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Posts Tagged ‘Lyrik Wladimir’


Der Jahreswechsel ist immer auch die Zeit guter Vorsätze, die meist schon wenig später ersatzlos gestrichen werden. Da tut man gut daran, die „weißen“ Verse – das russische Gegenstück zum französischen „vers libre“ – von Roman Jewstifejew zu lesen, die er den Ungereimtheiten entlang des Lebenswegs gleich am 1. Januar entgegenstellte.

Unentwegt vorwärts

Wenn du Verse schreibst / mit ungeheurer Macht, / bedeuten die Worte nichts mehr, / und der Sinn liegt zwischen den Zeilen. / deren Zahl sich der Null annähert, / und es besiegen sie die Leerstellen – / wie vom Schnee eingeebnete, ehemals höckrige Gedanken, / und nur durch die Fenster einsamer zufälliger Buchstaben / wird besser sichtbar, / wie es dort sein mag, wo es keinerlei Worte gibt, / nur Stille, / zu der wir unentwegt unterwegs sind.

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„Schon lange keine Gedicht mehr rezitiert? Aus vollem Herzen, mit ganzer Seele? Und schon lange keines mehr von anderen gehört? Packend, anrührend, die allerfeinsten Saiten ganz tief drinnen zum Klingen bringend…“

So fragen die Initiatoren eines Projekts über die Magie der Worte und die Zauberkraft der Musik, über jene Kraft, die es vermag, uns aus dem grauen Alltag zu reißen, uns für einen Augenblick in eine andere Welt zu versetzen, in einen nicht weniger wirklichen Zustand, ertastbar und reich an Schönheit, geschaffen von uns und unserer unbegrenzten Phantasie. Unser Projekt handelt von der Unsterblichkeit der Klassik, von Büchern, die nicht ungelesen bleiben dürfen, von Seiten, die auch noch nach Jahrhunderten Generation um Generation aufblättern wird, von Zeilen, in die man sich immer wieder neu einlesen, von Versen, in die man sich immer wieder neu verlieben wird. So und nicht anders.

klassik

„Ich habe Sie geliebt…“, Joseph Brodsky

Jede Folge des Projekts stellt eine ganz eigene Miniatur mit ihrem Helden, ihrem Sujet und Gedicht sowie einer Melodie in ganz eigener Stimmung dar. Jede Geschichte einzigartig, die ihren Widerhall im Schöpfer des Werks fand und nun hoffentlich auch auf das Publikum wirkt.

„Klassik ins Volk“ nennt sich das Wladimirer Literaturprojekt, und einen Eindruck erhält man davon bei diesen kurzen szenischen Rezitationen mit Gedichten von Anna Achmatowa, Boris Pasternak… Aber sehen und hören Sie selbst: https://is.gd/UbaUkn

Die Blog-Redaktion selbst hält sich an das geschriebene Wort und nutzt die Gelegenheit, in der Übertragung von Peter Steger ein Gedicht von Julia Alexandrowa, der großen alten Dame der Wladimirer Lyrik, aus ihrem neuen, 2016 erschienenen Bändchen „Bäume und Himmel“ vorzustellen: moderne russische Klassik zum Lesen.

Julia Alexandrowa: Bäume und Himmel

Julia Alexandrowa: Bäume und Himmel

Im Kölner Dom

Durch den Vorhang des Vergessens

seh‘ ich Köln, im Dom die Messe,

und die Orgel klingt.

 

Hoch die Töne Händels steigen

in den Himmel, in das Schweigen.

Und der Dom, er schwingt.

 

Schwingt mit uns in allen Dingen,

macht die Wolken droben singen.

Rhein, du stiller Strom.

 

Es verfliegt das Weltgelärme.

Harmonie und ruhige Wärme.

In mir schwimmen alle Sterne…

Sommer. Köln. Der Dom.

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Auf den 22. Juni ist das Gedicht datiert, das Stanislaw Katkow Bürgermeisterin Elisabeth Preuß am 75. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR überreichte. Der von Kindheit an gelähmte und zunehmend auch sprechbehinderte Autor, der bereits auf ein gutes Dutzend Lyrikbände zurückblicken kann, wurde zwar erst zwei Jahre nach Beginn des unerklärten Vernichtungskrieges geboren, aber die Folgen jenes Feldzugs der verbrannten Erde bekam natürlich auch er zu spüren. Und hätte das „Unternehmen Barbarossa“ – horribile dictu – sein Ziel der Versklavung aller Völker des Ostens erreicht, wäre der kranke Junge aus Saransk in Mordwinien nicht mit zehn Jahren in ein Heim gekommen, sondern die Herrenmenschen hätten ihn als „lebensunwert“ selektiert und eliminiert. Dessen sollte man sich bewußt sein, wenn man die Verse des Stanislaw Katkow liest, die der Dichter – durchaus im Kontext der neuen Spannungen zwischen Ost und West – Erlangen und Wladimir und einer Freundschaft widmet, an der er selbst seit zwei Jahrzehnten auf seine poetische Weise voll Lebensmut und Schaffenslust mitwirkt.

Sinaida Gagulajewa, Irina Morosowa, Stanislaw Katkow und Irina Platowa, der die Reinschrift der Verse zu verdanken ist

Sinaida Gagulajewa, Irina Morosowa, Stanislaw Katkow und Irina Platowa, der die Reinschrift der Verse zu verdanken ist

***

Wir hielten Freundschaft viele Jahre,

und allem Schlimmen ungeachtet

Wladimir-Erlangen stets machte,

was nötig, um sie zu bewahren.

 

So möge es für immer bleiben,

damit das Unheil uns verschone,

Wladimir-Erlangen sich lohne,

was immer auch die andern treiben.

Stanislaw Katkow, Übersetzung: Peter Steger

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Seinen Tonio Kröger läßt Thomas Mann im Gespräch mit Lisaweta Iwanowna von der „anbetungswürdigen russischen Literatur“ sprechen, „die so recht eigentlich die heilige Literatur darstellt.“ Ein wenig später präzisiert der Held aus der gleichnamigen Novelle, wie er das Schreiben versteht: „Sich von der Traurigkeit der Welt nicht übermannen lassen; beobachten, merken, einfügen, auch das Quälendste, und übrigens guter Dinge sein…“

Julia Alexandrowa im Garten des Erlangen-Hauses, Juni 2015

Julia Alexandrowa im Garten des Erlangen-Hauses, Juni 2015

Julia Alexandrowa könnte ähnliche Worte für das finden, was sie tut. Dabei dichtet die Grande Dame der Wladimirer Lyrik nicht nur selbst, sondern übersetzt auch Verse aus dem Deutschen ins Russische, vornehmlich von fränkischen Autoren. Der Partnerschaft wegen. Nun will die promovierte Chemikerin schon in den nächsten Wochen einen Band all ihrer Übertragungen herausgeben, die bisher in verschiedenen Periodika erschienen waren. „Endlich einmal wieder“, möchte man rufen, wo doch am Anfang der Städtepartnerschaft, noch vor ihrer Schöpfung, das Wort der Dichter war, besonders das Wort von Wolf Peter Schnetz, der natürlich in der Publikation nicht fehlen darf. Doch davon später. Heute in der Interpretation von Peter Steger das Eröffnungsgedicht ohne Titel aus dem 2012 in Wladimir erschienenen Bändchen „Offener Raum“ von Julia Alexandrowa: traurig schön und guter Dinge:

Offener Raum, Gedichte von Julia Alexandrowa

Offener Raum, Gedichte von Julia Alexandrowa

In der Welt voller Härte und Dunkel

ist der Mensch wie ein grünender Trieb.

Hier im schwingenden Sternengefunkel

wächst das Neue auf dem, was verblieb.

Und es schlingt sich nach oben gewunden,

strebt hinauf in den Himmel, ins Licht.

Und der Blick schweift ins Ferne für Stunden,

bis sich alles im Augenschein bricht.

Voller Silber und Wunder und Nebel…

Niemand kennt seinen Weg, seinen Sinn.

Ohne Eile, geheimnisvoll schwebend

und verzaubert gehn die Jahre dahin.

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