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Posts Tagged ‘Juta Schnabel’


Das Thema, das sich das Gesprächsforum Prisma bei seinem mittlerweile dritten Zusammentreffen gestern in der Wladimirer Akademie für Verwaltung und Wirtschaft stellte, erschöpfend an einem Nachmittag abhandeln zu können, auch wenn der sich – eine gute Stunde länger als geplant – bis in den frühen Abend hinein erstreckte, hatte wohl niemand in der Runde erwartet. Aber die Gastgeber, Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Akademieleiter Wjatscheslaw Kartuchin als Moderator, unterstützt von Fachleuten aus der Journalistik und der Wissenschaft, hatten das richtige Rezept gefunden, um alle, Deutsche und Russen, zur Frage „Objektivität von Massenmedien bei der Globalisierung“ miteinander in einen fruchtbaren Austausch von Meinungen und Argumenten zu bringen. Nur zwei Impulsreferate seitens Wladimir – von Wjatscheslaw Kartuchin und dem Politologen Roman Jewstifejew als Komoderator – sowie ein Vortrag von Wolfgang Mayer, ehemaliger Wirtschaftsredakteur der Nürnberger Nachrichten und zehn Jahre lang Mitglied des Deutschen Presserates, zu der Situation der Medien in Deutschland und weltweit.

Das Plenum von Prisma

Was Bürgermeisterin Elisabeth Preuß in ihrem Grußwort für die Erlanger Delegation als „kleine Schritte zum großen Ziel Verständigung“ bezeichnete, erwies sich rasch als ein Gang durch offene Türen. Kein noch so kontroverses Thema blieb nämlich ausgespart, von den viel zu schwachen russischen Gewerkschaften, die es nicht schaffen, wie in Deutschland, Tarifverträge für Journalisten zu erstreiten – bis hin zu den gehäuften Morden an Reportern während der letzten 20 Jahre in der Russischen Föderation. Wer bisher glaubte, die russische Medienlandschaft sei weitgehend gleichgeschaltet, sah sich am Konferenztisch einer großen Vielfalt gegenüber, von den Wladimirer Staatssendern bis hin zu den durchaus kritischen Redaktionen von Pro Wladimir und Zebra-TV oder der Position des Bloggers Kirill Nikolenko, der meinte, der Staat versuche viel zu sehr, die Medien und die öffentliche Meinung zu steuern. Demgegenüber vertrat Wjatscheslaw Kartuchin die Auffassung, seine Landsleute vertrauten gerade angesichts der überbordenden und ungefilterten Flut von Nachrichten und Meldungen mehr einer ordnenden Hand der Behörden. Strittig diese Meinung – auch unter den Gastgebern.

Die deutsche Delegation: Wolfgang Niclas, Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Amil Scharifow und Doris Lang

Einig freilich ist man sich in der Verurteilung von Zensur, die auch das russische Grundgesetz verbietet, oder in der Beobachtung, wie das Internet zunehmend die Meinungsführerschaft übernimmt, altersunabhängig, hier wie dort. Oft zu Lasten der festangestellten Journalisten, deren Zahl aus Kostengründen in den letzten zehn Jahren, wie Wolfgang Mayer ausführte, um ein Drittel abgenommen habe. Häufig auch zu Lasten der Qualität der Berichterstattung, eine Lücke, die zunehmend von Webautoren und Bloggern gefüllt wird. Spätestens hier stellt sich dann die Frage nach der Objektivität, die, wie Richterin i.R., Gerda-Marie Reitzenstein, am Beispiel der Justiz darlegte, ohnehin auch in scheinbar übersichtlichen Sachen wie einem Verkehrsunfall vom jeweiligen Blickwinkel abhänge und schwierig einzuschätzen sei. Wie dann gezielte Falschmeldungen von Übermittlungsfehlern unterscheiden, wie klären, wer etwa richtig liege bei der Wertung dessen, was vor vier Jahren auf der Krim geschah, eine Frage, die der in Erlangen promovierte Historiker, Wolfgang Mayer, so zuspitzte: Annexion oder Beitritt nach einem Referendum?

Roman Jewstifejew, Kirill Nikolenko und Sergej Golowinow

Auf großes Interesse stieß vor diesem Hintergrund bei den Gastgebern die Einführung des Unterrichtsfachs Medienkompetenz an bayerischen Schulen. Denn, wie sich gerade als junger Mensch zurechtfinden in dem übergroßen Angebot an Information, wie Tendenzielles, Unseriöses und gar Hetzerisches von dem unterscheiden, was nicht gleich in jeden Bericht, woran Elisabeth Preuß gelegen ist, die persönliche Meinung des Autors in den Vordergrund stellt, was Fakten und Wahrheit vermittelt. Stoff genug möglicherweise für einen Journalistenaustausch, den zwischen den Partnerstädten aufzunehmen, beide Seiten anregen.

Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer und Elisabeth Preuß

Mehr noch: Roman Jewstifejew, neben seiner Professur an der Akademie auch als Blogger und Publizist ausgesprochen aktiv, macht einen ganz konkreten Vorschlag zum Ende der Veranstaltung: ein Medienprojekt, das die Lebensverhältnisse der Menschen in Erlangen und Wladimir zum Thema hätte, eine Plattform, wo jenseits der politischen Schlagzeilen – denen will der Wissenschaftler damit ein großes Dennoch entgegensetzen – zur Sprache kommt, was die Stadtgesellschaften ausmacht und bewegt. Eine Idee, die noch auszuformulieren wäre, für die Mitstreiter nötig würden, die anzugehen aber jede Mühe lohnen könnte.

Roman Jewstifejew, Gerda-Marie Reitzenstein, Olga Dejewa, Elisabeth Preuß, Wjatscheslaw Kartuchin, Juta Schnabel (1. Reihe), Wladimir Rybkin, Julia Obertreis, Irina Chasowa, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Alexander Illarionow und Doris Lang

Am Ende finden sich auch alle in den Worten von Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, wieder, die an allen drei bisherigen Treffen teilnahm: „Dieses Forum ist ein Glücksfall für die Partnerschaft, und wir müssen es unbedingt fortsetzen.“ Wen wundert es da, wenn beim gemeinsamen Abendessen schon nach einem Termin für Prisma IV im Frühjahr in Erlangen gesucht wird.

P.S.: Nachzutragen bleibt noch der Ausspruch des Tages aus dem Mund von Sergej Golowinow, Chefredakteur von Zebra-TV: „Ein guter Journalist ist ein schlechter Journalist.“ Bisher nur einmal in all den Jahren seiner Tätigkeit sei er von allen in einem Bericht dargestellten Seiten gelobt worden. Oder, wie das Franz Josef Strauß einmal formulierte: „Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp.“

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