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Posts Tagged ‘Günter Kuhne’


Gestern nacht gegen drei Uhr schlief Günter Kuhne ebenso unerwartet wie friedlich und ohne Schmerzen in Gera für immer ein. Dabei hatte doch der so lebensfrohe und kregle Weltkriegsveteran Anfang Dezember noch seinen russischen Kameraden, Nikolaj Schtschelkonogow, zum „sozialistischen Wettbewerb“ herausgefordert, um gemeinsam mit dem einstigen Feind die 100 Jahre vollzumachen und sich noch mindestens einmal wiederzusehen. Nun wird es bei diesem letzten Treffen vor gut drei Monaten bleiben.

Günther Kuhne und Nikolaj Schtschelkonogow, Dezember 2019

Der Thüringer, Günter Kuhne, wie sein Freund aus Wladimir Jahrgang 1926, gehörte zu der Generation, die als Kanonenfutter an die bereits verlorene Front geschickt wurden, zunächst in die trügerische Adrennenoffensive, dann, nach einer Zwischenstation in Remagen und bei Hannover, verwundet ins Hilfslazarett Rostock, das er im März 1945 verließ, um im Sportlazarett von Neustrelitz, Brandenburg, eine Reha zu machen. Der Angehörige der Hitler-Jugend Waffen-SS ging noch an zwei Krücken, als er vom Stabsarzt gemustert und mit den von abgrundtiefem Zynismus zeugenden Worten „Sie brauchen nicht laufen können, Hauptsache Sie können im Loch stehen und schießen!“ für tauglich erklärt wurde. Mit einem zusammengewürfelten Haufen wurde der Kriegsversehrte von Nauen bei Berlin aus ohne Stammeinheit Richtung Oder verfrachtet, um die längst verlorenen Rückzugskämpfe bei Halbe zu unterstützen. In dieser schlimmsten Kesselschlacht nach Stalingrad standen 2.100.000 Rotarmisten gerade einmal 200.000 Wehrmachtssoldaten gegenüber. Marschall Georgij Schukow hatte die Kapitulation angeboten, aber General Theodor Busse lehnte ab und setzte auf die 4. Panzerarmee. „Doch wir hatten keine Chance!“ erinnerte sich Günter Kuhne. „Im Kessel bin ich zum Glück in Gefangenschaft geraten!“ Immerhin noch besser, als zu den 30.000 toten deutschen Soldaten zu gehören, die auf dem Schlachtfeld blieben, ohne den Vormarsch der Roten Armee aufhalten zu können.

Günter Kuhne, August 2016 in Erlangen; ganz links im Bild sein Kamerad, Philipp Dörr, ebenfalls Kriegsgefangener in Wladimir

Bis Juli 1948 arbeitete Günter Kuhne in der Schlosserei des Traktorenwerks in Wladimir, bevor er an den Wolga-Don-Kanal weitergeschickt wurde, von wo er Anfang 1950 in die Heimat zurückkehrte. Ohne Groll gegen die Sowjets („Russen“ zu sagen, war in der DDR jener Tage nicht opportun), von Beginn an zur Aussöhnung bereit, auch wenn die niedrigen Mannschaftsgrade, zu denen er ja gehörte, nie in den aus seiner Sicht ohnehin zweifelhaften Genuß kamen, in die den Parteibonzen vorbehaltenen Zirkel der offiziellen deutsch-sowjetischen Freundschaft aufgenommen zu werden.

Günter Kuhne, März 2016 in Jena

Nach der Friedlichen Revolution, deren Früchte Günter Kuhne gern gegen Kritik verteidigte, betätigte er sich im Veteranenverband und nahm dann auch früh Kontakt zum Kreis der Wladimirer Kriegsgefangenen um Friedhelm Kröger auf, wo er sich mit seinem verschmitzten Humor nur Freunde machte. Klagen war nicht seine Sache. Nur ein Umstand verdroß ihn sehr: Das völlige Desinteresse von Schulen seiner Heimatstadt an einer Begegnung mit ihm als Zeitzeugen. Und nun ist es zu spät dafür… Umso freudiger ergriff der Versöhner unserer Völker jede Gelegenheit – etwa bei der Vorstellung des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ in Jena oder bei den Interviews mit Schülern an der Franconian International School in Erlangen -, seine Lebenserfahrung und seine Mission mitzuteilen: „Haltet Freundschaft mit den Russen, bewahrt den Frieden, es gibt nichts, was kostbarer wäre!“

Günter Kuhne hat nun seinen ewigen Frieden gefunden. Seine Mahnung sollten wir zeit unseres Lebens beherzigen. Und das mit dem „sozialistischen Wettbewerb“? Der Geraer war ein guter Verlierer, und er hätte wohl mit einem schelmischen Lächeln gesagt: „Nicht traurig sein, man kann nicht immer gewinnen. Ich bin dankbar für mein glückliches Leben. Es hätte ja schon vor 75 Jahren zu Ende sein können, damals in jenem Loch, in das man mich schickte…“

Mehr zum Verstorbenen, der nun seiner Frau folgt und einen Sohn hinterläßt, im Blog u.a. hier https://is.gd/sg1uul und da https://is.gd/XAsPKG

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„Woher können Sie nur so gut Russisch?“ lautete die erste Frage des Teams vom Staatlichen Fernsehsender Minsk, das am Samstag nach Erlangen gekommen war, um mit Wolfgang Morell ein Interview zu dessen Kriegsgefangenschaft in Lagern der UdSSR zu führen. Für den heute 97jährigen schien es von Beginn seiner Festsetzung im Januar 1942 an klar, daß er lange in Feindesland würde bleiben müssen, und um zu überleben, sollte man die Sprache lernen. Systematisch begann er damit in Kasan, nach seiner Entlassung aus dem Spital von Wladimir, wo man dem „Fritz“ das Leben gerettet hatte, im Hospital für Kriegsgefangene – man stelle sich derartige Einrichtungen in Nazi-Deutschland vor! -, wo ein jüdischer Starosta als Dolmetscher fungierte. Von diesem Stubenältesten lernte der gebürtige Breslauer immerhin das Alphabet und die Grundlagen des Russischen, das er bis zu seiner Entlassung in die Heimat 1949 nahezu perfekt beherrschte und bis heute dank der Partnerschaft mit Wladimir so frisch und lebendig erhält, daß das Gespräch, von dem hier gar nicht mehr verraten werden soll, mit den weißrussischen Gästen fast ganz ohne die Hilfe der mitgereisten Dolmetscherin geführt werden konnte.

Wolfgang Morell im Interview

Gestern dann befragte das Team auch noch Günter Kuhne in Gera, der als „Bestarbeiter“ im Wladimirer Traktorenwerk eingesetzt war. Gesendet werden soll die Reportage im Mai 2020 zum 75. Jahrestag des Kriegsendes. Aber die Journalisten versprachen, den Link zu den Interviews schon vorab zu schicken, um das zeitgeschichtliche Dokument im Blog zugänglich zu machen.

P.S.: Heute wird in Lüsche, im Oldenburger Land, Franz Sieve zu Grabe getragen. Auch er ein Kriegsgefangener in Wladimirer Lagern. Auch er hatte der Blog-Redaktion ausführlich Bericht über seine Zeit hinter Stacheldraht erstattet. Er ruhe in Frieden.

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Keiner der ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die jene Zeit der Gefangenschaft in Lagern in und um Wladimir ebenso verbindet wie der Wunsch nach Verständigung und Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen, hat je eine öffentliche Petition oder Eingabe unterzeichnet – bis gestern, nach einem Besuch des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg, als die neunköpfige Gruppe sowie die beiden Gäste, Otmar Koch aus der Wachau (sein Vater verstarb im Wladimirer Traktorenwerk) und Richard Dähler aus Zürich, der zum Komplex der japanischen und deutschen Kriegsgefangenschaft in sowjetischen Lagern promoviert hat, die Erlanger Erklärung für den Frieden unterzeichnete. Im Beisein von Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, die den Nachmittag mit den Gästen im Wohnstift Rathsberg verbrachte und die Hoffnung zum Ausdruck brachte, die jüngeren Generationen mögen sich an der Friedensarbeit der Veteranen ein Beispiel nehmen.

Der Friedenskreis von Fritz Wittmann

Der Friedenskreis von Fritz Wittmann

Erlanger Erklärung für den Frieden

August 2016

Vor 75 Jahren überfiel die Wehrmacht die UdSSR und eskalierte damit nicht nur den Zweiten Weltkrieg in bis dahin unvorstellbarer Grausamkeit, sondern brachte besonders über die Völker der Sowjetunion unendlich viel Leid. Als ehemalige Soldaten der Jahrgänge 1922 bis 1928 wissen wir aus eigenem Erleben, welche Wunden damals geschlagen wurden, wie viele Opfer auf allen Seiten das Morden kostete.

Der Veteranenkreis auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg

Der Veteranenkreis auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg

Allerdings durften wir auch in den Jahren der Gefangenschaft in Lagern in und um Wladimir viel Menschlichkeit erleben und sind bis heute all jenen im einstigen Feindesland dankbar für die zur Vergebung ausgestreckte Hand, sind glücklich über für das Wunder der Versöhnung, das wir erfahren dürfen.

Susanne Lender-Cassens und Friedhelm Kröger

Susanne Lender-Cassens und Friedhelm Kröger

Wir sehen deshalb mit großer Sorge, wie in jüngster Zeit die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen Föderation nach Jahren der freundschaftlichen Annäherung auf fast allen Ebenen von Spannungen und gegenseitigen Vorwürfen geprägt sind, wie der Dialog immer schwieriger wird. Gerade jetzt aber sollte zur Erhaltung des Friedens alles unternommen werden, um die Gespräche und Kontakte zwischen unseren Ländern zu fördern und zu intensivieren.

Susanne Lender-Cassens mit dem Veteranenkreis im Wohnstift Rathsberg

Susanne Lender-Cassens mit dem Veteranenkreis im Wohnstift Rathsberg

Ein gutes Beispiel dafür, wie das gelingen kann, sehen wir in der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir. Wir hätten uns damals, während der Gefangenschaft und in den Jahren des Kalten Krieges danach, nie vorstellen können, wie einmal wieder freundschaftliche Begegnungen zwischen Deutschen und Russen möglich würden. Umso größer unsere Freude darüber, nun Teil dieses Werks der Verständigung zu sein, zumal viele von uns dank der Städtepartnerschaft auf den Spuren unserer Lagerzeit nach Wladimir zurückgekehrt sind, wo wir wieder Menschen trafen, darunter Kriegsveteranen, die uns mit offenen Armen und dem Angebot empfingen, einander das Böse von damals nicht mehr aufzurechnen.

Kurt Seeber und Susanne Lender-Cassens

Kurt Seeber und Susanne Lender-Cassens

Wir wenden uns deshalb – auch im Namen unserer bereits verstorbenen Kameraden – an alle, die hier wie dort in Politik und Gesellschaft Verantwortung tragen, mit der dringenden Bitte, nichts unversucht zu lassen im Bemühen darum, die Völkerverständigung zu fördern, den Frieden zu wahren und möglichst viele solcher vertrauensstiftenden Verbindungen zu schaffen, wie sie zwischen Erlangen und Wladimir bestehen. Davon können wir nämlich gar nicht genug haben, denn, um mit dem russischen Denker und Dichter, Leo Tolstoi, zu sprechen: „Wo es Armee und Krieg gibt, sind dem Bösen keine Grenzen gesetzt!“

Friedenserklärung

„Hoffentlich nützt es etwas“, meinte Philipp Dörr, als er seine Unterschrift als erster unter das Dokument setzte, „aber nichts tun, das hilft ja auf gar keinen Fall!“ In Berlin und Moskau, so sein Wunsch, sollten die Politiker den Appell lesen, um endlich wieder zu einer guten Zusammenarbeit zu finden, denn, so der Veteran: „Wir brauchen einander mehr denn je!“

Der Veteranenkreis in der Wehrkirche zu Effeltrich

Der Veteranenkreis in der Wehrkirche zu Effeltrich

Auch wenn die Anreise nach Erlangen für viele immer beschwerlicher wird – von Wismar bis Zürich, vom Odenwald bis zum Harz oder der Wachau, vom Westerwald bis zum Thüringer Wald und Gera -, gehören doch diese Wochenend-Treffen in wechselnder Zusammensetzung, das mittlerweile dreizehnte in Folge, für sie alle zu den Höhepunkten des Jahres. Für die Gastgeber eine Ehre und Verpflichtung, hoffentlich noch viele Jahre!

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Die Neue Galerie des Kunstvereins Erlangen füllte sich gestern abend rasch bis auf den letzten Platz mit Gästen, darunter auch Gerhard Hammer, der kürzlich in Ruhestand getretene Leiter des Gymnasiums Fridericianum, dessen Rotary Klub wesentlich an der Finanzierung des Drucks von „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ mitgewirkt hatte.

Gerhard und Eva Hammer

Gerhard und Eva Hammer

Die Einladung zu der Veranstaltung war eine Idee von Irene Hetzler, der Vorsitzenden der Gruppe Plus im Kunstverein Erlangen, die über die Präsentation des Sammelbands mit Erinnerungen von Wehrmachtssoldaten an ihre Kriegsgefangenschaft in Lagern in und um Wladimir im Dezember vergangenen Jahres in den Erlanger Nachrichten gelesen hatte. Da lag es nahe, das ohnehin für dieses Jahr geplante, mittlerweile dreizehnte Treffen der Veteranen aus ganz Deutschland auf dieses Wochenende zu legen, um die Buchvorstellung mit Augenzeugenberichten zu bereichern.

Irene Hetzler

Irene Hetzler und Philipp Dörr

Und die, insgesamt neun und alle in dem Kompendium mit ihren Erinnerungen an die Gefangenschaft vertreten, waren zum Teil von weit her angereist, von Wismar und Gera, aus dem Harz und dem Odenwald, dem Thüringer Wald oder aus dem Westerwald, sogar aus der Wachau und aus Zürich. Nur einer, Wolfgang Morell aus Erlangen, brauchte keinen langen Weg zurücklegen.

Heinrich Hirschfelder und Wolfgang Morell

Heinrich Hirschfelder und Wolfgang Morell

Peter Steger, der Autor und Herausgeber des historischen Werks, beschränkte sich auf die Darstellung der Entstehung des Buches und der Zusammenhänge sowie einige Zitate aus den Erinnerungen des bereits verstorbenen Wehrmachtssoldaten Otto Kleinhenz, um möglichst viel Zeit Richard Dähler und Günter Kuhne für ihre Ausführungen zu lassen. Nicht von ungefähr, wie sich zeigen sollte.

Richard Dähler

Richard Dähler

Richard Dähler aus Zürich, Autor einer Doktorarbeit über japanische Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft – unter anderem in Wladimirer Lagern -, führte nämlich nicht nur aus, welche große Rolle für die Untertanen des Tennō die Kunst bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse spielte, sondern vertrat auch die Ansicht, die Versöhnung zwischen den einstigen Feinden habe bereits hinter dem Stacheldraht begonnen, als vor allem russische Frauen am Krankenbett, an der Werkbank oder beim Verhör ein unerwartetes Maß an Mitmenschlichkeit zeigten und manches Leben retteten.

Neue Galerie

Neue Galerie

Eine Erfahrung, die Günter Kuhne aus Gera stellvertretend für fast alle seine Kameraden aus eigenem Erleben nur bestätigen kann, etwa wenn die russischen Kolleginnen in Wladimir den einstigen Angehörigen der Hitlerjugend-Waffen SS zum Bestarbeiter kürten und er sich in der Gefangenschaft stets anständig behandelt fühlte. Ganz anders als vom Stabsarzt, der den Thüringer nach einem Trümmerbruch des Oberschenkels im März 1945 mit den Worten an die Front in Brandenburg geschickt hatte: „Sie brauchen nicht laufen können, Hauptsache Sie können im Loch stehen und schießen!“

Günter Kuhne

Günter Kuhne

Gern würde der heute neunzigjährige Maschinenschlosser mehr von seinen Erfahrungen und Einsichten an die Jugend vermitteln, aber er hat den Eindruck, die Schulen seien an derlei Begegnungen mit Zeitzeugen viel zu wenig interessiert. Gern würde er seine Friedensbotschaft, seinen Sieg über den Krieg weitergeben an andere Menschen, nicht in der Hoffnung, die große Welt ändern zu können, aber mit der kleinen Zuversicht, in denen, die ihm zuhören, etwas zu bewegen.

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Clara Müller und Kurt Seeber

Bewegende Momente waren das gestern, und noch lange hätten die Diskussionen und Gespräche nach Ende der Veranstaltung dauern mögen. Wie um die Zeit aufzuhalten, die erlebte Geschichte zu bannen. Eine Ahnung von Abschied lag über den Begegnungen, so als könnten sie ein letztes Treffen markieren auf einem Weg, der mit den Worten von Günter Kuhne „auf der Ziellinie angekommen“ ist.

Irene Hetzler und Peter Steger mit den Veteranen und ihren Angehörigen

Irene Hetzler und Peter Steger mit den Veteranen und ihren Angehörigen

Was bleibt, ist ein Gefühl der Dankbarkeit für eine Reise, die das Publikum sieben Jahrzehnte in eine Zeit zurückführte, deren Nachwirkungen unser aller Leben bis heute prägen und deren Erschütterungen uns nie müde werden lassen sollten im Streben nach Frieden und Verständigung. Wie gesagt, eine kleine Zuversicht, die der allfälligen Unfähigkeit trotzt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wer mit den Veteranen gesprochen oder das Buch gelesen hat, kann später nicht behaupten, er habe es nicht gewußt…

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„Komm wieder, aber ohne Waffen!“ ist im Buchhandel oder direkt beim Stadtarchiv Erlangen zum Preis von 24 Euro unter der ISBN 978-3-944452-09-8 erhältlich.

 

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Selten wurde ein Titel für eine Veranstaltung so treffend gewählt wie gestern für die „Buchpräsentation und Bürgerbegegnung“ in den Rosensälen der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Jetzt, im Nachhinein, könnte man allenfalls noch anfügen: „Festliches Arbeitstreffen des Partnerschaftsdreicks Erlangen – Jena – Wladimir“.

Ludmila Gorbatowa und Cornelia Bartlau

Anna Kulakowa und Cornelia Bartlau

Cornelia Bartlau, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Jena und seit vielen Jahren geschickte Moderatorin vor allem des Jugendaustausches mit Wladimir, eröffnete in Vertretung des erkranken Oberbürgermeisters, Albrecht Schröter, den Reigen der Auftritte, gewidmet der Vorstellung des Sammelbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, erschienen im Dezember vergangenen Jahres.

Peter Steger und Peter Röhlinger

Peter Steger und Peter Röhlinger

Gekommen war aber auch Peter Röhlinger, der in seiner Zeit als Oberbürgermeister von Jena mit dem ersten Verwaltungsseminar für Fachleute aus Wladimir bereits 1992 den Grundstein für die heute so lebendigen Beziehungen im Zusammenwirken mit Erlangen gelegt hatte. Im Mai 2015 war er zum bisher letzten Mal in Wladimir und frischt seither sein Russisch an der Volkshochschule auf, das er hofft, bald auch wieder in der alten Hauptstadt der Rus praktizieren zu können.

Tanzensemble des Euroklubs

Tanzensemble des Euroklubs

Das Kulturprogramm, zusammengestellt unter der Regie von Iwan Nisowzew, Mitglied der Deutsch-Russischen Arbeitsgruppe in Jena, überraschte durch die Vielfalt aus Tanz, Musik und Gesang, dargeboten von der Tanzgruppe des Euroklubs Wladimir sowie dem Russischen Chor Diamant Jena.

Peter Steger, Günter Kuhne und Ludmila Tatarnikowa

Peter Steger, Günter Kuhne und Ludmila Tatarnikowa

Ehrengast der Veranstaltung war freilich Ludmila Tatarnikowa vom Russischen Generalkonsulat in Leipzig, wo man die Verbindung Jena – Wladimir mit viel Wohlwollen begleitet. Gerade diese Zeichen der Versöhnung – wie der Veteranenband – seien in Zeiten der politischen Spannungen, wie die Diplomatin meinte, von gar nicht zu überschätzender Bedeutung für das deutsch-russische Verhältnis.

Peter Steger

Peter Steger

Die Idee, den Autor des Buches nach Jena einzuladen, hatte Iwan Nisowzew, der im Dezember zur Präsentation nach Erlangen gekommen war. Und es gelang ihm, für sein Vorhaben eine beeindruckende Riege von Unterstützern zusammenzustellen: das Institut für Auslandsgermanistik der FSU Jena, die Eurowerkstatt Jena, den Verein Lesezeichen, die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch, das Russische Internationale Jugendzentrum, die ÜAG Jena, die Stiftung West-Östliche Begegnungen und natürlich die Stadt Jena. Gratulation!

Russischer Chor Diamant

Russischer Chor Diamant

Die Begegnung erlebte freilich ihren Höhepunkt mit der Stehgreifrede von Günter Kuhne aus Gera, dem es packend gelang, die Zeitspanne zwischen seiner Einberufung als 17jähriger zur Wehrmacht bis zu seiner Entlassung aus der Gefangenschaft mit 24 Jahren zu beschreiben. Natürlich nachzulesen auch in dem Band, aber blaß in den Farben angesichts seiner lebendigen Schilderung.

Günter Kuhne

Günter Kuhne

Und – in der Publikation nicht enthalten: Günter Kuhne zeigte ein Bild von sich, das im Gefangenenlager Wladimir von ihm gemacht wurde, wie von allen seinen Kameraden. Ordentlich gekleidet war der heute 90jährige, nicht unterernährt, denn: „Alles in allem ging es uns nicht schlechter als der Zivilbevölkerung.“

Iwan Nisowzew

Iwan Nisowzew

Im Publikum eine Gruppe des Euroklubs Wladimir unter Leitung von Jelena Guskowa, jener Organisation, die Jugendlichen in der Partnerstadt die weite Welt näherbringt und regelmäßig Reisen in die Partnerstädte und weit darüber hinaus anbietet. Dieses Mal geht es via Jena über Brüssel bis nach Paris, und einen alten Freund aus Erlangen trifft die Besucherin dann auch noch. Wie das eben die wohlmeinende Regie der Partnerschaft manchmal so einrichtet.

Dieter Argast und Jelena Guskowa

Dieter Argast und Jelena Guskowa

Tief beeindruckt zeigen sich die Jugendlichen von dieser ersten Begegnung mit einem deutschen Kriegsveteranen. Viel zum Nachdenken gibt das, wenn man auch die bisher unbekannte andere Seite des Krieges kennenlernt.

Die Jugendgruppe des Euroklubs

Die Jugendgruppe des Euroklubs Wladimir

Wir wissen nun nicht, wie die Gäste aus Wladimir diese Erfahrungen verarbeiten, aber für Frieder Abendroth vom Christlichen Gymnasium Jena ist das Ziel klar: Bis zum Herbst muß er seinen Teil einer Seminararbeit fertighaben, an der noch zwei weitere Klassenkameraden mitarbeiten. Um den Part von Städtepartnerschaften im großen Konzert der Politik geht es, und der 17jährige untersucht dazu das Dreieck Erlangen – Jena – Wladimir, während die beiden anderen sich um Jenas Verbindung zu Aubervilliers in Frankreich und San Marcos in Nikaragua kümmern.

Frieder Abendroth

Frieder Abendroth

Mehr braucht dazu heute nicht verraten zu werden, denn zumindest auszugsweise wird die Gemeinschaftsarbeit sicher in einigen Monaten hier im Blog zu lesen sein. Viel Erfolg schon jetzt – und nochmals Dank an die großartigen Gastgeber in Jena.

 

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Das mittlerweile zwölfte Treffen der deutschen Veteranen, hat begonnen, die alle eines eint: die gemeinsame Kriegsgefangenschaft in den Lagern in und um Wladimir. Dort vor Ort haben sie sich noch gar nicht gekannt. Zusammengekommen sind sie erst dank einem Aufruf von Friedhelm Kröger im mittlerweile eingestellten Monatsschrift „Der Heimkehrer“.

Christa und Friedhelm Kröger

Christa und Friedhelm Kröger

Aber da ist mehr als nur die gemeinsame Vergangenheit, die versammelte Erfahrung von Krieg und Niederlage, von Gefangenschaft und Heimkehr, da ist auch eine tiefe innere Verbundenheit untereinander, und da ist vor allem die Aussöhnung mit dem einstigen Gegner und der eigenen Geschichte. Keine Verbitterung, kein Klagen, weder Schuldzuweisungen noch Exkulpierung.

Paul Hütter und Philipp Dörr

Paul Hütter und Philipp Dörr

Ja, der Kreis war schon einmal größer. Viele sind verstorben oder wegen ihrer altersbedingten Gebrechen an der Teilnahme verhindert. Aber es kommen auch immer wieder neue Gesichter hinzu:

Otmar Koch und Richard Dähler

Otmar Koch und Richard Dähler

Der Schweizer, Richard Dähler, der 2006 seine Doktorarbeit über das Schicksal japanischer und deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion von 1945 bis 1956 geschrieben hat und seither „korrespondierendes Mitglied“ des Veteranenkreises ist, und der Österreicher, Otmar Koch, der im Mai die Spuren seines 1947 im Traktorenwerk Wladimir verstorbenen Vaters suchte und nun nach Erlangen gekommen ist, um hier von den Augenzeugen mehr über die Lebensumstände im Lager zu erfahren. Ein ganzes Wochenende ist dafür jetzt Zeit. Auch für die Frage, was wohl aus uns allen geworden wäre, hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Aber das überlassen wir der literarischen Gattung der Uchronie oder Allohistoria.

Veteranenkreis zu Gast bei Helmut Schmitt

Veteranenkreis zu Gast bei Helmut Schmitt

Ohne den Krieg – bei allem Leid, das er über Abermillionen von Menschen brachte, auch über all jene, die gestern abend nach der Einkehr im Biergarten von Adlitz noch bei Helmut Schmitt in Bubenreuth einen Nachtisch genossen -, ohne diese schreckliche Menschenvernichtungsmaschinerie jedenfalls hätte diese Runde nie zusammengefunden, wäre die Partnerschaft Erlangen – Wladimir erst gar nicht entstanden, hätten ungezählte Menschen nie zusammengefunden im Geist der Versöhnung und Verständigung. Bei all dem Grausamen, das geschehen ist, begeistert es doch immer wieder zu sehen, welch unbezwingbare Kraft des Wiedergutmachens in uns Menschen wirkt, besonders in diesen Männern, die man oft noch von der Schulbank weg schon an die verlorene Front geschickt hatte, in diesen Männern und ihren Frauen, die 70 Jahre danach und zum zwölften Mal in dieser Runde sich und der Welt nur eines wünschen: den Frieden. Und, wie Günter Kuhne, allen mit auf den Weg gibt: „Gebt acht aufeinander!“

 

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Günter Kuhne läßt es keine Ruhe: „Warum nur zeigen die Schulen so wenig Interesse daran, mit uns Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges ins Gespräch zu kommen, mit uns in diese 70 Jahre zurückliegende Zeit zurückzukehren?“ Natürlich, so der Veteran, könne man alles in ungezählten Büchern nachlesen, aber das unmittelbare Erleben jener Epoche lasse sich doch nur in der Begegnung erfahren.

Oliver Hartwright (links im Bild) bei der Vorstellungsrunde mit den Veteranen

Oliver Hartwright (links im Bild) bei der Vorstellungsrunde mit den Veteranen

Oliver Hartwright, Lehrer für Geschichte an der Franconian International School, braucht man das nicht lange zu erklären. Als Engländer kommt er aus jener anglo-amerikanischen Tradition, wo in der Pädagogik früh der Wert der sogenannten „Oral History“ erkannt wurde. Was Günter Kuhne zu Hause in Erfurt schmerzlich vermißt, gehört an der Erlanger Privatschule zum Unterrichtskonzept und zu einer ganz besonderen Projektarbeit, die so wohl nur unter einem Dach entstehen kann, wo man unsere Welt als ein Kaleidoskop der Nationen, Sprachen und Kulturen versteht und der Jugend mit all ihren Reichtümern der Vielfalt vermittelt.

Die Franconian International School und ihr Motto

Die Franconian International School und ihr Motto

Oliver Hartwright plant mit einer Schülergruppe im Herbst eine Studienreise nach Moskau und Wladimir. In der Partnerstadt will man nach Spuren des Kalten Krieges, nach den einstigen Verteidigungslinien, einem Flughafen und vor allem nach Menschen forschen, die jene Zeit aus eigenem Erleben kennen.

Kurt Seeber im Interview

Kurt Seeber im Interview

Da fügt es sich gut, wenn man auch den größeren Rahmen kennt und möglichst viel davon erfährt, was deutsche Kriegsgefangene in den Lagern in und um Wladimir erlebt haben. Dazu hatte sich Oliver Hartwright schon im Vorfeld ein kluges Konzept ausgedacht: Nach einer Vorstellungsrunde mit den aus Thüringen, Westphalen, aus dem Harz und dem Odenwald zu ihrem Jahrestreffen angereisten Veteranen ging es in kleinen Gruppen zu den Einzelinterviews mit den Gästen.

Günter Kuhne im Interview

Günter Kuhne im Interview

Die Gespräche, die gut eineinhalb Stunden dauerten, wurden aufgezeichnet und alle nach einem vorher festgelegten Muster geführt. Auf diese Weise sollen die Interviews später leichter auswertbar und vergleichbar sein.

Philipp Dörr im Vorgespräch mit seinen Interviewpartnerinnen

Philipp Dörr im Vorgespräch mit seinen Interviewpartnerinnen

Zehn Themenblöcke waren vorgegeben mit Fragen zur Herkunft und Bildung sowie zu Zeitpunkt und Grund des Eintritts in die Wehrmacht, zu Ausbildung und Einsatzgebiet an der Front.

Günther Liebisch im Interview

Günther Liebisch im Interview

Ebenfalls von Interesse: klimatische Bedingungen, Unterschiede zwischen Wehrmacht und Roter Armee – und dann natürlich das große Thema der Gefangenschaft und der Lebensbedingungen hinter Stacheldraht: Unterbringung, Verpflegung, Tagesablauf, Verhältnis zu Wachpersonal und Zivilisten.

Wolfgang Morell im Interview

Wolfgang Morell im Interview

Dann aber auch eine Überraschung: Die Schüler spielten den Veteranen Lieder wie „Erika“, „Zehntausend Mann, die zogen ins Manöver“, das „Westerwaldlied“ oder das „Funkerlied“ vor und wollten wissen, welche Emotionen diese Melodien heute noch auslösen. Und sie wollten wissen, ob die einstigen Soldaten später noch einmal nach Wladimir zurückgekehrt seien.

Friedhelm Kröger im Interview

Friedhelm Kröger im Interview

Die Zeit reichte natürlich bei weitem nicht aus, um alle Fragen zu beantworten. Wolfgang Morell berichtete später, er sei noch gar nicht bis zu seiner Gefangennahme gekommen vor lauter Erinnerungen, man werde das Interview aber fortsetzen. Bei ihm kein großes Problem, weil er ja in Erlangen lebt. Die übrigen mußten da stärker komprimieren, sprich, vieles weglassen, was zum Gesamtbild gehört.

Philipp Dörr im Nachgespräch

Philipp Dörr im Nachgespräch

Auch Fritz Wittmann, der gestern morgen in der Franconian International School aus Gesundheitsgründen nicht hatte dabei sein können, wird ebenso noch Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch erhalten. Auch er ist ja als Baiersdorfer nicht aus der Welt und für die Schüler jederzeit erreichbar. Und er hat bereits vorgelegt mit seinem Erinnerungsband „Rose für Tamara“, den Bürgermeisterin Elisabeth Preuß am Ende der Begegnung allen beteiligten Schülern überreichte.

Karl Seeber im Gespräch mit Petra Niemczyk

Karl Seeber im Gespräch mit Petra Niemczyk

Dann noch einige Minuten für weitere persönliche Begegnungen mit Menschen, die auf ein langes Leben zurückblicken, und jungen Leuten, die ihr Leben noch vor sich haben.

Günther Liebisch im Nachgespräch

Günther Liebisch im Nachgespräch

Gesten des Verstehens mit Jugendlichen, die an diesem Samstagmorgen etwas erfahren haben, was kein Buch, kein Internetartikel, kein Unterricht alleine vermitteln kann: erlebte Geschichte, geläutert in Jahrzehnten der persönlichen Auseinandersetzung mit eigenem und fremdem Leid. zugefügt und erlitten.

Gruppenbild mit Veteranen und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß

Gruppenbild mit Veteranen und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß

Wenn die Schüler aus Wladimir zurückkommen, werden sie auch die andere Seite kennengelernt und eine Vorstellung davon haben, was Krieg mit den Menschen anrichtet, aber auch, wie es gelingen kann, Versöhnung zu stiften und in sich den Krieg zu besiegen.

Kurt Seeber und Günther LIebisch

Kurt Seeber und Günther Liebisch

Allerdings unternehmen die jungen Leute diese Reise auch in einer Zeit, wo die Gegensätze zwischen Ost und West drohen, wieder schwerer zu wiegen als alles, was uns verbindet, in einer Zeit, wo für viele der Krieg mitten in Europa schon wieder zum Mittel des Durchsetzens eigener Interessen wird, wo Friedenssicherung erneut zur Hauptaufgabe von Politik geworden ist.

Philipp Dörr und Günter Kuhne

Philipp Dörr und Günter Kuhne

Dabei waren wir gewarnt! Fritz Wittmann hat bereits 2005 seine „Mahnung“ zu Papier gebracht:

Fritz Wittmann und Friedhelm Kröger

Fritz Wittmann und Friedhelm Kröger

Was wir heute einfach für Rußland tun, gedeiht uns morgen zum Segen. Was wir heute einfach nicht tun dafür, tun wir vielleicht morgen schon vielfach dagegen, wenn ein Morgenrot im Osten, nicht von der Sonne entfacht, uns findet auf verlorenem Posten und uns strafen wird für die verschlafene Wacht. Wenn die Regierung eines Landes brennende Fragen nicht löst, werden andere sie anders lösen.

Gruppenbild mit Veteranen und Fritz Rösch (lins im Bild) und Helmut Schmitt (hinten rechts im Bild)

Gruppenbild mit Fritz Rösch (lins im Bild) und Helmut Schmitt (hinten rechts im Bild)

Seit elf Jahren trifft sich nun der Kreis, den Friedhelm Kröger ins Leben gerufen hat. Wieder in Erlangen, wo Wladimir doch am nächsten ist. Leider nicht mehr mit allen. Immer mehr bleiben zu Hause, weil sie die Frau pflegen müssen, weil sie selbst krank sind, weil sie nicht mehr unter uns weilen. Dennoch – auch wenn niemand heute schon zu sagen weiß, wo das Treffen im Frühjahr 2015 stattfinden soll, in einem sind sich alle einig: Es wird wieder eine solche Zusammenkunft geben. Und warum nicht in Erlangen, wo Freunde wie Fritz Rösch und Helmut Schmitt immer für ein herzliches Willkommen sorgen, und wo Schüler wie Lehrer Anteil an ihrem Schicksal nehmen.

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In einer Auflage von 5.000 Exemplaren ist vor einigen Wochen im Moskauer Jausa-Verlag der Sammelband „Ich kämpfte in der SS und in der Wehrmacht – Veteranen der Ostfront“ von Artjom Drabkin erschienen. Der russische Militärhistoriker breitet auf 317 Seiten die Erinnerungen von dreizehn deutschen Weltkriegssoldaten aus, indem er sie – in der Interview-Form – weitgehend selbst sprechen bzw. auf konkrete Fragen antworten läßt.

Artjom Drabkin: Ich kämpfte in der SS und Wehrmacht

Artjom Drabkin: Ich kämpfte in der SS und Wehrmacht – Veteranen der Ostfront

Vier der Veteranen – Fritz Wittmann, Günther Liebisch, Wolfgang Morell und Günter Kuhne – hat der Autor durch Vermittlung des Partnerschaftsbüros in Erlangen gefunden und persönlich aufsuchen können, wofür er sich im Vorwort mit Verweis auf den Blog auch ausdrücklich bedankt. Die Gespräche mit den Zeitzeugen halten noch einmal, ein vielleicht letztes Mal, fest, warum die damals jungen Männer in den Krieg zogen, wie sie ihn erlebten, welche Waffen sie mitführten, an welchen Krankheiten sie litten, wie ihnen das Ungeziefer zusetzte, welche Begegnungen sie mit dem Gegner und mit Zivilisten hatten, welche Lehren sie aus jenen schlimmen Jahren gezogen haben. Herausgekommen ist dabei ein Buch, das russischen Lesern verständlicher macht, wer dieser Feind von einst war, welche Lebensläufe hinter den Teilnehmern an dem Unternehmen Barbarossa standen, wie die Verführung durch eine kriegerische Diktatur wirkte, vor allem aber, wie Verständigung und sogar Versöhnung nach all dem Grauen möglich wurde. Lesenswert! Leider nur in Russisch erhältlich über die ISBN 978-5-699-62948-0.

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Wenn man gestern die Nachrichtensendungen verfolgte, mußte man den Einruck gewinnen, der 8. Mai sei im Gedächtnis der Deutschen gerade noch eine Randnotiz, eine Fußnote – ohne erwähnenswerte Bedeutung für die Gegenwart. Dabei war es doch gerade diese Stunde Null, die Deutschland – ungeachtet des schon bald heraufziehenden Kalten Krieges und der Teilung – eine historisch einmalige Gelegenheit bot, mit Hilfe der Siegermächte aus den Ruinen aufzuerstehen. Ganz zu schweigen davon, daß die Deutschen auch endlich selbst von der Tyrannei des Staatsfaschismus befreit wurden. Und dann das: Ausgerechnet am 8. Mai 2013 wird die Genehmigung der Ausfuhr von deutschen Rüstungsgütern nach Indonesien bekannt, ein Geschäft mit dem Tod, das zuvor vom holländischen Parlament abgelehnt worden war. Wegen der Menschenrechtslage in dem asiatischen Land. Respekt vor den Nachbarn, die ebenfalls mit der Kapitulation des Dritten Reiches vor 68 Jahren endgültig befreit wurden! Haben die Deutschen, der drittgrößte Waffenexporteur weltweit, so wenig aus ihrer Geschichte gelernt?

In Rußland und in allen Nachfolgestaaten der UdSSR begeht man heute – nach Moskauer Zeit wurde die Urkunde erst in der Nacht zum 9. Mai unterzeichnet – den Tag des Sieges über eine Diktatur, die den Völkern der Sowjetunion unsägliches Leid zugefügt hat. Dies ist nicht vergessen, aber vergeben, wie das Photo vor dem Erlangen-Haus in Wladimir zeigt. Nichts vergessen hat aber auch Günther Liebisch, der im Frühjahr 1945 als Kriegsgefangener in der Stadt an der Kljasma angekommen ist  http://is.gd/uaWb2D und dort den Tag der Kapitulation erlebte:

Die Gruppe von Peter Smolka (1. v.l.) mit Oberbürgermeiser Sergej Sacharow (3. v.l.) und russischen Radlern beim Aufbruch zur Stadtrundfahrt vor dem Erlangen-Haus.

Die Gruppe von Peter Smolka (1. v.l.) mit Oberbürgermeiser Sergej Sacharow (3. v.l.) und russischen Radlern beim Aufbruch zur Stadtrundfahrt vor dem Erlangen-Haus.

Wir wurden alsbald erst mal entlaust, für uns ein totales Novum. In dem dort Banja genannten Bad mußten wir uns entkleiden und die Sachen an einen Haken hängen, der in den Hitzeraum verschwand. In den Schuhen bewahrten wir unsere Wertsachen – Dokumente, Ringe, auch den Löffel, ein wichtiges Utensil – auf und stellten sie an geeigneter Stelle ab, um sie auch wiederzufinden. Mit einem Stück Seife und Handtuch ausgestattet, ging es in die Banja. Nach dieser Reinigungsprozedur nahmen wir unsere Sachen mit dem überhitzten Haken wieder in Empfang, wobei sich so mancher daran die Finger verbrannte. Es war auch nicht einfach, seine Sachen wiederzufinden. Ich hatte das geahnt und befestigte sichtbar ein weißes Tuch am Haken. Wieder angekleidet, suchte jeder seine Schuhe, fand sie auch, nur meine Schuhe waren nicht aufzufinden; ein totaler Verlust, nicht nur die Schuhe, den Inhalt zu verlieren, war äußerst schmerzlich, weshalb ich nachts nicht zur Ruhe kam. Ich schlich an den Pritschen entlang, und siehe da, meine unverkennbaren Schuhe, die mich die langen Märsche getragen haben, standen vor einem fremden Bett. Ich fragte einen inzwischen wach gewordenen Kameraden, ob das seine Schuhe seien und wo er die herhabe und erhielt von einem Rumänen die Antwort in Form einer Androhung von Schlägen. Ich nahm die Schuhe, verschwand und wurde von dem Dieb verfolgt und angegriffen. Meine im Boxtraining erlernte Fähigkeit, mich in solchen Situationen angemessen zu verhalten, streckte den Burschen zu Boden. Der Rumäne ist mir nie wieder begegnet. Probleme bereitete mir alsbald aber der fehlende Löffel, und zum Glück schenkte mir ein Kamerad seinen Zweitlöffel. Beim Suppefassen mußte ich nun schnell schöpfen, um in den Genuß eines Nachschlages zu kommen. Irgendwie hatte ich auch bald wieder ein normales Besteck, und somit konnte ich erneut alle Vergünstigungen diesbezüglich genießen, zumal die Verpflegung von außergewöhnlicher Qualität war und aus amerikanischen Produkten wie Räucherspeck, Graupen, Erbsen und anderen Köstlichkeiten bestand.

In diesem Lager erlebten wir auch am 8. Mai die Siegesfeier. Der Lärm aus der Stadt mit Feuerwerk usw. war deutlich zu hören. Wir nahmen das freilich mit gemischten Gefühlen wahr. Im großen und ganzen verbrachten wir noch ein paar Tage ohne Beschäftigung in dem Lager und wurden eines Tages in die Innenstadt, in den Kreml, verlegt. Dort quartierte man uns, etwa 20 Mann, in ein Zelt ein, um in der Nähe einen alten Reitstall als Lager einzurichten. Der Reitstall, ein rundes Gebäude mit kuppelartigem Dach, befand sich in einem unbeschreiblichen Zustand. Die Riesenfläche von 20 m Durchmesser war eine Kloake, wohl jahrelang als Lokus genutzt. Ich hatte wiedermal Glück und wurde zu anderen Aufgaben eingeteilt: In glühend heißer Sonne fabrizierte ich an einem Amboß aus einem Ring Eisendraht mit Hilfe eines Hammers und stumpfen Meißels Krampen für den Stacheldraht um das neue Lager. Den Meißel konnte ich in der naheliegenden Werkstatt schärfen, woran einer erkannte, daß ich Handwerker war. Somit hatte ich mit der Lagereinrichtung nichts mehr zu tun und erhielt Spezialaufträge.

Eines Tages kam ein Offizier des NKWD – der Geheimdienst hatte den ganzen Kreml belegt – und suchte etwa zehn Mann für eine besondere Aufgabe. In einem nahen Dorf mit Gleisanschluß sollte Brennholz von einem Stapel in einen Waggon verladen werden. Wir bestiegen einen Personenzugwaggon und starteten in das Dorf, wo wir einen bereitstehenden Güterwaggon beluden. Wir kamen dabei auch mit der Bevölkerung in Kontakt, fast ausschließlich Frauen, die uns schon mal was zusteckten. So erhielt ich einmal von einer Frau zehn gekochte Eier und gab einem Kameraden, der das mitbekommen hatte, vier davon ab. Er hatte seinerseits von einer Zivilistin ein schönes Stück Brot erhalten und teilte es nun mit mir. Als wir nach nur wenigen Tagen unsere Aufgabe erfüllt hatten und wieder heimfuhren, war der Kumpel mit den Eiern verschwunden. Wieder im Kreml, wurde jeder einzeln zu dem Fall verhört, so auch ich, und gefragt, wohin der Verschwundene gegangen sei. Ich müßte das doch wissen, da ich ihm die Eier gegeben habe. Da wurde mir bewußt, daß einer der Kameraden dem Kommissar von unserem Eiertausch berichtet hatte. Mir wurde also unterstellt, der Entlaufene habe mir von seinem Fluchtplan erzählt und mir auch gesagt, wohin er habe gehen wollen. Ich hatte natürlich nicht die geringste Ahnung, was man mir allerdings nicht glaubte. So sperrte man mich in eine finstere Zelle im Keller des NKWD. Zu meinem Glück wiederum ließ man mich am nächsten Morgen aber schon wieder frei, weil man den Entlaufenen gefangen hatte. Wieder im Zelt angekommen, das sei noch erwähnt, erhielten wir eine Woche lang jeden Tag zu der übrigen Verpflegung, an der nichts auszusetzen war, einen Lachs zur Suppe. Ein absolutes Novum.

Ich fand bald danach Beschäftigung in der Brigade, die in der Autowerkstatt für den Fahrzeugpark der NKWD-Mitarbeiter tätig war. Mit den Kenntnissen aus der Ausbildung als Panzerwartelektriker, welche die Grundlagen der Autoelektrik beinhaltete, wurde ich als Kfz-Elektriker anerkannt und lernte dabei die dort vorhandenen deutschen Fahrzeuge, sogenannte Beuteautos, kennen.

Auf die letzten Veteranen: Günther Liebisch, Paul Hütter, Günter Kuhne und Philipp Dörr.

Auf die letzten Veteranen: Günther Liebisch, Paul Hütter, Günter Kuhne und Philipp Dörr.

Inzwischen wurde auch der Reitstall bewohnbar. Wir siedelten um, bezogen die dort entstandenen dreistöckigen Pritschen und hatten es bis zu unserer Arbeitsstelle etwa 150 m. Wir wurden täglich von unserem Werkstattleiter, der in unmittelbarer Nähe des Reitstalles wohnte, vom Lager abgeholt. Die Brigade bestand aus einem Dreher, einem Büchsenmacher aus Ferlach in Österreich, dem Brigadier, einem Schlossermeister aus Reichenbach im Sudetenland, einem Autoschlosser aus Königsberg, zwei Schmieden aus Ungarn, einem gelernten Klempner, einem Universalspezialisten aus Siegen und einem Elektriker aus dem Rheinland sowie dem Schlosser Gert Senf aus Leipzig. Ich vervollständigte als jüngster die Mannschaft. Kann sein, daß ich noch einen vergessen habe. Durch die Nähe zu unserer Arbeitsstelle kam uns der Gedanke, unser Mittagessen aus dem Lager zu holen. Unser Klempner bastelte also zwei Eimer. Einer von uns hatte noch einen Beutel für die Brotration, und so mußte nur noch einer die Speisen jeden Mittag aus dem Lager holen. Da ich der jüngste im Bund war und mich auch gewillt zeigte, die Aufgabe zu übernehmen, versorgte ich die Kameraden nach Kräften. Mit zwei Eimern für Suppe und Kascha sowie dem Beutel für die Brotration umgehängt, machte ich mich täglich auf den Weg und verteilte die Speisen gerecht an die Kameraden.

Jeder Tag begann mit dem Morgenappell auf dem Lagerhof und der Zählung, dem Frühstück in der Kantine und danach mit der Bereitstellung zum Abmarsch der Brigaden zu den Arbeitsstellen. Die etwas größeren Brigaden wurden vom Lagerkommandanten, einem Hauptmann, aufgefordert, auf dem Weg zur Arbeit zu singen, was offenbar bei der jungen Generation der Russen Eindruck machte. Bei meinem Besuch im Jahr 2000  konnte mir nämlich ein Wladimirer Bürger das Lied „Ein Heller und ein Batzen“ vorsingen. Die Kommandos wurden anfänglich noch von sogenannten Konvois begleitet. Erst waren diese Bewacher Russen, dann rekrutierte man aus den mitgefangenen Rumänen geeignete Leute. Erst nachdem die Rumänen in die Heimat entlassen wurden, suchte und fand man Ersatz aus unseren eigenen Reihen. Ich sehe sie noch wie gestern vor dem Ausmarsch die Karabiner vor dem Tor durchladen.

Diese Kameraden hatten mit durchgeladenem Karabiner nachts die Baustellen und Brennholzstapel in der Nähe des Sägewerkes an den Abstellgleisen zu bewachen. Als ich später selbst einmal mit einem Lkw unterwegs war, habe ich auch unter solcher Bewachung Holz geladen. Es war der Unteroffizier Gerhard Hampel, wie ich Schlesier und ein richtiger Kumpel. Zu erwähnen lohnt sich auch Werner Koch aus unserer Brigade, ein Alleskönner, etwa 40 Jahre alt, aus Siegen stammend, wo er eine Reinigung und Färberei betrieb.

In die Werkstatt im Kreml kamen einige dort angestellte Russen, meist Offiziere, mit allerlei Anliegen wie Reparieren von Radios, Uhren, Samowaren und anderen Haushaltsgeräten. Ich erinnere mich noch an einen seltsamen Auftrag. Ein Offizier brachte eines Tages einen Hinterreifen von einem Moped, an dem die Reifendecke nicht hielt. Das Fahrzeug war noch nicht mal alt, eine relativ neue Produktion aus der späteren DDR. Der gute Werner schnitt die Ränder der Decke auf, verkürzte den dort eingezogenen Draht und vulkanisierte die Angelegenheit wieder zu. Dazu muß man wissen, daß unsere Handwerker zuvor einen Vulkanisierapparat gebaut hatten, mit dem hauptsächlich Autoschläuche geflickt wurden.

Dann, wann das war, weiß ich nicht mehr, wurden alle Kameraden aus Österreich, dem Sudetenland, aus Ungarn und Rumänien entlassen und kehrten heim.

Nun waren also unser Brigadier sowie der Dreher aus Verlach und die zwei Schmiede aus Ungarn nicht mehr da. Alsbald wurden die entstandenen Lücken geschlossen. Brigadier wurde ein Schlossermeister aus Chemnitz, Reinhold Schnabel, an die Drehbank kam ein, wie sich bald herausstellte, regelrechter Künstler, und auch die Schmiede wurde von einem Künstler aus Königsberg besetzt, so daß wir die gestellten Aufgaben bestens erfüllen konnten. Dabei mußte jede Schraube, jede Mutter selbst hergestellt werden, um in einige deutsche Pkws  – wie Opel, BMW usw. – Ersatzmotoren einbauen zu können, weil das vorhandene Öl nicht die für die Lager nötige Schmierfähigkeit lieferte. Wir fertigten sogar eine Art Adapter, um den Anschluß an das Getriebe zu schaffen.

Wie gesagt, es waren Künstler, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Ich erinnere mich auch noch an einen heißen Sommer, als man uns vor die Werkstatt einen Opel Kapitän Cabrio stellte, der betriebsbereit gemacht werden sollte. Für unsere Spezialisten auf diesem Sektor kein Problem, so daß alsbald eine Probefahrt fällig war. Da standen wir plötzlich vor dem Problem, wie aus dem verriegelten und bewachten Kreml herauskommen? Wie schon oft, war ich für derartige Probleme zuständig. Durch meine täglichen Gänge mit der Essensversorgung am Torwächter vorbei hatte ich festgestellt, daß der gute und freundliche Wachmann nicht lesen konnte. Also nahm ich irgendein Schriftstück in Russisch in die Hände und hielt es bei der Vorfahrt am Tor dem Wächter vor die Nase. Er öffnete prompt das Tor, und wir unternahmen bei dem schönen Wetter eine herrliche Spritztour.

Meine Aufgabe war primär, Akkumulatoren instand zu setzen, Anlasser und Lichtmaschinen zu reparieren und Zündungen einzustellen. Aufgrund meiner mageren Berufserfahrung gab es für mich noch viel von den älteren und somit berufserfahreneren Kameraden zu lernen. Durch meine organisatorische Veranlagung hatte ich Gelegenheit, die Lücken in dem Fachwissen zu kompensieren.

Die Sonderleistungen der Spezialisten erbrachten schon mal Einnahmen in Bargeld, womit der eine oder andere Sonderwunsch erfüllt werden konnte, etwa ein Einkauf auf dem Basar. Darauf war ich aber gar nicht weiter neidisch, zumal es auch andere Wege gab: Von den Kameraden, die im Sägewerk schafften, erhielt ich einmal ein zerbrochenes Gattersägeblatt, aus dem ich unter Anleitung eines Mitgefangenen ein Küchenmesser herstellte. Es hat einiges an Zeit gekostet, aber ich konnte es dann in der NKWD-Küche gegen kulinarische Kostbarkeiten absetzen. Bei der Ablieferung mußte ich eine Weile warten und beobachtete, wie eine Köchin die gebackenen „Bulki“ oder Brötchen aus dem Ofen holte, aus einem Topf einen Mundvoll Wasser nahm und dieses dann auf die Brötchen sprühte. Seitdem waren es für mich „Spuckbrötchen“, die mir zum Glück nicht angeboten wurden.

Unmittelbar am Hintereingang der Küche, den ich benutzte, befand sich ein Lattenverschlag, dessen Tür offenbar in einen Keller führte. Dies weckte meine Neugier, und so kam es, daß ich eines Abends, als niemand mehr in der Küche war, drei oder vier Bretter löste und in den Keller stieg und einen Riesenberg Kartoffeln vorfand. Ich schnappte mir einen in der Nähe liegenden Sack, füllte den und verschwand Gott sei Dank ungesehen in unsere Werkstatt, wo wir auch ein sicheres Versteck für den Schatz fanden.

Dieses Zubrot kochten wir nach und nach in der Schmiede als Beilage für unsere Suppe. Als die Kartoffeln alle waren, ermunterte man mich, den Einsatz doch noch einmal zu wiederholen, was ich jedoch ablehnte. Später kam mir zu Ohren, daß man meinen Einbruch auf das Konto der auf dem Gelände untergebrachten Zivilgefangenen schrieb, auf Russisch „Sakljutschonnye“.

Eines Frühjahres, als aus unserer Küche schon seit Wochen nur Kleie als Suppe kam, wurden aufgrund des Vitaminmangels bei einigen Kameraden die Zähne locker, ein Zeichen von Skorbut. Somit war ich wieder gefordert und machte mich auf mit einem Sack und einer Art Sichel, um Kräuter zu sammeln. Für mich kein Problem, einmal dank der Bekanntschaft mit dem Pförtner und dann auch dank meinem Wissen über geeignete Kräuter. Schnell war der Sack mit Brennnessel und Melde in unmittelbarer Nähe des Kremls gefüllt. Die Kräuter wurden nun in der Schmiede gekocht, abgegossen, zerkleinert und der Suppe beigemischt. Die Brühe tranken wir kalt. Und so war ich auch vollauf beschäftigt. Obwohl wir nicht gerade hungern mußten, war ich stets darauf aus, meine Kameraden optimal zu versorgen. So entdeckte ich auf einem Rundgang innerhalb des Kremls einen mittels Vorhängeschloß versperrten Kellereingang und stellte bei näherem Hinsehen fest, daß das Schloß, scheinbar defekt, gar nicht abgesperrt war. Ich betrat also den Keller und entdeckte in einem Holzfaß eine Art Räucherspeck, wovon ich mich kurz entschlossen bediente. Darauf verschwand ich schnellstens zur Freude meiner Kameraden. Als auch dieses Zubrot verzehrt war, empfahl man mir, doch nochmals nachzuschauen, schließlich hatte es ja so gut geschmeckt. Ich ließ mich dazu überreden und begab mich wieder dorthin. Doch bereits auf der Suche nach noch anderen Dingen hörte ich Stimmen, die sich näherten. Was nun? Ich versteckte mich in einem leeren Faß, blieb darin unentdeckt und entkam so wahrscheinlich einer Katastrophe: Wieder einmal unwahrscheinliches Glück gehabt!

Fortsetzung folgt.

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Auch Günter Kuhne hat noch einmal in seinem Gedächtnis gekramt und einige Erinnerungen an seine Gefangenschaft in Wladimir zutage gefördert, die heute im Blog erscheinen können. Der Geraer war vor zwei Jahren bei der Auflösung des Thüringischen Landesverbandes der Heimkehrer dabei – Nachwuchs gibt es ja erfreulicherweise keinen mehr! -, hält aber noch engen Kontakt zu der um Friedhelm Kröger gescharten Gruppe ehemaliger Gefangener in Wladimirer Lagern. Mehr zu seinem Schicksal, wo die beiden folgenden Episoden auch schon angesprochen werden, ist nachzulesen unter: http://is.gd/yu1rQf

Günter Kuhne.

Günter Kuhne.

Im Herbst 1947 durfte ich mit meinem Kameraden Helmut St. einer alten russischen  Frau, die mit uns beiden zusammen  im Wladimirer Traktorenwerk arbeitete, beim Kartoffelnroden in ihrem Garten helfen. Sie hatte uns beim russischen Lagerkommandanten angefordert  und durfte uns eines Tages am Lagertor abholen – ohne (!) Postenbegleitung. Wir rodeten ihr die Kartoffeln und wurden anschließend nach getaner Arbeit in ihr Haus zum Essen eingeladen. Es gab frisch geerntete Pellkartoffeln, so viele wie wir essen mochten. Für den Augenblick waren wir erst mehr voll als richtig satt! Anschließen lieferte sie uns persönlich am Lagertor ab. Wir waren ein paar Stunden in Freiheit gewesen und hatten ein gutes Werk getan!  An Ausreißen hatten wir nicht gedacht! Wohin auch?!

Gisela und Günter Kuhne.

Gisela und Günter Kuhne.

Am 1. Mai 1948  (Tag der Arbeit!)  wurden mein Kamerad Helmut St. und ich zu  Bestarbeitern in unserer Werkstatt  vorgeschlagen. Der Vorschlag kam von den russischen Frauen, die mit uns zusammen arbeiteten! Ein ungewöhnlicher Vorgang! Eines Tages wurden wir im Photolabor des Werkes photographiert. Unsere Bilder hängte man als Auszeichnung an der „Bestarbeiter-Tafel“ des Werkes aus. Auch uns persönlich wurden je drei Bilder überreicht. Eines davon verwahre ich heute noch! Als zusätzliche Belohnung gingen wir eines Tages mit Postenbewachung in ein Wladimirer Kino. Es lief der deutsche Revue-Film „Der weiße Traum“  (mit russischen Untertiteln).

Günter Kuhne und Philipp Dörr.

Günter Kuhne und Philipp Dörr.

Trotz dieser Ehrungen und Vertrauensbeweise wurde ich noch „zur Durchleuchtung meiner Person“ für zwei Jahre in ein NKWD-Lager an der Wolga verlegt! Grund war meine Zugehörigkeit zur Waffen-SS, Hitlerjugend-Division am Ende des Krieges. Dabei war ich ursprünglich zur Marine  (U-Boot Waffe) nach Holland einberufen worden! So grausam ging das Schicksal mit mir um! 

Philipp Dörr und Günter Kuhne.

Philipp Dörr und Günter Kuhne.

Grundkenntnisse aus dem Plennyj-Sprachschatz von Günter Kuhne*

(Noch in Arbeit, um Mithilfe wird gebeten!)

dawaj-dawaj! – давай-давай! – los, mach schon, weiter, Abmarsch! u.v.m;  dawaj sjuda! – давай сюда! – komm her!; dawaj kuritj! – давай курить! – komm, laß uns eine rauchen!; schto u was b0lit? – что у вас болит? – wo tut’s weh?; nado sdelatj tschistym! – надо сделать чистым! – das muß sauber gemacht werden!; ras, dwa, soli! – jeschtscho soli! -раз, два, соли! – eins, zwei, Salz dabei, und weiter salzen!; skoro buded domoj! – скоро будет домой! – bald geht’s heim!; spokojnoj notschi – спокойной ночи! – gute Nacht!; choroschaja pogoda – хорошая погода – gutes Wetter.

* Das russische Wort „plennyj“ – пленный bedeutet „Gefangener“.

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