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Zum 10. Todestag von Rawus Chuduschewitsch Bagirow (29.08.1939 – 08.07.2007)

Ein Beitrag von Renate Winzen

„Ich kümmere mich um sie!“ Kurz entschlossen nahm der Regisseur Rawus Bagirow sich meiner an, als ich am ersten Tag meines Praktikums beim Staatlichen Fernsehen der Region Wladimir durch verschiedene Abteilungen des Senders geführt wurde. Das war im Oktober 1994, in jenen 90er Jahren, als das Leben dort überall im Land von verfallenden Strukturen, materieller Not und alltäglichem Überlebenskampf geprägt war. Löhne wurden monatelang nicht ausgezahlt, und wenn doch, so reichten sie kaum, um den alltäglichen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man behalf sich irgendwie, man half sich gegenseitig; so genau habe ich nie herausgefunden, woher die Leute damals ihr Essen nahmen, – und nicht allen gelang es, genug zum Essen zu haben. Das, was sie hatten, teilten sie gerne mit dem Gast – nein, sie teilten nicht, sie gaben dem Gast mehr, als sie sich selbst gönnten.

Renate Winzen (4. v.l.) mit dem TV-Team von Chefredakteur Leonid Skakunow (1. v.l.)

„Ich kümmere mich um sie!“ Gesagt – getan. Rawus Bagirow nahm mich unter seine Fittiche: Drehbuch-Konzeption, Dreharbeiten, Interviews, Filmschnitt – überall bezog er mich ein, erläuterte, lehrte, gab mir Raum für Fragen und Diskussionen. Aber da war noch mehr; manchmal sprach er mich auf Deutsch an, er interessierte sich für mein Land, die dortigen  Lebensumstände, die deutsche Kultur und Mentalität, – und er tat alles, damit ich mich im fernen russischen Ausland heimisch fühlen könne.

Er selbst hatte seine Heimat verloren, war aus akuter Gefahr geflohen vor dem Bürgerkrieg in Aserbeidschan. Unfreiwillig war er Tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat, nicht wissend, ob er jemals zurückkehren könne, ohne eigenen Wohnraum, mit seiner Frau in einem Zimmer bei anderen Leute untergebracht… Wie anders war seine Situation hier im russischen Ausland als meine! Doch er blieb nicht bei sich stehen – leidenschaftlich setzte er sich für seine Mitmenschen ein: in seinen Filmen und in seinem Alltag.

Mitten im Zerfall gab es in diesen 90er Jahren auch Orte des Aufbruchs. Dazu gehörte das Staatliche Fernsehen Wladimir. Hier hatte man sich der Glasnost verschrieben; in engagierten Reportagen und Berichten setze man sich offen, ganz im Sinne der „Transparenz“, mit verschiedensten Themen auseinander.

Rawus Bagirow (im Vordergrund) bei Aufnahmen zur Umweltreihe „Perlenkette der Seen“

Rawus Bagirow lenkte in seinen Reportagen den Blick dahin, wo Menschen Ungerechtigkeit und Mißachtung erlebten. Es war ihm ein Herzensanliegen, Menschen die (neue?) Erfahrung von Wertschätzung und Gerechtigkeit zu ermöglichen.

Am Herzen lag im auch das, was er „den zweiten“ Blick“ nannte. Eines Tages eröffnete er mir, ich habe nun genug durch Hospitanz bei verschiedenen Filmen gelernt, es sei an der Zeit für mich, einen eigenen Film zu machen. Dafür schlug er eine Reportage über die Technische Universität Wladimir mit dem Ziel vor, Kooperationen zwischen der Hochschule und der Universität Erlangen-Nürnberg aufzubauen. Dabei regte er mich dazu an, nicht bei dem stehen zu bleiben, was sofort ins Auge fiel: armselige, veraltete Laborausrüstung;  ein Studenten- und Wissenschaftler-Alltag, in dem das Geld auch für das Essen knapp war; und das in einem Land, in dem das Leben geprägt war von ausbleibenden Lohnzahlungen, schlechter Infrastruktur und dem Kampf ums alltägliche Überleben.

Was könnte westliche Wissenschaftler dazu bringen, mit solch einer TU zusammenzuarbeiten und sich in ein solches Land zu begeben? Nein – über diesen ersten Blick hinausgehen und weiterfragen: Was sind das für Studenten, die unter solchen Bedingungen nicht aufgeben, sondern dranbleiben am Studium? Was sind das für Wissenschaftler, die der Forschung und der Studentenausbildung die Treue halten, obwohl vor allem an Hochschulen die Gehälter so niedrig sind, daß das Geld hinten und vorne nicht reicht? Welche Kraft treibt diese Studenten und diese Wissenschaftler an, – und ist nicht genau diese Kraft ein Faktor, weswegen es sich für westliche Kollegen lohnen kann, mit solchen Partnern zusammenzuarbeiten?

Rawus Bagirow wurde damit zum Initiator für den Aufbau von Kooperationen in den Ingenieur- und Naturwissenschaften zwischen der Staatlichen Universität Wladimir (ehemalige TU Wladimir) und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Strategie des „zweiten Blicks“ half immer wieder, systembedingte Wertungen und Irritationen zu überwinden.

Mit seiner freundlichen Achtsamkeit für seine Mitmenschen und mit seinem Humor und seiner Herzlichkeit hat er das Leben vieler Menschen bereichert, auch meines.

Sein Wirken umfaßt aber noch weit mehr.

Selbst heimatlos geworden, gab er anderen Heimat und das Gefühl, zu Hause zu sein.

Selbst Mißachtungen ausgesetzt gewesen, gab er anderen Respekt und Wertschätzung.

Selbst in hoch angespannter Lebenslage geraten, lag ihm das Wohlbefinden anderer am Herzen.

Dieser Weg verändert mehr als viele Protestaktionen. Dieser Weg bewirkt mehr als so manche Strukturmaßnahmen. Dieser Weg ist immer möglich, in der Städtepartnerschaft und darüber hinaus.

Danke, Rawus.

Siehe auch: https://is.gd/5QYkF7

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Ungeachtet der fortgesetzten Störfeuer der Eindringlinge in die Ukraine, die partout nichts aus der Geschichte lernen wollen, laufen weltweit die Vorbereitungen auf die Kapitulation des Dritten Reiches vor 70 Jahren. Auch im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Wladimir, wo Zehntausende Gefangene aus Deutschland, Österreich, Italien, Ungarn, Rumänien und Japan in den vor allem nach der Schlacht um Stalingrad eingerichteten Lagern lebten und arbeiteten. Zum Gedenktag am 8./9. Mai soll eine überarbeitete Fassung des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ mit Erinnerungen von deutschen Kriegsgefangenen erscheinen, wozu nun der Zeitgeschichtler Witalij Gurinowitsch einen Aufsatz beisteuert, in dem er seine ersten und wichtigsten Begegnungen mit deutschen Veteranen vorstellt. Hier vorab für den Blog der erhellende Text in einer ersten Arbeitsübersetzung.

Dieser Artikel wurde bereits 2003, zum zwanzigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Wladimir – Erlangen, geschrieben. Leider konnte er damals nicht erscheinen und blieb in meinem Rechner gespeichert, als würde er auf seine Stunde warten. Diese war gekommen, als Peter Steger, mein alter Freund und der gute Engel unserer partnerschaftlichen Beziehungen, die Idee hatte, die Erinnerungen von deutschen Soldaten zu sammeln und zu veröffentlichen, die ihre Gefangenschaft in Wladimirer Lagern verbrachten. Nach einer gewaltigen Arbeitsleistung gab er nach einiger Zeit durch, das Buch sei fertig, man könne es herausgeben. Da fragte ich, ob dort auch die Erinnerungen jener großartigen Troika aus dem Hospital für Kriegsgefangene in Kameschkowo zu finden sei. Mein Freund, der alle drei persönlich kennengelernt hatte, erwiderte betrübt, es sei ihm nicht gelungen, mit den dreien über jene Zeit zu sprechen. Zwei von ihnen, Martin Kade und Erwin Brenneke, waren bereits verstorben, und den dritten, Walter Kuhnert, habe er auch mit Hilfe der unterschiedlichsten Behörden und Instanzen nicht finden können. Und so kamen wir beide zu dem Schluß, das Buch könne ohne die Erinnerungen dieser drei Veteranen nicht als vollständig betrachtet werden und würde einen ganz entscheidenden Aspekt verlieren.

Ich suchte meinen alten Artikel hervor, beschloß, einige kleinere Veränderungen vorzunehmen, holte mir hierzu meine Dokumentenmappe, und da fiel mir doch glatt ein Briefumschlag von Martin Kade in die Hand, auf dessen Rückseite (da haben wir sie, die deutsche Genauigkeit) die Adressen der Troika standen. Jetzt mußte Peter Steger nur noch beim Einwohnermeldeamt nachfragen, wohin der ehemalige Kriegsgefangene umgezogen war, und wenig später saßen wir bereits bei Walter Kuhnert im Haus, wo er uns von seiner Zeit in Kameschkowo erzählte. Ich möchte nun aber von jener Begebenheit berichten, die mir so zu Herzen geht, von jener Begegnung mit den drei ehemaligen Kriegsgefangenen, den drei Freunden, den drei schweren Schicksalen.

Unter all den Ereignissen im Rahmen der Städtepartnerschaft nehmen diese ungewöhnlichen Begegnungen dank ihrem inneren Pathos einen ganz besonderen Platz ein. Diese Menschen singen nicht, schreiben keine Verse, leiten keine Betriebe, drehen keine Filme, sie gehören nicht zur offiziellen Delegation. Und dennoch sind es diese Menschen, die eine lebendige Brücke der Freundschaft und echter menschlicher Beziehungen bauen. Sie alle waren schon einmal in unserem Land, haben hier mehrere Jahre verbracht und sind mit großem zeitlichen Abstand erneut gekommen, um die Orte wiederzusehen, wo sie ihre Jugend erlebten. Diese Treffen hinterlassen unauslöschliche Spuren, denn es handelt sich um ehemalige Kriegsgefangene, die in Lagern der Region Wladimir interniert waren. Hervorheben möchte ich von all diesen Martin Kade, Erwin Brenneke und Walter Kuhnert, mit denen ich mich anfreundete, und von denen ich so viel Wichtiges und Interessantes erfuhr. Aber der Reihe nach!

Witalij Gurinowitsch, Martin Kade und Walter Kuhnert mit einer Stadtführerin vor der Mariä-Entschlafenskathedrale in Wladimir

Witalij Gurinowitsch, Wera Friedmann, Martin Kade und Walter Kuhnert vor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir

Martin und Walter kamen 1992 zurück, um ihr Lager zu suchen. Es gibt noch Bilder von diesem Besuch. Sie hatten sich damals von ihrer Touristengruppe in Moskau absentiert und waren mit dem Zug zunächst nach Wladimir und von hier aus nach Kameschkowo gefahren, in jene Kleinstadt in der Region Wladimir, wo sie von 1944 bis 1949 als Pflegekräfte im damaligen Spezialkrankenhaus für Kriegsgefangene arbeiteten. Nicht ganz sicher, was die Vorgänge im Perestroika-Land betraf, kleideten sie sich für alle Fälle „à la russe“ und trugen alte Juppen und auf dem Kopf eine Mütze mit Ohrenklappen. Walter hatte auf dem Arbat in Moskau sogar eine Armeemütze gekauft, während Martin sogar noch die Kopfbedeckung besaß und trug, die er aus der Gefangenschaft nach Hause gebracht hatte. In Kameschkowo empfing sie die Schuldirektorin, Wera Friedmann, mit der wir vom Museum schon lange in Verbindung standen, weil wir gerade dabei waren, Material für eine Ausstellung zum Thema „Geschichte der Kriegsgefangenschaft“ zu sammeln. Nach der Besichtigung der Schulgebäude, wo früher das Hospital untergebracht war, fuhren die beiden in Begleitung von Wera nach Wladimir, wo wir uns dann kennenlernten. Der dritte in diesem außergewöhnlichen Bunde war Erwin Brenneke, ein Arzt im Ruhestand, der ein Jahr später nach Wladimir und Kameschkowo kommen sollte.

Die Menschen in Kameschkowo arbeiteten während des Krieges fast alle in der Textilfabrik oder hatten in der einen oder anderen Weise mit diesem Betrieb zu tun. Zu Beginn des Krieges eröffnete man in dem Städtchen ein Hospital für verwundete Rotarmisten, wozu zwei nebeneinanderstehende Schulgebäude sowie der nahegelegene Klub jenseits des Platzes requiriert wurden. Ein Vorgang, wie er in fast allen Städten der Region Wladimir zu beobachten war, wo man in jener Zeit mehr als 80 Hospitäler einrichtete. Allein in Wladimir gab es deren 18. Alle Schulen und großen Verwaltungsgebäude in der Stadt wurden in Krankenhäuser umfunktioniert. Bei damals 60.000 Einwohnern wurden während der Kriegsjahre in Wladimir mehr als 240.000 Verwundete behandelt. Als die Schlachten 1942 an allen Fronten tobten, wurde die Order ausgegeben, wonach überall im Land ein Netz von Hospitälern speziell für Kriegsgefangene aufzubauen war. Ganz offenbar bereitete sich das sowjetische Oberkommando darauf vor, eine große Zahl von Gefangenen aufnehmen zu müssen. Dem Personal des Hospitals in Kameschkowo teilte man mit, es werde nun eingesetzt, um als spezialisiertes Hospital unter der Nummer 2989 Kriegsgefangene auf dem Gebiet der Regionen Wladimir und Iwanowo zu behandeln. Viele Ärzte wollten unter diesen Umständen nicht bleiben und baten um ihre Versetzung an die Front. Die Pflegekräfte und Krankenschwestern, die sich hauptsächlich aus der ansässigen Bevölkerung rekrutierten, erwarteten die Ankunft der Gefangenen.

Im weiteren möchte ich die Geschichte mit den Worten unserer drei Freunde erzählen, aber auch aus der Sichtweise derer, mit denen sie das Schicksal in dieser Kleinstadt hinter den Wäldern und Sümpfen in der russischen Provinz zusammengeführt hatte. Alle drei hatte man 1943 von Stalingrad aus ins Hospital nach Kameschkowo gebracht. Marin Kade und Erwin Brenneke hatten in jenem deutschen Lazarett Dienst geleistet, das man vollständig mit Ärzten und Pflegepersonal in das neugeschaffene Hospital umsiedelte. Erwin war Chirurg, mußte aber im Hospital als Pathologe und Anatom arbeiten, Martin war als Physiotherapeut eingesetzt, und Walter lag dort als Patient. Noch in Stalingrad hatten die drei, fast zwei Monate lang nach ihrer Gefangennahme, in Kellern zerstörter Häuser Unterschlupf gefunden, bis die strengen Fröste vorüber waren. Und das rettete ihnen das Leben. Doch Gefahren lauerten noch viele.

Erwin Brenneke traf also ein Jahr nach seinen Kameraden bei uns ein und sollte von da regelmäßig kommen. Sechs Besuche wurden es insgesamt und nicht nur für ein paar Tage. Nicht weniger als einen Monat verbrachte er bei der Familie der ehemaligen Krankenschwester Schura Krylowa. Unvergessen seine Begegnung mit den Krankenschwestern von einst im Jahr 1995! Gemeinsam mit dem Journalisten, Leonid Skakunow, und seinem Kameramann, Andrej Priwesenzew, vom Staatlichen Lokalsender drehten wir eine Reportage über Kriegsgefangene, und dieses Treffen mit den ehemaligen Krankenschwestern ist dort zu sehen. Was da alles an herzlichen Worten füreinander zu hören war. All die Erinnerungen an die deutschen und russischen Ärzte, an die Krankenschwestern, die in jener schweren Zeit zusammenarbeiteten. Erwin mußte zeitweise wieder für uns als Dolmetscher fungieren, denn er sprach wirklich noch sehr gut und rein Russisch. Nicht von ungefähr, denn er hatte die Sprache nicht nur in der Gefangenschaft gelernt, sondern später, auch noch im hohen Alter, sein Russisch immer weiter vervollkommnet. Mehrmals in der Woche lud er in das Altersheim, wo er lebte, russische Krankenschwestern, die aus Kasachstan stammten, zum Tee und zu Gesprächen ein.

Martin Kade

Martin Kade

Überhaupt war die Liebe zur russischen Sprache bei meiner ganzen Troika ausgesprochen groß. Auch Martin beherrschte das Russische nicht übel, noch besser aber sang er russische Lieder, von denen er eine ungeheure Zahl auswendig kannte. Ich konnte ihn auch einmal zu Hause in Gießen besuchen, und was mir als erstes ins Auge fiel, war die Fülle von Platten und Kassetten mit russischer Musik sowie eine sogar einem russischen Musikfreund zur Ehre gereichende Sammlung mit Liedermachern.

Im April 1995 eröffneten wir im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Kriegsendes im Erlanger Rathaus die von mir zusammengetragene Ausstellung „Erinnerung an die Gefangenschaft“ des Wladimir-Susdaler Landesmuseums, nach Kräften unterstützt vom Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen. Die Schau berichtete zum ersten Mal über jene Seiten unserer gemeinsamen Geschichte, über die man früher einfach nicht sprach. Und vielleicht zum ersten Mal überhaupt zeigte sich hier, daß unsere Völker im Grunde ein und dieselben Leiden zu durchleben hatten, von deren Verständnis auch unser weiteres gemeinsames Leben abhängt. Augenzeugen dieser Ereignisse, ehemalige Kriegsgefangene, kamen von überall her zur Ausstellungseröffnung, es herrschte eine großartige Stimmung, und meine Troika ließ die Vergangenheit hochleben. Ich komme nicht umhin, nochmals zu erwähnen, daß ohne Martin Kade, der Photos und Dokumente zur Verfügung stellte und bei der Suche nach anderen Gefangenen behilflich war, diese Ausstellung viel verloren hätte.

Wenn ich erwähnte, Martin habe viele russische Lieder auswendig gekannt, so gilt das in noch viel höherem Maße für Walter, der als Berufsmusiker eingezogen wurde. Er konnte auf allem Möglichen spielen, auf allem was Laute produziert. Und das Gedächtnis stand ihm ungeachtet des Alters noch immer zu Gebote. Ich kann ihn mir gar nicht ohne ein Instrument in den Händen vorstellen. Und so brachte er auch zu der Ausstellung ein ganz eigenwilliges Akkordeon mit, das er auf den Schultern trug. Und die ganze Troika stimmte, als wären die 50 Jahre gar nicht vergangen, vereint das Lied an:

На закате ходит парень
Возле дома моего,
Поморгает мне глазами
И не скажет ничего.
И кто его знает,
Зачем он моргает? Зачем он моргает? Зачем он моргает?

Walter Kuhnert

Walter Kuhnert

Dieses Lied war in den Kriegsjahren sehr populär. Wir, die russische Delegation, stimmten ein, doch zu unserem Leidwesen kamen wir nicht über die erste Strophe hinaus, während die Veteranen textsicher und vereint zu Ende sangen. Zu diesem Lied hatte Walter eine großartige Geschichte zu erzählen: Nach der Schließung des Hospitals 1949 schickte man ihn und Martin nach Saratow, wo sie an der Übergabe von Geräten und Material des Krankenhauses beteiligt waren, bevor sie die Heimfahrt antreten konnten.

In Saratow angekommen, mußten sie auf dem Perron des Bahnhofs eine Zeitlang warten. Walter trug, wie immer, ein Akkordeon auf den Schultern, und er begann zu spielen. Die Leute kamen näher, um zuzuhören. In der Menge war ein junges Mädchen, das ihn fragte, ob er nicht auch jenes Lied spielen könne, zu dem sie ihm die Melodie vorsang. Walter spielte es nach, das Mädchen fing zu singen an, und allen verschlug es die Sprache. Die junge Frau hatte eine ungewöhnliche Naturstimme, unglaublich schön, und je länger sie sang, desto mehr Menschen kamen hinzu. Sie sang noch einige weitere Lieder und schließlich noch einmal jenes besagte. Da pfiffen die auf den Gleisen stehenden Dampflokomotiven zusammen und mächtig zu den Schlußakkorden. Diese unvergleichliche Ovation erinnert Walter bis heute in allen Einzelheiten, ebenso wie den Text und die Melodie jenes Liedes.

Fortsetzung folgt.

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Alfred Trautner gehört zu den Kriegsveteranen, die den Krieg in ihrem Denken überwunden haben. Er ist einer von denen, die sagen, die Ereignisse in der Ukraine können nur von Menschen angezettelt und befeuert sein, die den Krieg nicht am eigenen Leib erlebt haben. Er hat die Trinksprüche mit seinen mittlerweile fast allen verstorbenen Altersgenossen immer mit dem Wunsch ausgebracht, es möge nie mehr Kriegsveteranen geben.

Alfred Trautner, 1942

Alfred Trautner, 1942

Und nie mehr Kriegsgefangene. Welch eine böse Wendung der geopolitischen Verwerfungen, daß es ausgerechnet zum 90. Geburtstag von Alfred Trautner wieder deutsche „Kriegsgefangene“ gibt, festgesetzt von prorussischen Desperados, die sich entweder der Unterstützung Moskaus sicher sind oder längst allen höheren Mächten verhöhnend den Stinkefinger zeigen. Asymmetrische Kriegsführung nennt man das neuerdings, was die Prolo-Partisanen da im Donbas auf ihrem abscheulichen Maskenball treiben.

Das Anwesen Trautner, 1966

Das Anwesen Trautner, 1966

Alfred Trautner weiß, was Krieg bedeutet. Nach dem Notabitur mußte er mit noch nicht 18 Jahren einrücken und kam an die Ostfront, um Leningrad zu belagern, die Stadt, um die kürzlich ein heftiger Streit entbrannt ist, als nämlich ein russischer Fernsehsender die Frage stellte, ob man nicht viele Menschenleben hätte retten können, wenn man die Verteidigung aufgegeben hätte, statt das vormalige Petrograd bzw. Petersburg unter unvorstellbaren Opfern 900 Tage lang zu verteidigen. Aber die Stadt an der Newa hatte für beide Diktatoren, Josef Stalin wie Adolf Hitler, die gleiche symbolische Bedeutung wie Stalingrad. Da gab es kein Nachgeben.

Leonid Skakunow, Alfred Trautner, Wolfgang und xxx Morell, Renate Winzen und Andrej Priwesenzew, 1994

Leonid Skakunow, Alfred Trautner, Wolfgang und Sigrid Morell, Renate Winzen und Andrej Priwesenzew, 1994

Hier geriet der Erlanger, der aus der Fränkischen Schweiz stammt und zusammen mit seiner Frau Christine in Erlangen einen Getränke- und Süßwarenhandel aufzog, in Gefangenschaft und wurde, verwundet, in das Lager Borowitschi gebracht. Was er da erlebte wird er nie vergessen: Eine russische Ärztin versteckte ihn vor einer Kommission, die befinden sollte, welche Kranken und Verletzten zu operieren waren. Alfred Trautners „Engel in Weiß“ hatte wohl Grund zur Annahme, die Visite würde anordnen, dem Gefangenen das Bein zu amputieren. Ausgerechnet ihm, dem passionierten Leichtathleten. Daß er heute – wenn auch altersbedingt beschwerlich – noch auf beiden Beinen durchs Leben geht, verdankt er dieser heldenmütigen Frau, die selbst ihren Mann an der Front verloren hatte und mit ihrer Entscheidung das eigene Leben riskierte. Es gehört zu den Tragödien des Kriegsveteranen, daß er seiner Retterin heute nicht mehr danken kann. Dabei hatte er doch alles versucht, sie wiederzufinden. Leonid Skakunow vom Wladimirer Fernsehen hatte sogar in dieser Sache einen Aufruf gesendet, Suchanfragen gingen an alle denkbar zuständigen Behörden. Vergebens.

Alfred Trautner, Leonid Chorjew und Julia Pitter

Alfred Trautner, Leonid Chorjew und Julia Pitter, 1995

Aber Alfred Trautner hat auf seine Weise gutgemacht, was ihm in Rußland an Gutem widerfahren. Wohl kaum jemand hat so viele Freunde wie er in Wladimir gefunden. Ob es nun Politiker, Wissenschaftler, Künstler oder seine Veteranen-Kameraden waren, er begrüßte sie alle in Erlangen, bewirtete die Gäste, besuchte die Veranstaltungen und organisierte selbst Treffen und Konzerte. Unermüdlich und unerschütterlich. Immer bemüht um das Gespräch, den Austausch, die Verständigung.

Alfred Trautners musikalische Freunde, Alexander Julinezkij und Walentin Petratschkow, Keller Bayerischer Hof, Advent 1998, mit Wolfgang Vogel, Gisela Niclas, Otto Seidl und Dietmar Hahlweg

Alfred Trautners musikalische Freunde, Alexander Julinezkij und Walentin Petratschkow, Keller Bayerischer Hof, Advent 1998, mit Wolfgang Vogel, Gisela Niclas, Otto Seidl und Dietmar Hahlweg

Des Jubilars besondere Liebe gilt freilich der russischen Folklore. Gleich in welcher Formation, ob nun Rus oder Wladimirez, ob die kammermusikalischen Ensembles um Igor Besotosnyj oder all die Chöre. Keinen Auftritt hat er je ausgelassen. Und im kleineren Kreis konnte es dann auch schon einmal passieren, daß er seine Mundharmonika zückte und die Melodien begleitete.

Hochzeit von Jelena Jewtjuchina mit Jewgenij Tschilimow, daneben mit Sonnenbrille Irina Chasowa, 2004

Hochzeit von Jelena Jewtjuchina mit Jewgenij Tschilimow, daneben mit Sonnenbrille Irina Chasowa, 2004

Bei seinen Besuchen in Wladimir – 1989 besuchte er die Partnerstadt zum ersten Mal im Rahmen einer Bürgerreise des Stadtverbands der Erlanger Kulturvereine – erwarb sich Alfred Trautner den Ehrentitel „Spion der Freundschaft“. Gleich mit wem er sprach oder an welcher Besichtigung er teilnahm, wollte er nämlich immer alles wissen und trug die gesammelten Erkenntnisse in eines seiner ungezählten Notiz- und Adressenbücher ein. Und dann all die Photos in all den Alben, all die an ihn gerichteten Briefe und Karten, deren Zahl nur noch übertroffen wird von all seinen eigenen – oft auch geldwerten – Sendungen nach Wladimir.

Alles Gute zum Geburtstag

Alles Gute zum Geburtstag

Lieber Alfred, alles Gute zum Geburtstag und спасибо für all das Gute, das Du getan hast. Dein Schaffen und Geben waren nicht vergebens. Bleib uns noch lange erhalten!

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Leonid Skakunow

Das Wladimirer Staatliche Lokalfernsehen erinnert heute an einen großen Journalisten, an Leonid Skakunow, der vor zehn Jahren verstorben ist und heute seinen 70. Geburtstag feiern würde. Der Moderator und Autor einer Vielzahl von Sendeformaten ist bis heute in seiner Heimatstadt unvergessen. In Erlangen wird sich kaum jemand an ihn erinnern, dabei war er es, der in den frühen 90er Jahren gemeinsam mit seinem Kameramann Andrej Perewezenzew wie kein anderer den Zuschauern in Wladimir die deutsche Partnerstadt näherbrachte. Ganze Serienstaffeln hat er gedreht über die Themen Landwirtschaft, Bildung, Umwelt, Politik, Stadtwerke, Kultur, Geschichte, immer nah an den Menschen dran, immer mit Tiefgang und Humor, immer mit der seltenen Gabe, die Menschen so sprechen zu lassen, daß sie von anderen verstanden werden. Bis nach Rothenburg und Jena führten die Exkursionen von Erlangen aus, Entdeckungsreisen für den Autor wie für die Zuschauer. Aber auch die Besucher von Erlangern in Wladimir, vor allem deren humanitäre Aktionen, begleitete er wohlwollend.  Die Partnerschaft hat den Reportagen Leonid Skakunows unendlich viel zu verdanken, denn in jener nun schon fernen Zeit der Post-Perestojka-Periode hatten nur wenige die Möglichkeit, sich mit Reisen ein eigenes Bild von den Deutschen zu machen. Leonid Skakunow zeigte dieses für viele noch unbekannte oder vorurteilsbelastete Volk mit kritischer Sympathie und leistete einen gewaltigen Beitrag zur Verständigung. Schade nur, daß er so früh gegangen ist, schade nur, daß es auf der deutschen Seite keinen Aufklärer wie ihn gab.

Auf dem Clip sind kurz im Interview zu sehen Rothenburgs Alt-Oberbürgermeister Herbert Hachtel und Erlangens damals noch fast jugendlicher Partnerschaftsbeauftragter, Peter Steger: http://www.vladtv.ru/#/society/21844/

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Mariä-Entschlafens-Kirche in Moschok

Die 1000-Seelen-Gemeinde Moschok, hinter Sudogda in Richtung Murom gelegen, gute 70 km von Wladimir entfernt,  sucht man vergeblich auf den Spickzetteln der Fremdenführer. Dabei hätte der Ort, im 16. und 17. Jahrhundert Sitz des von Iwan dem Schrecklichen protegierten Fürstengeschlechts der Worotynskijs für den geschichtlich interessierten Reisenden einiges zu bieten. Einiges, für das die Moschoker Bürger 1980 sogar der lokalen Sowjetmacht mutig die Stirn boten, als die Kommunisten die bereits 1960 entweihte Mariä-Entschlafens-Kirche sprengen wollten. Ein Akt zivilen Ungehorsams, der noch heute höchsten Respekt abnötigt, zumal längst nicht überall im weiten Rußland das Gottesvolk so unbeirrt für seine Kirchen aufstand. Vielleicht stand ihnen damals ja eine Kopie der Gottesmutter von Bogoljubowo bei, von der gestern hier die Rede war. Als nämlich Moschok von einer Cholera-Epidemie heimgesucht wurde, schickte man nach Bogoljubowo, um eine Kopie der wundertätigen Ikone anzufertigen. Und siehe da, die Seuche verschwand mit dem Eintreffen des Heiligenbildes. Bis heute finden hier deshalb im Juli Dank-Prozessionen für die Muttergottes von Bogoljubowo statt. 1980 renovierte man die Kirche übrigens sogar, und seit 1991 wird in ihr wieder Gottesdienst gefeiert.

In Feierlaune freilich ist derzeit kaum jemand in Moschok, und auch zu Dankprozessionen ist niemand aufgelegt, denn die neue Hackschnitzelanlage bereitet allen nur Kummer: Anstelle der versprochenen Heizkostensenkungen kommt es zu sprunghaften Steigerungen, anstelle warmer Wohnungen bringen die Leitungen nicht genug Temperatur in die Häuser, und ein Kindergarten mußte schon vor zwei Wochen geschlossen werden. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Mitte der 90er Jahre war der leider viel zu früh verstorbene Chefredakteur des Wladimirer Lokalfernsehens, Leonid Skakunow, auf Einladung des damaligen technischen Vorstands der Erlanger Stadtwerke AG, Rolf Wurzschmitt, nach Franken gekommen, um sich über die seinerzeit auch hierzulande noch eher exotisch anmutenden alternativen und regenerativen Möglichkeiten der Energiegewinnung zu informieren. Auf dem Programm des Journalisten, der mit seinem Kameramann, Andrej Priwesenzew, gekommen war, stand deshalb u.a. die Besichtigung einer der ersten Hackschnitzelanlagen in Franken. Die Reportage wurde mit großem Erfolg in der ganzen Region Wladimir ausgestraht und fiel auf fruchtbaren Boden, auf dem ja so viel ungenutzte Biomasse wächst. Warum die nicht selbst verwenden, statt sie entweder verrotten zu lassen oder als Rohprodukt ins Ausland zu liefern? Es entstand die Idee, in Moschok eine Pilotanlage zu bauen und alle Skeptiker vom Nutzen dieser Technik zu überzeugen, die andernorts und hierzulande (man denke nur an die Franken-Therme in Bad Windsheim) mit großem Erfolg zum Einsatz kommt.

Doch es sollte anders kommen in Moschok. Vor zwei Jahren, als die Anlage nach langer Bauzeit endlich ans Fernwärmenetz ging, hieß es, die Heizkosten würden sinken, und die lagen denn auch bis Oktober tatsächlich bei sehr moderaten 29 Rbl. pro Quadratmeter Wohnfläche und Monat. Doch dann übernahmen neue Betreiber das Werk, stellten fest, die Tarife seien künstlich niedrig gehalten und erhöhten die Gebühren im November vergangenen Jahres auf 58 Rubel. Da ist man mit einer Dreizimmerwohnung schnell bei 5.000 Rbl. allein für die Heizung. Für Rentner mit einem Einkommen von 4.000 Rbl. schlichtweg unbezahlbar. Die Kritiker des Vorhabens, die schon vor Jahren gewarnt hatten, die ganze Sache werde sich nicht rechnen und die 20 Mio. Rbl. Baukosten lieber in einen Gasanschluß für ihre Gemeinde gesteckt hätten, scheinen nun bestätigt zu werden. Warum aber nur sind die Betriebskosten mit Holzabfällen plötzlich doppelt so teuer wie fossile Brennstoffe?

Schuld daran, so die Betreiber, trage die Krise. Früher hätte man die Späne und Hackschnitzel kostenlos von den Sägereien erhalten. Doch die stehen nun zum großen Teil still. Außerdem ist die Technik anspruchsvoll. Das meist feuchte Material muß getrocknet, sortiert und zu Pellets gepreßt werden, aufwendig und kostspielig. 90 m³ Biomasse braucht man zur Beheizung des Ortes, eine Menge, die drei LKW-Ladungen entspricht. Und just auf LKWs muß das Heizmaterial nun angeliefert werden, aus Kowrow, Gus-Chrustalnyj, Seliwanowo, von weit her also, weil die heimischen Ressourcen nicht mehr ausreichen. Und diese Transportkosten schlagen ebenfalls zu Buche.

Bei anhaltendem Dauerfrost um – 20° C und darunter wird es in den Häusern von Moschok nicht wärmer als + 13° C, und der Chefingenieur des Heizkraftwerks, Alexander Nikitin, muß zugeben, die Anlage sei nicht für den russischen Winter ausgelegt: „Die Idee war ja gar nicht schlecht, so eine Anlage zu bauen. Aber bei niedrigen Temperaturen bringt sie nicht die notwendige Leistung.“

Eine klassische Fehlleistung also, die wieder einmal Wiktor Tschernomyrdin, unter Boris Jelzin Ministerpräsident, Recht gibt, der das so traurig-treffende Bonmot geprägt hat: „Wir wollten nur das Beste, aber es wurde wieder so wie immer.“ Schade um die gute Idee, nachwachsende Rohstoffe zu nutzen, die nun für lange Zeit zumindest in der Region Wladimir diskreditiert sein wird, schade vor allem aber um die Menschen, die enttäuscht wurden und nun ihr Recht auf Wärme zu bezahlbaren Preisen bei der Staatsanwaltschaft einklagen müssen. Die Stimmung ist jedenfalls auf dem Nullpunkt in Moschok.

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