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Das Goldene Tor mit Sergej

Das Wahrzeichen Wladimirs ist das Goldene Tor, erbaut als westliches Stadttor 1164. Es ist ein sehr gut erhaltenes Beispiel russischer Militärarchitektur aus dem 12. Jahrhundert. Heute vom Verkehr umtost, war es früher Teil der Wall-Befestigungsanlagen. Hier treffe ich mich mit Sergej, einem Deutsch-Schüler meiner ‚Gastmutter‘  Irina Dolganowa. Er studiert in Moskau Englisch und Deutsch und freut sich über die Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. Wir besuchen die sehenswerte Militärausstellung im Goldenen Tor.

Goldenes Tor

Im Jahr 1238 fiel Wladimir den mongolisch-tatarischen Eroberern zum Opfer. Dieses traumatischen historischen Ereignisses wird in Multimedia hinter einer riesigen Glaswand gedacht. Eine realistische Abbildung des westlichen Stadttors, des Goldenen Tors, im eisigen Winter mit Blick auf die Wallanlagen und die weite Ebene zeigt die damalige Schlacht in all ihrer Brutalität. Überall kämpfende Soldaten, zerfetzt, blutend, mit Speeren im Körper, Tote und Erfrorene. Alles ist in in blau-weiß-rotes Licht getaucht, die russischen Nationalfarben. Dazu erzählt in Überlautstärke eine mächtige, sonore, schwebend-feierliche Stimme von der historischen Schlacht, die zum Abstieg Wladimirs führte. Es läuft einem kalt den Rücken herunter vor lauter martialischer Feierlichkeit. Vor der Glaswand Fahnen und Gewehre aus Kriegen der späteren Jahrhunderte, z.B. gegen Schweden oder die Türkei.

Panorama des Mongolensturms

Die oberen Gänge werden gesäumt von Portraits der sowjetischen Helden aus dem Zweiten Weltkrieg, dem Großen Vaterländischen Krieg. Interessante Karikaturen gegen Hitler, Mut-mach-Plakate für die Sowjetarmee beim Marsch nach Westen gegen Nazi-Deutschland und Photos vom Einmarsch nach Berlin und dem brennenden Reichstag.

Am Ende der Ausstellung wird quasi als Zeichen der friedlichen Zusammenarbeit heute der Raumanzug von Walerij Kubassow, dem Kosmonauten aus der Region Wladimir, in russisch-amerikanischer Weltraummission (Sojus-Programme) gezeigt.

Sergej und der Raumanzug von Walerij Kubassow

Diese Ausstellung ist besonders interessant für deutsche Besucher, weil sie einen Blick auf den Zweiten Weltkrieg aus Sicht der russischen Seite zeigt. Das ist sehr ergreifend und macht einem einmal mehr die Sinnlosigkeit eines Krieges deutlich.

Ein Junggesellinnenabend im deutschen Max Bräu

In Wladimir gibt es seit 2014 ein deutsches Brauhaus mit Namen Max Bräu. Dort schenkt man verschiedene leckere Biersorten nach dem Rezept des deutschen Braumeisters Hans Maurer aus und serviert Deftiges zum Essen. Ein- oder zweimal im Monat wird ein Quizabend ausschließlich für Frauengruppen angeboten.

IQ-Junggesellinnenabend. Es spielen nur Damen!

Irina fragt, ob ich Interesse hätte, als Zaungast dabei zu sein und mit ihr dabei an der Theke ein leckeres Bier zu trinken. Hatte ich natürlich. Ihre Freundin Swetlana fährt uns mit ihrer schwarzen Limousine hin.

Das Sudhaus der Max Bräu

Der Saal faßt mindestens 250 Personen. Das riesige messingblitzende Sudhaus von der bayerischen Caspary GmbH gibt einem das original-bayerische Brauhausgefühl.  Es hatten sich 34 Frauengruppen, also insgesamt etwa 170 Frauen, angemeldet, um ihre Intelligenz im Wettbewerb gegeneinander zu messen. Drei Frauen moderieren die Veranstaltung sehr kurzweilig und mit Niveau. Die Fragen – oft in Form von Bilderrätseln – aus Film, Literatur, Musik, Film und Allgemeinwissen werden auf sechs riesige Leinwände projiziert. Die Frauen sind mit Freude dabei, denken nach, beraten sich, kauen an den Stiften und jubeln über ihre richtigen Antworten. Die drei Siegergruppen erhalten Preise wie Freibier, Blumen oder Sekt.

Im Saal der Max Bräu

Das Startgeld geht an karitative Institutionen. Die Organisation von Irina und Swetlana für behinderte Kinder hat schon einmal davon profitiert. Ihre Gruppe landete diesmal leider „nur“ auf Platz 4.

Russisch-bayerische Gemütlichkeit im Max Bräu

Die Frauengruppen haben zum Teil sehr witzige Namen, unter denen sie antreten wie „Mutterschaft ist nicht alles“, „Die bessere Rippe Adams“, „Rüschi-Plüschi“, „Ohne Wäsche“, „Die Frigiden“ (Wortspiel im Russischen mit: „Die Spiegeleier“) und viele andere. – Ein sehr vergnüglicher Abend!

Künstlern in Susdal über die Schulter geschaut

Es gäbe noch viel zu erzählen. Etwa von den Ausflügen nach Bogoljubowo, nach Jurjewez, von der Bootsfahrt auf der Wolga, vom Besuch im Filzstiefelmuseum in Kinesсhma mit den größten Filzstiefeln der Welt, vom Auflug in die wunderschöne kleine Museumsstadt Susdal und von den Abschlußtagen in Moskau. Über vieles davon wurde schon im Blog berichtet. So beschränke ich mich auf meine Erlebnisse in Wladimir.

Mariä Schutz und Fürbitt am Nerl

Ich bedanke mich bei allen, die diese Reise zu einer ganz besonderen gemacht haben: Irina Dolganowa, Anna Lesnjak, Irina Chasowa und Peter Steger, der mir die Tür dazu geöffnet hat.

Hanns Jasse

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Irina, meine „Gastmutter“

Treppenhäuser in russischen Mietshäusern sind oft nicht sehr einladend: dunkel, Stolperstufen, Beton, keine Bilder, häufig muffig; die Eingangstüren in die Wohnungen aus doppeltem Stahl, Farbe abgeblättert, immer mit zwei Sicherheitsschlössern versehen.

Mein Gastzimmer

Doch kaum betrete ich die Drei-Zimmerwohnung mit Balkon, umfängt mich Gemütlichkeit. Die meisten Wohnungen sind zwar klein und beengt, aber liebevoll eingerichtet. So auch die von Irina Dolganowa. Sie wohnt dort mit ihrem 18jährigen Sohn Nikita, den ich fast nie zu Gesicht bekomme, weil er stets in einem Restaurant in Küche und Service arbeitet oder mit Freunden unterwegs ist. Was soll er auch machen? Schließlich hat er sein Zimmer für zwei Wochen an den fremden deutschen Typen abgetreten, der in Wladimir Russisch lernen möchte, also an mich. Er schläft im geräumigen Zimmer seines 8jährigen Bruders Matwej. Dieser wiederum kuschelt sich nachts zu seiner Mutter ins große Bett. Die Wohnung platzt aus allen Nähten. Alles ist übervoll. Auf dem Balkon hängt die Wäsche. Aus allen Vitrinen und Regalen schauen mich Nilpferde an, Irinas Lieblingstier, in allen Größen, Formen und Materialien, ganz zu schweigen von den vielen weiteren Kuscheltieren des kleinen Matwej.

Irinas Nilpferde

Ich befinde mich plötzlich in einer  typischen russischen Familie mit einer typisch russischen Wohnung, genau so, wie ich es mir gewünscht hatte. Und obwohl ich mit Irina nur Übernachtung und Frühstück vereinbart hatte, wird daraus eine fürsorgliche Vollversorgung. Sobald ich nach Hause komme, verwöhnt sie mich mit den leckersten Dingen. Es gibt Borschtsch, Bliny (Pfannküchlein) mit Smetana (saure Sahne), Marmelade oder Fleisch, Pelmeni (Teigtaschen), geräucherten Wels (natürlich mit viel Bier oder auch Wodka), Kascha  (Buchweizenbrei) oder Müsli zum Frühstück und – zu jeder Tageszeit – Konfety (russisches Konfekt), Waffeln oder Kekse mit Tschai (Tee) oder Kaffee.  Ich lerne die russische Küche gründlich kennen.

Wkusno, lecker!

Irina ist selbständige Deutschlehrerin, Übersetzerin (Deutsch und Englisch), Dolmetscherin und Begleiterin von ausländischen Touristengruppen. So hat sie ständig zwei Mobiltelephone bei sich, um ihre Unterrichtsstunden zu organisieren, mit Reiseagenturen, Firmen oder der russischen Handelskammer zu sprechen. Da sie so ausgezeichnet Deutsch beherrscht, können wir uns wunderbar über viele Themen, über ihre Erfahrungen in Deutschland und die Situation vor Ort unterhalten. Das bereichert uns beide.

Irina Dolganowa und Matwej in Wjatkino

Als Selbständige und alleinerziehende Mutter ist es nicht einfach, für die steigenden Lebenshaltungskosten aufzukommen und für die Versorgung und Ausbildung ihrer beiden Söhne zu sorgen. Sie tut es mit vollem Einsatz und ist dabei sehr liebevoll.

Verkehr in Wladimir

Die Wohnung befindet sich in der Nähe der Bushaltestelle „Wladimirskij Gosudarstwennyj Universitet“, ein Zungenbrecher, den ich mir nur mit Mühe merken kann. Er bedeutet Staatliche Universität von Wladimir. Da ist das Bild der Haltestelle auf dem Smartphone hilfreich, das ich den Passagieren oder auch der „Konduktor“, der Schaffnerin, zeigen kann.

Ich fahre ich mit dem Trolleybus 8 oder der Marschrutka 5 in 25 Minuten zum Unterricht. Marschrutki sind privat betriebene kleinere Busse, die eine feste Linie in der Stadt bedienen. Der Fahrschein kostet 20 oder 21 Rubel (= 30 Eurocent).

Hin und wieder sehe ich Busse mit deutscher Reklameaufschrift aus bayerischen Städten. Diese verdankt Wladimir wohl der Partnerschaft mit Erlangen, denn einige Busse sind ja tatsächlich an die Stadt vermittelt worden

Übrigens ist es äußerst wichtig, auf die sechsstellige Nummer des Busfahrscheins zu schauen, bevor man ihn wegwirft. Ergeben nämlich die ersten drei auf dem Schein abgedruckten Ziffern die gleiche Summe wie die letzten drei, dann sollte man den Fahrschein zerkauen und runterschlucken. Das bringt Glück! Ja, Russen sind sehr abergläubisch. Einer Freundin ist das mit den Zahlen an einem Tag ein paar Mal passiert. Und? Hatte sie Glück? Nein, dafür aber leichte Bauchschmerzen.

Die Straßen in Wladimir sind, wie in vielen anderen Städten, breit, oft vierspurig. Es ist lebensgefährlich, einfach über die Straße zu rennen, um den Bus noch zu bekommen. Dafür gibt es Unterführungen. Autos und Motorräder sind meist mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs, und Fußgänger gelten nicht als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer. Andererseits habe ich oft an Zebrastreifen erlebt, wie Autofahrer anhalten, sobald man den Fuß auf die Straße setzt. Vorbildlich!

Anna, meine Lehrerin

So komme ich täglich zwei Wochen lang zu meiner Russischlehrerin, Anna Lesnjak, am ersten Tag natürlich fürsorglich begleitet von Irina, damit ich die Strecke kennenlerne und ja nicht verloren gehe…

Anna Lesnjak und Hanns Jasse

Anna Lesnjak ist eine nette junge Frau und Deutschlehrerin der Kindergruppe im Erlangen-Haus. Dazu hat sie ein Zertifikat zum Russischunterricht für Ausländer. Sie wohnt mit ihrem Mann in einem Hochhaus mit einem phantastischen Blick über das grüne Wladimir, auf die weiter entlegenen Vorstädte und die Mäander der Kljasma, die (leider nicht zum Baden geeignet), von Nordwest aus der Region Moskau kommt und später in die Oka, einen Zustrom der Wolga, mündet.

Anna hat den Unterricht mit mir vorzüglich vorbereitet. Den Einstufungstest finde ich schwierig, aber mit ihrer Hilfe kämpfe ich mich durch. So hat sie einen Eindruck, wo ich nach zwei Monaten Unterricht in Deutschland (einmal die Woche) stehe: sehr am Anfang. Aber das sollte sich ändern.

Annas Unterricht war sehr strukturiert, und sie hat mich mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen weitergebracht: Am Ende meines Urlaubs komme ich vier Tage allein in Moskau gut zurecht, kaufe Tickets, gehe Einkaufen, frage nach dem Weg. Ich kann schon kleine Dialoge führen. Ein guter Erfolg!

Umgestaltung des Theaterplatzes

Nach dem Unterricht gehen wir in die Stadt. Anna ist stolz, mir ihre Heimat zu zeigen. Und Wladimir ist nicht nur eine schöne Stadt, sondern auch eine der bedeutungsvollsten für die russische Geschichte. Die Stadt wurde im Jahr 990 erstmals urkundlich erwähnt. Ihre Gründung wird dem Kiewer Fürsten Wladimir Swjatoslawowitsch zugeschrieben. Ihre Bedeutung liegt darin, daß hier einer der Begründer des Altrussischen Reiches, der Rus, lebte und regierte, nämlich Großfürst Andrej Bogoljubskij. Ein Besuch im acht Kilometer entfernten Bogoljubowo (von Gott geliebt) lohnt sich.

Wladimir wurde Mitte des 12. Jahrhunderts, als Kiew seine dominierende Stellung in der Rus verloren hatte, zum Zentrum von Staat und Kultur. Es entstanden bedeutende Bauten, Befestigungsanlagen, Klöster und Kirchen. Hier war der Ort, an dem die russisch-orthodoxe Kirche ihren Patriarchensitz hatte, von hier aus entwickelte sich der Kern des großrussischen Reiches unter Vereinigung der Fürstentümer.

Anna Lesnjak und Hanns Jasse vor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Anna zeigt mir das Goldene Tor mit den Wallanlagen. Sie umgaben früher die gesamte Stadt auf fast sieben Kilometer Länge. Leider konnten nicht einmal sie dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert standhalten. Wladimir wurde erobert und erlebte bald darauf seinen Niedergang. Wir sehen die stattliche Mariä-Entschlafens-Kathedrale (1158-1160), davor das Denkmal des berühmten Ikonenmalers Andrej Rubljow (1360?-1430), das Schauspielhaus mit dem Backsteinbau der Dreifaltigkeitskirche (jetzt Museum für Lackarbeiten, Kristallglas und Stickerei), das Lebkuchenhaus, das Löffelmuseum, den Wasserturm, die Schmiede und das neue Symbol für Wladimir: das Denkmal für die Kirschen.

Andrej Rubljow

Und, aktuell zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018, das Maskottchen, Sobaka Sabiwaka, der Hund, der immer das Tor trifft.

Besuch im Erlangen-Haus (Erlangenskij Dom)

Anna hat mit Irina Chasowa, der Direktorin des Erlangen-Hauses, einen Termin gemacht. Ich bin gespannt auf das Haus, von dem ich so viel gelesen und gehört hatte. Es ist wirklich eine wunderbare Villa mit Garten.

Das Erlangen-Haus

Irina Chasova empfängt mich und Elina, eine Schülerin von Anna, und zeigt uns bereitwillig und mit Freude die Räumlichkeiten. Es ist ein sehr gut eingerichtetes Haus. In letzter Zeit sind einige Möbel dazugekommen. Die Lehrmaterialien sind dank der engen Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Moskau auf dem neuesten Stand. Wir können uns vorstellen, daß es Spaß macht, an diesem Ort Deutsch zu lernen.

Irina Chasowa und Hanns Jasse

Zur Zeit meines Besuchs waren leider Ferien, weshalb ich den Unterrichtsbetrieb nicht mitbekam und die Lehrerinnen nicht kennenlernen konnte. Aber Irina schildert ihre Arbeit so lebendig und voll Begeisterung, daß wir einen guten Eindruck davon bekommen. Und ich bedanke mich bei Irina für die Vermittlung einer so guten Russischlehrerin wie Anna Lesnjak.

Hanns Jasse

Fortsetzung folgt.

 

 

 

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In meinem Leben hatte ich bisher schon dreimal die Gelegenheit die Sowjetunion und die Russische Föderation zu bereisen.  So erinnere ich mich gern an die abenteuerliche Fahrt auf der Transsibirischen Eisenbahn 1976 von Berlin über Moskau, Irkutsk, Chabarowsk über Nachodka nach Japan. Gute Erinnerung habe ich auch an Seminare der Friedrich-Ebert-Stiftung 2003 in Kaluga und Moskau, wo ich interessierten russischen Trägern das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und den Zivildienst in Deutschland vorstellte, und schließlich an die 1.300 Kilometer lange, wundervolle Kreuzfahrt 2014 mit meiner Frau von Moskau nach Sankt Petersburg über das Wolga-Ostsee-Kanalsystem via Onega- und Ladogasee und die Newa bis zu den Schönheiten von Sankt Petersburg.

Irina Chasowa und Hanns Jasse

Land und Leute begeisterten mich so sehr, daß ich Lust bekam, mir die russische Kultur über das Erlernen der Sprache zu erschließen. Aber wo? Als angegrauter Pensionär hatte ich keine Lust, an einem der vielen Studenten-Gruppenkurse in den großen Städten teilzunehmen. Das war mir zu viel Party und zu wenig effektiv. Also ein individueller Kurs in einer kleineren Stadt. Der Goldene Ring lockte mich sehr. Da stieß ich auf den Blog von Peter Steger, der die erfolgreiche Partnerschaft zwischen Erlangen und Vladimir so lebendig beschreibt. Über ihn erhielt ich Kontakt zum Erlangen-Haus und seiner Direktorin, Irina Chasowa. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es folgte eine erlebnisreiche Reise im Juli und August.

Bonn –  Berlin – Moskau – Sergiev Possad – Wladimir

Das war die Reiseroute. Es empfiehlt sich für Wladimir-Reisende, die Anfahrt über Sergijew Possad zu machen. Vom Flughafen mit dem Aeroexpress (bei mir war es von Scheremetjewo zum Bahnhof Belorusskij) und dann mit der Metrolinie 5 zur Station Komsomolskaja. Von dort 500 m zu Fuß zum Jaroslawsker Bahnhof (Startbahnhof nach Sergijew Possad). In nicht einmal eineinhalb Stunden ist man mit dem Vorortzug am Ziel. Dort bietet sich einem dieser atemberaubende Anblick.

Sergijew Possad

Sergijew Possad ist das spirituelle Zentrum und seit 1946 Hauptsitz der russisch-orthodoxen Kirche. Die Klosteranlage, der Dreifaltigkeit des Heiligen Sergij geweiht, ist von einer 1.300 m langen Mauer umschlossen. Das Kloster wurde im 14. Jahrhundert vom Heiligen Sergij von Radonesch gegründet. In der 1423 errichteten Dreifaltigkeitskirche liegt das Grabmal des Eremiten. Die Ikonostase ist ausgestaltet von dem berühmtesten aller Ikonenmaler, Andrej Rubljow, der auch in Wladimir wirkte.

Die Dreifaltigkeitskirche, im Vordergrund Touristen und Pilger an der Heiligen Quelle

In den vielen Kirchen der Klosteranlage tummeln sich Touristen aus aller Welt und Pilger, die das Wasser der Heiligen Quelle trinken, es abfüllen oder darin baden. Die Lawra, ein russisches Kloster des allerhöchsten Rangs, beherbergt viele Kapellen und Kirchen, ein Priesterseminar, Zarengemächer, das Grabmal des Zaren Boris Godunow, die Residenz des orthodoxen Patriarchen und wird von einem 80 Meter hohen Turm, überragt, der weithin sichtbar ist. Wegen der vielen Besucher gibt es Restaurants und Läden mit Devotionalien, Kitsch und edlem Schmuck. Ein einziger Bazar!

Mariä-Entschlafens-Jathedrale (1559-85, erbaut von Iwan IV, dem Schrecklichen)

Sogar der russische Präsident, Wladimir Putin, mit seinem chinesischen Kollegen Xi zeigt sich im Klosterladen in einem Meer von Schmuck und nachempfundenen Fabergé-Eiern.

Sergijew Possad, in der Sowjetzeit Sagorsk genannt, ist eine Stadt von 100.000 Einwohnern in einer hügeligen Landschaft, berühmt für die Matrjoschkas. Seit 1904 werden sie hier massenhaft produziert. Im Spielzeugmuseum kann man die Entwicklung der Puppen anhand vieler verschiedener Modelle verfolgen.

Historisches Museum in Sergijew Possad

Für den Besuch der Klosterstadt empfiehlt sich als Unterkunft das Hotel Aristokrat (über http://www.hotels.com unbedingt das Turmzimmer buchen mit Blick auf die Lawra, Kosten: ca. 60 Euro für zwei Nächte).

Dort lernte ich den jungen Priester Kirill aus Wladimir mit seiner Frau Lidia und ihrer sechsjährigen Tochter kennen. (Geistliche dürfen heiraten, das Zölibat gilt nur für Mönchspriester.) Er hatte eine Pilgerfahrt organisiert, und so konnte ich mit Dmitrij, dem Taxifahrer der Gemeinde, und zwei russischen Pilgerinnen über Alexandrow mit dem Besuch eines weiteren Klosters nach Wladimir fahren.  Meine kärglichen Russischkenntnisse wurden dabei auf eine erste Probe gestellt.

Alexandrow

Nach vier Stunden endlich am Ziel, in Wladimir. Was würde mich hier erwarten? Dmitrij brachte mich genau vor die Tür meiner Gastgeberin, Irina Dolganowa. Sie begrüßte mich mit „Dobro poschalowat! Herzlich willkommen!“

Hanns Jasse

Fortsetzung folgt.

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Es ist genau ein Jahr her, seit Othmar Wiesenegger zum ersten Mal nach Wladimir kam, damals mit Bürgermeisterin, Susanne Lender-Cassens, und einem kleinen Team, das am Halbmarathon teilnahm. Damals lernte der aus Österreich stammende Wahl-Erlanger seinen Kollegen, den Photographen Wladimir Fedin, kennen, der im vergangenen Winter seine Bilder in den Redaktionsräumen der Erlanger Nachrichten zeigte.

Othmar Wiesenegger bei der Eröffnung der Ausstellung. Im Hintergrund links Irina Chasowa und Wolfram Howein

Und nun schon die „Revanche“. Auf Initiative von Wladimir Fedin wurde vorgestern in den Räumen des Regionalen Zentrum der Kultur eine Ausstellung mit Arbeiten von Othmar Wiesenegger eröffnet. Im Publikum neben Irina Chasowa, der Direktorin des Erlangen-Hauses, auch Wolfram Howein, der sich ebenfalls derzeit in der Partnerstadt aufhält.

Othmar Wiesenegger im Gespräch mit Ausstellungsbesuchern

Bis kurz vor der Eröffnung wußte übrigens Othmar Wiesenegger nichts von den Plänen seines Freundes. Die beiden hatten nur immer wieder per Internet ihre Arbeiten ausgetauscht, und aus dieser Sammlung stellte dann wohl Wladimir Fedin, von dem auch alle Aufnahmen dieses Beitrags stammen, die Gesamtschau zusammen.

Othmar Wiesenegger zeigt der Künstlerin, Tatjana Grebnjewa, schon wieder neue Bilder

Wir wissen nicht, was sich aus dieser Künstlerfreundschaft noch so alles ergibt, aber freuen darf man sich schon auf die neuen Eindrück von Othmar Wiesenegger, der seine Tage in Wladimir vor allem für eines nutzen will: Bilder machen von allem, was er so zu sehen bekommt.

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Das Erlanger Ensemble „Vocanta“ pflegt einen Austausch mit dem Kammerchor „Raspew“ in Wladimir und besuchte nun vom 28. Mai bis 2. Juni bereits zum dritten Mal die Partnerstadt. Gleich nach der Ankunft am Moskauer Flughafen Domodjedowo wurden wir von Deutsch-Studenten herzlich begrüßt und zum von der Stadt Wladimir gestellten Bus begleitet. Dieser schipperte uns durch den Moskauer Feierabendverkehr und an unzähligen Baustellen vorbei.

Plakat Vocanta in Wladimir

Auch wenn es unterwegs so schien, als würde die Fahrt nie enden wollen, waren wir irgendwann doch am Erlangen-Haus in Wladimir angekommen. Dort wurden wir von Irina Chasowa herzlich begrüßt und auf unsere Gastfamilien aufgeteilt. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde, verbrachten wir den Rest des Abends gemütlich bei den Freunden zu Hause.

Frühstück für die im Erlangen-Haus untergebrachten Chormitglieder

Am nächsten Morgen besuchten wir das Kloster Bugoljubowo. Auch für alle, die das Kloster schon kannten, war der Ausflug ein Erlebnis mit den vielen Ikonen, die den Innenraum der Kirche schmücken. Die dort lebenden Nonnen unterliegen der Schweigegelübde, aber eine Schwester durfte uns dann doch etwas zu dem Marienbild erklären. Leider sprach sie zu leise, weshalb nur wenige ihr sehr gutes Englisch verstanden.

Bogoljubowo

Auch die kleine, viel ältere „Urkirche“ besuchten wir. In ihr wird wohl nicht mehr Gottesdienst gefeiert, sie scheint vor allem für neugierige Touristen wie uns geöffnet zu sein. Vor diesem Gotteshaus stellten wir uns auf und sangen im stürmenden Wind „Alta trinita beata“ und „Domine, ad adjuvandum me“.

Züchtig-zünftig gekleidet für den Klosterbesuch

Anschließend nutzten wir die Gelegenheit, bei schönstem Sonnenschein den kurzen Weg zu dem Kirchlein „Mariä Schutz und Fürbitte“ zu gehen. Herrlich, über die sumpfigen Wiesen zu blicken, wo der Wind die Gräser heftig bog, wunderbar die Wallfahrtsstätte zu erreichen und anzusehen! Einige der Wladimirer Chorfreunde, die uns auf diesem Ausflug begleiteten, verrieten uns, wer im Leben viel Glück haben und seine Jugend erhalten wolle, müsse dreimal um das Gotteshaus herumlaufen. Man könnte die Reaktion auf diesen Hinweis als kleine Völkerwanderung bezeichnen…

Freiluftkonzert Vocanta

Zum Mittagsimbiß brachte man uns wieder nach Wladimir zurück, und danach trafen wir uns zu einer dringend nötigen Probe. Hierfür hatten die Verantwortlichen im Erlangen-Haus alles möglich gemacht, um uns den Saal für ein Maximum an Zeit zur Verfügung zu stellen. Dies erlaubte uns ein intensives und ungestörtes Singen, das unsere Vorfreude auf die bevorstehenden Konzerte erheblich steigerte.

Isa und Joachim Adamczewski vor dem Hintergrund von Bogoljubowo

Vorläufig aber waren wir Ehrengäste im Konzert der Solisten des Chores Raspew. Gebannt und fasziniert lauschten wir den großartigen Stimmen, begleitet am Klavier. Musikalisch abgerundet wurde das Konzert von einem hervorragenden Violinisten im Zusammenspiel mit einer Pianistin. Leider nutzen uns die einführenden und erklärenden Worte von Maria wenig, weil wir sie alle nicht (oder viel zu wenig) verstanden. Gerührt beobachteten wir, wie Leute aus dem Publikum anschließend einzelnen Solisten Blumen überreichten – so etwas kennen wir allenfalls aus der Oper.

Solistenkonzert unter Leitung von Natalia Kolesnikowa

Anderntags hatte das Wetter umgeschlagen: Der Wind wehte noch immer heftig, und es war spürbar kälter. Der Kaltlufttropfen aus der Arktis war in Wladimir angekommen. Im Bus nach Murom war davon allerdings nichts zu spüren. Dort durften wir in der Musikfachschule unser erstes Konzert singen. Begleitet vom Tosen des Windes vor den Fenstern, trugen wir unser weltliches und geistliches Programm vor und ernteten schiere Stürme der Begeisterung. Spaß hatte es gemacht, und es war toll, so einen Jubel zu erleben!

„Bei Betreten des Klosters darf die Frau keine Männerkleidung, sondern muß vielmehr ein Kleid (einen Rock) und auf dem Kopf ein Tuch (einen Schal) tragen. Männern ist das Betreten in kurzen Hosen verboten.“ Gesehen von Peter Steger in Murom.

Beim Verlassen der Musikfachschule bemerkten wir, daß während des Konzertes der Wind einen Baum um- und auf die Musikschule geworfen hatte, glücklicherweise ohne großen Schaden anzurichten.

Vocanta und ihr Wladimir-Bus

Nach einem ausgiebigen Mittagessen waren wir gestärkt für die Führung in Murom, ein ganz altes, aber ziemlich kleines Städtchen. Wieder durften wir verschiedene Kirchen und Klöster besuchen, darunter eines, in dem noch Brot nach einem Rezept aus dem 16. Jahrhundert gebacken wird. Das wollte natürlich probiert werden: Es erinnert an Milchbrötchen oder auch an Martinswecken. Ein Abstecher an die Oka zeigte uns einen beeindruckenden, riesig breiten Fluß mit heftiger Strömung, auf den Ilja Muromez eine ganzjährig gute Aussicht hat. Er steht als denkmalgewordener Märchenheld an der Stelle des ehemaligen Kreml. Dann war es  auch schon Zeit, wieder nach Wladimir zurückzufahren.

Natalia Kolesnikowa und Natalia Dumnowa

Der 31. Mai, ein Donnerstag, begann gemütlich mit einem freien Vormittag. Sightseeing oder Shopping waren angesagt, für manche tat es aber auch nur ein Kaffee in gemütlicher Runde, bis es Zeit für die Probe wurde, nach der uns wieder ein üppiges Mittagessen erwartete, von dem der Ranzen fast ein wenig zu voll war für das folgende Konzert. Aber die Aufregung macht einen so etwas Banales völlig vergessen. So gaben wir unser gemischtes Programm ein weiteres Mal zum Besten.

Joachim Adamczewski

Obwohl wir subjektiv den Eindruck hatten, nicht so schön gesungen zu haben wie in Murom, applaudierten und jubelten auch die Wladimirer Konzertbesucher, lobten uns und unseren „Meister“, Joachim Adamczewski, über den grünen Klee, und er bekam ein Bild einer russischen Winterlandschaft geschenkt.

Joachim Adamczewski und Natalia Kolesnikowa

Der Rest des Abends war dem „Bankett“ gewidmet: Festlich gedeckte Tische, die sich unter der Last der Speisen und Getränke bogen, zeigten einmal mehr russische Gastfreundschaft. Viele zu Herzen gehende Trinksprüche (glücklicherweise mit kompetenter Übersetzung) leiteten den ausgelassenen, lustigen Abend ein: Ein Geburtstagsständchen für Sascha, der sich bei uns dafür bedankte, wegen seines Geburtstages eine so weite Reise auf uns genommen zu haben, Volkslieder, die unsere Gastgeber zu den Klängen einer Harmonika darboten, Tanz und übersprudelnde Fröhlichkeit, wo man hinsah. Wie schön, diese Verbundenheit so stark zu spüren!

Festmahl nach dem Konzert

Als verantwortungsbewußte Chorleiterin setzte Natalia Kolesnikowa dem Fest gegen 22.00 Uhr ein Ende, mußten wir doch anderntags früh aufstehen und abends in Moskau ein letztes Konzert geben.

Ankündigung des Konzerts in Moskau

Alle versammelten sich brav am Freitag pünktlich am Bahnhof in Wladimir, und auch unsere Freunde von Raspew waren, soweit möglich, alle da. Sie geleiteten uns zum Zug und winkten, bis wir einander nicht mehr sehen konnten. Ob sie wohl bald einmal wieder nach Deutschland kommen werden und wir ihnen einen ähnlich komfortablen Aufenthalt bereiten können, wie sie uns? Das war sicher ein Gedanke, der viele von uns auf der Fahrt begleitete.

Vocanta vor dem Hintergrund der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau

Keine zwei Stunden später waren wir schon in Moskau. Dank ortskundiger Chormitglieder fanden wir unser Hotel schnell und unkompliziert und starteten gleich anschließend zum Sightseeing. Wie riesig Moskau ist, merkte man schnell an den brennenden Füßen. Beizeiten zurück ins Hotel, Chorkleidung schnappen und gleich wieder los zur evangelischen Peter-und-Paul-Kirche, wo die Kulturabteilung der Deutsche Botschaft unter Federführung von Marina Isjumskaja (herzlichen Dank an sie für die perfekte Vorbereitung!) ein Konzert für uns organisiert hatte. Das zentrumsnah gelegene Gotteshaus erwies sich als echte Überraschung, ist es doch nicht im russischen, sondern eher im europäischen Stil gebaut. Außerdem ist es enorm groß, eine riesige Halle mit viel Hall.

Vocanta vor St. Peter und Paul in Moskau

Wir probten kurz in der Kirche, bevor wir uns in einem Aufenthaltsraum, der quasi im Keller der Kirche lag, zu sammeln und zu konzentrieren versuchten. Nach den bisher moderierten Konzerten war es ganz ungewohnt geworden, nach einem gedruckten Programm zu singen. Aber es gelang, und wenn es auch nicht die Begeisterungsstürme gab, die wir in Murom und Wladimir erlebt hatten, kamen doch viele aus dem Publikum auf uns zu, um uns zu sagen, wie gut ihnen der Auftritt gefallen habe – auch sehr schön.

Auftritt Vocanta in St. Peter und Paul zu Moskau

Wir fuhren zurück zum Hotel, von wo aus sich verschieden große Grüppchen zu diversen Restaurants aufmachten, um zum Essen zu gehen. Damit war auch der letzte Abend schon vorbei.

Am Zubringer zum Flughafen

Die Fahrt zum Flughafen und der Rückflug am Sonntag verliefen problemlos. Dann hieß es rasch, sich wieder im Alltag zurechtzufinden. Wir alle sind voller guter Erinnerungen an Herzlichkeit, Frohsinn und absolut bedingungslose Gastfreundschaft, voller Erfahrungen, von denen wir noch lange zehren werden.

Text Isa Adamczeski, Bilder Vocanta und Wladimir Fedin

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Kemerowo ist überall, die Menschen in Wladimir trauern mit den Angehörigen und Freunden der Opfer der Brandkatastrophe vom Wochenende.

Ein Kerze für Kemerowo

Familien, Kinder und Freundeskreise, die in dem Freizeitzentrum einige vergnügliche Stunden verbringen wollten, die zu Geburtstagsfeiern, Familientreffen oder Jubiläen gekommen waren: Alles fand ein jähes und grausiges Ende in Flammen, kein Entrinnen war durch die verschlossenen Ausgänge möglich.

Im Erlangen-Haus ist Kemerowo besonders nahe, stammt doch eine der Mitarbeiterinnen von dort. Da wird deutlich, daß der einzelne nur ein Sandkorn sein mag im Fluß der Geschichte, niemand aber davor gefeit ist, zum Opfer zu werden oder liebe Freunde zu verlieren, wenn menschliches Unvermögen, Leichtsinn oder Gier das Leben anderer bedenkenlos aufs Spiel setzen.

Blumen für Kemerowo

In der Partnerstadt fand in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale ein Gedenkgottesdienst statt, an verschiedenen Orten legt die Wladimirer Bevölkerung Blumen und Spielzeug nieder, so beim Kirschendenkmal in der Fußgängerzone oder vor dem Dom, wo zwei Wachen zum Gedenken der Opfer postiert sind. Die Menschen verweilen lange vor der Gedenkstelle, viele beten, andere beantworten Fragen ihrer Kinder.

Derweil werden Befürchtungen laut, wonach die Zahl der Opfer noch weit höher liege, als bisher bekannt.

Kemerowo

Kemerowo, wir stehen an deiner Seite

Ich habe im Namen von Erlangen Blumen niedergelegt, wissend, daß dies nur eine kleine Geste sein kann, hoffend, durch die in so vielen Städten des Landes gezeigte Trauer möge diejenigen wachrütteln, die für Sicherheit verantwortlich sind. Sicherheit ist eben nicht das Verfassen von Vorschriften, sondern vor allem deren Umsetzung, Überwachung und Alltagstauglichkeit.

Ich werde jedenfalls beim nächsten Mal daran denken, wenn wir die 14 Stockwerke des Erlanger Rathauses übungshalber evakuieren. Ich werde dann nicht mehr denken, „wie lästig“, sondern mich freuen, wenn am Ende der Übung die Einsatzleitung konstatiert: „Nach 15 Minuten waren alle Stockwerke geräumt“.

Natalia Pawlowa, Irina Chasowa und Elisabeth Preuß

Nachtrag: Am Abend stand Training auf dem Programm, Irina Chasowa nahm mich mit in ihr Sportstudio „Sarjadka“. Auch dort war Kemerowo Thema. Zum einen informierte die Trainerin, Natalia Pawlowa, über die Lage der Notausgänge, zum anderen hielt das gesamte Studio um 19 Uhr eine Minute inne, um der Toten zu gedenken. Bereits um 18 Uhr hatten sich Wladimirer am Kathedralenplatz versammelt und ließen weiße Luftballons steigen.

Elisabeth Preuß

 

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Der Stundenplan ist straff: sonntags eine Doppelstunde, wochentags deren zwei, nachmittags Einprägen des vormittags durchgenommenen Stoffes.

Meine Zunge wehrt sich. „ы“ ist nicht „i“, nicht „ü“, nicht „y“, klingt bei meiner Lehrerin Natalia Dumnowa wie ein durch die Zähne gepreßtes „i“, dabei entweicht es ihr ganz leicht und mühelos.

„Ж“, „ш“, „щ“: Nadja Steger hatte mich nicht nur schonend auf die vielen Varianten des „sch“ im Russischen vorbereitet, sondern mich auch davon überzeugt, daß wir auch im Deutschen nicht einfach immer „sch“ sagen, sondern mehrere Arten der Aussprache davon haben. Dass aber im russischen die unterschiedlichen „sch“ vor unterschiedlichen Konsonanten wieder anders ausgesprochen werden, macht mich ratlos.

Erste Schritte

Meine Lehrerin hat unendlich Geduld, wenn ich mich durch einen Text zische, und am Nachmittag hilft mir mein iPad, die richtige Aussprache zu finden.

Einkauf im „Продукты“

Ich gehe jeden Tag in einen Laden „Продукты“, ohne Selbstbedienung. Das zwingt zur Aussprache zumindest einiger Wörter. Am Ende sind sowohl die Verkäuferin als auch ich froh, wenn der Einkauf getätigt ist. Leider habe ich nicht immer das in der Tasche, was ich mir vorgestellt hatte, z.B. nach einigem Beharren auf Naturjogurt ging ich dann doch mit süßem Erdbeertrinkjogurt raus, den ich nun vorerst in den Kühlschrank gestellt habe.

Der Weg zu einem A1-Diplom ist jedenfalls noch sehr, sehr weit. Das zeigt mir auch, welche Leistung der syrische junge Mann erbrachte, der 2015 nach Erlangen kam und mir vor wenigen Tagen erzählte, er habe die C1-Prüfung geschafft und die Zulassung zum Zahnmedizinstudium in der Tasche. Vor dem Hintergrund, daß das kyrillische und das lateinische Alphabet sich weit ähnlicher sind, als das lateinische und das arabische, kann ich vor der Leistung vieler erfolgreicher Sprachschüler aus arabischen Ländern nur den Hut ziehen.

Noch ein weiter Weg zum Diplom

Glücklicherweise bleibt neben all dem Lernen noch Zeit für weitere Termine, für ein Wiedersehen mit Gästen aus Wladimir. So hat sich der Radiologe Iwan Seliwjorstow ebenso angekündigt wie eine ehemalige Teilnehmerin des Sommerkurses in der VHS, deren Mann jetzt ebenfalls seine Fühler nach der Partnerstadt ausstreckt. Der ehemalige Oberbürgermeister, Sergej Sacharow, und die Erlangen-Haus-Direktorin, Irina Chasowa, werden mich zum Orthopäden, Guram Tschjotschjew, begleiten, der im Waldkrankenhaus einige Fortbildungen absolvierte.

Außerdem steht ein Besuch an der Universität mit Frederick Marthol auf dem Plan, den Blog-Lesern bereits bekannt, sowie ein Treffen mit Igor Besotosnij vom Wladimirer Kammerorchester, dessen Bus dank den Spenden vieler Erlanger repariert werden konnte. Auch Treffen mit Eduard und Artjom Markin stehen schon auf dem Programm, jeweils mit Konzert. Der Knabenchor hat schon vielen in Erlangen Gänsehaut verschafft, die Stimmen der Jungen sind fast überirdisch schön.

Fazit: Die Tage werden verfliegen!

Elisabeth Preuß

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