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Posts Tagged ‘Klaus Springen’


Namen zu nennen, ist immer so eine Sache. Manches Mal notwendig, weil nur so Umfang und Fülle zu erkennen sind, oftmals undankbar, weil man doch immer wieder jemanden zu erwähnen vergessen kann, meist dann gleich die wichtigste Person. Heute besteht Anlaß, den Versuch der Vollständigkeit zu unternehmen, heute am 70. Geburtstag von Udo B. Greiner, dem langjährigen Leiter der Lokalredaktion der Erlanger Nachrichten.

Udo B. Greiner, 2. v.l., umgeben von Helmut Schmitt, Sergej Sacharow, dem Ehepaar Angelika und Siegfried Balleis, Peter Steger und Rudolf Schwarzenbach

Udo B. Greiner, 2. v.l., umgeben von Helmut Schmitt, Sergej Sacharow, dem Ehepaar Angelika und Siegfried Balleis, Peter Steger und Rudolf Schwarzenbach, Juni 2012

Sein segensreiches Wirken für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir fand im Blog schon vielfachen Ausdruck. Hinzuzufügen ist dem freilich ein ganz besonderer Umstand. Der Jubilar ist nicht nur selbst mehrfach in die russische Partnerstadt gereist. Er hat es vielmehr verstanden, fast seine gesamte Redaktion für dieses Werk der Völkerverständigung zu gewinnen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit deshalb hier einmal die Namen all der Journalisten, die im Auftrag von Udo B. Greiner die Partnerschaftsarbeit vor Ort erlebt haben: Peter Millian, Wolf-Dietrich Nahr, Axel Mölkner, Rainer Wich, Manfred Öfele, Klaus Springen, Lothar Hoja, Stefan Mößler-Rademacher; für das Bildmaterial aus Wladimir sorgten Hilde Stümpel und Bernd Böhner, wenn die Korrespondenten nicht gleich selbst auf den Auslöser drückten. Und auch wer nicht zu den „Reisekadern“ gehörte, kam nie ganz um das Thema „Wladimir“ herum, sei es in den Bereichen Kultur, Sport, Wissenschaft oder Wirtschaft. Dies erst sorgte für die so breit angelegte Berichterstattung über das Geschehen zwischen Erlangen und Wladimir, und dafür wieder einmal Dank zu sagen, ist heute die Zeit gekommen. Alles Gute zum Geburtstag, lieber Herr Greiner, und auf Wiederlesen!

Mehr zu Udo B. Greiner u.a. hier: http://is.gd/m2g52X

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Heute im Blog ein Rückblick von Heide Mattischeck, der entschieden friedlichen Mitstreiterin Dietmar Hahlwegs für die Partnerschaft mit Wladimir, auf eine private Reise in politisch schwierigen Zeiten mit, wie wir heute wissen, gottlob gutem Ausgang.

Die so behutsam eingefädelten Kontakte zu einer sowjetische Stadt, zu Wladimir, fanden in einem außenpolitisch schwierigen Umfeld statt. Die Bemühungen der sozial-liberalen Koalition und insbesondere Willy Brandts und Egon Bahrs um eine Entspannung zwischen dem Ostblock und der westlichen Welt – Wandel durch Annäherung – wurden von der Nachrüstungsdebatte überlagert. Als im November 1983 der Beschluß der Bundesregierung gefallen war, mit der Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen zu beginnen, war die Sorge nicht unbegründet, dies könnte negative Auswirkungen auf das zarte Pflänzchen der Partnerschaftsbeziehung zu Wladimir haben.

Diese Überlegungen und das starke Bedürfnis nach Erhalt und Vertiefung der Kontakte führten zu der Idee von Claus Uhl (Stadtrat FDP), Heide Mattischeck (Stadträtin SPD) und Klaus Springen (Redakteur bei den Erlanger Nachrichten), einen privaten Besuch in Wladimir abzustatten. Mit dieser Reise wollten die Delegationsteilnehmer den Verantwortlichen in Wladimir, aber auch möglichst vielen Menschen in der sowjetischen Stadt, vermitteln, gerade wegen der Konfrontation zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik seien Kontakte auf kommunaler Ebene und zwischen den Bürgern trotz unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen besonders notwendig.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck

Die Idee wurde zügig umgesetzt. Auch wenn diese Reise eine private Initiative war, wurde selbstverständlich der Oberbürgermeister darüber informiert. In einem Schreiben an seinen Kollegen Michail Swonarjow, das Dietmar Hahlweg den Delegationsteilnehmern mit auf den Weg gab, drückte er seine Hoffnung auf eine weitere gute Entwicklung der noch jungen Kontakte aus. Auch kündigte er in diesem Schreiben an , er habe Herrn Uhl und Frau Mattischeck gebeten, vorbereitende Gespräche für geplante Austauschprogramme im folgenden Jahr zu führen. Zum aktuellen Anlaß des bevorstehenden Besuches formulierte der Oberbürgermeister: „Wir bedauern es zutiefst, daß es in diesem Jahr nicht möglich war, endlich die unselige Rüstungsspirale in ihrem Drang nach oben aufzuhalten, dieses Bemühen vielmehr sogar einen Rückschlag erlitten hat. Alle Seiten sollten sich dadurch aber bei aller Enttäuschung und Verhärtung nicht entmutigen lassen, sondern im nächsten Jahr neue Wege suchen. Wir haben keine andere Alternative als die friedliche Koexistenz, wenn die Welt überleben will“. Auch einen Brief des Landtagsabgeordneten Karl-Heinz Hiersemann an den Stadtsowjet von Wladimir konnten die Reiseteilnehmer mitnehmen. Darin äußerte dieser die Hoffnung, eine Städtepartnerschaft zwischen Wladimir und Erlangen könne trotz der Irritationen im Ost-West-Verhältnis zur Völkerverständigung ihren Beitrag leisten.

Die Reise nach Wladimir fand vom 8. bis zum 11. Dezember 1983 statt. Nachdem der Besuch in Wladimir angekündigt worden war, leisteten die sowjetische Botschaft, Intourist und die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Beziehungen (SSOD) unbürokratische und schnelle Hilfe z. B. bei der Visa-Beschaffung. Die drei Touristen mit einem politischen Anliegen wurden wie beim ersten Besuch im Sommer des gleichen Jahres überaus gastfreundlich empfangen – in Moskau bereits von der stellvertretenden Bürgermeisterin Wera Sorina. Ein umfangreiches Programm war vorbereitet. Dazu gehörten Gespräche mit der Stadtspitze, der Besuch in einer Schule und eines großen Armaturenwerkes. Die drei Erlanger bekamen damit Gelegenheit, ihren ganz persönlichen Appell für ein friedliches Zusammenleben der Völker vorzubringen und sich vom Raketenbeschluß der Bundesregierung und der sofortigen Stationierung zu distanzieren. Sie sprachen sich für eine atomwaffenfreie Zone in Europa aus und berichteten über die vielseitigen Friedensinitiativen in Erlangen und der Bundesrepublik. Im Vordergrund stand jedoch die Sorge, die noch junge Partnerschaft könne durch die Großwetterlage gefährdet sein. Diese Sorge auf Seiten der Erlanger Delegation wurde durch die Herzlichkeit und besondere Aufmerksamkeit, die man den Gästen entgegenbrachte, zerstreut. Anzunehmen ist natürlich, daß die Wladimirer Seite und damit die sowjetischen Verantwortlichen den privat initiierten Besuch nicht von einer offiziellen Visite unterschieden. Eine derartige private Aktion war damals von der anderen Seite schlechthin nicht vorstellbar.

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Nach der Rückkehr nach Erlangen und einem ausführlichen Bericht in den Erlanger Nachrichten, den Klaus Springen, stellvertretender Redaktionsleiter und Delegationsteilnehmer in der Weihnachtsausgabe veröffentlichte, brach ein kleiner Sturm aus. Die CSU-Fraktion hatte die Teilnahme an der Reise nach Wladimir im Sommer des Jahres mit der Begründung abgelehnt, es gebe in Wladimir ein berüchtigtes Gefängnis für politische Häftlinge. Dieses Thema hatte Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg bei offiziellen Gesprächen durchaus angesprochen. Die CSU, ihr Fraktionsvorsitzender Gerd Lohwasser, rügte Stadtrat Claus Uhl für seine Äußerung in Wladimir, er, Claus Uhl, protestiere dagegen, daß von deutschem Boden abermals die Gefahr eines Krieges ausgehe. Zitat Lohwasser: „Dies ist eine völlig unhaltbare und mit nichts zu entschuldigende Aussage. Denn es ist doch ganz selbstverständlich, daß von deutschem Boden niemals mehr Gefahr für den Osten ausgehen darf und ausgehen wird“. Lohwasser warf den beiden Stadträten vor, sie seien als Kommunalpolitiker gar nicht kompetent gewesen, sich dort (in Wladimir) zu wichtigen außenpolitischen Fragen zu äußern. Deshalb würden die Äußerungen von Claus Uhl und Heide Mattischeck von einer vorgesetzten Behörde untersucht. Diese völlig überzogene Reaktion der CSU-Fraktion waren wohl nicht zuletzt der im März 1984 bevorstehenden Kommunalwahl geschuldet und der Hoffnung, mit einem vermeintliche „Skandal“ zu punkten.

Die Reaktion der Regierung von Mittelfranken ließ nicht lange auf sich warten. Mit Schreiben vom 27. Januar 1984 an den Oberbürgermeister der Stadt Erlangen wurde angefragt, ob es sich bei der Reise nach Wladimir/UdSSR um eine offizielle Delegation gehandelt habe. In diesem Fall wäre es rechtlich bedenklich, wenn die beiden Stadträte Äußerungen zur Verteidigungs- und Rüstungspolitik abgegeben hätten. Durch die Berichterstattung vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sei der Eindruck eines offiziellen Besuches entstanden. Der Oberbürgermeister wurde um Aufklärung des Sachverhaltes gebeten. In seinem Antwortschreiben nahm Dietmar Hahlweg wie folgt Stellung:

Die Reise erfolgte aus eigenem Entschluß und auf eigene Kosten der Reiseteilnehmer. Es trifft zu, daß ich nach der Unterrichtung über ihr Vorhaben die Gelegenheit wahrgenommen habe, dem Staatsratsvorsitzenden in Wladimir ein Schreiben überbringen zu lassen. Ferner habe ich – das ist in diesem Schreiben auch erwähnt – Frau Mattischeck und Herrn Uhl gebeten, nach Möglichkeit vorbereitende Gespräche über das angestrebte Austauschprogramm und den schon vereinbarten Besuch einer offiziellen Delegation der Stadt Waldimir in Erlangen, hier vor allem die Frage, ob ein bestimmter Termin akzeptiert wird, zu führen.

Damit war die Aufregung erschöpft. Es war wohl eher ein Sturm im Wasserglas. Die so positive Entwicklung der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir hat gezeigt, daß die – vielleicht naive – Initiative von drei engagierten Menschen zumindest nicht geschadet hat. Das behutsame Bemühen von Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, auch die CSU-Fraktion von der Bedeutung der Partnerschaft mit einer sowjetischen Stadt zu überzeugen, hatte schlließlich Erfolg. Heute, bei wiederum schwieriger außenpolitischer Konstellation, besteht hoffentlich keine Gefahr, daß die über 30jährige Partnerschaftsbeziehung darunter leiden könnte.

Heide Mattischeck

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Der gestern hier aufgegriffene Gedanke von Klaus Springen findet zwar in der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir jeden Tag seinen anschaulichen Ausdruck, aber er ist einfach zu schön, um ihn nicht noch einmal zu zitieren: „Vielleicht war die Reise auch ein Exempel für die, die in ihrem Kämmerlein ihre Vorurteile pflegen. Man muß etwas für den Frieden tun – zum Beispiel nach Wladimir fahren!“ Das nämlich hat Ende Juli eine neunköpfige Pfadfindergruppe vom Stamme Asgad vor, um, einer Idee von Oberbürgermeister Florian Janik folgend, im Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik Blauer Himmel gemeinsam mit russischen Studenten einen „Pfad der Sinne“ anzulegen. Da war bei dem gestrigen Treffen im Blockhaus noch vieles im Werden und Entstehen, aber mit Hilfe von Wolfram Howein, dem ehrenamtlichen Berater des Blauen Himmels zeichneten sich rasch erste Konturen ab: Welches Werkzeug, welche Ausrüstung, welchen Finanzrahmen man brauche… Alles Fragen, bei deren Lösung aber auch Stadtrat Helmut Wening, im „Nebenehrenamt“ überdies Erster Vorsitzender des Förderkreises der Pfadfinder vom Stamme Asgard, behilflich sein will.

Sergej Sagitow, Wolfram Howein und Helmut Wening mit dem größeren Teil der Reisegruppe vom Stamm Asgard

Sergej Sagitow, Wolfram Howein und Helmut Wening mit dem größeren Teil der Reisegruppe vom Stamm Asgard

Nach einem gut einstündigen Trainingslauf im Sebalder Forst ebenfalls dabei Sergej Sagitow, der gestern mit der sechsköpfigen Vorhut – weitere vier Gäste reisen heute an – des munteren Wladimirer Laufvereins Bodrost eingetroffen ist und die Sentenz von Klaus Springen partnerschaftlich wendet und spiegelt: „Man muß etwas für den Frieden tun – zum Beispiel nach Erlangen fahren!“ Das tun die Sportler nun schon zum vierten Mal in Folge, um am morgigen Winterwaldlauf in der Brucker Lache teilzunehmen, mit alten wie neuen Gesichtern, in einer Stadt, die, wie es der Nordische Geher und Delegationsleiter, Anatolij Mitrofanow, so schön ausdrückt, „uns zur zweiten Heimat geworden ist, wo wir uns bei Freunden wohlfühlen.“

Angekommen im Hause Stackmann

Angekommen im Hause Stackmann: Sergej Satiow, Olga Sagitowa, Nikolaj Petrow, Chankischi Emirgamsajew (sitzend) und Anatolij Mitrofanow, Lilia Samjatina, Manuela und John Stackmann

Für dieses Gefühl weiß bestens das Ehepaar Manuela und John Stackmann zu sorgen, in deren Haus die lauffreudigen Freunde ein Willkommensessen erwartete – und natürlich jede Menge Läuferlatein über all die vielen Wettkämpfe, hinter und vor den Sportlern liegend. Hauptsache: nicht zu ernst und keinesfalls verkrampft angehen, schön locker bleiben. Deshalb heute nur ein paar leichte Trainingsrunden, damit die Beine morgen dann sicher über alle Runden und rasch ins Ziel tragen. Und wenn noch einige Zuschauer zu den Läufen – über 15 km um 13.00 Uhr und über 10 km um 15.15 Uhr – kommen wollten, würde das die Stimmung sicher nur noch weiter aufhellen. Deshalb mehr zu der Veranstaltung hier: http://www.winterwaldlauf.de

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Heide Mattischeck ist gewiß keine Quotenfrau. Lange vor Erfindung dieser Fördermaßnahme für das schöne Geschlecht hat sie sich ihren Platz in der Politik mit Kompetenz, Fleiß und Bürgernähe erobert und bestimmte als SPD-Stadträtin von 1972 bis 1991 maßgeblich die Geschicke Erlangens mit, bis sie dann von 1990 bis 2002 sogar als Bundestagsabgeordnete ihren fränkischen Wahlkreis in Bonn und Berlin vertrat. Neben all den vielen kommunal- und innenpolitischen Fragen, die Heide Mattischeck beschäftigten, trieb sie ein Thema besonders um: die Aussöhnung mit dem Osten nach einem Krieg, unter dem gerade ihre eigene Familie, die den Vater verlor und dann auch noch vertrieben wurde, so schlimm zu leiden hatte.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck

Als der damalige Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, so erinnert sie sich, Anfang Juni 1881 gemeinsam mit den Schriftstellern Inge Meidinger-Geise und Wolf Peter Schnetz in Moskau wegen einer Partnerschaft zu einer sowjetischen Stadt vorfühlte, gehörte die UdSSR noch zum „feindlichsten Ausland“. Die ersten Bemühungen zur Verständigung, angeregt von der Ostpolitik mit ihrem Motto „Wandel durch Annäherung“, fanden in einem gar nicht so wohlwollenden Umfeld statt. Die Konservativen, wie die passionierte, nun aber schon pensionierte Volksvertreterin rückschauend ohne Vorwurf urteilt, waren zunächst strikt gegen die Absichten der Sozialdemokraten. Die ersten Schritte hatten also etwas Gewagtes an sich. Schwieriges Terrain für ein Stadtoberhaupt, das immer auf Ausgleich bedacht und gerade bei den internationalen Beziehungen darauf aus war, Einmütigkeit über alle politischen Lagergrenzen hinweg zu erzielen. Kaum möglich, sollte man meinen, wenn die CSU fast geschlossen gegen die Operation Wladimir stand und wegen des dortigen Zentralgefängnisses, in dem bis 1981 auch Dissidenten einsaßen, dafür auch öffentlichen Beifall erhielt. Bis schließlich doch ein CSU-Stadtrat aus der Phalanx ausbrach und seine Parteifreunde davon überzeugte, daß es möglich wäre, eine Bürgerpartnerschaft mit Wladimir zu beginnen. Doch wir eilen voraus und nehmen vorweg, was hier ein andermal Anlaß zum Rückblick geben soll.

Iwanow und Heide Mattischeck

Igor Iwanow, Vorsitzender des Stadtrates Wladimir, und Heide Mattischeck

Man schrieb das Jahr 1983, Sommer, als Dietmar Hahlweg mit den beiden Stadträten Heide Mattischeck und Claus Uhl, FDP, begleitet vom Journalisten Peter Millian, Erlanger Nachrichten, das noch gänzlich unbekannte Gelände 200 km nordöstlich von Moskau erkundete. „Ein Glück“, so Heide Mattischeck, „daß wir Peter Millian dabei hatten – er besetzte den der CSU zustehenden, von ihr aber nicht genutzten Platz in der Delegation -, der dem Unterfangen ebenso aufgeschlossen wie kritisch gegenüberstand, wußten wir doch gar nicht so recht, wie das wohl alles gehen würde. Ohne die spätere Berichterstattung in den EN hätten wir die Kontakte nie so schnell in der Bürgerschaft verankern können.“ Man hatte sich wohl vorbereitet, wußte, daß man mit der Aufnahme von Verbindungen zur UdSSR bundesweit zu den ersten zehn Kommunen gehörte, in Bayern sogar bis dato die einzige Stadt mit derlei Ambitionen war. Aber wer konnte schon vorhersagen, ob man sich menschlich verstehen und einander näherkommen würde? Schließlich hatten weder Wladimir noch Erlangen die Wahl füreinander getroffen, sondern die Gesellschaft für Völkerfreundschaft in Moskau hatte sich als Schmuser eingeschaltet und dem Brautwerber Dietmar Hahlweg die Herzdame des Goldenen Rings zur Vermählung präsentiert.

MIra Woronitschewa, Peter Millian und Dietmar Hahlweg

MIra Woronitschewa, Peter Millian und Dietmar Hahlweg

Und dann der Beweis dafür, daß auch arrangierte Ehen das Zeug zum Glücklichwerden haben können: „Wir hatten von Beginn an das Gefühl, gerngesehene Gäste zu sein. Natürlich war zu der Zeit der Kommunismus noch dogmatisch und wurde recht strikt ausgelegt.“ Überraschend für Heide Mattischeck auch, wie sehr das ideologische Korsett mit traditionellen Mustern durchsetzt war und aufgelockert daherkam. Überall konnte man den Stolz auf die eigene Kultur und das russische Brauchtum spüren, etwa wenn man den Gästen Brot und Salz reichte. Und dann überhaupt die großartigen Vorführungen auf den Bühnen, gar nicht vergleichbar mit unserer Amateurkultur und nur erklärlich durch die Kombinate mit ihren eigenen Budgets für Kultur und Sport.

Gruppenbild der neuen Partner und Freunde mit Peter Millian am Auslöser

Gruppenbild der neuen Partner und Freunde mit Peter Millian am Auslöser

Natürlich konnte man sich damals noch nicht frei bewegen, schon gar nicht als Mitglied einer offiziellen Delegation. Man wurde förmlich mit Gastfreundschaft und Betreuung „ummantelt“. Gerne hätte Heide Mattischeck einmal auf eigene Faust in einem Laden einen Samowar gekauft. Doch kaum hatte sie den Wunsch geäußert, als sie anderntags im Hotel schon eine ganze Auswahl verschiedener Geräte aufgestellt vorfand. Vielleicht wollte man aber auch einfach der Besucherin die triste Leere eines sozialistischen Kaufhauses vorenthalten. Daneben die bis heute so lebendige Erinnerung daran, wie nah man sich persönlich kam, wie offen die Gespräche verliefen. Wenn es denn überhaupt zwischen Gastgebern und Gästen noch emotionales Eis zu brechen gab, dann war das spätestens zu dem Zeitpunkt gelungen, als Heide Mattischeck und Michail Swonarjow, der mittlerweile verstorbene Oberbürgermeister von Wladimir, während einer Rauchpause im Park eines Gewerkschaftserholungsheims auf ihre Väter zu sprechen kamen, die sie beide noch als kleine Kinder im gleichen Jahr auf der Krim verloren hatten. „Berührend war das“, erinnert sich Heide Mattischeck und ergänzt: „Er hätte ja gar nichts davon erzählen müssen.“ Es sind wohl vor allem solche unscheinbaren Begebenheiten am Rande der großen politischen Erklärungen – so wichtig sie zweifellos waren und bleiben -, die den Kitt für eine Freundschaft zwischen den Städten und Menschen abgeben, der bis heute nicht bröckelt.

MIchail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

MIchail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

Trotzdem: Eine fremde Welt war das schon. Bei der Abholung am Flughafen ging es durch die VIP-Schleuse. Bis nach Wladimir fuhr man in zwei Limousinen, für die auf der ganzen Strecke der Weg freigehalten wurde, was die Gäste erst später bemerkten. Und in Wladimir selbst konnten sich die Besucher aus dem bereits verkehrsberuhigten Erlangen nicht daran gewöhnen, mit welchem Tempo sie durch die Stadt chauffiert wurden. Die Fußgänger spritzten regelrecht zur Seite. Einmal versuchte Dietmar Hahlweg über die Dolmetscherin Mira Woronitschewa an seinen Kollegen die Botschaft vom rücksichtsvollen Fahren heranzubringen, doch für den Gastgeber war das kein Thema, bei dem er sich aufgehalten hätte… Befremdlich auch, in den Restaurants immer alles verhangen vorzufinden, regelrecht abgeschirmt von anderen Gästen. Dabei bogen sich die Tische immer unter den Speisen – darunter fast schon peinlich viel Kaviar – und Getränken, wobei Heide Mattischeck sich von Wera Sorina, der stellvertretenden Bürgermeisterin, gern vor zu viel Wodka schützen ließ.

Picknick auf Russisch

Picknick auf Russisch

Auf der Rückreise legte die Gruppe noch bei Dirk Sager, dem ZDF-Reporter vom Studio Moskau, in der Hauptstadt einen Halt ein und verbrachten einen langen Abend bei ihm in der Wohnung. Der erfahrene Korrespondent ermutigte die Gäste, auf dem Weg der Partnerschaft voranzuschreiten, doch weder Heide Mattischeck noch Claus Uhl hätten sich wohl vorstellen können, noch im gleichen Jahr erneut nach Wladimir zu reisen. Und das kam so: Im Zuge der Diskussion um den Nachrüstungsbeschluß – den sowjetischen SS-20-Rakten sollten amerikanische Pershings Paroli bieten – verschlechterte sich das Klima zwischen den Blöcken zusehends, die Diskussionen nahmen an Schärfe zu, es ging hart auf hart. Da erhielt Heide Mattischeck im Herbst 1983 von Claus Uhl eines Abends einen Anruf aus einem Restaurant in der Goethestraße in etwa folgenden Inhalts: „Weißt Du schon, daß wir, Klaus Springen und ich, heuer noch nach Wladimir fahren wollen? Willst Du nicht mitkommen?“ Wie sollte die Friedenskämpferin so ein Angebot ablehnen?!

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Anfang Dezember ging es los. Die beiden Stadträte – ohne politischen Auftrag -, begleitet von Klaus Springen, dem viel zu früh verstorbenen damaligen stellvertretenden Chefredakteur der Erlanger Nachrichten und späteren Leiter des Ressorts Kultur, fuhren in jeder Hinsicht auf eigene Rechnung nach Wladimir, um den russischen Freunden zu erklären, daß sie für den Frieden und gegen die Nachrüstung seien. Heide Mattischeck erinnert sich: „Die Wladimirer haben das volle Programm gemacht und uns durch Fabriken geschleppt, wo wir unsere Meinung kundtaten. Natürlich haben die Gastgeber das ideologisch genutzt, aber unser Anliegen war es, in Wladimir klarzumachen, daß wir die Partnerschaft wollten und uns die politische Großwetterlage nicht würde entmutigen können.“ Heftige Kritik setzte es damals für den Alleingang der drei Friedensbotschafter im eigenen Auftrag seitens der CSU, aber Heide Mattischeck findet auch im Rückblick, damals richtig gehandelt zu haben. „Geschadet hat es bestimmt niemandem.“ Der Nachrüstungsbeschluß wurde zwar umgesetzt, doch die Partnerschaft mit Wladimir – nach einer Verlobungsphase bis 1987 – ebenfalls.

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Heide Mattischeck bleibt Wladimir bis heute eng verbunden. 1993 war sie beim Fränkischen Fest dabei, dann 2003 bei der 20-Jahr-Feier und 2005 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, wo sie gemeinsam mit Veteranen aus beiden Städten Bäume gepflanzt hat. Nächstes Jahr will sie – wieder auf eigene Faust – mit einer kleinen Gruppe mit dem Zug nach Wladimir… Und schließlich ist da noch Percy Gurwitz, der sich mit Hilfe der Genossin aus Erlangen seinen Traum vom deutschen Paß erfüllen konnte. In Anspielung an ein altes Kirchenlied könnte man deshalb getrost sagen: Was sie tat, das war wohlgetan.

Und doch: Bedenkenträger brachten die Reise bis vor den Regierungsbezirk Mittelfranken, der über die Rechtmäßigkeit des Unterfangens richten sollte, in der lokalen wie überregionalen Presse – das Internet gab es damals ja noch nicht – gifteten Eiferer gegen die „nützlichen Idioten der Kommunisten“, sogar in der Deutschen Welle schlug der außenpolitische Casus hohe Wogen. Die Gemüter haben sich aber mit den ersten Beweisen für einen Austausch von Mensch zu Mensch rasch wieder beruhigt, und spätestens ab 1986 verstummte in der Erlanger Kommunalpolitik auch noch die letzte Stimme gegen die Zusammenarbeit mit Wladimir. So war die Schlagzeile „In Wladimir für den Frieden“ in der Weihnachtsausgabe 1983 der Erlanger Nachrichten nicht nur für das Fest ausgelegt, sie brachte jenes pragmatisch-programmatische Leitbild zum Ausdruck, das noch heute Gültigkeit besitzt, damals aber persönlichen Mut und politischen Weitblick forderte.

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Überlassen wir das letzte Wort Klaus Springen, der seinen Artikel wie folgt abschließt: „Wünsche vieler Erlanger Bürger konnte die Gruppe mit nach Wladimir nehmen, von Menschen, die bereit sind, den Dialog über den Frieden jenseits politischer Gesellschaftssysteme und Kalküle der Regierenden zu führen. Vielleicht war die Reise auch ein Exempel für die, die in ihrem Kämmerlein ihre Vorurteile pflegen. Man muß etwas für den Frieden tun – zum Beispiel nach Wladimir fahren!“

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