Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Jewgenij Sacharjewitsch’


„Im Sommer 1945 brachte man uns hierher. Ich war damals ja noch ganz jung. Aber gesehen hatte ich schon viel Grauenhaftes beim Vormarsch auf Berlin. Berge von Haaren und Schuhen, ausgemergelte Männer, Frauen, Kinder. Immer wieder stießen wir auf solche Lager. Aber Buchenwald hat bei uns einen besonderen Namen, steht wie Auschwitz und Dachau für das ganze schreckliche KZ-System.“ An manchen Stellen ist es fast, als könnte Nikolaj Schtschelkonogow selbst die Führung durch die Anlage übernehmen.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jewgenij Sacharjewitsch, Tatjana Jazkowa und Jekaterina Zwetkowa vor dem Modell des Arbeitslagers Buchenwald

„Aber das war damals schon noch ganz anders, wenige Monate nach der Befreiung durch die Amerikaner im April. Überall Stacheldraht, das Grauen greifbar. Und einige der Baracken blieben für uns geschlossen.“ „Da könnten“, fährt der Veteran fort, „schon die internierten Deutschen gesessen haben, die hier von den Sowjets als vermeintliche oder tatsächliche Nazis gefangen gehalten wurden.“ Bis 1950 blieb Buchenau also ein Ort des Schreckens, an dem, wenn auch nicht mehr durch willkürliche Erschießungen oder mittels Vernichtung durch Arbeit, 7.000 Deutsche an Hunger und Kälte starben. Dem gegenüber stehen freilich die hiesigen 56.000 Opfer des Nationalsozialismus, darunter alleine 15.000 aus der Sowjetunion.

Eingangstor zum Arbeitslager Buchenwald

Wenn hier die Steine sprechen könnten. Was hätten sie alles an Schicksalen zu erzählen von all den Menschen, die ihre Familien und Freunde nie mehr wiedersehen sollten, von all den Familien und Freunden, die nur ahnen konnten, was der Lagerinsasse zu erleiden hatte: schwerste Arbeit, Erniedrigungen, Schikanen, Hunger, Krankheit, Folter, Tod. „Jedem das Seine“, wie zynisch am Tor zu lesen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Kann und soll man gewichten hier? Wo geschah mehr Leid, wo war es erträglicher? Wer wollte das sagen. Und die Steine schweigen. Aber dann gibt es doch besonders grausame Orte, schier nicht zu ertragen. Etwa das Gelände der ehemaligen Reithalle und dem Pferdestall, von der Lagerleitung als „medizinische Einrichtung“ getarnt, wohin man Sowjetsoldaten brachte, um sie „untersuchen“ zu lassen. Nichts ahnend, da außerhalb des eigentlichen Lagers gelegen, gingen so 8.483 Rotarmisten in den Tod durch Genickschuß.

Iwan Nisowzew, Tatjana Jazkowa und Nikolaj Schtschelkonogow am Platz der Hinrichtung von 8.483 sowjetischen Soldaten und Offizieren

Da ist es gut, in Begleitung zu sein, sprechen zu können über das Unaussprechliche – mit den Landsleuten, Iwan Nisowzew, der jetzt schon seit acht Jahren in Jena lebt, und Jewgenij Sacharjewitsch, der zur Zeit als Freiwilliger aus Wladimir in der Euro-Werkstatt arbeitet und Buchenwald bereits von vorherigen Besuchen her kennt.

Nikolaj Schtschelkonogow in Buchenwald

Stets vor Augen hatten die Lagerinsassen – keine Frauen, aber einige Kinder – den Tod in Form der Verbrennungsanlage. Krematorium kann man das graue Gebäude nicht nennen, denn die sterblichen Überreste wurden natürlich nicht individuell in Urnen aufbewahrt und beigesetzt. Man wurde fast spurlos beseitigt. Und vorher, in der sogenannten „Pathologie“, entnahm man den Toten auch noch alles Wertvolle, wie zum Beispiel das Zahngold.

„Pathologie“ von Buchenwald

Vielleicht ist Buchenwald aber auch so ein symbolischer Ort, weil er ja in unmittelbarer Nähe zu Weimar liegt, der Stadt der deutschen Klassik. Der Beweis dafür, daß Bildung nicht unbedingt gegen Menschenverachtung hilft. Auch die Nazis kannten „ihren“ Goethe oder Schiller, gingen ins Theater, hörten Musik, schrieben Gedichte und Lebenserinnerungen. Es kann wohl nur die Herzensbildung sein, die Menschen gegen die Barbarei immunisiert. Aber welche Schule kann sich um die kümmern?

Opfertafel Buchenwald

Und für noch etwas steht Buchenau – oder gegen etwas: Gegen die Mär, wonach die Bevölkerung Deutschlands nichts von den Schrecken der Lager haben wissen können. Wie dann ist es möglich, daß die gesamte Infrastruktur von Buchenwald – Wasser, Strom, Erschließung durch eine Straße – von Firmen und Behörden aus Weimar bewerkstelltigt wurde? Wie, wenn ein Betrieb dort in Geschäftsbeziehungen mit der SS stand und in deren Auftrag – gegen Rechnung – die Verbrennungsanlage baute? Ohne Zwang, einfach nur, um Geld zu verdienen – mit dem Tod.

Nikolaj Schtschelkonogow und Tatjana Jazkowa vor den Verbrennungsöfen in Buchenwald

Nikolaj Schtschelkonogow wollte noch einmal an diesen dunklen Ort der deutsch-sowjetischen Geschichte. Die Regie der Reise wollte es, daß dieser Besuch auf seinen 94. Geburtstag fiel. Da darf natürlich eine freudige Überraschung nicht fehlen. Nach einem Stadtrundgang in Jena empfing den Jubilar der Frauenchor von Michael Berman.

Geburtstagstanz mit Nikolaj Schtschelkonogow

Eigentlich war ja nur eine kleine Probe angesetzt, aber dann wurde daraus doch ein fröhliches Fest mit deutsch-russischem Gesang und Tanz in der Multikulturellen Integrationsgruppe Jena. „Zu Tränen rührend“, bekannte der überraschte Veteran.

Nikolaj Schtschelkonogow und der Frauenchor von Michail Berman

Welch ein Ausklang dieses Tages. Auch davon sollten eines Tages die Steine erzählen, wenn sie denn sprechen könnten.

Read Full Post »


Am 26. September stand der Europäische Tag der Sprachen im Kalender, den der Euroklub Wladimir zu einer Konferenz mit Schülern und Studenten nutzte. Mit dabei auch Gäste aus Schweden, vor allem aber auch aus Jena, virtuell zugeschaltet. Da ging es dann mit den Freiwilligen zu wie im Turm zu Babylon, denn die Eurowerkstatt an der Saale bevölkern derzeit Jugendliche aus Spanien, Italien, Bulgarien, Frankreich und der Türkei sowie, selbstredend, aus Wladimir.

Alle Teilnehmer hatten die Möglichkeit, ihre Fremdsprachenkenntnisse zu erproben. Und es gelang! Es wurde auch Deutsch gesprochen, insbesondere wie zu unserer Online-Konferenz auch Austauschstudenten aus Erlangen kamen, die gerade ihren dreiwöchigen Austausch an der Universität beendeten. Im Ergebnis kamen wir alle zu dem Schluß, wir sollten den Dialog fortsetzen, um gemeinsam neue Projekte umzusetzen. Und natürlich interessierten sich alle für die Kultur und Tradition der altehrwürdigen Stadt Wladimir, die auch die zugeschalteten Jugendlichen einmal besuchen wollten. Wir bleiben im Dialog!

Obengenannte Austauschstudenten sind inzwischen wieder zu Hause und setzen ihre Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde fort, wenn sie nicht gerade fleißig an ihrem Bericht für den Blog schreiben. Unterdessen kamen aber zum Tag der Einheit auch wieder Wladimirer Freiwillige nach Erlangen. Eine schon langjährige, gute Tradition, zumal die Einheit Deutschlands ohne das fördernde Mitwirken der UdSSR nicht denkbar wäre. Man stelle sich – horribile dictu – nur einmal vor, was geschehen wäre, wenn die SED von der KPdSU grünes Licht für ihre Pläne zur Niederschlagung der Friedlichen Revolution erhalten hätte.

Iwan Nisowzew, Jewgenij Sacharjewitsch, Xenia Muchajewa, Elisabeth Preuß und Matthias Bettenhäuser

So wäre dann auch nie jenes Video vom WladJenaTeam entstanden, das Sie hier sehen können: https://is.gd/YmEqx6.

Erster Schnee in Wladimir, Taufe-des-Herrn-Kapelle

Und als Dreingabe noch eine Impression aus Wladimir, wo gestern der erste Schnee fiel.

Read Full Post »


Jetzt gibt es ihn doch noch nachgereicht, den Bildbeweis aus Düren zum gestrigen Beitrag über die XV. deutsch-russische Städtepartnerkonferenz. Nach dem Verlust der Kamera des Blog-Bildreporters konnte Jewgenij Sacharjewitsch vom Quartett WladJenaTeam aushelfen.

Peter Steger, Monika Tharann und Bill Boerum

Das gibt auch Gelegenheit zu einem schriftlichen Nachtrag. Die Arbeitsgruppe 6 mit dem Thema „Zivilgesellschaft gestaltet Städtepartnerschaften – Wege der Verständigung – Wege zum Frieden“ bot unter der Moderation von Monika Tharann, der Geschäftsführerin der Stiftung West-Östliche Begegnungen nämlich nicht nur Gelegenheit zur Vorstellung des Dreiecks Erlangen-Wladimir-Jena. Eingeladen waren auch Abdul Kahn, stellv. Vorsitzender des Stadtrats von Coventry in England und Mitglied im internationalen Städtenetzwerk Peace Messenger Cities, und Bill Boerum aus Washington, Vorsitzender a.D. der Sister Cities International. Gerade weil während des Kongresses so manche Spitze gegen die Politik Großbritanniens und der USA zu hören war, hätten die Beiträge der beiden Politiker mehr Aufmerksamkeit und ein größeres Podium verdient. Wer weiß denn schon, daß Stalingrad, das heutige Wolgograd, und Coventry sich als Symbole der Zerstörungswut im Zweiten Weltkrieg noch vor der Kapitulation des Dritten Reiches partnerschaftlich verbanden? Und wo liest man sonst von den Aktionen der Verständigung mit russischen Kommunen seitens amerikanischer Organisationen. Eine Volksdiplomatie, eine Bürgerverständigung, die es kaum in die Schlagzeilen schafft, dafür aber Menschen zusammenbringt, die im Innersten zusammenhalten, was den Frieden jenseits der großen Politik möglich und erlebbar macht.

Thomas Stroukov, Jewgenij Sacharjewitsch, Alina Wedechina, Elisabeth Preuß, Peter Steger, Jewgenia Bykowskaja und Jekaterina Ragusina

Und damit sind wir wieder beim WladJenaTeam, das es nun mit seinem eigenen Kanal auf youtube https://is.gd/fOewMK selbst in der Hand hat, auf sich aufmerksam zu machen – mit der administrativen und politischen Unterstützung von Alina Wedechina in Wladimir und, soweit erforderlich, auch seitens ihrer Erlanger Kollegin, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß. Und inhaltlich nehmen die Jugendlichen von der Tagung in Düren sicher das Thema „75 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus“ als Anregung mit nach Hause, um zu dieser 2020 anstehenden Frage einen eigenen Beitrag zu gestalten.

Mehr Bilder und Berichte zu der Konferenz, die gestern zu Ende ging, finden Sie hier auf der Facebook-Plattform des Deutsch-Russischen Forums, des bewährten und verdienten Ausrichters der Veranstaltung: https://is.gd/2YZ1C5

Read Full Post »


Gestern abend fand die Eröffnungsveranstaltung der XV. Deutsch-Russischen Städtepartnerkonferenz im Aachener Krönungssaal mit einer Festrede von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet statt.

Armin Laschet

Michelle Müntefering, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Dr. Michail Schwydkoj, Sonderbeauftragter des Präsidenten der Russischen Föderation für internationale kulturelle Zusammenarbeit, Außenministerium der Russischen Föderation, Matthias Platzeck, Ministerpräsident a.D., Vorsitzender des Vorstands, Deutsch-Russisches Forum e.V., Wolfgang Spelthahn, Landrat des Kreises Düren und Sergej Netschajew, Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Russischen Föderation, hielten Grußworte.

Krönungssaal zu Aachen in voller Besetzung

Unter dem Motto „Wege der Verständigung: Partnerschaften als Mittler des Deutsch-Russischen Dialogs“ werden sich heute und morgen mehr als 700 Vertreter von Städten und Gemeinden, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Politik und Wirtschaft aus beiden Ländern in sieben Arbeitsgruppen miteinander austauschen.

Elisabeth Preuß und Matthias Platzeck

„Die Konferenz steht in der langen Tradition einer vertrauensvollen städteverbindenden Zusammenarbeit mit Rußland. Sie setzt ein klares Signal für die versöhnende Kraft des Bürgerdialogs in Europas Städten und Gemeinden“, betonte Matthias Platzeck.

Martin Hoffmann, geschäftsführender Vorstand des Deutsch-Russischen Forums

Die deutsch-russische Städtepartnerkonferenz wird alle zwei Jahre wechselnd in Deutschland und in Russland ausgetragen und vom Deutsch-Russischen Forum e.V., dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften e.V. und der Stiftung West-Östliche Begegnungen in Zusammenarbeit mit der Internationalen Assoziation der Partnerstädte in Moskau durchgeführt.

Im Westen nichts Neues? Durchaus! Hier, im Länderdreieck Deutschland, Belgien und Niederlande, wo Karl der Große sein Reich einte, hier, ganz im Westen der Bundesrepublik, bekannte sich mit Armin Laschet ein westdeutscher Ministerpräsident mit ganzem Herzen zum deutsch-russischen Dialog und erinnerte an den Handelsweg, der schon im Mittelalter von Brügge via Aachen bis nach Nowgorod führte, heute noch immer nachzufahren auf der B1, die sogar das Brandenburger Tor passiert. Hier, wo Winston Churchill schon 1955, ausgezeichnet mit dem Karlspreis, betonte, Europa sei ohne die Sowjetunion und die Russen nicht zu denken und gestalten.

Michelle Müntefering

Da hat es dann schon besonderes Gewicht, wenn Staatsministerin Michelle Müntefering öffentlich überlegt, ob es nicht sinnvoll sei, in ihrem Außenministerium eine Stelle zur Koordination der deutsch-russischen Städtepartnerschaften einzurichten. Denn, bei all dem, was die beiden Staaten derzeit politisch trennt – und die Rednerin wurde da durchaus deutlich -, komme es doch vor allem darauf an, das Verbindende zu stärken.

Chor aus Mytischi

Das kann natürlich nur die Unterstützung der vielen Aktiven in den mittlerweile knapp über einhundert deutsch-russischen Kommunalpartnerschaften – zwei neue Vereinbarungen wurden an dem Abend unterzeichnet – finden und macht Hoffnung auf mehr politische Aufmerksamkeit und Begleitung dieser zivilgesellschaftlichen Verbindungen.

Jewgenij Sacharjewitsch, Elisabeth Preuß, Jekaterina Ragusina und Jewgenia Bykowskaja von der Jugendorganisation Euroklub Wladimir

Und es ist auch ein Versprechen an die Jugend, die in einem eigenen Forum eine ganze Woche lang gemeinsame Projekte erarbeitete und sich unter anderem auch über gemeinsame Aktionen zum Thema Klima- und Umweltschutz einigten, am bisher heißesten Tag des Jahres in Deutschland und vor dem Hintergrund von Fridays for Future fast schon zwingend. Der Euroklub aus Wladimir hatte eigens eine dreiköpfige Delegation nach Aachen und Düren entsandt, die gemeinsam mit einem jungen Mann aus Jena – darauf wird noch zurückzukommen sein – ein eigenes Medienprojekt initiierte.

Kurt Förster, Elisabeth Preuß, Sergej Sacharow und Erwin Bauer

Und es ist ein Auftrag an die Kommunalpolitik, der ja gottlob nicht nur in Erlangen, Rothenburg o.d.T., Susdal und Wladimir ernst genommen wird. Und so folgten denn neben Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, Bürgermeister Kurt Fuchs und Erwin Bauer vom Partnerschaftsverein in Rothenburg auch Referentin Alina Wedechina, seit sechs Jahren im Rathaus Wladimir für die Städtepartnerschaft zuständig, und Stadtdirektor Sergej Sacharow aus Susdal, vormals Oberbürgermeister von Wladimir, der Einladung nach Nordrhein-Westfalen.

Alina Wedechina, Jonas Eberlein und Elisabeth Preuß

Schön, wenn man dann auch die Früchte der Partnerschaftsarbeit ernten kann. Jonas Eberlein, 2005 im Rahmen eines musikalischen Austausches des Ohm-Gymnasiums erstmals in Wladimir und später von Moskau aus immer wieder ideenreicher Gast in der Partnerstadt – auch als Teilnehmer am ersten Halbmarathon im Jahr 2017, ist jetzt als Dolmetscher für die Jugenddelegation des Kongresses tätig. Und Sergej Siwajew, in den 90er Jahren stellvertretender Bürgermeister von Wladimir und jetzt Professor für Urbanistik in Moskau, nimmt als Fachmann für kommunale Energiesparmaßnahmen mit einem eigenen Beitrag an der Tagung teil.

Sergej Siwajew und Elisabeth Preuß

Viele bekannte Gesichter also bei der Konferenz, aber auch nicht weniger viel Neues im Westen Deutschlands, im Herzen Europas, wo auch Rußland nun endlich angekommen ist, wo es hingehört seit alter Zeit und heute erst recht.

Mehr Bilder zum gestrigen Abend unter: https://is.gd/Dlyc6c

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: