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Posts Tagged ‘Gubernia33’


Wer sagt’s denn, es geht doch! Stadt und Land Wladimir beteiligten sich gestern an der Aktion „Mit dem Fahrrad zur Arbeit“. Hinsichtlich Psychologie und Infrastruktur noch immer für viele in der Partnerstadt eine Herausforderung, aber möglich, wie jetzt die Redaktion des staatlichen Radio- und TV-Senders Gubernia 33 exemplarisch beweist.

Zur Arbeit kann man auf unterschiedliche Weise kommen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto. Es geht auch zu Fuß, wenn das Büro nicht weit ist und man gern morgendliche Spaziergänge unternimmt. Aber es gibt eine bessere Art, das Fahrrad! Tritt in die Pedale: keine Staus, gut für die Gesundheit und die Hauptsache – man spart Geld.

Karina Romanowa

Viele aus der Redaktion, so weiter im Text, brauche man davon gar nicht mehr überzeugen, etwa Karina Romanowa, die alle Wege zur Arbeit oder zum Training vorzugsweise im Sattel zurücklegt.

Zum ersten Mal saß ich wahrscheinlich mit drei Jahren auf einem Fahrrad. Aber erst mit ungefähr acht Jahren erwachte meine Liebe zu ihm, als ich bemerkte, daß meine schon lang genug waren, um die Pedale des riesigen „Storchs“ meines Großvaters zu erreichen. Ich strampelte los und stürzte natürlich, schlug mir die Knie blutig, aber die Liebe zum Fahrrad blieb von da an. Meine Lieblingsstrecke führt von der Arbeit nach Hause durch das Zentrum. Gern radle ich auch in der Gegend vom „Weißen Haus“, weil das eine recht anspruchsvolle Trasse ist, wo man gut trainieren kann. Ein großes Problem ist freilich das Fehlen von Radwegen. Dem Gesetz nach darf ich weder hier noch dort fahren…

Stas Tregubow

Weniger Probleme damit hat Kameramann Stas Tregubow, der von sich sagt, er fahre überall, wo asphaltiert sei. Dafür habe es bei ihm etwas gedauert mit der Liebe zum Zweirad.

Ich weiß noch, wie andere Kinder in meinem Alter schon auf so großen Rädern saßen, ohne mit den Füßen bis zum Asphalt zu kommen. Für mich undenkbar. Ich kann nicht aufs Fahrrad, wenn ich mit den Füßen nicht bis zum Asphalt komme. Es braucht die Verbindung zur Erde, möglichst die Haftung mit dem Wladimirer Boden. Die Region Wladimir ist der Ort, wo ich leben und radeln will. Radwege sind Unfug. Jedenfalls so, wie sie bei uns angelegt sind. Wenn man schon Radwege macht, dann bitte auf der Fahrbahn als eigener Streifen, damit alle Radler sich an die Regeln halten. So wie jetzt ist alles viel einfacher: Du schnappst dir dein Rad und fährst los, wohin zu willst.

Alexander Krawtschenko

Alexander Krawtschenko, Cutter bei dem Sender, ist schon lange ein Radfan. Für ihn geht es dabei aber mehr um Sport als um Vergnügen. Er fährt auch schon einmal 190 km am Stück, wenn ihm danach ist. An Werktagen freilich auch nur zur Arbeit und wieder heim oder zum Training.

Zunächst ist es einfach gut für die Gesundheit. Denn so trainierst du, dein Herz wird trainiert. Und dann ist da die Sache mit den Staus, die man gewöhnlich in der Stoßzeit nach der Arbeit hat und die man mit dem Rad einfach hinter sich lassen kann. In der Hitze ist das doch unerträglich. Und dann schaue ich mir vom Sattel aus auch immer die Leute an, die in den Bussen gequetscht stehen. Da fühle ich mich auch gleich leichter und besser. Denn es ist doch besser, in die Pedale zu treten, als sich so zu fühlen. Und schneller ist es auch noch. Und gesünder.

Und dann kommt Boris Putschkow, Autor dieses von der Blog-Redaktion übernommenen Berichts, noch fast ins Schwärmen:

Ungeachtet des faktischen Fehlens von Fahrradwegen wächst in Wladimir die Zahl der Freunde des Zweiradverkehrs mit jedem Tag. Dabei schrecken weder der schlechte Straßenbelag noch die hohen Bordsteinkanten unterwegs. Dies alles macht im Übermaß dieses Gefühl einer praktisch grenzenlosen Freiheit wett.

P.S.: Passend zum Thema ein Streitgespräch im Himmel, aufgezeichnet vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel: https://is.gd/NRsWnS

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Das „Handelsblatt“ titelte zum gestrigen Welt-Aids-Tag, die HIV-Erkrankung sei in Rußland noch immer ein Tabuthema. Auch andere deutsche Nachrichtenmagazine und Zeitungen stoßen in dieses Horn. Verfolgt man freilich die Medien in Wladimir, gewinnt man einen ganz anderen Eindruck. Da nämlich berichtet etwa der staatliche Sender „Gubernia 33“ von einer Pressekonferenz und widmet der modernen Pestilenz und ihrer lokalen wie überregionalen Wirkung folgenden Beitrag. 

Der 1. Dezember wird weltweit als Tag des Kampfes gegen Aids begangen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums werden in Rußland stündlich zehn neue Fälle einer Infizierung mit dem Immundefizitvirus registriert. In der Region Wladimir leben allein nach offiziellen Angaben 4.000 Menschen mit dieser Diagnose. Diese Menschen arbeiten, nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel, leben möglicherweise Tür an Tür mit anderen. Wie würde da ein gesunder Mensch reagieren, wenn er neben jemandem studierte oder arbeitete, der das HIV-Virus in sich trägt? Diese Frage stellten wir einigen Wladimirern.

Ich würde wahrscheinlich gar nicht groß reagieren, denn, wie alle wissen, wird HIV nicht über die Atemluft als Tröpfcheninfektion übertragen. Das sind ganz gewöhnliche Menschen wie du und ich. – Sollte man sich öfter testen lassen? – Ja, das denke ich schon.

Kristina Knjasjewa

Ich brächte Verständnis für ihn auf. Und natürlich würde ich möglicherweise jede Art von Hilfe leisten, materielle wie spirituelle.

Daniil Dorogow

Ich verhielte mich ihm gegenüber nicht anders als zu anderen Leuten. Sie unterscheiden sich ja eigentlich durch nichts von normalen, gesunden Menschen.

Neman Galandarow

Allein in diesem Jahr registrierte man in unserer Region 556 neue Fälle einer HIV-Infizierung. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von 14%. Im „Regionalen Zentrum für den Kampf gegen Aids“ kommt man zu dem Ergebnis, daß diese Diagnose zumeist Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren trifft.

Um die Zahl von neuen Ansteckungen zu verringern, sollte natürlich jeder von seiner HIV-Infizierung wissen, um dann auch sein Verhalten zu ändern. Genau damit aber haben wir ein großes Problem. Die Erkrankung hat ja eine sehr lange symptomfreie Inkubationszeit. Wer also gar nichts von seinem Zustand weiß, wird zur Quelle von Ansteckungen für seine nähere Umgebung.

Tatjana Samkowaja, Leiterin des „Regionalen Zentrums für den Kampf gegen Aids“

Die Fachleute weisen auf einen wachsenden Anteil von Frauen bei den Aids-Infizierten hin. Dabei können HIV-Trägerinnen durchaus ein völlig gesundes Kind zur Welt bringen. Die Chancen erhöhen sich, wenn sich die werdende Mutter genau an die ärztlichen Empfehlungen hält. Dennoch werden in unserer Region jährlich bis zu 100 mit HIV infizierte Kinder geboren.

Von allen in unserem Perinatalen Zentrum geborenen Kindern tragen ungefähr 20% das HIV-Virus in sich, weil die meisten Mütter hier zu Risikogruppen gehören. Wir nehmen hier aus der ganzen Region die Frauen aus Risikogruppen auf, wenn eine perinatale Pathologie vorliegt. Das können Frühgeburten sein, Kinder und Frauen mit bestimmten Pathologien. Deshalb die hohe Zahl von HIV-Infektionen bei uns. Weder eine negative Einstellung noch Vernachlässigung gegenüber diesen Frauen kann und darf seitens des medizinischen Personals oder sonst jemandem vorkommen.

Nadeschda Tumanowa, ärztliche Direktorin des Regionalen Perinatalen Zentrums

Der Befund einer HIV-Infizierung stellt das Leben eines Menschen auf den Kopf. Im „Regionalen Zentrum für den Kampf gegen Aids“ heißt es, eine Diagnose könne sich nicht bestätigen. Jeder Patient erhalte neben der medizinischen Hilfe auch psychologische Betreuung.

Neben der ärztlichen Behandlung ist auch die psychologische Begleitung für das Weiterleben notwendig. So ein Mensch befindet sich in einem depressiven Zustand, er weiß nicht, was tun, wie weiterleben. Und in diesem Moment, wo der Mensch dies akzeptiert, spreche ich immer von dem wunderbaren Satz, der da lautet: „Wenn neben dir ein Mensch ist, der dich zu 100% so akzeptiert, wie du bist, hat die Therapie schon ein wenig begonnen.

Alla Nikolajewa, Psychologin

Nach Aussage von Fachleuten hat sich die Hälfte der Bevölkerung des Landes noch nie auf HIV testen lassen. Es wird ärztlicherseits dringend geraten, genau dies zu tun. Möglich ist das in jeder Poliklinik.

Tabus werden wohl anders definiert. Darüber sollte man beim „Handelsblatt“ (siehe: https://is.gd/XUabxw) und in anderen Redaktionsstuben einmal nachdenken und erst den Bericht aus Wladimir (hier im Original: https://is.gd/TuL2Bf) zur Kenntnis nehmen, bevor man zur Feder greift.

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Die Wladimirer Medienlandschaft verändert sich immer rascher. Mitte Dezember erschien die Zeitung „Molwa“ kurz vor ihrem 25jährigen Jubiläum zum letzten Mal. Jetzt, Ende März, druckte auch das Wochenblatt „Business-Navigator“ seine Abschiedsauflage; sogar die Internetausgabe wurde eingestellt. Zu stark waren die Verkaufszahlen zurückgegangen: von 7.300 Exemplaren beim Start im Sommer 2010 auf zuletzt nur noch 5.000. Ebenfalls Mitte März verabschiedete sich der 1998 gegründete Kabel-TV-Sender „De Facto“ – von seinen Zuschauern, der zwei Mal wöchentlich auf Sendung ging. Die Gründe mögen ganz unterschiedlicher Natur sein – mal geht den Betreibern das Geld aus, mal wird eine Lizenz nicht verlängert -, aber bedauerlich bleibt es in jedem Fall, wenn wieder ein Stück Medienvielfalt verloren geht. Allerdings ist Wladimir und die Region weit davon entfernt, sich einem Monopol ausgesetzt zu sehen. Ganz im Gegenteil! Nach Angaben des Journalistenverbands nämlich gibt es im ganzen Gouvernement mit seinen gut 1.400.000 Einwohnern auf einer Fläche so groß wie ganz Franken und der halben Oberpfalz sage und schreibe 326 unterschiedliche Info-Medien und Periodika, davon 160 in gedruckter Form (einschließlich unterschiedlicher Nachschlagewerke und Almanache), 152 als Radio- oder TV-Sender sowie 14 Internetportale.

Die letzte Nummer

Ins Aus navigiert: letzte Nummer des Business-Navigators

Und nun ist am 31. März auch „Gubernia33“ an den Start gegangen. Ein Projekt des „Weißen Hauses“, wie die „Staatskanzlei“ der Region Wladimir im Volksmund genannt wird. Ein Sender, der, wie Gouverneurin Swetlana Orlowa bei der Eröffnung verspricht, der Pluralität der Gesellschaft entsprechend unterschiedliche Gesichtspunkte darstellen, dabei aber auch der Objektivität zu ihrem Recht verhelfen soll. Wie das gelingt, wird man jetzt 14 Stunden pro Woche sehen – mit der Option, eines Tages auch ein Vollprogramm ausstrahlen zu können. Welche Gefahren freilich auch in Medien lauern, die ausschließlich von staatlichen Strukturen finanziert werden, stellt der russische Journalist Wassilij Gatow kritisch-analytisch in der Moscow Times fest: http://is.gd/agFNnp

Auf jeden Fall darf man gespannt sein, wie sich nun der Platzhirsch im Äther, der Staatliche Lokalsender GTRK, gegenüber dem neuen Rivalen behaupten kann. Der Zuschauer hat die Wahl.

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