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Posts Tagged ‘Marina Zwetajewa’


„Aber höher als ihr, Zaren, sind die Glocken“, lautet eine Mahung an die Mächtigen aus der Feder von Marina Zwetajewa, jener Lyrikerin, die für sich in den despotischen Jahren des Stalinismus den Ausweg im Freitod fand. Ausgerechnet in Alexandrow, der Stadt in der Region Wladimir, wo die mit Rainer Maria Rilke seelenverbundene und vom Leben zutiefst verwundete Dichterin sich von 1915 bis 1917 niedergelassen hatte und wo 1991 das erste ihr gewidmete Museum eröffnet wurde, ausgerechnet hier, wo sie mit einem weiteren Opfer der kommunistischen Tyrannei, mit dem Schriftsteller Ossip Mandelstam, zusammengetroffen war, ausgerechnet hier sollte Iwan dem Schrecklichen, jenem Altmeister des Terrors gegen das eigene Volk, ein Denkmal errichtet werden. Das zweite seiner Art landesweit nach einem ähnlichen Monument der Apotheose des Menschenschinders auf dem Zarenthron in Orjol im Herbst vergangenen Jahres.

Nicht ganz von ungefähr, denn jener Moskauer Großfürst, der sich einen Stammbaum andichten ließ, der bis zurück zu den römischen Kaisern reichte, hatte in Alexandrow von 1564 bis 1581 seine Residenz eingerichtet, um, wie er selbst sagte, jenseits von Moskau Gott näher sein zu können, was ihn freilich nicht hinderte, gegen Nowgorod ins Feld zu ziehen. Immerhin aber wurde hierher 1571 auch die landesweit einzige Druckerei – nach einem Brand in Moskau – verlegt, wo 1577 eines der seltensten Bücher der russischen Literatur entstand, ein Gebetsbuch, von dem es vermeintlich nur noch 24 Exemplare gab, bis unlängst auf einer Auktion Nummer 25 auftauchte und nun für eine wahrscheinlich nicht geringe Summe in die Heimat zurückkehrte.

Doch zurück zum Denkmal für Zar Iwan IV. Die Skulptur hatte ein Künstler in Moskau geschaffen, das Projekt wurde von einer privaten Gruppe betrieben, aber die örtlichen Behörden zeigten sich nicht allzu enthusiastisch von dem Vorhaben, das immer wieder verschoben wurde. Schließlich wurde der Bildhauer der Sache überdrüssig und kündigte an, sein Werk andernorts zu präsentieren.

Kulturell sicher ein zu verschmerzender Verlust, in jedem Fall mehr als aufgewogen durch eine Gedenktafel für Marina Zwetajewa an dem Haus, wo sie seinerzeit mit ihrer Schwester Anastasia wohnte und dichtete. Jahre später, 1925, schrieb die Vertreterin einer Weltliteratur auf Deutsch, das sie perfekt beherrschte, an Rainer Maria Rilke:

Dichten ist schon Übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob Französisch oder Deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc. Dichtern redet. Ein Dichter kann Französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, daß alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Wie schön, sie in Alexandrow, 130 km nordwestlich von Wladimir, geehrt zu wissen, wo es im Juni alljährlich ein Zwetajewa-Lyrik-Festival gibt. Die Glocken der Dichtung sind eben doch höher als die Macht der Zaren…

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So schmerzlich es für Sergej Sujew war, gestern am Sarg Abschied von Rolf Bernard nehmen zu müssen, so glaubensfroh sprach der Pfarrer der Rosenkranzgemeinde in Wladimir von seinem Glück, zu Gast sein zu dürfen auf der Geburtstagsfeier der Ewigkeit, ausgerichtet für den Freund auf dem Altstädter Friedhof. Schon am Freitag, als er die traurige Nachricht erhalten hatte, war für den Geistlichen klar: „Ich kann doch gar nicht anders, als nach Erlangen zu fahren…“

Sergej Sujew und Rolf Bernard

Sergej Sujew und Rolf Bernard

Seit 2003 leitet Sergej Sujew nun schon die katholische Gemeinde in der Partnerstadt, und zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte es, mit Rolf Bernard, dem Erlanger Jugendbeauftragter des Erzbistums Bamberg, den Austausch von Gruppen zu pflegen, Jahr für Jahr mit nur der einen Ausnahme im Sommer 2010, als die Wälder rund um Wladimir in Flammen standen und sogar die Gastgeber rieten, die Reise abzusagen. 2005 dann nahm der 1998 in Sankt Petersburg zum Priester geweihte heutige Dekan, zuständig für ein Gebiet fast von der Größe Deutschlands (von Wladimir über Jaroslawl und Nischnij Nowgorod bis Kirow), zum ersten Mal die Einladung nach Erlangen an und war seither mindesten einmal im Jahr auch und besonders zu Gast im Hause Bernard am Goldberglein, wo immer auch Jugendbegegnung nach und neben und in Ergänzung zu den offiziellen Programmen zu erleben war.

Udo Zettelmaier und Josef Dobeneck

Udo Zettelmaier und Josef Dobeneck (Photo: Georg Kaczmarek)

„Viel gelernt habe ich von Rolf“, erinnert sich der Gast und fährt fort: „Ich werde ihn für immer dankbar in meinem Herzen tragen. Dankbar für alles, was ich von ihm gelernt habe: vor allem Toleranz im Umgang miteinander, Verständnis füreinander. Bei uns beiden ging das so weit, daß wir uns auch ohne Dolmetscher bestens unterhielten. Ganze Abende lang im Garten. Wir standen einander so nah, wie das nur Freunde von sich sagen können.“

Elisabeth Preuß (Photo: Hermann Proksch)

Elisabeth Preuß (Photo: Hermann Proksch)

Abschied von einem großen Menschen, „der keine Spuren im Sand, von der nächsten Welle schon wieder fortgespült,“ hinterlassen, „sondern in der Jugendarbeit etwas geschaffen hat, das Bestand hat und in die Zukunft wirkt“, nahm auch im Namen der Stadt Erlangen voll Dank und Anerkennung Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, und Josef Dobeneck, Rolf Bernards engster spiritueller Weggefährte, fand mit dem Bild vom „Sakrament des Zigarettenstummels“ aus den Erinnerungen von Leonardo Boff eine Metapher für das Gedenken an den Verstorbenen, die alle in dem überfüllten Gotteshaus mit einem Lächeln im Herzen ebenso verstanden, wie den Seitenhieb auf die aktuelle Politik, als der Dekan die Rede darauf brachte, wie sehr der verstorbene Freund „alternative Fakten“ und die Errichtung von neuen Zäunen und Mauern verabscheut hätte.

Sergej Sujew nimmt Abschied von Rolf Bernard

Sergej Sujew nimmt Abschied von Rolf Bernard

So sehr Sergej Sujew persönlich mit Rolf Bernard verbunden war, so wichtig war es ihm doch auch, die vielen Stimmen der Freunde in Wladimir erklingen zu lassen – mit seinem Psalmgesang, mit seinem Gebet und mit Kondolenzschreiben etwa von Archimandrit Sossima, dem orthodoxen Jugendpfarrer in der Partnerstadt, der sich „an die unvergeßlichen Tage im Haus von Rolf und Mecki und die lebendigen Begegnungen mit den Jugendlichen aus Erlangen“ erinnert und verspricht: „Rolf bleibt in unserem Gebetsgedächtnis auf immerdar in allen unseren Gottesdiensten gegenwärtig.“

Peter Steger, Sergej Sujew und Josef Dobeneck

Peter Steger, Sergej Sujew und Josef Dobeneck (Photo: Georg Kaczmarek)

Ansor Saralidse, Rektor der Universität Wladimir, auf Initiative von Rolf Bernard Kooperationspartnerin der Rosenkranzgemeinde und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend Erlangen (BDKJ) beim Austausch, schreibt: „Er hat die Menschen begeistert, getröstet, er hat geholfen, neue Horizonte zu sehen. Mit seinen beruflichen und persönlichen Eigenschaften sowie seiner Liebe zu Rußland erwarb er sich die Achtung und Liebe von Kollegen und Jugendlichen beider Länder.“

Hannelore Röthlingshöfer, N.N., Sergej Sujew, Ines Rein-Brandenburg und Helmut Röthlingshöfer

Hannelore Röthlingshöfer, N.N., Sergej Sujew, Ines Rein-Brandenburg und Helmut Röthlingshöfer

Diese Achtung und Liebe bleiben auch die Eck- und Stützpfeiler des Fördervereins „Nadjeschda“, zu dessen Gründungsmitgliedern die mittlerweile leider umzugsbedingt ausgeschiedene und eigens aus Ilmenau angereiste Ines Rein-Brandenburg sowie das Ehepaar Röthlingshöfer gehören und dessen Vorsitzender, Udo Zettelmaier wieder einmal erfolgreich das Ergebnis seiner Türkollekten übergeben kann: 1.800 Euro für die Bedürfnisse der Rosenkranzgemeinde. Vergelt’s Gott allen Spendern!

Marcel Jungbauer, Josef Dobeneck, Sergej Sujew und Leo Klinger

Marcel Jungbauer, Josef Dobeneck, Sergej Sujew und Leo Klinger

Wieder nach St. Heinrich zu kommen, wo nach der Beisetzung das Requiem für Rolf Bernard gefeiert wurde, ist für Sergej Sujew wie eine Heimkehr. Mit dieser Gemeinde in Alterlangen hatte er den ersten kirchlichen Kontakt, hier wurde er 2005 als Gast aufgenommen, hier hatte er immer wieder mit dem Freund Einkehr gehalten. Und hier ist nun auch Leo Klinger als Pastoralreferent tätig, der schon Mitte der 90er Jahre, damals noch von St. Kunigund in Eltersdorf aus und zusammen mit Pfarrer Konrad Wegner, die Verbindung zur Rosenkranzgemeinde in Wladimir pflegte und sogar den Transport einer gebrauchten Orgel dorthin organisierte.

Sergej Sujew, Lena Mörsberger, Claudia Gebele, N.N. und Jutta Schnabel

Sergej Sujew, Lena Mörsberger, Claudia Gebele, Felix Mörsberger und Jutta Schnabel

Ein freudiges Wiedersehen dann auch mit Jutta Schnabel und ihren Mitstreiterinnen vom BDKJ, die schon für das Frühjahr ihre nächste Reise nach Wladimir planen, um den im Sommer anstehenden Jugendaustausch vorzubereiten. „Was Rolf tat, das war wohlgetan“, möchte man da ausrufen. Es ist nun an anderen, sein Werk der Verständigung fortzuführen.

Sergej Sujew und Mecki Bernard

Sergej Sujew und Mecki Bernard

Rolf Bernard begeisterte besonders mit seinem Charisma, Menschen zusammenzuführen, Gemeinschaft zu stiften. Nirgendwo ist ihm dies wohl inniger gelungen als mit der tiefenstillen Verbindung zwischen seiner Frau Mecki und seinem Freund Sergej. Unaussprechlich und ganz wie in einem Gedicht von Marina Zwetajewa, wo es heißt: „Das Paradies ist dort, wo nicht gesprochen wird.“

P.S.: Wer Rolf Bernards Werk mit einer Spende unterstützen möchte, tue das mit einer Überweisung für den Förderverein „Nadjeschda“ auf das Konto der Kirchenstiftung St. Theresia Erlangen, Stadt- und Kreissparkasse Erlangen, IBAN: Konto DE28 7635 0000 0010 0004 85, BIC: BYLADEM1ERH, Verwendungszweck: Spende Wladimir Rolf Bernard. Vergelt’s Gott!

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Marina Zwetajewa, die ebenso große wie tragische Lyrikerin, bezeichnete Deutschland als ihre Heimat, als ihre Versuchung, als Land der Sonderlinge, zu denen sie sich selbst wohl auch rechnete. In dieser Tradition der Dichtung sieht sich Julia Alexandrowa aus Wladimir, die seit Jahren in ebenso freundschaftlicher wie schöpferischer Verbindung mit Inge Obermayer und Wolf Peter Schnetz steht. Nun hat sie sich einen nie aufgegebenen Traum erfüllt und all die viele Lyrik fränkischer Autoren, periodisch von ihr ins Russische übertragen und in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht, in einem zweisprachigen Band mit dem Titel „Gedichte aus dem Land der Sonderlinge“ zusammengetragen.

Gedichte aus dem Land der Sonderlinge

Gedichte aus dem Land der Sonderlinge

Auch wenn die Publikation erst im November der Wladimirer Öffentlichkeit vorgestellt werden soll, ist das erste Exemplar bereits jetzt in Erlangen eingetroffen, Verraten darf man auch, daß die Anthologie mit ihren 175 Seiten den dritten deutsch-russischen Lyrikband darstellt, der in der Partnerstadt erschienen ist: Nach „Stimmen aus Franken“, 1997, und „Sommer in Winterstein“, drei Jahre später. Nun aber genug der Prosa und lieber ein Zitat aus dem Gedicht „September“ von Wolf Peter Schnetz in beiden Sprachen:

An solchen Tagen saß ich oft / in alten Gärten. Ein leichter Wind. / Septemberlicht. Den Schatten sah ich wandern / unter Apfelbäumen…

В такие дни сидел я часто / в садах старинных. Лёгкий ветер / и свет сентябрский. Я движение теней / под яблонями видел…

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Denkt man an Jena, fallen einem zunächst die großen Geister der Dichtung und Wahrheit, der Künste und der Wissenschaften ein. Und so hat Bürgermeister Frank Schenker schon recht, wenn er in seinem Grußwort am Beginn des „Deutsch-Russischen Sommerkonzertes“ in der Stadtkirche St. Michael darauf verweist: „Jena ist nicht nur die Stadt der Technik und Forschung, sondern auch ein Ort der Kultur und Völkerverständigung.“

Eduard Markin und Natalia Fedorina

Eduard Markin und seine Konzertmeisterin Natalia Fedorina in Jena

Und wenn man dann an einem Sonntagmorgen Zeit hat für einen beschaulichen Spaziergang, ohne die ewige Eile und das stete Gelärme, von Eduard Markin an seiner Heimatstadt so beklagt, erinnert man sich angesichts der vielen Oasen der Ruhe auch unwillkürlich an den Wladimirer Universalgelehrten, Percy Gurwitz, der in seiner Zeit als Stadtrat vehement für die Aufstellung von Sitzbänken gekämpft hatte. Erfolgreich übrigens, führte er doch unermüdlich das gute Beispiel deutscher Städte ins Wortgefecht.

Eduard Markin und Natalia Fedorina im Botanischen Garten Jena

Eduard Markin und Natalia Fedorina im Botanischen Garten Jena

Zeit, dieses so kostbar-flüchtige Gut, das nur die Kunst zum Verweilen zwingen kann, blieb vor dem großen Auftritt für die „stillen Straßen“, wie Marina Zwetajewa das Damenviertel Jenas wohl genannt hätte, Zeit blieb dann sogar noch für den Besuch des von Goethe angelegten Botanischen Gartens mit seiner gestalterischen Anmut und dem rhythmischen Wechsel zwischen streng geordneter Zier und von Menschenhand geschaffener Wildnis.

Eduard Markin und Natalia Fedorina vor dem Hintergrund der Stadtkirche Jena

Eduard Markin und Natalia Fedorina vor dem Hintergrund der Stadtkirche Jena

Zeit, den Geist des Klassikers zu atmen, von dem der Jenaer Student, David Veit, nach einem Besuch im Hause Goethe einmal in einem Brief schrieb: ‚Noch eins: Er spielt Klavier, und gar nicht schlecht.“  Bekannter ist freilich sein Wirken als Leiter des Weimarer Opernhauses und Veranstalter von Hauskonzerten, als Verfasser einer Tonlehre vor allem als Dichter einer Vielzahl von Liedern und Singspielen, als Lieferant von Vorlagen ungezählter Kompositionen.

Eduard Markin und Frank Schenker vor dem Konzert in der Stadtkirche Jena

Eduard Markin und Frank Schenker vor dem Konzert in der Stadtkirche Jena

Bleiben wir bei Johann Wolfgang von Goethe, denn wer wollte schöner sagen, was Musik im eigentlich ist, insbesondere was der Gesang vermag, den in seiner Wladimirer Ausprägung in Jena bisher nur Frank Schenker aus eigenem Erleben in Wladimir kannte – dank seinem Besuch der Partnerstadt im Mai / Juni vergangenen Jahres:

Die Knabenchor Jena - Wladimir unter dem Dirigat von Berit Walther

Die Knabenchor Jena – Wladimir unter dem Dirigat von Berit Walther

Das Instrument sollte nur die Stimme begleiten; denn Melodien, Gänge und Läufe ohne Worte und Sinn scheinen mir Schmetterlingen oder schönen bunten Vögeln ähnlich zu sein, die in der Luft vor unsern Augen herumschweben, die wir allenfalls haschen und uns zueignen möchten; da sich der Gesang hingegen wie ein Genius gen Himmel hebt und das bessere Ich in uns ihn zu begleiten anregt.

Der Knabenchor Jena - Wladimir unter dem Dirigat von Eduard Markin

Der Knabenchor Jena – Wladimir unter dem Dirigat von Eduard Markin

Dieses bessere Ich verklärte sich gestern in St. Michael zu einem mehr als hundertstimmigen Lobgesang auf die Schönheit, die Erhabenheit, die Glückseligkeit, zu einem harmonischen Wir der beiden Knabenchöre der Jenaer Philharmonie und aus Wladimir; verschmolz zu einem leuchtenden Zusammenklang, der wohl über all die Jahre nur darauf gewartet hatte, endlich intoniert zu werden.

Eduard Markin mit dem Knabenchor Wladimir in der Stadtkirche Jena

Eduard Markin mit dem Knabenchor Wladimir in der Stadtkirche Jena

Große Momente bedürfen großer Worte. Auch wenn die nachgereichten Worte weit hinter dem Zauber der Musik zurückbleiben müssen. Groß war der Wurf – abgesehen von der technischen und emotionalen Kraft des Vortrags – schon in der Struktur des Konzerts. Nach nur einer gemeinsamen Probe in St. Michael, unmittelbar vor dem Konzert, trugen die Knaben vereint „Locus iste“ von Anton Bruckner unter dem Dirigat von Berit Walther vor, eine Motette, deren Text Eduard Markin besonders liebt: „Locus iste a Deo factus est – Dieser Ort ist von Gott geschaffen.“

Berit Walther

Berit Walther

Getrennt einstudiert auch die „Gottesmutter“ von Sergej Rachmaninow – und gemeinsam aufgeführt. Innig, konzentriert, inspiriert. Klug gewählt, diese Klammer der beiden Mittelstücke, in denen zunächst die Gastgeber mit 80 Knabenstimmen westeuropäische Sakralmusik schlichtweg hingebungsvoll interpretierten, bevor die 36 jungen Sänger aus Wladimir ihren Block mit Hans Leo Hassler, Alfred Schnittke und Sergej Rachmaninow mit lyrisch-wuchtiger Macht vorstellten.

Eduard Markin und Berit Walther mit dem Knabenchor Jena - Wladimir

Eduard Markin und Berit Walther mit dem Knabenchor Jena – Wladimir

Und dann gehörte die Kirche den russischen Gästen ganz allein für ihr kollektives Solo, für ihr eigenes Programm: von Franz Schuberts schwingender „Barcarolle“ bis zu den wütenden „Dämonen“ von Jurij Falik, von ausgelassenen Scherzliedern bis zu den getragen-schwermütigen Weisen der Kosaken – und zum fulminanten Finale mit dem „Hummelflug“ von Nikolaj Rimskij-Korsakow.

Stehende Ovationen für den Knabenchor Jena - Wladimir

Stehende Ovationen für den Knabenchor Jena – Wladimir in der Stadtkirche Jena

Die Sänger aus Wladimir hatten auch das Publikum – die Stadtkirche war bis auf den letzten Platz gefüllt! – von Beginn an für sich. Ein Publikum, das dank den eigenen Sängerknaben hohe Ansprüche stellt, Qualität zu schätzen weiß. Desto eindrucksvoller die stehenden Ovationen für den Knabenchor Wladimir am Ende dieses großen Gemeinschaftskonzertes.

Berit Walther, Eduard Markin, Iwan Nisowzew und Frank Schenker

Berit Walther, Eduard Markin, Iwan Nisowzew und Frank Schenker

Man möchte nun glauben, es habe sich bei dem gestrigen Auftritt um den Auftakt zu einer künstlerischen Freundschaft zwischen den beiden Chören gehandelt. Die Harmonie der Stimmen jedenfalls spricht dafür. Auch die Zeit, die blieb für das Kennenlernen in den Familien. Besonders freilich das Einvernehmen von Berit Walther und Eduard Markin, die nicht nur eine gemeinsame Sprache in der Musik gefunden haben, sondern sich sogar einigermaßen in Russisch und Deutsch zu verständigen verstehen.

Berit Walther und Eduard Markin mit dem Knabenchor Jena - Wladimir

Berit Walther und Eduard Markin mit dem Knabenchor Jena – Wladimir

Ein Verstehen, das nun sicher auch die Lokalpolitik zu würdigen und zu fördern weiß. Der Applaus gestern nämlich kam nachgerade einem Plebiszit für weitere Konzerte dieser Art gleich.

Berit Walther und Eduard Markin nach getanem Dirigat in der Stadtkirche Jena

Berit Walther und Eduard Markin nach getanem Dirigat in der Stadtkirche Jena

Bei aller Freude über den Erfolg: Es bleibt nochmals dem ehrenamtlichen Team von Festival de Colores zu danken, das zu seinem zehnjährigen Veranstaltungsjubiläum sich selbst mit einer großartigen Könnerschaft das schönste Geschenk gemacht hat. Ohne die Zeit, den Mut und die Energie dieser jungen Leute hätte es diesen wundervollen Nachmittag in Jena nicht gegeben.

Knabenchor Wladimir in Erfurt

Knabenchor Wladimir in Erfurt

Und der Knabenchor Wladimir: Der reist noch heute weiter nach Erfurt, um am Abend das Abschlußkonzert seiner Tournee in der Reglerkirche zu geben, bevor es morgen via Nürnberg nach Hause geht. Viel zu früh. Aber es gibt ja noch viele schöne Lieder zu singen, und die sind, laut Goethe, gleichzusetzen mit guten Taten. Die Stadtkirche in Jena muß ja nicht unbedingt weitere 650 Jahre auf ein Wiederkommen warten; jetzt aber erwartet man in Wladimir erst einmal den Gegenbesuch!

 

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Braunbär

Die Spuren täuschen nicht. Fährtenleser sind sich sicher: Der Bär ist wieder los in den Wäldern des Gouvernements Wladimir. Weit weg zwar von der Partnerstadt, im Kreis Melenki, etwa 150 km östlich von ihr, hat man ihn im dunklen Tann gehört und Abdrücke seiner Tatzen gefunden, aber gewiß kein Produkt des Jägerlateins. Ob der Braune nach einem halben Jahrhundert der Absenz tatsächlich dauerhaft in die Forste der Region Wladimir zurückgekehrt ist, muß sich erst noch weisen. Man nimmt an, es handle sich um einen Zuzug aus einem der Nachbargouvernements, entweder aus Rjasan, möglicherweise auch Jaroslawl oder Iwanowo. Der Reingschmeckte dürfte, den 38 cm langen Spuren nach zu urteilen, etwa 300 kg wiegen und 15 Jahre alt sein. 

Graf Wladimir Murawjow: Vom Winter überrascht

Doch, wer jetzt keine Höhle hat, baut sich keine mehr. So könnte, etwas holprig übersetzt ins Bären-Idiom, ein berühmtes Gedicht beginnen. Rainer Maria Rilke war und ist zwar in Rußland alles andere als ein unbekannter Dichter – man denke nur an seinen Briefwechsel mit der Lyrikerin Marina Zwetajewa -, ob freilich seine Poesie je einem Bären zu Gehör gebracht wurde, darf bezweifelt werden, zumal der russische Volksmund von jemandem, der unmusikalisch ist, sagt, ihm sei wohl ein Bär aufs Ohr getreten. Bevor wir aber ganz das Reich der Fabel betreten, rasch zurück zu den Realien der harten Naturgesetze und der Jagdleidenschaft: Zum einen ist es wirklich Zeit für den Bären, sich angesichts der ersten Fröste in eine Höhle zurückzuziehen, und zum andern bleibt zu hoffen, daß es ihm nicht ergeht wie Bruno, den ausgerechnet der bayerische Umweltminister (sic!), Werner Schnappauf, vor mehr als fünf Jahren zum Abschuß freigegeben hatte. Ein gewisser Schutz besteht dank einer Reglementierung der Bejagung von Bären in Rußland, und zum Problem wird man den noch namenlosen vierbeinigen Migranten wohl auch nicht erklären, anders als seinerzeit im hysterischen Bayern.

Einiges Rußland

Rußlands Wappentier ist der Bär, Rußlands Präsident Dmitrij Medwedjew trägt den Bären in seinem Namen, und seine Partei, Einiges Rußland, die „Partei der Macht“, baut in ihrer Symbolik auf die Kraft des Bären. Ganz zu schweigen vom „Russischen Bären“, der von bemühten Journalisten immer dann am Nasenring aus der Asservatenkammer ihrer Redaktion gezerrt wird, wenn es darum geht, das schaudernde Publikum ob der „Gefahr aus dem Osten“ das Fürchten zu lehren. Dabei hatten die Slawen selber – ebenso wie die Germanen – vor dem Bären mächtig Mores, was sich sogar in der Namensgebung niederschlägt. Im Russischen – wie in allen übrigen slawischen Sprachen – spricht man vom Bären als „Honigfresser – medwjed“, und das deutsche „Bär“ oder englische „bear“ leiten sich vom Altgermanischen „beron“, der „Braune“ ab. Womit wir wieder beim Problembären angelangt sind, denn „Bruno“ heißt ja nichts anderes als „Brauner“. Aber jetzt lassen wir den letzten Bären Europas – gleich ob sie noch in den Alpen, Pyrenäen, auf dem Balkan, im Kaukasus oder eben in Zentralrußland vorkommen – ihre ersehnte Winterruhe und wünschen ihnen auch im nächsten Frühjahr Menschen in ihrer Nähe, die den braunen Honigfressern genug Lebensraum zubilligen.

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