm unterhalten. Wir erreichten Wladimir gegen 19.00 Uhr abends, und daher brachten uns unsere Gastgeber nicht zuerst in die Unterkunft, sondern direkt zu einem Willkommens-Abendessen.

Essen mit Freunden

Vor dem Restaurant begrüßte uns mit echter Wiedersehensfreude der Chef des Rot-Kreuz-Krankenhauses Wladimir, Jewgenij Jaskin, der die russische Delegation bei ihrem Besuch in Erlangen angeführt hatte. Bei dem darauf folgenden Abendessen bekamen wir einen ersten Eindruck von der Vielfalt der russischen Küche. Sehr wohl wußten wir den Rat aus dem Peter-Steger-Vademecum zu schätzen, man solle die Kapazitäten des Magens gut einteilen, damit nach den Vorspeisenn auch noch Platz für die übrigen Gänge bleibt. Bei dem Essen, bei dem nicht nur Jewgenij Jaskin und Roman Gorta, sondern auch die Leiterin der Notaufnahme anwesend waren, tauschten wir nicht nur gemeinsame medizinische Erfahrungen, sondern auch Erinnerungen an den Besuch der russischen Delegation in Erlangen aus. Die Gastgeber begrüßten uns ganz offiziell während des Essens mit Trinksprüchen auf unsere neue medizinische Zusammenarbeit, die wir gerne mit Toasts auf die lange bestehende Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir erwiderten.

Nach dem Essen brachte man uns ins Erlangen-Haus. Ein altes Kaufmannshaus, das auf Initiative der Partnerstädte renoviert worden war und das unter anderem für gute Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung steht.

Am Donnerstagmorgen wurden wir bereits um 7.00 Uhr von Jelena Solowjowa, der Leiterin der Notfallaufnahme, abgeholt. Nach einer kurzen Begrüßung im Büro von Jewgenij Jaskin, wo wir alle einen weißen Arztkittel erhielten, stellte man uns als Ehrengäste in der täglich stattfindenden Morgenbesprechung vor. Trotz mangelnder Russischkenntnisse verstanden wir, daß hier die Notfälle und Notaufnahmen der Nacht den leitenden Ärzten vorgetragen wurden.

Nach der Visite

Zurück in Jewgenij Jaskins Büro, lernten wir den Leitenden Chirurgen der Stadt Wladimir kennen. Es erfolgte ein Meinungsaustausch über die Tätigkeit von Michael Reitzenstein und mir in Erlangen und über die Schwerpunkte der Allgemeinchirurgie an der Universität Erlangen. Uns wurden die Tätigkeitsbereiche des Notfall-Krankenhauses, im Volksmund Rot-Kreuz-Krankenhaus genannt, geschildert. Neben einer großen traumatologisch-unfallchirurgischen Abteilung gibt es weitere Abteilungen für septische Chirurgie und Gynäkologie. Bei einem Rundgang durch die Klinik besichtigten wir die Notaufnahme mit einzelnen Behandlungszimmern sowie Räumen für Spezialuntersuchungen im Bereich Gastroskopie und Koloskopie. Auch die Röntgenabteilung mit einem Computertomographen wurde uns demonstriert. Anschließend besuchten wir die OPs, wo sich Michael Reitzenstein besonders für gynäkologische Eingriffe interessierte. Diese wurden fast ausschließlich laparoskopisch durchgeführt. Der Gast aus Erlangen war nicht nur beeindruckt von der guten Ausstattung zum laparoskopischen Operieren, sondern auch von der Expertise, mit der sein russischer Kollege Roman Gorta die gynäkologischen Operationen durchführte. Ich selbst konnte bei einer Gallenblasenentfernung anwesend sein, die über eine sogenannte Mini-Laparotomie am rechten Rippenbogenrand durchgeführt wurde. Im Unterschied zu einer laparoskopischen Operation, bei der mit mehreren Instrumenten und einer Video-Optik im gasdistendierten Bauchraum gearbeitet wird, entfernt man hier die Gallenblase mit langen Spezialinstrumenten durch einen Zugang direkt über dem Hohlorgan. Daneben existiert in Wladimir natürlich auch das komplette laparoskopische Verfahren. Nahezu die Hälfte der dort tätigen Chirurgen bevorzugt die Mini-Laparotomie, nicht zuletzt weil diese technisch weniger aufwendig und damit auch kostengünstiger ist.

Insgesamt hatten wir den Eindruck, daß bei den gesehenen Standardeingriffen die russischen operativ tätigen Kollegen ihre Arbeit genauso zielstrebig und sicher ausführen, wie dies ihre erfahrenen Kollegen in Deutschland tun. Aufgefallen ist uns natürlich der doch geringere Materialaufwand. So wurden die OP-Bereiche nicht ganz so großzügig abgedeckt wie bei uns, und die verwendeten Tücher waren nicht wasserundurchlässig. EDV-Unterstützung zur Dokumentation von Patienten- und Behandlungsdaten oder zur Übermittlung wichtiger Befunde konnten wir im OP nicht finden. Die Akten wurden traditionell von Hand geführt. Einige OPs und Bereiche des Krankenhauses waren bereits baulich saniert. Es fanden sich aber auch in den OP-Vorräumen Stellen mit fehlendem Bodenbelag und offen liegendem Untergrund. Durch Geldmangel können wohl Sanierungsarbeiten nicht in dem Maße durchgeführt werden, in dem sie erforderlich wären.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Am Nachmittag blieb noch Zeit für einen Abstecher zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jewgenij Jaskin zeigte uns die Mariä-Entschlafens-Kathedrale als Hauptkirche der Stadt, die uns nicht nur durch ihren prachtvollen Innenraum, sondern auch durch ihr Äußeres und ihre hübsche Lage auf einem Hügel mit Blick zur Kljasma und auf die sich anschließende weite Ebene begeisterte. Die anschließenden Besuche im Landesmuseum und im Frauenkloster Bogoljubowo am Stadtrand rundeten den Nachmittag ab.

Fortsetzung folgt.

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Kurt Förster und Heidrun Bothe mit den Gästen

Der Ärzteaustausch zwischen den Partnerstädten geht bis in die späten 80er Jahre zurück, gehört also zu den Konstanten der Verbindung zwischen Erlangen und Wladimir. Es gibt auch kaum einen Bereich – von der Dermatologie über die Kinderheilkunde und Orthopädie bis hin zur Kardiologie oder Zahnmedizin -, der außen vor geblieben wäre. Von besonderer Bedeutung ist aber zumindest seit dem Vorjahr, als Jewgenij Jaskin, ärztlicher Direktor des Notfallkrankenhauses, zum ersten Mal in Erlangen hospitierte und dann auch noch Gerd Lohwasser im November bei dessen Abschiedsbesuch als Bürgermeister in seiner Klinik empfing. Damals, im Spätherbst, entstand nicht nur eine Männerfreundschaft, es wurde auch verabredet, möglichst bald wieder Fachärzte nach Erlangen einzuladen.

Und nun sind sie da, Jewgenij Jaskin und sein Team, dem die Chefin der Notaufnahme, Jelena Solowjowa, der Leiter der Traumatologie, Alexander Dobronrawow, und der Gynäkologe, Roman Gorta, angehören, der übrigens auch schon über Erlangen-Erfahrung verfügt und als der beste seines Fachgebiets in Wladimir gilt.

Meistertrunk mit Jewgenij Jaskin und Kurt Förster

Nach Deutschland gekommen sind die Gäste schon am frühen Mittwochmorgen via Berlin, wo sie die Wladimirerin Jekaterina Sas empfing, in die Charité begleitete und zum Reichstag brachte, wo für die Besucher vom Büro des Bundestagsabgeordneten Stefan Müller eine Führung arrangiert wurde. Weiter ging es mit der Bahn nach Jena, wo nicht nur der Empfang ausgesprochen herzlich war. „Technisch und fachlich sind die Kollegen dort auf einem Niveau, das einen einfach bloß staunen macht“, kann da Jelena Solowjowa nur sagen. Noch wichtiger aber: Auch menschlich hat es gleich gefunkt, und schon sind erste Verabredungen gemacht, den Austausch in Zukunft fortzusetzen. Genau das, was das Dreieck Erlangen – Jena – Wladimir braucht, wofür es vor fast drei Jahren offiziell ins Leben gerufen wurde.

Erst am Freitagabend dann betraten die Mediziner Erlanger Boden, empfangen am Bahnhof von ihrem Betreuungsteam, bestehend aus Nadja Steger und Jelena Anossowa sowie vor allem den beiden Ärzten, Walter Otto und Jürgen Binder, die in den Osterferien in Wladimir waren, dort Jewgenij Jaskin und sein Krankenhaus kennengelernt und im Vorfeld des Besuchs viele wichtige Verbindungen hergestellt haben.

Mit Kollegen auf der Bergkirchweih

Rothenburg ist immer für einen Ausflug gut, aber längst nicht bei allen Besuchen von Gästen aus Wladimir ist es möglich, den Abstecher in die Partnerstadt von Susdal zu machen. Doch wenn schon, dann zeigt sich Rothenburg auch von seiner schönsten Seite und bietet alles auf, was den Besuchern Freude machen könnte. Bürgermeister Kurt Förster ließ es sich denn auch nicht nehmen, persönlich den Kontakt zum Verbundklinikum herzustellen, durch das die Verwaltungsdirektorin, Heidrun Bothe, führte. Besonders eindrucksvoll neben der breiten Palette der medizinischen Dienstleistungen das Ernährungsprogramm, abgestimmt auf alle Bedürfnisse der Patienten, und die Belieferung von anderen sozialen Einrichtungen durch die eigene Küche, der übrigens ein Spitzenkoch vorsteht.

Und dann, was Ehrengästen vorbehalten ist: der Meistertrunk. Ein Ritual, das Besuchern eine Trinkfestigkeit abverlangt, die nicht jedem gegeben ist. Wladimirs Ehre mußte denn auch niemand anders als der Leiter der Delegation, Jewgenij Jaskin, retten, der die letzte Neige leerte, bevor es zum Stadtrundgang ging. Und Erlangen? War da nicht auch etwas? Ach ja, die Bergkirchweih. Da gab es freilich mehr als nur Bier zu trinken. Zum Frühschoppen am Sonntagmorgen waren neben Walter Otto und Jürgen Binder auch der Chirurg Ignaz Schneider und der niedergelassene Gynäkologe Michael Reitzenstein gekommen.

Mit den Kollegen, Gerd Lohwasser und Jelena Anossowa

Daß da nicht nur über die Güte des Gerstensaftes räsoniert wurde, darf als gesichert gelten. Gleiches gilt für den Abend, zu dem Familie Jürgen Binder zu sich nach Hause einlud. Gleiches gilt für die vielen noch kommenden Einladungen bis zum Ende des Programms am Freitag, eines Programms, das, wie Bürgermeister Gerd Lohwasser beim Empfang im Rathaus meint, einzigartig in seiner Art sei, führt es die Gäste doch nicht nur durch die Erlanger Universitätskliniken und das Waldkrankenhaus, sondern sieht auch Ausflüge nach München und Bamberg vor.

Und Pläne für die Zukunft gibt es auch schon. Auf Anregung von Nadja Steger sollen in Zukunft die Nachwuchsärzte – sie sollten freilich Deutsch oder zumindest Englisch sprechen – viel stärker in den Austausch einbezogen werden, sind sie es doch, wie Jewgenij Jaskin betont, von denen abhängt, ob es der russischen Medizin gelingt, auf den europäischen Standard zu kommen. Und welche Partner sollten da besser sein als Erlangen und Jena?! Da bahnt sich also noch viel an für die Zukunft.

Dank an die Mitglieder des Fördervereins

Eine Zukunft soll laut Jewgenij Jaskin auch das Rote Kreuz in Wladimir haben. Er zeigt sich am Abend bei einer Sitzung des Fördervereins für das Rote Kreuz in der Partnerstadt überzeugt, daß es unter der neuen Stadtführung schon bald zu einer Neuordnung der Organisation kommt und ihrer Funktion mehr Beachtung geschenkt wird. Er und seine Kollegen jedenfalls werden das Rote Kreuz bei seinem Neuanfang nach Kräften unterstützen. Wie ernst es der Arzt damit meint, kann man an dem sehen, wie er die Spendenmittel des Fördervereins verwaltet und verwendet hat. Nachzulesen unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/05/21/9433/

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Matthias W. Beckmann, Alexander Hinz, Roman GortaSo herzlich Matthias W. Beckmann, Direktor der Erlanger Frauenklinik, am gestrigen Spätnachmittag seinen Wladimirer Kollegen, Roman Gorta, empfing, so wenig ließ man sich Zeit für Präliminarien und sonstige Floskeln. Man verstand sich ohnehin auf Anhieb auf Englisch und tauschte im Stakkato – den Gastgeber drängte der nächste Termin – die Informationen aus, um festzustellen, daß man fachlich nahe beieinander war. Ehe man sich versah und ohne Zögern hatte der Professor für Gynäkologie dem Chef der Frauenheilkunde am Erste-Hilfe-Krankenhaus in Wladimir zugesagt, er sei jederzeit zu einer Hospitation willkommen. Sprach’s und eilte weiter, doch nicht ohne die freundliche Aufforderung, ihm eine Mail zu schicken. Man werde dann sicher einen Termin für einen längeren Aufenthalt finden.

dsci0290Assistenzarzt Alexander Hinz, mit der Führung durch das Haus betraut, bot die nächste angenehme Überraschung mit seinem perfekten Russisch. Schließlich konnte man ja nicht wissen, wie firm der Kollege aus Wladimir im Englischen ist. Und den Betreuer aus dem Rathaus wollte man wohl nicht mit der Übersetzung von Fachvokabular in die Bredouille bringen. Sogar eine weitere Mitarbeiterin des Klinikums stünde im Bedarfsfall mit besten Russischkenntnissen zur Verfügung. Ideale sprachliche Bedingungen also von beiden Seiten für den Fachaustausch. Doch auch inhaltlich hat man schon zueinander gefunden.

Roman Gorta ist niemand, der im eigenen Saft schmoren will. Ihm fehlt in Wladimir vor allem die unmittelbare Betreuung und Korrektur in der täglichen Arbeit durch einen Lehrstuhl. Medizin gibt es halt leider an den beiden Wladimirer Universitäten nicht, und Iwanowo oder Nischnij Nowgorod und erst recht Moskau, wo die Professoren lehren und forschen, sind weit und haben kaum Zeit für die Kollegen in der akademischen Provinz. Und so nutzt Roman Gorta seinen Urlaub, um sich im Ausland – er kennt sich in Frankreich, Italien und Tschechien aus – umzutun und Erfahrungen zu sammeln. In Deutschland, so sein Fazit, sei die Gynäkologie wohl am besten in Europa entwickelt, und die Medizinstadt Erlangen hat da ja auch einiges zu bieten.

Die Erlanger Frauenklinik trägt seit Herbst 2008 das Gütesiegel „Gynäkologisches Krebszentrum“, das nur neun weitere Häuser in Deutschland vorweisen können und von dem Matthias W. Beckmann meint, es sei „ein weiterer Meilenstein“ bei der Qualitätssicherung in der Krebsmedizin für Frauen, „ein wichtiger Schritt hin zur umfassenden und fachübergreifenden Betreuung von Frauen mit verschiedenen Genitalkrebsformen in Deutschland“. Eben dieses übergreifende Element fehlt Roman Gorta zu Hause. Man brauche sich fachlich zwar nicht verstecken, aber ihm gehe die ordnende Hand ab, es gebe zu wenig Koordination, und man sollte auch in Wladimir endlich ein regionales Zentrum für Frauenheilkunde einrichten. Aber ob sich die Politik dazu durchringen kann?

Roman Gorta steht in einer langen Tradition des Ärzteaustausches mit Wladimir. Schon Ende der 80er Jahre besuchte eine russische Medizinerdelegation die Partnerstadt. Mit von der Partie war der Chirurg Michail Tjukarkin, dem es gelang, gute Beziehungen u.a. zu seinem Kollegen Werner Hohenberger und dem Frauenarzt Klaus-Georg Bregulla aufzubauen und zu unterhalten. So stand er denn auch Pate für den jetzigen Besuch und vermittelte für Roman Gorta eine mehrtägige Hospitation bei den Kollegen in Neumarkt. Kaum ein Fachgebiet der Medizin, das in der Zwischenzeit nicht in den Austausch einbezogen wurde. Wenn in den 90er Jahren vor allem noch der Aspekt der humanitären Hilfe im Vordergrund stand, begegnet man sich nun schon lange auf Augenhöhe und lernt voneinander. Daher verwundert es gar nicht, daß Alexander Hinz im Gespräch mit dem Gast aufhorcht, als der gewisse Operationen und Therapieformen erwähnt, die vor Ort praktiziert zu sehen, für die Erlanger durchaus von Interesse wären.

Auch die Gynäkologie war – freilich noch vor dem ausgesprochen gelungenen Umbau des Klinikums – bereits am Austausch beteiligt. Ärztinnen der Frauenheilkunde vom Wladimirer Krankenhaus des Traktorenwerks hospitierten mehrfach in Erlangen, ihre niedergelassenen Kollegen Helga Potschadtke, Michael Reitzenstein und vor allem Steffen Lanig stellten ihr Fachwissen zur Verfügung. Letzterer organisierte sogar die Spende eines Laparaskops für minimalinvasive Eingriffe, das bis heute in der Partnerstadt gute Dienste leistet. Roman Gorta übernimmt nun das Staffelholz und wird sicher bald wieder über die Zielgerade in Erlangen einlaufen. Willkommen!

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