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Posts Tagged ‘Hans-Michael Behnke’


Im April vergangenen Jahres hatte die Auftaktveranstaltung des Gesprächsforums „Prisma“ in Wladimir stattgefunden, und schon im November wollte man die Begegnung in Erlangen fortsetzen. Doch der Termin ließ sich nicht halten und wurde auf diese Tage verschoben. Am späten Montagabend nun traf die Delegation von Oberbürgermeisterin Olga Dejewa ein und absolvierte gestern gleich ein umfangreiches Arbeits- und Besuchsprogramm – als Vorspann zu der heutigen ganztägigen Diskussion mit dem Themenschwerpunkt „Zivilgesellschaft, Bürgerbeteiligung, Teilhabe“.

Wladimir Rybkin, Olga Dejewa, Julia Obertreis, Alina Kartuchina; Wolfram Howein, Guram Tschjotschjew, Alexander Krutow, Gabriele Schöner und Amil Scharifow

Um sich miteinander zu diesen Sachfragen austauschen zu können, sollten die Gäste auch praktische Erfahrung machen, Einblick nehmen können in die Bedeutung von ehrenamtlichem Engagement ganz unterschiedlicher Bereiche.

Guram Tschjotschjew

Etwa wie man in Erlangen 2015/2016 die Aufnahme der Flüchtlinge im Stadtteil Tennenlohe organisierte – von der Grundversorgung bis hin zu Sprachkursen und Integrationsangeboten seitens der Stadtverwaltung aber auch der Zivilgesellschaft, aus der heraus die unterschiedlichsten Projekte entstanden, etwa ein „Kleider-Café“ in der Sebaldussiedlung.

Willkommen im Kleider-Café

Ursprünglich hatten hier Ehrenamtliche nur daran gedacht, die vielen Kleiderspenden der Bevölkerung geordnet an Flüchtlinge weiterzugeben, doch rasch stellte sich heraus: Auch unter den Einheimischen gibt es Bedarf nicht nur nach günstigen Einkaufsmöglichkeiten, sondern auch nach einem Raum, wo gern für eine Zeitlang verweilt, wo man andere Menschen trifft, wo man zu einem Stück Kuchen oder Gebäck zusammen eine Tasse Tee oder Kaffee trinkt.

Gruppenbild mit Ehrenamtlichen

Gleich ob noch im Studium oder schon im Ruhestand, an den beiden Öffnungstagen kommt die Kundschaft gern und in so großer Zahl, daß sich das von Ehrenamtlichen betriebene Projekt des ASB selbst trägt. Ein wirklich gelungenes Beispiel für Bürgersinn.

Guram Tschjotschjew

Ein ganz anderes Thema wurde dann am späteren Vormittag im Gerätewerk der Siemens AG im Stadtwesten angeschlagen: Integration und Inklusion von behinderten Beschäftigten in die unterschiedlichsten Arbeitsprozesse.

Gruppenbild bei Siemens

Erstaunlich für die Gäste dabei besonders die enge Einbeziehung der betroffenen in die Gestaltung des eigenen Arbeitsplatzes, das hohe Maß an Flexibilität bei der Anpassung an sich stets verändernde Voraussetzung und die Erkenntnis, eine Behinderung führe nicht zwangsläufig zu einer Einschränkung der Produktivität, sofern es denn gelingt, Mensch und Technik auf das Handicap abzustimmen. Etwas, das ganz offensichtlich bei der Siemens AG vorbildlich funktioniert.

Guram Tschjotschjew, Alexander Krutow und Hans-Michael Behnke

Viel Zeit am Nachmittag nimmt sich der Besuch dann für eine Führung durch die Justizvollzugsanstalt. Vor allem unter dem Fokus, was das Ehrenamt bei der Resozialisierung leisten kann, wie die Betreuung von Häftlingen beim sogenannten Übergangsmanagement, also der Vorbereitung auf die Haftentlassung bis hin zur Begleitung zurück in die Gesellschaft, aussehen kann.

Treffen mit Ehrenamtlichen

Hier, im Gespräch mit Anstaltsleiter Hans-Michael Behnke, lassen sich auch Unterschiede im Verständnis von Strafvollzug erkennen. Während die russische Seite das Prinzip von Strafe und Vergeltung postuliert, betonen die Erlanger den sozialtherapeutischen Ansatz mit dem Ziel einer möglichst gelungenen Resozialisierung.

Der Geschenk-Ball aus dem Zentralgefängnis Wladimir

Doch in der Praxis geht auch das Wladimirer Zentralgefängnis, aus dessen Werkstatt ein Ball als Geschenk überreicht wird, längst den Weg des humanen Strafvollzugs mit dem Ziel, die Häftlinge für die Rückkehr in die Gesellschaft zu ertüchtigen. Dafür sprechen unter anderem Fußballturniere der Insassen gegen das Wachpersonal, Kunstausstellungen, Fortbildungsmöglichkeiten.

Treffen mit Ehrenamtlichen und Melitta Schön (links im Bild)

Zur letzten Arbeitsrunde findet sich die Delegation dann beim Bayerischen Roten Kreuz ein, wo 1990 alles begonnen hatte mit der Aktion „Hilfe für Wladimir“ und wo seit nun auch schon zwei Jahrzehnten das „Seniorennetz“ seine ehrenamtlichen Angebote rund um Computer, Tables, Smartphone und Internet macht. Übrigens eine Initiative, die es ganz ähnlich auch in Wladimir gibt. Dort veranstaltet man sogar Computer-Wettbewerbe in der vorgerückten Altersklasse. Eine Anregung vielleicht auch für das „Seniorennetz“.

Im Brauereimuseum: Susanne Lender-Cassens, Alina Kartuchina, Olga Dejewa, Birgit Marenbach, Wladimir Rybkin, Horst Hirschfelder, Wolfgang Niclas, Christoph Gewalt und Alexander Krutow

Angeregt jedenfalls endete dann der Abend mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens und Stadrätin Birgit Marenbach in der Steinbach Bräu und deren Museum über die Bierstadt Erlangen. Und heute dann den ganzen Tag lang Gespräche im Rahmen von „Prisma“. Was es mit diesem Forum auf sich hat, ist hier nachzulesen: https://is.gd/Z2F75y

 

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Die Zeiten sind gottlob vorüber, als der Regisseur Sergej Paradschanow seinem Kollegen Andrej Tarkowskij sagte: „Groß wirst du erst, wenn du wenigstens zwei Jahre gesessen hast. Ohne diese Erfahrung kann man kein großer russischer Regisseur werden.“ Dafür gibt es heute andere Kriterien.

Andrej Winogradow, 1. Reihe rechts, mit seiner Delegation zu Gast beim Erlanger Anstaltsleiter Hans-Michael Behnke und seinem Team.

Nach anderen Kriterien gehe es heute auch in den russischen Gefängnissen zu, berichtet Andrej Winogradow, zuständig für die Haftanstalten der Region Wladimir, der im Lauf dieser Woche mit seiner zehnköpfigen Delegation den Strafvollzug in Erlangen, Straubing, Ebrach und Nürnberg kennenlernen will. „Wir müssen weg vom reinen Wegsperren, weg von Gruppenzellen, weg vom Gedanken der Rache und Vergeltung, hin zu einem humanen Strafvollzug. Bei dieser Entwicklung können wir von dem lernen, was wir in Bayern sehen.“ Weg will man in Rußland auch von dem wenig rühmlichen zweiten Platz nach den USA und vor Weißrußland und Kasachstan: Auf 100.000 Einwohner kommen in Nordamerika 710 Häftlinge, in Rußland 605 Insassen. In Deutschland liegt diese Zahl bei 91. Dabei hat die Region Wladimir noch ein besonderes Päckchen zu tragen: Dort stehen traditionell viele Gefängnisse, die Verurteilte aus dem ganzen Land aufnehmen. In insgesamt 15 Anstalten – einschließlich zweier Gefängniskrankenhäuser – sind 12.000 Inhaftierte untergebracht. Das ist in etwa die Zahl der Strafgefangenen in Bayern, verteilt auf 36 Standorte. Doch Bayern hat zwölfeinhalb Millionen Einwohner, das Gouvernement Wladimir gerade einmal eineinhalb Millionen. Viel zu tun also auch für die Reformer im Bereich Strafrecht, Gerichtswesen, Prävention und Rehabilitation, damit weniger Menschen überhaupt erst oder wieder hinter Gittern landen.

Zu Reformen in diesem Bereich schrieb Oscar Wilde, für den das Gefängnis den physischen wie den moralischen Untergang bedeutete, an den Herausgeber des Daily Chronicle einen Brief, der erst 1908, acht Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurde. In dem Schreiben heißt es: „Aber um selbst diese Reformen zur Wirkung zu bringen, bleibt noch viel zu tun. Und die erste und vielleicht schwierigste Aufgabe ist, die Gefängnisdirektoren menschlicher, die Gefangenwärter erträglicher, die Gefängnisgeistlichen christlicher zu machen.“

Anmerkung: Wer den gestrigen Beitrag vor 18.00 Uhr gelesen hat, wende sich diesem nochmals zu und beachte besonders das Post Scriptum mit gutem Ausgang.

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