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Posts Tagged ‘Masleniza’


Der Samstagvormittag gehört im Erlangen-Haus den Kindern. Ebenso erstaunlich wie erfreulich die Weiterentwicklung des pädagogischen Programms. Im August 2017 hatte Anna Lesnjak eine Fortbildung am Goethe-Institut in Moskau gemacht, und schon wenige Wochen später startete sie mit der Zwerglgruppe.

Man merkt es dem Großen Saal im Erlangen-Haus an: Das Unterrichtsmaterial zeigt spielerische Elemente, und die Lehrerin geht denn auch mit spielerischem Ernst ans Werk.

Man merkt es den Kindern an: kein Zwang, keine Unlust. Sie freuen sich auf den Unterricht und sind mit Eifer bei der Sache.

Wer erinnert sich noch, wie diese beiden Maskottchen heißen?

Mit einem Ball bringt Jekaterina Ussojewa alle ins Spiel. Wer ihn zugeworfen bekommt, stellt sich vor und wirft ihn dann weiter. Das ging gestern schwuppdiwupp, denn es waren nur fünf gekommen. Wo denn die andere Hälfte abgeblieben sei, fragt der Gast. „Die feiern noch den 8. Mai und die Butterwoche“, kommt prompt zur Antwort. Auch recht, wenn Festtage als Entschuldigungsgrund genügen.

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Jekaterina Ussojewa

Nachhilfe brauchen die Kleinen aber noch in Sachen Erlangen. Was das für eine Stadt ist, wo sie liegt, was sie mit Wladimir zu schaffen hat, wissen noch nicht alle. Aber, wer weiß, in fünf oder sechs Jahren kommt ja vielleicht schon die eine oder der andere per Schüleraustausch in die deutsche Partnerstadt und erinnert sich dann an diese kleine Einführung.

Peter Steger und die Zwerglgruppe

Während sich dann der Unterricht wieder dem eigentlichen Stoff – den Jahreszeiten und der Rechtschreibung – zuwendet, wartet draußen der tauende Rest des Winters.

Und wo könnte man den schöner erleben als in Susdal, wohin man für gerade einmal 100 Rubel in knapp einer Stunde mit dem Linienbus fahren kann – mit Stehplatz. Eng an eng, denn in Rothenburgs Partnerstadt gibt es etwas zu erleben: das Winteraustreiben, die Butterwoche, die Masleniza, den Höhepunkt des russischen Karnevals.

Von dem bunten Spektakel gibt es hier http://www.facebook.com/peter.steger.5492 mehr zu sehen.

Peter Steger und Sergej Skuratow

Besonders schön aber am Rand des Volksfestes: Freunde wiedersehen, wie den Bildreporter Sergej Skuratow, der die Partnerschaft seit Anfang der 90er Jahre mit seiner Kamera begleitet.

Sergej Sacharow und Peter Steger

Und natürlich Sergej Sacharow, Stadtdirektor von Susdal und bis vor dreieinhalb Jahren Oberbürgermeister von Wladimir, der sich den ganzen Nachmittag Zeit nimmt, um seine Wintermärchenstadt zu zeigen. Aber auch, was ihm besonders am Herzen liegt: das Wohl von behinderten Kindern, deren Zentrum die Stadtverwaltung nach Kräften unterstützt, etwa durch die teilweise Übernahme der Kosten für die Heizung oder des pädagogischen Personals. Ansonsten aber funktioniert die Einrichtung ganz ähnlich wie in Deutschland die Lebenshilfe.

Und dann der Höhepunkt: die Wohnung zum Lebenlernen. Eben erst eröffnet. Heute ziehen die ersten fünf behinderten Jugendlichen für zwei Wochen ein, um hier einzuüben, wie sie für sich selbst sorgen, ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Möglich wurde dies dank dem Engagement der Selbsthilfegruppe Swet, die ja seit ihrer Gründung vor einem Vierteljahrhundert eng mit Erlangen zusammenarbeitet und in Wladimir bereits Wohnungen dieser Art einrichten konnte – mit Unterstützung der fränkischen Freunde. So auch hier: Die Finanzierung des Projekts wurde möglich dank dem Verkauf eines Grundstücks – zwischen Wladimir und Susdal gelegen -, das aus Mitteln des Erzbistums Bamberg angekauft worden war, um dort eine erlebnispädagogische Einrichtung für behinderte Kinder zu schaffen. Dieses Vorhaben wurde dann in Penkino unter dem Namen „Blauer Himmel“ verwirklicht, das Bauland blieb eine Brache und ging an die Organisation Swet, die ihrerseits dort ein kleines Kinderdorf errichten wollte. Als sich auch diese Pläne zerschlugen, fiel die Entscheidung für den Verkauf, und aus dem Erlös konnte nun in Susdal – mitten im Zentrum der Stadt, gegenüber dem Marktplatz, in bester Lage – ein ganzes Haus saniert und behindertengerecht eingerichtet werden.

Guten Morgen

Viele Umwege waren nötig, um an dieses Ziel zu kommen. Aber es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben. Jeder Morgen wird daran erinnern. Möge jeder Morgen ein guter Morgen für die jungen Gäste des Hauses werden!

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„Wie man nur auffährt in russischen Restaurants!“ dachte der Franzose, als er sah, wie der Gast am Nachbartisch seine Bliny mit heißer Butter übergoß. „Fünf Bliny! Wie kann ein einzelner Mensch nur derart viel Teig essen?“ Unterdessen hatte der Nachbar seine Bliny mit Kaviar bestrichen, sie alle in der Hälfte durchgeschnitten und verschlang sie in weniger als fünf Minuten… „Sie da!“ wandte er sich dem Ober zu. „Noch eine Portion! Was habt ihr überhaupt für Portionen hier? Bring doch gleich so zehn oder fünfzehn Stück! Und geräucherten Fisch, am besten Lachs!“

„Ein dummer Franzose“, Anton Tschechow

Rezept entnommen dem „Triumpf der Piroggen“ von Jelena Manjenan

Ja, die russischen Pfannkuchen haben auch zu literarischen Ehren gebracht, gehören sie doch in ihrer ostslawischen Variante zum leckersten Bestandteil der kulinarischen Welt. Es sind nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen zu Crêpes, Pannekoeken, Pancakes und den vielen anderen Verwandten, aber es kommt ja immer und überall auf die feinen Andersartigkeiten an.

Am heutigen Rüsttag, dem Beginn der Butterwoche, deshalb ein Rezept zu dieser Köstlichkeit, zu der wir einen halben Liter Milch benötigen sowie 100 g Kefir, zwei Teelöffel Pflanzenöl, zwei Eier, 180 g Mehl, einen halben Teelöffel Salz, einen Teelöffel Zucker, eine Messerspitze Backpulver und einen halben Teelöffel Zitronensaft.

Die Milch wird mit dem Kefir auf 40 bis 50 Grad erhitzt, und man trennt die Dotter vom Eiweiß. In das Milch-Kefir-Gemisch gibt man dann die Dotter, das Salz, den Zucker, den im Zitronensaft aufgelösten Backpulver sowie das Pflanzenöl.

Nun kommt das Mehl unter ständigem Rühren hinzu, bis wir eine klumpenfreie Teigmasse haben. Das Eiweiß mit Salz zu einem festen Schaum schlagen und gut unter den Teig heben, was den Bliny beim Backen die besondere Farbe und noch viel mehr verleiht. Sie werden sehen!

Jetzt braucht man nur noch den Teig in kleinen Portionen in die mit Pflanzenöl erhitzten Pfannen (zwei sollten es schon sein, damit immer frischer Nachschub auf den Tisch komme) geben und drauflosbacken. Womit man die hauchdünnen Bliny dann serviert, süß oder deftig, bleibt dem jeweiligen Geschmack überlassen. Es müssen ja nicht immer geräucherter Lachs und Kaviar sein… Smetana, Marmelade, Honig und vieles mehr eignen sich ebenfalls bestens.

Und wer nachlesen möchte, was es mit der Butterwoche, der Masleniza, auf sich hat, lese hier nach: https://is.gd/u4pJau

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Spät kam er in diesem Jahr, der Winter, und schon wurde er gestern wieder ausgetrieben. In Wladimir und überall zwischen Ostsee und Ochotskischem Meer.

Futa-Bolina, die Fußball-Strohpuppe mit den Austragungsstädten der WM

Die „Butterwoche“, auf Russisch „Masleniza“, endet immer am Sonntag und steht für den Beginn des Frühjahrs, den Eintritt in die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern und die gegenseitige Vergebung von Schwächen, Fehlern und Sünden. In Wladimir, für den Zeitraum der Fußballweltmeisterschaft zur Kulturhauptstadt ernannt, stand das Fest aber auch schon ganz im Zeichen des runden Leders

Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Zeichen des Fußballs

Zentrale Figur des Treibens aber ist die Strohpuppe, die zum Höhepunkt des Volksfestes in effigie für den Winter verbrannt wird. Aus ihrer Asche – so der Überlieferung – solle bald schon die neue Saat aufgehen.

Feierlaune in Wladimir

Ein Schauspiel, das Jahr für Jahr viele Menschen aller Generationen anlockt und sogar in Gefängnissen veranstaltet wird, geht es doch auch und gerade um die symbolische Tilgung von Schuld.

Vor der Toren der Stadt Wladimir

Der Winter freilich behält Wladimir laut Wetterbericht noch bis mindestens Anfang März fest im Griff, mit weiterem Schnee und nächtlichen Temperaturen bis zu unter 20° C Frost. Wie gesagt, spät kam er in diesem Jahr der Winter, und noch später wird er wohl erst wieder gehen.

Die Puppe brennt in Susdal

Mehr zur Bedeutung der „Butterwoche“ unter: dfd https://is.gd/u4pJau

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Eine närrische Zeit mit Helau und Alaf, allgemeiner Kostümierung und organisiertem Frohsinn auf allen Kanälen und in allen Sälen gibt es in Rußland (noch) nicht. Muß vielleicht ja auch gar nicht sein, wenn man weiß, daß die Ostslawen schon lange vor der Christianisierung mit ganz eigenen Sitten den Winter austrieben und das Frühjahr begrüßten.

Butterwoche

Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der vierzigtägigen österlichen Fastenzeit, die sogar den Verzehr von Milchprodukten untersagt, noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt. Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse, gern auch Kaviar. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Butterwoche

Der heutige Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt und in effigie für den Winter eine Strohpuppe verbrennt und deren Asche zu Grabe trägt, aus der im Frühjahr die frische Saat hervorwachsen soll.

Butterwoche

Wie viele sich heute noch an dieses strikten Ablauf des Rituals halten, sei dahingestellt, in jedem Fall aber gestaltet sich der russische Karneval in geregelteren Bahnen als hierzulande das närrische Treiben und macht bei der Verkehrspolizei keine Sonderschichten notwendig. Was der Stimmung auf den Straßen und Plätzen und dem Appetit auf Pfannkuchen aber gar nicht abträglich ist. Und wer schon einmal das Tanz- und Folklore-Ensemble „Rus“ hat erleben können, wird die bunten Kostüme, die mitreißenden Tänze und den überwältigenden Gesang der Masleniza nie mehr vergessen.

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Um in unseren Breiten zumindest kulinarisch die Butterwoche mitfeiern zu können, bietet sich an, nach russischem Rezept Pfannkuchen zu backen. Dazu ist es nur nötig, beim Rühren der gesalzenen Eier bis zu einer leichten Schaumbildung ein Glas kochendes Wasser und darauf etwa die gleiche Menge Kefir dazuzugeben, bevor man das Mehl einstreut (etwas Soda nicht vergessen), alles klumpenfrei vermischt, ein wenig zuckert und einige Sonnenblumenöl darübertropfen läßt. Ein russischer Pfannkuchen sollte möglichst dünn und von beiden Seiten gleichmäßig gebacken sein, golden wie die Sonne, für die er ja ursprünglich steht.

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Die genußvolle „Butterwoche“ mit all den leckeren Pfannkuchen und deren noch köstlicheren Füllungen ist vorüber, der Winter ist mit der öffentlichen Verbrennung der „Baba“, einer weiblich gestalteten Strohpuppe – im Russischen ist der Winter ebenso wie der Frühling femininen Geschlechts – ausgetrieben, und man hat einander am gestrigen „Sonntag des Verzeihens“ all die großen und kleinen Versehen und Vergehen vergeben. So gestärkt und getröstet, rüstet sich der orthodoxe Christenmensch für Ostern und nimmt von heute an bis zum 30. April die strengen Gebote der „Großen Fastenzeit“ auf sich, die einen Verzicht auf Fleisch und Fisch, Milchprodukte und Eier vorsehen, fast also eine vegane Diät fordern, wären da nicht die beiden Feiertage – Verkündigung des Herrn und Palmsonntag -, an denen zumindest der Verzehr von Fisch gestattet ist. In dem zeit- und weltumspannenden Großroman „Der Perser“ von Alexander Ilitschewskij liest man dazu eine seherische Passage:

Winteraustreiben

Winteraustreiben

Zum Ritual des Jüngsten Tages gehörte es, daß Lose geworfen, Tauben zum Himmel aufgelassen, diverses Geflügel und ein glückliches Lämmchen geopfert wurden. In traditionellen Viehzüchtergesellschaften war beim Schlachten – für die Kinder eines der wenigen großen Schauspiele – die Vorfreude auf das Fest und die Gelegenheit, sich satt essen zu können, allzeit mit dem Gedanken verbunden, daß ein Tier hierfür sein Leben lassen mußte. Ein unergründliches Mysterium; ich bin überzeugt, daß man früher oder später davon abkommen wird. Die Zukunft wird vegetarisch sein. Aber noch hat das Opfer seinen Sinn…

Ob überhaupt eines Tages und wann das Schlachtopfer auch in der seßhaft-urbanen Gesellschaft seinen behaupteten Sinn verliert, sei einstweilen dahingestellt, aber das Fastenopfer gibt immerhin Gelegenheit, ein schlichtes russisches Rezept vorzustellen. Versuchen wir es heute mit dem Krautbratling.

Krautbratlinge

Krautbratlinge

Wir benötigen dazu einen Kopf Weißkraut (ca. 1 kg), je 100 g Mehl und Gries, eine Zwiebel, Kräuter und Gewürze, zwei Knoblauchzehen und etwas Pflanzenöl, möglichst geruchsfrei. Den in große Stücke geschnittenen Kohl kocht man in Wasser mit ein wenig Salz weich, läßt ihn abkühlen und hobelt ihn dann in der Küchenmaschine fein, gibt die gehackten Kräuter sowie die Gewürze, Mehl und Gries hinzu. Die Masse sollte daraufhin ein wenig stehen, damit der Gries aufgehen kann. Nun gibt man den Rest des Mehls (kann auch Paniermehl sein) dazu, formt mit den Händen die Bratlinge und gibt sie gleich in die Pfanne mit heißem Öl. Gereicht werden die goldgelben Leckerbissen mit Salat oder Kartoffelbrei. Ein leichter Einstieg jedenfalls in die mutmaßlich vegetarische Zukunft.

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Während im slawischen Bruderzwist Menschen für ein von Selbstherrschern usurpiertes „moralisches Recht“ geopfert und wenige Tage alte internationale Vereinbarungen schon wieder zynisch gebrochen werden, um einer aus sich heraus nicht überlebensfähigen, selbsternannten und pseudostaatlichen Krebszelle das künstliche Überleben zu sichern, endet hierzulande die närrische Zeit im Zeichen des Aschekreuzes und treibt in Rußland die Butterwoche ihrem Höhepunkt entgegen: dem Fest des gegenseitigen Verzeihens am kommenden Sonntag, nach dem die vorösterliche Fastenzeit beginnt.

Wiktoria Dawydowa

Wiktoria Dawydowa

Vor der zeremoniellen Reinigung und der Einstimmung auf die Passion des Herrn lassen es die Russen aber noch einmal so richtig krachen. Mit ausgelassenem Feiern, Besuchen bei Freunden und einer Küche, die in allen weltlichen Genüssen – außer den fleischlichen – nur so schwelgt. Traditionell gehören jetzt zu jeder Tages- und Nachtzeit Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch, in allen denkbaren Varianten, mit allen möglichen Zutaten von Honig über gesüßte Kondensmilch und Marmelade bis hin zu Kaviar oder Pilzen. Der Grundstoff sei dabei stets der gleiche, meint Wiktoria Dawydowa aus Wladimir, die derzeit im Rathaus ein Praktikum absolviert und nun zum ersten Mal fern der Heimat an einem Herd steht.

Bliny à la Wiktoria

Bliny à la Wiktoria

Für drei Personen nimmt die Fremdsprachenstudentin einen halben Liter Milch, einen halben Teelöffel Salz, ein Ei und ca. 300 g Mehl. Statt in Butter bäckt sie die Pfannkuchen gern in Sonnenblumenöl, aber nur mit ganz wenig davon, damit die Bliny nicht zu fett und dick werden. Sie hat es mehr mit der schlanken Linie. Aber das möge jeder so halten, wie es der Geschmack eingibt. Verkehrt machen kann man eigentlich nicht viel. Nur zu wenig! Denn Butter und Milch und all die anderen Köstlichkeiten tierischer Abkunft sind dann für den orthodoxen Christenmenschen ab Montag nächster Woche tabu – bis zum Fest der Auferstehung des Friedensfürsten. Womit wir dann doch wieder bei der allzu diesseitigen Einleitung wären, die nicht eben appetitfördernd wirkt. Aber dafür kann die Pfannkuchenbäckerin aus Wladimir nun wirklich nichts.

Mehr zur Butterwoche hier im Blog unter: http://is.gd/LVgLXf mit einem animierenden Gruß aus Wladimir unter: http://is.gd/ZZqgTf. Und dann zum Vomitorium mit diesem Link http://is.gd/EsUWUh, der den Beschuß von Debalzewe durch die Separatisten (sie reklamieren das Städtchen als ihr „Stalingrad“!) während der nun endgültig hinfälligen „Waffenruhe“ zeigt und hören läßt, wie lustig das ein russischer TASS-Journalist findet. Leider auch ohne Russischkenntnisse verständlich, was der Krieg aus Menschen machen kann.

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Susdal, Museumsdorf.

Am Montag ist Wolfram Howein von einer einwöchigen Reise nach Wladimir zurückgekommen, wieder voller Begegnungen im Erlangen-Haus, im Blauen Himmel, in der Rosenkranzgemeinde oder im Rathaus, um nur einige Stationen zu nennen. Überall gern gesehen als Berater und Freund, mitunter auch als Mäzen, wie bei der Einweihung des Zentrums für schwerbehinderte Kinder der Selbsthilfeorganisation Swet. Sein Besuch fiel in die Masleniza, den russischen Karneval, und wohl als erster Erlanger besuchte er die Gänseschlacht in Susdal, der sein Bericht gewidmet ist. Also auf sie mit Gebrüll oder besser Geschnatter:

Winterpuppe in Susdal

Die Butterwoche in Russland verläuft etwa zeitgleich mit der Faschingswoche bei uns und endet mit dem Sonntag der Vergebung, dieses Jahr am 26.2., an dessen Nachmittag dann eine große Puppe als Symbol des Winters verbrannt wird. In Susdal findet am Tag davor die Gänseschlacht statt, ein Fest das auch heuer wieder Tausende von Zuschauern aus allen benachbarten Städten und Regionen anlockte.

Familie Nikolajew

Ich wurde am Freitagmorgen um 10 Uhr von der Arztfamilie Nikolajew aus Gus Chrustalnyj abgeholt. Der Verkehr nach Susdal hatte schon Ausmaße angenommen, teilweise ging es nur mit Stop and Go voran. Über Schleichwege erwischten wir noch einen akzeptablen Parkplatz und machten uns bei leichtem Schneetreiben auf den Weg durch die tief verschneite Stadt.

Kunsthandwerk in Susdal

Der Platz vor den Handelsreihen war mit touristischen Verkaufsständen zugestellt, auf dem Weg zur Kathedrale kam das Angebot von Fahrten mit Pferdeschlitten dazu. Nach dem Überqueren der zugefrorenen Kamenka folgten dann die Stände mit Produkten für das leibliche Wohl, Bliny, Schaschlik, Tee und Honigwein wechselten sich ab. Ort des Geschehens war das Freiluftmuseum, vor dessen Tür eine ca. 6 m hohe Puppe die Fotografen anlockte und auf ihre Verbrennung am Sonntag wartete.

Pfahlklettern in Susdal

Im Museum war dann bereits alles im Fluss. Stände mit Handwerkskunst wechselten sich ab mit Aktionsflächen. Für Kinder und mit ihnen wurden russische Märchen gespielt. Russische Burschen zeigten ihre Muskeln in Kampf- und Geschicklichkeitsspielen. In einer mit Schnee aufgehäuften zentralen Arena wurde schließlich mit Musik und anderen Darbietungen auf die halbstündlich stattfindende Gänseschlacht aufmerksam gemacht. Als wir ankamen kletterte gerade ein junger Mann mit nackter Brust und bloßen Füßen einen hohen, mit Seife beschmierten Pfahl hinauf. Unter starkem Applaus kam er oben an und erhielt nach dem Abstieg einen Preis.

Gänseschlacht in Susdal

Danach kamen die Gänse. Jeweils 6 bis 8 Tiere von unterschiedlichen Züchtern wurden in die Arena gesetzt und herumgetrieben. Schon nach kurzer Zeit gingen die Leittiere aufeinander los, wohl um das Revier für die Familie zu sichern. Begleitet wurde das Getümmel von Geschnatter und Flügelschlagen der anderen Gänse, unterstützt durch die Zurufe des Publikums. Nach maximal 10 Minuten wurden die Tiere wieder eingesammelt. In den Armen ihrer Züchter waren sie schon bald wieder friedlich.

Pferdeschlitten in Susdal

Zweimal schauten wir dem Spektakel zu, dann ging es nach kleinem Imbiss zurück nach Wladimir, wo schon der B2-Deutschkurs auf die Teilnehmer aus der Familie Nikolajew wartete. Der Kurs bestand an diesem Tag darin, diese Eindrücke und andere Faschings- und Fastenbräuche in Russland und Deutschland bei Tee und Bliny auszutauschen. Die Kursteilnehmer freuten sich, mit mir als echtem Deutschen zu diskutieren, und als geborener Westfale konnte ich zu ihrem aktuellen Kursthema „Ruhrgebiet“ einige mundartliche und folkloristische Eigenarten dieser Region beitragen.

Wolfram Howein, Text und Photos

Susdal - Schaschlik und mehr

P.S.: Die Gänseschlacht wird zwar erst seit 2004 in Susdal ausgetragen, geht aber in ihrer Tradition weit zurück in die russische Geschichte. So wird überliefert, bereits Peter der Große habe das Schauspiel mit viel Leidenschaft verfolgt. Die Kämpfe locken neben Touristen auch Fachleute an, gilt doch Susdal als das Zentrum der Gänsezucht, das sich – noch – ein eigenes Institut für das liebe Federvieh und den Erhalt seltener Rassen leistet. Darunter die in Deutschland „Russische Gans“ genannte Züchtung für Schaukämpfe.
 

Susdal - Gänseschlacht

Die Kämpfe, das sei zur Beruhigung sensibler Tierfreunde gesagt, verlaufen unblutig. Die Ganter, die übrigens nur in Begleitung ihrer Hofdamen in Rauflaune geraten, zwicken und zwacken einander zwar nach Kräften, aber der Unterlegene muß schlimmstenfalls ein paar Federn lassen. Viel gefährlicher werden den Vegetariern, die sich ansonsten an Grünfutter und Schrot halten, bekanntermaßen der Fuchs und sein ärgster Nahrungskonkurrent, der Mensch.
 
Mehr zu den Gänsen von Susdal unter: http://www.youtube.com/watch?v=03PNt2wGzow und http://is.gd/mJs00d
 

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