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Posts Tagged ‘Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa FAU’


Kaum ein Projekt entwickelt sich derart erfolgreich und, um einen Begriff aus der Thematik des gegenwärtigen Treffens zu verwenden, nachhaltig wie das Gesprächsforum Prisma, das sich seit Dienstag den Fragen des Umwelt- und Naturschutzes mit Schwerpunkt Vermeidung, Entsorgung und Wiederverwertung von Müll widmet. Nicht auf Expertenebene, sondern unter dem Blickwinkel des Zusammenspiels von Politik, Behörden und Zivilgesellschaft.

Wjatscheslaw Kartuchin, Gerda-Marie Reitzenstein, Jürgen Schnieber, Schamil Chabibullin, Olga Kanischtschewa und Anatolij Kurganskij

Am Montag eingetroffen, besuchten die Gäste, begleitet vom Prisma-Mitglied Gerda-Marie Reitzenstein, zunächst die Müllumladestation mit all den verschiedenen Fraktionen, die vorab getrennt werden, so daß am Ende in Erlangen gerade einmal noch 30% als Restmüll verbleibt, der per Bahn nach Bamberg und Coburg in die Verbrennungsanlagen geht.

Anatolij Kurganskij, Wjatscheslaw Kartuchin, Olga Kanischtschewa, Gerda-Marie Reitzenstein und Schamil Chabibullin

Inhaltlich vorbereitet hatten die Thematik bereits im April die beiden Journalistinnen Karina Romanowa und Julia Kusnezowa, die nach ihrem Besuch in Erlangen zusammen mit Wjatscheslaw Kartuchin, dem Leiter der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft, eine regelrechte Informationskampagne buchstäblich auf allen Kanälen starteten und in der Öffentlichkeit wie in der Politik demonstrierten, wie Abfallfragen in der deutschen Partnerstadt behandelt werden.

Treffen mit Ulrich Klement, zweiter von links

Einige der Stationen kannte Wjatscheslaw Kartuchin deshalb bereits, andere, wie die Biogasanlage in Strullendorf, wo auch Abfälle aus Erlangen in einem etwa siebzigtägigen Prozeß fermentiert werden, waren ihm ebenso neu wie seinem Kollegen, dem Abgeordneten der Regionalduma Wladimir, Schamil Chabibullin, oder Olga Kanischtschewa, der Chefökologin der Region Wladimir, und Anatolij Kurganskij, Kreisrat von Kameschkowo, unweit von der Partnerstadt gelegen. Und noch niemand von der Vierergruppe war bisher schon einmal am Dechsendorfer Weiher, wo es dann sogar noch ein zufälliges Treffen mit Ulrich Klement, Leiter des Sportamts, gab, der auch für Unterhalt und Pflege der beiden Schwimmbäder dort verantwortlich zeichnet.

Anatolij Kurganskij, Elisabeth Preuß, Georg Hollfelder, Schamil Chabibullin, Manfred Eichhorn, Gerda-Marie Reitzenstein, Wjatscheslaw Kartuchin, Julia Obertreis und Olga Kanischtschewa

Auf dem Weg in Richtung Bamberg vervollständigte sich schließlich die Gruppe: Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Julia Obertreis, Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der FAU, stießen dazu und ließen sich ebenfalls über Vergärung und später, in Bamberg, Verbrennung von Abfällen informieren.

Im Müllheizkraftwerk Bamberg: Schamil Chabibullin, Anatolij Kurganskij, Gerda-Marie Reitzenstein, Wjatscheslaw Kartuchin, Elisabeth Preuß, Arnd Externbrink, Olga Kanischtschewa und Julia Obertreis

Nach all dem praktischen Anschauungsobjekten folgte dann gestern unter dem Vorsitz von Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens der theoretische Teil des Treffens im Erlanger Rathaus mit Fachleuten aus dem Umwelt- und Abfallbereich.

Prisma im Plenum

Julia Obertreis stellte die Geschichte der Ökobewegung in BRD wie DDR ab den 70er Jahren vor und erklärte, wie es zur Gründung der Grünen kam, während Susanne Lender-Cassens erläuterte, welche Rolle in Erlangen die Umweltfragen spielen und was vor allem unternommen wird, um Müll zu vermeiden und wiederzuverwerten.

Julia Obertreis, Susanne Lender-Cassens, Wjatscheslaw Kartuchin, Olga Kanischtschewa, Anatolij Kurganskij und Schamil Chabibullin

Anna Barth vom Jugendparlament berichtete von den Umweltinitiativen der Jugendlichen und natürlich von Fridays for Future, dies Klimabewegung von Schülern, die in Rußland noch völlig unbekannt ist und wohl auch nicht die Ausmaße annehmen dürfte wie etwa in Deutschland, denn, so Olgan Kanischtschewa, man habe nicht nur Schulpflicht, sondern lege in den Klassen auch viel Wert auf Umweltbildung. Außerdem bestehe für alle die Möglichkeit, sich in zivilgesellschaftlichen Kammern und Beiräten zu engagieren und so auch Umweltthemen voranzubringen. In Wladimir schon lange ein wichtiges Thema, auch daran abzulesen, daß man 12% der Fläche des Gouvernements unter Natur- und Landschaftsschutz gestellt habe, während diese Kennziffer in den Nachbarregionen bei gerade einmal 8% liege.

Im Bereich Umwelterziehung – das stellte sich dann auch beim Vortrag von Regina Meinardus heraus – gibt es sicher die größten Übereinstimmungen, und da stieß denn der Vorschlag von Wjatscheslaw Kartuchin auf großes Interesse, einen gemeinsamen Umweltpreis für Jugendliche auszuloben oder zumindest ein Projekt der Partnerstädte im Bereich der Öko-Pädagogik zu starten.

Gruppenbild mit Bezirksrätin Maria Scherrers, vierte von rechts und mit Oxana Kirej, die mit ihrem Nachwuchsteam vom Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde wieder famos für die Verständigung sorgte

Heute stehen noch einige Termine auf dem Programm, vor allem die Besichtigung des Klärwerks, aber fest steht schon jetzt: Wladimir will eine Fachgruppe zu dem Thema Müll einladen, um mit dem Expertenteam ein für die Region geeignetes Konzept zu erarbeiten, und die nächste Prisma-Begegnung, möglichst noch in diesem Jahr, soll die zivilgesellschaftlichen Komponenten dieser Frage weiter vertiefen: Wie können Vereine und Verbände, Ehrenamtliche und Organisationen ihren Beitrag zur Müll-Problematik leisten?

Schamil Chabibullin, Wjatscheslaw Kartuchin, Susanne Lender-Cassens, Anatolij Kurganskij, Olga Kanischtschewa und Wolfgang Niclas

„Wir haben wieder viel voneinander gelernt“, resümierte Susanne Lender-Cassens gestern abend bereits, „und wir haben von viel gemeinsam vor. Ich freue mich darauf!“

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Rechtschaffen müde traf die fünfköpfige Forschungsgruppe um Jewgenij Arinin, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie an der Universität Wladimir, gestern gleich nach der langen Reise – um kurz nach Mitternacht waren sie aufgebrochen – am frühen Abend bei der Professorin für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas, Julia Obertreis, ein und kamen rasch zum Objekt ihrer wissenschaftlichen Analyse. Anhand eines zusammen mit der Erlanger Seite ausgearbeiteten vierseitigen Fragebogens sollen unter religionswissenschaftlichen und soziologischen Aspekten deutsche und russische Jugendliche Auskunft über ihre Haltung zum Glauben geben. So ungleich bisher noch die Datenlage – ca. 500 Respondenten in Wladimir stehen bis dato erst gut 50 Befragte in Erlangen gegenüber -, so anders auch die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen: Erste Ergebnisse deuten wohl auf ein komplexeres Verständnis der deutschen Teilnehmer an der Umfrage hin. Ob sich diese erste Analyse erhärtet, kann aber nur eine Erweiterung des Kreises bestätigen. Deshalb auch die Bitte der Gäste, diese in deutscher Sprache vorliegenden Fragebögen möglichst breit an der Friedrich-Alexander-Universität zu streuen. Denkbar wäre aber auch die Einbeziehung der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Otto-Friedrich-Universität Bamberg mit ihren Instituten für Slawistik und Theologie. Eines aber, so der Soziologe Dmitrij Petrosjan, lasse sich aber jetzt schon konstatieren:

Zwei Drittel bezeichnen sich zwar als gläubig, aber wenn es ans Eingemachte geht und nach Glaubensinhalten und die Ausübung des Glaubens gefragt wird, kommen wir rasch in den einstelligen Bereich, bei etwa fünf Prozent, die tatsächlich auch zumindest an Feiertagen den Gottesdienst besuchen. Eine Zahl, die übrigens auch die Statistik der Polizei bestätigt, die gerade zu Weihnachten und Ostern zu deren Schutz Schätzungen der Kirchgänger vornimmt.

Natalia Markowa, Witalij Galkin, Dmitrij Petrosjan, Julia Obertreis, Iwan Wikulow und Jewgenij Arinin

Ansonsten freuen sich die Gäste darauf, noch bis Dienstag ohne jede Ablenkung durch Anrufe und administrative Aufgaben am Lehrstuhl für Religions- und Missionswissenschaften sowie vor allem in der Synodalbibliothek mit ihren mehr als 6000 Bänden in russischer und kirchenslawischer Sprache aus allen theologischen Disziplinen zu lesen und zu exzerpieren. Das, so Jewgenij Arinin, könne man in Erlangen wesentlich unkomplizierter als im viel näheren Moskau. Was man dort erst langwierig bestellen müsse, hole man sich hier zur Lektüre oder Kopie einfach aus dem Regal.

Julia Obertreis auf der Weihnachtsfeier mit den Gästen aus Wladimir

Aber auch die Wissenschaft lebt nicht vom Buch allein. Nach dem zweistündigen Gespräch über Möglichkeiten einer Zusammenarbeit wartet Kommunalka, der vor zwei Jahren während der Wladimir-Exkursion ins Leben gerufene studentische Kreis für osteuropäische Kultur, mit einer vielfältigen Bewirtung auf, vom Hering im Mantel über den Vinaigrette-Salat bis hin zu polnischen Bonbons. Einen besseren Auftakt kann man sich kaum vorstellen.

Zum Thema siehe auch: https://is.gd/kTaCd8

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Seit die Slawistik an der Friedrich-Alexander-Universität vor zehn Jahren aufgelöst und nach Bamberg verlegt wurde, fehlt dem wissenschaftlichen Austausch zwischen Erlangen und Wladimir eine wesentliche Komponente. Umso erfreulicher, wenn nun schon seit 2016 Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas, Kontakte zur Staatlichen Stoletow-Universität pflegt. Hier nun ihr Bericht über ihren mittlerweile schon dritten Besuch an der Partnerhochschule.

Am 7. November traf die Professorin den Rektor der Universität, Ansor Saralidse, sowie ihre Historikerkollegin, Jelena Petrowitschewa, Leiterin des Lehrstuhls für Geschichte Russlands, zu einem Meinungsaustausch. Der Rektor kennt Deutschland auch von privaten Reisen recht gut und betonte im Gespräch, die internationale Vernetzung sei ihm ein wichtiges Anliegen. Auch die neueste Monographie, von der die Besucherin ein Exemplar für die Universitätsbibliothek mitgebracht hatte, nahm er mit großem Interesse zur Kenntnis.

Anschließend fand ein Gespräch mit Doktoranden und Magistranden des Lehrstuhls von Prof. Petrowitschewa statt, die sich unter anderem für Karrierewege und die Wahl von Forschungsthemen an deutschen Universitäten und die Struktur der Studiengänge an der FAU interessierten. Man war hier sehr erstaunt zu hören, ein Lehrstuhl im Fach Geschichte in Deutschland bestehe häufig nur aus zwei Stellen, der Professur  und einer Assistenz. Denn hier haben die Lehrstühle bis zu 20 und mehr Mitarbeiter und ein sehr breites inhaltliches Profil, das im Falle von Prof. Petrowitschewa die gesamte Geschichte des Landes inklusive der Regionalgeschichte abdeckt. Auch eine Vertreterin der Abteilung für internationale Beziehungen der Universität, Nadeschda Troschtschina, war zugegen und wies auf die bereits bestehenden Austauschmaßnahmen für Studierende und Dozenten hin. Sie ermunterte die anwesenden Mitarbeiter, diese aktiver zu nutzen; unter anderem werden dreimonatige Forschungsaufenthalte an deutschen Universitäten vom Deutschen Akademischen Austauschdienst finanziert, und das ist doch eine große Chance, auch wenn man sich dafür – was vielen offenbar schwerfällt – für drei Monate von der Familie entfernt.

Ansor Saralidse, Jelena Petrowitschewa und Julia Obertreis

Um 12.00 Uhr präsentierte Prof. Obertreis in einem modernen Hörsaal einem größeren Publikum aus Studenten und Doktoranden der Geschichte ihre im letzten Jahr in englischer Sprache erschienene, auf langjähriger Forschung basierende Monographie über Baumwollanbau und die Modernisierung der Bewässerung in Zentralasien unter russisch-sowjetischer Herrschaft („Imperial Desert Dreams. Cotton Growing and Irrigation in Central Asia, 1860-1991“). Die Rückmeldungen dazu zeigten, wie groß das Interesse an der hierzulande noch recht neuen Forschungsrichtung Umweltgeschichte ist. Die Erlanger Wissenschaftlerin sagte deshalb zu, dazu einen Beitrag für die Universitätszeitschrift im Bereich Geisteswissenschaften (Vestnik VlGU – Social’nye i gumanitarnye nauki) zu schreiben.

Julia Obertreis mit Auditorium

Am Nachmittag traf sich Julia Obertreis mit ihrer Professorenkollegin, Irina Lapschina, Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte, das heißt vor allem Geschichte des Westens, hier mit einem Schwerpunkt auf den USA im 20. Jahrhundert. Auch hier gab es, in weniger formeller Atmosphäre, einen Austausch mit Doktoranden und Mitarbeitern und viel Interesse an der Forschung des Gastes sowie an neuesten Entwicklungen an deutschen Universitäten. Auch politische aktuelle Themen kamen zur Sprache, etwa der Aufstieg der AfD und die aktuellen persönlichen und beruflichen Beziehungen der Mitarbeiter zur Ukraine, die sich erfreulicherweise nicht verschlechtert zu haben scheinen.

Der Nachmittag endete mit einem schönen Spaziergang auf der Spasskaja-Straße, einem Besuch in einem sehr gemütlichen Bücher-Antiquariat („Bukinist“) sowie einem georgischen Abendessen im Chinkali-Haus (Хинькальный Дом). Wie so oft entstehen die besten Ideen im ungezwungenen Austausch: Für nächstes Jahr wurde vereinbart, eine zweite studentische Video-Konferenz zu veranstalten, diesmal zum Thema Rivalität im Kosmos („Space Race“) im Kontext des Kalten Krieges – ein Thema, das mit Jurij Gagarin, dem Sputnik-Schock und der ersten Mondlandung 1969 auf großes Interesse der Studierenden auf beiden Seiten stoßen wird.

Julia Obertreis

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So gut sie inhaltlich vorbereitet war, so gut ist sie auch technisch – abgesehen von anfänglichen Störgeräuschen durch falsch positionierte Mikrophone –  gestern im Universitätsgebäude der Friedrich-Alexander-Universität in der Kochstraße 4 gelungen, die erste Videokonferenz zwischen Erlangen und Wladimir. Von 9.00 Uhr bis 11.45 Uhr tauschte man Kurzvorträge zum Thema „100 Jahre Russische Revolution – Deutsche und russische Perspektiven“ aus und vertiefte anschließend den vielfältigen Stoff in der Diskussion.

Die Initiative zu dieser Premiere ging von der russischen Seite aus, die sich auf dem Bildschirm auch in beeindruckender Aufstellung präsentierte. Irina Lapschina, Leiterin der Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte und habilitierte Historikerin, moderierte im sich rasch einspielenden Tandem mit Moritz Florin, ihrem Erlanger promovierten Kollegen vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas, die Runde mit den abgesprochenen Themenblöcken.

Als Arbeitssprache hatte man Englisch gewählt, da auf Seiten Erlangens nicht alle über ausreichend Russischkenntnisse verfügten. Desto erstaunlicher der Vortrag von Alexej Andrianow auf Deutsch, wenn man einmal absieht vom flüssig-gewandten Wechsel zwischen allen drei Sprachen, den Moritz Florin an den Tag legte, oder vom gepflegten Russisch des Muttersprachlers Igor Biberman.

Wladimir zwischen Moskau und Gorkij

Das „mächtige Häuflein“ in Erlangen hatte sich gut vorbereitet mit einer Landkarte der Sowjetunion aus dem Jahr 1961, behängt mit Artikeln und Publikationen zum Thema, sowie einem kleinen Büchertisch, Zeugnisse einer intensiven Auseinandersetzung der deutschen Öffentlichkeit mit der Oktoberrevolution. Nicht von ungefähr zeigte man diese „Leistungsschau“, denn allgemein herrscht der Eindruck vor, die russische Politik, Wissenschaft und Medienwelt habe dem Jahrhundertereignis eher stiefmütterliches Interesse entgegengebracht. Ob dem auch wirklich so sei, sollte schließlich zu einem der Leitmotive der Konferenz werden.

Klaus Dyroff grüßt Wladimir

Von Nikolaj Karamsin, dem Vater der russischen Geschichtsschreibung stammt der Satz „Das Volk ist ein scharfes Eisen, mit dem zu spielen gefährlich ist, und die Revolution ist ein offener Sarg für die Tugend ebenso wie für die Missetat.“ Er hatte die Französische Revolution vor Augen, aber gültig ist sein Aphorismus sicher nicht minder für das, was im Oktober/November vor 100 Jahren in Petrograd seinen blutigen Anfang nahm.

Heute, so Irina Lapschina in ihrer Einführung, sei die Bevölkerung in der Beurteilung der Ereignisse – ob Revolution oder Staatsstreich – geteilter Meinung: 46:46 stehen sich mit einer positiven bzw. negativen Haltung gegenüber. Und die Historiker hier wie dort? Das auszudiskutieren, genügen natürlich auch drei Stunden nicht, aber ein guter Anfang ist gemacht.

Moritz Florin im Dialog mit Irina Lapschina

Immerhin gelang es, in zwölf Blöcken im Wechsel neue Ansätze des Verständnisses und der Interpretation vorzustellen, weg von Sozialgeschichte, wie sie in der UdSSR vorherrschte, hin zu einer stärker subjektiven Wahrnehmung etwa in Karl Schlögels neuer Monographie „Das sowjetische Jahrhundert“, in neuen Bewertungen der Revolution durch zeitgenössische russische Forscher, die Entdeckung von Archivmaterial mit Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, wie derzeit in der Süddeutschen Zeitung publiziert, in der Rezeption von Erinnerungen des französischen Diplomaten Georges Maurice Paléologue, der Reportagen des amerikanischen Journalisten und Gründer der kommunistischen Arbeiterpartei in den USA, John Reed, oder der Memoiren des britischen Diplomaten, George Buchanan.

Michael Herzog zum Thema „Martin Luther und Wladimir Lenin“

Interessant auch der Einblick in die Stoffvermittlung in russischen Lehrbüchern, in eine große Ausstellung im Landesmuseum Wladimir oder die umfangreiche Berichterstattung deutscher Printmedien und TV-Reportagen wie der Sendung „Zarensturz – Ende der Romanows“ im ZDF oder „Die Künstler und die Revolution“ auf Arte. Kurios die Parallelen, die sich – an manchem wirren Haar – herbeiziehen lassen zwischen 500 Jahren Reformation und 100 Jahren Revolution.

Die Technik überlistet von Sonja Ruppik und Cornelia Götschel

In der Diskussion stellte sich rasch eines heraus: Man kann und will über alles sprechen, weder hier noch dort gibt es Tabuzonen oder vorgestanzte Auffassungen, die ja Friedrich Schiller immer so fürchtete:  „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, / schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Auch nicht zum mehr diskutierten als rezipierten Spielfilm „Mathilde“, der in russisch-orthodoxen Kreisen – auch in Wladimir – so viel Wirbel ausgelöst hatte und die gestrige Runde so gelassen ließ; auch nicht zur Frage, warum denn nun die Kreml-Politik die Rote Revolution im Jubiläumsjahr so unter den Scheffel stellt. Eine Wladimirer Studentin mutmaßt denn auch, man wolle wohl angesichts der Präsidentschaftswahl im März niemanden auch nur in Gedanken auf die Barrikaden bringen. Ein eher geringes Risiko so die russische Meinung dazu, zumal ja auch nur wenige den Aufrufen der Kommunisten zu ihren Kundgebungen folgten.

Werner Landmann, Sonja Ruppig, Cornelia Götschel, Igor Biberman, Moritz Florin, Andreas Beckert, Klaus Dyroff und Michael Herzog

In Abwandlung eines Ausspruchs von Zarin Katharina II – „Ihr Philosophen habt es gut. Ihr schreibt auf Papier, und Papier ist geduldig. Ich unglückliche Kaiserin schreibe auf der empfindlichen Haut von Menschen.“ – könnte man sagen, die Oktoberrevolution hat die Haut von Millionen von Menschen gegerbt, die Narben und Verletzungen werden wohl noch lange weitervererbt. Da braucht es dann schon eine gute Erklärung für die Frage, warum neuerdings in der russischen Forschung der Begriff „Große Revolution“ auftauche. Vielleicht, so eine Deutung aus Wladimir, weil damit das gesamte Jahr 1917 gemeint ist, das Zusammenwirken der bürgerlichen Revolution im Februar mit dem bolschewistischen Umsturz im Oktober. Da besteht aber sicher noch Klärungsbedarf zwischen den Debattanten, die es sicher nicht bei dieser ersten Videokonferenz bewenden lassen, zumal – wie es sich für jede anständige Konferenz gehört – eine Zusammenstellung und Publizierung der Beiträge vorgesehen ist und man auch schon ein Wiedersehen realiter im Sommer plant.

S. auch: https://is.gd/t6UFpQ und https://is.gd/PkRADg

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Das Jahr ist noch nicht zu Ende, aber ein erstes Fazit darf man schon ziehen und dabei auf einen besonderen Glücksfall der Zusammenarbeit im Rahmen der Städtepartnerschaft hinweisen: den Austausch des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU mit der Staatlichen Universität Wladimir. Im Ergebnis der Exkursion einer neunzehnköpfigen Gruppe aus Erlangen mit der Lehrstuhlleiterin Julia Obertreis nach Sankt Petersburg und Wladimir Ende Mai bildete sich nicht nur die Studenteninitiative „Kommunalka“, sondern die russische Seite schlägt nun auch zum Thema „Die Russische Revolution. Russische und deutsche Perspektiven.“ eine Videokonferenz vor, die am Freitag, den 8. Dezember, um 9.00 Uhr im Regionalen Rechenzentrum der FAU, Martensstraße 1 starten und bis 12.00 Uhr dauern soll. Geplant ist die Diskussion – übrigens auf Englisch und Russisch, wobei ggf. für Übersetzung gesorgt wird – als Synopsis von Publikationen und Interpretationen in beiden Ländern zum „Roten Oktober“.

Alle Macht den Räten! 1917 Beginn einer neuen Ära.

In kurzen Vorträgen, nicht länger als fünf Minuten, wollen die Studenten der Partnerstädte ein aktuelles Buch, einen Zeitungsartikel oder Film, eine Ausstellung, Konferenz oder Dokumentation zum Thema vorstellen. Einige Beiträge stehen schon fest. So wird Moritz Florin, Koordinator der Veranstaltung und Akademischer Rat am Lehrstuhl, zu der Plakatausstellung „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“ sprechen, die in ganz Deutschland in Schulen und an anderen öffentlichen Orten gezeigt wurde, siehe: https://is.gd/7d5BEN. Klaus Dyroff hat eine Reihe von Zeitungsartikeln zum Thema zusammengestellt, die er allen Teilnehmern in Form eines Readers zur Verfügung stellt.

Es lebe die große sozialistische Oktoberrevolution!

Thematisiert werden können aber auch die aktuellen Fernsehdokumentationen zu dem epochalen Ereignis, etwa „Der letzte Zar“ – siehe https://is.gd/i5neff, wo unter anderem Matthias Stadelmann, Professor am Lehrstuhl von Julia Obertreis, zu sehen ist. Als Stoff bieten sich aber auch neue Bücher deutscher Historiker an, darunter Martin Aust, Gerd Koenen und Karl Schlögel. Zur Lektüre und Vorbereitung empfohlen auch „Rußland 1917“ aus der Feder des Erlanger Emeritus, Helmut Altrichter. Darüber hinaus befassen sich mit dem Jahrestag die Publikationen „100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, Berlin 2017“, die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Osteuropa“ sowie das kürzlich erschienene Heft aus der Reihe „Geo-Epoche“. Angesprochen werden können jedoch auch durchaus heikle Themen wie der Film „Mathilde“, zu dessen Resonanz in der russischen und insbesondere der Wladimirer Öffentlichkeit auch der Blog berichtete: https://is.gd/t6UFpQ

Das Land den Bauern, die Betriebe den Arbeitern! – Demonstration der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation am 7. November 2017 in Wladimir.

So frei die Wissenschaft, so offen die Teilnahme – auch ohne Immatrikulation. Wer also an der Videokonferenz – gleich ob aktiv mit einem eigenen Beitrag oder als Gasthörer – teilnehmen möchte, melde sich bei moritz.florin@fau.de an, auch um zu erfahren, in welchem Raum die Veranstaltung stattfinden wird.

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Schon zum dritten Mal in diesem Jahr reiste Julia Obertreis – nach der Delegation zum Gesprächsforum „Prisma“ und der Exkursion mit einer Studentengruppe im Frühsommer – in die Partnerstadt. Dieses Mal kam die Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU auf Einladung der Staatlichen Universität Wladimir in Begleitung ihrer Mitarbeiterin am Lehrstuhl, Olga Malinova-Tziafeta, um am Mittwoch und Donnerstag an der internationalen Konferenz zum Thema „100 Jahre Oktoberrevolution – Ursprünge, Einschätzungen und Bedeutung“ teilzunehmen.

Ansor Saralidse, Olga Malinova-Tziafeta und Julia Obertreis

Grund genug für Rektor Ansor Saralidse, zur Eröffnung der Veranstaltung die beiden Historikerinnen aus Erlangen zu einem Gespräch über die weitere wissenschaftliche Zusammenarbeit der Partnerstädte zu empfangen – und die Möglichkeit, den Wissenschaftlerinnen ein Podium zu bieten, das Fachleute von führenden russischen Hochschulen zusammenführte und wo auch ein Historiker der Anglia Ruskin University einen Vortrag hielt.

Julia Obertreis, rechts neben Vizegouverneur Michail Kolkow, im Präsidium des Kongresses

Ljubow Naumowa, zuständig für die Internationalen Beziehungen ihrer Universität, zeigte sich in einer kurzen Stellungnahme recht erfreut über den Besuch:

Es gab viele interessante Vorträge zu hören, und wir sind sehr froh und dankbar, daß unsere Kolleginnen von der FAU an der Konferenz teilnahmen und referierten. Ich konnte beide Beiträge hören und fand sie als jemand, der seinerzeit Geschichte studiert hatte, ausgesprochen interessant und unerwartet. Wir sprachen gewöhnlich immer im Zusammenhang mit der Revolution über Politik oder Wirtschaft, während hier ein ganz neuer und ungewohnter Aspekt angesprochen wurde. Großartig, daß auch unsere Studenten das hören konnten!

Julia Obertreis

In der Tat forschen die beiden Wissenschaftlerinnen zu Fragen der Alltagsgeschichte vor, während und nach dem kommunistischen Umsturz. So arbeitete Julia Obertreis in ihrem Vortrag unter dem Titel „Die Revolution im Wohnungswesen: Petrograd / Leningrad und das Entstehen von Kommualwohnungen von 1917 bis 1937“ heraus, wie der Übergang von der bürgerlichen Vermietung zur behördlichen Verwaltung der beschlagnahmten Immobilien und das Phänomen der sogenannten „Kommunalka“ – bis in die jüngste Vergangenheit als Auslaufmodell der staatlichen Zuweisung von Zimmern an Parteien mit gemeinsamer Küche, Toilette und Naßzelle verbreitet – den politisch postulierten „neuen Menschen“ sozial prägte, gleich ob ehemaliger Eigner oder oft aus dem Umland Zugezogener.

Olga Malinowa-Tsiafeta

Auch Olga Malinova-Tziafeta widmete sich den Lebensverhältnissen der „kleinen Leute“ im vorrevolutionären Sankt Petersburg, also einem Teil der Geschichte, der ganz entscheidend ist für das Verständnis der revolutionären Umbrüche in der russischen Gesellschaft vor 100 Jahren.

Audimax an der Staatlichen Universität Wladimir, rechts in der zweiten Reihe Olga Malinowa-Tsiafeta

Dieser außergewöhnliche Blick auf Revolution und Geschichte entging auch den Wladimirer Medien nicht, und so bot denn auch der Sender „Gouvernement 33“ Julia Obertreis ein achtminütiges Forum, um ihren wissenschaftlichen Ansatz einem breiten, freilich nur russischsprachigen Publikum zu erläutern unter https://is.gd/SZSOxH. Aber vielleicht können ja die wichtigsten Thesen hier im Blog noch nachgereicht werden. Allemal lohnend auch für ein deutsches Publikum.

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Kommunalka lädt alle herzlich ein,  am Donnerstag, den 13. Juli, zusammen das in Rußland und Polen, in der Ukraine und in Weißrußland verbreitete Sommerfest „Iwan Kupala“ zu feiern! Treffpunkt ist um 20.00 Uhr der Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte in der Bismarckstraße 12. Von da aus geht es dann ins Grüne.

In dieser Nacht erblüht der Farn…

Bis heute ist die slawische Mittsommernacht ein beliebtes Fest mit heidnischen Wurzeln, traditionell am 7. Juli gefeiert.

Als Sonnwendfest, das den Übergang zwischen Blüte und Reife der Natur markiert, verbindet man Iwan Kupala traditionell mit verschiedenen Bräuchen und Übergangsriten. Die Nacht vor dem Geburtstag von Johannes dem Täufer (Iwan Kupala) ist eine Zeit, in der die Tore der Anderswelt weit geöffnet sind; Feen, Geister, Magier, Hexen und Teufel treiben ihr Unwesen, prophetische Träume, Blumenorakel und Wahrsagerei sind besonders mächtig, und unermeßlicher Reichtum winkt demjenigen, der die sagenumwobene  Farnblume findet.

Der Sprung über das Feuer

Doch warnt uns der ukranisch-russische Autor Nikolai Gogol: So mancher Schatz ist ein verheerender Fluch…

Feuertaufe

Natürlich möchte Kommunalka einen derart mystischen  Abend gebührend mit möglichst vielen Gästen feiern! (Wenn auch etwas verspätet…)

Schwimmende Kränze

Einstimmend gibt es eine Lesung von Ausschnitten aus Nikolaj Gogols Novelle „Der Abend von Iwan Kupala“, dessen Erzählung übrigens von Modest Mussorgskij in der „Nacht auf dem Kahlen Berge“ vertont wurde, sowie einen Blumenkranz-Workshop und vieles mehr. Siehe auch: fb.me/KommunalkaFAU

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