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Posts Tagged ‘Joseph Brodsky’


Wolfgang Morell, der sein in der Gefangenschaft erlerntes Russisch bis heute erstaunlich präsent hält, stimmte sich gestern mit den Weihnachtsgedichten des in die USA emigrierten russischen Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky auf das Fest ein.

Wolfgang Morell und Peter Steger

Doch auch in Wladimir gibt es Lyrik, auch zum heutigen Anlaß, zu entdecken, etwa von Jekaterina Zwetkowa, mit ihren vom 21. Januar 2004 datierten und heute vom Chefübersetzer der Blog-Redaktion ins Deutsche übertragenen Zeilen:

Jekaterina Zwetkowa mit Väterchen Frost

Dem Wunder der Wunder, ein Segen – / den Augen der Jungfrau vom Kind, / die Allzärtlichkeit der Frauen-Mütter-Bräute gegeben: / Liebe, Unnahbarkeit, gehorsamkeitsblind.

Segnet die Freude, segnet die Trauer / im Unkenntnis-Einheits-Glück, / dem allergeheimsten Sakrament, auf dem  wir alles bauen: / eine Handvoll Rußland, von der russischen Erde ein Stück.

 

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Olga Martynowa

Am 9. Juni beginnt in Erlangen die Fünfte Jahreszeit. Viele zählen schon lange die verbleibenden Tage bis zum Beginn der Bergkirchweih. Einige sollen sich sogar schon einen Bergkalender – wie im Advent – zu Hause aufgehängt haben. Ein denkbar ungünstiger Termin also, sollte man meinen, um just auf diesen Donnerstag vor Pfingsten einen Leseabend zu legen, den man fast schon als Gegenveranstaltung verstehen könnte. Aber gilt nicht noch immer der Spruch eines griechischen Philosophen, am Beginn jeder Handlung stehe der Mut, an deren Ende das Glück? Da bleibt nur, dem Kulturprojektbüro der Stadt Erlangen mit seiner gegen den Strich gebürsteten Reihe „seiten sprünge – Autoren in der Stadt“ das verdiente Glück zu wünschen, wenn es im Bürgerpalais Stutterheim am 9. Juni um 20.00 Uhr so still wird, wie es an diesem bierseligen Abend nur still werden kann, um zu hören, was Olga Martynowa aus ihrem ersten Roman „Sogar Papageien überleben uns“ vorträgt.

Zum Inhalt verrät der Klappentext: Marina, Literaturdozentin aus Petersburg, ist zu Besuch in Deutschland, wo sie bei einem Kon­greß über Daniil Charms und seinen Freundeskreis spricht. Dort trifft sie Andreas wieder, mit dem sie vor 20 Jahren, als er in Leningrad Russisch studierte, eine Liebesgeschichte verbunden hat. Damals war alles anders: Rußland noch die Sowjetunion und Petersburg Leningrad. Daß die Vergangenheit nicht vergangen ist, gilt nicht nur für diese private Geschichte. Marina läßt in ihren Assoziationen ein ganzes Jahrhundert Revue passieren, das nirgendwo sonst so vielfältig und durch gewaltige Brüche fragmentiert gewesen ist wie in Rußland: vom Zarenreich über die Revolution, die Sowjetunion, die Weltkriege, die Belagerung Leningrads durch die Deutschen oder die Perestrojka. Sogar bis ins fünfte vorchristliche Jahrhundert unternimmt die Erinnerung einen Ausflug.

Olga Martynowa

Olga Martynowa fächert in ihrem Roman mit einer bezaubernden Leichtigkeit die vielen Seiten der Vergangenheit auf: Dieses Gleiten von Positionen und Ansichten, das nur die Belletristik vermitteln kann. Sie erzählt von den literarischen Avantgardisten rund um Daniil Charms und Alexander Wwedenskij, vom Nobelpreisträger Joseph Brodsky, von Hippies und Landkommunen in Innerasien, von Auto­stop-Reisen nach Sibirien und vom buddhis­tischen Kloster mit dem unverweslichen Lama. Der genaue Blick der Autorin fördert aber auch über­raschende Beobachtungen an ihrer deutschen Umgebung zutage, immer an der Schnittstelle des interkulturellen Mit-, Neben und Gegeneinanders.

Formal macht sich der Roman die Struktur des Internets zunutze: Über den etwa achtzig kurzen Texten – Prosaabschnitte, Zitate, lyrische Einsprengsel, Dialogfetzen, Apho­rismen – verläuft eine Zeile mit Jahreszahlen; bei jedem Kapitel sind jeweils andere Daten fett gedruckt, der Leser klickt sich gedanklich weiter. „Schwerelos und gleichwohl mit einer erdenden Melancholie“ ausgestattet, so versteht die Frankfurter Rundschau den Roman, und die Neue Züricher Zeitung spricht von einem „wunderbar schwebenden Buch“, in dem die „Zeit zum (Erzähl-)Raum“ wird.

Olga Martynowa wurde 1962 bei Krasnojarsk in Sibirien geboren. Sie ist in Leningrad aufgewach­sen und studierte russische Sprache und Literatur. 1991 zog sie nach Deutschland und lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Oleg Jurjew (eine weitere Leseempfehlung wert!), in Frankfurt am Main. Sie schreibt Gedichte (auf Russisch) und Essays und Prosa (auf Deutsch). Mit ihrem Romandebüt „Sogar Papageien über­leben uns“ (Droschl 2010) kam sie u. a. auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 und auf die Shortlist des Aspekte-Preises 2010. Gerade erst wurde sie mit dem Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet.

Eintritt: 6,- / 4,- €. Kartenreservierung im Kulturprojektbüro der Stadt Erlangen unter Telefon: 09131/86-1030.

Gut möglich, daß die Autorin anschließend auch noch zum Berg pilgert und eines Tages über dieses Schauspiel fränkischer Entrückung und Verzückung schreibt, wie das ihr Landsmann Ilja Ehrenburg, bekannt geworden durch seinen Roman „Tauwetter“, bereits in seinen Erinnerungen „Menschen Jahre Leben“ so anschaulich getan hat. Und dann gibt es ja vom Wladimirer Autor Anatolij Gawrilow die „Ungehaltene Rede“ zur Bergkirchweih, und ein wenig bei Daniil Charms nachzublättern – und sei es im Blog -, kann auch nur die Vorfreude auf Olga Martynowa steigern. Siehe: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/05/20/eine-ungehaltene-rede-zur-bergkirchweih/ und https://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/04/01/empfangnis-eines-dichters-oder-april-april/

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