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Dascha auf Bühne

Früher mußte man sogar Russen erklären, wo Gus-Chrustalnyj liegt: 70 km südlich von Wladimir, tief in den Wäldern und Sümpfen der Meschtschjora, eines einzigartigen Landschaftsschutzgebietes, wo bis vor wenigen Jahren im großen Maßstab Torf abgebaut wurde. Wenn man Gus-Chrustalnyj überhaupt kannte, dann wegen seiner Glasproduktion, die noch heute die 60.000-Einwohner-Stadt prägt und bereits Mitte des 18. Jahrhunderts in dieser Gegend, wo sich damals noch Fuchs und Hase gute Nacht sagten, aufgebaut wurde. Übrigens auf Grund von – heute würde man das so sagen – ökologischen Standortnachteilen, denn die Glashütten wurden seinerzeit wegen ihres unersättlichen Energiehungers und des damit einhergehenden Holzeinschlags aus dem Moskauer Umland verbannt.

Nach dem Konzert mit Christine Barth

Heute ist Gus-Chrustalnyj in aller Munde, weil sich Ende vergangenen Jahres eine verzweifelte Gruppe von Unternehmern an Premier Wladimir Putin mit einem Brandbrief wandte, der für viel Aufsehen in der Öffentlichkeit sorgte. In dem Hilferuf hieß es, mehr als drei Dutzend Brandstiftungen, räuberische Überfälle und Tätlichkeiten sowie andere offenkundige Straftaten gegenüber Geschäftsleuten seien allein in den letzten vier Monaten zu verzeichnen. Die Situation wurde als „krimineller Terror“ beschrieben, und in der Tat hatte die Stadt an der Gus etwas von Klein-Chicago. Inzwischen gilt der Ort, der Mitte der 90er Jahre mit dem internationalen Preis Goldenen Merkur für sein vorbildlich erhaltenes Ensemble ausgezeichnet wurde, wieder als sauber. Gleich reihenweise kam es zu Festnahmen, Rücktritten, Versetzungen in den Ruhestand, und die Staatsmacht hat das Heft wieder in der Hand, nachdem Wladimir Putin noch vor einiger Zeit hatte konstatieren müssen, nicht nur die Polizei, sondern alle staatlichen Behörden hätten sich hier als nichtexistent erwiesen.

Saal im CEG

Mit all dem freilich hat unsere heutige Geschichte nichts zu tun. Oder vielleicht doch? Es gibt nämlich auch ein ganz anderes Gus-Chrustalnyj, wo man weder Glas noch Trübsal bläst, wo man keine Mafia fürchten und nicht Klage über mangelnden Schutz gegenüber Erpressern führen muß. Wir wollen heute von einem kleinen Stern erzählen, der in der Musikschule von Gus-Chrustalnyj entdeckt wurde und der gestern strahlend über Erlangen aufging.

Begeisterung

Die Rede ist von Daria Baranowa, einem Mädchen, das auszog, um die Welt die Schönheit der Musik zu lehren. Der russischen Musik und das auf einem Instrument, welches hierzulande auch Fachleute kaum kennen, der Domra. Vergleichbar mit der westeuropäischen Laute, aber auch mit Wurzeln in der Musik der Tataren, kam die drei- oder viersaitige Domra bereits im Spätmittelalter  an russischen Fürstenhöfen zu Ehren und ist heute aus der Folklore gar nicht mehr wegzudenken. Keine russische Musikschule, wo das Instrument – neben der in aller Welt bekannten Balalaika – nicht gelehrt würde, sogar ein Hochschulstudium ist für die Domra möglich, die klassisch-konzertant ebenso etwas hermacht wie als Soloinstrument in Begleitung von Klavier.

Danke!

Daria Baranowa, Dascha genannt, weiß, was sie will, eines Tages ans Konservatorium. Dabei ist sie noch keine 15! Doch der Reihe nach die gestrigen Stationen der jungen Musikerin: In Begleitung ihrer Eltern sowie der Leiterin der Kunstschule, Jelena Soskowa, und ihrer Pianistin, Lana Grjasnowa, ist die kleine Virtuosin am Dienstag mit der Spätmaschine aus Moskau in München zu ihren ersten Auftritten im Ausland gelandet. Erst kurz vor Mitternacht traf die Gruppe in Erlangen ein, doch schon um kurz nach 10.00 Uhr begann gestern das Einspielen für einen Auftritt vor gut 60 Schülern der unteren Musikklassen auf der Theaterbühne des Emil-von-Behring-Gymnasiums in Spardorf, angeregt von Dieter Argast, seit vielen Jahren eng mit Wladimir verbunden, und organisiert von Christine Barth. Viel Zeit ist ja nicht in so einer Unterrichtsstunde, aber mit der Art, wie Dascha ihre Musik präsentiert, kurzweilig moderiert von Jelena Soskowa, verging die Zeit noch viel schneller. Am Ende eines mitreißenden Auftritts, der von der russischen Folklore über jazzige Improvisationen bis hin zu George Gershwins Clap yo‘ Hands reichte, übergaben die Schüler sogar noch eine Geldspende und – von Kind zu Kind – Süßigkeiten. Eine anrührende Geste!

Vor dem CEG

Die Uhr tickte unerbittlich, denn im unmittelbaren Anschluß stand schon das nächste Konzert am Christian-Ernst-Gymnasium auf dem Programm. Auch hier wieder ein voller Saal, helle Begeisterung, jede Menge Fragen nach dem Übungspensum der Besucherin, nach ihren musikalischen Vorlieben und den Gründen für ihre Musikleidenschaft. Auch die Gäste spürten die Begeisterung, und die beiden Musiklehrer, Gabriele Bergmann und Joachim Adamczewski, ließen sich anstecken. Wenn irgend möglich, soll es am Montag noch ein Fortsetzungskonzert geben. Spätestens dann gibt es auch noch ein Geschenk. Und, wer weiß, vielleicht schon im Herbst gibt es ein Wiedersehen, denn die beiden Erlanger Musiklehrer planen nach dem großartigen Erfolg mit dem Austausch der Mädchenchöre im Vorjahr noch heuer eine Reise mit einem Instrumentalensemble ihrer Schule nach Wladimir.

Im Altenheim

Um den Dreiklang perfekt zu machen, gab Dascha am Nachmittag auch noch im Alten- und Pflegeheim des BRK in Etzelskirchen ein Konzert. Tremolo, Pizzicato, Akkorde, lyrisch-schwermütige und dann wieder beschwingt-heitere Melodien schwirrten da wie Frühlingsvögel durch den Raum und erreichten die Herzen der Zuhörer. Es ist wohl die Mischung aus spielerischer Perfektion im Musikalischen mit einem noch etwas unbeholfenen kindlichen Charme, das es den Senioren angetan hat – und wohl eben der Zauber der Kunst. Jedenfalls waren die Gänge und Zimmer des Heims noch Stunden danach voll des Lobes und der Begeisterung. Die Blumen, die der Leiter, Jürgen Ganzmann, mit seiner „Rußlandbeauftragten“, Nicole Stegmeier, zum Dank überreichte, blieben nicht das einzige Geschenk. Marianne Lüdtke und andere Heimbewohnerinnen holten selbstgebastelte Andenken an ein denkwürdiges Konzert hervor, und Daschas Mutter revanchierte sich mit Matrjoschka-Puppen.

Blumendank

Daschas Mutter, selbst Augenärztin, nutze sogar noch die Gelegenheit, ihre berufliche Neugier zu stillen und ließ sich von Jürgen Ganzmann das Haus zeigen. Tief beeindruckt zeigte sie sich von der Zuwendung, die den Bewohnern hier zuteil wird, und die Wohnbedingungen konnte sie nur als beneidenswert beschreiben. „Dahin“, so meinte sie, „müssen wir auch eines Tages kommen.“ Daran arbeitet Jürgen Ganzmann, seit einem Jahr in Etzelskirchen der Chef, längst schon wieder, nachdem seine noch in Gremsdorf bei den Barmherzigen Brüdern gestarteten Projekte „Lichtblick“ und „Blauer Himmel“ eine so gute Entwicklung genommen haben. In den nächsten Wochen erwartet er bereits eine Praktikantin aus dem Wladimirer Altenheim, denn vor allem in der Gerontopsychiatrie will er nun mit den russischen Partnern neue Wege beschreiten.

Geschenke von Marianne Lüdtke

Doch wir sind abgekommen: Jetzt, am Abend, wieder im Frankenhof, wo die Gruppe untergebracht ist, finden sich ein paar Augenblicke für ein Gespräch mit Dascha. Mit fünf Jahren schon hat sie angefangen, auf der Domra zu spielen. Ohne jeden Zwang, angeregt nur vom zehn Jahre älteren Bruder, der eine Ausbildung als Ingenieur gemacht hat, kann sie sich heute gar nichts anderes vorstellen, als Musik zu machen. Zwei bis drei Stunden übt sie täglich, und wenn ihr die Zeit einmal zu lang werden sollte, greift sie auch noch zur E-Gitarre und läßt es rocken: Smoke on the Water von Deep Purple ist so ein Klassiker, zu dem sie gern ihre blonde Mähne schüttelt. A propos Deep Purple: Die Band spielte gestern in Moskau auf und wurde von Präsident Dmitrij Medwejew empfangen, der sich seit 33 Jahren als deren treuer Fan zu erkennen gab. Schön, wenn Politiker etwas von guter Rock-Musik verstehen.

Plakat

Noch eine Leidenschaft gibt es, das sei hier verraten, neben der Musik: Eis. In allen Variationen. Doch zurück zum Ernst des Musikerlebens: So jung Dascha ist, so viele Erfolge hat sie schon zu verzeichnen. Jede Menge Wettbewerbe, die sie gewonnen hat. Schon eine ganze Sammlung von Auszeichnungen hat sie zu Hause an der Wand hängen. Im Januar dann der bisher größte Erfolg: Der erste Preis beim internationalen Wettbewerb „Hoffnung Europas“ in Sotschi. „Die Konkurrenz war groß“, erinnert sich Dascha, „aber ich habe ganz ruhig mein Programm gespielt – und gesiegt.“ Als jüngste in ihrer Disziplin! Und nun also die ersten Auftritte im Ausland und das erste Plakat im Ausland, entdeckt von den Eltern in Etzelskirchen. Da stört sich auch niemand daran, wenn aus dem Nachnamen Baranowa eine adelige Baronowa wird. Eine kleine Baronin der Musik ist sie ja wirklich schon.

Auf Wiedersehen in Etzelskirchen!

Heute läßt es Dascha ruhiger angehen, das nächste Konzert steht erst für morgen im Marie-Therese-Gymnasium auf dem Programm. Und dann geht es zu Besichtigungen nach Nürnberg, nach Bamberg; am Montag dann vielleicht nochmals ins Christian-Ernst-Gymnasium zu einem Konzert, aber vor allem soll Zeit zum Einkaufen und Bummeln sein, denn schließlich haben die russischen Schüler derzeit Frühlingsferien, und die will Dascha bei dem Wetter auch noch ein wenig genießen. Wir werden sicher bald wieder von ihr hören – und haben Grund, ihren Eltern und Lehrerinnen zu danken, vor allem aber auch Pawel Bondarjew, Leiter der Jugendorganisation Lingua, dem wieder einmal als Organisator im Hintergrund ein Glücksgriff für die Partnerschaft gelungen ist.

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Man darf unterstellen, daß die gestrigen Gäste von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß damals gerade einmal geboren oder eben erst in statu nascendi waren, als das Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde bei der Universität Erlangen – Nürnberg im Jahr 1988 den Austausch von Dozenten und Studenten aufnahm. Von Beginn an dabei Heinz Römermann, heute Leiter der Russischabteilung des Instituts (IFA), dessen Leiter, Frank Gillard, die Leidenschaft für Wladimir teilt. Versetzen wir uns einmal 22 Jahre zurück. An der Macht war Michail Gorbatschow mit seiner Politik der Perestrojka, aber die Mauer stand noch scheinbar unerschütterlich, niemand ahnte, daß Deutschlands Wiedervereinigung zum Greifen nahe war und die Ost-West-Konfrontation bald der Vergangenheit angehören sollte.

Brücken in diese noch fern anmutende Zukunft schlug damals schon der Austausch zwischen der damaligen Pädagogischen Hochschule (heute Staatliche Humanwissenschaftliche Universität) und dem IFA, Brücken, die erst die Verständigung zwischen den Partnerstädten möglich machten und bis heute tragen. Die Dozenten, anfangs noch die Zuchtmeister der Austauschgruppen, kommen heute nur noch zu Symposien, die Studierenden sind längst reisetüchtig und fahren ohne Begleitung hin und her – und das in dieser einzigartigen Kontinuität. Seit 22 Jahren! Ohne Pause! Immer im Frühjahr die Wladimirer zu uns und im Herbst die Erlanger nach Wladimir. Respekt!

Andrea Lancova mit den fünf Studentinnen aus Wladimir; in der Mitte Elisabeth Preuß mit Heinz Römermann und Frank Gillard

Seit dem 26. Februar ist die Gruppe da und hat bis zum 19. März noch viel vor: Nürnberg, Bamberg, Regensburg, Rothenburg, die Fränkische Schweiz… Aber das ist nicht alles nur touristisches Pflichtprogramm. „Wir wollen viel von der deutschen Kultur, den Sitten und Bräuchen kennenlernen“, erklärt eine Besucherin. Und das Institut bietet just in dem Bereich Auslandskunde alles, was des Fremden Herz begehrt. Aber natürlich gibt es auch einen Stundenplan, auf dem Fächer stehen wie Deutsch für Ausländer, Übersetzung, Dolmetschen, Korrespondenz, Stegreifübersetzung oder Methodik des Übersetzens. „Vieles davon können wir gut zu Hause gebrauchen, und vor allem lernen wir viel über andere Konzepte des Unterrichts“, ergänzt eine andere Studentin. Eigentlich ist ihr Berufsziel vorgegeben: Fremdsprachenlehrer. Doch auf die Frage von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß nach dem, was auf das Studium einmal folgen soll, kommt die Antwort zögerlich aus der Runde. Schließlich ergänzt Heinz Römermann aus seiner Erfahrung, daß viele Arbeit als Dolmetscher finden, häufig in die Wirtschaft gehen und gerne auch nach Moskau abwandern. Kaum jemand strebt noch – da ist sich die Gruppe rasch einig – den Lehrberuf an. Zu schlecht bezahlt, zu unattraktiv. Und das im „Jahr des Lehrers“, das gerade in Rußland begonnen hat. Kein gutes Zeugnis für die Schulpolitik!

Bliebe noch der Dank an die gastgebenden Familien nachzutragen, die zum Teil schon seit Jahren dem Austausch Obdach geben und damit auch die Zukunft der Partnerschaft sichern helfen. Denn vielen, sehr vielen Teilnehmern an dem IFA-Programm begegnet man später wieder, sei es an prominenter Stelle wie Irina Chasowa, der Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses oder Sergej Schtschedrin, der lange Jahre für den privaten Sender TV 6 arbeitete, anspruchsvolle Reportagen über Erlangen gedreht hat und mittlerweile in der Gouvernementsverwaltung tätig ist, sei es eher im Hintergrund wie Irina Makarowa und Irina Wolkowa, die so erfolgreich die Deutsch-Kurse für das Projekt „Lichtblick“ leiten. Damit aber genug für heute. Bis zum Ende ihres Aufenthalts haben nämlich die fünf Studentinnen noch einen Bericht über ihre Eindrücke zugesagt, der selbstredend umgehend und schnurstracks den Weg in den Blog finden wird. Wir dürfen gespannt sein.  

Ein Nachtrag nur noch: Besonders schön, daß zwei der Besucherinnen bei Andrea Lancova und Martina Neuner untergebracht sind, die im Vorjahr zum Austausch in Wladimir waren (s. Eintrag vom 27. November 2009). So wird das Staffelholz immer weitergegeben.

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Programmatischer geht es nicht mehr als mit diesem Motto, das sich die Band „Rur-Rock“ der Rurtal-Schule Heinsberg-Oberbruch gegeben hat. Dahinter verbirgt sich eine Begegnung von jungen Menschen mit und ohne Behinderung aus Deutschland und Rußland, ein Projekt das bereits 2001 in Pskow mit einem Musikworkshop begonnen hatte und mit viel Erfolg weitergeführt wurde: Gastspiele folgten 2004 in Moskau, 2007 in Perm, 2008 wieder in Pskow und 2009 in St. Petersburg beim Stadtfest, das ganz dem integrativen Gedanken gewidmet war. Dazwischen, im Mai 2005, Benefizkonzerte und das Deutsch-Russische Musik- und Friedensprojekt mit Rolf Zuckowski, ganz zu schweigen von den UNICEF-Galas in Berlin, Siegburg und Hilden und im Mai vergangenen Jahres der Teilnahme am 2. Integrativen Soundfestival im fränkischen Fürth.

Pskow

Wie kommt da nun Erlangen ins Spiel – oder besser Wladimir? Zur Beantwortung der Frage ist ein kleiner Rückblick notwendig. 1991 lernte Pastor Klaus Eberl von der evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg im Kreis Heinsberg auf einer Versöhnungsreise durch Rußland die sozialen Verhältnisse in Pskow (Pleskau), fast an der estnischen Grenze gelegen, kennen und kam mit dem festen Vorsatz zurück, der Partnerstadt von Neuss im Bereich Heilpädagogik zu helfen. Es gelang, das Bundesland NRW und die Landeskirche für das Projekt zu begeistern, und so konnte man bereits im Juni 1992 mit der stattlichen Starthilfe vom Staat in Höhe von DM 640.000 die Planung und im Oktober des gleichen Jahres den Bau eines Objekts beginnen, das bis dahin in der russischen Bildungslandschaft nicht zu finden war: ein Heilpädagogisches Zentrum für geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Nicht einmal ein Jahr später, am 1. September 1993, die Eröffnung der Einrichtung in der Trägerschaft der evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg im Rheinland. Die pädagogische Begleitung und Verantwortung übernahm die Rurtal-Schule unter Leitung von Bernd Schleberger, der mit Herz und Verstand zu Werke ging. Dem erfahrenen Fachmann war es von Beginn an um mehr als bloßen Erfahrungsaustausch zu tun. Sein Ziel war es, den Wissenstransfer in dem bisher von der russischen Bildungspolitik unbeachteten Bereich dauerhaft zu gestalten und zu systematisieren, damit er auch unabhängig von den engeren Projektpartnern Nutzen bringen kann. Dazu ist ein Lehrplan notwendig. Und just den hat Bernd Schleberger federführend mit einem Team aus Pskow erarbeitet, eine echte Pionierleistung! Das Curriculum, das übrigens auch Religionslehre berücksichtigt, ist seit dem Jahr 2000 vom russischen Staat anerkannt und gültig für derartige Förderschulen. Es entstand ein ganzes Netzwerk für die Fortbildung von Pädagogen, weg von der einstigen defektorientierten Fixierung auf die Korrektur von Behinderungen, hin zu einem integrativen und ganzheitlichen Ansatz. Beispielhaft, wie selbst das russische Bildungsministerium anerkennend konstatiert.

Bernd Schleberger und Wolfgang Thierse

Fast 50 Kinder und Jugendliche, davon die Hälfte mit schwersten und mehrfachen Behinderungen, besuchen heute diese Einrichtung. Damit aber noch immer nicht genug: Im Sommer 2001 entstand auf Druck der Schulabgänger in unmittelbarer Nachbarschaft der Einrichtung eine Werkstatt für Behinderte, womit der Förderbereich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene abgedeckt ist. Und: Seit Januar 2003 gibt es in der 200.000-Einwohner-Stadt ein Förderzentrum für Kinder mit Behinderungen im Vorschulalter, d.h. auch die letzte Lücke ist geschlossen. Was da im Zusammenspiel mit der Pskower Lokalpolitik entstand und noch weiter wächst, hat – man kann es nur mit Anerkennung sagen – Vorbildcharakter für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland, verdientermaßen ausgezeichnet u.a. mit dem „2. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ der Robert-Bosch-Stiftung und des Deutsch-Russischen-Forums, überreicht 2003 von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in Berlin.

Jürgen Ganzmann, Bernd Schleberger, Wolfram Howein

Auf der einstigen Brache im pädagogischen Niemandsland sind Strukturen gewachsen, die Fachleute aus allen russischen Regionen faszinieren. Und natürlich blieb das heilpädagogische Wunder von Pskow auch in Wladimir nicht unbeachtet. Das Ehepaar Jurij und Ljubow Katz, Gründer und Leiter der Selbsthilfeorganisation „Swet – Licht“ für Eltern von schwerstbehinderten Kindern, hält seit Jahren Kontakt zu den Kollegen im russischen Nordwesten und hat Bernd Schleberger im vergangenen Jahr nach Wladimir eingeladen. „Ihre Partnerstadt hat mir wirklich sehr gefallen, viel schöner als die meisten anderen russischen Provinzstädte“, lobt der vielgereiste Schulleiter, und erzählt weiter, er habe mit Familie Katz vereinbart, vom 1. bis 7. Juni mit der Band „Rur-Rock“ nach Wladimir zu reisen. Die Finanzierung stehe bereits u.a. dank einem Zuschuß der örtlichen Sparkasse aus ihrer „Stiftung für Völkerverständigung“, jetzt müsse man nur noch das Programm zusammenstellen. Eigens dazu und um mehr von der Partnerschaft Erlangen – Wladimir zu erfahren, kam Bernd Schleberger gestern angereist und traf sich natürlich mit Jürgen Ganzmann und Wolfram Howein, um mehr über den „Blauen Himmel“ und das Projekt „Lichtblick“ zu erfahren. Rasch wurde klar, wie breit die gemeinsame Basis für eine Zusammenarbeit ist, und es spricht alles dafür, daß sich Wladimir und Pskow eng vernetzen könnten.

Die Musik könnte dafür einen ersten Anstoß geben, denn es kommen Anfang Juni nicht nur 14 Schüler mit sieben Betreuern aus der Rurtal-Schule, sondern auch fünf junge Musiker mit ihren drei Betreuern aus Pskow nach Wladimir. Und eingeladen zum Mitmachen sind natürlich auch Kinder aus der Wladimirer Psychiatrie, wo Tatjana Parilowa den Taktstock schwingt. In der Geschichte ist im wahrsten Sinn des Wortes Musik. Und von der wird noch viel zu hören sein – auch hier im Blog.

Mehr zu dem Projekt der Rurtal-Schule auf der empfehlenswerten Homepage: www.rurtal-schule.de

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Wenn jemand in Wladimir als das Gesicht der Partnerschaft bezeichnet werden kann, dann ist das niemand anders als Irina Chasowa, die heute einen runden Geburtstag feiert. Ein freudiger Anlaß, der Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses für ihr so vielseitiges und unverzichtbares Wirken zu danken.

Jürgen Ganzmann, Irina Chasowa, Guram Tschjotschew und Josefa Üblacker

Jürgen Ganzmann, Irina Chasowa, Guram Tschjotschew und Josefa Üblacker

„Nur Herzen ohne Zärtlichkeit wollen herrschen, aber wahre Gefühle lieben die Selbstaufopferung, diese Tugend der Stärke“, heißt es bei Honoré de Balzac in „Das verfluchte Kind“. Wer Irina Chasowa kennt, schätzt sie für die Schönheit ihres Herzens, die sich so mannigfach in ihren Gesichtszügen bricht und die bewegender Teil all ihres Tuns ist. Wäre dem nicht so, der Städtepartnerschaft gebräche es an einer Ästhetik, in der Schönheit ganz im Sinne von Friedrich Schiller gleichzeitig „unser Zustand und unsere Tat“ ist, worin sich unsere beiden Naturen „Vernunft“ und „Sinne“ miteinander vereinbaren, ineinander aufgehen.

Irina Chasowas Verbindung zu Erlangen reicht noch in ihre Studentenzeit zurück, als sie am damaligen Pädagogischen Institut (heute Humanwissenschaftliche Universität) den Beruf der Deutschlehrerin anstrebte und – ebenso wie ihre spätere Kollegin, Jelena Jewtjuchina – Anfang der 90er Jahre am Austauschprogramm mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde teilnahm. Der Einstieg in die Städtepartnerschaft gelang ihr dann schon 1993 überzeugend, als sie ehrenamtlich half, die 360 Gäste aus Erlangen zu betreuen, die zum „Fränkischen Fest“ nach Wladimir gekommen waren. Tatjana Garischina, die unvergessene damalige Partnerschaftsbeauftragte, nahm die vielseitig interessierte Nachwuchskraft – wieder gemeinsam mit Jelena Jewtjuchina – unter ihre Fittiche und betraute sie mit einer Aufgabe, von der noch niemand ahnen konnte, welche fast schicksalhafte Bedeutung sie einmal gewinnen sollte, nämlich mit der sprachlichen und organisatorischen Unterstützung der fränkischen Handwerker am Erlangen-Haus. Von 1993 bis zur Eröffnung der „Erlanger Botschaft“ am 7. Mai 1995 lernte sie nicht nur alle Gewerke kennen, sonder schloß auch Freundschaften, die bis heute Bestand haben: mit Helmut Eichler, Leonhard Plack, Willi Merz, Josef Schmitt… Und sie wurde Mitarbeiterin des Erlangen-Hauses, Mädchen für alles, immer zur Stelle, wo man sie brauchte, ob als Dolmetscherin oder Koordinatorin der Deutsch-Kurse.

Als Tatjana Garischina schon bald darauf aus privaten Gründen die Leitung des Erlangen-Hauses abgab, wurde Irina Chasowa unter der Geschäftsführung von Jelena Jewtjuchina de facto zur Koordinatorin der Partnerschaftskontakte und knüpfte ein filigranes Netz von Verbindungen zur Medizin, Universität, Kultur, Politik, Presse, Bürgerschaft, in dem die tragenden Projekte wie „Rot-Kreuz-Zentrum“ oder „Lichtblick“ und „Blauer Himmel“ sich erst so recht erfolgreich entfalten konnten. Immer zupackend, zuverlässig, voller Zutrauen. Als dann Jelena Jewtjuchina heiratet und den Namen ihres Mannes, Tschilimowa, annahm und Zwillinge zur Welt brachte, zeigte Irina Chasowa schnell, daß sie das Zeug hatte, auch selbständig die Geschicke des Erlangen-Hauses zu leiten. Nach der Mutterpause zurückgekehrt, führte denn auch Jelena Tschilimowa die Geschäfte mit ihrer Kollegin fast gleichberechtigt. Doch vor drei Jahren wechselte dann Jelene Tschilimowa in den Betrieb ihres Mannes und überließ ihren Posten der bisherigen Stellvertreterin.

Seither ist Irina Chasowa auf Wladimirer Seite das sympathische Gesicht, das heiße Herz und die tatkräftige Hand der Partnerschaft. Ungezählt sind die von ihr vermittelten Kontakte, nur von der strengen Buchhalterin, Walentina Rybkina, festgehalten – die Gäste, die im Erlangen-Haus übernachtet haben, und die Teilnehmer an den Deutsch-Kursen. Gerade die, eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art, hat sie gemeinsam mit Reinhard Beer und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Moskau geprägt und geformt. Just in diesen Tagen hat sie wieder eine Gruppe – nun schon die dritte – von Deutschlernenden zusammengestellt, die Ende Juli zu einem landeskundlich ausgerichteten Sprachkurs an die VHS Erlangen kommen wird. Ihrer beharrlichen Lobby-Arbeit und der Teilnahme an vielen Fortbildungsmaßnahmen ist es zu danken, daß das Erlangen-Haus zu den erfolgreichsten Sprachlernzentren des Goethe-Instituts in Rußland gehört und die Prüfungen selbst abnehmen darf. Seit Jahren liegt die Zahl der Kursteilnehmer – darunter übrigens immer mehr Schüler – bei konstant um die 200 in allen Stufen.

Irina Chasowa und die Deutsch-Dozentinnen im Erlangen-Haus

Irina Chasowa (2. v.r.) und die Deutsch-Dozentinnen im Erlangen-Haus

Überhaupt die Bildung. Als Pädagogin hatte Irina Chasowa nicht unbedingt ideale Voraussetzungen für die Geschäftsführung einer Pension mit Büroräumen und einem vielfältigen Kursangebot sowie der Funktion als Schaltstelle der Städtepartnerschaft mitgebracht. Aber den Praxistest hat sie dennoch bravourös bestanden, nicht zuletzt wegen ihrer Bereitschaft, Abendkurse für Management zu besuchen und sogar Auslandspraktika, wie unlängst im Saarland, zu absolvieren. Am meisten geholfen aber hat ihr gewiß die intensive und kreative Zusammenarbeit mit Wolfram Howein, der seit zwei Jahren nicht nur die Revision des Erlangen-Hauses durchführt, sondern vor allem durch seine umsichtig-kluge Beratung in angenehme Erscheinung tritt. Mit ihm zusammen plant Irina Chasowa für den Mai bereits die zweite, längst ausgebuchte Bürgerreise – bis an die Wolga hinunter. Eine Bereicherung der Partnerschaft und zusätzliche Einnahmen für das Erlangen-Haus.

Überhaupt die Finanzen: Großartig, wie Irina Chasowa die in Ordnung hält. In all den 15 Jahren seines Bestehens trug sich das Erlangen-Haus immer selbst, finanzierte sogar die notwendigen Renovierungen aus eigenen Mitteln. Im vergangenen Jahr dann sogar die Neumöblierung und Modernisierung der Gästezimmer mit erheblichem Aufwand, der dennoch im Abschluß noch eine erstaunliche Summe auf der hohen Kante hinterließ. Gute Vorzeichen für die Jubiläumsfeier am 7. Mai, zu der neben dem Vorstand der Stiftung „Erlangen-Haus“ unter Leitung von Oberbürgermeister Siegfried Balleis auch Joachim Herrmann, Bayerischer Innenminister, erwartet werden. Viel Stoff dann auch wieder für den TV-Chronisten der Städtepartnerschaft, Thomas Rex, vom Bayerischen Rundfunk, dem Erlangen und Wladimir die einfühlsamsten und aufmerksamsten Reportagen ihrer Beziehungen verdanken.

Es gäbe noch viel zu sagen von Irina Chasowa. Etwa, wie sehr sich ihre innere Schönheit im Garten des Erlangen-Hauses spiegelt, etwa, mit welcher Übersicht sie sich auch auf schwierigem Gelände zu bewegen weiß, etwa, welche Freunde sie in Erlangen hat. Heißt es nicht, sage mit, mit wem Du befreundest bist, und ich sage Dir, wer Du bist? Neben den bereits genannten könnte man da noch Namen anführen wie Rudolf Schwarzenbach, Jürgen und Josefa Üblacker, Dieter und Angelika Wenzel, Josef Weigl, Helmut Zeitler, Brüne Soltau, Alfred Trautner, Jürgen Ganzmann ad lib. Eines sei aber noch vor den abschließenden Glückwünschen gesagt: Nie war Irina Chasowa besser, als im Duett mit Swetlana Schelesowa, die nun schon bald ein Jahr im Geschirr ist und die Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses in idealer Weise ergänzt. Beide beweisen die Richtigkeit des russischen Sprichworts, wonach nicht die Position den Menschen schmückt, sondern umgekehrt der Mensch es ist, der einer Position Gewicht und Sinn schenkt. Das sagt jemand, der von Erlangen aus Irina Chasowa von Beginn an begleitet hat, ihr ehrenamtlicher Mitgeschäftsführer, Kollege und Freund, Peter Steger.

Im Namen all Deiner Erlanger Freunde, liebe Irina, Gesundheit, Glück und Lebensfreude zu Deinem heutigen Geburtstag. Vor allem aber Dank an Dich für all das viele Gute, das Du getan hast und das Dir noch zu tun gegeben ist!

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Irina ArschanychUnter diesem Titel stellt Irina Arschanych vom 21. August bis 24. September in den Räumen des BRK, Henri-Dunant-Straße 4, ihre Photographien aus. Einen knappen Monat vor der Vernissage am 21. August um 19.00 Uhr, zu der bereits heute eine herzliche Einladung an alle Leser ergeht, will der Blog schon ein wenig Vorfreude verbreiten.

Als Psychologin an der Universität Wladimir hat Irina Arschanych einen besonders wachen Blick für Ihre Umgebung – hier wie dort -, vor allem für die Menschen und die Natur. Bereits vor einem Jahr, als sie zum ersten Mal in Gremsdorf hospitierte, entdeckte Jürgen Ganzmann, Werkstattleiter bei den Barmherzigen Brüdern und Initiator der Projekte „Lichtblick“ und „Blauer Himmel“, das künstlerische Talent der jungen Frau und ermöglichte ihr spontan eine kleine Ausstellung in den Räumen der Behinderteneinrichtung. Nun ließ sich auch Helmut Barthelmes, der ehrenamtliche Kurator für Kunst beim BRK, von der Qualität der Arbeiten überzeugen.

Irina Arschanych AusstellungVon sich und ihrer Kunst macht die Photographin kein großes Aufhebens. Bescheiden bleibt sie in ihrer Darstellung des eigenen Schaffens: „Unter meinen Patienten, aber auch Bekannten, gibt es viele Menschen, die in einem eigenen, quasi von der Außenwelt abgeschotteten Raum leben: Arbeit, Familie, Freizeit. Diese Alltagsroutine ist häufig bequem und komfortabel. Manchmal entwickelt sie sich aber zu einer Sackgasse oder Falle, und der Sinn des Lebens schwindet dahin. Mit meinen Bildern möchte ich diesen Menschen die Botschaft übermitteln, daß das Leben und die Realität viel Schönheit und Vielseitigkeit mit sich bringen. Das Wichtigste im Leben ist, daß man immer eine Wahl hat.“

Eine Auswahl der Bilder von Irina Arschanych soll deshalb in den nächsten Tagen auch den Blog schmücken. Nicht zu viele, damit niemand meint, er bräuchte sie sich gar nicht mehr beim BRK ansehen, nur so viele, um Lust auf mehr zu machen.

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Jelena Bordanowa, Photo Komsomolskaja PrawdaIn der heutigen Ausgabe der Wladimirer „Komsomolskaja Prawda“ wird die Siegerin eines Leserwettbewerbs bekannt gegeben. Gesucht wurde die beste Krankenschwester. Und wer hat gewonnen? Jelena Bordanowa, eine Mitstreiterin der ersten Stunde bei den Projekten „Lichtblick“ und „Blauer Himmel“. Doch sehen wir, was die Zeitung schreibt:

„Siegerin des Wettbewerbs wurde Jelena Bordanowa, Krankenschwester im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Nr. 1. 254 Besucher der Homepage unserer Zeitung gaben ihr ihre Stimme. Jelena arbeitet in der Kinderabteilung als Kunsttherapeutin. Außerdem leitet sie das deutsch-russische Projekt Lichtblick und träumt vom Glück ihrer Tochter und vom Frieden auf der ganzen Welt. Jelenas Motto lautet: Sag mir, wer du bist, und ich sage dir dann auch etwas… Die Redaktion gratuliert und überreicht ihr in den nächsten Tagen als Preis einen MP3-Player.“ 

Die Kunsttherapie hat Lena in Gremsdorf bei den Barmherzigen Brüdern kennengelernt und in ihrer Abteilung erfolgreich eingeführt. Sie ist mit Herz und Verstand bei der Sache und vor allem bei den Kindern. Liebevoll streng und ebenso phantasiebegabt wie gut organisiert. Was sie im Rahmen des Projekts gelernt hat, gibt sie weiter, erweitert sie. Ein menschliches Pfund, mit dem die Zusammenarbeit wuchern und der Blaue Himmel auf Erden wachsen kann.

Wir gratulieren von Herzen und freuen uns doppelt über das Geschenk, wurde das System MP3 doch just am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen entwickelt, dem wichtigsten ausländischen Partner der Wladimirer Staatlichen Universität. Da paßt das eine ins andere.

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