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Posts Tagged ‘Gesa Baum’


In der vergangenen Woche endete das Praktikum, das Gesa Baum seit Anfang August am Rot-Kreuz-Krankenhaus in Wladimir absolvierte. Hier nun ihr Abschlußbericht.

Da sitze ich nun also am Flughafen Wnukowo in Moskau und warte bis das Boarding für meinen Rückflug nach Berlin beginnt. Schon heute abend bin ich, wenn alles gut läuft, wieder zurück in Deutschland – werde auf einmal keine Wörter mehr nachschlagen müssen, selber kochen und mich wieder an die Verspätungen der Deutschen Bahn gewöhnen (hier war jeder meiner Züge auf die Minute pünktlich!). Wahrscheinlich wird das alles ein ganz schöner Kulturschock. Aber das gehört wohl dazu.

Operation in Wladimir

Wie waren sie also, diese sechs Wochen in Wladimir? Lehrreich. Im Krankenhaus entwickelte sich bald eine Alltagsroutine: Morgens Ärztekonferenz, danach Visite, Eingriffe und Operationen. Sweta, eine der Ärztinnen, kümmerte sich besonders um mich: Sie nahm sich bei der Visite Zeit, mit mir gemeinsam die Patientinnenakten durchzugehen, Labor- und Untersuchungsergebnisse zu erklären und die Behandlungsoptionen zu erläutern. Das war besonders spannend, wenn ich vorher oder nachher bei den jeweiligen Operationen dabei sein durfte – so bekam ich die Gelegenheit, den ganzen Behandlungspfad mitzuverfolgen. Doch damit nicht genug: Nach einiger Zeit durfte ich sogar hin und wieder bei Operationen assistieren! Keine Angst, natürlich legte ich nicht selber Hand an, sondern hielt Haken oder (im Falle einer Laparoskopie) die Kamera; aber schon das war für mich als jemand, die in drei Jahren Studium vor allem theoretisches (Halb-)Wissen angehäuft hatte, ein Riesenschritt in Richtung Praxis! Dabei wurde mir auch klar, was für ein handwerklicher Beruf die Medizin sein kann: Um Eingriffe routiniert und zügig durchzuführen, braucht es neben einem fundierten fachlichen Hintergrund eben auch Jahre an praktischer Erfahrung. Jaja, es liegt noch ein langer Weg vor mir…, ein spannender.

Gesa Baum in Susdal

Was mich allerdings irritierte, war der manchmal doch recht harsche Umgangston Patientinnen gegenüber, die Ängste oder Bedenken wegen einer Behandlungsoption äußerten. Das Arzt-Patientenverhältnis scheint hier hierarchischer zu sein als in Deutschland. Doch das stört die meisten anscheinend nicht – regelmäßig werden die Ärztinnen und Ärzte von dankbaren Patientinnen mit Alkohol, Pralinen und Blumen beschenkt.

Gesa Baum – Geburtstag in Wladimir

Mit dem Team auf Station und Zuhause bei Irina führte ich immer wieder Gespräche über die gesellschaftliche und politische Situation in unseren Ländern. Mich erschreckte, wie in den Köpfen vieler Menschen hier der Kalte Krieg noch gar nicht vorbei zu sein scheint: Wenn es um den Ukraine-Konflikt oder die schwierige wirtschaftliche Situation ging, bekam ich oft Sätze zu hören wie: „Die USA sind an allem schuld“. Einige, vor allem Jüngere, sehen das Ganze pragmatischer: Die machtpolitische Lage habe sich in den letzten Jahren zu Ungunsten der Russischen Föderation verschoben; da sei es logisch, wenn gerade Europa sich mehr zu den USA hin orientiere und die eigenen Bündnispartner weniger würden. Sprachen lernen – vor allem Englisch und Deutsch – ist angesichts der mangelnden Perspektiven bei heimischen Unternehmen für junge Menschen ein wichtiges Thema. Auch die Meinungen zu Deutschland sind vielfältig: Einerseits werden Technik, Ordnung und Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bewundert; andererseits hatte ich das Gefühl, regelrecht bemitleidet zu werden für die große Anzahl an Flüchtlingen, die angeblich „die deutsche Kultur“ bedrohen. Entwicklungen wie die Einführung der Homo-Ehe und die zunehmende Debatte über Geschlechterrollen werden in den russischen Medien mit großer Aufmerksamkeit bedacht: So schaffte es die Meldung, eine Mutter in Deutschland habe versucht, ihre Tochter in einen Knabenchor zu klagen, doch tatsächlich in eine nationale Nachrichtensendung! Es gibt noch eine Menge weiterer Themen, über die ich viele unterschiedliche und überraschende Einstellungen hörte, so zum Beispiel die jüngsten Proteste in Moskau, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an Stalin – doch das alles auszuführen, würde leider den Rahmen dieses Berichts sprengen. Festzuhalten bleibt: Einfache Wahrheiten sind rar.

Gesa Baum 10

Gesa Baum

Und dann war da ja noch der kulturelle Teil: In Wladimir selbst bestaunte ich viele der altehrwürdigen Kirchen und Klöster, den prachtvoll blühenden Patriarchengarten sowie die Gemäldegalerie. An meinem Geburtstag überraschte mich meine Gastfamilie mit einem Ausflug nach Susdal, das vor 800 Jahren gemeinsam mit Wladimir Hauptstadt der Rus war. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine große Dichte von Kirchen gesehen zu haben! Wortwörtlich alle paar Schritte tauchte die nächste im Blickfeld auf – wirklich erstaunlich.

Kasan

Ein weiteres Highlight meines Aufenthalts war ein Wochenendtrip nach Kasan: Zunächst kam es mir ein wenig verrückt vor, wenn mir von allen Seiten gesagt wurde, ich müsse unbedingt in diese 600 km entfernte Stadt fahren. Für deutsche Verhältnisse ist das ja nicht gerade um die Ecke. Doch die Reise lohnte sich: In der Hauptstadt der Republik Tatarstan entdeckte ich ein meine Stereotypen wohltuend durcheinanderbringendes Gastland: Eine prachtvolle Moschee inmitten des Kremls als Symbol des friedlichen Zusammenlebens von Russisch-Orthodoxen und Muslimen; Minarette, Zwiebeltürme und westlich anmutenden Straßenzüge aus der Zeit von Katharina der Zweiten, die mich an St. Petersburg erinnerten.

Mütterchen Wolga

Nicht zu vergessen: Mütterchen Wolga, bei deren Anblick man fast traurig werden kann vor lauter Schönheit und Weite. Eine Woche später nahmen Sweta, die oben bereits erwähnte Ärztin, und ihr Freund mich mit auf die riesige Flugshow und -messe „MAKS“ am Moskauer Flughafen Schukowskij. Obwohl ich mit dem Kriegsgerät, das dort ausgestellt wurde, nicht viel anfangen konnte, war ich doch schwer beeindruckt von der riesigen Masse an Menschen, die sich dort versammelte, um waghalsige Flugmanöver zu bestaunen. Unter der Woche versuchte ich hin und wieder abends, Irinas Enkelin Dascha bei ihren Deutsch-Hausaufgaben zu helfen. Dabei fiel mir auf, wie wenig ich über deutsche Grammatik weiß: Wie wird zum Beispiel das Perfekt gebildet?! Schon ein wenig peinlich. Das zu begreifen, bestärkte allerdings meine Hochachtung vor Dascha, die trotz aller Untiefen der deutschen Sprache gut vorankommt und sich nicht entmutigen lassen will. Irina und Dascha führten mich im Gegenzug in die Welt des sowjetischen Films ein: „Iwan Wassiljewitsch ändert den Beruf“, „Das Märchen vom Zaren Saltan“ und natürlich der absolute Klassiker „Ironie des Schicksals“, eine dreistündige Liebeskomödie, die jedes Jahr an Silvester gezeigt wird (dagegen bei uns zehn Minuten „Dinner for One“…). Diese und weitere Filme haben tatsächlich so einen Kultstatus erreicht, daß auch jüngere Menschen sie schauen und viele Zitate daraus zu bekannten Redewendungen geworden sind.

Gesa Baum 11

Gesa Baum in Susdal

Das letzte Wochenende verbrachte ich wie das erste: Auf der Datscha mit Irina, ihrem Mann Wiktor und dem Kater Wassja; mit Banja, gutem Essen und Sanddornpflücken im blühenden Garten. Die sechs Wochen, die am Anfang so reichlich schienen, waren (wie das immer so ist) schneller und schneller geschrumpft, bis es schließlich unerwartet plötzlich hieß: Abschied nehmen.

Wie ich sie hasse, diese ollen Abschiede. Von Menschen, die mich so berührt haben mit ihrer Herzlichkeit, ihrer Offenheit, ihrer Bereitschaft, mich, eine wildfremde Medizinstudentin aus Deutschland, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, einfach so.

Sweta und Wiktor auf der Datscha

Was bleibt also? Dankbarkeit. Wehmut. Fragen über Fragen. Neugier. Und die Idee, nächstens mein Medizinstudium für ein Jahr Slawistik zu unterbrechen. Wer weiß, was für Langzeitfolgen dieses Praktikum noch haben wird?

Gesa Baum

Siehe auch: https://is.gd/62LsfM

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Mein Wladimir-Abenteuer begann eigentlich schon auf dem Weg hierher. Da ich vorher in Weißrußland war, konnte ich nur von Minsk aus nach Moskau fliegen (der belarussisch-russische Grenzübertritt auf dem Landweg ist für Deutsche verboten). Vom Flughafen aus machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof Kurskaja, von wo mein Zug nach Wladimir abfahren sollte. Alles klappte fabelhaft; ich hatte dort sogar noch Zeit, mir eine russische SIM-Karte zu besorgen. Ging also in Ruhe zum Bahnsteig, ließ entspannt noch eine dieser ungezählten Gepäckkontrollen über mich ergehen, um den Zug betreten zu dürfen – und bemerkte in dem Moment, als ich einsteigen wollte, daß mein Paß verschwunden war. Schock. Blitzschnell schoß mir durch den Kopf, daß ich den Ausweis wohl in dem Laden, wo ich die SIM-Karte gekauft, liegen gelassen hatte. Hoffentlich – wenn er stattdessen aus meiner Tasche gefallen war… Lieber nicht drüber nachdenken. Und noch weniger darüber, daß in zehn Minuten mein Zug abfahren würde; höchstwahrscheinlich ohne mich, da ich, um in den Bahnhof hinein- und wieder herauszukommen wieder Gepäckkontrollen vor mir hatte, ganz zu schweigen von der Suche nach dem Laden in diesem Chaos von Menschenmassen… Es war 21 Uhr, um 23 Uhr erwartete mich Irina, die Krankenschwester, bei der ich wohnen würde – der gegenüber ich eh schon wegen der späten Verbindung ein schlechtes Gewissen hatte. All diese Gedanken liefen zum Glück nur in meinem Hinterkopf ab, mein Frontalkortex schaltete dagegen auf „Machen“. Ich also rein in den Bahnhof, verirrt, wieder raus, anderer Eingang. Nach unten, in den Laden gestürmt, peinlich betretener Verkäufer überreicht mir meinen Paß. Schaue auf die Uhr: 21:07 – 21:08 Abfahrt des Zuges. Hoffnungslos. Nur um es zumindest probiert zu haben, renne ich mit letzter Kraft nach oben auf den Bahnsteig. Und da geschieht das Wunder: Der Mann an der Gepäckkontrollstation tritt einfach zur Seite und ruft mir „Renn!!“ hinterher. Der Schaffner, der gerade zur Abfahrt pfeifen will, zieht mich in den Zug, die Türen schließen sich hinter mir. Eine andere Schaffnerin neben mir lächelt mich an, gemeinsam atmen wir erleichtert auf. Ich kann nicht fassen, daß es tatsächlich noch geklappt hat – ich sitze im Zug nach Wladimir!

Dort angekommen, erwartete mich direkt eine Überraschung: Statt, wie erwartet, schon am nächsten Morgen mit der Arbeit anzufangen, eröffnete mir Irina, diese unglaublich herzliche Frau, daß wir morgen zu ihrem Mann auf die Datscha fahren, weil sie das immer so macht am Wochenende. Die Datscha… Was hatte ich nicht schon für unzählige Geschichten gelesen und gehört über diesen angeblich russischsten aller russischen Orte! Und ich kann wahrhaftig nicht sagen, enttäuscht worden zu sein. Gleich am Abend ging es in die Banja (russische Sauna), zum Schluß Abklopfen mit Birkenzweigen. Nachdem der Kreislauf so ordentlich in Schwung gekommen war, wartete ein fürstliches Essen mit Freunden auf uns, wobei ein wenig Wodka und eingelegte Gurken natürlich nicht fehlen durften… Am nächsten Tag gab es gleich noch ein Festgelage; zwischendurch durfte ich den traumhaften Garten von Irina und ihrem Mann bestaunen. Wer immer beim Stichwort „Osteuropa“ Plattenbauten vor Augen hat, denen sage ich: Besucht eine Datscha, und Eure Vorstellung wird sich um 180 Grad wenden. Schönheit ist gar kein Wort dafür. Ehrlich.

Nun aber zum Hauptgrund meines Aufenthaltes hier: Mein Praktikum im Rotkreuz-Krankenhaus. Schon seit vielen Jahren gibt es einen regen Austausch zwischen diesem Krankenhaus und Erlangen. Michail Tjukarin, der Arzt, der meinen Aufenthalt hier organisiert, erzählte mir, er sei schon 1989 zum ersten Mal in die deutsche Partnerstadt gereist! Das Rot-Kreuz-Krankenhaus ist ein Haus der Akutversorgung – hier werden keine elektiven Operationen durchgeführt, sondern man kann sich hier melden, wenn dringend eine Behandlung benötigt wird. Ich bin jetzt mittlerweile seit einer Woche auf der gynäkologischen Abteilung. Hierher kommen zum Beispiel Patientinnen, die eine Eileiterschwangerschaft haben oder wegen eines Myoms (gutartiger Muskeltumor) in der Gebärmutter an Blutverlust und Schmerzen leiden. Insgesamt arbeitet ein elfköpfiges Ärzteteam auf der Station, von denen ca. vier in einer Schicht arbeiten.

Gesa Baum mit „ihrem Kind Natascha“ in Minsk

Neu für mich: Jeder Morgen beginnt mit einer Konferenz, zu der sich alle Mediziner des Krankenhauses versammeln und verlesen, welche Neuaufnahmen und Entlassungen es auf ihren Stationen gab. Danach geht es an den meisten Tagen in den OP: Der Großteil der Operationen wird laparoskopisch (wenige kleine Löcher in den Bauch, durch die Kamera und Instrumente gesteckt werden) durchgeführt. Praktisch für mich: Ich kann bequem im Sitzen auf dem Bildschirm verfolgen, was geschieht und mir in Ruhe Fragen an die Fachleute überlegen, die stets bereitwillig antworten. Überhaupt bin ich überrascht, wie sehr man sich um mich kümmert: Gefühlt alle zwei Minuten werde ich gefragt, ob ich heute denn genug gegessen habe (habe ich – ich mußte mir schon Turnschuhe kaufen, um dem Kalorienüberfluß wenigstens ein bißchen einzudämmen) und sowohl das Pflegepersonal als auch die Ärzte sind immer offen für einen kleinen Plausch – egal, ob es dabei um bei mir zu füllende medizinische Wissenslücken, deutsche Flüchtlingspolitik oder um die Frage geht, warum Russen in der Öffentlichkeit eigentlich nie lächeln.

So viel also zu meiner ersten Woche in Wladimir. Wie man hoffentlich aus diesem Bericht merkt, fühle ich mich sehr wohl und bin immer wieder baff über die Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die mir entgegengebracht wird. Ich freue mich schon auf den kommenden Monat und bin gespannt, was ich noch entdecken werde: Im Krankenhaus, auf Ausflügen – aber vor allem bei den Menschen.

Gesa Baum

P.S.: Mehr zu Gesa Baum ist hier zu lesen: https://is.gd/0uxwaV, und zu den Urgründen der Medizinkontakte mit Michail Tjukarkin geht es da zurück: https://is.gd/R0NBBa

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