Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Jurij Katz’


Am 12. März feierte die „Lernwohnung“ der Selbsthilfeorganisation Swet in Susdal ihren ersten Geburtstag. Die Initiative, vergleichbar mit unserer Lebenshilfe, hat zwar ihren Sitz in Wladimir, eröffnete aber am 5. März vergangenen Jahres in Rothenburgs Partnerstadt ein Haus ein, in dem junge Erwachsene mit unterschiedlichen Behinderungen betreut wohnen und an die Selbständigkeit herangeführt werden.

Jurij Katz vor dem Haus in Susdal, September 2018

Swet erfährt ja schon seit seiner Gründung Anfang der 90er Jahre Unterstützung aus Erlangen, finanziell wie ideell und fachlich. Im Wladimirer Zentrum der Organisation gibt es zum Beispiel ein „Erlanger Zimmer“, eingerichtet mit Spenden aus der Hugenottenstadt. Auch die ersten Wohnungen für selbständiges Leben wurden mit Hilfe aus Erlangen eingerichtet. Doch das Haus in Susdal hat eine ganz besondere Geschichte, die bis ins Jahr 2002 zurückreicht, als die Barmherzigen Brüder Gremsdorf eine Projektförderung für den Blauen Himmel von der Aktion Sternstunden des Bayerischen Rundfunks erhielten, an der sich auch das Erzbistum Bamberg und weitere Sponsoren beteiligten. Man kaufte ein 3.000 qm großes Grundstück, zwischen Wladimir und Susdal gelegen, an, um dort ein Rehabilitationszentrum für Kinder aus der Psychiatrie aufzubauen. Doch die Pläne scheiterten am Widerstand der Anwohner im Dorf Barskoje Gorodischtsche (s. https://is.gd/cNN8b5), der Blaue Himmel fand in Penkino seine Heimstadt, und so entschied die Stiftung Lichtblick, die Liegenschaft der Organisation Swet zu überschreiben. Diese wollte zunächst hier ein Erholungsheim für Familien mit behinderten Kindern bauen, entschied sich aber schließlich zum Verkauf, um aus dem Erlös ein Haus in Susdal mit dem gleichen Zweck zu erwerben.

Baustelle am Haus in Susdal, September 2018

Nun also ist das Haus im Zentrum von Susdal seit einem Jahr bewohnt und gilt als das erste behindertengerechte und selbstbestimmte Hotel der ganzen Region, wenn nicht von ganz Zentralrußland.

Ljubow Katz und der Mädchenchor von Swet mit dem Geburtstagsständchen

Das Ehepaar Ljubow und Jurij Katz schreibt in einem Dankbrief an die Erlanger:

Das Haus steht Gästen offen und beherbergt behinderte junge Menschen, die ihre Selbständigkeit entwickeln, dient aber auch der sozio-kulturellen Rehabilitation. Behinderte Kinder werden ja oft von Alleinerziehenden betreut, 70% der Väter verlassen die Familie im Fall einer Behinderung des Kindes, 32% geben den Kontakte zu ihren Kindern ganz auf, und nur vier Prozent bezahlen Alimente. Da fehlt natürlich das Geld für einen Urlaub oder Aufenthalt in einem Sanatorium. Überdies erhalten Mütter mit behinderten Kindern gar keine Überweisung in ein Erholungsheim, weil da in aller Regel die Voraussetzungen für die jungen Gäste mit Einschränkungen fehlen. Einige der Kinder, die hierher nach Susdal kommen, hatten deshalb noch nie die Möglichkeit, ihren Wohnort zu verlassen. Und nun all die Sehenswürdigkeiten hier in Susdal – und die Möglichkeit, das selbständige Leben zu erlernen.

Geburtstagsfeier

Und weiter schreibt das Ehepaar:

Wir danken allen Freunden in Erlangen, allen anteilnehmenden Menschen dafür, geholfen zu haben, den Traum dieser ganz besonderen Kinder und Jugendlichen wahr werden zu lassen. Sie können jetzt reisen, einander begegnen, eine wunderbare Stadt besichtigen und lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Und Irina Chasowa, Direktorin des Erlangen-Hauses, die unter den Ehrengästen war, ergänzt:

Wirklich großartig, was da mit der Hilfe aus Erlangen geschaffen wurde. Ein kleines Wunder für uns alle!

 

Read Full Post »


Inhaltlich darf man den heutigen Eintrag durchaus als Fortsetzung des gestrigen Berichts über den Besuch der beiden Erlebnispädagogik-Professoren aus Nürnberg in Wladimir verstehen. Nur Ort und Zeit stehen dazwischen und der höhere Praxisanteil.

Arina Alstut stehend, 2. v.l.

Seit 2010 gibt es eine von Jürgen Ganzmann, Leiter des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, und Leonhard Hirl, Gründer der WAB Kosbach, aus Erlangen sowie Jurij Katz, Gründer der Selbsthilfeorganisation Swet in Wladimir, getragene Zusammenarbeit mit dem von Bernd Schleberger, ehemaliger Leiter der  Oberbrucher Rurtal-Schule, in Pskow zusammen mit der Evangelischen Kirche im Rheinland aufgebauten Netzwerk der Sonderpädagogik. Mehr dazu ist hier zu lesen: https://is.gd/fWg0YT

Bernd Schleberger, 1. Reihe, 3. v.l. und Arina Alstut, 7. v.l.

Nach dem letzten Treffen im April in Pskow nahm nun Arina Alstut, Mitarbeiterin des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, vom 16. bis 21. September an der russisch-deutschen Tagung der „Baikal-Plattform für Sozialarbeit“ zum Thema „Soziale Hilfen und soziale Begleitung im Alter und bei Behinderung“ teil. Ziel der Veranstaltung mit mehr als einhundert Fachleuten war es, die Erfahrungen aus beiden Ländern anhand konkreter Fallbeispiele auszutauschen.

Arina Alstut und Bernd Schleberer, 1. Reihe, 4. u. 3. v.r.

In acht Arbeitsgruppen und bei Besuchen in Kinder- und Altenheimen sowie Einrichtungen für Behinderte näherte man sich dem Thema an, wobei Arina Alstut, im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben zuständig für Fragen der Familie, Bildung und Sozialarbeit, Gelegenheit zu einem Vortrag über ihre Erfahrungen erhielt. Offenbar mit so viel Erfolg, daß sie bereits eine Einladung zur Folgeveranstaltung im November nach Moskau erhielt, wieder gefördert vom Bundesverband Deutscher West-Ostgesellschaften.

Arina Alstut, 1. Reihe, 2. v.l.

Schon eine besondere Auszeichnung für Erlangen und Wladimir als einziges Paar einer deutsch-russischen Städtepartnerschaft bei dem Pilotprojekt „Inititative Pskow“ der Evangelischen Kirche im Rheinland mitwirken zu können!

Read Full Post »


Eigentlich würde dieses Jubiläum eine ganz eigene Würdigung verdienen, aber wer Jürgen Ganzmann kennt, weiß, wie wenig ihm an Aufhebens um seine Person liegt. Ihm ging und geht es um die Menschen, in deren Dienst er sich beruflich wie ehrenamtlich stellt. So will es denn auch der Blog heute auch bei der schlichten Bemerkung bewenden lassen, daß der Leiter des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben heuer sein zwanzigjähriges Jubiläum der Zusammenarbeit mit Wladimir begeht und mit immer neuen Ideen und Impulsen weiterführt, was einmal mit der Kinderpsychiatrie begann und fortgesetzt wurde mit dem 2002 von Bundespräsident Johannes Rau ausgezeichneten Projekt „Lichtblick“, das sich dann mit einem weitverzweigten Austauschprogramm mit hunderten von Hospitationen weiterentwickelte zum „Blauen Himmel“, um schließlich in der Einführung von Erlebnispädagogik und in der inhaltlichen Unterstützung der Selbsthilfegruppe für Eltern mit schwerbehinderten Kindern „Swet“ zu münden, um nur die wichtigsten Stationen zu skizzieren.

Jurij Katz, Arina Alstut und Jürgen Ganzmann

Im Jahr 2010 dann eine wichtige Wegmarke mit der Aufnahme einer Kooperation mit Bernd Schleberger, der von Pskow aus ein Netzwerk für die Behindertenarbeit in russischen Städten und Regionen aufbaute. Siehe hierzu: https://is.gd/gjzjaw. Was sich in den Jahren seither tat, verdient höchste Anerkennung und jede denkbare Auszeichnung, denn mittlerweile ist da eine regelrechte Bewegung entstanden, die bilateral auf der Ebene von Experten und Praktikern die Fragen von Inklusion und barrierefreier Gesellschaft spürbar voranbringen. „Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis“, resümiert jedenfalls Jürgen Ganzmann das letzte Treffen in Pskow vom 7. bis 11. April unter dem Titel „Entwicklung eines idealen Modells zu ambulanten Betreuungsdiensten für Menschen mit geistiger Behinderung“.

Jürgen Ganzmann, Ajschat Gamsajewa (Machatschkala), Roman Alexandrow und Jurij Katz

Acht Regionen – von Archangelsk bis Machatschkala, von Kaliningrad bis Irkutsk – und – erstmals als trilateraler Partner eine Delegation aus Minsk – trafen sich mit Jürgen Ganzmann und seiner Mitarbeiterin Arina Alstut – die beiden einzigen Fachleute aus Deutschland! – sowie mit Jurij Katz, Gründer von „Swet“, und Roman Alexandrow, Direktor des Jugendzentrums der Stadtverwaltung Wladimir. Nicht von ungefähr in dieser Konstellation, denn die Kooperation Erlangen-Wladimir gilt mittlerweile in diesen Fragen als Blaupause, und die Erfolge der russischen Partnerstadt – vor allem im Bereich „betreutes Wohnen“ – betrachtet man inzwischen landesweit als wegweisend zu einem idealen Modell. Schon entstanden nun nach dem Vorbild von Wladimir auch in Nischnij Nowgorod und Sankt Petersburg erste Projekte mit betreutem Wohnen. Um einander aber noch besser zu verstehen – die Begriffe sind in ihrer Vieldeutigkeit oft schwer zu übertragen – arbeitet man nun an einem Glossar zum Thema, das auch die unterschiedlichen bürokratischen Systeme transparent machen soll. Ermutigend dabei: Die Nichtregierungsorganisationen erfahren durch die örtlichen Behörden zunehmend Unterstützung, was sich auch darin ausdrückt, daß die Delegationen von Vertretern der kommunalen Verwaltungen begleitet wurden. Nur so lassen sich die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention, die ja auch die Russische Föderation unterzeichnete, erreichen. Die föderalen Gesetze sind nämlich – ähnlich wie in Deutschland – das eine, aber die Durchführung nach Kassenlage vor Ort etwas anderes, das sich nur mit dem Ehrenamt ins Werk setzen läßt.

Jürgen Ganzmann und Bernd Schleberger, stellvertretender Vorstand des BDWO und Koordinator des Projekts

Die nächsten Ziele sind nun neben der Einrichtung weiterer Wohnungen mit Betreuung die Organisation von Reisen für Behinderten. Nischnij Nowgorod denkt da an die Route Moskau –  Wladimir – Kasan, und Jurij Katz lädt eine Behindertengruppe aus Erlangen in sein neueröffnetes barrierefreies Haus nach Susdal ein. Noch nicht genug? Natürlich nicht: Im September reist Arina Alstut nach Irkutsk, um in Vertretung des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben zusammen mit 80 russischen Fachleuten Fragen der Betreuung von Behinderten aller Altersstufen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Eine Einladung, die zeigt, welches Ansehen sich Erlangen auf dem Gebiet erworben hat. Eine Auszeichnung, die Jürgen Ganzmann im zwanzigsten Jahr seines deutsch-russischen Fachaustausches sicher mehr bedeutet als jede Urkunde.

Read Full Post »


Noch einmal kurz zurück zu dem Treffen in Berlin zum Thema „Teilhabe für Menschen mit geistigen Behinderungen in der Kommune“, angelegt als „praktische Konferenz“, also in Form von Arbeitsgruppen, wo Möglichkeiten besprochen wurden, wie man Sozialzentren vor Ort einrichten kann, die eine möglichst gelungene Inklusion von Menschen mit schweren Einschränkungen zum Ziel haben. (Siehe: https://is.gd/d6FWrQ) Wie wichtig man diese Fragen gerade auch in Wladimir nimmt, zeigt die Teilnahme von Roman Alexandrow, dem Direktor des Jugendzentrums, das sich auf diesem Feld stärker engagieren will.

Jurij Katz, Roman Alexandrow, Arina Alstut und Jürgen Ganzmann mit zwei der Redaktion unbekannten Damen in der Mitte

Jurij Katz, Gründer von Swet, einer der landesweit ersten, unserer Lebenshilfe vergleichbaren Initiative für Eltern mit zumeist schwerbehinderten Kindern, nutzte den Besuch in der Hauptstadt gestern auch noch zu einem Arbeitstreffen im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, das er, damals noch geleitet von Dinah Radtke, bereits seit 2008 kennt. Ungläubig erinnert er sich noch an seinen Disput von damals mit der heutigen Ehrenbürgerin, die darauf beharrte, nur jemand mit einer Behinderung könne und solle Beratung für Menschen mit einem Handicap leisten, während der Gast aus Wladimir vor allem auf der Qualität der Konsultation bestand, die nicht vom Grad der persönlichen Einschränkung abhänge. Beide blieben damals bei ihrer Position, und beide hätten sich seinerzeit wohl nicht vorstellen können, daß heute das Zentrum von Jürgen Ganzmann geleitet wird, der zwar weiß Gott viel Erfahrung mitbringt, aber keine eigene Behinderung erkennen läßt.

Jurij Katz, Rainer Keßler, Albina Alstut und Axel Ebinger

Heute sei man da tatsächlich flexibler, meint denn auch Rainer Keßler, der als Leiter der Offenen Behindertenarbeit, freilich weiterhin meint, eine persönliche Betroffenheit erleichtere den Zugang zu Menschen mit einer ähnlichen Behinderung. In der Verwaltung freilich könne man aber – so wie Albina Alstut als Teamleiterin und dank ihrer Russischkenntnisse Verbindungsfrau zu Wladimir – auch als jemand ohne Einschränkungen arbeiten. Stichwort „arbeiten“. Jurij Katz bringt ein neues Projekt ins Gespräch: Einen inklusiven Jugendaustausch zwischen den Partnerstädten. Eine durchaus aufwendige Sache, die hier wie dort viel Vorbereitung braucht. Aber versuchen will man es auf jeden Fall, und schon im Dezember will man die Entscheidung treffen. Ganz im Sinne der „praktischen Konferenz“ in Berlin – etwas zum Anpacken.

Siehe auch: https://is.gd/GRGutg

Read Full Post »


Jürgen Ganzmann, seit 1999 in der Städtepartnerschaft mit Wladimir aktiv, hielt sich Ende vergangener Woche zu einer Tagung in Berlin auf, wo sich im Russischen Haus der Wissenschaft an der Friedrichstraße eine Expertengruppe aus sieben deutsch-russischen Projektpaaren zum Thema Teilhabe von Menschen mit Behinderung trafen. Erstmals dabei auch ein Gast aus Minsk.

Jürgen Ganzmann (2. v.l.) und Jurij Katz (6. v.l.) bei einer Tagung in Pskow, November 2017

Besonders freute sich der Leiter des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, Jurij Katz aus Wladimir, Gründer der Elternselbsthilfegruppe Swet wiederzusehen, mit dem er seit Jahren zusammenarbeitet, und der dieser Tage auch noch in Erlangen erwartet wird. Doch Jürgen Ganzmann wäre nicht der, als den man ihn kennt, wenn da nicht noch mehr wäre, etwa der Plan, auch mit Initiativen aus Irkutsk und Nischnij Nowgorod eine Projektpartnerschaft einzugehen. Denn:

Wenn wir dazu beitragen können, die Gesellschaft in unseren Ländern zu verändern, und Schritte nach vorne gehen, bringt uns das dem Ziel einer möglichst vollständigen Teilhabe für Menschen mit Behinderung näher. Hierfür lohnt sich jedes Engagement.

Jürgen Ganzmann

Gerade das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, das übrigens Anfang der 90er Jahre eine gleichartige Einrichtung in Jena zu gründen half, ist auf diesem Weg sehr weit fortgeschritten, vor allem auch mit der Schaffung von Voraussetzungen für behindertengerechte Arbeitsplätze und damit der Ermöglichung von Inklusion. Da, so Jürgen Ganzmann, ist es besonders wichtig, in Zeiten von politischen Spannungen als Nichtregierungsorganisationen grenzüberschreitend zu kooperieren:

Hier hat sich die Städtepartnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir als äußerst stabil erwiesen. Ich freue mich somit auf die weiteren Gespräche und Ergebnisse dieser Tagung und die künftige Zusammenarbeit mit Wladimir, Irkutsk und Nischnij Nowgorod.

Read Full Post »


Die Stadt

Es war Ende August 2018 nach 14 Jahren meine vierzigste Reise nach Wladimir. Strahlend blauer Himmel, die ganzen zehn Tage lang, der „Jubiläumsreise“ angemessen, meine ich.

Fußgängerzone Wladimir

Es ist immer wieder beeindruckend, zu erleben, wie sehr sich die Stadt in den wenigen Jahren entwickelt hat. Vor 14 Jahren waren Spaziergänge, vor allem bei schlechtem Wetter, eher ein Hindernislauf um Pfützen und Stolperfallen herum, heute sind Gehsteige gepflastert, und man wird allenfalls gelegentlich von Radfahrern gestört, die verständlicherweise die Bürgersteige den von Autos beherrschten Straßen vorziehen.

Fußgängerzone Wladimir

Auch die Straßen wurden modernisiert, nördlich von der Altstadt entstand eine neue, vierspurige Trasse, um den Durchgangsverkehr durch die Innenstadt besser zu verteilen. Allerdings kann der Straßenbau mit der Zunahme der Fahrzeuge nicht mithalten, und damit wird „Stop and Go“ zum Standard während der Rushhour. Das Internetportal mit der aktuellen Verkehrssituation zeigt jeden Tag morgens und nach Feierabend über die Stadt verteilt rot eingefärbte Straßenabschnitte mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von weniger als 2 km/h.

Patriarchengarten

Eine Oase der Ruhe und Erholung ist dagegen die neue Fußgängerzone neben der Hauptstraße am Abhang zur Kljasma. Alte, restaurierte Häuser, Boutiquen und Andenkengeschäfte, kleine Museen sowie drei Aussichtsplattformen mit Blick zur Kathedrale, zur Kljasma und zum Patriarchengarten laden zum Verweilen ein. Dieser Park (Eintritt 80 Rubel) mit einer großen Fontäne und Blick auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale ist besonders schön im Mai, wenn die Kirschen blühen.

Springbrunnen im Zentrum von Wladimir

Ganz neu und erst zum Stadtfest am 26. August eingeweiht, ist der Springbrunnen vor dem Schauspielhaus am Goldenen Tor. Der Brunnen ist ebenerdig mit Gitterrosten angelegt, und so kann man zwischen den in der Intensität ständig wechselnden Fontänen einherspringen, ein Magnet für Kinder und gelegentlich auch für jung gebliebene Erwachsene. Abends erstrahlt das Ensemble dann in bunten Farben, und stündlich wird das Ganze noch mit Musik untermalt.

Wasserfreuden

Nicht weit entfernt liegt die Kirche der katholischen Rosenkranzgemeinde. Natürlich hat Pfarrer Sergej Sujew Zeit, mir die Fortschritte auf der Baustelle des Pilgerzentrums zu zeigen. Strom, Wasser, Abwasser und Heizung sind installiert, jetzt steht der Innenausbau an. Zurzeit wird aber noch an der Außenanlage gearbeitet. Durch einen Gerichtsentscheid wird das Grundstück geschätzte 100 m² größer, was z. B. zusätzliche Parkflächen ermöglicht. Leider erschweren und belasten immer wieder neue Auflagen die Kostenseite und damit den Fortgang der Arbeiten. So müssen jetzt alle Stromzuführungen unterirdisch verlegt werden, und dies trifft nicht nur den Neubau, sondern auch das Pfarrhaus und die Kirche. Bis zur Einweihung des Zentrums wird sicher noch mindestens ein Jahr vergehen, vorausgesetzt, die Spenden kommen rechtzeitig an.

Die Initiative Swet

Seit 1995 besteht in der Region Wladimir die Initiative Swet, in der sich mehr als 800 Eltern von Kindern mit den verschiedensten Behinderungen zusammengefunden haben. Ziel ist es, die jungen Leute aus der durch die administrativen Vorgaben und die medizinische Therapie entstandenen Isolation zu befreien und in die Gesellschaft zu integrieren, ein Recht, das ihnen durch die Gesetze der Russischen Föderation garantiert wird. Swet erfuhr vielfältige Unterstützung durch die Partnerschaft mit Erlangen. Mit Einzelspenden und Spendenaktionen wurden die Projekte gefördert. Mit Unterstützung von Erlangen entstanden Kontakte zu deutschen Einrichtungen und Institutionen der Behindertenarbeit, die WAB in Kosbach stellte z. B. Hospitationen zur Verfügung.

Jurij Katz in Susdal

Einer der Initiatoren und engagierten Repräsentanten ist Jurij Katz, mit dem ich über die Wiederbelebung von Hospitationen bei den Barmherzigen Brüder in Gremsdorf geredet habe. Diese Zusammenarbeit geht zurück auf das Projekt „Lichtblick“ mit dem Kinderzentrum „Blauer Himmel“. Aus dieser Zusammenarbeit erhielt Swet 2015 ein Datscha-Grundstück am Nerl zur geeigneten Verwendung. Das Grundstück wurde dann verkauft, weil die von Swet betreuten Menschen in der Gesellschaft, in Städten leben sollen, ein Leben auf dem Land würde wieder eine Isolierung bedeuten.

Swet-Baustelle in Susdal

Jurij Katz fuhr deshalb mit mir nach Susdal, um die aus dem Erlös des Grundstücks gekaufte Wohnung zu besichtigen. Sie liegt in der Mitte der Stadt, direkt gegenüber von den Handelsreihen. Es handelt sich um eine von drei Wohnungen in einem alten Holzhaus. Zurzeit läuft eine umfassende Renovierung, drei Handwerker waren auf der Baustelle tätig. Es entstehen drei Wohn-/Schlafzimmer, eine Wohnküche, ein WC mit Dusche und ein kleiner Lagerraum. Das Ganze soll als Schulungszentrum für Behinderte (ggf. mit Angehörigen) genutzt werden. Bis zu neun Personen können unterkommen und sollen in ein- bis mehrwöchigen Kursen die Grundlagen eines eigenständigen Lebens erlernen.

Jurij Katz im neuen Zentrum

Danach besuchten wir noch ein Therapiezentrum für behinderte Kinder in Susdal. In sozial schwachen Susdaler Familien sind 80 behinderte Kinder bekannt. Das Zentrum wurde von einer privaten Initiative gegründet, die Organisation Swet hilft beratend.

Therapiezentrum in Susdal

Die Finanzierung erfolgt durch Sponsoren, auch die Stadt Susdal gibt mit kleinen Anteilen Unterstützung. Ein verfallener Gebäudekomplex wird, getaktet durch die Verfügbarkeit von Spenden, Raum für Raum ausgebaut. Es ist immer wieder erstaunlich, was mit einfachen Mitteln erreicht werden kann!

Jurij Katz

Auf dem Weg zurück fällt uns etwa in der Mitte zwischen Susdal und Wladimir auf der linken Seite ein großer Neubau ins Auge, ein privates Museum mit Autos und Motorrädern. Darin befindet sich ein Café, an dessen Bar man auf Motorrädern Platz nimmt.

Wolfram Howein

Wir machen eine Sitzprobe, verziehen uns für unser Gespräch aber gerne auf die Stühle an den nebenstehenden Tischen. Ob sich das Investment rechnet? Ich bin mal gespannt, was daraus in einem Jahr geworden ist, wenn ich mal wieder nach Susdal fahren werde.

Wolfram Howein

Fortsetzung folgt.

Read Full Post »


Persönliche Beratung und Assistenz für Menschen mit Behinderungen ist das zentrale Anliegen des 1989 gegründeten „Zentrums für Selbstbestimmtes Leben“, Themen, mit denen Jürgen Ganzmann als langjähriger ehrenamtlicher Behindertenberater des Landkreises Erlangen-Höchstadt bestens vertraut ist, Themen, die den seit Anfang Juni als Geschäftsführer der Einrichtung tätigen Weisendorfer auch eng mit Wladimir verbinden.

Jürgen Ganzmann

Noch als Leiter der Behindertenwerkstatt der Barmherzigen Brüder Gremsdorf baute er das Projekt „Lichtblick“ mit der Psychiatrie in der russischen Partnerstadt ab 1999 auf und führte dieses einzigartige und mehrfach ausgezeichnete Werk, das schließlich im „Blauen Himmel“ mündete, über alle seine weiteren Stationen als Direktor des Altenheims in Etzelskirchen und später als Geschäftsführer der WAB Kosbach fort.

Jürgen Ganzmann

Nun also das ZSL mit fast 200 Assistenzkräften und einem dreißigjährigen Erfahrungsschatz, der übrigens schon Anfang der 90er Jahre auch in Jena beim Aufbau eines ähnlichen Zentrums fruchtbar wurde. Wer Jürgen Ganzmann kennt, weiß, es wird nicht lange dauern, bis er auch in dieser Funktion im Austausch mit Wladimir ganz neue Akzente setzt. Es sei nur auf die wiederholten Besuche von Jurij Katz hingewiesen, der ja mit seiner Selbsthilfeorganisation „Swet“ etwas durchaus Vergleichbares geschaffen hat.

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: