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Posts Tagged ‘Gesprächsforum Prisma’


Gestern erschien im Internetportal Zebra ein Artikel, der hier in voller Länge, ins Deutsche übersetzt, wiedergegeben wird.
In der Wladimirer Filiale der Regierungsakademie für Verwaltung und Wirtschaft ist für 2020 ein weiteres Treffen des internationalen Diskussionsforums „Prisma Erlangen-Wladimir“ geplant. Im 75. Jahr des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg wollen die Partnerstädte über die Bedeutung der Arbeit an der Bewahrung gesicherter Kenntnisse über die historischen Ereignisse nachdenken.
Владимир и Эрланген против искажения истории

Sergej Lawrow und Heiko Maas bei der Überreichung der Auszeichnung an Alina Kartuchina und Elisabeth Preuß für „Prisma“ und den „Wladimir-Blog“ am 14. September 2018 in Berlin

Russische und deutsche Fachleute werden Fragen der Bewahrung des historischen Gedächtnisses diskutieren. Die Begegnung unter Beteiligung von Beamten, Historikern, Veteranen und Jugendlichen ist für die zweite Junihälfte 2020 geplant. Der internationale Dialog ist dem 75jährigen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gewidmet. Durchgeführt wird die Veranstaltung in der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Verwaltung und Wirtschaft beim Präsidenten der Russischen Föderation.

Ich denke, es ist sehr wichtig, über das zu sprechen, was derzeit passiert, über die Achtung vor der Erinnerung von der einen wie von der anderen Seite. Wir besprechen, wie sehr es lohnt, heute die Ereignisse jener Jahre zu betrachten. Soweit ich weiß, ist das in der deutschen Gesellschaft, besonders bei der älteren Generation, eine richtige Herzensangelegenheit, und man empfindet ausgesprochen hohen Respekt gegenüber den Prozessen der Bewahrung des historischen Gedächtnisses. Betonen möchte ich, daß es sich um keine wissenschaftliche, sondern eine zivilgesellschaftliche Diskussion handelt. Wir wollen nichts verkomplizieren. Bei uns hört man beispielsweise häufig in dem Zusammenhang, irgendwo in anderen Ländern versuche man, die geschichtlichen Ereignisse verzerrt darzustellen. Vor diesem Hintergrund interessiert uns die Position der deutschen Seite. Es ist sehr wichtig, gemeinsam der Verzerrung der historischen Ereignisse und Fakten entgegenzuwirken. Die deutschen Partner unterstützen uns in dieser Hinsicht vollkommen. Dafür ist es notwendig, ständig im Dialog zu bleiben.

Direktor der Akademie und stell. Vorsitzende der Wladimirer Regionalduma, Wjatscheslaw Kartuchin.

Der Ort der Veranstaltung wurde nicht zufällig gewählt. Während der letzten drei Jahre bot die Akademie in Wladimir die Plattform für viele internationale Konferenzen, u.a. auch für das Diskussionsforum „Prisma Wladimir-Erlangen“. Am 9. September erörterten Wjatscheslaw Kartuchin, der Koordinator des Forums, und Peter Steger, in Erlangen für die Partnerschaft mit Wladimir zuständig, die Nuancen des bevorstehenden Dialogs zwischen beiden Städten.
Prisma

Wjatscheslaw Kartuchin und Peter Steger

Das Diskussionsforum „Prisma Wladimir-Erlangen“ wurde im April 2017 gegründet; das Protokoll über die Einrichtung der Dialogplattform unterzeichneten Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und ihr Kollege, Florian Janik, unter Mitwirkung von Wjatscheslaw Kartuchin mit dem Ziel, die aktuellsten Probleme unter Einbeziehung von Politik, verschiedenen Fachleuten sowie Vertretern der Institutionen unserer Zivilgesellschaften. Die Treffen finden in Deutschland wie in Rußland statt.

Die Begegnungen finden vielleicht nicht so häufig statt, dafür aber produktiv. In der Regel verwendet man auf die Beschäftigung mit einem Thema zwei Tage. Am ersten Tag diskutiert man die strittigen Fragen am Runden Tisch, hört Vorträge von Fachleuten an, während am nächsten Tag den Gegenstand der Diskussion in der Praxis erlebt. So war es beispielsweise bei der Begegnung zum Thema „Objektivität der Massenmedien unter den Bedingungen der Globalisierung“, als Wladimirer Journalistinnen die Möglichkeit erhielten, die Arbeit der deutschen Medien von innen kennenzulernen.

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Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Peter Steger, Julia Obertreis und Amil Scharifow, Prisma, November 2018 in Wladimir

Für uns ist Rußland alles andere als ein unterentwickeltes Land, ganz im Gegenteil. Natürlich gibt es auch hier – wie für jeden Staat – Probleme: Im Bereich der Abfallbehandlung ist noch viel zu tun, man hat viele Fehler begangen, die es bei uns in den 70er, 80er und 90er Jahren auch gab. Aber ich zuversichtlich, daß wir in all diesen Fragen aufmerksam und erfolgreich zusammenarbeiten werden. Für uns ist es als echte Partner Wladimirs zu verstehen wichtig, wo die Stadt Schwierigkeiten hat, aber auch, wo es erfolgreich läuft. Da kann man jedes Thema nehmen, sei es Bildung oder Medizin, der Wissenstransfer ist für die Fachleute immer von gegenseitigem Nutzen. Wir unterscheiden uns in vielen Fragen, aber uns eint das Bestreben, einander besser zu verstehen.
Peter Steger
In den vergangenen drei Prisma-Jahren diskutierte man Fragen der Migrationspolitik und Besonderheiten der Struktur einer starken Zivilgesellschaft. Eine der Schlüsselfragen wurde die Umweltverschmutzung. Dabei können nicht nur die Russen etwas von den Deutschen übernehmen, sondern auch die Deutschen können für sich interessante Projekte gewinnen. Anfang Oktober erwartet man in der Akademie eine Wirtschafts- und Fachdelegation aus Nordbayern, die einige Aspekte der Abfallbehandlung vorstellen wird. (Anm. der Blog-Redaktion: Diese Information stimmt so nicht. Es wird in der zweiten Oktoberhälfte zunächst nur ein Fachmann aus Erlangen zu dem Themenkomplex nach Wladimir reisen.)

Das Projekt „Internationales Diskussionsforum Prisma Erlangen-Wladimir“ gehörte zu den Siegern eines Wettbewerbs der herausragenden und innovativen deutsch-russischen Projekte. Die Partnerstädte Wladimir und Erlangen wurden von den Außenministern beider Länder „für den großen Beitrag zur Entwicklung der regionalen und kommunalen Zusammenarbeit“ zwischen beiden Ländern mit einer Urkunde ausgezeichnet. Der Preis wurde Vertreterinnen beider Städte vom russischen Außenminister, Sergej Lawrow, und seinem deutschen Kollegen, Heiko Maas, während der Abschlußveranstaltung des „deutsch-russischen Themenjahres der regionalen und kommunalen Partnerschaften“ überreicht.

Vor dem Projekt „Internationales Diskussionsforum Prisma Erlangen-Wladimir“ liegt nach Überzeugung beider Seiten eine große Zukunft und werde zweifellos noch seine Rolle bei der Entwicklung gutnachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland spielen. Die Gründer des Prismas betonen, in einer Welt, wo es den Dialog auf auf unterschiedlichen Ebenen in dieser oder jener Intensität gebe, sei es besonders wichtig, festere und engere Beziehungen zwischen den jeweiligen Regionen und Kommunen zu bewahren.

Das Diskussionsforum gehört zu dem Netz russisch-deutscher Begegnungen, die es auf unterschiedlichen Ebenen gibt. Beispielsweise ist das der Petersburger Dialog, eine jährlich durchgeführte Plattform der Zivilgesellschaften beider Länder. Ich bin sicher, daß jene Jugendlichen oder Fachleute, die an unseren Treffen teilnehmen, auf ihre Weise weitergeben, was sie hörten und ihre Erkenntnisse nicht für sich behalten. Ich bin überzeugt, daß Prisma ein Kern ist, um den herum sich immer mehr neue und sinnvolle Verbindungen und Initiativen entwickeln.

Peter Steger

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Wjatscheslaw Kartuchin und Olga Dejewa

Die ersten Treffen der Diskussionsplattform zeigten, daß sowohl die russische als auch die deutsche Gesellschaft voneinander stereotypische Vorstellungen pflegt. Das rührt, wie Wjatscheslaw Kartuchin meint, von einem allgemeinen Mangel an ständigem Kontakt her.

Wir haben da so eine abstrakte Vorstellung, in Deutschland seien die Medien unabhängig von der Politik. Doch wenn es dann zum Meinungsaustausch kommt, zeigt sich, daß es viele Gemeinsamkeiten, aber auch Probleme gibt. Oft sind das sogar bei beiden die gleichen Probleme, die sich nur graduell unterscheiden. So interessiert sich die deutsche Öffentlichkeit etwa dafür, in welchen Formen sich das Ehrenamt in Rußland entwickelt, wie ökologische Probleme angegangen werden und vieles mehr. Die Perspektiven für Prisma sind sehr gut, da sich ständig neue Themen zur Diskussion stellen.

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Eine Frage, die den Blog immer wieder beschäftigt und die auch jüngst Thema des Journalistenaustausches war, ein Problem, buchstäblich brandaktuell, weil in der Nähe der Kreisstadt Gus-Chrustalnyj wieder einmal eine Müllhalde auf der Fläche von einem Hektar in Flammen stand und man dort nach einer neuen Deponie sucht. Auch das nächste Treffen von „Prisma“ im Juni wird sich der Sache annehmen, und nun bringt Amil Scharifow, Mitglied dieses Gesprächsforums, seine Gedanken zu der Problematik von seinem jüngsten Besuch in Wladimir mit:

Wie russische Medien berichten, fanden in den letzten Wochen in einigen Städten zum Teil nicht-genehmigte „Müllproteste“ statt. Auf die Straße gingen Menschen u.a. in der Region Archangelsk, wo sich die Demonstrationen vor allem gegen die Errichtung von Deponien für den Abfall aus Moskau richteten. Die Region Archangelsk ist flächenmäßig so groß wie Deutschland und liegt am Weißen Meer mit Zugang zum Arktischen Ozean.

Protest in der Stadt Archangelsk: „Wir sind gegen Mülldeponie im Norden“, „Nein zum Moskauer Müll“. Bild: 29.ru

Die Idee der Errichtung von Deponien für den Müll aus der Hauptstadt außerhalb der Moskauer Region sorgt auch in anderen Gouvernements für Aufregung. Menschen in den benachbarten Regionen haben die Sorge, auch vor ihrer Haustüre könnten Mülldeponien für den Abfall aus Moskau entstehen. Wenn man durch die Straßen Moskaus spaziert, sieht man, wie sauber die Stadt weitestgehend ist. Tatsächlich sei die Metropole laut einer nicht-oppositionellen Umweltorganisation sauberer als andere Städte und Regionen der Russischen Föderation. Die Umweltorganisation „Зелёный патруль“ (Grüne Patrouille) veröffentlicht regelmäßig eine Liste der ökologischen Bewertung der russischen Regionen. In dieser Liste liegt Moskau (Stadt) unter den Top 10, während die Moskauer Region die 80. Position von 85 Plätzen einnimmt. Die drei letzten Ränge belegen zwei Regionen aus dem Uralgebirge, Swerdlowsk und Tscheljabinsk. Bei der Bewertung werden mehrere Kriterien, darunter auch die Verschmutzung durch die Schwerindustrie berücksichtigt, was für die ökologische Lage in den beiden letztplatzierten Regionen eine wichtige Rolle spielen dürfte. Die Region Wladimir kommt in der Liste übrigens auf Platz 55.

Neben Moskau findet sich auch Sankt Petersbug unter den zehn saubersten Gebietskörperschaften, was man dadurch erklären könnte, daß die Großstädte im Wohngebiet verständlicherweise keine Schwerindustrie haben. Außerdem kann man vermuten, daß die Zentren ihren Müll in den Nachbarregionen entsorgen, was die weit abgeschlagene Position der Moskauer Region auf der Liste zum Teil erklären dürfte.  Anscheinend gibt es im Umland von Moskau keinen Platz mehr für den Müll aus der Metropole, weshalb hierfür neue Abnehmerregionen gesucht werden. Dabei kommen sogar Regionen wie Archangelsk, die über tausend Kilometer von Moskau entfernt liegen, als möglicher Deponieort in Frage.

So erfährt man aus den Medien wie in privaten Gesprächen auch in der Partnerstadt, womöglich könne auch die Wladimirer Region als Standort für Deponien aus der Hauptstadt dienen. Anscheinend hat der Abfallnotstand in Moskau bei den Menschen eine Art neuer Sensibilisierung für die Themen Müll und Umwelt hervorgerufen. In Wladimir jedenfalls machen sich die Bürger und Politiker nun auf kommunaler und regionaler Ebene Gedanken zur Frage Trennung und Verarbeitung von Müll, und man möchte sich dazu mit Erlangen austauschen. Bei all der Diskussion um Verwertung und Trennung von Abfällen, sollte man aber auch auf das Thema Müllvermeidung ein besonderes Augenmerk legen. Aus der Stadt Moskau kann man zwar den Müll Hunderte von Kilometer wegfahren, damit die Stadt sauber aussieht. Wenn man aber in der Provinz mit dem Zug fährt, fallen neben der schönen Natur auch zum Teil vermüllte Bahngleise auf. Es viele Initiativen, die landesweit, mitunter auch mit patriotischen Aufrufen, die Umwelt schützen wollen, wie auf dem Bild der süddrusischen Stadt Georgijewskij zu sehen:

„Leute, werft den Müll nicht überall hin! Die ist doch eure Heimat“ Bild: georgievsk.info

Sobald die Verarbeitung und Vermeidung von Müll wirtschaftlicher werden, können auch die Bahngleise in den Provinzen wie die Moskauer Innenstadt aussehen.

                                                                                                              Amil Scharifow

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Das Thema, das sich das Gesprächsforum Prisma bei seinem mittlerweile dritten Zusammentreffen gestern in der Wladimirer Akademie für Verwaltung und Wirtschaft stellte, erschöpfend an einem Nachmittag abhandeln zu können, auch wenn der sich – eine gute Stunde länger als geplant – bis in den frühen Abend hinein erstreckte, hatte wohl niemand in der Runde erwartet. Aber die Gastgeber, Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Akademieleiter Wjatscheslaw Kartuchin als Moderator, unterstützt von Fachleuten aus der Journalistik und der Wissenschaft, hatten das richtige Rezept gefunden, um alle, Deutsche und Russen, zur Frage „Objektivität von Massenmedien bei der Globalisierung“ miteinander in einen fruchtbaren Austausch von Meinungen und Argumenten zu bringen. Nur zwei Impulsreferate seitens Wladimir – von Wjatscheslaw Kartuchin und dem Politologen Roman Jewstifejew als Komoderator – sowie ein Vortrag von Wolfgang Mayer, ehemaliger Wirtschaftsredakteur der Nürnberger Nachrichten und zehn Jahre lang Mitglied des Deutschen Presserates, zu der Situation der Medien in Deutschland und weltweit.

Das Plenum von Prisma

Was Bürgermeisterin Elisabeth Preuß in ihrem Grußwort für die Erlanger Delegation als „kleine Schritte zum großen Ziel Verständigung“ bezeichnete, erwies sich rasch als ein Gang durch offene Türen. Kein noch so kontroverses Thema blieb nämlich ausgespart, von den viel zu schwachen russischen Gewerkschaften, die es nicht schaffen, wie in Deutschland, Tarifverträge für Journalisten zu erstreiten – bis hin zu den gehäuften Morden an Reportern während der letzten 20 Jahre in der Russischen Föderation. Wer bisher glaubte, die russische Medienlandschaft sei weitgehend gleichgeschaltet, sah sich am Konferenztisch einer großen Vielfalt gegenüber, von den Wladimirer Staatssendern bis hin zu den durchaus kritischen Redaktionen von Pro Wladimir und Zebra-TV oder der Position des Bloggers Kirill Nikolenko, der meinte, der Staat versuche viel zu sehr, die Medien und die öffentliche Meinung zu steuern. Demgegenüber vertrat Wjatscheslaw Kartuchin die Auffassung, seine Landsleute vertrauten gerade angesichts der überbordenden und ungefilterten Flut von Nachrichten und Meldungen mehr einer ordnenden Hand der Behörden. Strittig diese Meinung – auch unter den Gastgebern.

Die deutsche Delegation: Wolfgang Niclas, Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Amil Scharifow und Doris Lang

Einig freilich ist man sich in der Verurteilung von Zensur, die auch das russische Grundgesetz verbietet, oder in der Beobachtung, wie das Internet zunehmend die Meinungsführerschaft übernimmt, altersunabhängig, hier wie dort. Oft zu Lasten der festangestellten Journalisten, deren Zahl aus Kostengründen in den letzten zehn Jahren, wie Wolfgang Mayer ausführte, um ein Drittel abgenommen habe. Häufig auch zu Lasten der Qualität der Berichterstattung, eine Lücke, die zunehmend von Webautoren und Bloggern gefüllt wird. Spätestens hier stellt sich dann die Frage nach der Objektivität, die, wie Richterin i.R., Gerda-Marie Reitzenstein, am Beispiel der Justiz darlegte, ohnehin auch in scheinbar übersichtlichen Sachen wie einem Verkehrsunfall vom jeweiligen Blickwinkel abhänge und schwierig einzuschätzen sei. Wie dann gezielte Falschmeldungen von Übermittlungsfehlern unterscheiden, wie klären, wer etwa richtig liege bei der Wertung dessen, was vor vier Jahren auf der Krim geschah, eine Frage, die der in Erlangen promovierte Historiker, Wolfgang Mayer, so zuspitzte: Annexion oder Beitritt nach einem Referendum?

Roman Jewstifejew, Kirill Nikolenko und Sergej Golowinow

Auf großes Interesse stieß vor diesem Hintergrund bei den Gastgebern die Einführung des Unterrichtsfachs Medienkompetenz an bayerischen Schulen. Denn, wie sich gerade als junger Mensch zurechtfinden in dem übergroßen Angebot an Information, wie Tendenzielles, Unseriöses und gar Hetzerisches von dem unterscheiden, was nicht gleich in jeden Bericht, woran Elisabeth Preuß gelegen ist, die persönliche Meinung des Autors in den Vordergrund stellt, was Fakten und Wahrheit vermittelt. Stoff genug möglicherweise für einen Journalistenaustausch, den zwischen den Partnerstädten aufzunehmen, beide Seiten anregen.

Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer und Elisabeth Preuß

Mehr noch: Roman Jewstifejew, neben seiner Professur an der Akademie auch als Blogger und Publizist ausgesprochen aktiv, macht einen ganz konkreten Vorschlag zum Ende der Veranstaltung: ein Medienprojekt, das die Lebensverhältnisse der Menschen in Erlangen und Wladimir zum Thema hätte, eine Plattform, wo jenseits der politischen Schlagzeilen – denen will der Wissenschaftler damit ein großes Dennoch entgegensetzen – zur Sprache kommt, was die Stadtgesellschaften ausmacht und bewegt. Eine Idee, die noch auszuformulieren wäre, für die Mitstreiter nötig würden, die anzugehen aber jede Mühe lohnen könnte.

Roman Jewstifejew, Gerda-Marie Reitzenstein, Olga Dejewa, Elisabeth Preuß, Wjatscheslaw Kartuchin, Juta Schnabel (1. Reihe), Wladimir Rybkin, Julia Obertreis, Irina Chasowa, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Alexander Illarionow und Doris Lang

Am Ende finden sich auch alle in den Worten von Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, wieder, die an allen drei bisherigen Treffen teilnahm: „Dieses Forum ist ein Glücksfall für die Partnerschaft, und wir müssen es unbedingt fortsetzen.“ Wen wundert es da, wenn beim gemeinsamen Abendessen schon nach einem Termin für Prisma IV im Frühjahr in Erlangen gesucht wird.

P.S.: Nachzutragen bleibt noch der Ausspruch des Tages aus dem Mund von Sergej Golowinow, Chefredakteur von Zebra-TV: „Ein guter Journalist ist ein schlechter Journalist.“ Bisher nur einmal in all den Jahren seiner Tätigkeit sei er von allen in einem Bericht dargestellten Seiten gelobt worden. Oder, wie das Franz Josef Strauß einmal formulierte: „Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp.“

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Heute freut sich das Festkomitee des Blogs, Altoberbürgermeister Siegfried Balleis zum 65. Geburtstag gratulieren zu dürfen. Wann, wenn nicht zu diesem Jubiläum, sollte eine besonders erfreuliche Nachricht bekanntgemacht werden: Erlangen und Wladimir nahmen an dem Wettbewerb deutscher und russischer Städte und Initiativen anläßlich des Abschlusses des „Deutsch-Russischen Jahres der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018“ teil. Unter den fast 250 Bewerbungen aus beiden Ländern entschied sich die Jury als „Beispiel herausragender Partnerschaftsarbeit“ für den „Wladimir-Blog“, der vor fast zehn Jahren – noch während der Amtszeit von Siegfried Balleis – ins Netz ging und, wie man hört, zur täglichen Morgenlektüre des Erlanger Ehrenbürgers gehören soll. Ausgezeichnet wurde aber auch das Gesprächsforum „Prisma“, angeregt vom Begründer der Städtepartnerschaft, Dietmar Hahlweg, und mit großem persönlichen Einsatz ins Leben gerufen von Florian Janik, der die partnerschaftlichen Traditionen seiner beiden Vorgänger im Amt gerade in diesen schwierigen zwischenstaatlichen Turbulenzen ebenso beherzt wie umsichtig weiterführt. Die nicht dotierte Ehrung wird am Freitag, den 14. September, im Rahmen einer Veranstaltung des Deutsch-Russischen Forums im Außenministerium zu Berlin durch die Minister Heiko Maas und Sergej Lawrow vorgenommen. Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und ihre Wladimirer Kollegin, Olga Dejewa, nehmen die Urkunde an.

Olga Dejewa und Siegfried Balleis

Olga Dejewa wollen wir denn auch in der Reihe der Geburtstagsgratulanten den Vortritt lassen:

Lieber Herr Balleis,

zu Ihrem Geburtstag gratuliere ich Ihnen herzlich und wünsche Ihnen, Ihren Verwandten und Freunden Wohlergehen, Gesundheit, Glück und Erfolg!

Ihr Jubiläum fällt mit einem anderen Datum zusammen, 35 Jahre Partnerschaft zwischen Wladimir und Erlangen. Was in den fernen 80er Jahren begann und in den 90er Jahren mit der humanitären Hilfe so richtig Fahrt aufnahm, mündete in vergleichsweise kurzer Zeit in eine Vielzahl von gemeinsamen Aktionen in den verschiedensten Bereichen: Wirtschaft, Bildung, Medizin, Kultur, Sport. Besonders wichtig aber: Jahr für Jahr können Hunderte von einfachen Bürgern unserer Städte ungezwungen einander kennenlernen und miteinander Freundschaft schließen. Wir geben damit ein ausgezeichnetes Beispiel einer Volksdiplomatie am Werk.

In Ihrer Zeit als Oberbürgermeister bewahrten Sie sowohl die Traditionen als auch die Prinzipien unserer Partnerschaft, indem Sie das Format des Austausches erweiterten, unsere Völker einander näherbrachten und die kulturellen sowie andere Verbindungen stärkten. Und das alles taten Sie mit großer Offenheit, Herzlichkeit und Verständnis. Dank Ihnen bleiben Erlangen und Wladimir Partnerstädte mit beachtlichen Entwicklungsperspektiven. Und nach wie vor helfen Erlanger uneigennützig Wladimirern im Rahmen aktueller Wohltätigkeitsprojekte.

Ich freue mich, Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben, und hoffe, lieber Siegfried, Sie auch bald einmal wieder in Wladimir begrüßen zu dürfen.

Mit den besten Wünschen, Ihre Olga Dejewa

Sergej Sacharow und Siegfried Balleis

Mein lieber Freund Siegfried,

von ganzem Herzen möchte ich Dir zum Geburtstag gratulieren und meine herzlichen Glückwünsche zu diesem Tag übermitteln! Ich erinnere mich immer mit viel Freude und Wärme an unsere gemeinsame Zeit der Festigung und Fortsetzung der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir. Ich bin Dir dankbar für die Erfahrung einer positiven Kommunikation, für die persönliche Begegnungen und Familientreffen, für Deine guten beruflichen Ratschläge und für Dein Vorbild, das mich anregte, das Fahrradtraining wieder aufzunehmen. Dank Dir treibe ich noch immer Radsport und versuche, mich fit zu halten. Das hilft mir sehr im Leben und im Beruf.

Ich bin sicher, uns stehen noch viele Treffen unter Freunden bevor, und wir werden noch so manches Gläschen Wodka oder Schnaps auf unser Wohl und das Wohl unserer Familien sowie das Fortbestehen unserer Freundschaft trinken. Nochmals meine herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag und feiere heute schön im Kreise Deiner Familie sowie mit Freunden und Verwandten!

Mit meinen besten Grüßen und Wünschen, Dein Sergej Sacharow aus Susdal und Wladimir

Julia Starikowa, Siegfried Balleis und Julia Krajnowa

Die Reihe der Gratulanten – auch aus den anderen Partnerstädten von Jena bis Umhausen, von Riverside bis Cumiana – ließe sich ad infinitum fortsetzen, und überall verdiente der Beitrag des Jubilars zum Gelingen des Austausches alle Ehren. Hier aber nur noch ein kleiner Hinweis auf eine große Initiative, die Siegfried Balleis als Rotarier wesentlich mitträgt: die Finanzierung von jährlich zwei vierzehntägigen Hospitationen aus Wladimir an den Universitätskliniken. Eine Aktion, die auch heuer im Herbst wieder fortgesetzt wird.

Siegfried Balleis mit Frau Angelika, beklatscht von Florian Janik und Edmund Stoiber bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde 2014

Auch wenn schon alles gesagt und gewünscht scheint, danke sagen kann man nie genug. Siegfried Balleis ließ sich bereits 1989, damals noch Wirtschaftsreferent, von Dietmar Hahlweg auf den „steinigen Acker“ der ökonomischen Kontakte nach Wladimir entsenden, radelte 1993 mit einer Stafette in die Partnerstadt und übernahm 1996, an die Spitze des Rathauses gewählt, das Erbe der Volksdiplomatie, um es, reich vermehrt, vor vier Jahren an seinen Nachfolger, Florian Janik, zu übergeben. Gäbe es nicht dieses hohe Maß an kommunalpolitischer Kontinuität im kommunalen auswärtigen Dienst – hier wie in Wladimir -, hätte sich auch die Bürgerpartnerschaft nie so erfolgreich entwickeln können, gäbe es sicher nicht die bevorstehende Auszeichnung in Berlin, wie schon einmal im Jahr 2002… Dafür Dank an den Jubilar und seine beiden Erlanger Kollegen sowie an Igor Schamow, Alexander Rybakow und Sergej Sacharow, mit denen Siegfried Balleis zusammenarbeitete, aber auch an Olga Dejewa, die nun in Wladimir diese Tradition mit eigenen Ideen am Leben erhält.

 

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Vorgestern gab es hier bereits – im P.S. versteckt – einen Hinweis auf den in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung erschienenen Artikel über die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir. Nun hat die Redaktion die Internetfassung des Textes im Hinblick auf das für heute terminierte Treffen zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin in Sotschi aktualisiert – und den neuen Titel gewählt: „Wo Russen und Deutsche noch offen miteinander reden“.

Julian Hans im Gespräch mit Florian Janik und Julia Obertreis

Die Reportage geht ihr Thema von zwei Seiten aus an. Zunächst analysiert Julian Hans, der Moskau-Korrespondent der SZ und eigens nach Wladimir gekommen, das Forum „Prisma“, und im zweiten Teil schließt sich Frank Nienhuysens Blick von innen an: Der Journalist, früher ebenfalls in Moskau stationiert, nun Mitglied der Redaktion in München machte sich in Erlangen ein eigenes Bild von der Partnerschaftsarbeit am Beispiel der WAB Kosbach und der Hospitationen.

Irina Schadowa und Frank Nienhuysen

An einer Stelle ist zu lesen: „Etwa 100 deutsch-russische Städtepartnerschaften gibt es, und wenn Politiker oder Wirtschaftsvertreter fordern, man müsse den Dialog suchen, so findet er unterhalb der Wahrnehmungsschwelle und abseits von Gipfeltreffen längst und immer noch statt.“ Es ist der Süddeutschen Zeitung zu danken, wenn nun die Verbindung Erlangen – Wladimir – stellvertretend für alle anderen – medial überregional wahrgenommen wird. Und hier nun zum Artikel: https://is.gd/L0nH6c in der SZ, da in der russischen Übersetzung von Irina Chasowa: https://is.gd/b3CkYm

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Sonntag, 9.4.2017

Wir trafen uns schon sehr früh am Morgen, um mit dem Kleinbus nach München zum Flughafen zu fahren. Unser Flieger nach Moskau ging gegen Mittag, und wir landeten am frühen Nachmittag in Moskau. Nach der Grenzkontrolle holten wir unsere Koffer, jedoch blieb einer verschwunden. Trotzdem machten wir uns dann per Bus auf den mehrstündigen Weg nach Wladimir. Im Erlangen-Haus angekommen, wurde ich gleich von meiner Gastfamilie abgeholt und nach Hause gebracht, während die anderen zusammen zu Abend aßen. Schon an diesem Tag lernte ich die Gastfreundschaft der Russen kennen, die mich gleich wie zu Hause fühlen ließ.

Gastgeberin Weronika Rytschkowa und Anna Barth

Montag, 10.4.2017

Nach einer Nacht in einer wohlhabenden Familie etwas außerhalb von Wladimir, traf ich mich mit den anderen der Gruppe um 9 Uhr im Erlangen-Haus wieder. Gegen 10 Uhr hatten wir einen Empfang in kleinem Kreis im Rathaus. Danach wurden wir in einem anderen Gebäude von der gesamten Diskussionsgruppe von russischer Seite erwartet. Nach einem kleinen Empfang bat man uns in das Gesprächszimmer. Es wurde kurz und knapp die Geschichte erzählt, wie man auf dieses Diskussionsforum gekommen war. Das Ziel des Forums wurde schnell geklärt, denn allen beteiligten Personen war und ist es wichtig, einen gemeinsamen Austausch der Partnerstädte über beide Seiten bewegende Themen zu veranstalten. Danach unterschrieben die beiden Oberbürgermeister das Protokoll, das die Gründung des Gesprächsforums namens PRISMA vorsieht. Anschließend eine kurze Kaffeepause, um sich nochmals vor der folgenden Diskussion zu stärken.  Das vorherrschende Thema der Diskussion waren die aktuellen Fragen der Migrationspolitik in beiden Städten, wie man die Flüchtlinge in Deutschland integriert; ob dies gelingt; die Probleme, die mit einer Flüchtlingswelle kommen und die geopolitischen Aspekte, die auch eine Ursache von Fluchtgründen sind.

Nach zwei von der deutschen Delegation allerdings auf Russisch gehaltenen Vorträgen  begann die eigentliche Diskussion. Auch wenn ich selber nichts beisteuern konnte, so habe ich doch einen guten Eindruck in den Ablauf der Gesprächsrunde bekommen können.

Nach der Diskussion gab es nochmals Kaffee, und ich erhielt die Möglichkeit, mich mit zwei Personen aus dem Jugendparlament von Wladimir zu unterhalten. Ich fragte sie nach ihrer Tätigkeiten und erkannte, wie ähnlich doch die Themen sind, die wir haben. Auch zum Jugendparlament aus Wladimir kommen andere Personen mit ihren eigenen Anliegen und tragen diese vor. Die größten Unterschiede liegen jedoch im Alter, denn wir sind zwischen 12 und 18 Jahren, die Mitglieder in der Partnerstadt zwischen 18 und knapp 30 Jahren alt. Ein weiterer Unterschied besteht darin: Die Parlamentarier aus Wladimir müssen in eigenen Bereichen arbeiten und dazu dann auch Projekte durchführen.

Später dann hatte ich die Möglichkeit, im Erlangen-Haus den Deutschunterricht der Stufen A2 und B1 zu besuchen. In der einen Klasse ging es um die Reflexivpronomen, und in der anderen Klasse besprach man die Regeln beim Bergwandern. Danach gab es noch ein gemeinsames Essen, bei dem nur ein Teil der russischen Seite anwesend war. Wie es bei den Russen üblich ist, brachte jeder einen Trinkspruch aus, der in irgendeiner Weise wichtig für das Treffen ist. So wurde auch ich als jüngste Teilnehmerin nicht davon verschont, meinen ersten Toast  auszubringen. Den verbleibenden Abend verbrachte ich dann mit der Familie.

Das Gesprächsforum Prisma

Dienstag, 11.04.2017

Auf dem heutigen Programm stand ein kleiner Stadtrundgang. Wir besuchten die prachtvolle Mariä-Entschlafens-Kathedrale, den nebenanliegenden Park und die kleine Demetrius-Kathedrale, die wir jedoch nicht betreten konnten. Am Nachmittag fuhren ein paar der Deutschen nach Susdal, wo ein Männerkloster, ein Holzmuseum und eine weitere Kathedrale besucht wurden. Am späteren Nachmittag hatte ich nochmals die Möglichkeit den Deutschunterricht zu besuchen, da die Tochter meiner Gastfamilie Unterricht hatte. Dieses Mal wurden die verschiedenen Ausweise, wie Gesundheits- oder Mitgliedskarte, besprochen. Nach diesem Unterricht verbrachte ich den Abend wieder mit der Familie. Wir spielten miteinander und lachten viel.

Anna Barth (2. v.l.) mit der Gruppe im Erlangen-Haus

Mittwoch, 12.04.2017

Für mich startete der Morgen schon um halb 5, denn unser Bus nach Moskau sollte um 5 Uhr abfahren. In Moskau hatten wir dann durch das frühe Ankommen noch sehr viel Freizeit, die wir in einem Café absaßen. Unseren Flug nach München haben dann auch alle gut überstanden, und die Heimfahrt nach Erlangen ging auch schnell vorüber.

Ich möchte mich noch einmal bei Peter Steger dafür bedanken, mich auf diese Reise mitgenommen und mir die Möglichkeit gegeben zu haben, in Ansätzen eine neue Kultur kennenzulernen, der Diskussionsrunde beizuwohnen und einen Teil der Städtepartnerschafts-Geschichte mitzuerleben. Vielen Dank.

Anna Barth

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Voller Vorfreude zeigte sich gestern vormittag Olga Dejewa beim Empfang für die Delegation ihres Kollegen Florian Janik auf die „unmittelbar bevorstehende Geburt“ des neuen Kindes der Städtepartnerschaft, das Gesprächsforum „Prisma“, durch das man sich in Zukunft Probleme und Fragen aus Politik und Gesellschaft ansehen will, die ebenso trennen wie verbinden können. Ganz wie man sie betrachtet, isoliert oder im Zusammenhang, aus dem Blickwinkel der Gemeinsamkeiten oder des Gegensatzes.

Florian Janik und Olga Dejewa mit dem Gastgeschenk, einer Schale aus der Werkstatt von Inge Howein

Wer die Partnerschaft kennt, weiß, in welche Richtung die Diskussion zwischen Erlangen und Wladimir – auch bei strittigen Themen – gehen wird, dennoch war auch in der Teilnehmer-Runde zu Beginn eine gewisse Spannung zu spüren, denn der gewählte Komplex „Migration“ erlaubt hier wie dort viele Deutungen, macht buchstäblich Stimmungen, birgt Potential für die Künder einfacher Lösungen, macht Schlagzeilen, hinter denen die notwendige Analyse oft verschwindet.

Das zu vermeiden, hier den Dialog walten zu lassen, nicht auf „Schlagworte zurückzugreifen und an der Oberfläche zu bleiben“, wie es Erlangens Oberbürgermeister formulierte, sondern sich durchaus auch selbstkritisch mit der Materie auseinanderzusetzen, soll Ziel der Diskussion sein. Mit der Betonung ausdrücklich auf Diskussion.

Florian Janik, Olga Dejewa und Wjtascheslaw Kartuchin

Der geschickt agierende Moderator und Leiter der gastgebenden Akademie für Verwaltung und Wirtschaft, Wjatscheslaw Kartuchin, verstand es denn auch im Lauf der gut dreieinhalbstündigen Veranstaltung dem Austausch von Meinungen, dem Spiel von Fragen und Antworten den notwendigen Raum zu geben. Und er bewies Mut zur Improvisation, ließ dem freien Austausch seinen guten Lauf, griff nur immer wieder mit behutsamen Mahnungen ein, sich konkret zu fassen, die Uhr im Blick zu behalten.

Blick ins Plenum

Diesem freien Reglement opferte der Gastgeber sogar die beiden russischen Vorträge, nachdem die Präsentationen der Historikerin, Julia Obertreis, und des Flüchtlingsbeauftragten der Stadt Erlangen, Amil Sharifov, bereits mehr als genug Anregung zum Disput gegeben und Jutta Schnabel vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Bewältigung der Herausforderungen durch Migrationsfragen umrissen hatte. Auch der offizielle Teil blieb wohltuend kurz gehalten: die Begrüßung, die Unterzeichnung der Gründungsurkunde des Forums – und gleich in medias res.

Florian Janik und Olga Dejewa

Wie groß das Interesse an dieser Diskussionsplattform ist, zeigt die Berichterstattung der Medien. Keine TV-Anstalt, keine Redaktion, die nicht vertreten gewesen wäre, nicht Fragen danach gestellt hätte, wie man in Erlangen an die Migration herangeht. Zu wenig Informationen, das ist deutlich zu spüren, erhält man hier aus erster Hand, zu viel ist das Bild geformt von medialen Vereinfachungen.

Julia Obertreis

Da war es denn auch wichtig, einmal den Zusammenhang nicht schlicht, sondern im geschichtlichen Überblick herzustellen, also zu zeigen, wie Deutschland über die Jahrhunderte von Immigration profitierte – von Hugenotten über Russen während der Sowjetzeit und Spätaussiedler bis zu den Heimatvertriebenen nach dem Krieg und zu den Gastarbeitern -, aber auch welche Auswanderungswellen es gab, etwa in die USA oder auf Einladung von Zarin Katharina II ins Russische Reich. Mit allen Fehlern, die etwa bei der mangelhaften Integration von Arbeitsmigranten gemacht wurden, wie Erlangens Oberbürgermeister einräumte: „Aber jetzt wollen wir es besser machen mit dem Focus auf Sprache und Bildung.“

Jutta Schnabel

Die russischen Partner, prominent politisch vertreten durch Vizegouverneur, Michail Kolkow, hakt da immer wieder nach: Ob die Flüchtlinge aus den arabischen und schwarzafrikanischen Staaten nicht doch eher am sozialen Netz Deutschlands interessiert seien als an der Arbeitsaufnahme, wie es um die Kriminalität und um die Bereitschaft bestellt sei, sich zu integrieren. Dem setzten die Gäste entgegen, man sehe Migration grundsätzlich positiv, eine Separierung in Flüchtlinge und andere „Fremde“ schaffe nur eine allgemein schlechte Stimmung, spalte die Gesellschaft, die jetzt aufgerufen sei, ein interkulturelles Miteinander zu ermöglichen.

Michail Kolkow, Alexander Krutow, Nikolaj Schtschelkonogow, Olga Dejewa und Florian Janik

Dabei hilft die Migration – etwa aus der Ukraine – auch der Region Wladimir, wo derzeit 800 Ärztestellen unbesetzt bleiben. Immerhin 30 Mediziner aus dem Nachbarland füllen diese Lücke nun zumindest teilweise, und Julia Obertreis wies durchaus auch auf den Beitrag der Gastarbeiter aus den zentralasiatischen Republiken zum Wohlstand der Russischen Föderation hin.

Julian Hans, Florian Janik und Julia Obertreis

Mit dem Ergebnis dieses ersten Treffens zeigten sich am Nachmittag dann alle zufrieden, auch Julian Hans von der Süddeutschen Zeitung, der eigens aus Moskau angereist war, um durch das „Prisma“ der Partnerschaft zu blicken. „Gehaltvoller als so manche Begegnung auf höherer politischer Ebene“, kommentierte er lobend. Und schon am Abend war man sich einig, das Forum schon im Herbst in Erlangen erneut tagen zu lassen, voraussichtlich unter dem Thema „Teilhabe: die Rolle der Zivilgesellschaft in den Partnerstädten“. Ein guter Ausblick auf die Zukunft einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir.

Jurij und Ljubow Katz mit Florian Janik

Zu dieser Zusammenarbeit gehört seit Anfang der 90er Jahre die Selbsthilfeorganisation „Swet“, deren Gründern, dem Ehepaar Ljubow und Jurij Katz, Erlangens Oberbürgermeister als Symbol der Verbundenheit das Stadtwappen überreichte, gefertigt von einem Bewohner der Stadt-Mission Mensch aus Molfsee.

Begehung der Baustelle Pilgerzentrum mit Pfarrer Sergej Sujew

Zu dieser Zusammenarbeit gehört ebenfalls seit den frühen 90er Jahren die Verbindung mit der Rosenkranzgemeinde, deren Bauprojekt „Pilgerzentrum“ nun in die entscheidene Phase der Innengestaltung geht, bevor, wie Pfarrer Sergej Sujew meint, mit Hilfe unserer deutschen Freunde im nächsten Jahr die Einweihung stattfinden kann.

Amil Scharifow, Wladimir Rybkin und Wolfgang Niclas

Und zu dieser Zusammenarbeit gehört nun auch der Austausch zwischen den Gewerkschaften, wie Wolfgang Niclas und sein Kollege, Wladimir Rybkin, Vorsitzender des Regionalverbands der Russischen Maschinenbaugewerkschaft, bekunden. Aber auch die Fortsetzung der Verbindung des Erlangen Jugendparlaments zu Wladimir und vieles mehr, von dem demnächst hier noch die Rede sein wird, immer mit dem Blick durch das „Prisma“.

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