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Posts Tagged ‘Gewalt gegen Frauen in Rußland’


Wenn Sie sich selbst verletzt oder ein Ihnen nahestehender Mensch Schmerz zugefügt hat und Sie diese Spuren zudecken möchten, ist eine Tätowierung eine der besten Lösungen. Dort, wo Sie Schmerz empfanden, kann jetzt etwas Schönes sein, etwas, das ganz Ihnen gehört. Anstelle schmerzhafter und schwerer Erinnerungen können neue, ausschließlich angenehme treten. Ihre Haut kann nämlich auch nur Geschichten erzählen, die Sie gern in Erinnerung behalten.

So wirbt Rina Tsunami im Internet für ihr kostenloses Angebot, die Spuren von Gewalt – gleich ob autoaggressiv selbst zugefügt oder im häuslichen Umfeld erlitten – wenn schon nicht ungeschehen, so doch unsichtbar zu machen. Dutzende von Frauen nahmen die Dienste der Tätowierin in Wladimir schon in Anspruch, und es könnten noch mehr werden.

600.000 Frauen und Kinder sollen es nach offiziellen Angaben des russischen Innenministeriums sein, die landesweit pro Jahr Opfer häuslicher Gewalt werden; nach Zählung der Vereinten Nationen erliegen 14.000 davon ihren Verletzungen. Aber was sagen schon Zahlen über Blessuren und Erniedrigungen, über blaue Flecken und Narben, über unsichtbare Wunden der Seele…

Rina Tsunami meint, viel zu viele Frauen verhielten sich noch immer nach dem Motto: „Wenn er mich schlägt, liebt er mich!“ – und suchen die Schuld für die Ausschläge auf der leider nach oben offenen Aggressionsskala ihres Partners bei sich. Außerdem gebe es viel zu wenig Angebote für psychologische Beratung und Betreuung, Rechtsbeistand und materielle Absicherung.

Hinzu kommt seit Februar die neue Gesetzeslage: Wenn jemand innerhalb der eigenen Familie zuschlägt und das zum ersten Mal ohne schwere Mißhandlungen tut, kommt er mit einer Geldstraße bis zu 400 Euro davon oder geht für zwei Wochen in Haft. Vor dieser „Entkriminalisierung“ und Herabstufung auf eine Ordnungswidrigkeit, übrigens von weiblichen Abgeordneten der Staatsduma betrieben, lag das Strafmaß auch für Ersttäter bei bis zu zwei Jahren Gefängnis. So hart bestraft werden jetzt nur noch Prügel im Fall von Rassenhaß oder religiös motivierten Gewalttätigkeiten. Wenn es um Hiebe und Liebe geht, will sich der Staat weitgehend heraushalten. Rina Tsunami sieht die Sache differenziert:

Nach Inkrafttreten des Entkriminalisierungsgesetzes soll es mehr Anzeigen gegeben haben. Einerseits ist es ja gut, wenn man sich gleich an die Polizei wendet, andererseits könnte es damit zusammenhängen, daß angesichts der neuen Lage vielen die Hand schneller ausrutscht, viele sich von der Last der Verantwortung für ihre Handgreiflichkeiten befreit fühlen. Schwer zu sagen, was nun zunimmt: die Zahl der Gewalttaten oder der Mut, sich zur Wehr zu setzen. Ich selbst stand lange dem neuen Gesetz ablehnend gegenüber. Aber jetzt glaube ich auch an eine positive Seite, denn dem Opfer fällt es nun leichter, die Polizei einzuschalten. Die Logik dahinter: Der Schläger wird nicht gleich eingesperrt, also ist es nicht so schlimm, wenn ich ihn anzeige. Ins Gefängnis muß er erst beim dritten oder fünften Mal. Aber wer will sich schon mehrfach mißhandeln lassen, bis der Täter dafür büßt? Ein schwaches und sehr strittiges Argument also.

Wenn er dich schlägt, liebt er dich. Familiensache. Selbst schuld. Die Ehe ist wichtiger

„Die Anwendung von Gewalt ist mit der Liebe unvereinbar“, meinte Lew Tolstoj, der große Moralist und Romancier. Und die Lebenserfahrung zeigt: Wer einmal schlägt, tut es bald wieder. Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Oft ist es besser, wenn man gleich verschwindet!

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