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Posts Tagged ‘Igor Schamow’


Am kommenden Wochenende feiert Wladimir wieder Geburtstag mit dem Stadtfest, das – kaum jemand weiß dies noch – zurückgeht auf die Zehnjahresfeier der Städtepartnerschaft im September 1993 mit dem „Fränkischen Fest“ als Höhepunkt im Stadtpark. Der hier im Blog schon des öfteren zitierte Politologe Roman Jewstifejew macht sich hierzu seine eigenen Gedanken, unfrisiert und ungeniert, wie der Dozent an der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft nun einmal Wladimir und die Welt sieht, in der wir gar nicht so anders erscheinen. Aber machen Sie sich Ihr eigenes Bild:

Die Hauptsache ist: Beim Wladimirer Stadtfest fehlen die Bürger. Zum Fest geladen werden nicht Bürger, sondern Konsumenten, um ihnen Erfolge, Vergnügungen und ein Feuerwerk zu verkaufen. Es gibt überhaupt keine Rituale, um die Bürger miteinander zu vereinen, keinerlei Stätten des Gedenkens und Aktionen, die Konsumenten in Bürger verwandeln könnten, nach Meinung der „Verkäufer“ ja auch gänzlich unnötig, denn „kaufen“ sollen sie, was man ihnen gibt, und zufrieden sollen sie damit sein.

So, wie man einen Park gestaltet, so soll er eben sein, womit man ein neues Museum vollstopft, das soll dort eben hängen, wer an der Ehrentafel zu sehen ist, soll dort eben zu sehen sein. Für wen die Haushaltsmittel reichen, der soll eben auch auf dem Fest singen und tanzen. Man sehe es uns nach, aber es ist besser, ihr konsumiert, was man euch gibt.

Dabei seien doch, wie das Stadtoberhaupt sagt, die Hauptsache in der Stadt ihre Menschen. Nichts wahrer als das. Nur sind mit diesen Menschen nicht Bürger gemeint, sondern Konsumenten, die annehmen, was von oben gegeben wird, die offenbar einzig Brot und Spiele fordern. So sind wir in der Vorstellung der Beamten.

Die Stadt hat eine tausendjährige Geschichte, aber beim Stadtfest gibt es nichts zu erinnern; sich als Teil dieser Geschichte zu empfinden, ist fast nirgendwo möglich, es wurden keine Rituale geschaffen, keine Stätten der Erinnerung an die Geschichte der Stadt eingerichtet.

Natürlich wird das eine oder andere hergerichtet, etwas zum Fest fertiggestellt, und das ist gut so. Aber das gewaltige zivilgesellschaftliche Potential des Festes ist auf Null gesetzt. Dieses Potential ist gefährlich, man stellt es lieber ruhig, während die öffentliche Aktivität und die zivilgesellschaftlichen Anfragen lieber mittels Anhörungen in Hinterzimmern und zivilgesellschaftliche Kammern kontrolliert, die besonders „zivilgesellschaftlich Aktiven“ aber durch polizeiliche Maßnahmen wieder auf Linie gebracht werden. Soll das eine Stadt sein? In ihres ganzen Wortes Sinn? Nein. Wie soll man das nennen? Man bilde sich da selbst ein Urteil.

Ich erinnere mich an ein durch und durch phantasievoll gestaltetes Stadtfest in Wladimir, Mitte der 90er Jahre, als man aus der Partnerstadt Erlangen Fässer mit echtem deutschen Bier in den zentralen Park brachte, wobei jedes Faß umgeben war von einer Mannschaft echter Deutscher, die das Getränk zapften und für die Durstigen ausschenkten. Das war der Wahnsinn.

Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg und sein Kollege Igor Schamow, im Hintergrund Stadtratsvorsitzender Gennadij Andrianow und Richard Heindl, Gründer der Heitec AG, gesehen von Wladimir Filimonow

Die halbe Stadt hatte sich damals im Park versammelt, um sich das deutsche Bier schmecken zu lassen. Aber nicht nur um das Bier ging es, nicht nur um das Trinken, sondern da waren einfach wirklich jede Menge Leute. Da konnte man Gott weiß wen treffen, und alle freuten sich, einander zu sehen. Man sprach miteinander, stand in Gruppen beisammen, man stritt, diskutierte und traf Verabredungen. Bei aller auch ökologischen Widersprüchlichkeit dieser Veranstaltung, bleibt dieses Fest unübertroffen, eben wegen des Gefühls der Freiheit, der Solidarität und der Vereinigung der Bürger. Etwas in der Art gab es später nie wieder.

Überhaupt erfüllt das Stadtfest derzeit keinen anderen Zweck als Vergnügungen, die wegen der klammen städtischen Finanzen bescheiden und unattraktiv ausfallen. Deshalb, Freunde, vergnügt euch selbst so, wie ihr es eben könnt. Wenigstens ist gutes Bier heute viel einfacher zu bekommen, als vor zwei Jahrzehnten.

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Schon Mitte Juni ging in der Redaktion des Blogs eine Zuschrift von Waltraut Firgau ein, die erst heute veröffentlicht wird, weil die dazugehörigen Bilder noch zu scannen und nachzureichen waren. Aber was bedeutet schon die Frist von einem Monat des Wartens angesichts der Spanne eines Vierteljahrhunderts, die zwischen damals und heute liegt…

Start mit einer Chartermaschine von Aeroflot auf dem Flughafen Nürnberg

Mein Enkel, Max Firgau, verbringt gerade ein Stipendiumssemester in Wladimir. Vielleicht haben Sie hier im Blog schon von und über ihn gelesen. Ich verfolge sein Leben dort mit großem Interesse, weil mein Mann und ich 1993 beim zehnjährigen Jubiläum der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir dort einen Besuch gemacht haben.

Das Rasthaus „Skaska“ („Märchen“), vor fast einem Jahr abgebrannt, siehe: https://is.gd/JY4FfF

Die alten Bilder habe ich mir jetzt wieder angeschaut und mit denen von Max verglichen. Manches ist noch genau so geblieben, wie wir es damals kennengelernt haben.

Neubauvierte in Wladimir

Es war eine große Delegation¹, die damals zum Jubiläum fuhr. Wenn ich mich recht erinnere, wurde alles von Peter Steger² organisiert.

Die beiden Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg und Igor Schamow

Mit dabei waren natürlich Oberbürgermeister Dieter Hahlweg, mehrere Vereine, z.B. der Kosbacher Stadlchor und die Speeldeel Ihna und sehr viele Erlanger Bürger.

Die Kavalkade von Bussen bei einem Zwischenhalt an der Raststätte „Skaska“

Weil damals eine Partnerschaft zwischen einer deutschen und russischen Stadt noch etwas Besonderes war, wurden wir vom Flugplatz in Moskau mit vielen Bussen abgeholt und mit Polizeigeleit nach Wladimir gebracht.

Die Kirche der Altgläubigen, bisher noch Museum für Kristallglas, mit einem Motiv, das man heute dort nicht mehr zu sehen bekommt

Dort empfing man uns mit großer Herzlichkeit. Uns wurden viele Ausflüge und Führungen angeboten, in Wladimir selbst und in der Umgebung.

Auf dem Weg zu Mariä Schutz und Fürbitt

Das Erlangen-Haus war damals schon in der Planung, aber noch nicht eröffnet. Schön war unser Ausflug über die grüne Wiese zu der Kapelle Mariä Schutz und Fürbitt mit ihrer wundervoll gestalteten Fassade.

Bogoljubowo

Wir besuchten natürlich auch Gus Chrustalnyj und Susdal. Besondern hat mich dort das Glockenspiel fasziniert, das wir von außen gut beobachten konnten.

Fränkisches Fest

Der Jubiläumstag wurde bei schönem Wetter groß gefeiert mit Folkloreveranstaltungen und Chordarbietungen von beiden Seiten.

Kosbacher Stadlchor

Den Abschluß unserer Fahrt bildete ein kurzer Aufenthalt in Moskau auf dem Roten Platz, wo wir auch das Innere der Basilius-Kathedrale besichtigen konnten. Interessant dabei:

Folklore-Ensemble Rus

Damals standen das Historische Museum und das Tor daneben noch nicht. Sie wurden nach ihrer  Zerstörung erst 1996 wieder aufgebaut.

Dietmar Hahlweg auf dem Roten Platz im Gespräch

Es war eine beeindruckende Reise und ich freue mich darüber, wie mein Enkel das alles heute auch intensiv erleben kann.

Waltraut Firgau

Hier liegt heute die Fußgängerzone Wladimirs

Anmerkungen: 1) Es handelte sich tatsächlich um die bisher größte Bürgergruppe, die nach Wladimir reiste: 350 Personen. 2) An der Organisation waren natürlich noch viele beteiligt, vor allem, federführend, der Stadtverband Kultur und sein damaliger Vorsitzender, Karl Heinz Lindner, sowie natürlich die Gastgeber mit einem Arbeitsstab unter dem späteren Oberbürgermeister, Alexander Rybakow.

Das Motiv von damals heute

Sollte jemand noch ähnliche Schätze im Album bergen, freut sich die Redaktion immer über ähnliche Funde. Deutlich genug? Immer her damit!

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Bei einem auf gerade einmal zwei Tage begrenzten Arbeitsbesuch und der ganz unterschiedlichen Interessen und Aufgaben der Delegationsmitglieder bedürfte es schon einer Drohnenüberwachung, um alles zu verfolgen, was sich gestern so  zwischen dem Erlangen-Haus und der Universität, beim Roten Kreuz und in Deutsch-Kursen, auf dem Stadtrundgang oder dem Ausflug nach Susdal so alles tat. Mangels nachrichtendienstlicher Ambitionen belassen wir es bei einem Blick auf das Ereignis, das am späteren Nachmittag im Landesmuseum alle wieder zusammenführte: die Präsentation des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ in russischer Sprache.

Rose Ebding, Witalij Gurinowitsch und Jelena Ljubar mit Lampenfieber

Dabei handelte es sich nicht einfach „nur“ um eine Lesung, umrahmt von Reden der beiden Stadtoberhäupter, Olga Dejewa und Florian Janik, sowie des Botschaftsvertreters, Lutz-Michael Meyer, die den Band mit Erinnerungen von Wehrmachtssoldaten an ihre Gefangenschaft hauptsächlich in Lagern der Region Wladimir als Zeugnis der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen würdigten, vielmehr gewann das in einer Auflage von 450 Exemplaren erschienene Werk eine plastische Tiefenschärfe und einen emotionalen Höhepunkt durch eine szenische Aufführung von Schülern aus Nischnij Nowgorod und den bewegenden Auftritt von Wolfgang Morell, dem man in Wladimir als Gefangenem nach schwerer Erkrankung 1942 „das Leben zurückgegeben hatte“.

Stilleben mit Büchern

Doch bleiben wir kurz bei dem Band, der so angenehm leicht in der Hand liegt, ein gelungenes Layout hat und durch ein ansprechendes Schriftbild überzeugt. Einfach gut gemacht, wie schon in Erlangen auch nur möglich dank einer Reihe von Sponsoren und natürlich durch das Geschick des Historikers, Witalij Gurinowitsch, der alle Fäden in den Händen hielt und das bisher aufwendigste publizistische Projekt der Partnerstädte mit Verve vorantrieb. Und der Autor, Peter Steger? Er konnte sich nur freuen über das große Interesse an dem Buch, das er als sein ganz persönliches Geschenk an die Menschen in der Partnerstadt versteht, mit der er selbst seit nunmehr schon dreißig Jahren eng verbunden ist.

Max Firgau

Besonders erfreulich die Anteilnahme der Jugend, etwa des FAU-Studenten, Max Firgau, der gegenwärtig im Rahmen des Go-East-Programms in Wladimir Russisch lernt, Deutsch unterrichtet, Seminare und Vorlesungen an der Universität besucht und bei der Betreuung von Gästen aus Erlangen hilft. Aber natürlich auch die Anerkennung seitens der Deutschen Botschaft und die Berichterstattung der lokalen Medien.

Florian Janik, Olga Dejewa, Wladislaw Poldjajew und Lutz-Michael Meyer

Die größte Freude wurde aber sicherlich Wolfgang Morell zuteil, dem am Ende seines ergreifenden Rückblicks auf die Geschehnisse vor 75 Jahren ein Pärchen aus der Schule, wo seinerzeit das lebensrettende Hospital untergebracht war, eine Bühneneinlage widmeten und ein Bild überreichte. Noch spät am Abend fand der Veteran kaum Worte, um seinen überwältigenden Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Ein Bild für Wolfgang Morell

Dabei sollte die große Überraschung erst noch kommen: der große Auftritt der Schülertruppe des Gymnasiums Nr. 1 in Nischnij Nowgorod, an dem Rose Ebding Deutsch unterrichtet. Von ihrem Projekt berichtet sie selbst in dem gemeinsam mit ihrem Mann, Hans-Joachim Preuß, betriebenen Blog, weshalb hier zum Inhalt der Link genüge: https://is.gd/dT7SCo

Schülertheater Rose Ebding

Gesagt werden soll aber schon, wie überzeugend die Jugendlichen den Stoff auf die Bühne bringen, ausdrucksstark, mit wohldosierten Gesten, erstaunlich sauber intonierten Liedern und immer wieder überraschend eingeworfenen deutschen Versatzstücken. Man spürt die strenge Hand der Regie, wenn Mimik und Bewegung Stimmung vermitteln, man spürt aber auch, wie intensiv sich das Ensemble mit dem für die heutige Generation so fernen Stoff aus Gefangenschaft, Verzweiflung, Not, gepaart mit Barmherzigkeit und Anteilnahme, verzaubert vor sieben Jahrzehnten von der zarten Liebe von zwei Deutschen, Wolfgang Morell und Claus Fritzsche, zu einer Russin, Schanna Woronzowa, mit der sie über den erzwungenen Abschied hinaus bis heute verbunden bleiben. Nachzulesen für alle, die das Buch nicht zur Hand haben, hier im Blog unter https://is.gd/3DVrjV

Schülertheater Rose Ebding

Hellauf begeistert von der schauspielerischen Leistung, sprach Florian Janik noch an Ort und Stelle eine Einladung an die Truppe nach Erlangen für den Herbst aus. Ort und Zeit dieses Gastspieles stehen natürlich noch nicht fest. Wladimir hat es da besser, denn das Stück, nach dem Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ benannt, wird heute in der Partnerstadt in voller Länge gegeben, nachdem gestern nur Auszüge zu sehen waren.

Schülertheater Rose Ebding

Die Frage eines Journalisten nach möglichen Auswirkungen der Publikation des Erinnerungsbandes auf die Städtepartnerschaft ist damit auch schon beantwortet.

Igor Schamow, Eduard Sirko, Julia Alexandrowa und Jelena Tschilimowa

Was nun noch fehlt, ist der Dank an Altoberbürgermeister, Igor Schamow, der es erfolgreich übernommen hatte, Sponsoren für das Vorhaben anzusprechen, und natürlich an die Übersetzerin, Jelena Tschilimowa, unterstützt von Julia Alexandrowa und Eduard Sirko. Die Mühe hat sich gelohnt, und wieder schließt sich ein weitgezogener Kreis, in dem sich Freundschaft im Miteinander vollendet.

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„Wer, wenn nicht Rudolf Schwarzenbach hätte ein so komplexes Projekt wie die Städtepartnerschaften mit Jena und Wladimir ins Werk setzen können?“ fragte gestern Oberbürgermeister Florian Janik bei der Trauerfeier für seinen politischen Mentor. Und Peter Röhlinger, Altoberbürgermeister von Jena, der bereits 1993 Wladimir besuchte, erinnert sich an seinen Erlanger Freund als einen „großartigen Strategen, der es meisterhaft verstand, die Menschen zusammenzubringen“.

schwarzenbach

Es werden viele Spuren des völkerverbindenden Wirkens von Rudolf Schwarzenbach zurückbleiben, die wohl einprägsamste davon das Dreieck Erlangen – Jena – Wladimir, an dem er schon in den frühen 90er Jahren arbeitete, als auf seine Initiative hin die Verwaltungsseminare für Wladimir gemeinsam mit und in Jena veranstaltet wurden, also lange bevor 2009 endlich die Verbindung auch vertraglich fixiert wurde. Mittlerweile gehen Jena und Wladimir ja auch schon ganz eigene Wege, etwa wenn in den nächsten Tagen wieder eine russische Jugendgruppe von der Kljasma an die Saale kommt, wenn im Februar eine Ärztegruppe aus der Lichtstadt an den Goldenen Ring reist, wenn im Mai sich Frauen aus Jenas Partnerstädten im Erlangen-Haus zu einem Kongreß treffen.

Peter Röhlinger und Rudolf Schwarzenbach

Peter Röhlinger und Rudolf Schwarzenbach

Der ehemalige Partnerschaftsreferent beschränkte sich in seiner Arbeit nie auf den theoretischen und ideellen Teil. Er griff selbst ein und zu. Das konnte ganz handfest sein, wenn er zum Erstaunen von Hausmeister Franz Teuber dabei half, bei einem Empfang für den Chor Raspew aus Wladimir fehlende Tische und Stühle hereinzutragen. Das konnte ganz praktisch sein, wenn er Gründungsmitglied des Fördervereins für das Rote Kreuz Wladimir wurde und so auch schon früh die jetzige Oberbürgermeisterin, Olga Dejewa, kennenlernte.

Wolfram Howein, Olga Dejewa und Rudolf Schwarzenbach

Wolfram Howein, Olga Dejewa und Rudolf Schwarzenbach

Früh wußte er, wie wichtig die Vermittlung durch Dolmetscher in der Verbindung mit Wladimir sein würde, deshalb galt schon in der Anfangsphase der Kontakte sein besonderes Interesse der Zusammenarbeit des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde bei der FAU mit dem Pädagogischen Institut und der späteren Universität von Wladimir. Selbst brachte es der einst leidenschaftliche Raucher übrigens nicht sehr weit im Studium der russischen Sprache. Ihm genügte пепельница – pepelniza für Aschenbecher… In jender Zeit entstanden Freundschaften zu den Dozenten Leonid Chorjew, Genrich Oserow und besonders Wiktor Malygin, mit dem er auch zusammen im Vorstand des Erlangen-Hauses saß.

Natalia Oserowa und Rudolf Schwarzenbach

Natalia Oserowa und Rudolf Schwarzenbach

Bei seiner gestrigen Ansprache erinnerte Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg aber auch an seine Kollegen in Wladimir, Igor Schamow und Alexander Rybakow, mit denen Rudolf Schwarzenbach in freundschaftlicher Vertrautheit zusammenarbeitete, immer bereit, wieder Neues zu wagen. Und alles natürlich im großen Rahmen der Vereinbarung beider Städte, die er selbst mit Dmitrij Makejew, dem damaligen Rektor des Pädagogischen Instituts, in einer Nachtsitzung ausgehandelt hatte, und die bis heute gültig bleibt.

Dietmar Hahlweg, Igor Schamow, Angelika und Siegfried Balleis, Berta Schamowa und Rudolf Schwarzenbach

Dietmar Hahlweg, Igor Schamow, Angelika und Siegfried Balleis, Berta Schamowa und Rudolf Schwarzenbach

Weitere Weggefährten in Wladimir, um nur drei zu nennen, sind der einstige Kommunist, Jurij Fjodorow, mit dem der Vollblut-Sozialdemokrat hitzig-witzig über die Sozialistische Internationale streiten konnte; oder der Reformpolitiker, Sergej Siwajew, dessen Unterstützung beim Bau des Erlangen-Hauses er überaus schätzte; der Gründer und Leiter des Zentrums für Chormusik, Eduard Markin, dessen Musik dem Verstorbenen so zu Herzen ging, daß er die Sponsorenmittel für die Tourneen des Knabenchors persönlich einwarb und sogar eine Ausfallbürgschaft anbot, die freilich nie in Anspruch genommen werden brauchte.

Dietmar Hahlweg, Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Rudolf Schwarzenbach

Dietmar Hahlweg, Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Rudolf Schwarzenbach

Der 18 Jahre ältere Percy Gurwitz, in Riga geborener Sozialdemokrat der ersten Stunde, hatte für Rudolf Schwarzenbach eine besondere Bedeutung. Mit ihm teilte er viel mehr als die Parteizugehörigkeit, in ihm hatte er einen Mitstreiter für Weltoffenheit gefunden, der nie in der Kategorie von Nationalitäten dachte. Nicht von ungefähr war es Rudolf Schwarzenbach, der anregte, dem deutsch-baltisch-russischen Juden noch auf dem Sterbebett im Frühjahr 2011 die August-Bebel-Uhr zu verleihen, die höchste Auszeichnung der Erlanger SPD, die er selbst auch schon erhalten hatte.

Dietmar Hahlweg, Percy Gurwitz, Robert Thaler und Rudolf Schwarzenbach

Dietmar Hahlweg, Percy Gurwitz, Robert Thaler und Rudolf Schwarzenbach

Spuren im Gedächtnis hinterlassen auch die humoristischen Aussprüche des Rudolf Schwarzenbach. In der Hochphase der Vorbereitung zum Fränkischen Fest 1993 kündigte er Karl Heinz Lindner, damals Vorsitzender des Stadtverbands Kultur, und dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, mit seinem manchmal so knurrig-knorrigen Witz an, er werde sie beide eigenhändig in die Kljasma werfen, wenn die Veranstaltung nicht gelinge. Ob der Fluß nun damals Niedrigwasser führte, oder ob das Fest dann doch zu einem Erfolg wurde, sei dahingestellt. Jedenfalls erinnerten sich die drei noch oft an diese Androhung bei der Überquerung der Kljasma trockenen Fußes.

Dmitrij Neronow, Walentin Babyschin, Rudolf Schwarzenbach, Peter Steger und Jewgenij Jaskin

Dmitrij Neronow, Walentin Babyschin, Rudolf Schwarzenbach, Peter Steger und Jewgenij Jaskin

Eines der vielen Programme in der Partnerschaft, die auf den Brückenbauer zurückgehen, ist der Ärzteaustausch. Niemand im Erlanger Rathaus hat sich so wie Rudolf Schwarzenbach für die Fachbegegnungen der Mediziner beider Städte eingesetzt, niemand hat mehr getan für die Aktion „Hilfe für Wladimir“ – und niemand hat sich so stark gemacht für die Unterstützung des Kinderkrankenhauses.

Rudolf Schwarzenbach und Tatjana Zwetkowa

Rudolf Schwarzenbach und Tatjana Zwetkowa, 1991

Die Spuren am Grab mögen bald zugeschneit und weggetaut sein, aber die Spuren, die Rudolf Schwarzenbach im Leben von Menschen hinterlassen hat, bleiben unauslöschlich. Nicht von ungefähr haben denn seine Witwe Inge und sein Sohn Jörn darum gebeten, keine Blumen und Gebinde zu kaufen, sondern für das Kinderkrankenhaus in Wladimir zu spenden. Mit diesem Aufruf endet auch dieser – nur vorläufige – Nachruf auf einen Menschenfreund von hohen Gnaden. Überweisungen bitte auf das Konto der Stadt Erlangen: DE 797635 0000 0000 000031 mit dem Vermerk 0117537-Schwarzenbach/Wladimir. Spendenbescheinigungen werden ausgestellt. – Und auf vielfachen Wunsch hier der Link zu dem Stück aus der „Göttlichen Liturgie“ von Dmitrij Bortnjaskij, „Erhöre, Herr, dies mein Gebet“ – https://is.gd/ofgiQM -, das gestern bei der Trauerfeier erklang.

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Was wir an Gutem erhalten wollen, müssen wir immer wieder ändern, anpassen, verbessern. So banal diese Erkenntnis sein mag, so schwer fällt ihre Umsetzung im privaten Bereich wie im Berufsleben oder in der Politik. Auch ein Lernprozeß im Austausch zwischen Erlangen und Wladimir. So war zum Beispiel der Blaue Himmel von Beginn an der Psychiatrie direkt unterstellt, auch wenn sich die Einrichtung für verhaltensauffällige und psychisch behinderte Kinder etwa 40 km außerhalb der Partnerschaft befindet. Nun wurde von der regionalen Gesundheitsbehörde beschlossen, das Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik an das in unmittelbarer Nähe befindliche Sanatorium für Veteranen anzugliedern. Zunächst befremdlich für die Gäste, dann aber durchaus einleuchtend, weil durch die Nachbarschaft zu dem Altenheim etwa die Verpflegung der jungen Patienten durch die eigene Küche wesentlich vereinfacht wird. Wolfram Howein, der noch bis Samstag in Wladimir bleibt, will sich deshalb die Zeit nehmen, mit der neuen Leitung zu sprechen.

Wolfram Howein und Alexander Bersenjew

Wolfram Howein und Alexander Bersenjew

Doch der seit 1997 bestehende Kontakt zu Alexander Bersenjew soll darunter nicht leiden. Im Gegenteil. Der Chefpsychiater der Region Wladimir, auf dessen Initiative hin der Blaue Himmel entstand, wünscht sich eine Wiederbelebung der Fachkontakte zu den Kollegen von der FAU, wichtig für ihn, da er doch selbst an der Staatlichen Universität lehrt.

Wolfram Howein, Wjatscheslaw Kartuchin, Olga Dejewa, Irina Sokolowa, Wladislaw und Peter Steger

Wolfram Howein, Wjatscheslaw Kartuchin, Olga Dejewa, Irina Sokolowa, Wladislaw Poldjajew und Peter Steger

Neue Wege geht auch das Rote Kreuz in Wladimir – zusammen mit den Partnern aus Erlangen. Nachdem die Finanzierung der beiden Projekte „Erste Hilfe“ und „Häusliche Pflege“ demnächst ausläuft – allein im Rahmen des letztgenannten Programms erhielten fast 40 Patienten Unterstützung in ihrem letzten Lebensabschnitt -, will man nun mehr auf eigene ehrenamtliche Kräfte setzen. Irina Sokolowa, Vorsitzende des Roten Kreuzes auf Ebene der Region und schon in den 90er Jahren aktiv in der Kooperation mit dem BRK Erlangen-Höchstadt, stellt sich vor, daß junge Leute aus der Fachschule für medizinische Berufe zum einen etwa in Ferienlagern Kindern und Jugendlichen altersgerecht die Grundlagen einer gesunden Lebensführung näherbringen, während eine andere Gruppe mit Angehörigen die häusliche Pflege von Palliativpatienten einüben soll, unterstützt von der Stadtverwaltung, die mietfrei Räume zur Verfügung stellt. Man glaubt so, mit noch weniger Finanzen mehr Menschen in diese erfolgreich mit dem Erlanger Förderverein Rotes Kreuz Wladimir entwickelten Programme einbinden zu können. Ein Ansatz, der überzeugt, weil er rasch zu einer eigenständigen Finanzierung und Weiterentwicklung der Arbeit führen kann. Ganz im Sinne des Mottos: Hilfe zur Selbsthilfe. Sehr zur Freude von Olga Dejewa, die in ihrer Zeit vor der Wahl zur Oberbürgermeisterin die Rot-Kreuz-Zusammenarbeit wiederbelebt hatte und jetzt zusammen mit Wjatscheslaw Kartuchin, dem Leiter der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft, ein neues Forum ins Leben ruft, das den Austausch noch weiter intensivieren soll. Doch davon an anderer Stelle bald mehr.

Witalij Gurinowitsch, Maria Rodina, Irina Chasowa und Igor Konyschew

Witalij Gurinowitsch, Maria Rodina, Irina Chasowa und Igor Konyschew

Auch hinsichtlich der russischen Variante des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ tun sich unerwartete Perspektiven auf. In einem Gespräch mit Igor Konyschew, dem erst seit einem halben Jahr amtierenden neuen Direktor des Regionalmuseums, und seiner Stellvertreterin für wissenschaftliche Arbeit, Maria Rodina, gelingt es dem Historiker Witalij Gurinowitsch und Irina Chasowa, der Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses, rasch das Wesen der Publikation und ihre Bedeutung für die lokale Geschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit darzustellen. Die Fachleute sind sich einig: Der im Dezember 2015 in Erlangen erschienene Band soll nach Möglichkeit mit photographischem Material aus dem Archiv ergänzt und im Rahmen einer Ausstellung zum Thema Kriegsgefangenschaft in den Räumen des Museums präsentiert werden, – voraussichtlich dann freilich erst im Frühjahr. Bis dahin hat Igor Konyschew dann möglicherweise sogar schon seinen Antrittsbesuch in Erlangen gemacht. So wie er anpackt, ist das durchaus zu erwarten.

Igor Schamow, Eduard Sirko, Julia Alexandrowa und Jelena Tschilimowa

Igor Schamow, Eduard Sirko, Julia Alexandrowa und Jelena Tschilimowa

Der Aufschub gibt aber auch dem Übersetzungstrio mehr Zeit, an den Texten zu feilen, und Altoberbürgermeister Igor Schamow kann vielleicht weitere Sponsoren für das Projekt gewinnen, von dem die russische Seite glaubt, es gebe landesweit keine vergleichbare deutsch-russische Veröffentlichung über die Kriegsgefangenschaft.

Dieter Kümpers, P. Anatolij, Maria Fedotowa und Peter Steger

Dieter Kümpers, Anatolij Seida, Maria Fedotowa und Peter Steger

Aus der Fülle der Begegnungen den ganzen Tag über sei nur noch das Treffen von Dieter Kümpers mit dem Geistlichen, Anatolij Seïda, dem spirituellen Leiter des orthodoxen Pilgerzentrums, und seiner geschäftsführenden Tourismusexpertin, Maria Fedotowa, erwähnt. Hier, noch im 19. Jahrhundert als Siechenhaus neben der Erzengel-Michael-Kirche mit Blick über die Altstadt erbaut, hat man nicht nur mehr als ein Jahrzehnt wertvolle Erfahrung mit Gästen – 50 Betten für einfachste Ansprüche stehen zur Verfügung – gesammelt, sondern man ist auch bereit, mit dem Projekt der Rosenkranzgemeinde zusammenzuarbeiten und etwa die erarbeiteten Exkursionen zu heiligen Stätten in der ganzen Region mit den Katholiken zu teilen. „Wenn wir Christen über alle konfessionellen Grenzen hinweg nicht offen aufeinander zugehen und zusammenhalten, wer soll es dann tun?“ fragt der Geistliche, der nebenher auch noch landwirtschaftliche Eigenversorgung betreibt, mit einem Lächeln in die Runde, zeigt den Besuchern frischgeschlüpfte Küken und beschenkt sie zum Abschied mit Wachteleiern. Besser hätte das Dieter Kümpers vom Verein der christlichen Hoteliers auch nicht ausdrücken können, der natürlich auch interkonfessionell denkt und im Geist der Ökumene agiert. Ermutigend also nicht nur für das Pilgerzentrum der Rosenkranzgemeinde, sondern überhaupt eine schöne Wendung für all die vielen Windungen der Wege zwischen Erlangen und Wladimir.

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Wenn heute Martin Scheidig zu Grabe getragen wird, nimmt nicht nur sein Stadtteil Bruck Abschied von einem stets zupackend denkenden und besonnen handelnden Lokalpolitiker, sondern ganz Erlangen hat den Verlust eines Mannes zu verschmerzen, den sein unbeirrbarer Einsatz für die Nöte und Sorgen der kleinen Leute groß gemacht hat. Nicht von ungefähr wurde der bereits am 25. Februar im Alter von 92 Jahren verstorbene, ehemalige sozialdemokratische Stadtrat 2001 gemeinsam mit seinem Kollegen von der CSU, Heinrich Pickel, mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. Aber Martin Scheidigs vielfältige kommunalpolitische Verdienste zu würdigen, ist ehrenwerte Sache anderer Nekrologe.

Martin Scheidig

Martin Scheidig

Hier soll nur an ein in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Mosaik im Gesamtbild dieses leidenschaftlichen Versöhners erinnert werden, an seine Rolle in der Verständigung mit der Partnerstadt Wladimir. Martin Scheidig gehörte nämlich – gewiß nicht zufällig wieder mit Heinrich Pickel – zu jener ersten Delegation von Kriegsveteranen, die 1991 zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR in die Partnerstadt reisten. Eine Unternehmung, die in ihrer Tragweite gar nicht überschätzt werden kann und erst jenen Prozeß in Gang setzte, um dessentwillen Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg die Partnerschaft wesentlich begründet hatte. Es war damals, vor 25 Jahren, bei diesem ersten Zusammentreffen der einstigen Feinde, daß der damalige Vorsitzende des Veteranenvereins Wladimir, Jakow Moskwitin, beim Empfang im Rathaus mit Oberbürgermeister, Igor Schamow, den befreienden Satz sagte: „Wir wollen einander die Schuld nicht mehr anrechnen.“

Veteranendelegation Erlangen

Ludwig Zeus, Heinrich Pickel und Martin Scheidig (sitzend in der Mitte) mit der Delegation und ihren Gastgebern in Wladimir, Juni 1991

Martin Scheidig war dabei in dieser ersten Stunde, und ihn berührte tief, nicht anders als die übrigen neun Mitglieder der Delegation, jene ausgestreckte Hand, die er staunend und mit dankbar stiller Freude ergriff, um sie nie mehr loszulassen. Wann immer er ins Rathaus kam, fragte er: „Und, wie geht’s in Wladimir? Was machen die Kameraden?“ Kein Gegenbesuch von dort, wo der Soldat des Friedens nicht dabeigewesen wäre. Freilich stets zurückhaltend und im Hintergrund wirkend, aber besonders geschätzt von seinen neuen russischen Freunden. Martin Scheidig hinterläßt nichts weniger als ein Vermächtnis des Friedens. Es ist nun an uns, dieses zu bewahren und zu mehren im dankerfüllten Gedächtnis an einen Mann, der Erlangen und der Partnerschaft sehr fehlen wird. R.I.P., lieber Martin!

Mehr zur Person von Martin Scheidig unter: http://is.gd/gdS2nR

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Im Jahr 1990 war ich im Rahmen eines Transports zur Unterstützung der Erlanger Aktion „Hilfe für Wladimir“ als Beauftragter der Stadt Ansbach in Wladimir. Am späten Abend machte ich mich mit unserem Oberbürgermeister, Ralf Felber, auf die Suche nach unsren Kraftfahrern, die wir in einer Gaststätte vermuteten. Überall Fehlanzeige. Dann sah ich ein großes, hellerleuchtetes Fenster und meinte, das sehe nach einem Restaurant aus, vielleicht würden wir da Glück haben. Da hörte ich hinter mir in deutscher Sprache die freundliche Aufklärung, dort sei jetzt gerade Schluß, sie kämen eben von dort. Wo wir schon einmal überraschenderweise mit zwei russischen Damen auf Deutsch sprechen konnten, fragten wir, wo wir noch einkehren könnten und um diese Zeit etwas zu trinken bekämen. Um diese Zeit gehe nichts mehr, lautete die Antwort. Weil die beiden uns die Enttäuschung ansahen, meinten sie, da könne nur noch ein Politiker helfen.

Karl Hanneder, Peter Steger und Igor Schamow

Karl Hanneder, Peter Steger und Igor Schamow

Aber wie sollte das gehen – und um diese Zeit? Der Zufall wollte es, daß da gerade eine männliche Person des Weges kam, von den Damen als Regionalpolitiker erkannt. Mein Oberbürgermeister bat die beiden, den Herrn anzusprechen und ihm mitzuteilen, daß hier ein deutscher Politiker sei, der ihn um einen Gefallen bitte. Gesagt, getan. Nach der persönlichen Vorstellung lud uns der freundliche Herr alle ein, mit ihm zu kommen.

Marina Wolkowa und Karl Hanneder mit Freunden, März 1996

Marina Wolkowa und Karl Hanneder mit Freunden, März 1996

Wir gingen in unser Hotel, wo wir zuvor in der Gastronomie abgewiesen worden waren, erhielten einen Zimmerschlüssel und sollten dort warten. Nun saßen wir da, und nach kurzer Zeit kamen nacheinander zuerst Krimsekt, dann Konfekt und Obst – und schließlich der freundliche Politiker selbst. Weil die beiden Damen dolmetschten, konnte die Unterhaltung beginnen. Wir erklärten, wer wir waren, woher wir kamen, welchen Grund unser Aufenthalt hatte. Alles verlief sehr harmonisch, und unser Gastgeber zeigte sich sehr beeindruckt. Bei seiner Verabschiedung teilte er mit, daß wir seine Gäste seien und er für das sichere Heimkommen der Damen sorgen wolle.

Johanna und Karl Hanneder mit Marina Wolkowa und Freundinnen, September 1997

Johanna und Karl Hanneder mit Marina Wolkowa und Freundinnen, September 1997

Da ich für die Ansbacher Presse (Fränkische Landeszeitung) Bilder machte, fragte eine der beiden Damen, ob sie einen Abzug haben könnte. Ich sagte zu, und sie gab mir ihre Adresse, die ich dank meiner Kenntnis des kyrillischen Alphabets lesen konnte. Ich schickte der damaligen Lehrerin, Marina Wolkowa, das Photo, und sie bedankte sich schriftlich in deutscher Sprache. Dies war der Beginn einer Freundschaft und Hilfe, die mittlerweile 25 Jahre andauern.

Johanna Hanneder und Marina Wolkowa mit Grischa, Mai 2003

Johanna Hanneder und Marina Wolkowa mit Grischa, Mai 2003

Die höfliche Art von Marina Wolkowa hat mich beflügelt, den Kontakt über eine so große Entfernung aufrechtzuerhalten. Da auch meine Brieffreundin von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem Ende der Sowjetunion betroffen war, hielt ich es für selbstverständlich, ihr auch persönlich zu helfen. Besonders nach der Geburt ihres Sohnes mußte sie von der kleinen Rente ihrer Mutter leben (umgerechnet um die 35 DM im Monat).

Helga Herrmann mit Enkelin Alina, Grischa, Marina Wolkowa und Johanna Hanneder, Juni 2005 in der Türkei

Helga Herrmann mit Enkelin Alina, Grischa, Marina Wolkowa und Johanna Hanneder, Juni 2005 in der Türkei

Es war die Zeit, als die Medien bei uns viel über die Not in Rußland und die deutschlandweiten Hilfsaktionen dorthin berichteten. Es gab Zweifel, ob die Spenden auch die Richtigen erreichten. Von Freunden wurde ich nach meiner Meinung und Erfahrung gefragt, und so erzählte ich von meiner privaten Aktion und zeigte dazu ein Bild, auf der die Empfängerin meiner Hilfe zu sehen war. Das Photo und meine Erzählung lösten bei meinen Freunden offenbar den Wunsch aus, auch zu spenden, weil sie durch mich die Gewißheit sahen, daß das Geld bei der richtigen Person ankam. Weihnachten, Ostern, Geburtstag waren Termine, wo gemeinsame Geldbriefe über die Stadt Erlangen (Partnerschaftsbeauftragter für Wladimir) per Kurierdienst sicher zum Erlangen-Haus gingen, wo sie Marina Wolkowa abholte, jedenfalls in der schwierigsten Zeit.

Johanna Hanneder, Marina Wolkowa und Grischa, Juli 2008

Johanna Hanneder, Marina Wolkowa und Grischa, Juli 2008

Meine persönliche Beziehung zu Marina dauert nun schon ein Vierteljahrhundert. Seit meiner Verehelichung im Jahre 2000 hat sich auch meine Frau in die Beziehung eingeklinkt und ein sehr herzliches Verhältnis zu der Russin entwickelt. Briefverkehr und Anrufe mit Gedankenaustausch halten die Verbindung am Leben. Marina war inzwischen fünf Mal zu Besuch bei uns in Ansbach, davon zwei Mal mit ihrem Sohn Grischa. Außerdem haben meine Frau mit Enkelin und einer Freundin Marina und Grischa auch schon einmal zum gemeinsamen Urlaub in der Türkei getroffen, den wir mitfinanziert haben. Grischa geht inzwischen auf eine höhere Schule und lernt auf Wunsch seiner Mutter Deutsch, weil sie bei der Schulaufgabenhilfe auch ihr Deutsch verbessern kann. So bleibt außerdem die Verständigung auch für die nächste Generation gesichert.

Karl Hanneder

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