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Posts Tagged ‘Kriegsgefangenenlager Wladimir’


„Woher können Sie nur so gut Russisch?“ lautete die erste Frage des Teams vom Staatlichen Fernsehsender Minsk, das am Samstag nach Erlangen gekommen war, um mit Wolfgang Morell ein Interview zu dessen Kriegsgefangenschaft in Lagern der UdSSR zu führen. Für den heute 97jährigen schien es von Beginn seiner Festsetzung im Januar 1942 an klar, daß er lange in Feindesland würde bleiben müssen, und um zu überleben, sollte man die Sprache lernen. Systematisch begann er damit in Kasan, nach seiner Entlassung aus dem Spital von Wladimir, wo man dem „Fritz“ das Leben gerettet hatte, im Hospital für Kriegsgefangene – man stelle sich derartige Einrichtungen in Nazi-Deutschland vor! -, wo ein jüdischer Starosta als Dolmetscher fungierte. Von diesem Stubenältesten lernte der gebürtige Breslauer immerhin das Alphabet und die Grundlagen des Russischen, das er bis zu seiner Entlassung in die Heimat 1949 nahezu perfekt beherrschte und bis heute dank der Partnerschaft mit Wladimir so frisch und lebendig erhält, daß das Gespräch, von dem hier gar nicht mehr verraten werden soll, mit den weißrussischen Gästen fast ganz ohne die Hilfe der mitgereisten Dolmetscherin geführt werden konnte.

Wolfgang Morell im Interview

Gestern dann befragte das Team auch noch Günter Kuhne in Gera, der als „Bestarbeiter“ im Wladimirer Traktorenwerk eingesetzt war. Gesendet werden soll die Reportage im Mai 2020 zum 75. Jahrestag des Kriegsendes. Aber die Journalisten versprachen, den Link zu den Interviews schon vorab zu schicken, um das zeitgeschichtliche Dokument im Blog zugänglich zu machen.

P.S.: Heute wird in Lüsche, im Oldenburger Land, Franz Sieve zu Grabe getragen. Auch er ein Kriegsgefangener in Wladimirer Lagern. Auch er hatte der Blogredaktion ausführlich Bericht über seine Zeit hinter Stacheldraht erstattet. Er ruhe in Frieden.

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Heute wieder einmal eine Suchanfrage. Es geht um die Geschichte der Gefangenschaft von Jan Hindrik Beuker (15.11.1910-23.01.1983). Er hinterließ für 1945 bis 1948 nur ganz kurze Kalendernotizen, entziffert von seinem Großneffen, Gerrit Jan Beuker, die Hinweise auf seine Aufenthaltsorte geben und die vielleicht letzte Chance bieten, noch Zeitzeugen zu finden, die sich an den Kameraden aus Oeveringen, heute Emlichheim, bei Neuenhaus, Kreis Bentheim, auf halbem Weg zwischen Hannover und Amsterdam an der niederländischen Grenze gelegen, erinnern können.

Zwantien und Jan Hindrik Beuker, Heimaturlaub, 1941

Der Wehrmachtssoldat war u.a. in der Ukraine eingesetzt und machte dann den Rückzug von Smolensk über Minsk bis in den Landkreis Zwittau mit, bis er nach „Überschreiten der Moldau“ am 11. Mai 1945 „dem Schein nach in amerikanische Gefangenschaft“ geriet, bevor man ihn einen Tag später an die Sowjetarmee übergab. Nach vielen Zwischenstationen auf dem Weg nach Osten findet sich dann folgender Eintrag im Tagebuch (hier schon redaktionell überarbeitet):

Am 24.12.46: mit 130 Mann verladen und am 29.12. ins Hospital Kameschkowo eingeliefert,  200 km östlich Moskau, 40 km von Wladimir.

Jan Hindrik Beuker, 1939, Ausbildung

Dort verbleibt er offenbar längere Zeit. Im Januar 1947 kommt er von Stube 6 auf Stube 8, im Juni von Bau 2 nach Bau 3. Vom 10.07. bis zum 06.08.1947 arbeitet er in der Küche. Am 10.08. verlegt man ihn ins Lager Mesinowka, wo er am 11. August „OK geschrieben“ wurde, was arbeitsunfähig bedeutet, wörtlich „Genesungsgruppe“. Am 25. August stufte man den Rekonvalezenten in die Kategorie 3 ein, die bereits leichte Arbeit ermöglicht, weshalb dann auch der nächste Eintrag vom 28.10. bis 21.11. lautet „W. Müller, Küche“ – und dann: 23.11.-02.12. „Garnison Küche“. Dieser Einsatz brachte den Gefangenen offenbar wieder zu Kräften, so daß er am dem 22. Dezember als Torfverlader arbeiten kann, bis er ab dem 13. Januar 1948 im Kanalbau eingesetzt wird. Über Gus-Chrustalnyj ging es dann am 7. März nach Wladimir, wo am 10. März der Zug gen Westen abfuhr.

Gerrit Jan Beuker arbeitet derzeit an der Biographie seines Onkels und wäre dankbar für weitere Angaben zu dessen Leben in der Gefangenschaft.

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„Ein historisches Meisterwerk“ nennt Bürgermeisterin Elisabeth Preuß den im Dezember des Vorjahres erschienenen Band „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ und fährt fort:

Elisabeth Preuß, 22. Juni 2011, Platz des Sieges in Wladimir

Elisabeth Preuß, 22. Juni 2011, Platz des Sieges in Wladimir

Manchmal kommt im Leben das richtige Buch zur richtigen Zeit. Das Kompendium „Komm wieder, aber ohne Waffen“, herausgegeben von Peter Steger, ist so ein Buch. (Und bevor Sie sich jetzt fragen: Nein, die Namensgleichheit ist kein Zufall, sondern der Herausgeber ist tatsächlich jener Peter Steger, der Autor dieses Blogs ist, unzählige Reisen nach Wladimir vor- und nachbereitet, die Städtepartnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir gestaltet, auch noch für Jena, Umhausen, Cumiana, Riverside, Stoke-on-Trent sowie die Vertriebenen aus Brüx und Komotau zuständig ist, daneben russische Literatur übersetzt und auch noch Zeit findet, im heimischen Wald ungezählte Kilometer zu laufen, freilich über die Jahre mit wachsendem Tempo.) Dieser Peter Steger also ist Tausende von Kilometer gefahren und geflogen, um mit jenen Menschen, Veteranen des unfaßbaren Grauens, des Zweiten Weltkrieges zu sprechen, um ihre Erlebnisse, ihre Gedanken, ihre Sehnsüchte und ihre Lehren zu hören und niederzuschreiben.

Wie gut, wie unermeßlich gut, daß er das getan hat, daß er schon vor Jahren damit begann! Denn viele von ihnen haben ihre Augen schon für immer geschlossen. Dank der einfühlsamen und gleichzeitig gründlichen Recherchearbeit von Peter Steger aber ist ihr Erinnerungsschatz bewahrt und in diesem Buch allen, die Hirn und Herz haben, zum Studium empfohlen.

Danke, Peter. Danke! Gäbe es einen Nobel-Preis für historische Recherche: Du hättest ihn verdient. So aber bleibt mir nur ein Eintrag in Deinem Blog, in der Hoffnung, daß viele Deiner Leser mit mir einig sind: Du bist ZU RECHT Ehrenbürger unserer Partnerstadt!

PS: Noch in einem anderen Sinn kommt im Leben manchmal das richtige Buch zur richtigen Zeit: Ich habe ein paar Tage Urlaub und kann mich kaum lösen von dem Werk!

Elisabeth Preuß, Bürgermeisterin der Stadt Erlangen, 08.02.16

Da die angesprochene Publikation auf der Rückseite keine Kritikerstimmen abgedruckt hat, die das Werk zur Lektüre empfehlen, sollen hier einige weitere Reaktionen veröffentlicht werden, die in den letzten Wochen eingegangen sind:

Ingeborg und Heinz Bartl mit ihrer Tochter Adelheid

Ingeborg und Heinz Bartl mit ihrer Tochter Adelheid

Danke für die wunderschöne Weihnachtsüberraschung mit dem sinnvollen Titel „Komm wieder, aber ohne Waffen!“. Als ich das Buch ausgepackt hatte, habe ich erst ein bißchen darin geblättert, habe mich dann aber darin festgelesen. Es sind so viele berührende Schicksale geschildert, – voller Leid, aber auch voller Hoffnung. Besonders berührend war für mich natürlich das Wiedersehen mit meinem Heinz in dem Bericht „Heinz Bartl – Der Jüngste im Lager“. Damit verbunden ist auch die Erinnerung an Ihren Besuch hier in Lößnitz. Es ist so viel Schönes, was mein Heinz durch Sie erleben durfte, sei es die Aufnahme in den Kreis der ehemaligen Kriegsveteranen aus der Region Wladimir, sei es der Aufenthalt im Erlangen-Haus während der unvergeßlichen Reise nach Wladimir. Damit konnte dank Ihrer großen Unterstützung – trotz der bereits fortgeschrittenen Herzerkrankung meines Mannes – ein letztes großes Lebensziel in Erfüllung gehen. Durch dieses Vor-Ort-Sein und die Gespräche mit den Kriegsveteranen in Wladimir hat Heinz die schlimmsten Wunden seines Lebens aufarbeiten können. Ein großes Dankeschön an Sie und Ihre Frau Nadja!

Ingeborg Bartl, 22.12.15

Ernst Fasan und Asja Tarasenko

Ernst Fasan und Asja Tarasenko

Vielen und ganz besonders herzlichen Dank für den ausgezeichneten Band „Komm wieder, aber ohne Waffen!“. Das ist ein hervorragendes Kompendium wichtiger Erinnerungen, eine klare Stellungnahme zu all den Problemen der russischen Gefangenschaft von uns damaligen deutschen Soldaten und vor allem der seriösen und korrekten Haltung uns gegenüber. Es ist ein in dieser Form einmaliges, historisch äußert bedeutsames Werk! Und für uns nun recht alten damaligen Gefangenen ein wunderbares Werk der Erinnerung. Wer, so wie ich, einen Beitrag in Form meines seinerzeitigen Vortrages leisten konnte, ist natürlich besonders dankbar und geradezu gerührt. Mit der Organisation meiner damaligen Reise, mit Ihrer so wichtigen wissenschaftlichen Arbeit und jetzt mit diesem Band haben Sie ein echtes Denkmal errichtet, das zur Festigung des russisch-deutschen Verständnisses und auch der Freundschaft unserer beiden Völker sehr stark beiträgt.

Ernst Fasan, 28.12.15

Otmar Koch und Richard Dähler

Otmar Koch und Richard Dähler

Das Buch habe ich in drei Tagen nicht nur gelesen, sondern in vielem verinnerlicht. (…) Eure Lebensgeschichten sind es wert, wenigstens in Kurzform der Nachwelt erhalten zu bleiben. Peter Steger ist für die feinfühlige Arbeit großer Dank geschuldet. (…) Sein unermüdliches Bemühen um Verständigung ist das Vorbild, dem zu folgen ist.

Richard Dähler, 30.12.15

Josef Krichel

Josef Krichel

Mit großer Freude habe ich das Erinnerungsbuch an Krieg und Gefangenschaft erhalten. Das war eine schöne Überraschung kurz vor Weihnachten. Sie haben schon viel für die deutsch-russische Freundschaft getan. Ich finde es großartig, daß Sie den Bericht von mir geschrieben haben.

Josef Krichel, 30.12.15

Claus Fritzsche und Wolfgang Morell

Claus Fritzsche und Wolfgang Morell

Einen großen Dank für die Zusendung der – wie ich dieses wertvolle Werk nennen möchte – Steger-Chronik deutsch-russischer Versöhnung. Meiner Meinung nach ein einmaliger Edelstein im Kopfsteinpflaster der Literatur über Erinnerungen deutscher Kriegsgefangener in sowjetischem Gewahrsam. Angesichts dieser Chronik schäme ich mich ein wenig, daß ich nicht ähnliches zustande gebracht habe. (…) Ich freue mich über die Steger-Chronik auch ganz persönlich wegen der prächtigen Übersetzung des Protalin-Artikels und noch mehr wegen des Berichts über Schanna.

Claus Fritzsche, 30.12.15

Alfons Rujner

Alfons Rujner

Es ist mir ein Bedürfnis, für diese Stunden in Erlangen Dank zu sagen. Dank für die Einladung zur Vorstellung Eures großen Werkes, an dem Ihr beide viele Jahre gearbeitet habt. Ich könnt beide stolz sein, ein solches Werk in Deutschland zusammengestellt zu haben. Diese Aufzeichnungen – denn in zwei, drei Jahren gibt es keine Zeitzeugen mehr – haben, wie ich es Euch schon einmal geschrieben habe, einen hohen geschichtlichen Wert. Für dieses Werk werde ich hier in Berlin noch einige Schritte tun. Einen ersten Schritt habe ich bereits getan. Am 40. Geburtstag meines ältesten Enkels (Weihnachten, 25.12.), an dem ca. 30 Personen teilnahmen, ging es ziemlich fröhlich zu. Doch es wurde still, als der Enkel mir das Wort erteilte. Ich überreichte der Familie mit einigen Worten Euer Werk, und Lars las laut meine Widmung vor. Das war ein guter Anfang, und ich laß mir noch weiteres einfallen.

Alfons Rujner, 01.01.16

Witalij Gurinowitsch, P. Wladimir, Philipp Dörr, Anni und Otmar Koch

Witalij Gurinowitsch, P. Wladimir, Philipp Dörr, Anni und Otmar Koch

Für mich ein Buch, um mir ein wenig die Grausamkeit der Gefangenschaft und die Leiden der gesamten Bevölkerung vorstellen zu können. Großartig die einzelnen Erzählungen der noch lebenden ehemaligen Gefangenen.

Otmar Koch, 08.01.16

Igor Schamow, Hellmut Schultz-Pernice und Peter Steger

Igor Schamow, Hellmut Schultz-Pernice und Peter Steger

Ich darf Ihnen zu Ihrem Buch gratulieren! Es ist wirklich sehr gut gelungen und ein schönes, bleibendes Zeugnis dafür, daß Menschen schlimme Zeiten nicht nur überlebt, sondern letztlich gute Schlüsse daraus gezogen haben. Beim Lesen der Texte und Beiträge der ehemaligen Gefangenen ist mir erst klar geworden, wie viel persönliches Engagement Sie eingebracht haben, um das Buch zu verwirklichen! Dafür gebührt Ihnen auch mein herzlicher Dank! Ich habe einen Auszug gleich an meine Schwestern weitergeleitet, die ebenfalls sehr angetan sind.

Lothar Schultz-Pernice, 03.02.16

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Es hat mich riesig gefreut, daß Sie mir im Dezember – während meines Weihnachtsurlaubs – Ihr Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zugeschickt haben. Wie erbeten, habe ich auf diese Publikation verschiedentlich aufmerksam gemacht. Zudem steht das Buch in unserer Präsenzbibliothek im Konferenzraum des Hauptstadtbüros des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge.

Thomas Rey, Referat Erinnerungskultur und Netzwerkarbeit

„Komm wieder, aber ohne Waffen!“ wurde möglich dank der Unterstützung durch die drei Rotary-Klubs Erlangen, die Max-und-Justine-Elsner-Stiftung, die Bürgerstiftung, die Städte Erlangen und Jena sowie Privatspender. Das Werk ist nicht über den Internethandel erhältlich, allerdings kann jeder Buchladen die Publikation zum Preis von 24 Euro jederzeit per ISBN 978-3-944452-09-8 bestellen. Es geht aber auch direkt beim Stadtarchiv,  Luitpoldstraße 47, 91052 Erlangen, Tel.: 09131/862157, Fax: 09131/862876, E-Mail: stadtarchiv@stadt.erlangen.de

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Ungeachtet der fortgesetzten Störfeuer der Eindringlinge in die Ukraine, die partout nichts aus der Geschichte lernen wollen, laufen weltweit die Vorbereitungen auf die Kapitulation des Dritten Reiches vor 70 Jahren. Auch im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Wladimir, wo Zehntausende Gefangene aus Deutschland, Österreich, Italien, Ungarn, Rumänien und Japan in den vor allem nach der Schlacht um Stalingrad eingerichteten Lagern lebten und arbeiteten. Zum Gedenktag am 8./9. Mai soll eine überarbeitete Fassung des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ mit Erinnerungen von deutschen Kriegsgefangenen erscheinen, wozu nun der Zeitgeschichtler Witalij Gurinowitsch einen Aufsatz beisteuert, in dem er seine ersten und wichtigsten Begegnungen mit deutschen Veteranen vorstellt. Hier vorab für den Blog der erhellende Text in einer ersten Arbeitsübersetzung.

Dieser Artikel wurde bereits 2003, zum zwanzigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Wladimir – Erlangen, geschrieben. Leider konnte er damals nicht erscheinen und blieb in meinem Rechner gespeichert, als würde er auf seine Stunde warten. Diese war gekommen, als Peter Steger, mein alter Freund und der gute Engel unserer partnerschaftlichen Beziehungen, die Idee hatte, die Erinnerungen von deutschen Soldaten zu sammeln und zu veröffentlichen, die ihre Gefangenschaft in Wladimirer Lagern verbrachten. Nach einer gewaltigen Arbeitsleistung gab er nach einiger Zeit durch, das Buch sei fertig, man könne es herausgeben. Da fragte ich, ob dort auch die Erinnerungen jener großartigen Troika aus dem Hospital für Kriegsgefangene in Kameschkowo zu finden sei. Mein Freund, der alle drei persönlich kennengelernt hatte, erwiderte betrübt, es sei ihm nicht gelungen, mit den dreien über jene Zeit zu sprechen. Zwei von ihnen, Martin Kade und Erwin Brenneke, waren bereits verstorben, und den dritten, Walter Kuhnert, habe er auch mit Hilfe der unterschiedlichsten Behörden und Instanzen nicht finden können. Und so kamen wir beide zu dem Schluß, das Buch könne ohne die Erinnerungen dieser drei Veteranen nicht als vollständig betrachtet werden und würde einen ganz entscheidenden Aspekt verlieren.

Ich suchte meinen alten Artikel hervor, beschloß, einige kleinere Veränderungen vorzunehmen, holte mir hierzu meine Dokumentenmappe, und da fiel mir doch glatt ein Briefumschlag von Martin Kade in die Hand, auf dessen Rückseite (da haben wir sie, die deutsche Genauigkeit) die Adressen der Troika standen. Jetzt mußte Peter Steger nur noch beim Einwohnermeldeamt nachfragen, wohin der ehemalige Kriegsgefangene umgezogen war, und wenig später saßen wir bereits bei Walter Kuhnert im Haus, wo er uns von seiner Zeit in Kameschkowo erzählte. Ich möchte nun aber von jener Begebenheit berichten, die mir so zu Herzen geht, von jener Begegnung mit den drei ehemaligen Kriegsgefangenen, den drei Freunden, den drei schweren Schicksalen.

Unter all den Ereignissen im Rahmen der Städtepartnerschaft nehmen diese ungewöhnlichen Begegnungen dank ihrem inneren Pathos einen ganz besonderen Platz ein. Diese Menschen singen nicht, schreiben keine Verse, leiten keine Betriebe, drehen keine Filme, sie gehören nicht zur offiziellen Delegation. Und dennoch sind es diese Menschen, die eine lebendige Brücke der Freundschaft und echter menschlicher Beziehungen bauen. Sie alle waren schon einmal in unserem Land, haben hier mehrere Jahre verbracht und sind mit großem zeitlichen Abstand erneut gekommen, um die Orte wiederzusehen, wo sie ihre Jugend erlebten. Diese Treffen hinterlassen unauslöschliche Spuren, denn es handelt sich um ehemalige Kriegsgefangene, die in Lagern der Region Wladimir interniert waren. Hervorheben möchte ich von all diesen Martin Kade, Erwin Brenneke und Walter Kuhnert, mit denen ich mich anfreundete, und von denen ich so viel Wichtiges und Interessantes erfuhr. Aber der Reihe nach!

Witalij Gurinowitsch, Martin Kade und Walter Kuhnert mit einer Stadtführerin vor der Mariä-Entschlafenskathedrale in Wladimir

Witalij Gurinowitsch, Wera Friedmann, Martin Kade und Walter Kuhnert vor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir

Martin und Walter kamen 1992 zurück, um ihr Lager zu suchen. Es gibt noch Bilder von diesem Besuch. Sie hatten sich damals von ihrer Touristengruppe in Moskau absentiert und waren mit dem Zug zunächst nach Wladimir und von hier aus nach Kameschkowo gefahren, in jene Kleinstadt in der Region Wladimir, wo sie von 1944 bis 1949 als Pflegekräfte im damaligen Spezialkrankenhaus für Kriegsgefangene arbeiteten. Nicht ganz sicher, was die Vorgänge im Perestroika-Land betraf, kleideten sie sich für alle Fälle „à la russe“ und trugen alte Juppen und auf dem Kopf eine Mütze mit Ohrenklappen. Walter hatte auf dem Arbat in Moskau sogar eine Armeemütze gekauft, während Martin sogar noch die Kopfbedeckung besaß und trug, die er aus der Gefangenschaft nach Hause gebracht hatte. In Kameschkowo empfing sie die Schuldirektorin, Wera Friedmann, mit der wir vom Museum schon lange in Verbindung standen, weil wir gerade dabei waren, Material für eine Ausstellung zum Thema „Geschichte der Kriegsgefangenschaft“ zu sammeln. Nach der Besichtigung der Schulgebäude, wo früher das Hospital untergebracht war, fuhren die beiden in Begleitung von Wera nach Wladimir, wo wir uns dann kennenlernten. Der dritte in diesem außergewöhnlichen Bunde war Erwin Brenneke, ein Arzt im Ruhestand, der ein Jahr später nach Wladimir und Kameschkowo kommen sollte.

Die Menschen in Kameschkowo arbeiteten während des Krieges fast alle in der Textilfabrik oder hatten in der einen oder anderen Weise mit diesem Betrieb zu tun. Zu Beginn des Krieges eröffnete man in dem Städtchen ein Hospital für verwundete Rotarmisten, wozu zwei nebeneinanderstehende Schulgebäude sowie der nahegelegene Klub jenseits des Platzes requiriert wurden. Ein Vorgang, wie er in fast allen Städten der Region Wladimir zu beobachten war, wo man in jener Zeit mehr als 80 Hospitäler einrichtete. Allein in Wladimir gab es deren 18. Alle Schulen und großen Verwaltungsgebäude in der Stadt wurden in Krankenhäuser umfunktioniert. Bei damals 60.000 Einwohnern wurden während der Kriegsjahre in Wladimir mehr als 240.000 Verwundete behandelt. Als die Schlachten 1942 an allen Fronten tobten, wurde die Order ausgegeben, wonach überall im Land ein Netz von Hospitälern speziell für Kriegsgefangene aufzubauen war. Ganz offenbar bereitete sich das sowjetische Oberkommando darauf vor, eine große Zahl von Gefangenen aufnehmen zu müssen. Dem Personal des Hospitals in Kameschkowo teilte man mit, es werde nun eingesetzt, um als spezialisiertes Hospital unter der Nummer 2989 Kriegsgefangene auf dem Gebiet der Regionen Wladimir und Iwanowo zu behandeln. Viele Ärzte wollten unter diesen Umständen nicht bleiben und baten um ihre Versetzung an die Front. Die Pflegekräfte und Krankenschwestern, die sich hauptsächlich aus der ansässigen Bevölkerung rekrutierten, erwarteten die Ankunft der Gefangenen.

Im weiteren möchte ich die Geschichte mit den Worten unserer drei Freunde erzählen, aber auch aus der Sichtweise derer, mit denen sie das Schicksal in dieser Kleinstadt hinter den Wäldern und Sümpfen in der russischen Provinz zusammengeführt hatte. Alle drei hatte man 1943 von Stalingrad aus ins Hospital nach Kameschkowo gebracht. Marin Kade und Erwin Brenneke hatten in jenem deutschen Lazarett Dienst geleistet, das man vollständig mit Ärzten und Pflegepersonal in das neugeschaffene Hospital umsiedelte. Erwin war Chirurg, mußte aber im Hospital als Pathologe und Anatom arbeiten, Martin war als Physiotherapeut eingesetzt, und Walter lag dort als Patient. Noch in Stalingrad hatten die drei, fast zwei Monate lang nach ihrer Gefangennahme, in Kellern zerstörter Häuser Unterschlupf gefunden, bis die strengen Fröste vorüber waren. Und das rettete ihnen das Leben. Doch Gefahren lauerten noch viele.

Erwin Brenneke traf also ein Jahr nach seinen Kameraden bei uns ein und sollte von da regelmäßig kommen. Sechs Besuche wurden es insgesamt und nicht nur für ein paar Tage. Nicht weniger als einen Monat verbrachte er bei der Familie der ehemaligen Krankenschwester Schura Krylowa. Unvergessen seine Begegnung mit den Krankenschwestern von einst im Jahr 1995! Gemeinsam mit dem Journalisten, Leonid Skakunow, und seinem Kameramann, Andrej Priwesenzew, vom Staatlichen Lokalsender drehten wir eine Reportage über Kriegsgefangene, und dieses Treffen mit den ehemaligen Krankenschwestern ist dort zu sehen. Was da alles an herzlichen Worten füreinander zu hören war. All die Erinnerungen an die deutschen und russischen Ärzte, an die Krankenschwestern, die in jener schweren Zeit zusammenarbeiteten. Erwin mußte zeitweise wieder für uns als Dolmetscher fungieren, denn er sprach wirklich noch sehr gut und rein Russisch. Nicht von ungefähr, denn er hatte die Sprache nicht nur in der Gefangenschaft gelernt, sondern später, auch noch im hohen Alter, sein Russisch immer weiter vervollkommnet. Mehrmals in der Woche lud er in das Altersheim, wo er lebte, russische Krankenschwestern, die aus Kasachstan stammten, zum Tee und zu Gesprächen ein.

Martin Kade

Martin Kade

Überhaupt war die Liebe zur russischen Sprache bei meiner ganzen Troika ausgesprochen groß. Auch Martin beherrschte das Russische nicht übel, noch besser aber sang er russische Lieder, von denen er eine ungeheure Zahl auswendig kannte. Ich konnte ihn auch einmal zu Hause in Gießen besuchen, und was mir als erstes ins Auge fiel, war die Fülle von Platten und Kassetten mit russischer Musik sowie eine sogar einem russischen Musikfreund zur Ehre gereichende Sammlung mit Liedermachern.

Im April 1995 eröffneten wir im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Kriegsendes im Erlanger Rathaus die von mir zusammengetragene Ausstellung „Erinnerung an die Gefangenschaft“ des Wladimir-Susdaler Landesmuseums, nach Kräften unterstützt vom Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen. Die Schau berichtete zum ersten Mal über jene Seiten unserer gemeinsamen Geschichte, über die man früher einfach nicht sprach. Und vielleicht zum ersten Mal überhaupt zeigte sich hier, daß unsere Völker im Grunde ein und dieselben Leiden zu durchleben hatten, von deren Verständnis auch unser weiteres gemeinsames Leben abhängt. Augenzeugen dieser Ereignisse, ehemalige Kriegsgefangene, kamen von überall her zur Ausstellungseröffnung, es herrschte eine großartige Stimmung, und meine Troika ließ die Vergangenheit hochleben. Ich komme nicht umhin, nochmals zu erwähnen, daß ohne Martin Kade, der Photos und Dokumente zur Verfügung stellte und bei der Suche nach anderen Gefangenen behilflich war, diese Ausstellung viel verloren hätte.

Wenn ich erwähnte, Martin habe viele russische Lieder auswendig gekannt, so gilt das in noch viel höherem Maße für Walter, der als Berufsmusiker eingezogen wurde. Er konnte auf allem Möglichen spielen, auf allem was Laute produziert. Und das Gedächtnis stand ihm ungeachtet des Alters noch immer zu Gebote. Ich kann ihn mir gar nicht ohne ein Instrument in den Händen vorstellen. Und so brachte er auch zu der Ausstellung ein ganz eigenwilliges Akkordeon mit, das er auf den Schultern trug. Und die ganze Troika stimmte, als wären die 50 Jahre gar nicht vergangen, vereint das Lied an:

На закате ходит парень
Возле дома моего,
Поморгает мне глазами
И не скажет ничего.
И кто его знает,
Зачем он моргает? Зачем он моргает? Зачем он моргает?

Walter Kuhnert

Walter Kuhnert

Dieses Lied war in den Kriegsjahren sehr populär. Wir, die russische Delegation, stimmten ein, doch zu unserem Leidwesen kamen wir nicht über die erste Strophe hinaus, während die Veteranen textsicher und vereint zu Ende sangen. Zu diesem Lied hatte Walter eine großartige Geschichte zu erzählen: Nach der Schließung des Hospitals 1949 schickte man ihn und Martin nach Saratow, wo sie an der Übergabe von Geräten und Material des Krankenhauses beteiligt waren, bevor sie die Heimfahrt antreten konnten.

In Saratow angekommen, mußten sie auf dem Perron des Bahnhofs eine Zeitlang warten. Walter trug, wie immer, ein Akkordeon auf den Schultern, und er begann zu spielen. Die Leute kamen näher, um zuzuhören. In der Menge war ein junges Mädchen, das ihn fragte, ob er nicht auch jenes Lied spielen könne, zu dem sie ihm die Melodie vorsang. Walter spielte es nach, das Mädchen fing zu singen an, und allen verschlug es die Sprache. Die junge Frau hatte eine ungewöhnliche Naturstimme, unglaublich schön, und je länger sie sang, desto mehr Menschen kamen hinzu. Sie sang noch einige weitere Lieder und schließlich noch einmal jenes besagte. Da pfiffen die auf den Gleisen stehenden Dampflokomotiven zusammen und mächtig zu den Schlußakkorden. Diese unvergleichliche Ovation erinnert Walter bis heute in allen Einzelheiten, ebenso wie den Text und die Melodie jenes Liedes.

Fortsetzung folgt.

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Eine Erinnerung von Friedhelm Kröger an die Zeit der Gefangenschaft in den Lagern in und um Wladimir belegt wieder einmal, wie Verständigung, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft über Feinschaft, Haß und Terror triumphieren können. Gerade in schweren Zeiten.

Wie wenig ein Menschenleben zählte, haben wir alle mehr oder weniger in Kriegs- und Gefangenschaftszeiten erlebt. Je länger die Zeit aber dauerte, desto mehr sah der Russe in uns die wertvolle Arbeitskraft und nicht mehr den verhaßten ehemaligen Feind. Unsere Gesundheit war ihm nicht mehr so gleichgültig. Wem von uns sind nicht die allabendlichen Rituale vor dem Krankenrevier noch in Erinnerung, wenn man von der Baustelle ins Lager zurückkam? Der deutsche Arzt und der Sani untersuchten und behandelten mit den wenigen Mitteln, die sie zur Verfügung hatten, und das alles unter der Aufsicht der russischen Ärztin. Lange Wartezeiten gab es nicht, und krankgeschrieben wurde nur, wenn man den Kopf unter dem Arm trug. Ein Eimer mit Krätzesalbe, eine Jodflasche, Schröpfköpfe, zigmal und immer wieder gewaschene Mullbinden, ein paar Salbentuben gehörten wohl zur Standardausrüstung in jedem Revier.

Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Friedhelm Kröger bei Kranzniederlegung an den Russengräbern auf dem Zentralfriedhof Erlangen im Juli 2013

Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Friedhelm Kröger bei Kranzniederlegung an den Russengräbern auf dem Zentralfriedhof Erlangen im Juli 2013

Mir widerfuhr aber einmal eine so fürsorgliche (russische!) Behandlung, daß ich noch heute darüber nur staunen kann. Nach mehrtägigem, leichtem Fieber mit Ruhe auf der Pritsche legte die Ärztin persönlich Hand an mich – besser gesagt ihr Ohr! Nachdem sie mir mit ihrem Stethoskop Brust und Rücken ganz intensiv abgehorcht und abgeklopft hatte, schien sie sehr besorgt um mich zu sein. Schließlich tat sie ihr Stethoskop beiseite, nahm ein taschentuchgroßes Stück Gaze, legte es mir zuerst auf den Rücken, dann auf die Brust – und horchte mich noch einmal und noch gründlicher ab.

Man bedenke: das Ohr einer russischen Ärztin auf der Haut eines deutschen Kriegsgefangenen, mal abgesehen von dem hauchdünnen Gewebe, das uns voneinander trennte!

Am Tag darauf wurde ich ans Lagertor befohlen, wo mich Sestra Natascha erwartete, die mich zum Krankenhaus nach Wladimir eskortierte. Ich entsinne mich nur noch ganz vage an den Weg dorthin: ein deutscher Gefangener und seine Eskorte. Ich vorneweg und Natascha mir auf den Fersen, bewaffnet mit einer schweren Pistole. Wenn die nicht gewesen wäre, hätte ich sie wahrscheinlich…? Nicht auszudenken! Aber angesichts meiner körperlichen Verfassung befand sie sich zu keiner Zeit in Gefahr.

Weniger an das Krankenhaus, nur an den Röntgenapparat kann ich mich noch ganz schwach erinnern, ein vorsintflutliches Monstrum. Anschließend verbrachte ich einige Zeit im Krankenrevier. Ich habe aber keinerlei Erinnerung mehr, ob und womit ich in dieser Zeit behandelt wurde. Fest steht jedenfalls, daß ich zu der Zeit eine Form von Lungentuberkulose durchgemacht und überlebt habe. Die gründliche Untersuchung nach meiner Heimkehr im September 1949 bestätigte dies. Man sprach immer von Kalkflecken oder Narben im oberen linken Hilum. Da ich im Schuldienst tätig wurde, mußte ich jährlich einmal zur Kontrolluntersuchung erscheinen, bis mich der Amtsarzt als ausgeheilt erklärte. Aber was wäre aus mir geworden, wenn mir die Ärztin nicht hautnah begegnet wäre?

Friedhelm Kröger

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Heute nun – gewissermaßen zum Innehalten am Tag der Anreise der Jubiläumsgruppe aus Erlangen – das Schlußkapitel der Erinnerungen des Günther Liebisch an seine vier Jahre Kriegsgefangenschaft in Wladimir und die Heimkehr.

Als „freischaffenden“ Künstler teilte man mich Anfang Dezember einem Art Waldkommando zu. Etwa 15 Mann wurden mit Gepäck zum Bahnhof gebracht und in einem Personenzug auf die Reise geschickt. Einmal mußten wir umsteigen, dann verließen wir den Zug in einem Dorf, wo wir in zwei Wohnhäusern einquartiert wurden. Etwa sechs Kameraden landeten mit mir bei einer Familie mit einem fast erwachsenen Sohn, Wanja, Jahrgang 1928. Der Vater, ein Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, sprach noch ein paar Brocken Deutsch aus der Zeit seiner Gefangenschaft. Einfach sehr nette Leute. Wir nächtigten in einem Zimmer auf dem Fußboden, was nicht so mein Ding war, weshalb man mir gestattete, den freien Platz auf der Petschka, dem Ofen, zu beziehen. Mit dem Sohn habe ich mich schnell verstanden, und seine Schwester, bereits außer Haus und nur am Wochenende daheim, gesellte sich auch manchmal zu Gesellschaftsspielen zu uns. Einfach wunderbar. Unsere Aufgabe war es, Lagerholz vom Wald direkt auf Waggons zu verladen und Brennholz auf den Lkw von Kostja zu laden, der mit seinem SUS 5 den Transport  zum Bahnhof machte. Da sich das im Dezember 1948 abspielte, bei Frost und mit viel Schnee, erinnerte sich Kostja bald an meine Fähigkeiten im Umgang mit seinem Auto im Winter. Ab sofort war es deshalb meine Aufgabe, jeden Morgen den Lkw mit Feuer unter dem Motor in Gang zu bringen und die Kameraden in den Wald zu fahren, woraus sich ein regelrechter Schichtbetrieb entwickelte: ich vormittags und er nachmittags am Steuer. Somit war am Nachmittag Zeit zur freien Verfügung, die ich überwiegend mit der Familie verbrachte. Ich half der Babuschka beim Hausputz und ging zum Bahnhof, wo die Mädchen, die den Lkw entluden, im geheizten Aufenthaltsraum saßen und mich nach allen möglichen Dingen fragten. Wir hatten einfach viel Spaß miteinander, und ab und an wurde ich von den Damen in ihre Häuser eingeladen. Es fehlten in den Dörfern ja ganze Generationen Männer.

Willi Börke und Friedhelm Kröger begrüßen Günther Liebisch.

Willi Börke und Friedhelm Kröger begrüßen Günther Liebisch.

Als Wanja eines Tages den Einberufungsbefehl erhielt, fand ich seine Mama jammernd und heulend vor dem in jedem Haus befindlichen Herrgottswinkel. Auf meine Frage, was geschehen war, rief sie: „Wojna budet“ – „Es gibt Krieg“. Ich versuchte, sie zu trösten, aber ihre Angst war offenbar ausgelöst von der Verschlechterung der Beziehungen zu Amerika, was durch die Medien ging. Ich sagte ihr, es werde keinen neuen Krieg geben, denn alle Beteiligten am letzten Krieg hätten erst einmal genug davon. Es gelang mir, sie damit zu trösten, sie stand auf und umarmte und küßte mich.

So gingen die Tage hin, es wurde Weihnachten. Am Heiligen Abend – es wurde schon dunkel, als die Kameraden bei strengem Frost noch einen Waggon mit Langholz beladen mußten – habe ich den Mitgefangenen geholfen, obwohl es nicht meine Aufgabe war. Beim Besteigen des Waggons blieb ich mit der Hand an dem Eisengeländer des Waggons kleben, was unvergeßlich schmerzhaft war. Wir benutzten auch die Banja in einem separaten Häuschen im Garten. Ein Kamerad in meinem Alter und ich hatten zu der Dorfjugend guten Kontakt, wurden auch zu Familienfeiern eingeladen. Mitte Januar etwa verschwanden wir wieder aus dem Ort und erinnerten uns auch noch an unsere Ankunft und wie wir von den Bewohnern, die noch keinem Deutschen begegnet waren, bestaunt wurden. Einem unserer Kameraden fühlte eine ältere Frau an den Kopf, da sie gehört hatte, die Deutschen seien Teufel mit Hörnern.

Wieder im Lager, blieben wir für die nächsten Wochen dort und mußten Holz hacken. Erst später erfuhren wir wofür: Unsere Heimreise stand auf dem Plan, und das Holz war für die Küche im Heimtransport. Im Lager wurde eine Art Kiosk eingerichtet, in dem die Kameraden aus dem Traktorenwerk, wo auch Rubel verdient wurden, ihre Geld in Rauchwaren z.B. Papirossy „Bjelomor“ und andere oder auch gegen Margarine und Zucker eintauschten. Am 23. März war es dann so weit. Neu eingekleidet in Wattejacken und Hosen, Unterwäsche und Schuhe wurden wir zum Bahnhof geleitet und bestiegen die mit Pritschen ausgestatteten Waggons. Noch kurz davor wurden wir ein letztes Mal gründlich untersucht, und leider hielt man drei Kameraden zurück, bei denen noch SS-Tätowierungen unter dem Arm entdeckt wurden. Einer aus unserer Brigade hatte in einer Einheit gedient, in der angeblich Verbrechen an Zivilisten begangen wurden. Ein Schock für alle.

Doch mit unserer lieben Tamara, der Lagerärztin, im Zug, setzten wir uns alsbald in Richtung Westen in Bewegung. Die Stimmung war hervorragend, die Versorgung stimmte, für alle Fälle waren alle mit einer mehr als ausreichenden Menge Trockenbrot versorgt. Wir mußten mitunter stundenlang auf Abstellgleisen verbringen, was auch nicht störte, es ging ja heim. Am 31. März, an einem herrlichen Frühlingstag, trafen wir in Brest ein und nutzten auf dem Abstellgleis das sonnige Wetter für die erste Bräune, während die Waggons auf die engere Gleisspur umgerüstet wurden. Auch hier fand eine Filzung statt, und wieder wurden drei Kameraden aufgrund der Tätowierung unter dem Arm herausgenommen, was unsere Stimmung erheblich trübte. Ergreifend war dann der Abschied von unserer Tamara, die sich von jedem mit Tränen in den Augen und mit Handschlag verabschiedete.

Wir fuhren weiter über den Bug und kamen nach Polen, wo wir auch wie bisher auf einigen Bahnhöfen dem planmäßigen Schienenverkehr ausweichen und mitunter Stunden auf einem Abstellgleis stehen mußten. Dabei kamen wir auch mit Polen in Berührung, die uns überwiegend noch feindlich gesonnen waren. Der nächste Halt war nach Tagen in Frankfurt an der Oder, wo wir in einem Lager übernachteten, versorgt wurden und am nächsten Tag im normalen Personenzug Richtung Leipzig weiterfuhren. Die Bahnstrecken waren durchweg eingleisig, das zweite Gleis hatte man nach dem Krieg abgebaut und in die Sowjetunion gebracht. Aus diesem Grunde mußten wir auch hier sehr oft auf Abstellgleisen dem normalen Verkehr ausweichen. Auf diesen Bahnhöfen war uns das Aussteigen verboten. Trotz der Bewachung durch Volkspolizisten ignorierten wir manchmal die Order, und die Ordnungshüter wagten es nicht, dagegen einzuschreiten. Aus Erfahrung wußten wir, daß in unserem Lager in Wladimir Freiwillige für die Rekrutierung der Volksarmee gesucht wurden und einige ehemalige Kameraden etwa vor einem Jahr schon heimgefahren waren. Wir waren einfach voll in unserem Freiheitsdrang, was man schließlich auch akzeptierte. Übrigens befanden sich in dem Transport von Frankfurt/Oder ausschließlich westdeutsche Heimkehrer. Im Sackbahnhof Leipzig, dem nächsten längeren Halt, ging ich in die Stadt, um eventuell meinen bereits vor eineinhalb Jahren aus gesundheitlichen Gründen entlassenen Kameraden, Gert Senf, aufzufinden, was jedoch nicht gelang. Wieder am Bahnhof, mußte ich feststellen, daß mein Zug abgefahren war. Eine verdammt unangenehme Situation, da mein wenn auch nicht gerade reichhaltiges Gepäck sich in dem Zug befand. Das hilfreiche Bahnhofspersonal fand eine vorzügliche Lösung, so daß ich in einem Zug meine Kameraden in Eisenach am späten Abend wieder erreichte. Aus welchem Grund auch immer, führte man uns zu später Stunde mit soldatischem Gesang durch Eisenach, so daß viele Anwohner dachten, es gehe wieder los. Schließlich waren wir ja in Höchststimmung. Am nächsten Tag erkundeten wir noch die Umgebung unserer Unterkunft, ich meine, es war die Wartburg, und wurden von Kindern nach Eßbarem gefragt, worauf wir ihnen einige Scheiben Trockenbrot gaben, was bereits erneut die mit einem Jeep auftauchenden Volkspolizisten auf den Plan rief, um die Kinder zu vertreiben. Das wiederum veranlaßte uns, die Vopos zu vertreiben, indem wir einfach mit vereinten Kräften den Jeep auf die Seite legten, worauf die Besatzung die Flucht ergriff.

Bald danach führte man uns wieder zum Bahnhof, wo unser Zug uns weiter Richtung Westen, nach Heiligenstadt, dicht an der Grenze zur Westzone, brachte. Dort übernachteten wir in einer Schule in Bahnhofsnähe, und man versuchte auch nochmals, uns für den östlichen Sozialismus zu gewinnen. Wie zu erwarten – ohne Erfolg.

Am folgenden Tag ging es zu Fuß über die naheliegende Grenze nach Niedersachsen, wo wir in einen Bus stiegen und nach Friedland abfuhren. Davor, noch kurz vor der Grenze, entledigten wir uns der Reste Trockenbrot und auch der sogenannter Russenmützen. In Friedland bezogen wir Quartier in den „Nissenhütten“, wurden entlaust und registriert mit allem was dazugehörte. Alle im westlichen Teil Deutschlands beheimateten Kameraden bestiegen alsbald einen Zug nach Münster, wo die eigentliche Entlassung stattfand. Wir wurden aus Sammelbeständen neu eingekleidet, untersucht, erhielten unser Startkapital von zwei 20-DM-Scheinen. Ich fand einen mir einigermaßen passenden braunen Anzug, verstaute meine Russenkleidung im Holzkoffer, fuhr mit dem Zug Richtung Bremen, wo einige Kameraden ihr Ziel hatten, und stieg in Diepholz aus, wo ich von meinem Bruder und einer Schulkollegin empfangen wurde. Mit meinem Bruder hatte ich bereits aus Wladimir Briefkontakt und konnte ihn somit über meine Entlassung verständigen.

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Günther Liebisch, Jahrgang 1926, erzählt immer wieder von  dem Glück, das ihn zeit seines Lebens begleitete. Heute, in der Fortsetzung des Berichts vom 9. Mai http://is.gd/CPnB05, erfahen wir, wieviel zu diesem Glück sein eigenes Handwerksgeschick beigetragen hat:

Die Umstände brachten mich einmal auf eine Baustelle zu einer Brigade, mit der ich eigentlich nichts zu tun hatte. Man bat mich, im Keller eines nahen Wohnhauses den verstopften Bodenabfluß freizubekommen, denn der Keller stand bereits etwa 10 cm unter Wasser, und es war auch kein Bodenabfluß zu erkennen. Ich entdeckte bald den Gully, öffnete ihn und führte ein zum Glück in der Nähe befindliches Seil in das Rohr, worauf auch bald der Keller trocken war.

Günther Liebisch, ganz rechts im Bild, beim Veteranentreffen im Odenwald 2011.

Günther Liebisch, ganz rechts im Bild, beim Veteranentreffen im Odenwald 201o.

Aufgrund dieser Begebenheit holte mich am nächsten Tag der zuständige Natschalnik vom Lager ab, um eine Spezialaufgabe zu übernehmen. Ich war in seinen Augen ein Spezialist, was mich gar nicht sonderlich begeisterte. Ich mußte ihm folgen und sollte im Vordergebäude des Kremls eine senkrechte Wasserleitung trennen, etwa einen Zoll. Dazu war das Wasser im Schacht unter dem Gullydeckel auf der Straße zu sperren. Ich öffnete also den Gully, stieg in den Schacht und versuchte, den Absperrhahn zu betätigen, was jedoch nicht möglich war, da er vermutlich eingerostet war. Während meiner Bemühung mit dem Hahn wurde mir plötzlich schwarz vor Augen, ich konnte jedoch zum Glück mit letzter Kraft den Gully verlassen und wieder atmen. Auch wieder ein sagenhaftes Glück gehabt! Damit gab sich aber der Natschalnik nicht zufrieden: In die obere Etage sollte einfach kein Wasser mehr fließen. Somit mußte ich die Steigeleitung unter Druck trennen. Das etwa in Augenhöhe befindliche Langgewinde am Rohr ermöglichte mir durch Rückdrehen der Muffe, die Leitung zu trennen. Aber wie kann ich das Rohr unter dem Wasserdruck abdichten? Ich schnitzte mir ein Stück Rundholz und schlug dieses in das offene Rohr – unter dem ungeheuren Wasserdruck. Danach war ich wie gebadet. Es war zum Glück Hochsommer.

Ich meine, es war am zweiten Weihnachtsfest in Wladimir, als ein gut gewachsener Baum aus dem Wald von Penkino auf seinem Platz in unserem Reitstall stand, allerdings für meine Begriffe sehr mager geschmückt. Da fiel mir ein, daß es bei uns keinen Weihnachtsbaum ohne Lametta gab. Aber hier hatten wir doch Kondensatoren, mit denen die amerikanischen Fahrzeuge reichlich ausgestattet waren und die nun nutzlos herumlagen. Noch aus der Berufsschule in Breslau kannte ich das Innenleben eines Kondensators, bestehend aus zwei Alufolien übereinander, getrennt durch eine Isolierschicht und aufgewickelt in einem Blechbehälter. Ich wickelte so einen der größten Apparate auseinander, schnitt die Folie in feine Streifen und schmückte den Baum wie daheim, zur Überraschung aller.

Unser Lager wurde nach und nach in Form von Anbauten vergrößert, überwiegend mit Holz, welches unser Sägewerk lieferte. Wenn wieder einmal etwas fehlte, als noch kein Lkw zur Verfügung stand, machte sich das gesamte Lager jeweils sonntags auf den Weg und schleppte Bretter, soviel wie jeder tragen konnte, ins Lager. Ungehobelt eigneten sie sich jedoch nicht für jedes Bedürfnis, so daß unser Brigadier beschloß, eine Hobelmaschine zu bauen. Federstahl, der für die Lkw-Feder oft gebraucht wurde, war reichlich vorhanden und eignete sich vorzüglich für den Zweck. So entstanden nach und nach eine Tischlerei, eine Unterkunft für den Lagerfriseur und eine Lagerschneiderei, in der auch Wünsche von Zivilisten erfüllt wurden. Die erste Küche war auch nicht das Optimale, also bauten wir für die neue Küche einen Warmwasserbehälter und eine Kartoffelschälmaschine. Eine andere Brigade schaffte es sogar, mit dem Material aus einer Beutelieferung die gesamte Küche bis zur Decke zu fliesen. Auch ein Krankenrevier mit einem  Behandlungsraum für den deutschen Arzt mit einer Krankenstube entstand.

Im ersten Jahr holte man das Brauchwasser für das Lager mittels eines großen Holzfasses auf zwei Rädern ins Lager, bis man das Lager eines Tages an das städtische Trinkwassernetz anschließen wollte. Auch dazu wurde unsere Brigade gefragt, was für uns bedeutete: Dann mal los! Woher die Ein-Zoll-Leitungsrohre kamen, war uns nicht bekannt, wir übernahmen lediglich das Verlegen der Rohre in dem gegrabenen Schacht von der Straße ins Lager. Wir mußten sie elektrisch verschweißen. In unserer Werkstatt gab es einen Schweißtrafo, jedoch fehlte es an den erforderlichen Elektroden. Also hieß es wieder:  selber machen. Und wer konnte das? Unser Werner Koch fertigte aus Eisendraht etwa 40 cm lange Stücke, tauchte diese in eine Art Wasserglas und danach in Zement. Nachdem die Dinger getrocknet waren,  konnte es losgehen. Da am Tag dafür keine Zeit war, stiegen wir, Werner und ich, in die Grube und verlegten die Rohre und verschweißten diese sorgfältig. Ich habe mir dabei zum ersten Mal die Augen verblitzt, was sich, mir bis dahin unbekannt, wie Sand in den Augen anfühlte. Es wurden somit alle Stellen, wo Wasser erforderlich, versorgt. Diese Leistung der Brigade wurde besonders von der Küche anerkannt.

Den Befall mit Kleiderläusen bekamen wir bald durch den regelmäßigen Besuch der Banja in den Griff. Insbesondere an den Wochenenden führte man uns in Gruppen auch nachts zu der Banja in der Nähe des Bahnhofes. Bevor dies eingeführt wurde, versuchte ich mit allen möglichen Mitteln die Quälgeister loszuwerden. So tauchte ich beispielsweise meinen Wehrmachtspullover in Benzin, in der Werkstatt reichlich vorhanden, und wusch ihn danach mit warmem Wasser und Seife aus. Leider ging bei der Prozedur offenbar die Brut nicht kaputt, denn nach einer Weile sah ich die Blutsauger durch die Maschen verschwinden. Da sich schon mal die Russen für unsere alten deutschen Kleidungsstücke interessierten, verkaufte ich meinen Pulli an die Frau eines mit uns arbeitenden Lkw-Fahrers.

Bald nach dem Abriß eines Wohnhauses durch eine Brigade unseres Lagers plagten uns die Flöhe, offensichtlich von den Kameraden eingeschleppt. Beim Gang mit bloßen Füßen durch unseren Reitstall spürte man schon die Blutsauger, was zur Folge hatte, daß durch das unbewußte Kratzen der juckenden Beulen bald blutende Wunden die Füße und auch andere Körperstellen bedeckten. Zum Glück gab es eines Tages aus der Krankenstation ein Mittel, und die Heilung trat ein. Damit war das Parasitenproblem aber noch nicht zu Ende, denn nach den Flöhen machten sich die Wanzen im Lager breit. Besonders im Hochsommer waren die Plagegeister aktiv. Besonders ekelig war der Gestank, wenn man sie zerdrückte. Ich hatte die erste Begegnung mit den Tierchen in Breslau, jedoch nur mit toten Wanzen, die ich bei der Renovierung von Wohnungen unter Schaltern und Steckdosen fand. Verendet.

Zum Glück, aus welchem Grund auch immer, hat mich im Lager keine Wanze gebissen, nur das Krabbeln über die Körperteile störte mich. Wenn ich nachts eine Wanze spürte, packte ich sie vorsichtig und warf sie aus dem Bett. Dieses Ungeziefer hat ja nicht nur gestunken, sondern ebenso scheußlich geschmeckt. Als ich einmal einen Rest Brot, den ich unter meinem Kopfkissen aufgehoben hatte, in den Mund steckte, biß ich auf eine Wanze, die sich dort verkrochen hatte: ein unvergeßliches Erlebnis. Am Beginn der sogenannten Wanzenmonate befreiten wir die Betten auf dem Hof mittels Lötlampen von den Parasiten. Die in den Ritzen verborgenen Plagegeister wurden somit restlos verbrannt.

Wenn ich heute höre, was die Kameraden unserer Veteranengruppe, die ebenfalls in Wladimir und Umgebung eingelagert waren, erlebten, hatten wir – wie die Kameraden im Traktorenwerk – enormes Glück. Wir hatten eine Lagerkapelle, die regelmäßig Konzerte veranstaltete, zu denen auch russische Gäste kamen. Wir hatten eine Fußballmannschaft, die in gewissen Abständen gegen die Mannschaft des Traktorenwerkes im Stadion von Dynamo Wladimir spielte. Im Lager selbst wurde laufend angebaut, zuletzt die Unterkunft für die Jugendkompanie, wo man uns, die Jüngsten im Lager der Jahrgänge 1924-1927 einquartierte. Die Einrichtung bestand aus zweistöckigen Betten, die wir besonders in den heißen Sommernächten auf den Hof stellten, um dort zu übernachten.

Etwa Anfang 1948, im letzten Jahr in Wladimir, begannen für mich recht abwechslungsreiche Monate. Als bei der morgendlichen Arbeitsverteilung ein Autoelektriker gesucht wurde, meldete ich mich und begann in einer kleinen Autowerkstatt neben der Kirche am Goldenen Tor den neuen Job in einer Art Fuhrunternehmen mit einem Fahrzeugpark von etwa sieben Lkws sowie einem amerikanischen Ford und den Fabrikaten SIS 5 und GAS, eine Vier-Zylinder-Maschine, die in Gorkij hergestellt wurde und ebenfalls einen Ford-Motor hatte. An diesen Fahrzeugen kannte ich am Ende fast jede Schraube. Auch in dieser Werkstatt erwartete mich das Hauptproblem: die Akkus. Wie bei der NKWD mußte auch hier jedes Fahrzeug mit der Hand angekurbelt werden, da es weder leistungsfähige Akkus noch Lademöglichkeiten gab. Ich nahm mir als dringendste Aufgabe vor, so etwas zu beschaffen und erinnerte mich an die bei der NKWD ausgemusterten amerikanischen Fahrzeuge, welche mit einer leistungsstarken Ladeeinrichtung ausgestattet und praktisch im Schrott gelandet waren. Von einem dort noch beschäftigten Kameraden erhielt ich auch eine Lichtmaschine, einen Dynamo, mit dazugehörigem Laderegler. Jetzt brauchte ich nur noch einen passenden Antriebsmotor. Da wir oft im Traktorenwerklager, was sich inmitten des Werksgeländes befand, Kameraden besuchten und somit auch unbehelligt die Wachposten passierten, sprach ich dort einen Kameraden diesbezüglich an, der mir empfahl, während der Mittagszeit in der zweiten Halle rechts einen passenden Drehstrommotor abzubauen. Ich begab mich nun, mit einer Art Rucksack ausgerüstet, zur empfohlenen Zeit in die Halle und hatte auch bald das Passende eingepackt.

Nun mußte ich mich nur noch mit meiner Beute möglichst unauffällig durch den Ausgang schleichen, was auch gelang. Somit hatte ich endlich das, was mir fehlte und was die gesamte Werkstatt zufrieden machte. Wie schon zuvor bei der NKWD, kam ich auch hier mit den russischen Fahrern in Kontakt, die von Zeit zu Zeit von ihren Fronterlebnissen berichteten. So war einer auch Zeuge, wie ein Landsmann über eine Gruppe deutscher Gefangener herfiel und etwa zwölf Mann mit dem Messer massakrierte. Ein anderer berichtete von Berlin, wo einer seiner Kameraden fast täglich unterwegs war und Uhren von den Bewohnern raubte. Obwohl man ihm nahelegte, damit aufzuhören, konnte er es nicht lassen, was dazu führte, daß man ihn eines Tages mit eingeschlagenem Schädel auf der Straße fand.

Fast über den gesamten Zeitraum hinweg wurden in diesem Lager immer wieder Freiwillige für besondere Aufgaben, primär für NKWD-Angehörige, gesucht. Eines Winters etwa brauchte man drei Mann zum Ausheben eines Grabes auf dem städtischen Friedhof – gegen Sonderleistungen. Ich hatte mich auch dazu gemeldet. Wir wurden mit dem notwendigen Gerät zum Friedhof gefahren und machten uns an die bis auf einen halben Meter tief gefrorene Erde. Nach etwa einem Meter stießen wir auf einen Kindersarg und entfernten diesen aus dem Grab. Zu unserem Erstaunen öffnete der Begleiter den Sarg, in dem ein noch nicht verwester Junge lag. Der Sarg wurde wieder verschlossen. Was damit weiter geschah, erfuhren wir nicht. Wir wurden reichlich mit Eßbarem entlohnt und heimgebracht.

Ein anderes Mal suchte man im Frühjahr eine Gruppe von fünf Mann für die Aufgabe, auf einem Stück Brachland, unweit der Stadt, einen Sack Saatkartoffeln zu pflanzen. Auch hier war ich wieder dabei. Wir machten uns mit Spaten, etwas anders geformt als unsere, an die harte Erde, die zunächst umgegraben werden mußte, wobei sich die labilen Spaten bogen. Wir steckten die Kartoffeln etwa so, wie wir es daheim gelernt hatten. Wie es der Zufall wollte, war ich beim Ernten wieder dabei und staunte über die reiche Beute von 33 Sack. Daß die riesigen fruchtbaren Ackerflächen brach lagen, war uns unverständlich. Wir wurden dieses Mal mit Rubeln entlohnt und waren es zufrieden.

Fortsetzung folgt.

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