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Posts Tagged ‘Iwan der Schreckliche’


„Aber höher als ihr, Zaren, sind die Glocken“, lautet eine Mahung an die Mächtigen aus der Feder von Marina Zwetajewa, jener Lyrikerin, die für sich in den despotischen Jahren des Stalinismus den Ausweg im Freitod fand. Ausgerechnet in Alexandrow, der Stadt in der Region Wladimir, wo die mit Rainer Maria Rilke seelenverbundene und vom Leben zutiefst verwundete Dichterin sich von 1915 bis 1917 niedergelassen hatte und wo 1991 das erste ihr gewidmete Museum eröffnet wurde, ausgerechnet hier, wo sie mit einem weiteren Opfer der kommunistischen Tyrannei, mit dem Schriftsteller Ossip Mandelstam, zusammengetroffen war, ausgerechnet hier sollte Iwan dem Schrecklichen, jenem Altmeister des Terrors gegen das eigene Volk, ein Denkmal errichtet werden. Das zweite seiner Art landesweit nach einem ähnlichen Monument der Apotheose des Menschenschinders auf dem Zarenthron in Orjol im Herbst vergangenen Jahres.

Nicht ganz von ungefähr, denn jener Moskauer Großfürst, der sich einen Stammbaum andichten ließ, der bis zurück zu den römischen Kaisern reichte, hatte in Alexandrow von 1564 bis 1581 seine Residenz eingerichtet, um, wie er selbst sagte, jenseits von Moskau Gott näher sein zu können, was ihn freilich nicht hinderte, gegen Nowgorod ins Feld zu ziehen. Immerhin aber wurde hierher 1571 auch die landesweit einzige Druckerei – nach einem Brand in Moskau – verlegt, wo 1577 eines der seltensten Bücher der russischen Literatur entstand, ein Gebetsbuch, von dem es vermeintlich nur noch 24 Exemplare gab, bis unlängst auf einer Auktion Nummer 25 auftauchte und nun für eine wahrscheinlich nicht geringe Summe in die Heimat zurückkehrte.

Doch zurück zum Denkmal für Zar Iwan IV. Die Skulptur hatte ein Künstler in Moskau geschaffen, das Projekt wurde von einer privaten Gruppe betrieben, aber die örtlichen Behörden zeigten sich nicht allzu enthusiastisch von dem Vorhaben, das immer wieder verschoben wurde. Schließlich wurde der Bildhauer der Sache überdrüssig und kündigte an, sein Werk andernorts zu präsentieren.

Kulturell sicher ein zu verschmerzender Verlust, in jedem Fall mehr als aufgewogen durch eine Gedenktafel für Marina Zwetajewa an dem Haus, wo sie seinerzeit mit ihrer Schwester Anastasia wohnte und dichtete. Jahre später, 1925, schrieb die Vertreterin einer Weltliteratur auf Deutsch, das sie perfekt beherrschte, an Rainer Maria Rilke:

Dichten ist schon Übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob Französisch oder Deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc. Dichtern redet. Ein Dichter kann Französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, daß alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Wie schön, sie in Alexandrow, 130 km nordwestlich von Wladimir, geehrt zu wissen, wo es im Juni alljährlich ein Zwetajewa-Lyrik-Festival gibt. Die Glocken der Dichtung sind eben doch höher als die Macht der Zaren…

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Ilja Repin: Iwan der Schreckliche erschlägt seinen Sohn

Tatort Alexandrow, ganz im Westen der Region Wladimir, von wo aus einst Zar Iwan IV 17 Jahre lang sein Reich in Angst und Schrecken hielt, bis er in seiner Residenz im November 1581 in einem Wutanfall seinen Sohn Iwan erschlug und nach Moskau zurückkehrte. Eine Stadt mit einem schaurigen geschichtlichen Erbe voller restaurierter Prachtbauten aus dem 16. Jahrhundert, eine Stadt, die heute geprägt ist von Elektroindustrie, nach Jahren des Niedergangs – ähnlich wie in Fürth -, nun unter türkischer Regie wieder im Aufschwung begriffen, eine Stadt, die aber auch erschüttert wird von einem Politskandal und einem Mordanschlag, wie man ihn nur aus Krimis und Mafiafilmen der B-Klasse kennt.

Denis Kusnezow

Unbekannte haben mit einer MP das Auto des 34jährigen Abgeordneten der Wladimirer Regionalduma, Denis Kusnezow, beschossen. 26 Treffer zählte die Spurensicherung, doch, wie durch ein Wunder, keine der Kugeln traf den Politiker, Mitglied der Partei Gerechtes Rußland, der alleine in seinem Wagen saß. Die Waffe fand man noch am Tatort, vom Täter fehlt bisher jede Spur. Doch die Spur führt wohl, auch wenn das aus Ermittlungsgründen nicht zugegeben wird, zu einem Politskandal, der das Zeug zu einem A-Movie hat. Vor einigen Monaten wurde der Bürgermeister von Alexandrow seines Amtes enthoben und wegen des Verdachts der Vorteilannahme in Haft genommen. Gennadij Simin wurde in kriminellen Kreisen „der Grüne“ genannt, in Anspielung auf das russische Slangwort für Dollar, die das Stadtoberhaupt offenbar gern für Baugenehmigungen und andere Gefälligkeiten ohne Quittung entgegennahm. Die These unterstützt auch das Anschlagsopfer, mittlerweile unter Polizeischutz und im Brotberuf Unternehmer, wenn er zu Protokoll gibt: „Ich kann ganz offiziell sagen, daß Gennadij Simin für eine Baugenehmigung eine Zweizimmerwohnung im Wert von gut eineinhalb Millionen Rubeln forderte.“  

Szenenwechsel, anderes Dezernat: Zwei hochrangige Beamte der Wladimirer Region sind wegen Bestechlichkeit angeklagt. Kurz hintereinander wurden die Fälle bekannt. Bei dem einen handelt es sich um den obersten Kontrolleur der historischen Bausubstanz im Gouvernement, den Herrn über all die schönen Gebäude, die unter dem Schutz der UNESCO stehen, beim andern um den Verantwortlichen für den Strahlenschutz. Er wurde bei der Übergabe von Schmiergeld in Höhe von 150.000 Rbl. auf frischer Tat ertappt, bezahlt von einem Betrieb, dem der Staatsdiener dafür zugesagt hatte, ein Auge beim Brandschutz zuzudrücken. Da stelle man sich einmal vor, es gäbe in der Region Wladimir ein AKW… Die Strafverfolgungsbehörden geben unterdessen bekannt, es würden in nächster Zeit noch mehr solcher Fälle ans Tageslicht kommen. Das darf man getrost glauben.

Hexenküche

Und nun: „Heroin spaziert, Heroin spaziert, / meine Herrschoft’n, nur Heroin spaziert! / Koan Wodka und koan Wein, / ganz Rußland raucht si ein.“ So könnte man in Abwandlung mit Wolfgang Ambros singen, wenn man die Suchtlerstatistik liest. In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden 696 Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz registriert und mehr als elf Kilo Drogen, darunter gut sechs Kilo Heroin und mehr als vier Kilo Mariuhana beschlagnahmt. Gegen 197 Personen laufen Ermittlungen und Strafverfahren. 1.302 Frauen und Männer sind als Drogenkonsumenten aktenkundig, 888 davon gelten als abhängig, die meisten davon in den Städten Wladimir, Alexandrow und Petuschki. Schlimm, aber die Tendenz zeigt nach unten. Statistiker rechnen vor, daß in der Region Wladimir auf 100.000 Einwohner 61 Drogenabhängige kommen. Wenig im Vergleich zu Zentralrußland, wo die Kennziffer bei 176 liegt, noch weniger in Relation zum Landesmittel, das mit 252 angegeben wird. Sorgen bereitet aber die Ausbreitung von illegalen Labors zur Herstellung von Desomorphin, in der Szene „Krokodil“ genannt, einer Droge der Armen, hergestellt aus legal in Apotheken erhältlichem Codein und anderen frei zugänglichen Stoffen bis hin zu Feuerzeugbenzin, Schwefel und Asche. Die Mixtur soll noch stärker wirken als das wesentlich teuerere Heroin, erkauft mit einem noch rascheren Verfall von Psyche und Physis des Konsumenten. Sechs dieser Hexenküchen, fünf davon in Wladimir, wurden im letzten Jahr ausgehoben. Nun hat man in der Region – landesweit fehlt eine solche Regelung noch – zwar den freien Verkauf von Codein und vergleichbaren Präparaten eingeschränkt, aber allein im ersten Halbjahr 2011 entdeckte man acht neue Brutstätten für Krokodil.

Was nicht selbst vor Ort gezogen, gebraut oder zusammengemischt wird, gelangt in die Region Wladimir hauptsächlich aus Nischnij Nowgorod und Iwanowo, aber auch aus den südlichen Teilen Rußlands und der Ukraine. Der bis dato größte Fund von Heroin – neun Kilo waren das im November letzten Jahres in Murom – stammte allerdings aus Tadschikistan.

„Da Rausch unsa Schicksoi, / im Rausch san ma z’aus. / A Rauchal, a Fixal, / do kenn‘ ma uns aus.“ So endet das Lied vom Schwarzen Afghanen. Für immer endet in Rußland das Leben von 30.000 Heroinsüchtigen pro Jahr. Und von den offiziell angegebenen 50.000 Konsumenten von Krokodil werden wohl die meisten schon in ein bis zwei Jahren tot sein. Keine berauschenden Aussichten, eher ernüchternd.  

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Mariä-Entschlafens-Kirche in Moschok

Die 1000-Seelen-Gemeinde Moschok, hinter Sudogda in Richtung Murom gelegen, gute 70 km von Wladimir entfernt,  sucht man vergeblich auf den Spickzetteln der Fremdenführer. Dabei hätte der Ort, im 16. und 17. Jahrhundert Sitz des von Iwan dem Schrecklichen protegierten Fürstengeschlechts der Worotynskijs für den geschichtlich interessierten Reisenden einiges zu bieten. Einiges, für das die Moschoker Bürger 1980 sogar der lokalen Sowjetmacht mutig die Stirn boten, als die Kommunisten die bereits 1960 entweihte Mariä-Entschlafens-Kirche sprengen wollten. Ein Akt zivilen Ungehorsams, der noch heute höchsten Respekt abnötigt, zumal längst nicht überall im weiten Rußland das Gottesvolk so unbeirrt für seine Kirchen aufstand. Vielleicht stand ihnen damals ja eine Kopie der Gottesmutter von Bogoljubowo bei, von der gestern hier die Rede war. Als nämlich Moschok von einer Cholera-Epidemie heimgesucht wurde, schickte man nach Bogoljubowo, um eine Kopie der wundertätigen Ikone anzufertigen. Und siehe da, die Seuche verschwand mit dem Eintreffen des Heiligenbildes. Bis heute finden hier deshalb im Juli Dank-Prozessionen für die Muttergottes von Bogoljubowo statt. 1980 renovierte man die Kirche übrigens sogar, und seit 1991 wird in ihr wieder Gottesdienst gefeiert.

In Feierlaune freilich ist derzeit kaum jemand in Moschok, und auch zu Dankprozessionen ist niemand aufgelegt, denn die neue Hackschnitzelanlage bereitet allen nur Kummer: Anstelle der versprochenen Heizkostensenkungen kommt es zu sprunghaften Steigerungen, anstelle warmer Wohnungen bringen die Leitungen nicht genug Temperatur in die Häuser, und ein Kindergarten mußte schon vor zwei Wochen geschlossen werden. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Mitte der 90er Jahre war der leider viel zu früh verstorbene Chefredakteur des Wladimirer Lokalfernsehens, Leonid Skakunow, auf Einladung des damaligen technischen Vorstands der Erlanger Stadtwerke AG, Rolf Wurzschmitt, nach Franken gekommen, um sich über die seinerzeit auch hierzulande noch eher exotisch anmutenden alternativen und regenerativen Möglichkeiten der Energiegewinnung zu informieren. Auf dem Programm des Journalisten, der mit seinem Kameramann, Andrej Priwesenzew, gekommen war, stand deshalb u.a. die Besichtigung einer der ersten Hackschnitzelanlagen in Franken. Die Reportage wurde mit großem Erfolg in der ganzen Region Wladimir ausgestraht und fiel auf fruchtbaren Boden, auf dem ja so viel ungenutzte Biomasse wächst. Warum die nicht selbst verwenden, statt sie entweder verrotten zu lassen oder als Rohprodukt ins Ausland zu liefern? Es entstand die Idee, in Moschok eine Pilotanlage zu bauen und alle Skeptiker vom Nutzen dieser Technik zu überzeugen, die andernorts und hierzulande (man denke nur an die Franken-Therme in Bad Windsheim) mit großem Erfolg zum Einsatz kommt.

Doch es sollte anders kommen in Moschok. Vor zwei Jahren, als die Anlage nach langer Bauzeit endlich ans Fernwärmenetz ging, hieß es, die Heizkosten würden sinken, und die lagen denn auch bis Oktober tatsächlich bei sehr moderaten 29 Rbl. pro Quadratmeter Wohnfläche und Monat. Doch dann übernahmen neue Betreiber das Werk, stellten fest, die Tarife seien künstlich niedrig gehalten und erhöhten die Gebühren im November vergangenen Jahres auf 58 Rubel. Da ist man mit einer Dreizimmerwohnung schnell bei 5.000 Rbl. allein für die Heizung. Für Rentner mit einem Einkommen von 4.000 Rbl. schlichtweg unbezahlbar. Die Kritiker des Vorhabens, die schon vor Jahren gewarnt hatten, die ganze Sache werde sich nicht rechnen und die 20 Mio. Rbl. Baukosten lieber in einen Gasanschluß für ihre Gemeinde gesteckt hätten, scheinen nun bestätigt zu werden. Warum aber nur sind die Betriebskosten mit Holzabfällen plötzlich doppelt so teuer wie fossile Brennstoffe?

Schuld daran, so die Betreiber, trage die Krise. Früher hätte man die Späne und Hackschnitzel kostenlos von den Sägereien erhalten. Doch die stehen nun zum großen Teil still. Außerdem ist die Technik anspruchsvoll. Das meist feuchte Material muß getrocknet, sortiert und zu Pellets gepreßt werden, aufwendig und kostspielig. 90 m³ Biomasse braucht man zur Beheizung des Ortes, eine Menge, die drei LKW-Ladungen entspricht. Und just auf LKWs muß das Heizmaterial nun angeliefert werden, aus Kowrow, Gus-Chrustalnyj, Seliwanowo, von weit her also, weil die heimischen Ressourcen nicht mehr ausreichen. Und diese Transportkosten schlagen ebenfalls zu Buche.

Bei anhaltendem Dauerfrost um – 20° C und darunter wird es in den Häusern von Moschok nicht wärmer als + 13° C, und der Chefingenieur des Heizkraftwerks, Alexander Nikitin, muß zugeben, die Anlage sei nicht für den russischen Winter ausgelegt: „Die Idee war ja gar nicht schlecht, so eine Anlage zu bauen. Aber bei niedrigen Temperaturen bringt sie nicht die notwendige Leistung.“

Eine klassische Fehlleistung also, die wieder einmal Wiktor Tschernomyrdin, unter Boris Jelzin Ministerpräsident, Recht gibt, der das so traurig-treffende Bonmot geprägt hat: „Wir wollten nur das Beste, aber es wurde wieder so wie immer.“ Schade um die gute Idee, nachwachsende Rohstoffe zu nutzen, die nun für lange Zeit zumindest in der Region Wladimir diskreditiert sein wird, schade vor allem aber um die Menschen, die enttäuscht wurden und nun ihr Recht auf Wärme zu bezahlbaren Preisen bei der Staatsanwaltschaft einklagen müssen. Die Stimmung ist jedenfalls auf dem Nullpunkt in Moschok.

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Bereits gestern ist Präsident Dmitrij Medwedjew in Susdal eingetroffen, um heute an den Feierlichkeiten zur Eröffnung der restaurierten Grabstätte von Dmitrij Poscharskij teilzunehmen. Das gibt Gelegenheit, etwas zum heutigen Feiertag, dem Tag der Einheit des Volkes, zu sagen, den ja – wie hier vorgestern zu lesen war – die Partei „Einiges Rußland“ für sich reklamiert hat.

Minin-und-Poscharskij-Denkmal

Denkmal für Minin und Poscharskij auf dem Roten Platz

Der Feiertag am 4. November wurde 2005 eingeführt, gewissermaßen als Ersatz für den verblichenen Tag der Oktoberrevolution vom 7. November. Im Bewußtsein der Bevölkerung ist das neue Fest freilich noch nicht recht angekommen. Bis 1990 beging man ja mit Paraden und Umzügen den Sturm auf das Winterpalais im damaligen Petrograd, dem späteren Leningrad bzw. St. Petersburg. 1991 brach die Politik mit dieser Mythologisierung eines Staatsstreichs mit der darauf folgenden siebzigjährigen Diktatur und widmete den 7. November zum Tag der Eintracht und Versöhnung um. Der neue Titel eines alten Datums wirkte immer etwas aufgesetzt, und so wurde der 7. November mehr als freier Tag, denn als Feiertag wahrgenommen, bis auch er 2004 aus dem Kalender verschwand.

Was feiert man aber nun eigentlich seit fünf Jahren am heutigen Tag in Rußland? Viele Russen sollen es ja selbst noch nicht wissen. Um der Sache auf den Grund zu gehen, ist ein kleiner Exkurs in die Geschichte notwendig.

Boris Godunow
Boris Godunow

Die Zeit der Wirren markiert zwischen 1598 und 1613 das Ende der Rjurikiden und den Aufstieg der Romanows. Als Iwan der Schreckliche 1584 starb, hinterließ er als Thronfolger seinen Sohn Fjodor I, der, geistig zurückgeblieben, pro forma bis zu seinem Tod 1598 regierte, die Amtsgeschäfte aber seinem Schwager, Boris Godunow, überließ. Als der sich selbst zum Zaren krönte, kam es unter den Bojaren, den mächtigen Adligen, zu Unruhen, zumal dem neuen Herrscher vorgeworfen wurde, er habe den jüngsten Sohn Iwans des Schrecklichen, Dmitrij Iwanowitsch, der in der Thronfolge an nächster Stelle gestanden hatte, ermorden lassen. Schon 1605 starb auch Boris Godunow (eines natürlichen Todes!). Hatte man sich ihm noch gebeugt, so verfügte sein sechzehnjähriger Sohn Fjodor trotz bester Ausbildung und Eignung nicht mehr über die Macht, seinem Vater nachzufolgen. Er hielt sich von April bis Juni auf dem Thron, wurde aber nicht zum Zaren gekrönt, sondern auf Verlangen des Pseudo-Demetrius zusammen mit seiner Mutter im Kreml erwürgt. Der neue Herrscher vergewaltigte Fjodors Schwester Xenia und schickte sie ins Kloster, wo sie erst Jahre später als Nonne verstarb. Es beginnt eine grausige Periode in der Geschichte Rußlands, die heute nur kursorisch dargestellt werden soll. Der Pseudo-Demetrius behauptete, der Sohn Iwans des Schrecklichen zu sein und riß die Herrschaft an sich. Doch schon 1606 wurde auch er ermordet. Zwei weitere selbsternannte Söhne, Pseudo-Demetrius II und III, folgten und erlitten das gleiche Schicksal. Diese inneren Machtkämpfe wurden von Polen angeheizt und begünstigt, bis 1610 König Sigismund III Moskau einnahm. Nun, aller legitimen Herrscher beraubt und der Willkür der Besatzer ausgeliefert, schlug in Rußland die Stunde von Kusma Minin und Dmitrij Poscharskij, die 1612 ein Freiwilligenheer gegen Moskau führten und am 4. November 1612 der polnischen Fremdherrschaft ein Ende setzten. Damit war der Weg frei für eine neue Dynastie. Schon im Januar 1613 einigte sich die Stände- und Adelsversammlung in Moskau auf Michail Romanow als neuen Zaren, dessen Haus bis zur Abdankung von Nikolaus II 1917 über Rußland herrschen sollte. 

Vielleicht sind die beiden Volkshelden ja tatsächlich die Identifikationsfiguren, auf die sich über alle ideologischen und geschichtlichen Gräben hinweg die russische Gesellschaft einigen kann. Zu wünschen wäre es, denn Rußland ist noch immer auf der Suche nach der inneren Einheit und hat auch damit viel mit Deutschland gemein.

Dmitrij Poscharskij, dessen Güter in der Nähe von Wladimir lagen, ist in Susdal beigesetzt. Seine Grabstätte wurde aufwendig vom Staat, aber auch aus privaten Spenden, restauriert und soll heute im Beisein des Staatspräsidenten eröffnet werden. Da gibt es im Blog bestimmt noch etwas nachzureichen.

Bis dahin aber ein Tip: Der russische Nationaldichter Alexander Puschkin hat über die Zeit der Wirren das Drama „Boris Godunow“ geschrieben, von Modest Mussorgskij zu einer genialen Oper gleichen Namens umgearbeitet. Und wo wir noch im Schiller-Jahr sind: Auch der geschichtsinteressierte deutsche Klassiker hat sich dem Thema Pseudo-Demetrius gewidmet. Lesens- und hörenswert!

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Ende Oktober und Anfang November drängeln sich im russischen Kalender regelrecht die Gedenktage. Am 4. November werden Kusma Minin und Dmitrij Poscharskij geehrte, die in der Zeit der Wirren nach dem Tod von Iwan dem Schrecklichen einen Volksaufstand angeführt und Moskau von den Polen und Litauern befreit haben. In Susdal hat man zu dem Datum große Pläne geschiedet, die im Blog noch rechtzeitig vorgestellt werden sollen. Doch uns ist die Partei „Einiges Rußland“ zuvorgekommen, was nicht weiter verwundert, spielt sie doch ohnehin mit dem eigenen Volk Hase und Igel. Wundern darf man sich allerdings über die Chuzpe, mit der die Einheitspartei vorgeht. Ein Lehrstück in moderner russischer Parteigeschichte:

Nach Umfragen weiß nicht einmal die Hälfte der Russen, welchen Feiertag sie am 4. November überhaupt begehen. Dies nahmen die Wladimirer Kader der Kremlpartei zum Anlaß, zwei Dinge zu erklären: Erstens – was gefeiert wird, und zweitens – dank wem. Dabei schien weniger wichtig, daß die Kinder, denen man das Einmaleins der Geschichte beibringen wollte, noch lange nicht zur Wahlurne gehen werden. Wichtig schien vielmehr, sie wissen zu lassen, wen man zu wählen hat. Dabei entwickelten die Politiker ein frapierendes Maß an Kreativität. Man lese und staune.

Man hatte die Kinder unmittelbar von der Schulbank weg in den Kulturpalast gebracht, ohne ihnen oder den Eltern den Grund zu erklären. Eines von ihnen klagte sogar: „Schade, daß Deutsch ausfällt, aber im Kulturpalast wird es wohl interessanter sein.“

„Im Land brach eine dynastische Krise aus, Rußland hatte keinen Herrscher mehr“, begann mit viel Pathos im Stil einer Heldenlegende die Geschichtsstunde. Entsprechend seicht und schlicht die weitere Darstellung der schwierigen Lage, wie sie vor vier Jahrhunderten in Moskau herrschte. Für die Aufständischen sind alle tapferen, mannhaften und rechtgläubigen Russen, gegen sie unsere Feinde: „Der ganze Abschaum, das ganze Gesindel, alle Verräter scharten sich damals um den Pseudo-Demetrius. Dessen schimpfliches Heer wuchs an unter der Ägide des falschen Glaubens…“ 

Pseudo-Demetrius

Pseudo-Demetrius

Kurz und schlecht, alle Russen, die auf Seiten des Pseudo-Demetrius und der Polen kämpften waren nur der Auswurf des Volkes, gehörten gar nicht zu dem Volk, dessen Einheit am 4. November ja eigentlich gefeiert werden soll. Bis zur Unkenntlichkeit verkürzt und vereinfacht stellt sich diese hochkomplizierte Periode in der russischen Geschichte dar, wenn sie von der Partei „Einiges Rußland“ präsentiert wird. Nach kaum einer halben Stunde fällt der Vorhang, und die folkloristischen Hemden machen dem feschen Anzug eines Conférenciers Platz, der eine ebenso simple Darstellung der politischen Gegenwart parat hat: 

„Die Partei Einiges Rußland ist es, die jetzt an der Spitze des Landes steht, und die Partei Einiges Rußland ist es, die für die Gegenwart und Zukunft des Landes verantwortlich ist.“ Der Vorsitzende der Wladimirer „Jungen Garde“, der rußlandweiten Jugendorganisation von Einiges Rußland, Alexander Zyganskij, sitzt in der Regionalduma und erklärt die Welt auf seine Weise, aus Sicht der allwissenden Partei: „Seit dem 17. Jahrhundert beging man in ganz Rußland den Tag der Einheit des Volkes. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dieses Fest mit dem Aufkommen der Bolschewiken vergessen, es traten neue Führer auf, neue Feiertage wurden eingeführt. Die Partei Einiges Rußland hat nach 70 Jahren beschlossen, die historische Gerechtigkeit wiederherzustellen.“

Nach der „Lehrstunde“ schüttelten die Lehrer den Kopf. Der erste Teil der Veranstaltung sei ja noch einigermaßen in Ordnung gewesen, die Kinder hätten gewußt, wovon die Rede war, aber was der zweite, der politische Teil sollte, konnte und wollte man sich nicht erklären. „Im Publikum saßen ja vor allem Kinder der unteren Klassen. Da hat der zweite Teil niemanden vom Sessel gerissen…“

Doch damit nicht genug: Diese Art von Geschichtsunterricht und Parteiwerbung kann auch noch einträglich sein. Die Schüler hatten nämlich pro Nase 40 Rubel, immerhin fast einen Euro, für das Spektakel zu zahlen. Das muß man erst einmal nachmachen. Die herrschende Partei in einem Land nimmt sich nicht nur die Macht, sondern läßt sich auch noch dafür bezahlen, daß sie ihre Ideologie unters Volk – und sei es auch nur das Jungvolk – bringt. So perfide sind ja nicht einmal die Kommunisten vorgegangen. Oder ist man vielleicht doch nach der Devise verfahren: Von den Kommunisten lernen, heißt herrschen lernen? Jetzt können die Kommunisten von uns kassieren lernen.

Das Motto der Veranstaltung lieferte übrigens unfreiwillig Wladimir Majakowskij, ein ehemaliger Propagandist des Kommunismus, der später am Terror des sozialistischen Alltags zerbrach: „Mit blauen Augen blickt das Morgen-Rußland in den Himmel“. Das Geheimnis der Organisatoren bleibt es, warum die Millionen Russen mit brauen, grünen oder schwarzen Augen – von den Albinos ganz zu schweigen – an der Zukunft ihres Landes nicht teilhaben sollten. Und das am Vorabend des „Festes der Einheit des Volkes“. Dann gute Nacht, Rußland.

Man kann nur hoffen, daß Dmitrij Medwedjew als Präsident aller Bürger Rußlands – gleich welcher Augenfarbe – zum 4. November ähnlich klare und kluge Worte findet, wie er das zum 30. Oktober getan hat. Andernfalls regiert er bald über ein gespaltenes Land, denn es gibt schon wieder viel zu viele Politiker, die nach der Devise vorgehen: divide et impera. Oder haben die gar schon gesiegt? Denn sind es nicht immer die Sieger, die die Geschichte (um-)schreiben?

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Fortsetzung des Eintrags vom 27. Oktober 2009.

Alexander Newskij - Szene aus dem Film von Sergej Eistenstein

Alexander Newskij – Szene aus dem Film von Sergej Eisenstein

Der Beginn jeder Diktatur liegt in der Geschichtsfälschung, in der Lüge. Dieses Fach beherrschte Josef Stalin meisterhaft. Eines der schlimmsten Beispiele hierfür ist die Stilisierung und Glorifizierung des Fürsten Alexander Newskij (1220 – 1263). Um die Sowjetmenschen für den ideologischen und militärischen Kampf gegen den Faschismus zu wappnen, mußte ein Prototyp des russischen Heldenkriegers geschaffen werden. Als Verteidiger der Heimat gegen die Bedrohung aus dem Westen hob man ausgerechnet Alexander Newskij aus der mythologischen Taufe. Um der Geschichtsklitterung zumindest den Hauch von Glaubwürdigkeit zu verleihen, stückelte man einige Berichte über kleinere Scharmützel im Baltikum, damals noch von heidnischen Stämmen besiedelt, zusammen und blähte diese Episoden zu Auseinandersetzungen europäischer, wenn nicht gar weltgeschichtlicher Bedeutung auf. Es war denn auch der Film von Sergej Eisenstein „Alexander Newskij“ (1938) – so  innovativ in seiner Montagetechnik, so ideologisch in seiner „Botschaft“ -, der bis heute den historischen Unfug von der Schlacht auf dem Pejpus-See und an der Newa im kollektiven Bewußtsein prägt.

Nachgerade lachhaft, wenn man den Chroniken folgt, wonach in der Schlacht an der Newa keine 20 russischen Krieger fielen. Noch kläglicher sieht die Wahrheit vom Pejpus-See aus: Die sowjetischen Historiker übten sich erfolgreich in der Trickbetrügerei, wenn sie behaupteten, hier habe das größte Schlachtfeld des frühen Mittelalters gelegen. Anders als von ihnen dargestellt waren es nicht die Deutschen, die auf russisches Gebiet vordrangen, sondern Alexander war es, der immer wieder deutsche Garnisonen angriff und marodierend durch die Siedlungen der heidnischen Esten zog. Erst da taten sich die Deutschherren-Ritter und Esten zusammen und jagten dem russischen Fürsten nach. Man stellte Alexander dann tatsächlich auf dem Eis des Pejpus-Sees, aber die Verfolger Alexanders brachten gerade einmal um die hundert Kämpfer auf, von denen 20 ums Leben kamen und sechs in Gefangenschaft gerieten. Und am Rande bemerkt: Die westlichen Gebiete, die im Unterschied zum Herrschaftsbereich Alexanders nicht Schutz und Heil bei den Mongolen suchten, schlossen sich mit der Zeit zum Großfürstentum Litauen zusammen, ein Staatsgebilde, das einen Zweifrontenkrieg gegen die Tataren und den Deutschherren-Orden führte und Bestand hatte. Man mußte sich also nicht bedingungslos den Eroberern aus dem Osten unterwerfen, wie das Alexander tat!

Heute würde man Alexander Newskij als Pragmatiker bezeichnen, als Zyniker der Macht. Er wählte den für sich persönlich geeignetsten Weg. Die Union mit den Mongolen half ihm, die widerspenstigen russischen Städte mit einer Wetsche, einer Standesversammlung und vorparlamentarischen Verfassung, zu unterwerfen. Ein Bündnis mit dem Westen hätte diese Regierungsformen gestärkt, hätte dem Feudalsystem mit der Zeit den Garaus gemacht. Alexander hingegen begeisterte sich für das despotische Herrschaftssystem mongolischer Prägung mit einer strengen Vertikale der Macht und verbreitete diese Regierungsform gemeinsam mit weiteren Fürsten in der ganzen Rus. Begriffe von heute wie „gelenkte Demokratie“ gewinnen vor diesem Hintergrund auch eine historische Dimension.

Der Historiker Michail Sokolskij kommt denn auch zu dem vernichtenden Urteil: „Die Schande des russischen Geschichtsbewußtseins, des russischen Kollektivgedächtnisses besteht darin, daß Alexander Newskij zum unantastbaren Begriff des Nationalstolzes wurde. Man machte aus ihm einen Fetisch, den Bannerträger nicht einer Sekte oder Partei, sondern des ganzen Volkes, dessen historisches Schicksal er grausam verstümmelt hat.“

Alexander Newskij, Bildhauer Igor Tschernoglasow

Alexander Newskij, Bildhauer Igor Tschernoglasow

In Wladimir, der Hauptstadt der Rus, deren Großfürst er die letzten elf Jahre seines Lebens war, erinnern zwei Denkmäler an den Heiligen. Das eine wurde erst jüngst von seinem Namensvetter, Oberbürgermeister Alexander Rybakow, in Auftrag gegeben und steht im Zentrum der Stadt, unweit vom Kathedralenplatz, das andere, in Form einer Büste, befindet sich im Hof des Juristischen Instituts. Beide Standorte haben Gegenwartsbezug. Zu Füßen des „neuen“ Alexanders wird an die Opfer aktueller Kampfhandlungen – u.a. in Tschetschenien – aus den Reihen von Polizei und Armee erinnert, im Schatten der „alten“ Lichtgestalt leisten die Absolventen ihren Treueschwur auf die Russische Föderation.

Denkmäler sind mehr als Kunst, mehr als bearbeitetes Material. Denkmäler sind sichtbare Erinnerung, manifest gewordenes Gedächtnis, kollektive Verehrung, bildhaftes Symbol – ebenso wie Fahne und Wappen, Sterne, Adler, Hammer, Sichel und Zirkel oder Hakenkreuz… – und gewinnen damit große Bedeutung für das Bewußtsein. Ob sich die Wladimirer bewußt sind, wem sie da in ihrer Mitte die Ehre erweisen? Nochmals zusammengefaßt: Alexander Jaroslawowitsch hat folgende „Großtaten“ vollbracht:

– Unterwerfung unter die Herrschaft der mongolischen Angreifer;
– Verrat am eigenen Bruder und an seinen Mitfürsten;
– Zerstörung russischer Städte und der Ständevertretungen (Wetsche);
– Einführung eines despotischen asiatischen Herrschaftssystems anstelle eines europäischen Musters;
– Bruch der christlichen Union mit der Westkirche.

Alexander Newskij war es, der die Grundlage für alle späteren Despoten Rußlands über Iwan den Schrecklichen, Peter den Großen bis hin zu Wladimir Lenin und Josef Stalin schuf. Gerade letzterer spürte das mit seinem diabolischen Machtinstinkt. Als Ahnherr und Schutzpatron eines demokratischen Rußlands taugt der Großfürst jedenfalls nicht. Es sei denn… Handelt es sich gar um eine bewußte Rückwendung? Dafür spräche, daß im vergangenen Jahr bei einer Fernsehumfrage Alexander Newskij zum größten Russen aller Zeiten gekürt wurde. Ausdruck allgemeiner Ahnungslosigkeit, wenn man den Historikern folgt. Und Zeichen einer historischen Tragödie: So sehr man sich im postsowjetischen Rußland von den Idolen und Chimären der kommunistischen Machthaber befreien will und nach Vorbildern in der ferneren Vergangenheit sucht, die Identität stiften könnten, desto mehr verfängt man sich in dem noch immer über allem gespannten Spinnennetz der Ideologen der KPdSU, die ja gerade die Geschichte in ihrem Sinne – und nur in ihrem Sinne! – deuten ließen. 

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