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Posts Tagged ‘Joachim Herrmann’


Es muß schon ein besonderer Tag sein, wenn der Bayerische Staatsminister des Inneren und für Integration statt zur Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele nach Bayreuth zu reisen im heimatlichen Erlangen bleibt. Es muß schon einen besonderen Anlaß geben, wenn, angeführt von Oberbürgermeister Florian Janik, fast ein Dutzend Mitglieder des Stadtrates, Schulreferentin Anke Steinert-Neuwirth und die Landtagsabgeordnete Alexandra Hiersemann sich im großen Hof des Gymnasiums Fridericianum die Ehre geben.

Florian Janik und Gerhard Nöhring

Geladen hatte gestern Gerhard Nöhring, Direktor des Fridericianum, tatsächlich zu einer besonderen Gelegenheit: 50 Jahre Bezug des Gebäudes in der Sebaldusstraße – und viele Anekdoten der Festredner, etwa die von jener Schülerin, deretwegen der Ohm-Gymnasiast Florian Janik die Freiheiten der Oberstufe nutzte, um durchaus öfter als unbedingt notwendig das Fridericianum zu besuchen.

Florian Janik und Joachim Herrmann

Oder natürlich Joachim Herrmann, den besonders viel mit diesem Ort verbindet. Selbst hier Schüler, besuchten auch seine drei Kinder dieses Gymnasium. Hier war er Schüler- und Schulsprecher, gründete die heute noch quicklebendige „illustre Schülerzeitung Humblatt“ und erinnerte sich beim gestrigen Festakt an den Umzug von der Oberen Karlsstraße in die Sebaldusstraße, die Schüler als Römer gekleidet und in einer Demonstration formiert, die sich von den 1968 gerade auch in Erlangen häufig zu erlebenden politischen Manifestationen durch ihren „humanistischen Geist“ unterschied.

Und natürlich durch eine Tradition, die 273 Jahre zurückreicht, zwei Jahre nach Gründung der Friedrich-Alexander-Universität, um für den akademischen Nachwuchs zu sorgen, eine Geschichte, in der das Fridericianum über mehr als zwei Jahrhunderte das einzige Gymnasium in Erlangen war.

Joachim Herrmann

Aber da gab es gestern auch noch ein zweites Jubiläum zu feiern: 20 Jahre Austausch mit der Schule Nr. 17 in Wladimir. Immer alternierend, einmal – so wie heuer wieder im Herbst – kommt die russische Gruppe nach Erlangen, dann wieder reisen die Erlanger nach Wladimir.

Wladimir-Schaufenster im Fridericianum

Florian Janik lobte denn auch dieses so wichtige internationale Engagement neben den vielen anderen gesellschaftspolitisch relevanten Initiativen des Gymnasiums insbesondere im Rahmen von „Schule ohne Rassismus“.

Gerhard Nöhring

Schuldirektor Gerhard Nöhring darf stolz sein und könnte sagen: „Generatio praeterit et generatio advenit, spiritus scholae vero in aeternum stat.“ – „Die Generationen kommen und gehen, aber der Geist der Schule besteht in Ewigkeit.“ Durchaus gut in so turbulenten Zeiten.

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Wer in Wladimirs bester Lage mit Blick auf die weiten Kljasma-Auen und die schier unendlich hingebreiteten Wälder nächtigen will, kennt das Hotel, wer die russische Küche, meisterhaft zubereitet, in apart-geschmackvoller Atmosphäre genießen möchte, schätzt das Restaurant in der „Wosnesenkaja Sloboda“ – https://vsloboda.ru -, das führende Haus am Platz, gegründet und geführt von Anna Schukowa. Bayerns Innenminister, Joachim Herrmann, war hier vor viereinhalb Jahren zu Gast, zuvor schon hatte Professor Heinz Gerhäuser hier Quartier bezogen, erst im November gaben sich Dirk von Vopelius, Präsident der IHK Nürnberg, und Erlangens Wirtschaftsreferent, Konrad Beugel, hier die Ehre, und kaum eine offizielle Delegation aus Wladimirs Partnerstadt, die nicht hier bewirtet würde. So viel sie schon in ganz Europa und natürlich auch Deutschland auf der Suche nach guten Weinen oder kulinarischen Anregungen unterwegs war, nach Erlangen hatte es die Mutter von vier Söhnen noch nie geschafft.

Willkommen, Anna Schukowa!

Nun also endlich von Donnerstag bis zum Heiligen Abend die Premiere, die – das darf man jetzt schon sagen, ohne zu viel zu verraten – bei aller Kürze der Zeit den vielversprechenden Auftakt zu einer „Nouvelle Cuisine“ der Partnerschaft macht. Anna Schukowa firmiert nicht nur als Besitzerin und Geschäftsführerin der „Wosnesenskaja Sloboda“, sie leitet auch ein weiteres Feinschmecker-Restaurant in Susdal und sitzt dem Hotel- und Gaststättenverband der Region Wladimir vor. Gerade erst ist aus ihrer Feder das Buch „Ein Fest nach Rezept – Ihre Lieblingsspeisen von Köchen des Goldenen Rings“ in einer Auflage von 4.000 Exemplaren im Moskauer Verlag „Э“, ISBN 978-5-699-97473-3, erschienen.

Klaus Kobjoll mit Tochter Nicole und Anna Schukowa

Viel zu besprechen gab es da denn auch im „Schindlerhof“ zu Boxdorf, dessen Gründer, Klaus Kobjoll, dank seinen zahlreichen Publikationen auf Russisch und all den von ihm abgehaltenen Seminaren von Moskau über Nischnij Nowgorod bis Irkutsk natürlich schon lange auch Anna Schukowa als Leitstern gilt. Noch gibt es nur handschriftliche Notizen zu den Gesprächen, der Entwurf einer Rezeptur der Zusammenarbeit bleibt noch unter Verschluß, aber das Päckchen unter dem Christbaum der Partnerschaft verspricht allen Gourmets der deutsch-russischen Küche für das kommende Jahr viele köstliche Überraschungen. Es ist angerichtet!

Roadhouse Blues aus der Jukebox von Klaus Kobjoll

Anna Schukowa, gelernte Köchin mit einem Studienabschluß der Betriebswirtschaft in Moskau und einem Diplom der „Akademie für Tourismus“ in Wladimir, genießt übrigens bei aller Liebe zur Raffinesse und ihrem „kulinarischen Gen“ die bodenständige Küche, tradiert von Mutter und Großmutter noch aus der Kinderzeit in Orenburg, südlich des Urals, wo es keine Fertiggerichte gab, die bei der Hausfrau aus Passion übrigens bis heute nicht in den Topf kommen.

Guten Appetit, Anna Schukowa!

Ein weiteres Prinzip der Besucherin: Alles essen, gern auch Butter, Sahne, Fett, alles, was schmeckt. Nur eben in Maßen. „Vom Guten nur wenig“, wie das russische Sprichwort sagt. Das gilt auch für die Bratwurst, von der eine im Weckla zum genußvollen Mittagessen vollauf genügt. Bei der Diät versagt man sich keine Freude, ohne die Figur aus der Form geraten zu lassen.

Anna Schukowa und Benjamin Förtsch

Viel Wert legt Anna Schukowa, die mit ihrem Team schon den Titel „Chef a la Russe“ gewonnen hat, auf Nachhaltigkeit bei den Lebensmitteln, ihre Lieferanten kennt sie persönlich; weniger hatte sie bisher dieses Thema beim Betrieb ihres 22-Zimmer-Hotels im Auge. Doch da will sie nun vom Kreativ-Hotel „Luise“ lernen, dem Flaggschiff für ökologisches Wirtschaften in Erlangen: Einsparen von Müll und Energie, Einbeziehung von Natur in das Gastgewerbe, Verwendung von biologisch unbedenklichen und wiederverwertbaren Materialien, aber auch ein sozialer Umgang mit dem Personal, von der persönlichen Betreuung der Kunden ganz zu schweigen.

Frohe Weihnachten: Oberbürgermeister Florian Janik und Anna Schukowa

Erst zum Ausklang der Waldweihnacht dann findet Anna Schukowa Zeit, die Partnerstadt zu erkunden, die ihr ältester Sohn bereits mit der Schwimmschule und ihr Mann auf Geschäftsreise besucht haben, und trifft prompt auf einen verblüfften Oberbürgermeister, der zwar weiß, wie intensiv die Kontakte sind, sich dann aber doch wundert: „Sogar über die Feiertage noch Besuch aus Wladimir hier?“

Erlanger Waldweihnacht: Innenminister Joachim Herrmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, Anna Schukowa und Peter Steger

Und Anna Schukowa, wie schafft sie das alles? Im Vorwort zu ihrem Buch versucht sie eine ehrliche Antwort:

Wie ich das alles schaffe, weiß ich selbst nicht. Ich lebe einfach, arbeite, beschäftige mich mit den Kindern und im Haushalt, kümmere mich um meinen Mann, tue, was ich gerne tue und was mir besonderes Vergnügen bereitet – kochen.

Anna Schukowa 8

Weihnachtsbaum „Jolka“, gebastelt von Anna Schukowa

Aber das ist natürlich längst nicht alles: Die Frau des guten Geschmacks bastelt auch noch gern für Freunde, besonders zu Weihnachten. Sie selbst ist gestern wieder nach Wladimir abgereist, aber ihr süßer Gruß bleibt zurück – und das Versprechen, bald, im Frühling, wiederzukommen mit dem deutsch-russischen Rezept für die „Nouvelle Cuisine“ der Partnerschaft.

Bis dahin tröste uns der Roadhouse Blues von den Doors aus der Jukebox von Klaus Kobjoll: https://is.gd/Ff4LiC

 

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Im Mai seinem Freund und Kollegen, Florian Janik, versprochen, als die Erlanger Delegation zum 70. Jahrestag des Kriegsendes und zum 20. Geburtstag des Erlangen-Hauses Wladimir besuchte, und im September die Zusage eingelöst. Sergej Sacharow folgte der Einladung in die Partnerstadt gern, um teilzunehmen an der Veranstaltung des DGB zum Weltfriedenstag, gewidmet der Frage, was deutsch-russische kommunale Zusammenarbeit und Volksdiplomatie in Zeiten geopolitischer Spannungen und vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise leisten können, um Frieden und Verständigung zu bewahren.

Florian Janik und Sergej Sacharow

Florian Janik und Sergej Sacharow

Nichts Selbstverständliches sei das nämlich, wie Wolfgang Niclas, Vorsitzender des Kreisverbandes Erlangen und Erlangen-Höchstadt des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Initiator der gestrigen Podiumsveranstaltung im brechend voll besetzten Großen Saal der Volkshochschule, einleitend meinte, sondern ein Gut, für das man immer wieder neu werben und kämpfen müsse. Derart viel Interesse, Zu- und Widerspruch, hatte er allerdings dann doch nicht erwartet.

Wolfgang Niclas

Wolfgang Niclas

Wohl auch nicht, wie gut es gelang, nach dem fein austarierten Vortrag von Julia Obertreis, Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, zu Vergangenheit und Gegenwart der Ukraine und ihrer Beziehungen zum großen russischen Nachbarn, in den vorgesehenen zehn Minuten die durchaus kontroversen Redebeiträge aus dem Publikum zu bündeln und sogar noch beantworten zu lassen. Ausgesprochen diszipliniert und versiert, ohne Rechthaberei, ohne einseitige Schuldzuweisungen.

Julia Obertreis

Julia Obertreis

Diese vermied auch der Moderator des Gesprächs der beiden Oberbürgermeister, der partnerschaftserfahrene Journalist der Erlanger Nachrichten, Peter Millian, der 1983 zur ersten Delegation gehört hatte, die Wladimir besuchte, und der erst im vergangenen Mai wieder zu den russischen Freunden reiste. Freilich erinnerte er an die gemeinsame Verantwortung von Deutschen wie Russen für die Erhaltung des Friedens in Europa und auf der Welt.

Peter Millian

Peter Millian

Zu dieser Verantwortung gehört für Florian Janik unbedingt auch der gegenseitige Respekt, ganz im Geist von Willy Brandt, dem Vater der Ostpolitik, der seine Initiative des „Wandels durch Annäherung“ auch immer nüchtern als Anerkennung von außenpolitischen Interessen der verschiedenen Staaten verstanden wissen wollte. Um diese unterschiedlichen Sichtweisen besser verstehen zu können, wünscht sich Erlangens Oberbürgermeister gemeinsam mit seinem Wladimirer Kollegen, einer Anregung von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg folgend, die Einrichtung eines Forums, besetzt mit Wissenschaftlern aus beiden Partnerstädten, das sich mindestens einmal im Jahr hier oder dort trifft und offen bespricht, was uns in der Frage der Ukraine trennt und eint. Denn gerade dieses Problem sei es ja, das die bis dato so einvernehmlich kooperierenden Deutschen und Russen, wie Julia Obertreis betont, zumindest auf Regierungsebene auseinandergebracht habe.

Florian Janik

Florian Janik

Dies aber, nämlich Deutsche und Russen auseinanderzubringen, da ist sich Sergej Sacharow sicher, werde im Rahmen der Bürgerpartnerschaft nicht einmal dem böswilligsten Politiker gelingen. Er sieht gerade in dieser Volksdiplomatie, wo so viel auch ohne das Zutun der Rathäuser geschehe, ein Modell für die Zusammenarbeit sogar weltweit und wünscht sich viel mehr Partnerschaften wie die zwischen Erlangen und Wladimir auch mit anderen Ländern: mit der Ukraine und Polen, mit dem Iran und Syrien, mit all den Staaten, wo die Regierungen noch nicht auf Kooperation geschaltet haben. Und etwas anderes noch wünscht sich das scheidende Stadtoberhaupt Wladimirs: „Das Wissenschaftlergremium, das wir einsetzen wollen, sollte der Wahrheit auf den Grund gehen, denn es stimmt, was Julia Obertreis sagt, das erste Opfer jeder kriegerischen Auseinandersetzung ist die Wahrheit.“ Propaganda von Fakten zu trennen, einander im ehrlichen Bemühen um gegenseitiges Verständnis für das jeweilige Verhalten zu begegnen, das ist es, was in einem solchen Forum angestrebt werden sollte. Ohne die wirklich kritischen Fragen auszusparen, wie Karl-Heinz Stammberger aus dem Publikum anmerkte, denn gerade unter Freunden sollte man einander auch unangenehme Wahrheiten sagen können.

Sergej Sacharow und Florian Janik

Sergej Sacharow und Florian Janik

Überhaupt das Publikum, aus dem auch – namentlich von Hans Gruß – die Anregung kam, der Partnerschaftsurkunde einen Friedensvertrag anzufügen, da ein solcher auf Staatsebene noch immer fehle. Sergej Sacharow zeigte sich nicht nur von der großen Zahl der Besucher begeistert, sondern auch von deren Zusammensetzung aus allen Altersgruppen und der Aufmerksamkeit über die mehr als zwei Stunden hinweg. „Alle waren ganz und gar bei der Sache, niemand ist vor der Zeit gegangen, viele hatten nur noch stehend oder auf dem Boden einen Platz gefunden… Und das bei dem schwierigen Thema. Ein eindrucksvolles Zeichen für eine reife Zivilgesellschaft!“

Peter Steger, Sergej Sacharow, Florian Janik und Peter Millian

Peter Steger, Sergej Sacharow, Florian Janik und Peter Millian

Niemand hatte wohl erwartet, man könne am Ende der Veranstaltung eine Lösung für den Ukraine-Konflikt präsentieren. Diese Dinge, darüber sind sich alle im klaren, müssen höheren Ortes entschieden werden und ganz auf der Grundlage von Minsk II. Aber ebenso klar für alle auf dem Podium wie im Saal: Die Städtepartnerschaft leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Bewahrung des Friedens und beweist gerade in der Krise ihre Vitalität, indem sie sich ständig neu erfindet und, wie Florian Janik aus eigener Terminnot zu berichten weiß, derart viel an Austausch mit sich bringt, daß manchmal auch drei Bürgermeister nicht ausreichen, um alle Gäste auch offiziell im Rathaus begrüßen zu können. Aber so soll es ja auch sein bei einer echten Bürgerpartnerschaft.

Auf der Bühne der Bundeswehr-Bigband

Sergej Sacharow, Peter Steger, Florian Janik

Bei aller Disziplin, eine Viertelstunde hatte man dann doch am Ende überzogen. Dabei wurde Florian Janik ja beim Benefiz-Konzert der Bigband der Bundeswehr erwartet. Zusammen mit seinem Wladimirer Kollegen als einer der vielen prominenten Spendensammler, die ein neues Rekordergebnis mit mehr als 17.000 Euro für bedürftige Kinder und Familien einwarben. Wegen der Verspätung betraten die beiden Stadtoberhäupter erst vor der Zugabe die Bühne, gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten, Martina Stamm-Fibich, und  dem bayerischen Innenminister, Joachim Herrmann. Aber auch das war gut so. Sergej Sacharow grüßte ins vieltausendköpfige Publikum „Guten Abend, Erlangen!“ und erhielt begeisterten Beifall für seine Komplimente: „Ich bin nicht zum ersten Mal in Erlangen, aber noch nie habe ich so viele fröhliche und hilfsbereite Menschen hier versammelt gesehen. Ein großartiger Moment für mich…“ Und dann, ganz wie weiland Dietmar Hahlweg 1986 in Wladimir, in nun umgekehrter Richtung die – Einladung an alle, doch einmal Wladimir zu besuchen. So gewinnt man neue Freunde!

Gemeinsam auf der Bühne mit der Bundeswehr-Bigband

Gemeinsam auf der Bühne mit der Bundeswehr-Bigband

Auch wenn Sergej Sacharow glaubt, es komme gottlob gar nicht mehr so sehr darauf an, wer da in Wladimir oder Erlangen regiere, die Menschen hätten schon längst die Partnerschaft in die eigenen Hände genommen, ist es doch ein besonderes Glück und eine Erfolgsgarantie für diese deutsch-russische Freundschaft, mit welcher Überzeugung die Politik hier wie dort die Volksdiplomatie unterstützt. Das darf man auch einmal sagen am späten Ende eines solch gelungenen Tages.

Olga Wassiljewa und Michail Gantmann

Olga Wassiljewa und Michail Gantmann

P.S.: Ein besonderer Dank geht an das Duo Michail Gantmann und Olga Wassiljewa, die mit ihren Beiträgen in russischer, ukrainischer und englischer Sprache für eine ganz besondere kulturelle Begleitung durch den Abend sorgten. Und hier geht es zum Vortrag von Julia Obertreis Veranstaltung 02.09.2015

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Eng bestuhlt war gestern der Redoutensaal, und kein Platz blieb mehr frei, als Oberbürgermeister Florian Janik gestern den Empfang zum 80. Geburtstag von Dietmar Hahlweg eröffnete. Des nicht enden wollenden Gratulationsdefilees wegen mit gut zwanzigminütiger Verspätung. Obwohl alle pünktlich gekommen waren, auch die Gäste mit der weitesten Anreise wie Oberbürgermeister Albrecht Schröter und sein Vorgänger im Amt, Peter Röhlinger, aus Jena, besonders aber Sergej Sacharow, Wladimirs Stadtoberhaupt, der eigens gestern eingeflogen war und heute schon wieder abreist.

Peter Steger und Sergej Sacharow

Peter Steger und Sergej Sacharow

Ein eindrucksvolles Zeichen der Verbundenheit mit dem Jubilar, der nicht nur die Partnerschaft als solche begründete, sondern auch den Anstoß zu dem bis heute wichtigsten Gemeinschaftsprojekt, dem Erlangen-Haus, gab. Lange hätte der hohe Gast da referieren können, von der Aktion „Hilfe für Wladimir“ über das „Kesselhaus Wladimir“ bis zu der Kooperation zwischen den Schulen und Universitäten, wäre ihm mehr Zeit dafür geblieben. Aber in Erlangen weiß man ja, was Wladimir für Dietmar Hahlweg bedeutet, und in der russischen Partnerstadt weiß man es zu schätzen. „Wir haben 14 Partnerstädte, aber wenn man die Leute auf der Straße danach fragt, werden 95% nur Erlangen nennen“, so Sergej Sacharow und überbrachte denn auch Erlangens Altoberbürgermeister in Anerkennung der einzigartigen Leistungen für die Städtefreundschaft die Medaille für besondere Verdienste um Wladimir mit dem dazugehörigen Beschluß des Stadtrates.

Dietmar Hahlweg und Andrej Isjurow

Dietmar Hahlweg und Andrej Isjurow

Doch damit nicht genug der Ehren: Eigens aus München reiste gestern Vizekonsul Andrej Isjurow an, um Dietmar Hahlweg das Abzeichen des Außenministeriums der Russischen Föderation zu überreichen, verliehen für die außergewöhnlichen Verdienste um die deutsch-russische Verständigung. Dann erst, nach der Begrüßung durch seinen Nachfolger, Florian Janik, nach der Laudatio von Staatsminister Joachim Herrmann, nach dem Grußwort von Albrecht Schröter, der „den Osten wiedervereinte“,  und erst nach den Ehrungen durch den Wladimirer Kollegen und den russischen Diplomaten, trat die Hauptperson ans Rednerpult, um ihre Dankesworte zu sprechen.

Dietmar Hahlweg

Dietmar Hahlweg

Die hohen Auszeichnungen der Russischen Föderation und der Partnerstadt Wladimir habe ich freudig entgegengenommen, persönlich, aber vor allem auch stellvertretend für die vielen, die sich in den mehr als 30 Jahren in der Partnerschaft mit Wladimir engagierten. Dank auch für die guten Worte, die Sie für unser Bemühen um Aussöhnung und um dauerhaften Frieden mit Rußland gefunden haben. So froh und stolz wir auf das Erreichte auf kommunaler Ebene sind, so sehr bedrückt uns die nicht mehr für möglich gehaltene fortschreitende Entfremdung im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise. Unser aller sehnlichster Wunsch ist daher eine möglichst schnelle Lösung auf strikt diplomatischem Wege.

Angelika und Siegfried Balleis, Geswid Herrmann, Florian Janik und Heidi Hahlweg

Angelika und Siegfried Balleis, Gerswid Herrmann, Florian Janik und Heidi Hahlweg

Diesen Worten seines Parteifreundes und Mentors weiß sich auch Florian Janik verpflichtet, der in seiner Begrüßung gerade auch die überragende Bedeutung der „östlichen Partnerschaften“ für Erlangen, gerade auch jetzt in dieser Zeit neuer Konfrontationen, hervorhob und ja auch seit dem ersten Tag seines Amtsantritts diese Tradition der Freundschaft zu Jena und Wladimir von seinen Vorgängern, Dietmar Hahlweg und Siegfried Balleis, ebenso begeistert wie überzeugt fortführt.

Rolf Wurzschmitt und Igor Schamow

Rolf Wurzschmitt und Igor Schamow

So ein Empfang bietet aber Gelegenheit, sich an ganz konkrete Freundschaftsbeweise zu erinnern. Igor Schamow, in den schweren Jahren der Post-Perestrojka von 1990 bis 2002 Oberbürgermeister von Wladimir, drückt es so aus: „Freunde beweisen sich in der Not!“ Einer dieser unvergessenen Freunde ist Rolf Wurzschmitt. Buchstäblich auf Zuruf hat der damalige Chef der Erlanger Stadtwerke die beiden ausgemusterten Heizkessel der Siemens AG ausfindig gemacht und im Dezember 1991 auf den Weg geschickt, die noch heute im „Kesselhaus Erlangen“ ihren Dienst tun und ganze Straßenzüge in der Partnerstadt mit Fernwärme versorgen. Mit seinem Namen sind die Busse verbunden, die Wladimir landesweit zu der Kommune mit dem besten Nahverkehr machten. Ohne ihn würde dem Erlangen-Haus so manches Gewerk fehlen. So manches Wasserrohr wäre vielleicht heute noch leck, hätte Rolf Wurzschmitt nicht für Abhilfe gesorgt. „Wir bleiben Ihnen unendlich dankbar für diese Unterstützung“, so Igor Schamow, worauf Rolf Wurzschmitt nur zurückgeben kann: „Es war eine beglückende und bereichernde Zeit für uns alle, und wir haben viel voneinander gelernt.“ Zwei große Macher, die viel zu dem beitrugen, was die Partnerschaft trägt.

Alexander Rybakow, Siegfried Balleis und Sergej Sacharow

Alexander Rybakow, Siegfried Balleis und Sergej Sacharow

Und dann Alexander Rybakow und Sergej Sacharow, die besonders eng mit Siegfried Balleis zusammenarbeiteten und all das fortführten und ausbauten – mit vielen neuen Schwerpunkten und anderen Akzenten -, was Dietmar Hahlweg und Igor Schamow aufgebaut hatten. Wobei an einem solchen Tag immer auch mitgedacht werden darf, was die bereits verstorbenen Vorsitzenden des Exekutivkomitees des Stadtsowjets, wie die Oberbürgermeister in den 80er Jahren noch genannt wurden, Michail Swonarjow und Wladimir Kusin, gemeinsam mit dem politischen Eisbrecher aus Erlangen begründeten. Nichts anderes und nichts weniger als eine historische Leistung.

Sergej Sacharow, Joachim Herrmann und Dietmar Hahlweg

Sergej Sacharow, Joachim Herrmann und Dietmar Hahlweg

Darauf immer wieder aufzubauen, ist auch ein Anliegen von Staatsminister Joachim Herrmann, der nicht nur zum dreißigjährigen Jubiläum der Partnerschaft 2013 nach Wladimir gereist war, sondern dieser besonderen Beziehung von Beginn an wohlwollend gegenüberstand. Deshalb gilt diesem Bereich auch ein eigener Absatz seiner Laudatio:

Mit großem Engagement haben Sie sich dafür eingesetzt, neue Städtepartnerschaften zu bergründen. Besondere Bedeutung kommt hier den Partnerschaften mit den Städten Wladimir und Jena zu. Denn sie wurden zu einer Zeit geknüpft, als ein lebendiger Bürgeraustausch und Begegnungen nur unter erschwerten Bedingungen möglich waren. Dennoch war es Ihnen ein Herzensanliegen, diese kommunalen Partnerschaften mit Leben zu erfüllen.  Ihre Verdienste um die Völkerverständigung und Partnerschaften wurden mit dem Ehrendoktor der Staatlichen Pädagogischen Universität Wladimir, dem Ehrenbürger der englischen Partnerstadt Stoke-on-Trent und der Ernennung zum Ritter der französischen Ehrenlegion besonders gewürdigt.

Siegfried Balleis, Igor Schamow, Dietmar Hahlweg, Alexander Rybakow und Sergej Sacharow

Siegfried Balleis, Igor Schamow, Dietmar Hahlweg, Alexander Rybakow und Sergej Sacharow

Da konnte der Laudator freilich noch wissen, welche beiden Auszeichnungen an diesem so gelungenen Festabend – der Jubilar vergaß denn auch nicht, den „tüchtigen Rathäuslern, Herrn Lerche, Frau Lotter und Frau Steinhäußer, die die Hauptlast der Vorbereitung dieser Veranstaltung getragen haben“, zu danken – noch hinzukommen würden. Besonders schön seine Geste an die Gattin des politischen Wegbegleiters:

Dietmar Hahlweg und Sergej Sacharow

Dietmar Hahlweg und Sergej Sacharow

Ein ausdrückliches Wort des Dankes möchte ich heute auch an Sie, liebe Frau Hahlweg, richten. Als Ehefrau des Oberbürgermeisters der Stadt Erlangen mußten Sie auf Ihren Ehemann oft verzichten. Über lange Jahre hinweg brachten Sie großes Verständnis für das Berufsleben Ihres Mannes auf. Das ist nicht selbstverständlich – ein ganz herzliches Dankeschön dafür.

Heidi Hahlweg und Albrecht Schröter

Heidi Hahlweg und Albrecht Schröter

Recht hat er damit, denn gerade auch die Partnerschaften – neben all den vielen Amtsverpflichtungen vor Ort – hat Heidi Hahlweg immer mit viel Einfühlungsvermögen begleitet und damit so manche Reise im Geist der Verständigung gelingen lassen. Ganz zu schweigen von ihren ganz privaten Initiativen, etwa die damals so wichtigen Medikamentenspenden für das Kinderkrankenhaus in Wladimir.

Gruppenbild

Gruppenbild einer deutsch-russischen Freundschaft

Während der Grandseigneur der Partnerschaften noch im Redoutensaal die Honneurs machte, traf sich auf Einladung von Altoberbürgermeister Siegfried Balleis noch ein illustrer Kreis, dem neben den Gästen aus München, Jena und Wladimir auch der Präsident der Friedrich-Alexander-Universität, Karl-Dieter Grüske, seine Ehefrau Ingrid und Altkanzler Thomas Schöck teilnahmen. Eine Begegnung unter Freunden, wie sie – gerade in schwierigen Zeiten – öfter stattfinden sollte. Da fügt es sich atmosphärisch ins Bild, wenn der wissenschaftliche Leiter der zweitgrößten Hochschule Bayern nicht nur von seiner Begegnung mit Wladimir Putin in München oder seinem Besuch in Wladimir im Mai 2012 berichten kann, sondern zur Überraschung aller auch Einblick in seinen Stammbaum gibt. Da nämlich findet sich ein Urgroßvater aus der Gegend um Moskau, der vor der Zwangsrekrutierung unter dem Zaren nach Schlesien geflüchtet ist und seiner Familie, die es dann nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschlug, seinen mittlerweile eingedeutschten russischen Namen, Gruschka, vererbte. Auch so etwas, das diese wunderbare Partnerschaft im Innersten zusammenhält.

Was für ein zerbrechlich Gut der Friede im Europäischen Haus ist, zeigen eindrucksvoll-bedrückend diese Bilder ganz ohne Schuldzuweisung, ohne Blut, ohne Tote: http://is.gd/muVe2K

 

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Alle sind sie nun abgereist, die 200 Gäste aus Erlangen, die offizielle Delegation aus Jena und auch Joachim Herrmann, Staatsminister des Innern, der noch einmal das sommerliche Wetter in Wladimir genießen kann, bevor er sich den Wasserfluten zuwendet, die sich über sein Bayernland ergießen. Und der sich vor der Abfahrt nach Moskau noch die Zeit nimmt, um dem Erlangen-Haus einen Besuch abzustatten und sich über Ziele und Erfolge dieses Zentrums der Städtepartnerschaft informieren zu lassen.

Gerswid und Joachim Herrmann vor dem Erlangen-Haus

Gerswid und Joachim Herrmann vor dem Erlangen-Haus

Allmählich kehrt nun wieder der Alltag ein. Der freilich kennt weder Sonn- noch Feiertage. Kaum ist der Ministerkonvoi davongebraust, gehen die Türen schon wieder auf und zu, neue Austauschideen werden geboren, Fragen nach medizinischer Behandlung in Deutschland gestellt, Psychologen suchen Austauschpartner in der Partnerstadt, und eine private Augenklinik, deren Chefin, Jelena Titowa, Anfang der 90er Jahre in Erlangen hospitierte, will zwei ihrer Mitarbeiter zu einer Fortbildung an die Universitätsklinik nach Erlangen schicken. An die ihrer Erfahrung nach schlichtweg denkbar beste. Denn für ihre Patienten will sie ja auch nur das Beste.

Gennadij Brajt, Alewtina Klimowa und Pjotr Panassenko

Gennadij Brajt, Alewtina Klimowa und Pjotr Panasenko

Dann aber ein Besuch, der das Leitmotiv des Jubiläums, den Jugendaustausch, intoniert. Pjotr Ponassenko, Leiter der Jugendorganisation Retter und Kooperationspartner des Roten Kreuzes Wladimir, schlägt für den Spätherbst vor, eine kleine Gruppe seiner jungen Leute, darunter Alewtina Klimowa und Gennadij Brajt, nach Erlangen zu entsenden, um dort mit Gleichaltrigen Begegnungen und ein Lager für das nächste Jahr vorzubereiten. Erste Gespräch dazu haben bereits mit Matthias Buggert und Heino Sand vom Stadtjugendring stattgefunden, die zum dreißigjährigen Jubiläum angereist waren; nun will man sich an die konkrete Arbeit machen. Nur zu! Und auf Wiedersehen in Erlangen!

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Auch der letzte Tag der Jubiläumsfeierlichkeiten hatte es in sich. Zum Internationalen Kinderschutztag hatte sich Wladimir festlich gerüstet, und die Gäste aus Erlangen und Jena einbezogen – beim Straßenfest mit einer Kunstaktion, auf der Bühne mit dem Flötenorchester der Sing- und Musikschule und dem Mädchenchor des Christian-Ernst-Gymnasiums. Und alles unter einem strahlenden Himmel bei sommerlichen Temperaturen, die einen nicht glauben lassen, was das Wetter in der Heimat so alles anstellt.

Sergej Sujew, Siegfried und Angelika Balleis

Sergej Sujew, Siegfried und Angelika Balleis

Grund zum Feiern gab es auch in der Rosenkranzkirche, wo Pfarrer Sergej Sujew seinen Gästen freudig berichten konnte, nun dank der Unterstützung aus Erlangen, vor allem aber seitens der Erzdiözese Bamberg, sein Projekt Pilgerheim bald umsetzen zu können. Die Finanzierung im Umfang von einer Million Euro sei durch Zuschüsse der katholischen Hilfswerke Renovabis und Kirche in Not sowie der Erzbistümer Moskau und Bamberg abgesichert. Bei der Suche nach den noch notwendigen Mitteln soll nun auch Siegfried Balleis helfen, damit die Rosenkranzgemeinde mit ihren etwa 300 Mitgliedern möglichst bald – nach dem Modell des Erlangen-Hauses – mit der Vermietung von etwa 40 Gästezimmern eines Tages unabhängig von Spenden aus dem Ausland werde.

Sergej Sujew, Udo Zettelmaier und Sergej Sidorow

Sergej Sujew, Udo Zettelmaier und Sergej Sidorow

Aber natürlich geht es in der Zusammenarbeit nicht nur um die materielle Grundsicherung. Pfarrer Udo Zettelmaier von St. Theresia hat so viele Hostien mitgebracht, daß man von einer wunderbaren Brotvermehrung sprechen kann und versichert seinen geistlichen Bruder in Wladimir als Vorsitzender des Fördervereins Nadjeschda auch der spirituellen Gemeinschaft – und setzt außerdem mit seiner Konzelebration des Gottesdienstes eine gute Tradition fort, die bereits Ferdinand Böhmer, der bereits verstorbene Pfarrer von St. Sebald, schon Anfang der 90er Jahre eingeführt hatte. Auf der Empore übrigens die Stad“l Harmonists, mit beglückend schönen geistlichen Gesängen.

Angelika und Siegfried Balleis mit Sergej Sacharow

Angelika und Siegfried Balleis mit Sergej Sacharow

Doch es wird nicht nur gefeiert an diesem Tag. Wladimir ist fast im Belagerungszustand, denn zwei Minister aus Moskau haben ihr Kommen angesagt, um in Wladimir Fragen der Familienförderung und des Kinderschutzes zu erörtern.

Joachim Herrmann und Alexander Rasow

Joachim Herrmann und Wladimirs Polizeichef, Alexander Rasow

Und dann erscheint da noch ein dritter Minister: Joachim Herrmann, stellvertretender Ministerpräsident Bayerns, der nach der Unterzeichnung eines Kooperationsabkommens mit der Polizei in Moskau nach Wladimir kam, zum ersten Mal und, um mit den 200 Gästen aus Erlangen und der Delegation aus Jena das Jubiläum ausklingen zu lassen.

Pater Andrej, Joachim und Gerswid Herrmann, Angelika und Siegfried Balleis

Pater Andrej, Joachim und Gerswid Herrmann, Angelika und Siegfried Balleis

Doch nach einer kurzen Führung durch die Mariä-Entschlafens-Kathedrale warteten auf den Staatsminister des Innern bereits Gespräche mit Oberbürgermeister Sergej Sacharow, hohen Vertretern der Sicherheit und später auch noch mit der kommissarischen Gouvernerin, Swetlana Orlowa.

Joachim Herrmann, Sergej Sacharow und Siegfried Balleis

Joachim Herrmann, Sergej Sacharow und Siegfried Balleis

Fragen der Kriminalitätsbekämpfung vor allem in den Bereichen organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Drogenhandel, alles Probleme, die man nur gemeinsam lösen könne. Ein Nenner, auf den man sich rasch einigt. Sogar die in deutschen Polizeikreisen Enkeltrick genannte Betrügerei, wo ältere Menschen angerufen werden und mit Verweis auf eine vorgebliche Notlage eines ihrer Verwandten oft hohe Summen zahlen sollen, greift auch bereits in Wladimir um sich. In die Millionen gehe der Schaden, berichten die Gastgeber. Also: Vorsicht bei Anrufen Unbekannter. Und gleich die Polizei rufen, die der Schwindler dann bei der Geldübergabe habhaft werden können.

Siegfried Balleis, Sergej Sacharow, Philipp Dörr und Nikolaj Schtschelkonogow

Siegfried Balleis, Sergej Sacharow, Philipp Dörr und Nikolaj Schtschelkonogow

Viel zu oft, meinte Joachim Herrmann bei seiner kurzen Ansprache beim Abschiedsabend für die gut 250 Gäste, vergesse man über all den Problemen in Europa die Grundidee der Gemeinschaft: die Bewahrung des Friedens, und viel Beifall erhielt der Minister, als er Bürgerpartnerschaften wie zwischen Erlangen und Wladimir – Jena einbezogen! – wichtige Garanten der Verhinderung von Krieg zwischen den Völkern nannte. Niemand wüßte das besser als die beiden Kriegsveteranen, Philipp Dörr und Nikolaj Schtschelkonogow, die aus den Händen von Siegfried Balleis das eigens zum Jubiläum aus Blogeinträgen zusammengestellt Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“ erhielten. Eine Mahnung an kommende Generationen, aber auch ein großartiges Zeugnis dafür, wie Versöhnung und Verständigung gelingen können, derentwegen ja Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg vor 30 Jahren die Partnerschaft begründet hatte.

Joachim Herrmann, Swetlana Orlowa, Siegfried Balleis

Joachim Herrmann, Swetlana Orlowa, Siegfried Balleis

Damit sich aber die Partnerschaft auch in den n’chsten 10, 20 und 30 Jahren so vielfältig wie bisher entwickeln kann, braucht es neue Perspektiven und vor allem die Jugend, und die begrüßte denn auch der Bayerische Minister besonders herzlich. Doch bei der kommissarisch bis zu den Wahlen im September amtierenden Gouverneurin, Swetlana Orlowa, kommen noch ganz andere Zielrichtungen zur Sprache. Die ganze Landkarte der Zusammenarbeit will sie gemeinsam mit den Partnern aus Deutschland neu entwerfen. Denn: „Wenn Deutsche und Russen so richtig zusammenarbeiten, kann die übrige Welt Bauklötze staunen.“ Und so schlägt sie denn auch eine Kooperation vor allem in den Bereichen Infrastruktur, Umwelt, Soziales, Kultur und Tourismus vor. Die ganze Bandbreite, zu der unbedingt aber auch die Wirtschaft gehören soll. Schon ist von einer Präsentation von Geschäftsleuten aus der Region Wladimir in Nürnberg oder München die Rede, in Gedanken entstehen bereits Arbeitsgruppen, die sich mit den Themen Energie-Effizienz, Müllentsorgung, Stadtentwässerung oder dem Bau eines Flughafens beschäftigen sollen. In jedem Fall werden jetzt erst einmal die Ärmel hochgekrempelt, – und dann gibt es sicher bald auch wieder etwas zu feiern. Mit oder ohne Jubiläum.

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Überhaupt kann man sagen, daß jede Nachlässigkeit aus Geringschätzung, jede unangebrachte Überhebung die niedrigeren Klassen viel tiefer kränkt und viel mehr aufreizt,  als man glaubt. Viele sind der Meinung, daß die Obrigkeit, wenn sie einen Sträfling nur gut ernährt, gut hält und in allem das Gesetz beobachtet, damit alles tut, was sie tun muß. Das ist aber ein großer Irrtum. Ein jeder Mensch, wer er auch sei und wie tief er auch erniedrigt wäre, verlangt doch – wenn auch nur instinktiv, ganz unbewußt – Achtung vor seiner Menschenwürde. Der Arrestant weiß es selbst, daß er ein Arrestant ist, ein Ausgestoßener, und kennt seine Stellung seinem Vorgesetzten gegenüber; aber es gibt weder solche Brandmale noch solche Fesseln, mit denen man ihn vergessen machen könnte, daß er ein Mensch ist. Und da es in der Tat ein Mensch ist, so muß man ihn auch danach behandeln. Mein Gott! – kann man doch mit einer menschlichen Behandlung auch solche noch zu Menschen machen, in denen selbst jede Vorstellung von Gott bereits längst erloschen ist. Gerade mit diesen „Unglücklichen“ muß man am menschlichsten umgehen. Das ist ihre Rettung und Freude.

In der JVA Nürnberg

Ich habe gute, edle Kommandeure gesehen, ich habe auch den Eindruck gesehen, den sie auf diese Erniedrigten machten. Nur ein paar freundliche Worte – und die Arrestanten waren fast wie sittlich auferstanden. Sie freuten sich wie Kinder, und wie Kinder begannen sie zu lieben. Ich möchte aber zum Schluß noch eine Seltsamkeit erwähnen: eine familiäre, eine allzu gute Behandlung seitens der Vorgesetzten gefällt dem Arrestanten durchaus nicht. Er will seinen Vorgesetzten achten, in diesem Fall kann er ihn aber unwillkürlich nicht mehr achten. Dem Arrestanten gefällt es zum Beispiel sehr, wenn sein Vorgesetzter Orden besitzt, wenn er eine gute Erscheinung ist und gerecht, auch seine Würde wahrt. Solche Vorgesetzte liebt der Sträfling am meisten: Vorgesetzte, die da wissen, was sie sich schuldig sind, und wenn der Vorgesetzte auch ihn, den Sträfling, nicht verletzt, so ist alles gut und wunderschön.

Innenminister Joachim Herrmann im Gespräch

Dieses zugegeben etwas längere Zitat aus den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ von Fjodor Dostojewskij, dem klassischen Genrebild des russischen Gefängniswesens aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, spiegelt durchaus den Geist wider, in dem Andrej Winogradow, seit 21 Jahren im Strafvollzug tätig und seit eineinhalb Jahren für alle fünfzehn Gefängnisse der Region Wladimir mit ihren 12.000 Häftlingen zuständig, denkt und handelt: „Gerade mit diesen Unglücklichen muß man am menschlichsten umgehen.“ Und: „Ein jeder Mensch verlangt Achtung vor seiner Menschenwürde.“

Lesesaal der JVA

Eben diese Menschenwürde sieht die Erlanger Gruppe von Amnesty International auch hierzulande immer wieder gefährdet und berichtet den Gästen vom kritischen Dialog mit dem Rathaus der Hugenottenstadt wegen unterschiedlicher Standpunkte in Fragen der Gewährung oder Verweigerung von Asyl. Und eben diese Menschenwürde, so erfahren die Menschenrechtler von den Besuchern, gehört nun zum Fächerkanon am Juristischen Institut von Wladimir, verpflichtend an allen Lehrstühlen, in allen Studienbereichen und regelmäßiger Stoff bei Fortbildungsmaßnahmen und Auffrischungsseminaren, wobei es um mehr als nur die sieben Quadratmeter Lebensraum geht, die heute in russischen Gefängnissen jedem Häftling zustehen, um mehr als nur gute Verpflegung und das Recht auf Arbeit geht, das allzu oft – das gilt für 22% der Insassen – auch im Jugendgefängnis Ebrach nicht garantiert ist, weil schlichtweg die Aufträge aus der freien Wirtschaft fehlen.

Es geht um den humanen Vollzug, der vor allem in den Köpfen der Vollzugsbeamten beginnen muß und Angebote und Bedingungen schaffen sollte, um neben der Strafe auch die Wiedergutmachung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft möglich machen. Oder, wie es German Welsch beim Rundgang durch die Anstalt in Ebrach zum Ausdruck bringt: „Hier zieht man die Menschen aus dem Dreck und tritt sie nicht zurück in den Dreck.“

Bei den Kollegen der JVA Nürnberg

Wie ein Leitmotiv zieht sich der Gedanke durch alle Gespräche und Begegnungen, auch in Nürnberg, wo die Delegation sogar Gelegenheit zum Gespräch mit einer Gruppe von Jugendlichen Straftätern erhält, die aus den Ländern der GUS stammen und nicht nur von ihren Verbrechen, sondern auch von den vielfältigen therapeutischen und sozialpädagogischen Angeboten sprechen. Die freilich werden nicht von allen angenommen, einige erreichen nicht einmal mehr erfahrene Psychologen. Manche, so wird einhellig überall beklagt, bekommt man nicht mehr in den Griff, verliert man. Und schon ist man bei der immer wieder gestellten Frage nach den Rückfalltätern, je nach Auftraggeber der Studie und ihrer Interpretation unterschiedlich beantwortbar, abhängig vom untersuchten Zeitraum bis hin zur Art der Straftaten.

Mit Gerda-Marie Reitzenstein im Amtsgericht Erlangen

Spätestens hier kommt das Gericht ins Spiel, wo, um bei Fjodor Dostojewskij zu bleiben, über Schuld und Sühne, über Verbrechen und Bestrafung entschieden wird. Gerda-Marie Reitzenstein, Direktorin des Amtsgerichts Erlangen, nimmt sich mit zwei Kollegen einen ganzen Vormittag Zeit, um den Fachbesuchern die Rechtsprechung in Deutschland vorzustellen. Dabei bleibt es aber nicht: Die hochgeschätzte Juristin, die bereits zwei Reisen nach Wladimir unternommen hat und die Gäste erstaunlich sicher in russischer Sprache begrüßt, zeigt am späteren Nachmittag auch noch kenntnisreich das Memorium mit dem Schwurgerichtssaal 600, wo die Nürnberger Prozesse stattgefunden haben. Eine Lektion in deutscher und internationaler Geschichte, aus der noch heute die Verfahren gegen Kriegsverbrecher lernen können und wo erstmals in der Menschheitshistorie länderübergreifend Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet wurden.

Vor dem Rathaus Erlangen mit Innenminister Joachim Herrmann und Oberbürgermeister Siegfried Balleis

So ganz wahrt dieser Bericht die Chronologie der Ereignisse zwar nicht. Dennoch sei hier einmal ein Fixpunkt gesetzt mit einem Empfang wie er Gästen aus Partnerstädten sogar in Erlangen höchstselten nur zuteil werden kann, dem protokollarischen Höhepunkt des Besuchs: Ort – 14. Stock des Rathauses, Zeit, 16.02.2012, 9.00 Uhr bis 10.00 Uhr, Beteiligte: Innenminister Joachim Herrmann, Oberbürgermeister Siegfried Balleis, Gerichtsdirektorin Gerda-Marie Reitzenstein, Polizeidirektor Adolf Blöchl, Vorsitzender der International Police Association Erlangen, Udo Winkler, und die Gäste aus Wladimir – in vollem Wichs. Es blieb nicht beim Austausch von Höflichkeiten und Geschenken, vielmehr machte man gleich handfeste Pläne für die Zukunft. Es ist nicht zu viel versprochen und verraten, wenn zu Protokoll gegeben wird, daß es den Besuchern, geschickt sekundiert vom Erlanger Stadtoberhaupt, einem bekennenden Freund dieser „ungemein lebendigen Partnerschaft“, gelungen ist, Joachim Herrmann für eine Reise nach Wladimir, vorzugsweise im Sommer nächsten Jahres, zu gewinnen. Da dessen Auge freilich schon so wladimirhaft ist, um Goethes Zahme Xenie etwas zu adaptieren, und er spontan die Bereitschaft auch bei Gerda-Marie Reitzenstein und Adolf Blöchl spürte, ihn zu begleiten, darf man es für gesetzt nehmen, daß der Staatsminister des Innern die Einladung annimmt.

In der JVA Ebrach

Begleitet wird er dabei wohl auch von Andrej Winogradows bayerischen Kollegen, die sich einig wissen in dem gemeinsamen Ziel, Gesellschaft und Gefängniswesen hier wie dort einander zu öffnen, den Strafvollzug human zu gestalten und darüber einen engen Austausch zu beginnen. Denn, so das einhellige Urteil nach den vielen Gesprächen, das russische Gefängniswesen ist auf einem guten Weg, auf dem rechten Weg. Dazu nur zwei Parameter zum Verständnis und zum guten Ende: Vor zehn Jahren, zu Beginn der Reformen, saßen in Rußland noch eine Million Häftlinge ein. Heute sind es noch etwa 680.000. Noch immer zu viel, wenn es nach den Gästen geht, weil noch immer zu häufig auch für kleinere Delikte Haftstrafen verhängt werden, aber doch schon deutlich weniger als vor den Reformen. Vor zehn Jahren standen einem russischen Gefangenen zwischen zwei und vier Quadratmeter zur Verfügung, in aller Regel in Gemeinschaftszellen weitgehend ohne sozialtherapeutische und psychologische Betreuung, heute hat er mindestens sieben Quadratmeter zur Verfügung und das Anrecht, sich Fachleuten anzuvertrauen. Das Beste aber an dem guten und rechten Weg ist sicher: Man will ihn gemeinsam gehen. So ist alles gut und wunderschön!

Heute treten die russischen Freunde über die Justizvollzugsanstalt Straubing und via München den Nachhauseweg an. Sie werden gewiß wiederkommen und warten nun aber zunächst auf den Gegenbesuch mit einem Herzlich Willkommen.

P.S.: Gestern wurde Rußlands wohl berüchtigster Serienmörder, Wladimir Retunskij, in Woronesch nach fünfzehn Jahren Haft entlassen. Von 1990 bis 1996 soll der heute 62jährige LKW-Fahrer zwölf Frauen, die er als Anhalterinnen mitgenommen hat, in der Kabine mit abgeschraubtem Griff vergewaltigt und anschließend erwürgt haben. In acht Fällen konnte ihm die Tat nachgewiesen werden. Die ersten dreizehn Jahre seiner Strafe verbüßte er im Wladimirer Zentralgefängnis. Nun lebt er unter strengen Auflagen wieder in seinem Heimatdorf im Schwarzerdgürtel. Noch vor 20 Jahren wäre der Vergewaltiger und Würger todsicher hingerichtet worden. Heute gilt wieder das Wort von Fjodor Dostojewskij: „Da es in der Tat ein Mensch ist, so muß man ihn auch danach behandeln.“

Siehe auch die beiden vorhergehenden Einträge im Blog.

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