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Posts Tagged ‘Leibeigenschaft Rußland’


Die Leibeigenschaft gehört zu den schweren Kapiteln der russischen Geschichte. Ausgerechnet unter der aufgeklärten Zarin Katharina I aus dem Fürstentum Anhalt-Zerbst nahm diese Art des Frondienstes besonders grausame Züge an, die Entrechtung der Bauern, die von ihren Gutsherren oft als Pfand bei Glücksspielen eingesetzt oder gegen Windhunde eingetauscht wurden, nahm oft skandalöse Ausmaße an und unterschied sich wohl nur noch formell von der Sklaverei mit ihrem – vor allem in der Neuen Welt – rassistischen Merkmal. Das Russische Reich schaffte unter Zar Alexander II die Leibeigenschaft als letzter Staat Europas im Jahre 1861 ab, immerhin aber noch vier Jahre vor der Aufhebung der Sklaverei in den USA.

Sergej Korowin: Vor der Auspeitschung

Nun lenkt der Wladimirer Journalist, Dmitrij Artjuch, die Aufmerksamkeit auf einige besonders unbarmherzige Fälle der Leibeigenschaft in seiner Heimatstadt, wo es vor 160 Jahren, also sozusagen am Vorabend der Bauernbefreiung, noch einmal zu unglaublichen Exzessen vor allem eines Großgrundbesitzers mit Namen Iwan Sadajewo-Kaschanskij kam. Für „rotzfreche Vergehen und nichthinnehmbares Verhalten“ schickte er ganze Familien – er hatte ja die Gerichtsbarkeit über seine Seelen inne – nach Sibirien. Dabei hatten sie sich nur geweigert, dem Befehl zu folgen, in andere Dörfer umzuziehen und dort wesentlich unfruchtbarerer Böden zu bestellen, also unter erschwerten Bedingungen die Fron zu erwirtschaften. Den weiten Weg bis Tobolsk, den Verbannungsort, mußten die Männer in Gewaltmärschen in Fußschellen, die Frauen und Kinder unter strenger Aufsicht zurücklegen, andere zwang man als Rekruten in die Armee. Vorher aber noch bekamen die „aufsässigen Bauern“ noch die Rute zu spüren. In einem seiner Dörfer hatte der Grundherr einen „Strafraum“ eingerichtet, wo die Züchtigungen vorgenommen wurden. Es heißt, die Wände seien dort rot vom Blut der Malträtierten gewesen.

Der Ukas von Zar Alexander II zur Abschaffung der Leibeigenschaft

Doch die Geschichte nimmt einen tröstlichen Ausgang. 70 Bauern im Besitz der Familie Sadajewo-Koschanskij machten sich nach Wladimir auf, um sich über die Willkür ihres Gutsherrn zu beschweren. So kurz vor der Abschaffung der Leibeigenschaft nahmen die Behörden die Klage ernst, reichten die Eingabe weiter an den Hof nach Sankt Petersburg, und dort erging am 27. Juli 1858 der Ukas des Zaren, Iwan Sadajewo-Koschanskij seines Postens als Vorsitzender des Adelsrats der Wladimirer Kreisstadt Sudogda zu entheben und die Güter seiner Familie unter die Kontrolle des Staates zu stellen. Mehr noch, die Familie mußte in ihrem Anwesen in Wladimir bleiben und durfte nicht mehr auf ihre Güter zurück und dort Bauern zur eigenen Bedienung anstellen oder auch nur Anstalten machen, sich neue Leibeigene zu erwerben. Und die Verbannten? Sie waren mittlerweile schon in Perm angekommen und brauchten nun nicht weiter bis nach Sibirien ziehen. In ihre Dörfer um Wladimir kehrten sie zwar nicht zurück, aber immerhin siedelte man sie auf Staatsgütern im Gouvernement Kurgan im Ural an, wo sich ihre Spuren verlieren, wo sie aber hoffentlich ein erträgliches Auskommen fanden.

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Heute vor 150 Jahren wurde in Rußland die Leibeigenschaft abgeschafft, fast zwei Generationen später als im übrigen Europa. Die Reformen unter Zar Alexander II, den man im Volk daraufhin den „Befreier“ nannte, kamen freilich nicht ganz freiwillig. Immer wieder war es zu Erhebungen gekommen, besonders während des Krimkrieges, und allmählich dämmerte es auch dem uneinsichtigsten Gutsbesitzer, daß die überkommene Wirtschaftsweise wenig effektiv war. Hinzu kam die Nachfrage nach Arbeitskräften für die sich in Rußland erst spät entwickelnde Industrie.

Alexander II und sein Erlaß

Die Chronologie der Leibeigenschaft liest sich wie ein Lehrbuch für konsequent vorangetriebene Entrechtung. Auch wenn man es damals nicht so nannte, so waren die Bauern doch schon in der Zeit der Großfürsten nicht viel mehr als Verfügungsmasse der adligen Landesherren, sprich der Fürsten und Großfürsten, später der Grafen und aller Spielarten des „edlen Standes“. Schon 1497 wurde ein frühes Recht eingeschränkt und 1581 sogar gänzlich abgeschafft: Am Georgstag, also am 26. November nach dem Julianischen Kalender, der ja in Rußland bis 1918 gilt und in der othodoxen Kirche bis heute verwendet wird, durften die Bauern in einer Frist von zwei Wochen alljährlich ihren Besitzer auf eigenen Wunsch wechseln. Bis heute erinnert sich der Volksmund mit dem Sprichwort „Da hast du, Großmutter, den Georgstag“, vergleichbar in etwa mit unserem „Da haben wir den Salat“. 1597 dann erhielt der Gutsbesitzer das Recht, entlaufene Bauern in einer Fünfjahresfrist zu suchen und zurückzuholen, ein Recht, das schon eine Dekade später auf 15 Jahre und 1649 auf Lebenszeit ausgedehnt wurde. Ausgerechnet Peter „der Große“ verschärfte die Bindung der Scholle weiter nach westlichem Vorbild, und die Deutsche, Katharina I nahm den Leibeigenen 1776 das Recht, sich über ihre Herren zu beschweren; mehr noch, die Bauern, euphemistisch „Seelen“ genannt, konnten schon vor ihrer Thronbesteigung von dem Besitzer ab 1747 frei verkauft, seit 1760 nach Sibirien verbannt und fünf Jahre später sogar zur Zwangsarbeit abgestellt werden. Das literarische Sittengemälde dieser gesellschaftlichen Unsitte findet man – dringend ans Herz gelegt – in Nikolaj Gogols satirischen „Toten Seelen“, aber auch in Iwan Gontscharows „Oblomow“, ebenfalls ein belletristischer Hochgenuß. 

Bauernbefreiung in St. Petersburg

Noch 1858 war jeder zweite Einwohner im Gouvernement Wladimir Leibeigener, wobei die Frauen, die den Stand weitervererbten, stärker vertreten waren. Eine Ausstellung im Wladimirer Landesmuseum zeigt dazu jetzt historische Dokumente. Aus denen geht hervor, daß es auch im Wladimirer Land schon vor der Befreiung Proteste gegen das Joch gab und sei es nur durch Arbeitsverweigerung oder verspätete Abgabe des Zinses. Deshalb wandte sich bereits 1861 die Adelsversammlung des Gouvernements Wladimir an das Innenministerium mit der Bitte zu erklären, ob denn nun eine Reform, sprich die Befreiung der Bauern, bevorstehe oder nicht und was in diesem oder jenem Fall zu tun sei.

Alexander II

Zar Alexander II wollte nicht mehr warten, bis sich die Leibeigenschaft kraft Selbstauflösung erübrigte. Die Antwort aus St. Petersburg, der damaligen Hauptstadt, war denn auch eindeutig: „Es ist besser, die Leibeigenschaft von oben her abzuschaffen, denn zu warten, bis sie sich von unten her selbst zerstört. Ich bitte Euch deshalb, verehrte Herren, darüber nachzusinnen, wie all dies zur Ausführung zu bringen sei. Ich bitte darum, meine Worte den Adligen zu übermitteln, auf daß sie diese bedenken.“ Die Wladimirer Adligen freilich waren alles andere als amüsiert oder gar gewillt, ihre Herrschaftsrechte aufzugeben, was ihnen schließlich den Tadel des Selbstherrschers eintrug, der am 19. Februar 1861 im Beisein von Zeugen den Ukas zur Befreiung der Bauern unterzeichnete. Eine Kopie des Dokuments traf am 6. März in Wladimir ein, wo der Erlaß in der dem hl. Georg geweihten Seitenkapelle der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale verlesen wurde. Eine Viertelstunde lang tönten darauf die Glocken des Doms.

Russische Bauern, Ende 19. Jhd.

Aber die Befreiung war nicht ohne Tücken: Die Leibeigenen hatten kein Land, kein Geld, sich welches zu kaufen, blieben noch Jahrzehnte in der Abhängigkeit von ihren früheren Herren, wurden bewußt im unklaren darüber gehalten, welche Rechte sie hatten und sahen sich schon bald von Sozialrevolutionären und später den Bolschewisten umworben, um dann erst recht unter der Losung der Kollektivierung wieder versklavt und im Falle der sogenannten Kulaken, also selbständig arbeitenden „Großbauern“, regelrecht ausgerottet zu werden. Nirgendwo auf der Welt hat man dem Bauernstand so zugesetzt wie in Rußland, nirgendwo hat der Begriff „Bauernopfer“ eine traurigere Berechtigung, ein Umstand dessen Nachwehen noch heute in der russischen Landwirtschaft zu spüren sind.

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