Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Geschichte Wladimirs’


Wladimir verlor nach dem Mongolensturm und dem Aufstieg Moskaus nicht nur seine Bedeutung als Hauptstadt der vorzaristischen Rus und Sitz des Patriarchen, sondern verschwand regelrecht in der provinziellen Bedeutungslosigkeit. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte die Partnerstadt nach allgemeinem Dafürhalten erst wieder mit Alexander Herzen, der 1838 als Verbannter die Erlaubnis erhielt sich in Wladimir niederzulassen, wo er heiratete, Vater eines Sohnes wurde und die Lokalzeitung leitete. Kurz darauf zog der Publizist schon wieder weiter nach Moskau und überließ Wladimir wieder der Bedeutungslosigkeit, wie der Politologe Roman Jewstifejew meint.

Doch der Dozent an der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft läßt sich gern eines Besseren belehren. Das Buch der amerikanischen Historikerin Susan Smith-Peter „Imagining Russian Regions, Subnational Identity and Civil Society in Nineteenth-Century Russia“, erschienen 2018, nämlich bezeugt ein Wladimir auch ohne Alexander Herzen mit dem Bild auf dem Umschlag „Wladimir an der Kljasma“ von Andrej Martynow aus dem Buch „Eine Reise in Gemälden von Moskau bis zur chinesischen Grenze. Sankt Petersburg, 1819“, entstanden also vor genau 200 Jahren.

Read Full Post »


Man kann es weit bringen, wenn man wie Michail Lasarew am 14. November 1788 in Wladimir als Sohn einer adligen Familie geboren wurde und der Vater den Kindheitstraum erfüllt, zur See zu fahren, was man freilich nicht zu Hause erlernen kann, weshalb man schon früh an die Kadettenschule nach Sankt Petersburg muß. 1803 schickte man von dort die 30 besten Absolventen zum Praktikum nach England, darunter auch den jungen Mann aus Wladimir, der von 1808 bis 1813 in der Baltischen Flotte des Russischen Reiches diente um am Krieg gegen die Schweden und Napoleon teilnahm.

Michail-Lasarew-Gedenkmünze

Mit gerade einmal 25 Jahren übertrug man 1813 Michail Lasarew das Kommando über die „Suworow“, die von Kronstadt aus zu einer Weltumsegelung entlang den Küsten von Alaska aufbrach. Kurz nach der Rückkehr unterstellte man dem jungen Mann die „Mirnyj“ und machte ihn zur rechten Hand von Fabian Bellinghausen, der 1819 mit seiner „Wostok“ in die Südsee aufbrach und auf seinem Weg Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln erkunden sollte.

Russische Flottenkommandeure: Michail Lasarew 25 Kopeken, Pawel Nachimow 30 Kopeken

Es herrschte schwere See, von 751 Tagen unterwegs hatte man 527 Tage vollen Wind in den Segeln. Am Ende hatte man mehr als 50.000 Meilen zurückgelegt. Am 16. Januar 1820 dann – nach der Entdeckung von vielen bis dahin unbekannten Inseln – die Sichtung der Antarktis, jenes neuen Kontinents, dessen Existenz James Cook nicht für möglich gehalten hatte.

Michail-Lasarew-Gedenktafel in Wladimir

1822 startete der Seemann aus Wladimir mit der „Krejser“ seine letzte Weltumseglung, zu der er seinen Lieblingsschüler und späteren Admiral Pawel Nachimow aus dem Gouvernement Smolensk als Wachoffizier mitnahm. In der Seeschlacht von Navarino schlug Michail Lasarew auf seiner „Asow“ am 20. Oktober 1827 zusammen mit den Verbündeten der englischen und französischen Flotte den türkisch-ägyptischen Gegner und wurde dafür zum Konteradmiral befördert.

Wladimir-Kirche in Sewastopol, Begräbnisstätte von Michail Lasarew

1833 schließlich der Höhepunkt der Karriere: 1833 wurde der Seefahrer zum Oberkommandierenden der Schwarzmeerflotte und Militärgouverneur von Sewastopol und Nikolajew ernannt. Nach dem großen Sohn Wladimirs, der am 23. April 1851 in Wien verstarb und in Sewastopol begraben wurde, sind Buchten, Inseln und sogar ein Gebirgszug benannt.

Read Full Post »


Die Lybjed, ganz in Wladimirs historischer Nachfolge von Kiew nach einem Zufluß des Dnjepr benannt, war dereinst ein munterer Bach, der auf einer Länge von viereinhalb Kilometern die nördliche und östliche Grenze Wladimirs bildete. Erst im 14. und 15. Jahrhundert dehnte sich die Stadt mit ersten Siedlungen auch jenseits der Lybjed aus. Im 19. Jahrhundert legte man am linken Bachufer Obstgärten (die berühmten Wladimirer Kirschen!) an, die als Landschaftsschutzzone noch heute teilweise erhalten sind und im wesentlichen unterhalb des Weißen Hauses, der Staatskanzlei und des „Landtages“ der Region, liegen.

Lybjed in den 50er Jahren, im Hintergrund das Rot-Kreuz-Krankenhaus

Lybjed in den 50er Jahren, im Hintergrund das Rot-Kreuz-Krankenhaus

Ein erst unlängst aufgetauchtes Photo von Nikolaj Atabakow aus den 50er Jahren zeigt die Idylle, die hier herrschte, bevor man in den 60er Jahren zweieinhalb Kilometer der Lybjed in den Untergrund verlegte.

Lybjed heute kurz vor der Mündung in die Kljasma

Lybjed heute kurz vor der Mündung in die Kljasma

Der Lybjed-Graben, übrigens einen Steinwurf hinter dem Erlangen-Haus gelegen, war immer wieder Objekt großer Pläne für eine Parkzone, aber so richtig ist da nie etwas daraus geworden. Vielmehr überließ man diesen grünen Gürtel weitgehend sich selbst. Und damit dem Verfall.

Lybjed-Graben mit Obdachlosem im April 2014

Lybjed-Graben mit Obdachlosem im April 2014

Und schließlich gab man das einstige Bachbett wohl auf. Gestrandete Menschen leben hier zeitweise, Müll und Abfälle prägen das Bild. Unwirtlich ist am einstigen Wasserlauf geworden, und seit 1997 wartet man auf die Verwirklichung der damals im Bauplan festgeschriebenen Umgehungsstraße, die den Verkehr aus der Innenstadt verlagern und dort eines Tages auch die Einrichtung einer Fußgängerzone ermöglichen soll.

Model des Zentralen Stadtparks

Model des Zentralen Stadtparks; hinten links das Weiße Haus

Etwas bachaufwärts gelangt man in den Schatten des Weißen Hauses, das dieser Tage zu öffentlichen Anhörungen eingeladen hat. Es geht um ein grandioses Vorhaben eines lokalen Baukonzerns, der hier auf einer Fläche von 20 ha bis 2021 für neun Milliarden Rubel einen Zentralen Stadtpark mit angeschlossenem Geschäftszentrum errichten will. Thematisch geordnet mit Bauten im Stil der unterschiedlichen Entwicklungsepochen der Stadt. Ob das alles so kommen wird, weiß heute noch niemand sicher zu sagen. Nur die Lybjed dürfte wohl nie mehr in ihr angestammtes Bett zurückkehren.

Read Full Post »


Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Deshalb heute einmal Zurückhaltung beim Text zu Gunsten der Betrachtung einer Ansicht von Wladimir.

Wladimir, Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Illustration zeigt Wladimir von Nordost und findet sich in den „Wladimirer Sammlungen“, Materialien zu Statistik, Ethnographie, Geschichte und Archäologie des Gouvernements Wladimir aus dem Jahr 1857.

Read Full Post »


Heuer begeht Rußland ein besonderes Jubiläum: die Eintausendeinhundertfünfzigjahrfeier der Staatsgründung mit einer Vielzahl von Festakten, Ausstellungen, Diskussionen, Symposien. Am Ende des Gedenkjahres wird ganz sicher die Frage nach dem Status quo und dem Quo vadis stehen, denn auch zwei Dekaden nach dem Zerfall der UdSSR hat die Russische Föderation noch keine neue Staatsdoktrin entwickelt, kein Band gefunden, von dem das größte Land der Erde im innersten zusammengehalten wird.

Der Blick zurück in die Geschichte kann da manche Ansicht zurechtrücken, und da just Wladimir als Hauptstadt der Rus nach dem Fall Kiews und vor der eigenen Einnahme durch die Mongolen – also zwischen 1243 und 1389 – eine zentrale Rolle bei der Geburt des russischen Staatswesens spielte wird es auch die Partnerstadt Erlangens ein, wo in den nächsten Monaten so manches Großereignis mit historischem Bezug stattfinden wird.

Altarkreuz Wladimir

Den Anfang macht die Übergabe eines Altarkreuzes aus dem 12. Jahrhundert, das auf dem Erlöser-Hügel gefunden und nun, nach der Restauration, dem Wladimirer Landesmuseum übergeben wurde. Die Form des Kultgegenstandes weist zurück nach Byzanz. Der Querbalken trägt die Inschrift „Jesus Christus König der Juden“ und zeigt zwei Engel. Derartige Kreuze kennt man bisher auf altrussischer Erde nur aus Kiew und Chersones in der Ukraine. In Wladimir ist es aber schon der zweite Fund dieser Art, ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung der Stadt, bevor Moskau das Zepter übernahm. Allerdings fanden die Archäologen beim ersten Mal nur noch Fragmente. Doch nun das gesamte Kreuz, das Forscher in Verbindung bringen mit byzantinischen Vorbildern aus dem 11. Jahrhundert. Im Katharinenkloster auf dem Sinai hängt darüber hinaus eine byzantinische Ikone, eine Auftragsarbeit von Kreuzfahrern, deren Sujet exakt die gleiche Szene darstellt wie auf dem Wladimirer Kreuz.  Zusammen mit 65 weiteren Objekten wird dieses frühe Zeugnis der Ostkirche bald in einer großen Gesamtschau der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die wird unterdessen weiter fragen nach der eigenen Identität und wohl da beginnen müssen, wo Wladimir Putin vor zehn Jahren schon die Staatsideologie vermutete, nämlich „wahrscheinlich in der Orthodoxie“.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: