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Mit ‘Inge Meidinger-Geise’ getaggte Beiträge


Ihrer Zeit um fast ein Jahr voraus, soll heute eine lose Reihe in der neuen Kategorie “Jubiläum” beginnen. 2013 nämlich werden Erlangen und Wladimir ihr dreißigjähriges Jubiläum einer Partnerschaft begehen, die ohne Wolf Peter Schnetz, seinerzeit Kulturreferent der Hugenottenstadt, nicht denkbar wäre. Warum? Das erfahren wir aus dem Vorwort des nach 27 Jahren in Diensten der Stadt Erlangen seit 2001 wieder in seiner Geburtsstadt Regensburg lebenden Autors zu der von ihm inspirierten ersten Textanthologie mit dem Thema der Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir mit dem Titel “Birken Wermutsträucher Malachit”, erschienen 1987 in der Verlagsdruckerei Heinrich Delp, und leider längst vergriffen.

Wolf Peter Schnetz

“Was tut ihr für den Frieden?” fragt die schwarzhaarige Olga, Mutter von zwei Kindern. Wir sitzen im Kreis unter Kollegen im Kulturhaus von Wladimir. “Wir bauen Raketen. Wir rüsten. 20.000 Dollar in jeder Sekunde, die aus den Goldhähnen schießen.” Nein, das sage ich nicht. Ich sage nicht, daß wir nur Marionetten in den Händen der Mächtigen sind. Hier wie dort. Das “Friede und Recht sehr wund geworden sind”, wie auf seinen Wanderungen Walther von der Vogelweide vor fast 800 Jahren in wehmütigen Weisen beklagt hat. Heute steht die Welt auf dem Spiel. Ein Spielball. Hier wie dort. Das sage ich nicht. Und daß wir uns nicht mehr in die Augen schauen können, weil wir dazu erzogen sind, einander mit Mißtrauen zu begegnen, einer des andern ideologischer Feind, von Feindbild zu Feindbild. Es will mir nicht über die Lippen, jetzt, wo ich eine Antwort suche. “Ich schreibe”, sage ich schließlich. “Ich will meinen Beitrag durch Wortarbeit leisten”. Unsere Freunde nicken. Sie verstehen. Ein hartes Brot. Wenn es gelingt, Vertrauen zu schaffen, kann die Zeit vielleicht angehalten werden. Vielleicht.

Es begann mit einem überraschenden Telegramm. Angesagt hatte sich eine Delegation von Schriftstellern aus der UdSSR kurz und bündig mit dem Satz “Ankunft am … um …” Das war 1978. Der Anlaß: eine Tagung der “Europäischen Autorenvereinigung Die KOGGE”, deren Vorsitzende in fröhlichem Optimismus, fern aller Formalitäten, zu einem Besuch des Jahrestreffens im Herbst 1978 nach Minden eingeladen hatte. Ein jahrelanges Bemühen um einen Künstleraustausch mit Kollegen aus der UdSSR war damit zu einem Zeitpunkt erfolgreich verwirklicht, als die Hoffnung schon beinahe zu Grabe getragen war. Es kamen der aus Berlin gebürtige und seit den Naziverfolgungen in Moskau lebende Übersetzer Jurij Elperin; der Romancier Alexander Adamowitsch aus Minsk, der ein aufsehenerregendes Prosaepos über seine Erlebnisse an der Front im Zweiten Weltkrieg geschrieben hat; und der Dramatiker und Filmemacher Walentin Jeschow.

Die Delegation traf ein, wenn auch mit einem anderen Zug als angekündigt. Die von dem plötzlichen Zeitdruck überraschte KOGGE-Vorsitzende, Inge Meidinger-Geise, wandte sich hilfesuchend an ihre Heimatstadt Erlangen zur Unterstützung, um ein Anschlußprogramm zu ermöglichen. Erlangen, bekannt durch den Slogan “offen aus Tradition”, stimmte zu. Besucher der rasch improvisierten Veranstaltungen waren verblüfft von der reichen Welt der Literatur, die sich ihnen aufschloß. Ein Gegenbesuch wurde vereinbart. Die Delegationen wuchsen und erhielten politisches Gewicht. 1981 taten sich der Landesverband des VS (Verband Deutscher Schriftsteller in der IG Druck und Papier), die KOGGE, die Stadt Erlangen und die Bayerische Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion mit ihren jeweiligen Repräsentanten zu einer größeren Gruppe auf einer Reise nach Moskau zusammen.

In einer Gesprächsrunde mit SSOD (der sowjetischen Gesellschaft für Städtebeziehungen) wurde in einem weißgemauerten Palais in Moskau erstmals über den Gedanken einer Städtefreundschaft gesprochen. Völlig ungewiß blieb, ob dafür offene Ohren gefunden würden und wer die Partner sein könnten. Vorbereitet wurde zunächst eine Veranstaltungsreihe “Krieg und Frieden in der Literatur”, die im gleichen Jahr, 1981, in Erlangen unter Anteilnahme eines nicht nur neugierigen, sondern erstaunlich aufgeschlossenen Publikums zustande kam.

Als die Schreckensbilder des Krieges wieder heraufbeschworen wurden, schossen dem versierten Redner, Prof. Karl-Heinz Ruffmann, Tränen in die Augen, mitten in seiner vehementen, vor Rüstungswahn warnenden Rede. Das traf ins Herz. Betroffenheit ringsum. Da wurde deutlich, wie nah wir an einem Abgrund stehen. Verloren im Vertrauen auf die vermessene Position der Stärke.

Zwei Jahre später. Die Nachricht einer Partnerschaft Erlangen – Wladimir, die im Januar ins Gespräch gekommen war, verbreitete sich in Windeseile. Da wurden Sympathien geweckt. Sie reichten vom Kunstverein über den Stadtverband für kulturelle Amateurvereine mit seinen 90 Mitgliedsgruppen bis zu Hörern der Volkshochschule, die Wladimir bereits besucht hatten. Zustimmung kam auch von Vertretern vieler politischer Gruppierungen und Parteien und von Arbeitskreisen der Kirchen. So wandte sich eine große Gruppe von Bürgern aus dem Ortsteil Eltersdorf befürwortend an den Stadtrat, auf dieses Angebot einzugehen, “weil wir glauben, daß die Begegnung von Menschen aus verschiedenen politischen Lagern Vorurteile abbauen kann und dem Frieden dient”. Der Arbeitskreis Evangelische Erneuerung, eine seit 16 Jahren bestehende Initiativgruppe innerhalb der bayerischen Landeskirche, schrieb am 24. Januar 1983: “Die Erfahrungen mit Frankreich haben gezeigt, daß solche Partnerschaften heute Schritte auf dem Weg zu Frieden und Aussöhnung sein können.”

Vereinen und Bürgergruppen war es zu verdanken, daß die angestrebte Partnerschaft überraschend schnell mit pulsierendem Leben erfüllt wurde. Regelmäßig ist seit vielen Jahren die Volkshochschule mit einer Reisegruppe zu Gast in Wladimir und Susdal. Der Stadtverband der kulturellen Amateurvereine besuchte im Spätherbst 1984 die Region. Eine kleine Mannschaft von Spitzenturnern aus der Medaillenschmiede von Wladimir erwiderte noch in der Vorweihnachtszeit den Besuch und fand frenetischen Beifall in der dicht gefüllten Sporthalle der Erlanger Universität. Während der Pfingsttage 1985 setzte die Tanzgruppe IHNA aus Erlangen den Austausch fort und begeisterte in mehreren folkloristischen Aufführungen in Wladimir und Moskau die Zuschauer. Ein ungarisches Fernsehteam, das gerade zu Gast war, nahm die Darbietungen spontan in sein Programm auf. Umgekehrt gastierte hier der stimmgewaltige Kammerchor aus Wladimir. Der Stadtjugendring reiste mit einer Delegation in die künftige Partnerstadt. Im September 1986 fanden Erlanger Kulturtage in Wladimir statt. Die Erwiderung aus Wladimir mit einem einwöchigen Kulturprogramm ist für die Pfingsttage 1987 vorgesehen.

Von den Tatarenstürmen auf die altrussische Stadt Wladimir im 13. Jahrhundert bis zum heutigen Teutonentourismus ist es ein weiter Weg. 750 Jahre Geschichte: “Was tut ihr für den Frieden?”, fragt Olga. “Wir wollen einander begegnen, miteinander reden, einer des anderen Gast sein.” Das ist der Sinn der Beschlußaussage des Erlanger Stadtrates vom 19. Oktober 1983, “dauerhafte freundschaftliche Kontakte aufzubauen, daß sich die Bürger kennen- und verstehenlernen können.”

Einen Schwerpunkt im Kulturaustausch zwischen Erlangen und Wladimir bildet die Begegnung von Schriftstellern. Autoren aus Erlangen, die in den zurückliegenden Jahren auf Einladung des Schriftstellerverbandes der Sowjetunion die UdSSR und teilweise auch Wladimir besuchten, haben Gedichte und Erzählungen mit ihren Eindrücken geschrieben. Ausgewählte Texte wurden zusammengestellt. Sie werden anläßlich der Wladimirer Kulturtage 1987 in Erlangen in einem schmalen Band herausgegeben. Aus Gedichten entsteht Geschichte, die Texte reichen über den Augenblick hinaus.

“Um 16.00 Uhr und ein paar Kopeken fährt der Zug nach Moskau”, erklärte unsere schmale, treubesorgte Begleiterin, als wir im Jaroslawer Bahnhof, einem der elf Moskauer Knotenpunkte, auf die Abfahrt warteten und mit der kräftigen Schaffnerin disputierten, ob der Zug heute pünktlich sein würde und die reservierten Plätze auch wirklich freigehalten sind. Man gibt sich unbeschwert. Mann nimmt es nicht so genau. Weder mit der Zeit noch mit den Privilegien. Minuten haben den Wert von Kopeken. Es gibt genug davon. Hauptsache, die Wagen kommen in Gang. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Wie wahr! Damals wie heute. Wie schön und gut, daß es immer mehr werden, die sich auf diesen Weg hin und her machen. Schon am Dienstag fährt eine zehnköpfige Gruppe des Marie-Therese-Gymnasiums zum Schüleraustausch nach Wladimir, und anderntags treffen dreizehn Athleten aus der Partnerstadt bei uns ein, um am 24. März am Winterwaldlauf in der Brucker Lache teilzunehmen. Der Weg der Verständigung ist noch lang, aber Erlangen und Wladimir lassen sich von ihm nicht mehr abbringen, auch und gerade dank den ersten Schritten, die sprachmächtig und tatkräftig Schriftsteller aus Ländern aufeinander zu gemacht haben, die so weder geographisch noch politisch Bestand hatten, ganz im Gegensatz zu ihrem Wort, das im Anfang stand.

Mehr zur Person und zum Schaffen von Wolf Peter Schnetz unter www.wolf-peter-schnetz.de

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Friedrich Hitzer und Tschingis Aitmaow

1973 gründete der Erwin Essl, von 1949 bis 1974 an der Spitze der IG Metall Bayern, in München die “Bayerische Gesellschaft zur Föderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion”, deren Ziel es war, die Ost- und Entspannungspolitik durch persönliche Begegnungen und Austausch im bürgerschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich zu fördern und damit zur Aussöhnung und Völkerverständigung beizutragen. 2001 verstarb Erwin Essl 91jährig in München, nicht ohne eine entscheidende Rolle für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir gespielt zu haben. Als nämlich Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg Anfang der 80er Jahre in der Sowjetunion eine Stadt für eine Partnerschaft suchte, leistete der Landtagsabgeordnete der SPD dem damaligen Oberbürgermeister eine wichtige Hilfestellung. Die Bayerische Gesellschaft zur Föderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion verfügte nämlich über hervorragende Kontakte zur SSOD (Sowjetischer Verband der Freundschaftsgesellschaften), dem diplomatischen Vorposten der KPdSU. Erwin Essl und Friedrich Hitzer, Übersetzer des erst vor zweieinhalb Jahren in einem Nürnberger Krankenhaus verstorbenen Schriftstellers Tschingis Aitmatow, begleiteten 1981 eine Gruppe von Schriftstellern um das Erlanger Autorenpaar Inge Meidinger-Geise und Wolf-Peter Schnetz, der sich auch Dietmar Hahlweg angeschlossen hatte, und fädelten die gewünschten Gespräche ein, die schon nach wenigen Monaten dazu führten, daß Wladimir als Partner für Erlangen vorgeschlagen wurde. 1985 dann, das sei hier am Rande vermerkt, wurde ein Student der Slawistik in Bamberg, ein gewisser Peter Steger, Mitglied der Bayerischen Gesellschaft zur Föderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion und erfuhr bald darauf von der Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir.

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR benannte sich der Verein in “Bayerische Ostgesellschaft” um und paßte sein Tätigkeitsfeld an die neuen Umstände an, organisierte Hilfsaktionen, sprach Einladungen an Studenten aus, veranstaltete Bürgerreisen und versteht sich heute als Forum für den Austausch mit Menschen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. In diesem Zusammenhang steht die heutige Veranstaltung in München, die Regionalkonferenz 2010, die sich Fragen nach der zivilgesellschaftlichen Entwicklung und den juristischen Stolpersteinen in der GUS stellt. Geladen als Referent just der Bamberger Student von einst in seiner heutigen Funktion als Städtepartnerschaftsbeauftragter. So schließt sich wieder einmal ein Kreis.

Mehr zu der heutigen Veranstaltung unter: http://www.bayerische-ostgesellschaft.de/pdf/10November%20Regionalkonferenz.pdf und mehr zu der Bayerischen Ostgesellschaft, die Mitglied ist im Bundesverband der Deutschen West-Ost-Gesellschaften, unter: www.bayerische-ostgesellschaft.de.

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Es soll vorkommen, daß Politiker bereits gehaltene Neujahrsansprachen versehentlich erneut vortragen; ähnliches geschieht – nach dem Motto “nihil novum sub sole” – allenthalben mit Artikeln wissentlich oder aus Nachlässigkeit mit Artikeln in der Presse oder der Wissenschaft. Nun also auch der Blog. Genau vor einem Jahr ist hier ein Eintrag erschienen, gewidmet einem der ganz Großen der Städtepartnerschaft, ein Eintrag, der, leicht verändert, einen Menschen portraitiert, der für die Verbindung zwischen Erlangen und Wladimir unverzichtbare Impulse gegeben hat.

Klaus Wrobel zählt zu den großen und unverwechselbaren Figuren der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir. Er gehört zu der Troika aus Politik, Kultur und Erwachsenenbildung, der das Zustandekommen dieser Verbindung zu verdanken ist. Doch nennen wir die Dinge – oder besser Menschen - bei ihren Namen: Politik = Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg; Kultur = Inge Meidinger-Geise und Wolf Peter Schnetz; Erwachsenenbildung = Klaus Wrobel. Zugegeben, etwas verkürzt und bei Unterschlagung vieler Namen, aber es soll heute ja auch nur um einen gehen, nämlich um Klaus Wrobel.

Als Direktor der VHS Erlangen hat er noch vor den ersten politischen Gesprächen und Besuchen in den frühen 80er Jahren Bürgerreisen nach Wladimir veranstaltet - 1980 (!) die allererste - und konnte damit entscheidend bei der Vorbereitung auf all das helfen, was noch kommen sollte, nämlich die Bürgerpartnerschaft. Der lange Weg war bereitet. Doch dabei beließ er es nicht: Unter seiner Ägide entstand der “Arbeitskreis Wladimir” (später “AK Ost”), ein Forum für ungezählte Diskussions- und Vortragsveranstaltungen mit Gästen aus der Partnerstadt; schon 1984 organisierte er die erste Photoausstellung in Wladimir, und von da an gab es kein Halten mehr. Man muß die Russisch-Kurse, die er besonders förderte, gar nicht mitrechnen, um sagen zu können, daß kein Monat ohne eine “Wladimir-Veranstaltung” vergangen ist. Besonders lagen ihm die Beziehungen zur Pädagogischen Universität mit deren Rektor Dmitrij Makejew am Herzen. Er band die Hochschule sogar vertraglich an seine VHS, und nicht umsonst hat ihn die Partnereinrichtung 1997 für seine besonderen Verdienste mit der Verleihung des Ehrendoktors gewürdigt, zwei Jahre nachdem Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg diese Auszeichnung zuteil wurde. Freundschaften, die über drei Dekaden gehalten haben, verbinden den promovierten Politikwissenschaftler, der sich auch als Journalist einen Namen gemacht hatte, mit dem heutigen Rektor Wiktor Malygin und dem “Vater der Partnerschaft” auf russischer Seite, Jurij Fjodorow. Gegen Ende seiner Amtszeit vor genau zehn Jahren konnte der Hobbyphotograph Klaus Wrobel sogar seine eigenen Wladimirbilder “en passant” hier wie dort zeigen. Hierzu ein Zitat aus den Erlanger Nachrichten vom 3. Februar 2000, das den episodischen Charakter der Ausstellung von 238 Arbeiten erspüren läßt: “Wohl enthält die Ausstellung den Themenbereich Tierisches. Menschliches dagegen fehlt. Wer so viel in seinem Beruf mit Menschen zu tun hatte wie Klaus Wrobel, wird das verstehen. Immerhin kündet ein Photo von einer kleinen menschlichen Begegnung, und weil Klaus Wrobel jedes Photo genau zu datieren weiß, erfahren wir, daß am 18. August 1989 in Wladimir ein Kind auf einer Bank den Photographen entdeckte und ihm zuwinkte.”

Wer ein wenig Leseerfahrung im Blog hat, ahnt es bereits: Der hier Geehrte feiert heute Geburtsstag, seinen 75. Und dazu von hier aus alle erdenklichen Glückwünsche im Namen der vielen Menschen, die erst dank der umsichtigen Vermittlung von Klaus Wrobel einen Zugang zu den Menschen und der Kultur von Wladimir fanden, aber auch im Namen derer, die unter seiner klugen Anleitung den Weg von dort nach hier fanden. Danke schließlich im Namen des Erlangen-Hauses, dessen Deutsch-Kurse ohne ihn in der heutigen Qualität nicht denkbar wären.

Wiktor Malygin

Das schönste Geschenk zu seinem Geburtstag ist sicher die Gewißheit, daß all das Gute, das er begonnen und ins Werk gesetzt hat, nicht verloren gegangen ist. Mittlerweile gibt es an der VHS bzw. im Club International einen “Freundeskreis Wladimir”, der sich just gestern abend wieder traf, aktuell laufen noch und wieder die “Russisch-Deutschen Wochen”, die Russischkurse verzeichnen unter den selten unterrichteten Sprachen den größten Zulauf, die Deutschkurse am Erlangen-Haus erfreuen sich mit gut 200 Eingeschriebenen noch immer wachsender Nachfrage, und Ende Mai veranstaltet die VHS zusammen mit Wolfram Howein schon die zweite Bürgerreise mit dem Ziel Wladimir, von wo aus es dieses Mal bis an die Wolga gehen soll. Möglich ist das natürlich nur, wenn jemand den Staffelstab aufnimmt. Deshalb an der Stelle auch ein herzliches спасибо an Christine Flemming und Reinhard Beer, die heute mit ihrem Team die Geschicke der VHS so überzeugend leiten und den seinerzeit so weitsichtig eingeschlagenen Kurs halten.

Heute zieht es Klaus Wrobel leider nur noch selten in sein Haus nach Bubenreuth; seine alte Heimat, Berlin, hat ihn wieder. Noch seltener führt ihn sein Weg nach Wladimir, obwohl er dort höchstes Ansehen genießt und von vielen freudig aufgenommen würde. Doch gleich, wo er sich auch aufhalten mag, seine vielen Freunde aus Erlangen und Wladimir sind ihm heute besonders nah und gratulieren von Herzen und dankbar für seine großartigen Leistungen.

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Würden sie nicht am gleichen Tag Geburtstag feiern, zugegeben, sie würden nicht als Zweispänner in die Arena des Blogs einziehen. Und doch verbindet sie viel mehr als dieser äußere Zufall, auch wenn sie einander gar nicht kennen.

Beginnen wir mit der jüngeren Tatjana Koltunowa, einer Frau, die mit gelassener Grandezza selbst unausgesprochene Fragen nach ihrem Alter ewig jugendlich unbekümmert und doch ein wenig wehmütig frei nach Oscar Wilde etwa so beantworten würde: “Die Kommödie des Alters beruht nicht darin, daß man alt ist, sondern daß man jung ist.” In ihren wirklich noch jungen Jahren, Mitte der 80er, kam Tatjana Koltunowa als Gastlektorin von Moskau nach Bamberg, um die dortige Slawistik zu stärken und den versprengten Studenten - noch vor der Perestrojka – Mut zur russischen Sprache zu machen und ihnen die Liebe zur russischen Literatur einzuimpfen. Auch wenn ihr Vertrag viel zu früh wieder abgelaufen ist, hat ihr Serum gewirkt und immun gemacht gegen jede Nachlässigkeit in puncto Kultur der Sprache. Wer ihre Schule durchlaufen durfte, hat einen Maßstab für das Russische und die Literatur mitgenommen, den er nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Naina Akimowa, Tatjana Koltunowa, Nadja Jewrassowa, Alewtina Alijewa, 2003 in Wladimir

Naina Akimowa, Tatjana Koltunowa, Nadja Jewrassowa, Alewtina Alijewa, 2003 in Wladimir

Tatjana Koltunowas Fach ist aber auch die barocke Lebensfreude, eine ansteckende Lust, sich mitzuteilen, ihr Leben mit anderen zu teilen. Wer da teilhaben darf, erlebt menschliche Größe, erlebt das, was in Deutschland oft hilflos staunend als die “russische Seele” bezeichnet wird. Wenn es dieses Fluidum tatsächlich gibt, dann hat es Tatjana Koltunowa – und zwar im Übermaß. Das kommt natürlich auch der Städtepartnerschaft zugute. Die Deutsch-Dozentin an der Lomonosow-Universität ist längst zum hauptstädtischen Außenposten der Jumelage geworden. Wann immer Erlanger auch Moskau besuchen, ist Tatjana Koltunowa zur Stelle oder schickt Studenten zu Führungen mit dem Charme des Persönlichen, des Vertrauten in der Millionenmetropole. Aber auch in Wladimir selbst kennt und schätzt man die Moskowiterin mit dem geschickten Händchen für Organisationsfragen, wenn es um die Betreuung von Gästen etwa beim Partnerschaftsjubiläum 2003 geht. Längst hat sie auch Freunde in Erlangen gefunden: Familie Dörfler, Familie Kitzmann… Einmal im Jahr reist sie mindestens dienstlich nach Salzburg und Göttingen an die dortigen Universitäten, die mit Moskau Kooperationsabkommen haben, und der Weg führt dann natürlich über das ihr so liebgewordene Erlangen und in ihr Bamberg, ihre erste Liebe unter den deutschen Städten, dem sie die Treue hält. Es denken heute viele Menschen an sie, die ihr viel verdanken - und wünschen ihr alles Glück dieser Erde.

Fahren wir fort mit dem älteren im Zweispänner, mit Wolf Peter Schnetz, der heute seinen 70. Geburtstag feiert. Wenn Friedrich Nietzsche recht hat, ist der Dichter Wolf Peter Schnetz ein “Seher”, der “uns etwas von dem Möglichen erzählt”. Am Anfang war das Wort. Das gilt auch für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, der erst die Dichter das Leben eingehaucht haben. Zu pathetisch? Dann hören wir doch einmal in das Vorwort zu dem Bändchen “Birken, Wermutsträucher, Malachit” aus dem Jahr 1987 hinein:

Es begann mit einem überraschenden Telegramm. Angesagt hatte sich eine Delegation von Schriftstellern aus der UdSSR kurz und bündig mit dem Satz: “Ankunft am … um…” Das war 1978. Der Anlaß: eine Tagung der “Europäischen Autorenvereinigung Die KOGGE”, deren Vorsitzende in fröhlichem Optimismus, fern aller Formalitäten, zu einem Besuch des Jahrestreffens im Herbst 1978 nach Minden eingeladen hatte. Ein jahrelanges Bemühen um einen Künstleraustausch mit Kollegen aus der UdSSR war damit zu einem Zeitpunkt erfolgreich verwirklicht, als die Hoffnung schon beinahe zu Grabe getragen war.  (…) Die Delegation traf ein, wenn auch mit einem anderen Zug als angekündigt. Die von dem plötzlichen Zeitdruck überraschte KOGGE-Vorsitzende, Inge Meidinger-Geise, wandte sich hilfesuchend an ihre Heimatstadt Erlangen zur Unterstützung, um ein Anschlußprogramm zu ermöglichen. Erlangen, bekannt durch den Slogan “offen aus Tradition”, stimmte zu. Besucher der rasch improvisierten Veranstaltungen waren verblüfft von der reichen Welt der Literatur, die sich ihnen aufschloß. Ein Gegenbesuch wurde vereinbart.

Die Delegationen wuchsen und erhielten politisches Gewicht. 1981 taten sich der Landesverband der Deutschen Schriftsteller in der IG Druck und Papier, die KOGGE, die Stadt Erlangen und die Bayerische Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen der BRD und der UdSSR mit ihren jeweiligen Repräsentanten zu einer größeren Gruppe auf einer Reise nach Moskau zusammen. In einer Gesprächsrunde mit der Sowjetischen Gesellschaft für Städtebeziehungen wurde in einem weißgemauerten Palais in Moskau erstmals über den Gedanken einer Städtefreundschaft gesprochen. Völlig ungewiß blieb, ob dafür offene Ohren gefunden würden, und wer die Partner sein könnten. Vorbereitet wurde zunächst eine Veranstaltungsreihe “Krieg und Frieden in der Literatur”, die im gleichen Jahr, 1981, in Erlangen unter Anteilnahme eines nicht nur neugierigen, sondern erstaunlich aufgeschlossenen Publikums zustande kam. Als die Schreckensbilder des Krieges wieder heraufbeschworen wurden, schossen dem versierten Redner, Prof. Karl-Heinz Ruffmann, Tränen in die Augen, mitten in seiner vehementen, vor Rüstungswahn warnenden Rede. Das traf ins Herz. Betroffenheit ringsum. Da wurde deutlich, wie nah wir an einem Abgrund stehen. Verloren im Vertrauen auf die vermessene Position der Stärke.

Zwei Jahre später. Die Nachricht einer Partnerschaft Erlangen – Wladimir, die im Januar ins Gespräch gekommen war, verbreitete sich in Windeseile. Da wurden Sympathien geweckt…

Wolf Peter Schnetz 1981 in Moskau mit Dietmar Hahlweg und Inge Obermayer

Wolf Peter Schnetz 1981 in Moskau mit Dietmar Hahlweg und Inge Obermayer

Da entstand dieses vielschichtige Gesamtkunstwerk einer echten Bürgerpartnerschaft mit der Kultur als Rückgrat, für die in jenen entscheidenden Jahren Wolf Peter Schnetz als Referent in der Stadtverwaltung zuständig war. 2003, damals schon pensioniert, reiste er noch einmal in jene Stadt, in der ihm beim ersten Besuch das Notizbuch abhanden gekommen war. Auch wenn dieses verloren blieb, lohnte sich jede Rückkehr. Denn, was er fand, regte den Dichter nicht nur zu neuen Versen an, sondern zeigte ihm den ganzen Reichtum dessen, was mittlerweile aus seinen Anregungen entstanden war. Freilich wurde auch bald sichtbar, daß Wolf Peter Schnetz, inzwischen wieder in seinem heimatlichen Regensburg wohnhaft, nicht zu ersetzen ist. Unter seiner Ägide blühten die Schriftstellerkontakte in allen Farben: Stücke aus Wladimir wurden in Erlangen aufgeführt, in Übersetzung erschienen hier wie dort Sammelbände von Schriftstellern, Lesungen fanden statt, Freundschaften entstanden. Seine Wladimirer Freunde Jurij Schikanow und Julia Alexandrowa bedauern, daß es in den letzten Jahren so still um die Autorenkontakte geworden sei. Vielleicht auch für den Blog eine Anregung, sich ab und an mehr der Literatur zuzuwenden… Wie auch immer: Wolf Peter Schnetz hat uns noch zu Zeiten des Kalten Krieges von dem Möglichen erzählt, von einem Miteinander, von einer Partnerschaft, vom Ende der Konfrontation. Seine Friedensvision ist Wirklichkeit geworden. Ein Grund mehr, auch heute wieder auf das Wort der Dichter zu hören.

Auch wenn sich die beiden (noch) nicht kennen. Tatjana Koltunowa und Wolf Peter Schnetz verbindet etwas Entscheidendes über den gemeinsamen Geburtstag hinaus: Die aufrichtige Liebe zum Wort, zur Sprache, zur Poesie, zur verdichteten Wirklichkeit, zu der Schönheit, die allein die Welt retten kann, wie schon Fjodor Dostojewskij wußte.

P.S.: Mehr zu Wolf Peter Schnetz und seine nächste Lesung in Erlangen unter www.wolf-peter-schnetz.de

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Am 25. Oktober 1986 ist in der NZ unter dem Titel “Der Drache darf nicht siegen” von Inge Obermayer ein Rückblick auf das “Erlanger Kultur- und Sportfest in der sowjetischen Partnerstadt Wladimir” erschienen. Die weitblickende Autorin hat bereits in den späteren 70er Jahren Kollegen aus der UdSSR in Erlangen bekannt gemacht und gemeinsam mit Inge Meidinger-Geise sowie Wolf Peter Schnetz Kontakte in ein fernes und verschlossenes Land geknüpft und damit Türen einen Spaltbreit geöffnet, die der seinerzeitige Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg ebenso beherzt wie besonnen aufgestoßen und zum Tor für eine echte Bürgerpartnerschaft weit aufgehalten hat.

Beginnen und enden ließ die Schriftstellerin ihren Beitrag mit den Sätzen: “Die Sonne scheint, der blaue Himmel ist wolkenlos.” Warum das bemerkenswert ist? Weil es rückblickend prophetisch erscheint:

Das Projekt “Blauer Himmel”, das dieser Tage in eine neue Etappe seiner Entwicklung eintritt, ist auch realiter unter einem blauen Himmel in Wladimir gestartet, ein Drache mit blauen Luftballons ist aufgestiegen und läßt die Hoffnung siegen, zumindest für die Kinder aus der Psychiatrie, die nun am Ufer der Kljasma ein Heim haben, wo sie sich zu Hause fühlen können.

Nein, das konnte Inge Obermayer so nicht voraussehen, aber ihre Beschwörung, der Drache dürfe nicht siegen, hat gewirkt. Deshalb soll ihr auch an dieser Stelle Dank für ihre wortmächtige Begleitung der Partnerschaft gesagt sein, und gratulieren darf man ihr zum Erlanger Kulturpreis, den sie gestern wahrlich verdient verliehen bekommen hat.

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