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Posts Tagged ‘Karl Türmer’


Wie die Pracht der orthodoxen Kirche mit der Macht des russischen Staates mittlerweile nach den sieben Jahrzehnten der Trennung vom und der Verbannung aus dem öffentlichen Leben unter der kommunistischen Herrschaft wieder verbunden ist, zeigt in Wladimir das Denkmal mit der Figur des Fürsten von Wladimir, der sich 988 nach dem byzantinischen Ritus hatte taufen lassen und darauf das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Mit dem Schwert in der Hand.

Wladimir der Täufer vor der im Wiederaufbau befindlichen Freitagskirche

Die Freitagskirche, 1960 abgerissen, wird nun mitten im Zentrum von Wladimir wiederaufgebaut und bekam den Täufer der Kiewer Rus als Patron zur Seite gestellt. Eher eine Randbeobachtung am gestrigen 1. Mai, dem „Tag des Frühlings und der Arbeit“, der natürlich auch in der Partnerstadt gefeiert wurde.

Festzug zum 1. Mai

Doch anders als es der Name der Partei der Macht „Einiges Rußland“ suggeriert, ist es mit den politischen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten nicht mehr so weit her. Die Kommunisten verweigerten sich nämlich dem einheitlichen Aufmarsch und machten ihr eigenes Ding im Stadtpark mit Musik und Feldküche, weil ihnen die Position der Gewerkschaften als zu lasch und staatstragend erscheine.

Festzug zum 1. Mai vor dem Goldenen Tor

Dennoch setzte sich der Festzug um 10 Uhr in beachtlicher Länge vom Goldenen Tor bis zum Kathedralenplatz in Marsch, wo sich schließlich etwa 5.000 Menschen versammelten, um der Musik und den Reden zu lauschen.

Festliche Straßensperrung zum 1. Mai

Anders als früher, noch gemeinsam mit den Kommunisten, kaum ein Wort über die internationale Solidarität, über den weltweiten Kampf für die Rechte der Arbeitnehmer. Dafür viel patriotischer Kampfgeist, bei dem man freilich nie so recht weiß, inwieweit er auch tatsächlich die Köpfe erreicht und begeistert.

Feierlaune zum 1. Mai

Aufhorchen machte allerdings eine junge Frau, Mitglied der paramilitärischen patriotischen Bewegung „Junge Garde“, die, in Kadettenuniform gewandet, ein Kampfgedicht aus eigener Feder vortrug, in dem sie im Namen der Kämpfer in der Ostukraine der russischen Politik für die Unterstützung dankte und ihr Elaborat mit der Mahnung gipfeln ließ, auf die Ruinen des Reichstags werde man eines Tages das Wort „Donbaß“ schreiben.

Kulturprogramm zum 1. Mai

Derlei martialische Rhetorik will der Blog für sich sprechen lassen und lieber den Blick wieder dem Thema der Verständigung zuwenden. Gegen Mittag nämlich traf im Erlangen-Haus ganz kurzfristig angekündigter Besuch ein. Hochwillkommen und mit erfreulichen Nachrichten. Jan Kantorczyk, seit zwei Jahren in der Deutschen Botschaft Moskau als Leiter des Kulturreferats tätig, besucht derzeit mit seiner Frau – privat – zum ersten Mal Wladimir und Susdal, ist aber mit der Städtepartnerschaft schon länger vertraut. So hat er für den Erlanger Chor „Vocanta“ am 1. Juni in Moskau – zum Abschluß der Wladimir-Tournee – in der Kathedrale St. Peter und Paul zu Moskau einen Auftritt organisiert: sicher der Höhepunkt dieser Konzertreise. Und dann ist der Botschaftsvertreter auch noch dabei, den Wladimirer Künstler, Wladimir Chamkow, nach Erlangen zu vermitteln. Mehr noch, die Partnerstädte könnten sogar Restmittel für die Förderung von Kulturveranstaltungen aus einem Botschaftsprogramm beantragen.

Peter Steger mit Jelena und Jan Kantorczyk

Viel Zeit blieb dem Ehepaar im Erlangen-Haus leider nicht, denn Wladimir und Susdal wollen ja noch erkundet werden, und da wartet auch schon länger Alexander Papin aus Melenki, einer Kreisstadt im Süden der Region, der zu einer Reise in die deutsch-russische Vergangenheit einlädt.

Gedenkstein für Karl Türmer

Am Wegrand der 150-km-Strecke, für die man mit dem Wagen gute zweieinhalb Stunden braucht, liegt ein Gedenkstein für Karl Türmer, 1999 errichtet von der Forstverwaltung zum 175. Geburtstags des Deutschen, der in dem später nach ihm benannten Ort Tjurmerowka im Landkreis Sudogda die nachhaltige Waldnutzung eingeführt hatte. Die Inschrift lautet denn auch „Deiner Hände Werk – ein Diamant aus Wald“. Mehr zu diesem Werk unter: https://is.gd/5QYkF7

Gedenkkreuz für deutsche Kriegsgefangene

Ziel der Reise ist aber Sokolje, etwa elf Kilometer von Melenki entfernt mitten im Wald gelegen. Auf der Karte ist gar keine Straße mehr eingetragen, die zu dem Ort führt, und in der Tat erlebt man hier augenfällig das Sterben der russischen Dorfkultur. Gestorben sind hier aber auch Soldaten der Wehrmacht, eingesetzt beim Torfabbau. Alexander Papin, der seine Familie als Moskau-Pendler ernährt, weil es vor Ort kaum noch Arbeit gibt, hat die Begräbnisstätte eher zufällig entdeckt. Auf seinen Radtouren machte ihn ein Einheimischer auf den Friedhof im Wald aufmerksam.

Alexander Papin und Peter Steger

Weitere Nachforschungen ergaben, daß hier tatsächlich vor 1945 16 Deutsche beigesetzt wurden, alle aus dem Lager Sokolje mit der Nummer 190/22. Die Idee ist nun, die Namen der Kriegsgefangenen zu recherchieren und dann ein kleines Mahnmal zu errichten, möglichst mit einer Erneuerung des Denkmals für die sowjetischen Gefallenen des Orts.

Sokolje

Damit die Gebeine nicht ganz anonym ruhen, hat Alexander Papin ein provisorisches Birkenkreuz über die Gräber gelegt. Auch ein Hinweisschild hat er selbst entworfen. Aber das ist ihm nicht genug. Die Erinnerung läßt ihn nicht ruhen: „Uns Russen und Deutsche verbindet so viel über die Gräber hinweg. Das müssen wir auch klar zeigen.“

Kreuzung im Wald

In Sokolje, einst eine blühende Siedlung mit allem, was man fürs Leben brauchte, kennt man den Pfadfinder der Geschichte als den „Mann mit dem Fahrrad“ und spricht ihn auch so an, um gleich die Frage folgen zu lassen: „Und, was ist mit den Deutschen?“

Alexander Papin im Gespräch mit Einwohnern von Sokolje

Aus eigenem Erleben erinnert sich niemand mehr an die Gefangenen, die Alten sind gestorben oder „nicht mehr ganz richtig im Kopf“, aber die Erzählungen der Eltern und Großeltern leben noch fort. In Holzbaracken lebten die „armen Kerle“, harte Arbeit hatten sie zu verrichten, bewacht wurden sie kaum, denn wohin hätten sie auch schon fliehen wollen in dieser Einöde…

Hauptstraße von Sokolje

Im Lager, von dem keine Zeugnisse mehr erhalten sind, herrschte demnach eine ganz eigene Ordnung, nach der die Gefangenen meist selbst übereinander Gericht hielten. Wenn jemand gegen die Regeln verstieß, ahndete man das selbst, weil jeder Übeltäter ja den eigenen Leuten schadete: „Wegen dir müssen wir alle noch länger hier bleiben“, hieß es dann.

Willkommen im Dorfklub Sokolje

Vom Hunger erzählten die Eltern und Großeltern – und davon, daß man den Deutschen immer wieder Brot über den Zaun warf, um das sie sich dann balgten, für das sie sich aber auch immer bedankten. Kein Groll ist da mehr herauszuhören, eher Verständnis: „Man hat sie doch in den Krieg gezwungen, das waren ja oft noch ganz junge Burschen, die gar nicht wußten, was sie taten. Hoffentlich passiert so etwas nie wieder.“

Aushang vor dem Dorfklub

Von den einst 1.000 Einwohnern der in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründeten Arbeitersiedlung leben heute noch weniger als einhundert in Sokolje. Die Jugend ist längst fortgezogen, geblieben sind die Alten; nicht einmal Datschen von Städtern stehen hier. Kein Laden, kein Kindergarten, kein Arzt, die Busverbindung ist eingestellt. Nicht einmal einen Gemeindefriedhof findet man. Das Leben endet hier.

Abschied vom Dorfleben

Über die Gräben des Torfabbaus und die Gräber der Gefangenen hinweg bleibt nur die Erinnerung. Und die verbindet. Wenn es tatsächlich gelingen sollte, hier eine Gedenkstätte einzurichten, würden die Einheimischen gern dabei sein: „Das ist doch unsere gemeinsame Geschichte, und wir tragen euch Deutschen nichts nach. Ihr seid uns immer willkommen.“

Glanz der Kreuze in Murom

Ob die schneidige junge Frau im Militäraufzug am Morgen auf der Tribüne vor der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale in Wladimir eine Vorstellung davon hat, was Krieg bedeutet? Ob sie ihre Worte zu Ende gedacht hat? Friedrich Nietzsche nannte den Krieg den „Winterschlaf der Kultur“. Gestern wurde dem das Erwachen des Frühlings entgegengesetzt, der Aufbruch zu noch mehr Austausch und Verständigung. Vielleicht zu wenig, zu hilflos, aber gewiß auch stärker als wir manchmal selbst zu glauben wagen.

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Wer die Wladimirer Wälder kennt, kennt Karl Türmer, den man mittlerweile sogar auf Wikipedia findet – übrigens mit Link auf die im Blog erstmals auf Deutsch erschienenen russischen Briefe des deutschen Forstwirts an Wladimir Chrapowizkij, seinen adligen Arbeitgeber, allerdings ohne Quellenangabe. Sei’s drum. Wir nehmen es da genauer und verweisen heute auf einen Film über das Wirken von Karl Türmer für die Wladimirer Wälder, produziert vom Lokalsender Wlad-TV und abzuspielen unter http://is.gd/ZnjYp3.

Karl Türmer

Karl Türmer

Natürlich helfen Russisch-Kenntnisse, die historische Dokumentation zu verstehen, aber die Bilder vom russischen Wald, den ein Deutscher so nachhaltig kultiviert hat, daß seine Schonungen aus dem 19. Jahrhundert heute als Forstdenkmäler gelten und Vorbildcharakter genießen, diese Naturansichten sprechen auch für sich. Und dann ist da noch ein Sprecher, der Germanist Wiktor Malygin, ein Sprachrohr der Städtepartnerschaft, mit den Einsprengseln auf Deutsch zu hören. Gewidmet ist der Film dem „lichten Andenken“ des früh verstorbenen Regiseurs Rawus Bagirow, der in den 90er Jahren enge Verbindungen zu Erlangen unterhielt, Mehr zu Karl Türmer und seinem Wirken hier in Ihrem Blog unter: http://is.gd/WJMcII

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Bürger, schaut auf dieses Schloß!“ überschreibt Hans Gruß den vierten Teil seiner Eindrücke von einer Privatreise nach Wladimir und in die Umgebung der Partnerstadt Ende Juni / Anfang Juli. Dem ist entgegenzuhalten: „Leser, schaut auf diesen Autor!“ So macht der Blog richtig Freude.

Schloßruine Chrapowizkij

Ein Wochenende war ich zu unseren langjährigen Freunden nach Sudogda, auf die Datscha, eingeladen. Sudogda liegt so ca 35 km südöstlich von Wladimir. Eins der besten Quellwasser kommt u.a. von dort. Aber in der Nähe steht auch das Schloß des Grafen Wladimir Chrapowizkij. Dieser hatte um 1880 Frankreich bereist, dort die Schlösser bewundert und wollte nun auch so ein Schloß in Rußland bauen. Das ist ihm vortrefflich gelungen. Als er die französischen Adligen zu einem Gegenbesuch nach Sudogda einlud, waren die erstaunt, wie schön das Anwesen geworden war. Aber der russische Edelmann erklärte den erstaunten Gästen, es handle sich nur um die Gebäude für das Dienstpersonal sowie die Ställe für die Pferde.

Ansicht des Schlosses aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Das Hauptgebäude war sehr beeindruckend. Photographien und Ansichten von damals findet man unter dem Link http://tectonika.ru/hrapovitskij.html, wenn man des Russischen mächtig ist.

Innenansicht aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Das Schloß hatte damals schon eine zentrale Warmluftheizung, angeblich die erste im Russischen Reich, und moderne Sanitäranlagen. Es war ein Zentrum kulturellen Lebens. Und für die Park- und Waldanlagen wurde ein deutscher Forstbeamter namens Karl Türmer angeworben. Er schuf ein riesiges Arboretum mit Bäumen aus der ganzen Welt und einzigartige Parkanlagen. Zu seinem Andenken wurde ein Dorf Tjurmerowka benannt, und ein Gedenkstein für ihn steht heute noch im Wald.

Hans Gruß am 1999 zum 175. Geburtstag von Karl Türmer errichteten Gedenkstein.

Nach der Oktoberrevolution wurde jedoch alles enteignet, dem Staat übergeben und in eine Militärschule bzw. ein Lager umfunktioniert. Und seit 30 Jahren dem Verfall preisgegeben. Das letzte Familienmitglied des Hauses Chrapowizkij starb 1980 in Paris.

Innenansicht des Schlosses heute.

Vor zehn Jahren habe ich die Schloßruine zum ersten Mal gesehen. Die Hoffnung der umliegenden Gemeinden war, die Moskauer Denkmalsbehörde werde grünes Licht für eine Sanierung geben. Das hat sich leider bis heute nicht ereignet. Und so habe ich das Schloß jetzt in einem noch erbärmlicheren Zustand gesehen. Man sagte mir, daß in nochmal zehn Jahren es unwiederbringlich verfallen sei. Trotzdem kommen heute noch Touristen, um diese Ruine zu besichtigen.

Der Neuschwanstein-Vergleich in der Lokalzeitung von Sudogda.

Es könnte, saniert, wie Neuschwanstein dastehen, mit den entsprechenden Besucherzahlen. Die lokale Sudogdaer Zeitung schrieb gerade einen Artikel darüber. Dies würde natürlich der Region den bitter nötigen Aufschwung bringen.

Also, wer sich dafür interessiert, sollte einen Abstecher von Wladimir aus riskieren, bevor es zu spät ist.

Hans Gruß

Mehr zu Wladimir Chrapowizkij und seinem Märchenschloß unter: http://is.gd/dy5RFl; und mehr zu Karl Türmer unter: http://is.gd/3qRQGH.

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Märchenschloß des Fürsten Chrapowizkij

Daß Wladimir und Susdal am Goldenen Ring liegen und mit ihren Sakralbauten viel zu bieten haben, braucht hier nicht eigens erwähnt zu werden. Neu ist aber in der Region die Entdeckung des Ökotourismus, der nach dem Willen der Lokalpolitiker im Landkreis Sudogda entwickelt werden soll. Diese auch „sanfter Tourismus“ genannte Art des Reisens war deshalb dieser Tage Thema einer Konferenz mit Teilnehmern aus ganz Rußland. Veranstaltet wurde das Treffen auf dem Gebiet des ehemaligen Landguts des Grafen Wladimir Chrapowizkij mit seinem Märchenschloß, von dem der Blog bereits am 26. Juni 2009 berichtet hat.

Der Kreis Sudogda, im Osten unmittelbar angrenzend an Wladimir, gehört zu den – wie wir es sagen würden – strukturschwachen Landstrichen der Region, dafür reich gesegnet mit Natur. Hier stehen die Reste der Wälder von Karl Türmer (s. Eintrag im Blog vom 25. Juni 2009), hier gibt es eine Anzucht für Heilpflanzen, ökologische Lehrpfade, man baut Ginseng an, und Pilzsammler können in Kursen lernen, wie man sicher Beute macht bei der stillen Jagd und die Trophäen anschließend zubereitet oder trocknet. Und schon ist man mitten im Wald, oder besser im Forst von Kubajewsk, der als Naturdenkmal eingestuft wird.

Wer Klöster, Kirchen und Kunst erleben will, bleibe in Wladimir und Susdal, so das Fazit der Konferenz, wer aber der Natur auf die Spur kommen will, sei in Sudogda bestens aufgehoben. Fjodor Lawrow, Rektor der Wladimirer Filiale der „Russischen Internationalen Akademie für Tourismus“, in Erlangen auch als Mannschaftsführer des Altherrenteams von „Torpedo Wladimir“ bekannt, findet dafür eine griffige Formel: „Wir haben weder Gold noch andere Bodenschätze, wohl aber den Reichtum unserer Wälder, unserer Natur. Diesen Reichtum sollten wir nutzen. Die Menschen wollen ja nicht nur Kirchen sehen, sondern auch Natur erleben.“

Rudern auf der Sudogda

Am besten erfährt man die Natur vom Boot oder Kanu aus, wenn man sich die Sudogda (nach ihr ist die Kreisstadt mit ihren 15.000 Einwohnern, ca. 40 km außerhalb von Wladimir gelegen) hinabtreiben läßt bis in die Kljasma. Zumal der Fluß, aus dessen Einzugsgebiet Wladimir den Großteil seines Trinkwassers bezieht, wieder zur Heimat des Gründlings geworden ist, eines Bioindikators für hohe Gewässergüte. Auch die Angler werden sich über die Rückkehr dieses Karpfenfisches freuen. Aber ob es tatsächlich gelingt, in den Kreis Sudogda Naturfreunde in nennenswerter Zahl zu locken, ist fraglich. Für die Russen selbst ist der Begriff „Ökotourismus“ noch ein rechtes Fremdwort, und Ausländer assoziieren mit Rußland (noch) nicht unbedingt eine intakte Natur, die zu entdecken sich lohnen würde. Außerdem fehlt es in und um Sudogda bisher an der Infrastruktur für den Fremdenverkehr, Investitionen sind notwendig, von denen noch niemand weiß, woher sie kommen könnten – und schließlich gilt es auch, die Naturschönheiten zu erhalten, was ebenfalls nicht kostenlos zu haben ist. Aber immerhin: Ein Ziel hat man sich gesteckt. Es werden sich auch Wege finden, es zu erreichen. Vielleicht auch gemeinsam mit Erlanger Naturschutzgruppen.

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Muromzewo - historische Ansicht von den KaskadenWer gestern die Briefe Karl Türmers an Wladimir Chrapowizkij gelesen hat, mag sich gefragt haben, wer das denn sei, der da den deutschen Förster auf sein Gut geholt hat. Und in der Tat, es lohnt, sich mit ihm und dem auseinanderzusetzen, was er seiner Heimat hinterlassen und was die mit seinem Erbe gemacht hat.

 

Muromzewo - historische Ansicht mit GartenGraf Wladimir Chrapowizkij war Sproß eines angesehenen Adelsgeschlechts im Gouvernement Wladimir und übernahm vom Vater gewaltige Ländereien und einen riesigen Forstbetrieb. Vor allem dank dem Holzhandel wurde er zu einem der reichsten Männer der ganzen Region.

 

Muromzewo - Ensemble heute - Photo Wladimir SemiletowWie fast alle russischen Adeligen reiste auch er gerne nach Europa, wobei Frankreich es ihm besonders angetan hatte. Wenn man den französichen Noblen einen gewissen Dünkel nachsagt, wird man ihnen gewiß nicht unrecht tun. Es klingt also durchaus glaubwürdig, wenn überliefert wird, daß man dem Reisenden aus der russischen Provinz zu verstehen gab, in dessen Heimat suche man wohl vergebens derart prunkvollen Schlösser, wie man sie an der Loire finde. Das ließ der Wladimirer Edelmann nicht auf sich sitzen, fühlte sich in seiner Ehre verletzt und holte Pjotr Bojzow, einen der ansehensten Baumeister Rußlands auf sein Gut in Muromzewo. Von 1884 bis 1989 entstand nun, vierzig Kilometer östlich von Wladimir, inmitten von Wäldern eine einzigartige Parklandschaft mit einem Palais, das seinesgleichen sucht. Ausgerechnet wegen der Bauart der Kirche überwarf sich der Graf mit seinem Architekten, und so entstand die erst 1899.

Muromzewo - Ensemble - Detail - Photo Wladimir SemiletowDie besondere Liebe des Landadeligen gehörte dem Park mit einer Fläche von 40 ha. Die Kaskaden, der Pferdestall, der Hundezwinger, die Jagdhütte, die Remise, die Kirche, die Weiher, die ungezählten botanischen und ornitologischen Raritäten… Ein Juwel, von dem fast nichts mehr zu erkennen ist. Ganze 8 ha sind noch übrig von der einstigen Landschaft, die streng im französischen Stil gehalten war. Alles abgetragen, zugewuchert, zugebaut.

Muromzewo - Mosaikboden - Photo Wladimir Semiletow1917 kam das schreckliche Ende für den landschaftsarchitektonischen Traum. Wladimir Chrapowizkij mußte seinen Besitz dem Staat übergeben, der in dem Palais eine Forstfachschule einrichtete, die dort bis 1979 blieb. Nach deren Auszug brannte es zwei Mal, und der Verfall nahm seinen bis dato unaufhaltsamen Lauf. Und der Märchengraf? Er emigrierte mit seiner Frau in sein geliebtes Frankreich, das er zu Hause so gelungen hatte nachbauen lassen, und verstarb dort völlig verarmt in einem Altenheim am Mittelmeer.

Muromzewo - PferdestallWelche eindrucksvolle Schönheit die neugotischen Bauwerke mit viel Eklektizismus ausstrahlen mußten, belegt eine Anekdote: Als der Schloßherr eines Tages einen französichen Gast empfing, staunte der nicht schlecht und soll gesagt haben: „Mon dieu, das Palais sieht ja aus wie der Palast, in dem ich geboren bin!“ Darauf der stolze russische Adelige: „Das ist doch erst der Pferdestall! Das Palais liegt dahinter…“

Murmozewo - Turmansicht - Photo Wladimir SemiletowEs ist ein Jammer, um es zurückhaltend auszu-drücken, daß man Muromzewo so hat verfallen lassen. Was könnte man hier für Festspiele veranstalten, was wäre das für ein touristisches Juwel: ein Schloß mit Park, wie Ludwig II von Bayern es sich nicht hätte schöner erträumen können. Doch der Traum ist ausgeträumt. Es wird sich wohl kein Investor mehr finden, um den Komplex wieder instand zu setzen. Und so bleiben – bis zum völligen Verfall – die Ruinen stehen wie Mahnmale, leblos, verlassen, traurig. Einzig die Kirche ist wieder in Betrieb, und das Gedächtnis an die Wälder von Karl Türmer wird bewahrt. Doch bald wird Muromzewo nur noch etwas für die Archivare sein.

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Iwan Schischkin - Waldarbeiten, 1867, Tretjakowskij Galerie, MoskauUnter der Regie und aktiven Mitwirkung von Helmut Horneber ist in den 90er Jahren ein reger Austausch von Forstleuten entstanden. Seine Nachfolger blieben noch einige Jahre in dieser guten Tradition, doch dann kam in Bayern die große Forstreform, die wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund stellte, die organisatorischen Strukturen änderten sich, die Aufgaben, die Personen. Inzwischen sind die Kontakte abgebrochen. Aber sicher nur vorübergehend, denn zu eng sind historisch die Verbindungen zwischen der deutschen und der russischen Forstwirtschaft. Wie lebendig die Erinnerung an diese Gemeinsamkeiten in Rußland sind, zeigt eine kleine Internetrecherche nach dem Namen Karl Türmer. Seiten über Seiten findet man da (freilich nur im russischen virtuellen Raum) an Aufsätzen und Hinweisen auf einen Förster, dem die russischen Wälder viel zu verdanken haben.

Eduard Schaschkow aus Wladimir ist es aber zu verdanken, daß ein Teil der Briefe Karl Türmers an seinen Gutsherrn, Wladimir Chrapowizkij an die Öffentlichkeit kommt. Die Lektüre der Schreiben läßt das Bild eines Mannes entstehen, der im Dienst an Mensch und Wald seine Erfüllung gefunden und ein Erbe geschaffen hat, das bis heute in Landschaftsschutzgebieten der Region Wladimir bewahrt wird.

Zunächst aber die Einführung von Eduard Schaschkow. Die Briefe sind am Ende als PDF-Datei angehängt.

Karl TürmerAls Material dieses historischen Abrisses dienten Briefe und Vorträge von Karl Türmer, die im Archiv des Gouvernements Wladimir gefunden wurden. Sie zeugen davon, daß der deutsche Forstmann ein Asket Rußlands war. Während die Heiligen Sergej Radoneschskij und Sarafim Sarowskij ihre spirituelle Größe aus religiösen Überzeugungen schöpften, ging Türmer von einem zutiefst wissenschaftlich geprägten Verhältnis zur Natur aus. Er gab sich voll und ganz dem Anlegen von Wäldern hin und pflegte zu sagen: „Ich bin froh, wenn ich etwas zum Nutzen der Wälder tun kann.“ Besonders wertvoll erscheint mir dabei, daß Türmer sich das Wohl des russischen Volks angelegen sein ließ. Selbst ein Mann von hohen moralischen Maßstäben, forderte er dies auch von Menschen aus seiner näheren Umgebung, ungeachtet ihrer Titel und Amtsstellungen.

Karl Türmer - Kunzendorf - Photo P. VölkelKarl Türmer wurde 1824 in dem kleinen Ort Kunzendorf, Oberschlesien, in der Familie des Oberschäfers Franz Türmer geboren. 1843 machte er seine Prüfungen zum Forstwirt. Einige Jahre lang arbeitete er dann als Forstgehilfe in Deutschland. 1853 tritt Türmer in die Dienste des Grafen Uwarow auf seinem Gut „Poretschhje“, Kreis Moschajsk, Gouvernement Moskau. Er kam zu dem Schluß, der Wald dort sei vernachläßigt, die Forstwirtschaft unrentabel. Daraufhin studierte er die Anzuchts- und Wirtschaftsbedingungen und nahm eine Neuorganisation der Forstwirtschaft in Angriff. Sein Prinzip lautete dabei „Nachhaltigkeit und Ausgeglichenheit“. Dies entspricht den modernen Regeln der Forstverwaltung, soll doch der Wald vielfältig genutzt und dabei nicht übernutzt werden. Türmer löste zwei schwierige Probleme: die Steigerung der Produktivität natürlicher Wälder und die Pflanzung nachhaltig genutzter Wälder aus Menschenhand. Um erfolgreich zu pflanzen, schrieb Türmer, seien folgende Voraussetzungen notwendig: vor allem gute gleichartige Baumsamen, eine besondere Bodenbeschaffenheit (mit Asche) für die Anzucht, um gesunde Setzlinge zu erhalten. Für das Auspflanzen hat jede Baumart ihr eigenes ideales Alter. Notwendig des weiteren: eine sorgfältige Bodenbearbeitung und Pflanzung sowie eine ständige Pflege der jungen Setzlinge.

Karl Türmer - Expedition in seinen WaldDer Förster aus Deutschland wies nach, daß die Produktivität der Wälder in der Moskauer Gegend gesteigert werden könnte, würde man Mischwälder pflanzen. Diese Ideen kommen heute bei der Planung von Wäldern aus Menschen-hand zum Tragen. „Die gesündesten Bäume,“ schrieb Karl Türmer, „wachsen in gemischten Pflanzungen heran. Am besten sei es, lichtliebende Arten wie Kiefer, Birke, Lärche und Eiche mit schattenliebenden wie Tanne, Linde und Haselnuß zu mischen. Großen wissenschaftlichen und praktischen Nutzen zeigen Pflanzungen mit Kiefer und Tanne. In Kulturen mit zehn Bäumen zu sieben Kiefern und drei Tannen oder drei Tannen und sieben Kiefern auf Sand-Lehm-Böden zeigen sie gute Wechselwirkungen. Mit dieser Mischung läßt sich ein maximales Wachstum erzielen.“ Die Ergebnisse der Forstwirtschaft in Poretschje sprachen sich rasch unter Förstern, Waldbesitzern und Wissenschaftlern herum. Karl Türmer nutzte den Baum vollständig: zum Heizen verwandte er die Stümpfe und Wurzeln, Trockenreisig und Bruchholz. Diese Richtung entwickelt man derzeit in den USA und in Schweden, wo Versuche zur vollständigen Nutzung aller Holzabfälle bis hin zum Laub und den Nadeln gemacht werden. Mit ihren über hundert Jahren zeigen diese Wälder aus Menschenhand kaum einen äußeren Unterschied zu Naturforsten. Unter ihrem Dach wachsen Ebereschen, Haselnuß, Holunder, Wacholder, Gräser und Moose. Viele Vögel nisten hier, und es gibt Säugetiere. Dies beweist, daß es Karl Türmer gelungen ist, nachhaltige ökologische Systeme zu schaffen.

Karl Türmer - Das Palais Chrapowizkij in MuromzowoVon 1892 an arbeitete Karl Türmer als Oberförster der Muromer Waldreviere des Grafen Wladimir Chrapowizkij im Gouvernement Wladimir. Kleinere Pflanzungen diese Forstmannes gibt es auch im Gouvernement Kaluga. Im September 1900 verstarb Karl Türmer im Alter von 76 Jahren im Kirchdorf Likino, Gouvernement Wladimir. Gräfin Uwarowa ließ ihm für seinen Dienst an den russischen Wäldern an der Mauer der Mariä-Geburts-Kirche in Poretschje ein Denkmal aus Granit mit der Inschrift errichten: „Du hast dir ein großes Denkmal in den Wäldern errichtet.“ Zum 175. Geburtstag Türmers stellte das Forstamt Andrejewsk, Wladimirer Gouvernement, eine Stele mit der Aufschrift auf: „Was du mit deinen Händen geschaffen, ist ein Walddiamant.“ „Schön und aufstrebend ist dieser Wald gepflanzt. Die jungen Förster sollen diese Großtat ihres Vorgängers sehen, bevor sie den langen und beschwerlichen Weg des Dienstes am Wald einschlagen,“ beschrieb Leonid Leonow, der Autor des Romans „Der russische Wald“, seine Eindrücke von den Türmer-Wäldern. In den Briefen und Vorträgen, die wir verkürzt wiedergeben, kommen die hohen menschlichen Qualitäten dieses Hirten des Waldes und Lehrmeisters alles Förster zum Ausdruck.

Hier klicken für die Briefe Karl Türmers an Graf Wladimir Chrapowizkij

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