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Posts Tagged ‘Heilpädagogik in Rußland’


Programmatischer geht es nicht mehr als mit diesem Motto, das sich die Band „Rur-Rock“ der Rurtal-Schule Heinsberg-Oberbruch gegeben hat. Dahinter verbirgt sich eine Begegnung von jungen Menschen mit und ohne Behinderung aus Deutschland und Rußland, ein Projekt das bereits 2001 in Pskow mit einem Musikworkshop begonnen hatte und mit viel Erfolg weitergeführt wurde: Gastspiele folgten 2004 in Moskau, 2007 in Perm, 2008 wieder in Pskow und 2009 in St. Petersburg beim Stadtfest, das ganz dem integrativen Gedanken gewidmet war. Dazwischen, im Mai 2005, Benefizkonzerte und das Deutsch-Russische Musik- und Friedensprojekt mit Rolf Zuckowski, ganz zu schweigen von den UNICEF-Galas in Berlin, Siegburg und Hilden und im Mai vergangenen Jahres der Teilnahme am 2. Integrativen Soundfestival im fränkischen Fürth.

Pskow

Wie kommt da nun Erlangen ins Spiel – oder besser Wladimir? Zur Beantwortung der Frage ist ein kleiner Rückblick notwendig. 1991 lernte Pastor Klaus Eberl von der evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg im Kreis Heinsberg auf einer Versöhnungsreise durch Rußland die sozialen Verhältnisse in Pskow (Pleskau), fast an der estnischen Grenze gelegen, kennen und kam mit dem festen Vorsatz zurück, der Partnerstadt von Neuss im Bereich Heilpädagogik zu helfen. Es gelang, das Bundesland NRW und die Landeskirche für das Projekt zu begeistern, und so konnte man bereits im Juni 1992 mit der stattlichen Starthilfe vom Staat in Höhe von DM 640.000 die Planung und im Oktober des gleichen Jahres den Bau eines Objekts beginnen, das bis dahin in der russischen Bildungslandschaft nicht zu finden war: ein Heilpädagogisches Zentrum für geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Nicht einmal ein Jahr später, am 1. September 1993, die Eröffnung der Einrichtung in der Trägerschaft der evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg im Rheinland. Die pädagogische Begleitung und Verantwortung übernahm die Rurtal-Schule unter Leitung von Bernd Schleberger, der mit Herz und Verstand zu Werke ging. Dem erfahrenen Fachmann war es von Beginn an um mehr als bloßen Erfahrungsaustausch zu tun. Sein Ziel war es, den Wissenstransfer in dem bisher von der russischen Bildungspolitik unbeachteten Bereich dauerhaft zu gestalten und zu systematisieren, damit er auch unabhängig von den engeren Projektpartnern Nutzen bringen kann. Dazu ist ein Lehrplan notwendig. Und just den hat Bernd Schleberger federführend mit einem Team aus Pskow erarbeitet, eine echte Pionierleistung! Das Curriculum, das übrigens auch Religionslehre berücksichtigt, ist seit dem Jahr 2000 vom russischen Staat anerkannt und gültig für derartige Förderschulen. Es entstand ein ganzes Netzwerk für die Fortbildung von Pädagogen, weg von der einstigen defektorientierten Fixierung auf die Korrektur von Behinderungen, hin zu einem integrativen und ganzheitlichen Ansatz. Beispielhaft, wie selbst das russische Bildungsministerium anerkennend konstatiert.

Bernd Schleberger und Wolfgang Thierse

Fast 50 Kinder und Jugendliche, davon die Hälfte mit schwersten und mehrfachen Behinderungen, besuchen heute diese Einrichtung. Damit aber noch immer nicht genug: Im Sommer 2001 entstand auf Druck der Schulabgänger in unmittelbarer Nachbarschaft der Einrichtung eine Werkstatt für Behinderte, womit der Förderbereich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene abgedeckt ist. Und: Seit Januar 2003 gibt es in der 200.000-Einwohner-Stadt ein Förderzentrum für Kinder mit Behinderungen im Vorschulalter, d.h. auch die letzte Lücke ist geschlossen. Was da im Zusammenspiel mit der Pskower Lokalpolitik entstand und noch weiter wächst, hat – man kann es nur mit Anerkennung sagen – Vorbildcharakter für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland, verdientermaßen ausgezeichnet u.a. mit dem „2. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ der Robert-Bosch-Stiftung und des Deutsch-Russischen-Forums, überreicht 2003 von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in Berlin.

Jürgen Ganzmann, Bernd Schleberger, Wolfram Howein

Auf der einstigen Brache im pädagogischen Niemandsland sind Strukturen gewachsen, die Fachleute aus allen russischen Regionen faszinieren. Und natürlich blieb das heilpädagogische Wunder von Pskow auch in Wladimir nicht unbeachtet. Das Ehepaar Jurij und Ljubow Katz, Gründer und Leiter der Selbsthilfeorganisation „Swet – Licht“ für Eltern von schwerstbehinderten Kindern, hält seit Jahren Kontakt zu den Kollegen im russischen Nordwesten und hat Bernd Schleberger im vergangenen Jahr nach Wladimir eingeladen. „Ihre Partnerstadt hat mir wirklich sehr gefallen, viel schöner als die meisten anderen russischen Provinzstädte“, lobt der vielgereiste Schulleiter, und erzählt weiter, er habe mit Familie Katz vereinbart, vom 1. bis 7. Juni mit der Band „Rur-Rock“ nach Wladimir zu reisen. Die Finanzierung stehe bereits u.a. dank einem Zuschuß der örtlichen Sparkasse aus ihrer „Stiftung für Völkerverständigung“, jetzt müsse man nur noch das Programm zusammenstellen. Eigens dazu und um mehr von der Partnerschaft Erlangen – Wladimir zu erfahren, kam Bernd Schleberger gestern angereist und traf sich natürlich mit Jürgen Ganzmann und Wolfram Howein, um mehr über den „Blauen Himmel“ und das Projekt „Lichtblick“ zu erfahren. Rasch wurde klar, wie breit die gemeinsame Basis für eine Zusammenarbeit ist, und es spricht alles dafür, daß sich Wladimir und Pskow eng vernetzen könnten.

Die Musik könnte dafür einen ersten Anstoß geben, denn es kommen Anfang Juni nicht nur 14 Schüler mit sieben Betreuern aus der Rurtal-Schule, sondern auch fünf junge Musiker mit ihren drei Betreuern aus Pskow nach Wladimir. Und eingeladen zum Mitmachen sind natürlich auch Kinder aus der Wladimirer Psychiatrie, wo Tatjana Parilowa den Taktstock schwingt. In der Geschichte ist im wahrsten Sinn des Wortes Musik. Und von der wird noch viel zu hören sein – auch hier im Blog.

Mehr zu dem Projekt der Rurtal-Schule auf der empfehlenswerten Homepage: www.rurtal-schule.de

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