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Posts Tagged ‘Jewgenij Arinin’


Wenn sich später einmal jemand mit der Historie dieser deutsch-russischen Städtepartnerschaft beschäftigen sollte, wird das Projekt von Jewgenij Arinin, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Religionswissenschaften an der Staatlichen Universität Wladimir, sicher besondere Aufmerksamkeit erfahren. Seit gut 15 Jahren nämlich kooperiert der Gelehrte schon mit dem Lehrstuhl für Religions- und Missionswissenschaften an der FAU, und seit Anfang 2018 untersucht er, interdisziplinär unterstützt von Natalia Markowa, Dekanin des Instituts für Geisteswissenschaften, Irina Pogodina, Leiterin des Lehrstuhls für Finanzrecht, und dem Soziologen Dmitrij Petrosjan, den Komplex „Philosophie und Religionskunde als globales Projekt: die deutsche und russische Jugend im Religionsdialog“, ein Vorhaben, das die Russische Stiftung für Grundlagenforschung in Moskau fördert. Im Fokus dabei – die Frage, wie sich im Laufe des Austausches und der Begegnungen die sozialen und religiösen Werte von Jugendlichen aus den Partnerstädten entwickeln und verändern. Diese Woche schloß das Team nun die Forschungsarbeiten in Erlangen ab; im März will man die Fortsetzung des Projekts beantragen. Durchaus mit der Aussicht auf Erfolg, denn längst ist die Untersuchung über den engen Rahmen der Städtepartnerschaft hinausgewachsen: von Astrachan bis Archangelsk und von Ulan-Ude bis Moskau erhebt man Daten, und die Befragung von Jugendlichen soll im nächsten Jahr noch weiter intensiviert werden, möglichst auch unter Einbeziehung der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Elisabeth Preuß, Witalij Galkin, Natalia Markowa, Irina Pogodina, Jewgenij Arinin und Dmitrij Petrosjan

Dmitrij Petrosjan äußerte denn auch beim Empfang am Mittwoch im Rathaus gegenüber Bürgermeisterin Elisabeth Preuß die Hoffnung, die Datenbasis im nächsten Schritt zu erweitern, denn sogar innerhalb der russischen Städte gebe es große Unterschiede bei der Rolle von religiösen Werten. Archangelsk sei sehr stark säkular geprägt, erläutert Jewgenij Arinin, während Wladimir als eher rechtgläubig orientiert gelte, Kasan stärker in Richtung Islam ausgerichtet und Ulan-Ude vom Buddhismus bestimmt sei. Eine Kurzfassung der Ergebnisse präsentierte der Blog bereits Anfang des Monats unter: https://is.gd/zPbFN3, seit gestern liegt der Redaktion auch die umfangreiche Gesamtuntersuchung – auf Russisch – vor, die allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden kann.

Morgen reisen nach getaner Arbeit die Gäste wieder nach Hause zurück und schließen für dieses Jahr den Besucherreigen aus der Partnerstadt mit den besten Wünschen von Elisabeth Preuß für die nächste Etappe des Projekts, das in der Historie der Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir schon jetzt eine Ausnahmestellung einnimmt.

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Jelena Woronzowa, Fakultät für Geschichte an der Staatlichen Universität Moskau, und Jutta Schnabel, Physikerin an der FAU sowie Kopf und Herz des Jugendaustausches zwischen den Partnerstädten Erlangen und Wladimir, legten, unterstützt von Iwan Wikulow, Philosophische Fakultät der Staatlichen Universität Wladimir, einen Artikel zum Thema „Interaktion der Jungend im interkulturellen Umfeld: Erfahrung einer soziologischen Untersuchung“ vor, der heute als weiteres Zeugnis der fruchtbaren Hochschulkooperation zwischen den Partnerstädten in der deutschen Übersetzung von Peter Steger auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Jugendaustausch Erlangen-Wladimir

Anmerkung: Der Artikel betrachtet die vorläufigen Ergebnisse einer Untersuchung zu den Wertvorstellungen von russischen und deutschen Jugendlichen, die am Austausch zwischen Erlangen und Wladimir teilnahmen. Der dazu ausgearbeitete Fragebogen enthielt eine Reihe von Blöcken mit Fragen aus der Weltweiten Werte-Erhebung, was erlaubte, die Resultate mit den Daten der großangelegten Untersuchung von 2011 für die Russische Föderation und von 2013 für Deutschland zu vergleichen. Auf der Grundlage der gesammelten Daten machen die Autorinnen den Versuch, die Spezifik jugendlicher Einstellungen in den jeweiligen Gruppen herauszuarbeiten.

Um die weltanschaulichen Einstellungen und religiösen Vorlieben der russischen und deutschen Jugendlichen, die am Austausch teilgenommen hatten, zu erfassen, hatte die Forschungsgruppe einen Fragebogen vorbereitet. Die Befragung erfolgte in beiden Sprachen auf der kostenfreien deutschen Internetplattform Face Africa, was es ermöglichte, papierfrei und rasch die erhobenen Daten zu verarbeiten. Etwa 30 umfangreiche Fragen, ausgerichtet an der Weltweiten Werte-Erhebung (World Values Survey), waren zu beantworten, für die deutsche Seite auf der Grundlage der Formulierungen und Daten der Umfrage aus dem Jahr 2013 und für die russischen Jugendlichen auf der Basis der analogen Erhebung aus dem Jahr 2011.

Unser Fragebogen https://is.gd/TKlpkt konzentrierte sich auf die Festigung von weltanschaulichen Haltungen mit der Ausrichtung auf die Religiosität, weshalb folgende Fragegruppen enthalten waren: Einbezogenheit in die Interaktion mit einer Gruppe, Beziehung zu universellen Werten, Politik und Gesellschaft, Religiosität, Selbstwahrnehmung. Über die grundlegenden biographischen Fragen zu Geschlecht und Alter hinaus wurde auch die Frage nach der religiösen Selbstidentifizierung gestellt. Hinsichtlich dieser Frage ist folgender Vorbehalt zu machen: In Rußland ist die religiöse Zugehörigkeit dieser oder jener Person völlig unreglementiert, in den allermeisten Fällen fehlen formale Kriterien einer Mitgliedschaft oder sie spielen für die jeweilige Person keine entscheidende Rolle. So kann also jemand angeben, orthodox zu sein, ohne zur Kommunion zu gehen oder sich als festes Mitglied einer Gemeinde zu bezeichnen. In Deutschland hingegen wird noch immer eine besondere Kirchensteuer erhoben, die dieser oder jener Kirche / Gemeinde zugutekommt. Wer diese Steuer nicht bezahlt, gehört formal nicht mehr zu dieser oder jener Gemeinde, wird in ihren Listen nicht geführt. Allerdings bedeutet die Weigerung, diese Steuer zu bezahlen – ein derzeit lebhaft diskutiertes Thema in der deutschen Öffentlichkeit -, nicht unbedingt, daß man deshalb nicht dennoch religiös sein könne. Diese Menschen können durchaus ihre religiösen Einstellungen beibehalten, allerdings wollen sie nicht mehr zu diesen oder jenen religiösen Institutionen gehören.

Im Lauf des Austausches zwischen Wladimir und Erlangen wurden im April des Jahres 19 deutsche und 20 russische Teilnehmer aus der Studentengruppe befragt. Dabei bezeichneten sich die russischen Jugendlichen zu über 50% als „orthodox gläubig“ (landesweit liegt dieser Wert bei etwa 60%), in der deutschen Gruppe hingegen erklärten sich mehr als 65% zu Gläubigen (Katholiken oder Protestanten), während in Deutschland insgesamt 65% der Bevölkerung sich als konfessionslos bezeichnet. Die Daten zu unseren deutschen Teilnehmern unterscheiden sich also deutlich von der Gesamtheit der Datenlage zu Deutschland.

Zu beobachten ist derweil ein höherer Wert bei den russischen Jugendlichen hinsichtlich der Religiosität: Während 60% der Russen insgesamt und fast 50% der von uns befragten Jugendlichen sich als religiös bezeichnet, sind es auf deutscher Seite nur 40% insgesamt bzw. 30% unter den Jugendlichen.

Paradoxerweise scheinen die russischen Jugendlichen toleranter gegenüber Vertretern anderer Religionen zu sein – und das obwohl gemeinhin davon ausgegangen wird, Deutschland sei stärker auf tolerante Einstellungen ausgerichtet. So verstehen sich mehr als 80% der befragten Studenten aus Wladimir als tolerant gegenüber Vertretern anderer Religionen und Konfessionen, während das nur 50% der deutschen Studenten aus Erlangen tun. Insgesamt aber nimmt aus beiden Gruppen nur eine zu vernachlässigende Zahl eine extreme Haltung bei der Frage nach der einzig akzeptablen Religion ein

Die Analyse des Fragenblocks zum Thema Politik gestattet die Aussage, daß die deutschen Teilnehmer insgesamt ein höheres Interesse an politischen Fragen zeigen (90% vs. 30% der russischen Studenten), sich als Träger demokratischer Werte bezeichnen und sich überwiegend als zufrieden mit den herrschenden Umständen erklären.

Die russischen Jugendlichen neigen nicht dazu, ihr Land für demokratisch zu halten: In Rußland hält sich – im Gegensatz zu Deutschland – die Neigung zu einem „starken Führer“. Sie fühlen sich ungeschützt (50% antworten, ihre Rechte werden „eher nicht gewahrt“, während weniger als 10% der Deutschen das so sehen).

Die Jugend insgesamt könnte man als Träger von universellen und kosmopolitischen Werten bezeichnen. Überwiegend zeigen das jedenfalls die Antworten der deutschen Teilnehmer (90% vs. 65% der russischen Jugendlichen).

Hinsichtlich der Selbstidentifizierung demonstriert die deutsche Jugend mehrheitlich eine Nähe zu den Werten der persönlichen Entwicklung, der Entfaltung der eigenen Individualität u.s.w. So zeigen sich mit der Einschätzung „Ich halte mich für ein autonomes Individuum“ mehr als 80% der deutschen Befragten einverstanden, während es auf russischer Seite nicht einmal 50% sind.

Interessant ist es, diese Angaben den religiösen Selbstidentifizierungen gegenüberzustellen.

Religiöse Überzeugungen

Религиозные убеждания

Ich halte mich für ein autonomes Individuum  Я ситаю себя автономным ндивидом Trifft völlig zu Совершенно согласен Trifft eher zu Скорее согласен Trifft eher nicht zu Скорее не согласен Абсолютно не согласен
Keine Religionszugehörigkeit 7 1 3 1
католичество, röm.-kath. 6 4 1 1
протестантизм, ev. 2 2 1 0
православние, russ.-orth. 1 2 2 4

Die Tabelle zeigt, daß die Werte des autonomen Individuums mehrheitlich von den Befragten geteilt werden, die sich als konfessionslos bezeichnen. Unter den russischen Jugendlichen erreicht die Zahl an Personen, die sich negativ hinsichtlich der individualistischen Werten zeigen, ihr Maximum.

Schließlich ist die Anhängerschaft gegenüber einem Traditionalismus in etwa gleich stark bei den Katholiken und Orthodoxen vertreten, während die Protestanten und Konfessionslosen dem Wert der Tradition eher ablehnend gegenüberstehen.

Religiöse Überzeugungen Религиозные убеждания Für mich ist es wichtig, der Tradition zu folgen Для меня важно следовать традиции Trifft auf mich sehr zu Очень похоже на меня Trifft auf mich zu Похоже на меня Trifft in gewisser Weise auf mich zu  Чем-то похоже на меня Trifft kaum auf mich zu Немного похоже на меня Не похоже на меня Совсем не похоже на меня
Ни к какой религии konfessionslos 0 1 1 1 4 5
католичество röm.-kath. 0 4 3 0 2 3
протестантизм ev. 0 1 0 1 0 1
православние russ.-orth. 0 3 3 3 1 0

So kann die Befragung eine Reihe von Unterschieden zwischen den Teilnehmern an diesem deutsch-russischen Austausch konstatieren. Vor allem sticht der höhere Anteil an Religiosität bei den russischen Jugendlichen ins Auge, aber auch das Gefühl mangelnden Schutzes und eines Mißtrauens gegenüber der Politik bei gleichzeitiger Bewahrung einer Unterordnung unter die Tradition und einer minimalen Neigung zu den Werten des Individualismus. Für die deutschen Teilnehmer ist ein hohes Interesse an Politik ebenso charakteristisch wie das Vertrauen in den Staat, die Betonung der persönlichen Entwicklung und der demokratischen Werte.

Der Fragenblock zur Gruppenarbeit und zu den universellen Werten bedarf einer weiteren Messung anhand der Ergebnisse einer Teilnahme der gleichen Studenten am nächsten Austausch. Eine derartige wiederholte Befragung erlaubt es, herauszufinden, inwieweit sich die Wertevorstellungen und grundlegenden Einstellungen über das andere Land im Lauf der Teilnahme am Austausch ändern.

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Das Seminar für Geschichte und Theologie des Christlichen Ostens der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Philosophische Fakultät und Fachbereich Theologie, ist im Besitz einer einmaligen historischen Sammlung theologischer Literatur aus der Bibliothek des Heiligsten Regierenden Synods der Russischen Orthodoxen Kirche. Und hier, im 1. Stock der Kochstraße 6, beugen sich Natalia Markowa, Dekanin des Instituts für Geisteswissenschaften, und Jewgenij Arinin, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Religionswissenschaften an der Staatlichen Universität Wladimir, wieder über die Bücher, mit denen sie ihre Seele auftanken.

Jewgenij Arinin, Natalia Markowa und Witalij Galkin

Hier, in der Synodalbibliothek, sind ca. 4.300 Titel, also mehr als 6.000 Bände, in russischer und kirchenslawischer Sprache aus allen theologischen Disziplinen gesammelt. Die Ausgaben stammen aus dem mittleren 18. bis beginnenden 20. Jahrhundert. Darunter befinden sich auch kostbare Originaleinbände sowie kultur- und kunsthistorisch wertvolles Bildmaterial (Radierungen, Photographien, Kartenmaterial).

Im Verbund mit der Seminarbibliothek Christlicher Osten (ca. 10.000 Signaturen) und der zugehörigen Microfiche-Sammlung der wichtigsten historischen theologischen Zeitschriften aus Rußland (110 Titel in ca. 1.300 Kassetten) bietet sie eine hervorragende Infrastruktur zur Erforschung der russisch-orthodoxen Theologie und Kirchengeschichte, insbesondere des 19. und 20. Jahrhunderts.

Der größte Teil des Erlanger Synodalbibliotheksbestandes trägt alte Signaturen der Bibliothek des Heiligsten Synods der Russischen Orthodoxen Kirche. Darüber hinaus finden sich ca. 45 weitere private und kirchliche Besitzeinträge russischer Provenienz. Überlieferte Dokumente belegen, daß die Bücher in den 30er Jahren über das sowjet-russische Staatsantiquariat Международная книга – International Book an den Martin-Luther-Bund Erlangen verkauft wurden. 1954 gingen sie an die Erlanger Universität und bildeten den Grundstock der heutigen Seminarbibliothek Christlicher Osten am Fachbereich Theologie.

Etwas in der Art wie hier, so die Gäste, finde man nirgendwo auf der Welt, „auch nicht bei uns in Rußland“. Und alles so zugänglich. Besonders jetzt, wo noch Ferien sind. „Das wollen wir nutzen, auch am Tag der Einheit. Wir haben den Schlüssel… Man kennt uns ja hier.“ Und dann ist da immer noch das Projekt zur Untersuchung von Auswirkungen des Religionsunterrichts an russischen Schulen auf Jugendliche, an dem das Team beharrlich arbeitet. Für den Winter ist schon der nächste Besuch vorgesehen. Da kann die russische Seele in Erlangen wieder auftanken.

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Eben erst aus Wladimir zurückgekehrt sind Jutta Schnabel und Felix Mörsberger, und schon liefern sie einen Bericht für den Blog.

Es gibt Jugendleiter, die haben Wladimir noch nie im Winter gesehen. Da das auf alle Fälle ein Versäumnis ist, das man schnellstmöglich beseitigen sollte, machten wir uns von der Nadjeschda-Jugend, leider nur zu zweit, dieses Jahr schon im Februar in die Partnerstadt auf, um die Begegnung mit der Universität und der Rosenkranzgemeinde für dieses Jahr vorzubereiten. Der frühe Termin hatte wohl auch damit zu tun, daß wir uns heuer schon im April mit zwanzig erwartungsfreudigen jungen Leuten aufmachen werden, unsere russischen Freunde in wiederzusehen. Also trotzten wir den windigen -14 Grad und dem Schnee und machten uns auf ins kalte, aber winterlich schöne Wladimir.

Jutta goldenes_tor_schnee_klein

Goldenes Tor im Schnee

Nach der üblichen Anreise per Flugzeug und Zug über Moskau nach Wladimir setzten wir uns am ersten Tag gleich nochmal in den Zug, um mit drei unserer Partner bis nach Nischnij Nowgorod weiterzufahren, die Stadt der Wahl für unseren diesjährigen Austausch. Hinter zwei verfallenen Häusern fanden wir hier die katholische Gemeinde, in der wir warm empfangen wurden und gleich das Komplettpaket für unseren Besuch in Aussicht gestellt bekamen, mit Unterkunft im Klostergebäude, jeder Menge guter Tips für das Programm, wenn wir denn zu Ostern kommen würden, und einer guten Erklärung zu der manchmal schwierigen Lage der Gemeinde in der Stadt. Danach genossen wir wegen des weniger einladenden Wetters vor allem die Buntheit der Pelmeni und die verwirrende Vielfalt koffeinhaltiger Heißgetränke der Gastonomieangebote in der Fußgängerzone, der ideale Platz, um gemeinsam das planerische Großprojekt für den nächsten Tag vorzudenken, da wir tags darauf bei einem Seminar die Weichen für den gesamten Austausch für das Jahr 2019 stellen wollten.

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Felix Mörsdorfer, sechster v.l. und Jutta Schnabel, ganz rechts im Bild, vor der Planungswand

Vielleicht dank dieser kaffeegestärkten Vorgespräche schafften wir es wirklich, an einem Seminartag mit insgesamt zehn Leitern zwei komplette Austauschprogramme zu planen – natürlich noch mit ein paar Platzhaltern und offenen Stellen, doch schon einer guten Vorstellung, wie unsere Tage in Wladimir und der Besuch der russischen Gruppe im Sommer ablaufen würden. Das funktionierte vor allem, weil wir uns inzwischen untereinander gut kennen und auch über die Jahre gelernt haben, daß dieses persönliche Verständnis die Grundlage eines guten Austauschs bildet. Das wurde uns besonders bei unserer Diskussion zu Beginn des Seminars klar, als wir uns über unsere gemeinsamen Ziele in der Begegnung austauschten und feststellten: Kern einer erfolgreichen Begegnung sind gegenseitiges Vertrauen und Kennenlernen der anderen in kleinen Gruppen oder ganz persönlich. Mit kreativen Wortneuschöpfungen wie „Nuklearisation“ für die Begegnung in diesen Kernbeziehungen oder durch die schöne Sprachfigur „ответная открытость“, welche die gegenseitige „antwortende Offenheit“ für uns als Leiter – aber auch gegenüber neuen Teilnehmern – beschreiben soll, versuchten wir, unsere bisherigen Erlebnisse zu reflektieren, um die diesjährige Begegnung tatsächlich nicht nur zu einem informativen Ausflug in ein neues Land, sondern eine teifgreifende Erfahrung werden zu lassen.

So innerlich erwärmt, stellten wir uns auch noch dem letzten kalten Tag, an dem ein Treffen mit den „alten Herren“ unserer Begegnung, Pfarrer Sergej Sujew, dem Universitätsseelsorger, Vater Warfolomej und Professor Jewgenij Arinin die offizielle Seite des Austausches in den Blick nahm. Hier ging es um die Rahmenbedingungen, denn über die Jahre entstanden im Umfeld der Begegnungen nicht nur neue Formen der Zusammenarbeit, sondern auch ein Forschungsprojekt der Universität, das den Einfluß interkultureller Begegnungen auf die Wertebildung von Jugendlichen untersucht. Neben der Einbeziehung von Nischnij Nowgorod ist heuer noch etwas ganz neu: Dieses Jahr nehmen mehr russische Jugendliche an unserem Programm teil, die von der namensgleichen, aber nicht verwandten Organisation Nadjeschda für Waisen in Wladimir betreut werden, und auch die orthodoxe Seite wird die Begegnungen durch Angebote und Treffen unterstützen. Nach dieser intensiven Arbeit genossen wir schließlich einen unserer Meinung nach wohlverdienten letzten Abend im Kreis unserer alten Bekannten, um bei Tee und Nudeln zu pflegen, was im Austausch begonnen wurde – unsere Freundschaft.

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Vorgestern, am Tag der Ankunft der Religionswissenschaftler, handelte es sich noch um graue Theorie und auf Papier gebannte Analyse, gestern, am ersten Jahrestag des Todes von Wolfgang Vogel, erlebten die Gäste aus Wladimir, wie intensiv in Erlangen die Ökumene praktiziert wird. Und welche Unterschiede es in Glaubensdingen zwischen West und Ost noch immer – und leider wieder zunehmend – gibt. Matthias Wünsche, Gemeindepfarrer von Herz Jesu, und Dekan Josef Dobeneck bedauerten denn auch gegenüber Jewgenij Arinin, Lehrstuhlinhaber für Philosophie und Religionswissenschaften an der Universität der Partnerstadt, und Dmitrij Petrosjan, die wachsende Entfremdung zwischen dem Vatikan und dem Moskauer Patriarchat, nicht ohne zu betonen, wie wichtig gerade deshalb derlei Begegnungen seien.

Matthias Wünsche, Jewgenij Arinin, Dmitrij Petrosjan und Josef Dobeneck

Dennoch, so die Frage der Gäste: „Wie ist es möglich, ein armenisches Steinkreuz auf dem Grund einer katholischen Gemeinde in Erinnerung an einen Katholiken weihen zu lassen, etwas, das so bei uns nicht denkbar wäre?“ – „Weil wir seit dem Zweiten Vatikanum das Verbindende stärker betonen als das Trennende zu forcieren“, lautet komprimiert die Antwort.

Dmitrij Petrosjan und Jewgenij Arinin

Wolfgang Vogels Geist der Verständigung zwischen den Konfessionen und Kulturen schwebte spürbar über der gestrigen Zeremonie, und das Gedenken an ihn hat nun einen würdigen Ort gefunden, hier in Herz Jesu mit dem keltischen Kreuz auf dem Dach, dem Kruzifix in der Kirche und dem armenischen Wegkreuz auf dem Vorplatz. Eine Inspiration sicher auch für die russischen Gäste.

Zum Nachruf auf Wolfgang Vogel geht es hier: https://is.gd/uD7uUb, und mehr Eindrücke zur gestrigen Gedenkfeier findet man unter: https://is.gd/Dlyc6c

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Rechtschaffen müde traf die fünfköpfige Forschungsgruppe um Jewgenij Arinin, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie an der Universität Wladimir, gestern gleich nach der langen Reise – um kurz nach Mitternacht waren sie aufgebrochen – am frühen Abend bei der Professorin für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas, Julia Obertreis, ein und kamen rasch zum Objekt ihrer wissenschaftlichen Analyse. Anhand eines zusammen mit der Erlanger Seite ausgearbeiteten vierseitigen Fragebogens sollen unter religionswissenschaftlichen und soziologischen Aspekten deutsche und russische Jugendliche Auskunft über ihre Haltung zum Glauben geben. So ungleich bisher noch die Datenlage – ca. 500 Respondenten in Wladimir stehen bis dato erst gut 50 Befragte in Erlangen gegenüber -, so anders auch die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen: Erste Ergebnisse deuten wohl auf ein komplexeres Verständnis der deutschen Teilnehmer an der Umfrage hin. Ob sich diese erste Analyse erhärtet, kann aber nur eine Erweiterung des Kreises bestätigen. Deshalb auch die Bitte der Gäste, diese in deutscher Sprache vorliegenden Fragebögen möglichst breit an der Friedrich-Alexander-Universität zu streuen. Denkbar wäre aber auch die Einbeziehung der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Otto-Friedrich-Universität Bamberg mit ihren Instituten für Slawistik und Theologie. Eines aber, so der Soziologe Dmitrij Petrosjan, lasse sich aber jetzt schon konstatieren:

Zwei Drittel bezeichnen sich zwar als gläubig, aber wenn es ans Eingemachte geht und nach Glaubensinhalten und die Ausübung des Glaubens gefragt wird, kommen wir rasch in den einstelligen Bereich, bei etwa fünf Prozent, die tatsächlich auch zumindest an Feiertagen den Gottesdienst besuchen. Eine Zahl, die übrigens auch die Statistik der Polizei bestätigt, die gerade zu Weihnachten und Ostern zu deren Schutz Schätzungen der Kirchgänger vornimmt.

Natalia Markowa, Witalij Galkin, Dmitrij Petrosjan, Julia Obertreis, Iwan Wikulow und Jewgenij Arinin

Ansonsten freuen sich die Gäste darauf, noch bis Dienstag ohne jede Ablenkung durch Anrufe und administrative Aufgaben am Lehrstuhl für Religions- und Missionswissenschaften sowie vor allem in der Synodalbibliothek mit ihren mehr als 6000 Bänden in russischer und kirchenslawischer Sprache aus allen theologischen Disziplinen zu lesen und zu exzerpieren. Das, so Jewgenij Arinin, könne man in Erlangen wesentlich unkomplizierter als im viel näheren Moskau. Was man dort erst langwierig bestellen müsse, hole man sich hier zur Lektüre oder Kopie einfach aus dem Regal.

Julia Obertreis auf der Weihnachtsfeier mit den Gästen aus Wladimir

Aber auch die Wissenschaft lebt nicht vom Buch allein. Nach dem zweistündigen Gespräch über Möglichkeiten einer Zusammenarbeit wartet Kommunalka, der vor zwei Jahren während der Wladimir-Exkursion ins Leben gerufene studentische Kreis für osteuropäische Kultur, mit einer vielfältigen Bewirtung auf, vom Hering im Mantel über den Vinaigrette-Salat bis hin zu polnischen Bonbons. Einen besseren Auftakt kann man sich kaum vorstellen.

Zum Thema siehe auch: https://is.gd/kTaCd8

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Gerade noch rechtzeitig, um den Salut zum Tag des Sieges vorgestern abend mitzuerleben, traf das vierköpfige Jugendleiterteam von Jutta Schnabel in Wladimir ein. Kurz über das Programm in der katholischen Rosenkranzgemeinde gesprochen – und dann schon hinein ins nächtliche Festgetümmel.

Salut am Tag des Sieges in Wladimir

In welcher Atmosphäre die Gespräche gestern an der Universität stattfanden, gibt das Bild besser wieder als noch der elaborierteste Hintergrundbericht. Man versteht sich, probt immer wieder neue Konzepte, gibt sich nie mit dem Erreichten zufrieden – und stellt in den nächsten Tagen das Programm für den Jugendaustausch im Sommer und Herbst zusammen.

Jutta Schnabel (links im Bild) und Iwan Wikulow (sitzend) beim ersten Treffen in der Universität

Und, wie Jewgenij Arinin am 8. Mai hier im Blog ankündigte, die Jugendbegegnungen stehen nun in den nächsten drei Jahren unter der analytischen Aufsicht der Wissenschaft. Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein. Die „Versuchsreihe“ beginnt.

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