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Posts Tagged ‘Hans Gruß’


Wie notwendig der Austausch gerade auch der jungen Generation zwischen Erlangen und Wladimir ist, zeigen oft Kleinigkeiten. So war Maxim Lortschenko vom Dokumentationsteam, das den Veteranen Nikolaj Schtschelkonogow auf seiner Reise begleitet, der Meinung Fritz sei nichts mehr als die im Zweiten Weltkrieg übliche abwertende Bezeichnung für die Deutschen. Und nun stellt sich heraus: Es handelt sich um einen männlichen Vornamen, wenn auch heute nicht mehr so gebräuchlich wie noch vor ein oder zwei Generationen, hinter denen konkrete Menschen stecken wie Fritz Rösch und eben Fritz Wittmann, dessen Grab die Gäste aus der Partnerstadt am Freitag besuchten.

Für Nikolaj Schtschelkonogow hatte dieser Vorname seit 1991, als Fritz Wittmann zum ersten Mal nach Wladimir kam, ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte, die ihn bis heute mit Deutschland tief verbindet. Und da, wo es so persönlich wird, haben Feindbilder keinen Platz mehr, da tauscht man nur noch Familienphotos und gemeinsame Erfahrungen aus.

Hans Gruß, Harald Sander, Bridget Gruß, Johanna Sander, Paul Sander, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Elisabeth Wittmann am Grab von Fritz Wittmann

Dabei hätte alles ganz anders ausgehen können: Der „Fritz“ und der „Iwan“ – so ja die deutsche Kollektivbezeichnung für die sowjetischen Feinde – lagen einander in den letzten Kriegstagen bei Küstrin in den Schützengräben gegenüber und fielen einander später in die Arme. Ihnen gelang es, in sich den Krieg zu besiegen, sie wurden beide zu Botschaftern des Friedens, zu den großen Männern der Aussöhnung und Verständigung zwischen den Partnerstädten und weit darüber hinaus.

Lange verharrte Nikolaj Schtschelkonogow in Stille vor dem Grab des Kameraden, das zu besuchen sein Herzenswunsch war. Doch dann brachen sie aus ihm heraus, all die Erinnerungen an die Begegnungen und Gespräche, voll freundschaftlicher Hochachtung für den Verstorbenen und sein Vermächtnis, all die guten Wünsche für dessen Familie und Freunde. All das, was zum Abschied gesagt sein wollte.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann wieder diese Zugewandtheit zu den Menschen, zum Leben. Man kann es nicht anders nennen als die helle Freude, die einen im Gespräch mit diesem Mann überkommt.

Nikolaj Schtschelkongow, Tatjana Jazkowa und Hans Gruß

Voller Wißbegier: Was dachte und machte der Freund noch vor seinem Tod? Welche Gedichte schrieb er noch? Welche Graphiken zeichnete er, als es mit den Buchstaben nicht mehr so klappen wollte?

Nikolaj Schtschelkonogow

Auch voller Anerkennung dafür, wie die Familie das Andenken an Fritz Wittmann bewahrt, indem etwa sein Arbeitszimmer fast unberührt blieb und wirkt, als könnte er jeden Moment wieder eintreten.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Auch voller Überraschung, den originalen Friedenskreis wiederzusehen, der als Banner, überreicht am 9. Mai 2015 von Oberbürgermeister Florian Janik, im Versammlungsraum des Veteranenverbands Wladimir hängt.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Und dann beim Abendessen wieder, wie am Vorabend im Club International, diese Fülle an Detailwissen mit immer wieder neuen Facetten des Kriegsgeschehens: Hunde, die, mit Sprengstoff am Körper, unter deutsche Panzer geschickt wurden, die bei der Zündung, wenn nicht völlig zerstört wurden, so doch schweren Schaden nahmen, etwa an den Ketten oder am Turm; Vorteile der deutschen Ausrüstung beispielsweise im Tornister mit seinen Fächern und der Abdeckung aus Pferdeleder und den Aluminiumflaschen, während man im eigenen Sack nur Glasbehälter hatte, die brechen konnten; der robuste sowjetische Karbiner, der leichter und weniger anfällig war als das deutsche Pendant.

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Oder das deutsche Geschirr aus Metall versus das eigene Besteck aus Holz oder die Uhr, die jeder Wehrmachtssoldat trug und dann gern als Beutestück genommen wurde, von Toten wie von Gefangenen; oder die Eiserne Ration, die für die Sowjetsoldaten hauptsächlich aus Graupen und Trockenfisch bestand, während die Deutschen sogar Schokolade mitführten, etwas, das Nikolaj Schtschelkonogow erst beim Auffinden eines Wehrmachtstrosses entdeckte.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann die „pornographischen Bilder“, die sich bei den Deutschen fanden. Oder die Vorliebe der Wehrmacht, mit Leuchtschußpistolen die Nacht zum Tag zu machen.

Andrej Maximow, Jekaterina Zwetkowa und Amil Scharifow mit Elisabeth Preuß im Interview

Man fragt sich schon jetzt, wie das Team von Jekaterina Zwetkowa all den Stoff in eine einzige Dokumentation packen will, zumal ja erst die Hälfte der Reise abgeschlossen ist.

Johanna Sander, Adventskonzert Herz Jesu

Und zumal nicht einmal der emsigste Berichterstatter des Blogs alles wiederzugeben vermag. Aber wie soll man auch die Gefühle des Gastes beschreiben, wenn er nach dem Konzert in Wladimir im September nun noch einmal Johanna Sander, die Tochter von Fritz Wittmann, bei einem Auftritt erlebt…

Rosie Zahn und Jekaterina Zwetkowa

Oder wenn es dann zu einer Begegnung von Rosemarie Zahn und Jekaterina Zwetkowa kommt, die eine langjährige Freundschaft mit Kira Limonowa, der Architektin des Erlangen-Hauses und Witwe von Pjotr Dik, verbindet. All diese Querverbindungen verdienten es, gesondert zu erzählen.

Johanna Sander und Nikolaj Schtschelkonogow

Aber wir wollen es dabei belassen und mit dem Bild der Sängerin und des Veteranen enden, einem Bild der Harmonie und des Einvernehmens von zwei Menschen, von dem man sich gern hineinnehmen lassen will, bevor es heute für Nikolaj Schtschelkonogow und seinen Troß weitergeht nach Jena, Leipzig und Berlin.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jekaterina Zwetkowa, Tatjana Jazkowa und Andrej Maximow im Nürnberger Bratwursthäusla

P.S.: Gerade rechtzeitig vor der Veröffentlichung dieses Beitrags schickt Othmar Wiesenegger noch eine kleine Rückschau, auf das, was gestern abend noch so alles abging – mit Bildern und vor allem einem Video, das man gesehen haben sollte, um Nikolaj Schtschelkonogow zu kennen:

Ohne Worte…

Lieber Peter, gestern hast Du noch etwas versäumt!

Wir sind nach dem Konzert direkt zur Waldweihnacht am Schloßplatz gegangen und hatten noch eine schöne Zeit bis 21.00 Uhr.

Nikolaj und Tatjana waren bester Stimmung und tanzten, und Nikolaj wollte noch sein Erlangen-Lied auf der Bühne vortragen!

Ich hatte mit der Band gesprochen – leider nicht zu bestimmt -, und so konnte er es nicht vortragen, es wäre echt toll gewesen!

Außerdem haben die beiden mit dem Finalisten von “Deutschland sucht den Superstar” mit Dieter Bohlen und Freundin, getanzt und posiert: ING_6159. Ich schmeiß mich weg, die ganze Zeit waren sie bester Laune!!! Sag niemanden, daß er 94 Jahre alt ist! Ich will mit 94 auch so sein!!!

https://www.rtl.de/videos/fortunato-lacovara-rockt-sich-zum-goldenen-buzzer-5a154717a2ea5024f25304d8.html

Auf jeden Fall haben “unsere Russen” einen schönen Abend verlebt und werden den 1. Dezember hier in guter Erinnerung behalten.

Link mit Bildern und Video

https://www.dropbox.com/sh/6oh6v5m8g2u991j/AAAkBrtSOgnfiw1gLXhl1ImCa?dl=0

Viele Grüße und Dir eine schöne Zeit noch mit den fünfen aus Wladimir. Dein Othmar

 

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Über zwei Monate ist es her, seit ich mich Anfang September mit meinem 15jährigen Sohn Paul und dessen Schulfreund Noah auf den Weg nach Wladimir machte. Die Stadt war mir schon lange vertraut, auch wenn ich sie bislang noch nie besucht hatte. Ab dem Zeitpunkt, von dem an mein Vater, Fritz Wittmann, sich, aus einem persönlichen Anliegen heraus, für die deutsch-russische Friedens- und Versöhnungsarbeit zu engagieren begann, Russisch lernte und Russen in unser Haus einlud, war Wladimir und waren vor allem die Menschen aus Wladimir ein fester Bestandteil in unserem Leben. Auch im Zimmer des Pflegeheims in Baiersdorf, in dem mein Vater die letzten Jahre seines Lebens wohnte, fanden sich Erinnerungsstücke, die von den Reisen und Begegnungen mit den Freunden in Wladimir erzählten. Im frühen Herbst 2018 äußerte mein Sohn Paul seinem Opa gegenüber den Wunsch, nach Wladimir zu reisen. Mein hochbetagter Vater freute sich darüber sehr! Wenige Wochen danach starb er. Die Idee der Reise nach Wladimir jedoch verlor ihre Energie nicht! Im Gegenteil! Als Peter Steger von unseren Plänen erfuhr, war er sofort bereit, uns bei unseren Reiseplänen zu unterstützen. Sehr spannend waren die Reaktionen von manchen Freunden und Bekannten auf unser Ansinnen. Große Augen, Erstaunen, Bedenken und die Frage, was wir denn in Rußland wollten. Und ob wir dahin müßten. Das sei doch gefährlich usw. Zum Teil von ziemlich jungen Menschen, die locker mal um den halben Erdball reisen, um unbekannte Länder zu bereisen. Es ist schon erstaunlich!

Eva-Maria Helbig, Johanna Sander und Tatjana Grin, Dezember 2018 in Kirchehrenbach

Bei Konzerten zu Beginn der Adventszeit 2018 in Kirchehrenbach und Erlangen durfte ich mit dem bezaubernden Kammerchor Wladimir und Erlanger Sängern und Musikern gemeinsam das Te Deum von Antoine Charpentier als Solistin aufführen. Die Profis aus Rußland sangen sich damals mit ihrem wunderschön ausgewogenen und weichen Chorklang zwei Wochen nach dem Tod meines Vaters in mein Herz. Ich freute mich deshalb riesig, als im Frühsommer die Anfrage aus Wladimir bei mir einging, ob ich bei einem Konzert des Chores in Erlangens Partnerstadt mitwirken und die Altsolopartie bei der Uraufführung eines Requiems für Chor, zwei Frauenstimmen, zwei Klaviere und Schlagzeug aus der Feder des jungen Komponisten, Artjom Semjonow, übernehmen wolle. Die Noten kamen per Mail, und so machte ich mich ans Studieren.

Mein Sohn Paul und ich begannen, mit der Hilfe von Peter Steger die Fahrt zu planen. Paul wünschte sich seinen Freund Noah als Reisegefährten. Noahs Eltern waren von der Idee begeistert. Das Beantragen der Visa war für uns eine unbekannte Sache. Aber mit Hilfe des unschlagbaren Leitfadens der Stadt Erlangen, schafften wir es. Hans Gruß , in Sachen Wladimir ein erfahrener Hase, versorgte uns mit einem Stadtplan, machte Kontakte und gab uns wertwolle Tips.

Tatjana Grin, Johanna Sander, Paul und Noah

Am 2. September hob unser Flugzeug in München mit dem Ziel Moskau ab. Im Gepäck hatten wir einige Geschenke, die Noten für das Requiem und jede Menge Neugier. Außerdem hatte ein uns bis zu diesem Zeitpunkt nahezu unbekanntes Netzwerk für uns einen tollen Reiseplan ausgeklügelt. Wirklich unglaublich!

Am Flughafen in Moskau holte uns Eduard Batalow, ein Mitglied des Chores, mit dem Auto ab. Ab diesem Zeitpunkt waren wir drei in ein Dauererlebnis von Gastfreundschaft und Herzlichkeit eingehüllt, wie wir das noch nie zuvor erlebt hatten. Eduard brachte uns mit Engelsgeduld durch die Rushhour Moskaus und über die dicht befahrenen Straßen in einer zweieinhalbstündigen Fahrt nach Wladimir. Schon dabei strömten viele Eindrücke auf uns ein.

Kaum waren wir im Erlangen-Haus in Wladimir angekommen, meldete sich Tatjana Parilowa, eine Freundin meiner Eltern, bei uns. Keine 30 Minuten später stand sie vor der Tür und holte uns mit Katja, einer russischen Lehrerin, zum gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant ab. Dort trafen wir zwei russische Jugendliche, mit denen mein Sohn und sein Freund Noah über ihre Englischkenntnisse sehr unkompliziert in Kontakt kamen. Von da an waren die Jungs wunderbar in das russische Jugendleben integriert. Die beiden besuchten eine russische Schule, verbrachten ihre Nachmittage mit den neuen Bekanntschaften in der Stadt, lernten die Lebenswelt ihre Altersgenossen kennen. Die beiden ließen sich die Stadt zeigen und erkundeten mit ihren neuen Freunden das schöne Susdal mit seinen vielen Kirchen.

Tatjana Parilowa als Reiseführerin

Für mich begannen am nächsten Tag nach dem wunderbaren russischen Frühstück die Proben für das Konzert am Freitag, den 6. September, mit dem Kammerchor Wladimir. Es ist ja schon an sich etwas sehr Besonderes, bei einer Uraufführung mitwirken zu dürfen. Und das dann noch in Rußland und obendrein mit solchen Musikern! Die Probenarbeit unter der Leitung der mitreißenden, temperamentvollen und sensiblen Tatjana Grin gestaltete sich sehr intensiv und fruchtbar. Der Chor war schon sehr sehr gut vorbereitet und nahm mich mit großer Offenheit und Wertschätzung auf. Dmitrij Fjodorow, ein versierter und einfühlsamer Pianist, spielte den Klavierpart des Werkes und begleitete die Proben. Er fand auch noch Zeit, mit mir geduldig an meinem Solopart zu arbeiten. Noten zu Hause zu studieren und Musik im Zusammenklang zu proben, sind einfach sehr verschiedene Dinge! Wenn ich einmal Pause hatte, weil das Ensemble an einem anderen Werk des Konzertprogrammes probte, wurde ich von einzelnen Chormitgliedern mit großer Herzenswärme umsorgt. Sie kümmerten sich um mein leibliches und seelisches Wohl und führten mich an ihre Lieblingsplätze in Wladimir.

Das Programm, das uns während unserer Reise geboten wurde, war ganz zauberhaft zusammengestellt. Wir besuchten Kirchen und Klöster, erfuhren bei einer ausführlichen Stadtführung etwas über die Geschichte Wladimirs. Paul und Noah wurden von russischen Schülern und zwei Lehrerinnen betreut und besuchten Susdal. Stets war irgend jemand zu finden, der uns mit dem Auto zu unseren Abstechern chauffierte. Die Mutter der Dirigentin, Tatjana Grin, lud uns an einem Mittag zu sich nach Hause ein. Der Tisch bog sich. Wir konnten nur einen Bruchteil der Speisen essen, die uns da kredenzt wurden. Die ganze Familie begrüßte uns, und obwohl wir kein Wort Russisch sprechen, hatte ich nie das Gefühl, unverstanden zu sein. Wir wurden sofort mit in ihr Leben hineingenommen.
Roman, Zahnarzt in Wladimir und ein Freund von Tatjana Parilowa, war unser Gastgeber in der Banja, einer Art Dampfsauna, auf der ehemaligen Datscha seiner Mutter. Nadja und Sergej, die beiden Banjameister, ebenfalls Freunde von Roman, behandelten uns einzeln in dem heimeligen Dampfbad mit warmen und kalten Güssen, wuschen unsere Haut mit Zweigen und Büscheln, ließen uns danach auf einer Schwebeliege zu den Klängen ihrer weichen, wohltönenden Stimmen ruhen. Zwischen und nach den Behandlungen in der Banja gab es Köstlichkeiten aus dem Garten, vom Grill und wärmenden Tee. Für mich war dieser Nachmittag wie eine Reise zu mir selbst. Immer wieder waren wir von Gastfreundschaft überwältigt und berührt.

Dmitrij Fjodorow, Tatjana Grin, Johanna Sander, Tamara Mironowa und Eduard Batalow

Als Sängerin wurde mir eine in Deutschland für Künstler ungewohnte Aufmerksam zuteil. So bat man mich, für die Homepage des Chores in einem kleinen Video über meine Erlebnisse und Eindrücke in Wladimir, über die Musik von Artjom Semjonow und die Probenarbeit zu berichten.

Der Tag des Konzertes kam. Auf dem Programm standen neben dem Requiem noch andere Werke, die alle zum ersten Mal zu hören waren. Unter anderem auch ein Stück aus der Feder des Pianisten des Abends, Dmitrij Fjodorow, für Chor und zwei Klaviere. Kurz vor der Veranstaltung, mit der die Saison 2019/2020 des Kammerchors Wladimir im Saal des Zentrums für klassische Musik mit seiner erstaunlichen Akustik eröffnet wurde, gab ich noch ein Interview für einen lokalen TV-Sender, das einen Beitrag über das Konzert brachte.

Johanna Sander mit Nikolaj Schtschelkonogow und ihrem Sohn Paul

Peter Steger war aus Deutschland angereist und übernahm freundlicherweise das Dolmetschen. Er stellte mir Menschen vor, die meinen Vater gekannt und ihn sehr geschätzt hatten. So durfte ich Nikolaj Schtschelkonogow, einen der ältesten russischen Freunde meines Vaters, als Zuhörer begrüßen. Er hatte ein Album mit vielen Bildern ihrer gemeinsamen Erlebnisse mitgebracht, das er wie einen Schatz bei sich trug. Ihn während des Konzertes neben meinem Sohn sitzen zu sehen, hat mich tief berührt. Für mich schloß sich damit ein Kreis. Ich weiß, daß mein Vater sich unglaublich gefreut hätte, dies mitzuerleben.

Tatjana Prokuschkina und Johanna Sander

Gemeinsam mit dem Chor, den Musikern und vor allem meiner Soprankollegin, Tatjana Prokuschkina, auftreten zu dürfen, war eine große Ehre für mich! Über den Applaus nach dem Konzert, die vielen Blumen und die liebevollen Geschenke habe ich mich sehr gefreut!

In einem russischen Restaurant ließen wir den Konzertabend gemeinsam mit den Chormitgliedern, ihrer so engagierten Dirigentin, Tatjana Grin, und dem bewundernswerten Pianisten, Dmitrij Fjodorow, ausklingen. Zum Abschied stimmten alle in lupenreinem Deutsch den Satz „Tanzen und Springen“ von Hans Leo Hassler an. Mit einem russischen Lied konnte ich leider nicht antworten! Ich glaube, das muß ich ändern!

Der Abschied am Tag nach dem Konzert fiel uns gar nicht leicht: von den Menschen nicht und auch nicht vom Erlangen-Haus! Paul, Noah und ich haben uns dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Bereits das liebevoll zubereitete Frühstück am Beginn eines jeden Tages war ein Grund, mit guter Laune in den Tag zu starten.

Abschied von Wladimir

Weil die Straßen in Wladimir am Morgen unserer Abreise wegen eines Halbmarathons gesperrt waren, liefen wir, begleitet von Tatjana Parilowa und Katja, zu Fuß vom Erlangen-Haus mit unseren Koffern zum nahen Bahnhof. Dort erwarteten uns Tatjana Grin und eine Schülerin, die Paul und Noah mit betreut hatte. Alle standen am Bahnsteig und winkten uns, als sich unser Zug Richtung Moskau in Bewegung setze.

Dort erwartete uns schon Wera, eine junge Frau, die uns vor vielen Jahren in Baiersdorf besucht hatte. Heute lebt sie in Moskau und arbeitet dort als Rechtsanwältin. Wir durften mit ihr einen kleinen Eindruck von dieser unglaublichen Stadt gewinnen. Sie begleitete uns auch zum Zug, der uns zwei Tage später zum Flughafen brachte. Mit vielen Geschenken und noch mehr Eindrücken im Gepäck, kehrten Paul, Noah und ich nach einer unglaublich dichten und erlebnisreichen Woche nach Hause zurück. Es ist für uns nicht vorstellbar, daß dies unser einziger Besuch in Wladimir gewesen sein wird!

Johanna Sander

Hier geht es zum TV-Bericht über den gemeinsamen Auftritt: https://youtu.be/UCONHbJ_w6w und zur Videobotschaft von Johanna Sander: https://is.gd/OR8rMm sowie zum Konzertbericht im Blog: https://is.gd/zFHYbY

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… bei meinem letzten Wladimir-Besuch im August.

Hans Gruß und die kostenlose Straßenbücherei

Ich fange mal mit dem Stadtpark an, denn der lag gleich um die Ecke von meiner Unterkunft an der Straße des Friedens. Als neu habe ich die offenen, freien Bücherboxen gefunden. Alle aus Holz, schön geschnitzt, vier habe ich davon entdeckt. Die eine war zu einem Drittel gefüllt. Wie sich Einlage und Entnahme verhalten, konnte ich in der Kürze der Zeit nicht herausfinden. Etwas Passendes für mich habe ich leider auch nicht gefunden.

Mariä Schutz und Fürbitt

Auch diesmal besuchte ich wieder das Gotteshaus Mariä Schutz und Fürbitt in Bogoljubowo. Und meine Gastgeberin, Tatjana Parilowa, die dort u.a. die Liturgie singt, gab mir ein Photo vom Innenraum und zwar mit Sicht auf den Raum hinter der Ikonenwand. Sie hat es von der Empore aus aufgenommen.

Blick hinter die Ikonostase in Mariä Schutz und Fürbitt

Und ich habe ihre Erlaubnis, es hier im Blog zu veröffentlichen. Normalerweise ist der Blick hinter die Ikonenwand nicht möglich bzw. gewollt.

Auf dem Weg zurück nach Bogoljubowo habe ich nach anfänglichem Zögern mein Wohl und Wehe einer zwölfjährigen Wagenlenkerin anvertraut. Sie legte mit erstaunlicher Ruhe und großem Können die ganze Fahrt in der Kutsche stehend in beträchtlichem Tempo zurück, dabei dem Pferd immer etwas zurufend. Und die Feldmark war holprig und kurvenreich. Meinen Respekt hat sie. Vor hundert Jahren wäre es gleich abgelaufen, dann natürlich ohne ihr Smartphone, das einzige, was auf die heutige Zeit hindeutete.

Dann war ich im Kreis Sudogda auf der Datscha von meinem Freund Iwan. Das Haus selbst wurde vor 150 Jahren gebaut, und die Türen innen sind sehr niedrig gehalten.

Der Grund ist einfach, nicht nur weil die Menschen früher kleiner waren, sondern dadurch muß man gebückt in den Raum eintreten und erweist so der Ikone gegenüber Reverenz.

Und im benachbarten Waldstück hängt eine Warntafel, die aber bei allen ein Schmunzeln hervorruft. Das geht so: wenn man hier seinen Müll entsorgen will, dann gibt es keine Strafe – von der Obrigkeit -, aber die Einwohner drohen im Fall der Fälle an, dem Übeltäter einfach das Gesicht zu vermöbeln.

Kommt ein wenig dem schwarzen Humor nahe.

Und dann fragte mich Iwan, ob ich die 99%-Butter kenne. Ich sagte, ich kenne nur normale Butter, aber wieviel % die habe, wisse ich nicht. Daraufhin mußte diese besondere Butter natürlich besorgt werden. Also gingen wir in die Opolje-Markthalle, fast auf der Höhe des Eingangs zum Stadtpark. Dort gab es ca. zehn Verkaufsläden für Milchprodukte. Aber überall Kopfschütteln, nein, haben wir nicht, am besten nebenan fragen. Man soll es nicht glauben, aber der letzte in der hintersten Ecke hatte diese Spezialbutter. Es soll sich um eine weißrussische Spezialität handeln, und wie sie hergestellt wird kann man sich anschauen unter http://www.babushkababunya.com oder auch unter http://www.videoculinary.ru. Man muß sich evtl. etwas durchklicken. Jedenfalls verfeinert diese Butter den Salat oder auch Gegrilltes ungemein, oder auf Brot mit Salz, auch lecker.

Iwan der Gleisbauer und Hans Gruß

Zufällig machte ich noch eine kurze Bekanntschaft mit Sascha, von einer benachbarten Datscha. Er war Eisenbahntrassen-Ingenieur und sprach erstaunlich gut Deutsch. Wo hatte er das gelernt? Er sagte mir, er habe sich ein paar Jahre in der DDR aufgehalten und dort das Schienen- und Streckensystem der Reichsbahn im Detail studiert. So kannte er auch die meisten mitteldeutschen Städte ziemlich gut. Ein interessanter Mann.

Abschließend muß ich bemerken, daß ich jedes Mal in Wladimir auf ungezählte interessante Dinge treffe, die zum Nachdenken anregen, Erstaunen auslösen und Verständnis erzeugen. Dieses gute und nachhaltige Gefühl zum Mitnehmen wünsche ich auch allen anderen Besuchern.

Hans Gruß

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Was haben die beiden Begriffe miteinander zu tun, Die berühmte russische Weltrekordfliegerin der 30er Jahre, Polina Ossipenko, und das 6o Jahre später entstandene Erlangen-Haus, als Zeichen und Zentrum der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir. Eigentlich nix!

Aber wie ein Bühnensprecher immer eine Überleitung zum nächsten Stück finden muß, egal wie unterschiedlich die Darbietungen sind, so habe ich mich auch bemüht. Aber eigentlich ist es mir in den Schoß gefallen. Während meiner letzten Reise in die Partnerstadt, Anfang August, wohnte ich wieder bei unserer langjährigen Familienfreundin, Tatjana Parilowa. Und sie wohnt an der Ecke der Straßen P. Ossipenko und Mir (Straße des Friedens). Die Bushaltestelle vor ihrer Tür ist auch nach P. Ossipenko benannt.

Da ich jeden Tag Unterrichtsstunden im Erlangen-Haus hatte, konnte ich wählen: mit dem Ringbus 28 in ca. 16 bis 20 Minuten zur Haltestelle „Sportschule“ – 100 Meter vom Ziel entfernt – oder zu Fuß in 18 Minuten ganz einfach immer die Polina-Ossipenko-Straße entlang. Luftlinie würde die Straße im Garten des Erlangen-Hauses landen, wäre da nicht das Lybjed-Stadion im Weg. Meistens habe ich mich für den Fußmarsch entschieden und dabei auch so einiges entdeckt. Ich habe mir gedacht, vielleicht interessiert es den einen oder die andere, wie so ein ganz normaler Fußweg aussieht, und deshalb habe ich ihn an verschiedenen Stellen photographiert.

Wenn ich morgens aus dem Haus in den sehr großen Innenhof trat, sah ich einen Trupp von Rentnern, die mit Besen und Eimern die ganze Anlage sauber hielten.

Eine sinnvolle Tätigkeit, weil es sonst kaum Beschäftigungsangebote für die Pensionisten gibt. Und in der Landeskunde lernte ich, daß sich viele Menschen vor der Pension fürchten, weil sie dann nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit machen sollen. Da lauert natürlich der Alkohol im Hintergrund und wartet auf seine unheilvolle Chance. In vielen Köpfen herrscht außerdem das frühere Dogma vor, nur der arbeitende Mensch sei ein nützlicher Mensch. Ein Umdenken findet, wenn auch langsam, statt. So gibt es in Moskau schon Initiativen für die Pensionäre, um sich kostenlos mit Joga, Tanzen, Computer, Sport, Kunst u.s.w. zu beschäftigen. Im Sommer findet das in öffentlichen Parks statt. Infos bekommt man unter www.mos.ru/city/projects/dolgoletie .Dolgoletie bedeutet „hohes Alter“. Ein richtiger Weg meine ich.

Zur Haltestelle P. Ossipenko: Wie an vielen Haltestellen, gibt es auch hier einen Minimarkt mit frischestem Obst und Gemüse, gerade geerntet und garantiert „bio“, denn für Agrochemie hat niemand Geld, Gott sei Dank. Pilze gab es immer erst ab Mittag, da dann die Sammler aus den Wäldern zurückkamen.

Etwas weiter die Straße herunter befand sich links die Schule Nr. 33 und rechts das Lehrer-College.

Aber es war August und damit Ferienzeit, und alles war verschlossen.

Die ganze Straße entlang sieht man die neuen silbernen Fernwärmeleitungen. Der Verkehr wird dadurch nicht gestört, da sie sich kunstvoll über die Straßenkreuzungen schwingen.

Einfach gelöst ist auch der Regenrinnenabfluß. Das Wasser strömt direkt auf den Gehsteig und von da auf die Straße. Überschwemmungen gibt’s aber trotzdem nicht, da sich die Polina Ossipenko kontinuierlich zum ehemaligen Flußbett der Lybjed senkt.

Dieses Flußbett existiert heute nicht mehr. Es mußte einer modernen Schnellstraße weichen. Die frühere Gouverneurin, Swetlana Orlowa, hat sich damit ein Denkmal gesetzt.

Bevor ich die Schnellstraße überquere, komme ich noch an einem großen Second-Hand-Laden vorbei, der im 1. Stock angesiedelt ist, und rege frequentiert wird. Nach Überquerung der Schnellstraße geht es auf vielen Treppenstufen bergauf.

Und es ist, nicht nur hier, mit den Schienen an die Rollstuhl- und Radfahrer gedacht.

Am oberen Ende der Treppe befindet sich das Eingangstor zum Lybjed-Stadium.

Hier habe ich zu jeder Zeit dort Leichtathleten trainieren gesehen. Es scheint sehr beliebt zu sein.

Nur einen Steinwurf weiter kommt die berühmte Sportschule, die u.a. den vielfachen Olympia-Turn-Goldmedaillengewinner, Nikolaj Andrianow, hervorbrachte.

Wiederum nur einen Steinwurf entfernt, liegt das exklusive Restaurant Blackwood (oder Schwarzwald?)

Hiervor parkten oft teure Limousinen, deren Chauffeure bei den Wagen blieben. Ich habe einen Augenblick abgepaßt, in dem kein solches Gefährt parkten, denn vielleicht hätten sie ja ein Photo nicht so gerne.

Und hier um die Ecke liegt schon die Große-Nischegorodskaja-Straße, an der, 200 Meter weiter, an einem Einkaufstempel vorbei

das Erlangen Haus liegt. Damit habe ich mein Ziel erreicht und fühle mich fast wie zu Hause, dank der guten Atmosphäre im Erlangen-Haus!

Hans Gruß

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Im Blogbeitrag vom letzten Donnerstag https://is.gd/eFamCl berichtete Ute Schirmer u.a. auch von unserem gemeinsamen Besuch im Wladimirer Psychoneurologischen Heim und dem Treffen mit dem Dichter Stanislaw Katkow. Leider ohne Photos. Ute bat mich, meine Aufnahmen vom Besuch der Einrichtung dem Blog zur Verfügung zu stellen, was hiermit geschieht.

Prospekt des Altenheims

Ich selbst war von dem „Internat“, wie man es auf Russisch nennt, mehr als positiv überrascht. Deshalb habe ich noch einige Photos vom Hausprospekt mit aufgenommen. Bisher kannte ich ähnliches nur von der Kinderpsychiatrie, in die mich Tatjana Parilowa vor zehn Jahren mitnahm, weil sie dort Musiktherapie anbot. Und vor vier Jahren hatte ich Gelegenheit, das Kinderkrankenhaus detailliert kennenzulernen.

Aus dem Prospekt

Diesmal also das Psychoneurologische Internat. Das Angebot an die Bewohner könnte nicht vielseitiger sein. Zur Zeit unseres Besuches fand gerade eine kleine Musik- und Tanzdarbietung statt.

In der Aula

Viele andere Talente werden gefördert. Und so verfaßt hier auch Stanislaw Katkow, der nicht mehr schreiben und sich nur mit für uns unverständlichen Lauten äußern kann, seine Gedichte. Seine Frau muß eine besondere Begabung des Verständnisses haben, um seine lyrischen Gedanken zu Papier zu bringen. Das war denke ich, für uns alle, eine Begegnung, die lange nachwirkt.

Stanislaw Katkow, Tatjana Kolesnikowa (Deutschdozentin aus dem Erlangen-Haus), Ute Schirmer und Hans Gruß

Die Ordnung und Sauberkeit innerhalb und außerhalb der Gebäude ist vorbildlich. Nicht umsonst ist ein Platz in diesem Heim sehr begehrt. Es steht nicht nur den Bürgern der Stadt Wladimir offen , sondern allen aus der ganzen Region.

Irina Morosowa, Tatjana Kolesnikowa und Ute Schirmer

Die Direktorin, Irina Morosowa, führt eine sehr moderne und menschliche Institution, und sie wurde bei unserem Rundgang oft erfreut angesprochen und geherzt. Chapeau! Die beiliegenden Photos mögen sprechen.

Hans Gruß

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Was hat es denn damit im Erlangen-Wladimir-Blog auf sich. Das ist einfach und doch nicht einfach. „Dings vom Dach“ wird seit vielen Jahren vom Hessischen Rundfunk / Fernsehen ausgestrahlt und hat viele Freunde, u. a. mich. Alle möglichen und unmöglichen Gerätschaften aus Dachböden, Kellern, Scheunen u.ä. werden mit der Frage vorgestellt: Was ist das, und wofür wird es gebraucht? Finde ich interessant und sehr entspannend. Und so beobachte ich fast immer interessiert meine Umgebung, ob ich da auch etwas „Unverständliches“ entdecke. Natürlich auch bei meiner Wladimir-Reise vor ein paar Wochen. Und tatsächlich, so ca. zehn Minuten nach meiner Ankunft am Moskauer Domodjedowo-Flughafen habe ich es entdeckt. Und dann noch öfter auf der Moskauer Ringautobahn. Es handelt sich dabei um einen Metalleimer in Kaffeetassengröße, der hinten am Auto baumelt, meist am Abschlepphaken aufgehängt. Das Photo, durch die Windschutzscheibe aufgenommen, ist nicht so deutlich, aber gemeint ist der weiße Fleck, rechts hinten am Auto.

Da es kein Einzelfall war, fragte ich unseren Chauffeur. Er wußte es aber nicht, dachte, vielleicht ein Verein für sauberes Wasser und Reinhaltung der Natur. – Pustekuchen! – Auch in Wladimir konnte mir niemand eine Antwort geben, bis ich dann Swetlana vom Erlangen-Haus-Team fragte. Sie hatte im Internet recherchiert und mir das Ergebnis freudestrahlend ausgedruckt. Und was für ein Schatz an Landeskunde da zutage kam.

Die Variationen der verschiedenen Erklärungen ergänzen sich zeitlich und zeigen den Wandel über die Zeit. Kurz gesagt: In alten Zeiten hing immer ein Eimer an Kutschen und Leiterwagen, gefüllt mit Pech und Teer, zum Schmieren der hölzernen Räder. Und jeder Kutscher, der etwas auf sich hielt, achtete peinlichst genau darauf, immer diesen Eimer dabei zu haben. Ohne – wäre Leichtsinn gewesen. Und in der späteren sowjetischen Zeit erlangte der Eimer eine noch größere Wichtigkeit. Jeder Chauffeur / Traktorführer u. w. mußte im Winter bei grimmiger Kälte mit gefrorenem Diesel zurechtkommen. Antifreeze gab es nicht. Und nur ein Feuer im Eimer, unter Motor und Tank gestellt, half weiter. Im Sommer konnte mit dem Eimer Kühlwasser geholt und nachgefüllt werden.

Wasser fand man überall in der Natur. Außerdem war der Eimer sehr nützlich bei der Teezubereitung. Kein professioneller Fahrer würde ohne Eimer fahren. Und da die Fahrerkabinen wenig Platz hatten, wurde der Eimer außen angebracht.

Heutzutage hat sich der Eimer in einen Talisman verwandelt, der störungsfreie Fahrt verspricht. Bei der Verkehrssituation auf Moskaus Straßen kann man diesen Schutz wirklich gebrauchen. Aus diesem Grunde habe ich das Eimerchen auch nur in Moskau gesehen. Das einzige Auto mit Eimer, das ich in Wladimir sah, hatte mit der 199 ebenfalls ein Moskauer Kennzeichen.

Wo wir beim endlosen Thema Auto sind, überall entdeckte ich Autos mit sechs CD-Scheiben im Rückfenster.

Hans Gruß 2

Hans Gruß und die sechs kleinen Scheiben

Mein Photo deutet wieder auf Moskau, allerdings mit dem 190er Nummernschild nicht auf die Stadt, sondern die Region. Hier kannte fast jeder den Sinn der Scheiben… Der Erfassungslaser der Polizei soll gestört werden. Ob das wirklich so ist? Das kann ja nur jemand in Abrede stellen, der die Scheiben hat und trotzdem auf den Radar der Polizei geriet. So jemanden kannte aber niemand, also könnte die Geschichte wahr sein.

Beide Möglichkeiten, Eimerchen und/oder CD-Scheiben, stehen natürlich jedem je nach seinen Vorlieben frei. Ich glaube, der hiesige TÜV wird keine Einwände haben.

Zurück zu „Dings vom Dach“. Ich denke, die Jury hätte einige Probleme, die Aufgabe des Eimerchens zu erraten. Und dann wären, bei Nichterraten, 50 Euro an den Zurverfügungsteller fällig. Nicht schlecht, wenn man das Eimerchen für zwei bis drei Euro in Wladimir erwirbt. Aber leider beschränken sich die vorgestellten Dinge auf heimischen Objekte. Schade eigentlich.

Hans Gruß

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Einmal noch, vom 29. Juli bis zum 4. August, habe ich mich in unsere Partnerstadt Wladimir aufgemacht, vor  allem, um alte Freunde aufzusuchen, die ich aus den 1990er Jahren bei deren Aufenthalt in Erlangen kennengelernt hatte, und um besonders das Psycho-Neurologische Heim zu besuchen. Dort lebt seit langer Zeit Stanislaw Katkow, den ich auch seit über 20 Jahren kenne und bei meinen Aufenthalten in Wladimir immer wieder antreffen konnte.

Alewtina Sinowjewa: Sonnenuntergang

Mein lang gehegter Wunsch, die Fußmalerin, Alewtina Sinowjewa zu treffen, ging dieses Mal endlich in Erfüllung. Immer wieder illustrierte sie Gedichte von Stanislaw Katkow.

Alewtina Sinowjewa: Winternacht

Zu einer Festveranstaltung im Saal des Heimes lud uns – Hans Gruß vom Freundeskreis Wladimir, die Deutschdozentin Tatjana Kolesnikowa aus dem Erlangen-Haus und mich – die Direktorin, Irina Morosowa, ein. Frau Kolesnikowa kenne ich seit langem von ihren Aufenthalten in Erlangen als Gastdozentin. Sie war bereit, uns als Dolmetscherin zu begleiten. Frau Sinowjewa, die außerhalb von Wladimir lebt, begleitete ihr Vater zu dieser Veranstaltung und saß neben Herrn Katkow und dessen Frau. Wir erlebten den musikalischen Auftritt einer Gruppe aus einem anderen Heim.

Anschließend wurden wir alle zusammen mit der Heimleitung in das Zimmer von Herrn Katkow geleitet. Dort konnten wir uns miteinander unterhalten, natürlich mit Tatjanas Hilfe als Dolmetscherin. Für das Treffen im Heim hatten wir uns ein paar Gedichte ausgesucht, um sie Russisch-Deutsch vorzutragen. Man sah es Herrn Katkow an, wie er daran Freude hatte, seine Texte zu hören. Danach rezitierte Frau Katkowa eines ihrer Lieblingsgedichte ihres Gatten. Ich wußte, daß sie seine Lyrik auswendig kennt. Bei einem früheren Besuch sagte sie mir, sie könne den „März“ noch nicht richtig. Jetzt fragte ich sie, ob sie inzwischen den „März“ gelernt habe. Zu meiner großen Überraschung trug sie dann dieses Gedicht in deutscher Übersetzung vor, auswendig! Frau Katkowa kenne ich auch schon lange Zeit. Sie hatte viele Jahre ihrem späteren Mann beim Aufschreiben seiner Gedichte geholfen.

Von Frau Sinowjewa erhielt ich einige ihrer Bilder in Kopie sowie einen Reiseführer in russischer Sprache,  an dessen Herausgabe sie beteiligt war: „Unbekanntes Katalonien“.

Es ist gut, im Erlangen-Haus so hervorragend untergebracht zu sein und von der Köchin Galina schon am Morgen mit einem sagenhaften Frühstück versorgt zu werden, das einen für den ganzen Tag fit hält.

Die wenigen Tage meines Aufenthalts waren voll verplant:

Hans Gruß und Ute Schirmer beim Unterricht

Vormittags drei Stunden Russisch im Erlangen-Haus. Hans Gruß und ich wünschten die Möglichkeit, im Land zu nutzen, um sprachlich ein wenig besser dazustehen. Tatjana Kolesnikova nahm sich darum unser intensiv an und schloß manche Lücke bei uns.

Einladungen am Nachmittag oder am Abend begannen meist mit einem Festessen, oft mit Tafelmusik. Die Familien meiner alten Freunde sind größer geworden. Inzwischen musizieren oder tanzen die Enkelkinder.

Bei Familie Alexej Krasnow

Galina Saikina und Familie Krasnow

Familie Dmitrij Tichonow, links im Bild Alexander Tichonow

Auch bei einer Familie, die ich erst im vergangenen Jahr in Erlangen kennengelernt hatte, war ich mit Hans Gruß und Tatjana Parilowa  eingeladen. Nach dem Festmal konnten wir einen Einblick in die Werkstätten der Möbelfirma des Gastgebers erhalten, in der Nähe des Dorfes Suromna im Landkreis Susdal angesiedelt.

Für Samstag, dem Tag vor meiner Heimreise, war der Besuch bei Tatjana Oserowa vorgesehen. Auch sie verwöhnte mich mit einem festlichen Essen. Danach durfte ich sie zum Friedhof begleiten, der etwa 15 km von der Wohnung entfernt liegt und nur mit dem Taxi bequem zu erreichen ist. Das Grab von Genrich Oserow und nun auch des Sohnes Alexander, der im April plötzlich verstorben ist, liegt in einem ruhigen, von Bäumen umgebenen Areal mitten in der Natur.

Es war gut, diesen Besuch auf den letzten Tag meines Aufenthaltes in Wladimir gelegt zu haben. Bei meinem Abschiedsspaziergang am Abend vom Zentrum zum Erlangen-Haus blieb so Zeit dazu, manches noch einmal zu überdenken.

Brunnen am Theaterplatz

Erlangen-Haus

Rosenkranzkirche

Die Fahrt zum Flughafen Domodjedowo in Moskau verlief ohne Stau. Mein Chauffeur hatte mich im Erlangen-Haus etwas früher abgeholt. Dadurch war Zeit, unterwegs in Lakinsk die betagten Eltern von Wladimir Filimonow zu besuchen. Ich kannte sie von früher, wenn sie in Wladimir zu Besuch waren.

Ute Schirmer mit den Eltern von Wladimir Filimonow

Weil das Ehepaar jetzt nicht mehr reisen kann, freuten sie sich die beiden über ein Wiedersehen mit mir zu Hause ganz besonders.

Ute Schirmer

Vor dem Heimflug

Mehr zu Ute Schirmer und ihrer einzigartigen Verbindung zu Wladimir unter: https://is.gd/4LJWU8

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