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Posts Tagged ‘Maria Magdalena’


Laut einer russischen Legende sollen sich nach der Auferstehung des Gekreuzigten die Steine auf der Schädelstätte in rot gefärbte Steine verwandelt haben, und es heißt Maria Magdalena habe Kaiser Tiberius ein Ei mit den Worten überreicht: „Christ ist erstanden!“, worauf der Herrscher zurückgab, niemand könne aus dem Reich des Todes zurückkehren, dergleichen sei so unmöglich wie daß sich ein weißes Ei ohne äußeres Zutun rot verfärbe. Kaum war der Zweifel ausgesprochen, als sich das Wunder schon vollzog: Das Ei wurde in den Händen des Tiberius blutrot. Seither, so der Volksglaube, färbe man zu Ostern Eier. Zunächst rot (im Russischen übrigens auch für „schön“ stehend) wie das vergossene Blut des Herrn, später in allen Farben und Mustern, die sich nur denken lassen. Worauf wir bei diesem kleinen Ausflug in die Geschichte des russischen Ostereis noch zu sprechen kommen.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Neben der Blutsymbolik stand aber von Beginn an auch die Verbindung zur Auferstehung, zur Reinigung für ein neues Leben nach dem Tod im Zentrum. Doch damit nicht genug: Dem gefärbten und geweihten Osterei selbst schrieb man magische Kräfte zu. Es konnte Brände löschen und helfen, Vieh wiederzufinden. Man strich mit einem Ei über den Rücken eines Tieres, um es gesund zu machen, man berührte sich selbst mit einem Ei, um eine gesunde Farbe zu bekommen. Die Schale gab man ins Saatgut, um eine gute Ernte einzufahren, und man streute die Schale auf die frischen Gräber der Verwandten.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

In allen Kulturen der Welt – ob in Indien, Ägypten oder bei den Etruskern – steht das Ei für Leben und verfügt über Zauberkräfte. Man weiß das aus Grabbeigaben und frühen Schriften. Ganze Schöpfungsmythen begründen sich auf das Ei, das immer auf einen Neubeginn hinweist, etwa wenn russische Kaufleute im 18. Jahrhundert den Tag mit einem weichgekochten Ei beginnen, weil sie meinen, der flüssige Dotter schmiere die Därme und erleichtere die Verdauung der im Laufe des Tages noch folgenden Speisen. Und dann ist da noch der Sonnenvogel, der Hahn, der Künder des Morgens und des Lichts, der im Ei schlummert.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

In Byzanz entstand die Auffassung, Himmel und Erde seien dem Ei gleich: Die Schale symbolisiere den Himmel, das Häutchen die Wolken, das Eiweiß das Wasser und der Dotter die Erde. Aus diesen Vorstellungen wuchsen dem Ei all die Wunderkräfte zu, wonach es im russischen Volksglauben sogar Kontakt zu den Toten herstellen könne. Lege man nämlich das gefärbte Osterei, das man als erstes geschenkt bekommen hat, auf ein Grab, könne der Tote alles hören, was man ihm sagt und Anteil nehmen an allem, was den Leben erfreut und bedrückt. Ein Glaube, der wohl noch in die vorchristliche Zeit der Slawen zurückführt, wo ein ausgeprägter Ahnenkult herrschte und die Grenzen zwischen Leben und Tod als fließend galten.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Das erste schriftliche Zeugnis von gefärbten Ostereiern in der orthodoxen Christenheit ist mit einem Manuskript aus dem 10. Jahrhundert belegt, entdeckt in der Bibliothek des Klosters des Hl. Anastasios bei Thessaloniki. Der Handschrift ist zu entnehmen, daß nach dem Ostergebet der Segen über die Eier und den Käse gesprochen wurde. Nach einer Klosterregel aus dem achten Jahrhundert habe der Abt das Recht, Mönche zu bestrafen, die am Ostertag kein rotgefärbtes Ei essen, denn dies „widerspricht der apostolischen Überlieferung“. Was wieder ganz in die Nähe von Maria Magdalena führt.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Das Osterfest wurde in Rußland mit der Christianisierung Ende des 10. Jahrhunderts eingeführt und setzte viele heidnische Bräuche fort, die im Zusammenhang mit dem Frühling standen. So ist zum Beispiel ein Fruchtbarkeitskult überliefert, der die lebensspendende Gottheit Jarilo mit gefärbten Eiern feiert.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostern, das nach dem alten julianischen Kirchenkalender nicht vor dem 22. März und nicht nach dem 25. April gefeiert wird, ist das überragende Hauptfest in der russischen Orthodoxie. Wer immer Gelegenheit hat, eine Ostermesse in der Nacht von Karsamstag auf den „Auferstehungstag“ (so heißt der Sonntag im Russischen) mitzumachen, sollte sie nutzen. Ein Höhepunkt der Liturgie ist, wenn sich die Gläubigen den dreimaligen Bruderkuß geben und einander mit dem Spruch „Christ ist erstanden!“ begrüßen, der respondiert wird mit „Wahrhaftig ist er erstanden!“. Dabei überreicht man einander Eier, entweder „bemalte“ oder „gefärbte“. Die gefärbten sind gekocht und für den späteren Verzehr vorgesehen, die bemalten sind roh und unbedingt befruchtet. So war das zumindest früher. Heute sind die bemalten Eier in der Regel aus Holz, Porzellan, Pappmaché oder anderem Material. Wichtig aber vor allem: Es kommt auf das erste Ei an, das man geschenkt bekommt. Ihm schreibt man besondere Kräfte zu, es widersteht dem Übel und verdirbt nicht bis zum nächsten Osterfest. Natürlich nur, wenn es sich um ein künstliches Ei handelt. Dieses findet dann seinen Platz im Herrgottswinkel bei den Ikonen, der im Russischen der „Rote“ bzw. der „Schöne Winkel“ genannt wird. Und noch ein oft vergessenes Detail: Die Eier bemalen durfte man ursprünglich nur an Gründonnerstag und Karfreitag, weil die Pinselstriche an die Striemen und Streifen der Geißelung des Herrn gemahnen.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Die Zaren verteilten zu Ostern gern an die Ihren wie an das Volk und sogar an Häftlinge Eier. Von Alexej Michajlowitsch, dem ersten Romanow auf dem Thron, weiß man, daß während seiner Regentschaft 37.000 Eier hergestellt wurden. Neben natürlichen von Hühnern, Enten, Schwänen, Wachteln und Tauben auch Kunstwerke aus Holz. So richtig in Schwung kam das Kunsthandwerk dann 1664, als der Mönch Prokopij Iwanow aus dem Dreifaltigkeitskloster in Sergijew Possad nach Moskau gerufen wurde, um dort Eier zu bemalen. In zwei Jahren fertigte er für den Kreml 170 Holzeier mit Pflanzenmotiven auf Goldgrund an. Schon 1677 hatten sich fast alle Meister der Rüstkammer darauf verlegt, für Zar Fjodor Ostereier zu gestalten. Es entstand eine regelrechte Schule, der sich auch Ikonenmaler anschlossen.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Im 18. und 19. Jahrhundert sind die Ostereier so weit in der russischen Öffentlichkeit verbreitet, daß man von einer Volkskunst sprechen kann. Juweliere widmeten sich der Sache ebenso wie Drechsler und Ikonenmaler, und stilistisch wurde nun fast alles möglich. Religiöse oder florale Motive dominierten nicht mehr, Einflüsse aus dem Westen – dank der Politik des Zaren Peter I – hinterlassen ihre Spuren. Der Alleinherrscher hat dabei kräftig nachgeholfen und gezeigt, wie „gelenkte“ Monarchie funktioniert.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Nach der Gründung von Sankt Petersburg vor genau 300 Jahren berief der Zar nämlich per Dekret und Ukas immer mehr Meister und Künstler von Moskau nach Sankt Petersburg, das seit 1712 neue Hauptstadt war. Schon 15 Jahre später fanden sich in der Rüstkammer im Kreml kaum noch Kunsthandwerker. Die Musik spielte jetzt an der Newa, nicht mehr an der Moskwa. Und nun entstanden im wesentlichen auch die Ostereier, die zum Teil bis heute erhalten sind. Die vorpetrinischen Kunstwerke, seit dem 17. Jahrhundert von den Selbstherrschern in Auftrag gegeben, sind alle verlorengegangen. Erst die neuen, beständigeren Materialien brachten es mit sich, daß die Arbeiten auf uns gekommen sind.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

1748 eröffnete die erste kaiserliche Porzellanmanufaktur in Sankt Petersburg, ein Jahr später begann die Produktion von Ostereiern im großen Stil. Bis zur Oktoberrevolution 1917. Viele von ihnen wurden für den Hof hergestellt, um sie an Ostern zu verschenken. Sie hatten oft eine Öffnung, um sie im „Schönen Winkel“ aufhängen zu können. Ab 1820 verlegten sich auch private Porzellanmanufakturen auf die Herstellung von Ostereiern – in einem bunten Stilgemisch für alle Geschmäcker. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts ist dann wieder eine stärkere Hinwendung zu den traditionellen religiösen Motiven festzustellen.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Die Region Wladimir kommt ins Spiel, als 1874 im Auftrag von altgläubigen Kaufleuten aus Moskau die Brüder Alexej und Afanasij Tjulin aus Mstjora, wo noch heute die Tradition der Lackminiaturmalerei gepflegt wird, Ostereier „für den Empfang von hochgestellten Persönlichkeiten“ fertigen. Ursprünglich Ikonenrestauratoren, zeigten sie nun außerordentliches Geschick bei dem Kunsthandwerk und schufen Eier mit biblischen Motiven auf poliertem Holz, die Schule machten. Ossip Tschirikow, ein ebenfalls in Mstjora wirkender Ikonenmaler, lieferte 1887 eine Serie von Porzellanostereiern, die mit 75 Rubeln pro Exemplar Spitzenpreise erzielten. Nicht von ungefähr, denn für ein Ei benötigte er 40 Tage. Die Kunstwerke waren so einzigartig, daß ihre Weitergabe streng limitiert wurde: Der Zar und seine Gemahlin erhielten je 45 Eier, die Großfürsten je drei und deren Gattinen je zwei.

Olga Filippowa, als Autodidaktin seit zwölf Jahren künstlerisch tätig.

Olga Filippowa, als Autodidaktin seit zwölf Jahren künstlerisch tätig.

Doch zurück nach Sankt Petersburg, wo 1799 in der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur 254 Eier hergestellt wurden. Drei Jahre später waren es bereit 960. Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten hier etwa 30 Künstler, die im Jahr 3.308 Ostereier produzierten. Zu Ostern 1914 waren es 3.991 und zu Ostern 1916 15.365 Exemplare. Diese Eier, mit den Herrscherinsignien versehen, gingen an verdiente Soldaten, Beamte, Politiker als Zeichen der Wertschätzung des Zaren. Ungezählte weitere Ostereier verließen die vielen privaten Manufakturen. Nikolaus II ließ darüber hinaus von den besten Meistern für besonders verdienstvolle Empfänger 200 Porzellaneier mit dem Portrait des kaiserlichen Paars herstellen.

Nadeschda Fjodorowa, Ikonenmalerin und Absolventin der Fakultät für künstlerische Graphik an der Universität Wladimir.

Nadeschda Fjodorowa, Ikonenmalerin und Absolventin der Fakultät für künstlerische Graphik an der Universität Wladimir.

Ostereier aus Pappmaché tauchten Ende des 19. Jahrhunderts auf. Die heute noch in Betrieb befindliche Fabrik in Fedoskino tat sich hierbei besonders hervor und schmückte die Kunstwerke zunehmend auch mit Kirchen, besonders gern mit der Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz. In der Zeit entstanden dann auch die Malschulen in Palech, Choluja und eben Mstjora, die sich nach der Oktoberrevolution bis heute der Bewahrung der Tradition verschrieben haben und berühmt sind für die Lackminiaturarbeiten.

Marina Koslowa, Kunstdesignerin und Absolventin der Fachhochschule für künstlerische Restaurationsarbeiten in Susdal.

Marina Koslowa, Kunstdesignerin und Absolventin der Fachhochschule für künstlerische Restaurationsarbeiten in Susdal.

Im Ausland wird das russische Osterei häufig mit den Kleinodien in Verbindung gebracht, die Carl Peter Fabergé in Sankt Petersburg schuf. Mit seiner hohen Kunst bezauberte er das Zarenhaus. Von 1885 bis 1917 verließen 56 „Osterüberraschungen“ seine Werkstatt in Richtung Hof als Geschenke von Alexander III und Nikolaus II an ihre Gemahlinnen. Aber auch Magnaten gehörten zu den Auftraggebern dieser Preziosen, bei denen erstmals Email verwendet wurde. Da verwundert es kaum, daß zur Weltausstellung im Jahr 1900 nach Paris ein Ei geschickt wurde, das den Bau der Transsibirischen Eisenbahn verherrlichte. Als Überraschung im Ei: ein mechanisch lenkbarer Minizug. Eine Idee, die dann viel später als Schokoei und „Kinderüberraschung“ genannt millionenfach in den Verkaufsregalen – auch in Rußland – wieder auftauchte. Mit der Oktoberrevolution brach diese einzigartige Tradition gewaltsam ab. Viele dieser Unikate waren übrigens auch als Geschenke an die reichverzweigte Familie des Zarenhauses nach Griechenland, Dänemark, Bulgarien, England, Hessen und Hannover gegangen. Die Sowjets konfiszierten 1917 alle noch im Land verbliebenen Kostbarkeiten und verschleuderten dann in den 20er Jahren diesen „nutzlosen Tand“, um ihre Kriegskasse mit Valuta zu füllen, an den Klassenfeind. Heute ist der Verbleib von 43 mit eigenen Namen versehenen Eiern – verstreut über Monaco bis nach New Orleans – bekannt. Zehn sind wieder in der Rüstkammer des Kremls zu bestaunen, und Wiktor Wechselberg, ein russischer Oligarch, ist dabei, möglichst viele Fabergé-Eier zurück in ihre Heimat zu bringen. Zehn Exemplare hat er schon erworben.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Ostereier aus Wladimir im Museum im Amtshausschüpfla.

Daß auch der aggressive Atheismus in sieben Jahrzehnten der Sowjetherrschaft die Kraft des Ostereis und seine Magie nicht hat brechen können, daß die Tradition lebt und sich weiterentwickelt, beweisen die Arbeiten aus Wladimir, die von Samstag, 23. Februar, an in Frauenaurach, Museum im Amtshausschüpfla, zu sehen und käuflich zu erwerben sind. Öffnungszeiten unter: www.museum-schuepfla.de

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„Christ ist erstanden!“ – „Христос воскрес!“  Mit diesen Worten soll Maria Magdalena nach russisch orthodoxer Tradition Kaiser Tiberius ein Ei geschenkt haben – als Symbol für die Auferstehung ihres Herrn. Dem römischen Kaiser freilich fehlte der Glaube, und so gab er denn der Überlieferung nach zurück: „Eher wird ein weißes Ei rot, als ein Toter wieder lebendig.“ Und siehe da: Das Ei wurde in der Hand der Gottesmagd rot, worauf der irdische Herrscher ausgerufen haben soll: „Er ist wahrhaftig erstanden!“ – „Во истину воскрес!“ Diese Formel hat sich denn auch bis heute erhalten. Bis kurz vor Pfingsten ist es unter Gläubigen üblich, sich mit dem Gruß „Christós woskres!“ anzusprechen, worauf die Antwort folgt „Wo istinu woskres!“

Schmuckeier

Seither ist das Ei Zeichen für das Leben nach dem Tod, für die Auferstehung. Man schenkte sich über Jahrhunderte gerade auch in Rußland rotgefärbte Eier, hartgekocht in Erinnerung an den nach dem Kreuzestod erkalteten Leib Christi. Rot als Zeichen für das Blut und das Leben, zurückgekehrt in den Leichnam des Herrn nach dessen leiblicher Auferstehung, der Kernbotschaft des Christentums.

Ostersegen

Ab dem 17. Jahrhundert begann man in Rußland damit, die Eier, mittlerweile das wichtigste Ostersymbol, nicht nur rot zu färben, sondern sie als wertvolle Freundschaftsgaben auf alle erdenkbare Weise zu schmücken und mit drei Küssen zu verschenken. Es entstanden Eier aus Holz, später aus Porzellan, Elfenbein, verziert mit den unterschiedlichsten Edelsteinen. Vor allem auf dem Land entwickelte sich die Kunst der Bemalung von Ostereiern, während man in den Städten sogar Kristallglas, Gold und Silber verwendete.

Fabergé-Ei

Die Symbolik des Osterfestes verlor sich spätestens dann ins Weltliche, als in Eiform Gebrauchsgegenstände wie Uhren, Vasen oder Tassen entstanden. Großer Beliebtheit erfreuten sich noch vor etwa einhundert Jahren Miniatureier, die man sich an die Festtagskleidung heftete oder an der Kette seiner Taschenuhr trug.

Uhr im Osterei

Bald gehörte der Brauch, einander zu Ostern Eier zu schenken, zum festen Ritual am Hof der Zaren. Jedes Jahr wurden auf höchsten Befehl hin Tausende von Ostereiern hergestellt. So viele, daß im Winterpalais zu Sankt Petersburg immer ein gewaltiger Vorrat lagerte – zu Geschenkzwecken und für Ausstellungen. 1749 öffnete dann die Kaiserliche Porzellanmanufaktur, wo Ostereier fast schon in Massenproduktion produziert wurden. Die wertvollsten Ostereier entstanden aber zweifellos in den Werkstätten des Hofjuweliers, Carl Peter Fabergé, der von 1885 bis 1917 50 dieser einzigartigen Meisterstücke fertigte.

Fabergé-Ei

Kein Material war zu teuer, kein Stoff zu wertvoll: Nephrit, Platin, Gold, Perlen, Quarz, Diamanten… Damit war es vorbei, als sich die Bolschewiken 1917 an die Macht schossen, die bürgerliche Regierung vertrieben und die Zarenfamilie ermordeten. Der Zarenmutter gelang noch die Flucht nach Dänemark, wohin sie ihr persönliches Ei mitnehmen konnte, die übrigen 49 Kleinodien blieben auch nicht mehr lange im Land: Die Kommunisten verkauften sie gegen Devisen ins Ausland. Erst vor acht Jahren gelang es dem Oligarchen, Wiktor Wekselberg, für 100 Mio. Dollar der Familie Forbes ihre neun Fabergé-Eier abzukaufen und sie nach Rußland zurückzubringen. Ob es möglich sein wird, einmal alle 50 Eier des Meisters wieder in ihrer Heimat zusammenzuführen, wird die Zeit zeigen und noch viel Geld kosten.

Fabergé

Wertvoller als all dies ist aber gewiß die Erinnerung des Kriegsveteranen, Otto Kleinhenz, an eine Begebenheit in der Gefangenschaft im Lager Wladimir an Ostern 1948: „Es wurde in Rußland Frühling. Wir, die Gefangenen des Hauptlagers, waren mit unserem Arbeitskommando auf der Ziegelei. Mit einigen Kameraden war ich im Trockenschuppen beschäftigt, mußte Schmutz und Unrat aus den angrenzenden Wohnhäusern beseitigen. Das half nur, unsere Traurigkeit an diesem hellen Ostermorgen zu verstärken. Doch auf einmal erklang von der goldbekuppelten Kirche der schwere Schlag der Glocken. Ganz behutsam, als gelte es nicht die Freude der Auferstehung, sondern das Leiden Christi zu verkünden. Ich lauschte, schloß die Augen, und meine Gedanken wanderten mit dem ganzen Schmerz des Heimwehs in das Heimatdorf. Es war einfach schlimm. Doch zum Leid kam dann doch auch ein Engel der Liebe und Freude Gottes – ganz unverhofft. Ich lief durch den Schuppen, und da kam mir eine seit langem gut bekannte Babuschka entgegen, blieb bei mir stehen, packte aus einem Tüchlein drei kleine Kartoffeln und drei Bonbons aus, sah mich wie eine liebende Mutter an und sagte mir den Ostergruß: Christ ist erstanden, wahrlich ist er erstanden! Damit tat sich für mich ein Stück Himmel auf durch die gütige Seele einer russischen Mutter, die ich immer wieder vor mir sehe, und die mich immer wieder bewegt, anderen zu helfen.“

Schmuckei, Ende 19. Jahrhundert

Mehr zu Otto Kleinhenz unter: http://is.gd/94JHxz

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