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Posts Tagged ‘Gerd Lohwasser’


Fragt man nach dem Erfolgsrezept der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, gehört zu den wichtigsten Zutaten unbedingt die Kontinuität in den kollegial-freundschaftlichen Beziehungen der politischen Spitzen hier wie dort. Das weiß niemand besser als Nikolaj Winogradow, der in seiner Amtszeit von 1996 bis 2013 stets darauf bedacht war, zu Erlangen auf allen Ebenen beste Kontakte zu unterhalten, alte Freundschaften zu pflegen und immer bereit zu sein, auch neue Verbindungen einzugehen. Stets im Geist der Verständigung und unter seinem Motto: „Es gibt keine schlechten Völker, Nationen oder Parteien, es gibt nur schlechte Menschen.“

Florian Janik und Nikolaj Winogradow

Florian Janik und Nikolaj Winogradow

Nach Erlangen freilich ist der Politiker im Ruhestand gekommen, um all die guten Menschen wiederzusehen, die er in den Jahren einer engen Zusammenarbeit kennengelernt hatte. Besonders freut es ihn da, nun auch zum ersten Mal mit Florian Janik zusammenzutreffen und sich davon überzeugen zu können, wie sehr sich Erlangens Oberbürgermeister in der Tradition seiner Vorgänger im Amt, Dietmar Hahlweg und Siegfried Balleis, sieht, gerade wenn es um die Bedeutung der deutsch-russischen Verständigung geht. Da verstehen sich die beiden auf Anhieb.

Nikolaj Winogradow im stillen Gedenken an Gerd Lohwasser

Nikolaj Winogradow im stillen Gedenken an Gerd Lohwasser

Von einem alten Freund konnte der Gast nur noch stillen Abschied nehmen. Mit Gerd Lohwasser hatte Nikolaj Winogradow vieles eng verbunden: Geradlinigkeit, Zugewandtheit, Überzeugungskraft, Verläßlichkeit und vor allem dieser besondere Sinn für Humor und Pointe. So unterschiedlich sie ihrer Parteizugehörigkeit nach waren – der eine führender Kopf in der CSU, der andere aus dem Leitungskader der Kommunistischen Partei -, verstanden sie einander doch prächtig und waren einander in freundschaftlichem Respekt zugetan. Gute Menschen eben.

Russische Wochen in Erlangen 2016: Reinhard Beer, Peter Steger, Nikolaj Winogradow und Christine Flemming

Russische Wochen in Erlangen 2016: Reinhard Beer, Peter Steger, Nikolaj Winogradow und Christine Flemming; Photo: Günter Wolf

Es war wohl sein Credo von der Macht der guten Menschen, sein Glaube an jene, die für Verständigung und Versöhnung eintreten, gemischt mit seinem verschmitzten Witz, was das Publikum am Montagabend im Club International der Volkshochschule so für den Referenten einnahm. Sicher aber auch seine große Dankbarkeit dafür und seine ansteckende Freude darüber, was er alles in seiner aktiven Zeit in der Zusammenarbeit mit Erlangen hat erleben und gestalten dürfen: besonders das Erlangen-Haus und der Blaue Himmel, die ohne Nikolaj Winogradows Unterstützung – auch wenn er selbst das nie so formulieren würde – kaum hätten Wirklichkeit werden können.

Russische Wochen in Erlangen 2016: Siegfried Balleis, Rudolf Schwarzenbach und Klaus Wrobel

Russische Wochen in Erlangen 2016: Siegfried Balleis, Rudolf Schwarzenbach und Klaus Wrobel, im Hintergrund Dieter Argast; Photo: Günter Wolf

Zum gestrigen Abschiedsessen lud denn auch Nikolaj Winogradow, der heute wieder die Heimreise antritt, all seine engsten Erlanger Freunde ein – und erlebte etwas, das zu dieser Bürgerpartnerschaft gehört und doch immer wieder überrascht: Er begegnet einem alten Bekannten aus Wladimir, Fjodor Lawrow, der, eben erst angekommen, als Gründungsmitglied von Rotary Wladimir zur Ausarbeitung eines neuen Projekts bei seinen deutschen Klubfreunden zu Gast ist. Aber das ist dann schon wieder eine andere Geschichte, die ein andermal zu erzählen ist.

Angelika Balleis, Ludmila Winogradowa, Ludmila Kondratenko, Fjodor Lawrow, Dietmar Hahlweg, Klaus Wrobel, Siegfried Balleis, Peter Steger, Nikolaj Winogradow, Rudolf Schwarzenbach und Rainer Hornschild

Angelika Balleis, Ludmila Winogradowa, Ludmila Kondratenko, Fjodor Lawrow, Dietmar Hahlweg, Klaus Wrobel, Siegfried Balleis, Peter Steger, Nikolaj Winogradow, Rudolf Schwarzenbach und Rainer Hornschild; Photo: Nadja Steger

Es blieb schließlich Dietmar Hahlweg überlassen, prägnant dem Geist der Begegnungen mit Nikolaj Winogradow und der Partnerschaft insgesamt Ausdruck zu verleihen: „Wir sind alten Freunden treu und für neue immer offen.“ Ein Wahlspruch, der sich über mehr als 30 Jahre bewährte, eine Maxime, die noch lange Zeit währen möge.

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Der am Dienstag so jäh verstorbene Gerd Lohwasser stand in den frühen 80er Jahren einer Städtepartnerschaft mit Wladimir noch ausgesprochen kritisch gegenüber. Die einfachen Menschen werden, so sein Tenor, ohnehin nichts von den Beziehungen haben, und für einen reinen Austausch von Höflichkeiten unter Funktionären könne er nicht stimmen. Zudem führte er mit Verweis auf das Gefängnis, in dem prominente Dissidenten festgehalten wurden, die kritische Menschenrechtslage ins Feld und bezweifelte in Zeiten des Kalten Krieges grundsätzlich die „außenpolitischen“ Möglichkeiten von Kommunen aus entgegengesetzten weltanschaulichen Systemen, in Richtung Entspannung und Verständigung zu wirken.

Marina Trubizyna, Gastlehrerin aus Wladimir, mit Gerd Lohwasser

Marina Trubizyna, Gastlehrerin aus Wladimir, mit Gerd Lohwasser

Doch als es 1987 im Stadtrat zum Schwur kam und seine Fraktion der CSU aufgefordert war, dem Antrag der SPD zu folgen, hatte Gerd Lohwasser seine Partei längst auf ein Pro eingestimmt und zeigte damit seine vielleicht herausragendste Gabe: die eigene Position nie an ideologischen Standpunkten festzumachen, sondern stets mit den tatsächlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten abzugleichen.

Gerd Lohwasser und eine Hallenfußballmannschaft aus Wladimir

Gerd Lohwasser und eine Hallenfußballmannschaft aus Wladimir

In den fünf „Probejahren“ der Partnerschaft seit 1983 hatte sich der gelernte Pädagoge davon überzeugen lassen: Wladimir paßt zu Erlangen, und die Menschen hier wie dort wollen ein Miteinander. Wie sollte er sich dem entgegenstellen!

Gerd Lohwasser bei der Feuerwehr in Wladimir

Gerd Lohwasser mit Melitta Schön, Nadja Steger, Brüne Soltau und Helmut Schmitt bei der Feuerwehr in Wladimir

Zumal er, der bereits im Oktober 1974, wie sich der ehemalige Leiter des Bürgermeister- und Presseamts, Helmut Schmitt, erinnert, beim zehnjährigen Partnerschaftsjubiläum in Rennes das „Feuer der internationalen Kontakte für seine späteren Aktivitäten auf Stadt- und Bezirksebene entdeckte“; er, der Mitte der 80er Jahre mit Stadtratskollegen wie Wolf Peter Schnetz und Claus Uhl in Polen nach einer Partnerstadt suchte und später als Bezirkstagspräsident maßgeblich zum Zustandekommen der Beziehungen zwischen Mittelfranken und Pommern beitrug, von all den anderen Freundschaftskontakten zu Jena, Stoke-on-Trent, Umhausen, Cumiana oder Gabarone sowie zu den Vertriebenen aus Brüx und Komotau ganz zu schweigen. Und das als jemand, der, 1941 in Karlsbad geboren, die Vertreibung am eigenen Leib hatte erleben müssen!

Gerd Lohwasser, Heinrich von Mosch, Peter Steger, Jurij Fjodorow und Nikolaj Winogradow

Gerd Lohwasser, Heinrich von Mosch, Peter Steger, Jurij Fjodorow und Nikolaj Winogradow

1994 reiste Gerd Lohwasser als Präsident der Bezirkstags von Mittelfranken mit Regierungspräsident Heinrich von Mosch nach Wladimir, und der konservative Besucher verstand sich auf Anhieb mit dem kommunistischen Gastgeber und Kollegen, Nikolaj Winogradow, dem späteren Gouverneur und damaligen Vorsitzenden der Regionalduma. In Statur und als Frohnatur waren sich die beiden auf ganz sympathische Weise ähnlich, vor allem aber in einem: im überparteiischen Pragmatismus, gepaart mit unbedingter Verläßlichkeit. Die beiden hätten sich Ende nächster Woche gern wiedergesehen. Doch nun bleibt nur die Erinnerung.

Gerd Lohwasser bei der Verabschiedung von Amtsleiter Helmut Schmitt

Gerd Lohwasser bei der Verabschiedung von Amtsleiter Helmut Schmitt

Gerd Lohwasser beließ es nicht bei diesem Besuch. 2003 nahm er am Stadtfest in Wladimir teil und attestierte den Freunden, sie verstünden sich mindestens ebensogut wie die Erlanger auf das Feiern. 2006 dann die von Thomas Rex in der Partnerstadt gedrehte Reportage „Spasibo Erlangen“ mit dem Bürgermeister als Mitwirkenden, und 2010 seine letzte Reise an den Goldenen Ring, als er die Erlanger Lokalpolitik bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an seinen Mitarbeiter, Peter Steger, vertrat. Immer vertraut, immer gern gesehen, immer ein umsichtiger Gesprächspartner.

Gerd Lohwasser mit Deutschlehrerinnen im Erlangen-Haus

Gerd Lohwasser mit Deutschlehrerinnen im Erlangen-Haus

Dabei zeigte er sich stets besonders verbunden – sicher professionell bedingt – mit dem Schüleraustausch, dem Sport, der Feuerwehr sowie den medizinischen Kontakten. Einzigartig seine Freundschaft mit Jewgenij Jaskin, dem ärztlichen Direktor des Notfallkrankenhauses, aber auch seine Unterstützung für die vom Bayerischen Roten Kreuz Erlangen – Höchstadt getragene Aktion „Hilfe für Wladimir“ und die Aktivitäten des „Fördervereins Rotes Kreuz Wladimir“.

Gerd Lohwasser mit Wolfram Howein und Helmut Schmitt auf dem kalten Roten Platz

Gerd Lohwasser mit Wolfram Howein und Helmut Schmitt auf dem kalten Roten Platz

Stadtrat Robert Thaler hat sich an den Kollegen einmal dank einem genialen Freud’schen Versprecher bei einer Laudatio als „Gott Lohwasser“ gewandt. Der eilig erfolgten Korrektur hätte es nicht bedurft. Niemand im Publikum hätte bei dem tosenden Gelächter widersprochen. Das politische Multitalent hatte nämlich tatsächlich etwas von Jupiter, von einem Göttervater, an sich, ohne dabei je herablassend jovial zu wirken.

Deutsch-russische Freundschaft: Gerd Lohwasser und Jewgenij Jaskin

Deutsch-russische Freundschaft: Gerd Lohwasser und Jewgenij Jaskin

Gewiß, er hatte auch menschliche Züge: Er konnte längst nicht alle Wünsche erfüllen.Aber er hörte sich alle Wünsche an und vermittelte dem Gegenüber das Gefühl, sich ihrer nach Kräften anzunehmen. Wenn freilich etwas jenseits seiner Möglichkeiten lag, räumte er das so offen ein, daß ihm niemand gram sein konnte. Im Gegenteil. Auch derartige Begegnungen mit ihm endeten zumeist mit einem versöhnlichen Scherz, mündeten  in ein oft nachgerade homerisches – oder besser lowasserisches – Gelächter.

Gerd Lohwasser und seine Lebensgefährtin Rita Stolz und seinen Ärzten aus Wladimir und Erlangen

Gerd Lohwasser und seine Lebensgefährtin Rita Stoltz und seinen Ärzten aus Wladimir und Erlangen

„Wo er war, war das Lachen“, erinnert sich Oberbürgermeister Florian Janik. Fjodor Dostojewskij hat einmal geschrieben: „Wenn du einen Menschen richtig kennenlernen und etwas über sein innerstes Wesen in Erfahrung bringen willst, so mache dir nicht erst die Mühe zu analysieren, wie er spricht, schweigt, weint oder von hehren Gedanken ergriffen wird. Du brauchst ihn bloß beim Lachen zu beobachten. Hat er ein gutes Lachen, ist er ein guter Mensch.“ Gerd Lohwasser hatte wahrhaftig ein gutes Lachen, ein sehr gutes, das uns allen nun so fehlen wird!

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Auch wenn Weihnachten im russischen Festkalender bezüglich seiner Bedeutung für die Feierlaune hinter Ostern und erst recht hinter dem eben erst begangenen Neujahr rangiert, gewinnt die Geburt des Herrn immer mehr an Popularität, und vor allem die Kinder freuen sich, wie überall in der Christenwelt, auf eine reiche Bescherung durch Väterchen Frost und seine Enkelin, das Schneemädchen. Doch Weihnachten ist natürlich für russische Gläubige viel mehr.

Weihnachtliches Fenster im Erlangen-Haus

Weihnachtliches Fenster im Erlangen-Haus

Bereits seit dem 28. November fasten die orthodoxen Christen in Vorbereitung auf das hohe Fest. Nichts Schweres und Fettes – also Fleisch, Eier und in der strikten Auslegung sogar Milchprodukte – sollte man in der heiligen Zeit zu sich nehmen, besonders keine hochprozentigen Getränke. Wer die strenge Observanz nicht ganz durchzuhalten vermag, darf allerdings mit dem Verständnis der Geistlichkeit rechnen. Bevor einem vor lauter Selbstkasteiung die Freude am Leben vergeht, darf man nämlich durchaus ein wenig nachsichtig mit sich sein und die Entsagungen zunächst auf Mittwoch und Freitag beschränken, um dann freilich möglichst bald zum vollständigen Verzicht auf die Vollkost überzugehen.

Frohe Weihnachten!

Frohe Weihnachten!

Parallel zur Entschlackung des Leibes verläuft das große Reinemachen im Haushalt. Vor allem die eher schwer zugänglichen Stellen und Ecken sollten von Schmutz und Staub befreit werden, man wäscht die Vorhänge, klopft die Teppiche aus und lüftet Matratzen und Decken. Alles soll bereit sein für das Licht, das in die Welt gekommen. Dazu gehört auch ein Großeinkauf, um alte Kleidung gegen neue einzutauschen und angeschlagenes Geschirr sowie fleckiges Besteck zu ersetzen. Von den süßen Geschenken für die Kleinen ganz zu schweigen.

Weihnachten 7

Getreu dem russischen Sprichwort, „wer vor Weihnachten mit vereinten Kräften sich bemüht, dem im neuen Jahr Friede und Eintracht blüht“, sollte sich die ganze Familie an den Vorbereitungen auf das Fest beteiligen, auch die Kinder, die nicht nur den Eltern zu Hand gehen, sondern auch die Koljadki lernen, Schmuck für die Krippe oder den Stern von Bethlehem auf einer langen Stange basteln. Gerade der ist besonders wichtig, weil einem Jungen die Ehrenrolle zufällt, den Stern vor den anderen herzutragen und somit als erster einen Hof oder eine Straße zu betreten.

Weihnachten 8

So viel man in der Vorbereitung tun sollte, so wenig ist an Weihnachten selbst zu tun erlaubt. Untersagt ist es, zu waschen, zu kochen, Holz zu hacken oder andere schwere Arbeiten zu verrichten. All das gehört sich schon vorab getan. Das Fest sollte rein und licht bleiben, ungetrübt von jeglicher Sorge. Nicht einmal den Müll darf man hinaustragen, denn in den Ecken, wo sich vor dem großen Putz – und vielleicht auch noch danach – die Abfälle und der Schmutz sammelten, geben sich jetzt die Seelen der verstorbenen Verwandten ein Stelldichein, um Weihnachten mit ihren Angehörigen zu feiern. Erst nach der Taufe des Herrn, so der Volksglaube, kehren sie zurück in den Himmel. Dann ist immer noch genug Zeit, um wieder aufzuräumen und den Müll hinauszubringen.

Kutja

Kutja

Zur Feier des Heiligen Abends sollte sich niemand verspäten. An diesem letzten Tag des Weihnachtsfastens decken alle Familienmitglieder gemeinsam den Tisch. Zu essen gibt es Kutja, eine Getreidespeise, gesüßt mit Rosinen, Honig und Früchten, die in ganz Osteuropa in reichen Abwandlungen bekannt ist. Doch an den Tisch setzen darf man sich erst nach der Christmette und dem Aufgang des ersten Sterns am Himmel, der einst den Weisen aus dem Morgenland den Weg zu Christ dem Retter gezeigt haben soll. Als unverzichtbarer Tischschmuck gilt ein Büschel frischen Heus zur Erinnerung an die Krippe, in der das Kind geboren. Auf dem weißen Tischtuch stehen zwölf Gedecke, die an die Apostel erinnern, und aufgetragen werden ausschließlich Fastenspeisen wie gebackener oder gesottener Fisch sowie verschiedene selbstgemachte Konfitüren und eingeweckte Früchte. Die eingeweichten Körner der Kutja stehen dabei für den Beginn neuen Lebens, die reifen Beeren und Früchte symbolisieren das Ende des irdischen Weges. Zu den eher spaßigen Weihnachtstraditionen gehört ein Kuchen – unser Stollen ist nur als Importware bekannt – , in dem eine Münze versteckt ist. Wer sie in seinem Stück findet, darf sich den Rest des Jahres glücklich schätzen…

Weihnachten 6

Heute, mit dem Erstrahlen des ersten Sterns am Himmel, beginnen auch die Sjwatki, die heiligen zwölf Tage und Nächte, die mit dem Fest der Taufe des Herrn enden und voller Geheimnisse sind. In dieser Zeit wird gewahrsagt, erhalten Träume eine Bedeutung, gilt es Bräuche zu pflegen, die noch in heidnische Anfänge zurückführen. Besondere Bedeutung mißt man dem Traum zu, den man in der Nacht auf den Heiligen Abend hat. Er gilt als schicksalhaft, und am besten schreibt man ihn gleich auf, legt das Traumbuch unter das Kissen und läßt am Kopfteil des Bettes eine Kerze brennen.

Weihnachten 4

Wahrsagen gibt es in allen nur denkbaren Spielarten. Ob man nun den linken Schlappen über die Schwelle fliegen läßt oder einen Spiegel, Haare, Ringe, Reis, Wachs, Kaffeesatz oder ein Pendel zur Deutung der Zukunft verwendet, bleibt jedem selbst überlassen. Sogar einen Zauber gibt es, um als Frau nicht einsam zu bleiben: Es genügt, den Ascheschieber aus dem Ofen zu nehmen, Brotkrumen darauf zu streuen und damit einen Hahn zu füttern. Der Vogel gilt als Symbol der Männlichkeit und des Tagesanbruchs, die Krümel oder Körner stehen für Fruchtbarkeit und gutes Auskommen. Aber dem Gockel kommen auch noch andere Rollen zu. So streute man gern in der Mitte der Stube Körner aus und stellte eine Schüssel Wasser und einen Spiegel auf. Wandte sich der Hahn zuerst dem Wasser zu, hatte die Frau einen Säufer als Mann zu erwarten, betrachtete er sich zunächst im Spiegel, durfte die Braut auf einen Schönen hoffen, machte er sich über die Körner her, würde bald ein reicher Jüngling um ihre Hand anhalten.

Weihnachten 5

Aber auch das Wetter hat heute seine besondere Bedeutung für das Neue Jahr: Tobt ein Schneesturm am Heiligen Abend, kommt das Frühjahr bald; bedeckt am Morgen Rauhreif die Bäume, ist eine gute Ernte zu erwarten; ist es an Weihnachten warm, wird das Frühjahr kalt; fällt am 7. Januar Schnee, wachsen Raps und Klee.

Wer nun noch mehr über russische Weihnachtsbräuche wissen möchte, schlage hier nach http://is.gd/tyvfC8. Ansonsten wünscht der Blog Frohe Weihnachten in Richtung Wladimir.

Gerd Lohwasser und eine Medizin-Delegation aus Wladimir

Gerd Lohwasser und eine Medizin-Delegation aus Wladimir

P.S.: In die Freude über das Fest mischt sich tiefe Trauer, denn gestern ist Gerd Lohwasser verstorben, der in seiner aktiven Zeit als Präsident des Bezirkstags Mittelfranken und Bürgermeister von Erlangen besonders eng mit den Partnerstädten Wladimir, Jena, Umhausen und Cumiana verbunden war. Er wird allen, die ihn kannten, schmerzlich fehlen. R.I.P.

 

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Heute im Blog ein Rückblick von Heide Mattischeck, der entschieden friedlichen Mitstreiterin Dietmar Hahlwegs für die Partnerschaft mit Wladimir, auf eine private Reise in politisch schwierigen Zeiten mit, wie wir heute wissen, gottlob gutem Ausgang.

Die so behutsam eingefädelten Kontakte zu einer sowjetische Stadt, zu Wladimir, fanden in einem außenpolitisch schwierigen Umfeld statt. Die Bemühungen der sozial-liberalen Koalition und insbesondere Willy Brandts und Egon Bahrs um eine Entspannung zwischen dem Ostblock und der westlichen Welt – Wandel durch Annäherung – wurden von der Nachrüstungsdebatte überlagert. Als im November 1983 der Beschluß der Bundesregierung gefallen war, mit der Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen zu beginnen, war die Sorge nicht unbegründet, dies könnte negative Auswirkungen auf das zarte Pflänzchen der Partnerschaftsbeziehung zu Wladimir haben.

Diese Überlegungen und das starke Bedürfnis nach Erhalt und Vertiefung der Kontakte führten zu der Idee von Claus Uhl (Stadtrat FDP), Heide Mattischeck (Stadträtin SPD) und Klaus Springen (Redakteur bei den Erlanger Nachrichten), einen privaten Besuch in Wladimir abzustatten. Mit dieser Reise wollten die Delegationsteilnehmer den Verantwortlichen in Wladimir, aber auch möglichst vielen Menschen in der sowjetischen Stadt, vermitteln, gerade wegen der Konfrontation zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik seien Kontakte auf kommunaler Ebene und zwischen den Bürgern trotz unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen besonders notwendig.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck

Die Idee wurde zügig umgesetzt. Auch wenn diese Reise eine private Initiative war, wurde selbstverständlich der Oberbürgermeister darüber informiert. In einem Schreiben an seinen Kollegen Michail Swonarjow, das Dietmar Hahlweg den Delegationsteilnehmern mit auf den Weg gab, drückte er seine Hoffnung auf eine weitere gute Entwicklung der noch jungen Kontakte aus. Auch kündigte er in diesem Schreiben an , er habe Herrn Uhl und Frau Mattischeck gebeten, vorbereitende Gespräche für geplante Austauschprogramme im folgenden Jahr zu führen. Zum aktuellen Anlaß des bevorstehenden Besuches formulierte der Oberbürgermeister: „Wir bedauern es zutiefst, daß es in diesem Jahr nicht möglich war, endlich die unselige Rüstungsspirale in ihrem Drang nach oben aufzuhalten, dieses Bemühen vielmehr sogar einen Rückschlag erlitten hat. Alle Seiten sollten sich dadurch aber bei aller Enttäuschung und Verhärtung nicht entmutigen lassen, sondern im nächsten Jahr neue Wege suchen. Wir haben keine andere Alternative als die friedliche Koexistenz, wenn die Welt überleben will“. Auch einen Brief des Landtagsabgeordneten Karl-Heinz Hiersemann an den Stadtsowjet von Wladimir konnten die Reiseteilnehmer mitnehmen. Darin äußerte dieser die Hoffnung, eine Städtepartnerschaft zwischen Wladimir und Erlangen könne trotz der Irritationen im Ost-West-Verhältnis zur Völkerverständigung ihren Beitrag leisten.

Die Reise nach Wladimir fand vom 8. bis zum 11. Dezember 1983 statt. Nachdem der Besuch in Wladimir angekündigt worden war, leisteten die sowjetische Botschaft, Intourist und die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Beziehungen (SSOD) unbürokratische und schnelle Hilfe z. B. bei der Visa-Beschaffung. Die drei Touristen mit einem politischen Anliegen wurden wie beim ersten Besuch im Sommer des gleichen Jahres überaus gastfreundlich empfangen – in Moskau bereits von der stellvertretenden Bürgermeisterin Wera Sorina. Ein umfangreiches Programm war vorbereitet. Dazu gehörten Gespräche mit der Stadtspitze, der Besuch in einer Schule und eines großen Armaturenwerkes. Die drei Erlanger bekamen damit Gelegenheit, ihren ganz persönlichen Appell für ein friedliches Zusammenleben der Völker vorzubringen und sich vom Raketenbeschluß der Bundesregierung und der sofortigen Stationierung zu distanzieren. Sie sprachen sich für eine atomwaffenfreie Zone in Europa aus und berichteten über die vielseitigen Friedensinitiativen in Erlangen und der Bundesrepublik. Im Vordergrund stand jedoch die Sorge, die noch junge Partnerschaft könne durch die Großwetterlage gefährdet sein. Diese Sorge auf Seiten der Erlanger Delegation wurde durch die Herzlichkeit und besondere Aufmerksamkeit, die man den Gästen entgegenbrachte, zerstreut. Anzunehmen ist natürlich, daß die Wladimirer Seite und damit die sowjetischen Verantwortlichen den privat initiierten Besuch nicht von einer offiziellen Visite unterschieden. Eine derartige private Aktion war damals von der anderen Seite schlechthin nicht vorstellbar.

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Nach der Rückkehr nach Erlangen und einem ausführlichen Bericht in den Erlanger Nachrichten, den Klaus Springen, stellvertretender Redaktionsleiter und Delegationsteilnehmer in der Weihnachtsausgabe veröffentlichte, brach ein kleiner Sturm aus. Die CSU-Fraktion hatte die Teilnahme an der Reise nach Wladimir im Sommer des Jahres mit der Begründung abgelehnt, es gebe in Wladimir ein berüchtigtes Gefängnis für politische Häftlinge. Dieses Thema hatte Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg bei offiziellen Gesprächen durchaus angesprochen. Die CSU, ihr Fraktionsvorsitzender Gerd Lohwasser, rügte Stadtrat Claus Uhl für seine Äußerung in Wladimir, er, Claus Uhl, protestiere dagegen, daß von deutschem Boden abermals die Gefahr eines Krieges ausgehe. Zitat Lohwasser: „Dies ist eine völlig unhaltbare und mit nichts zu entschuldigende Aussage. Denn es ist doch ganz selbstverständlich, daß von deutschem Boden niemals mehr Gefahr für den Osten ausgehen darf und ausgehen wird“. Lohwasser warf den beiden Stadträten vor, sie seien als Kommunalpolitiker gar nicht kompetent gewesen, sich dort (in Wladimir) zu wichtigen außenpolitischen Fragen zu äußern. Deshalb würden die Äußerungen von Claus Uhl und Heide Mattischeck von einer vorgesetzten Behörde untersucht. Diese völlig überzogene Reaktion der CSU-Fraktion waren wohl nicht zuletzt der im März 1984 bevorstehenden Kommunalwahl geschuldet und der Hoffnung, mit einem vermeintliche „Skandal“ zu punkten.

Die Reaktion der Regierung von Mittelfranken ließ nicht lange auf sich warten. Mit Schreiben vom 27. Januar 1984 an den Oberbürgermeister der Stadt Erlangen wurde angefragt, ob es sich bei der Reise nach Wladimir/UdSSR um eine offizielle Delegation gehandelt habe. In diesem Fall wäre es rechtlich bedenklich, wenn die beiden Stadträte Äußerungen zur Verteidigungs- und Rüstungspolitik abgegeben hätten. Durch die Berichterstattung vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sei der Eindruck eines offiziellen Besuches entstanden. Der Oberbürgermeister wurde um Aufklärung des Sachverhaltes gebeten. In seinem Antwortschreiben nahm Dietmar Hahlweg wie folgt Stellung:

Die Reise erfolgte aus eigenem Entschluß und auf eigene Kosten der Reiseteilnehmer. Es trifft zu, daß ich nach der Unterrichtung über ihr Vorhaben die Gelegenheit wahrgenommen habe, dem Staatsratsvorsitzenden in Wladimir ein Schreiben überbringen zu lassen. Ferner habe ich – das ist in diesem Schreiben auch erwähnt – Frau Mattischeck und Herrn Uhl gebeten, nach Möglichkeit vorbereitende Gespräche über das angestrebte Austauschprogramm und den schon vereinbarten Besuch einer offiziellen Delegation der Stadt Waldimir in Erlangen, hier vor allem die Frage, ob ein bestimmter Termin akzeptiert wird, zu führen.

Damit war die Aufregung erschöpft. Es war wohl eher ein Sturm im Wasserglas. Die so positive Entwicklung der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir hat gezeigt, daß die – vielleicht naive – Initiative von drei engagierten Menschen zumindest nicht geschadet hat. Das behutsame Bemühen von Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, auch die CSU-Fraktion von der Bedeutung der Partnerschaft mit einer sowjetischen Stadt zu überzeugen, hatte schlließlich Erfolg. Heute, bei wiederum schwieriger außenpolitischer Konstellation, besteht hoffentlich keine Gefahr, daß die über 30jährige Partnerschaftsbeziehung darunter leiden könnte.

Heide Mattischeck

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Der Freitag, der 13. Juni 2014, wird dem Knabenchor Wladimir sicherlich unvergessen bleiben. Aber auch allen, die ihn gestern in Erlangen erlebt haben: Ein Tag voller Höhepunkte, mit Erlebnissen, die aus Jungen Botschafter der Kultur und der Völkerverständigung machen. Besonders unter der Führung eines Mannes wie Eduard Markin, der 1941 in Woronesch geboren, schon mit 16 Jahren in Odessa seine Laufbahn als Chorleiter begonnen hat und seit seinem Umzug 1973 nach Wladimir in der Partnerstadt Musikgeschichte schreibt.

Eduard Markin

Eduard Markin

Vor 30 Jahren hatte der Ehrenbürger Wladimirs das Zentrum für Chormusik gegründet und war dann auch bereits 1984 auf Einladung des Stadtverbands Kultur mit seinem Kammerensemble nach Erlangen gekommen, um mit seiner beispiellosen künstlerischen Präsenz und Kontinuität gewissermaßen stilprägend für den Kulturaustausch innerhalb der Städtepartnerschaft zu werden

Gerhard Wangemann, Eduard Markin und Friederike Leuthe

Gerhard Wangemann, Eduard Markin und Friederike Leuthe

Nun also gestern zwei Auftritte, eigentlich sogar drei. Doch der Reihe nach: Am späteren Vormittag hatte auf Vermittlung von Gerhard Wangemann das Bodelschwingh-Haus zu einem Konzert eingeladen. Eine gute Gelegenheit, ums sich schon einmal einzusingen für den Abend, aber auch, wie Eduard Markin betonte, eine Verpflichtung, den alten und pflegebedürftigen Menschen eine musikalische Freude zu bereiten. Zumal das Heim auf Anregung der Leiterin Friederike Leuthe für das Wladimirer Psychoneurologische Internat in Wladimir bereits einmal eine Sammlung durchgeführt hatte.

Knabenchor Wladimir im Bodelsdhwing-Haus

Knabenchor Wladimir im Bodelsdhwing-Haus

Da war der musikalische Dank der Knaben nur angemessen. Übrigens bewußt in ihrer Straßenkleidung, denn: „Wir sind so zu Ihnen gekommen, als wären wir Ihre Enkel und Sie unsere Großeltern.“ Vertraut, natürlich, unmittelbar – bei aller musikalischen Kunstfertigkeit.

Eduard Markin in  St. Matthäus

Eduard Markin in St. Matthäus

Alles andere als geplant war am Nachmittag die Einlage in St. Matthäus. Michael Vetter, der – Gott sei’s geklagt! – scheidende Kantor der Gemeinde, hatte die Knaben zu einem Orgel-Vorspiel eingeladen und bot den jungen Gästen eine musikalische Theateraufführung mit der ganzen Vielfalt der Tonlagen und Timbres, zu der die Königin der Instrumente fähig ist. Schlichtweg überwältigend für die Sänger, in deren kirchenmusikalischer Tradition allein die Stimme zu Gottes Lob erklingt.

Eduard Markin und Michael Vetter mit dem Knabenchor Wladimir in St. Matthäus

Eduard Markin und Michael Vetter mit dem Knabenchor Wladimir in St. Matthäus

Und deren polyphone Brillanz boten sie denn auch – wie im Rollentausch – aus Dankbarkeit dem Organisten gegenüber auf mit dem Doppelchor-Stück „Mein Lieb will mit mir kriegen“ von Hans Leo Hassler. Ein strahlender Wohlklang zum Abschied von einem der ganzen großen Musiker, der Erlangen nun in Richtung Bautzen verläßt. „Immerhin näher an Wladimir“, scherzt er etwas wehmütig, denn gern wäre er mit seiner Kantorei auch noch einmal in die Partnerstadt gereist.

Eduard Markin und Helene Buhler

Eduard Markin und Helene Buhler

Nah an Wladimir ist hingegen die Gemeinde St. Sebald schon lange. Mindestens seit dem ersten Konzert des Männerchors von Wladimir Sawasalskij 1991 und dem Auftritt von Raspew 2012 oder der Gastspielreise des Chorkreises St. Sebald nach Wladimir 2005 mit Siegfried Brückner und seinem Nachfolger im Dirigentenamt, Norbert Kreiner. Erinnert sei aber auch an Pfarrer Ferdinand Böhmer, der bis zu seinem Tod 1997 wesentlich an der Wiedergeburt der Rosenkranzgemeinde in Wladimir mitwirkte. Nah sind hier auch die vielen Menschen, die Eduard Markin von früheren Besuchen kennt, wie etwa Helene Buhler, die noch keinen Auftritt eines klassischen Ensembles aus der Partnerstadt versäumt hat, erst recht nicht unter der Leitung des Musikprofessors, dessen Kunst sie regelrecht verehrt.

Knabenchor Wladimir in St. Sebald

Knabenchor Wladimir in St. Sebald

Und sich damit mit den gut 400 Besuchern des Konzerts einig weiß. Stadträtin Barbara Pfister, die in Vertretung von Oberbürgermeister Florian Janik das Ensemble nach dem Glockengeläut pünktlich um 19.00 Uhr im Altarraum von St. Sebald begrüßt, zeigt sich denn auch begeistert von dem Anklang, den die jungen Gäste finden. Trotz Bergkirchweih, trotz Fußballweltmeisterschaft, trotz Sommerwetter eine brechend volle Kirche. Die Veranstalter hatten in falscher Bescheidenheit und nach Erfahrungswerten anderer Konzerte in St. Sebald gerade einmal 200 Programmhefte drucken lassen. Da hilft es dann schon, wenn der Maestro persönlich durch den Abend führt und die eine oder andere anekdotische Anmerkung zu den Stücken macht.

Knabenchor in St. Sebald

Knabenchor in St. Sebald

Begeistert auch Kurt Reiter, in St. Sebald zuständig für die interkulturelle Zusammenarbeit, angesichts des vollen Gotteshauses: „Derart viele Besucher hatten wir lange nicht mehr!“ Besonders erstaunte ihn die viele Prominenz, angefangen von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg und die Bundestagsabgeordnete Martina Stamm-Fibich, bis zu Altbürgermeister Gerd Lohwasser, die ehemalige Bundestagsabgeordnete Heide Mattischeck, Stadtrat Jürgen Zeus, der scheidende Rektor der FAU, Thomas Schöck, oder den einstigen „Wladimir-Referenten“ Rudolf Schwarzenbach, den großen Freund und Förderer des Knabenchors. Bis aus Herzogenaurach und Nürnberg, Heroldsberg oder Baiersdorf und Bubenreuth, eben aus dem ganzen „Einzugsgebiet“ der Städtepartnerschaft, waren die Besucher gekommen, von Soroptimist International oder der WAB Kosbach, um ein Programm zu hören, das einen gewaltigen Spannungsbogen von der russisch-orthodoxen Liturgie und zeitgenössischen Sakralmusik zur westeuropäischen Klassik und modernen Arrangements schlug und schließlich in prächtig ausladenden russischen Volksweisen seine zwischen Schwermut und Lebenslust vibrierende Auflösung fand.

Eduard Markin und Barbara Pfister

Eduard Markin und Barbara Pfister

Großer Beifall nach jedem Stück war den Knaben da gewiß, besonders nach einer Premiere. In Ermangelung eines Flügels begleitete einer der jungen Musiker nämlich die „Barcarolle“ von Franz Schubert erstmals auf der Orgel. Aber Zwischenapplaus erhielt auch Barbara Pfister bei Ihrer Begrüßung, als sie, ganz im Geiste von Oberbürgermeister Florian Janik, auf die wegen der gegenwärtigen politischen Umstände besondere Rolle des Kulturaustausches mit Wladimir hinwies: „Damit nicht neue Feindbilder entstehen, damit wir weiter an der Verständigung arbeiten.“ Eine Haltung, mit der die Fraktionsvorsitzende der SPD im Erlanger Stadtrat den Nerv des Chorleiters trifft, der bei der Vorstellung des Stücks „Dämonen“ von Jurij Falik nach einem Gedicht von Alexander Puschkin darauf hinweist: „Das Lied hat leider einen großen aktuellen Bezug, denn die Politik scheint derzeit verrückt, wie von Dämonen besessen.“

Manfred Bruchner, Kurt Reiter, Christine Hubrach und Peter Steger

Manfred Bruchner, Kurt Reiter, Christine Hubrach und Peter Steger

Dagegen angesungen hat der Knabenchor Wladimir an diesem beglückenden Abend mit überwältigendem Erfolg, ausgedrückt im Aufkommen der eingegangenen Kollekte von mehr als 2.700 Euro für das Ensemble (Eduard Markin möchte mit dem Geld die Kostüme seiner Sänger erneuern), und möglich gemacht durch die großartige Unterstützung von Ehrenamtlichen: Christine Hubrach, die beide Tage die jungen Gäste wie eine Mutter der Kompanie begleitete und betreute  Manfred Bruchner, der sich um Werbung und all den vielen Kleinkram hinter den Kulissen kümmerte, und Kurt Reiter, der seine Gemeinde in Abwesenheit von Siegfried Brückner und Norbert Kreiner, die sich auf einer Romreise befinden, mobilisierte. Nicht zu vergessen, die Frauen vom Chorkreis St. Sebald, die nach dem Konzert für die Verpflegung der Künstler sorgten und schlichtweg zu beschäftigt waren mit dem Stopfen der hungrigen Mäuler, um für ein Gemeinschaftsbild zur Verfügung zu stehen. Danke ihnen allen!

Epilog mit Blumen

Epilog mit Blumen und dem jüngsten Konzertbesucher

Danke aber auch nochmals ausdrücklich der Max-und-Justine-Elsner-Stiftung und der Sparkasse Erlangen, ohne deren finanzielle Unterstützung dieser kulturelle Höhepunkt nicht möglich gewesen wäre. Ein Höhepunkt übrigens, der schon einem neuen Gipfel zustrebt, denn noch heute geht es weiter nach Jena, wo am Sonntag das erste gemeinsame Konzert der beiden Knabenchöre stattfinden wird. Wie man nach dem Erlanger Auftakt hoffen darf: nicht das letzte.

 

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1992 kam Walter Kuhnert erstmals wieder nach Wladimir. Mit Martin Kade und Erwin Brenneke, mit denen er in Stalingrad in russische Kriegsgefangenschaft geraten war. Wie Partisanen fuhren sie zurück, hatten sich von der „Truppe“, einer deutschen Reisegruppe in Moskau, abgesetzt, sich mit russischer Kleidung „getarnt“ und sprachen auf der Zugfahrt nur, wenn unbedingt notwendig, auch wenn ihr Russisch nach all den Jahren fast akzentfrei geblieben war. Ihr Ziel: die Kleinstadt Kameschkowo, 40 km nordöstlich von Wladimir gelegen, wo sie von 1943 bis 1948 gemeinsam im Gefangenenhospital arbeiteten, bevor sie getrennt wurden und die letzten eineinhalb Jahre bis zur Entlassung 1949 in anderen Lagern zubrachten. Ihre Mission: ein Wiedersehen mit Orten und Menschen ihrer Jugend hinter Stacheldraht, eine Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit und den Menschen, mit denen sie diese unfreiwillig geteilt hatten.

Erwin Brenneke (Mitte) mit seinem Kollegium in Kameschkowo; stehend Wera Friedmann und Witalij Gurinowitsch

Erwin Brenneke (Mitte) mit seinem Kollegium in Kameschkowo; stehend Wera Friedmann und Witalij Gurinowitsch

Sie fanden Wera Friedmann, die Direktorin einer Schule in Kameschkowo, wo früher das Hospital untergebracht war, und den Zeitgeschichtler, Witalij Gurinowitsch, der damals am Wladimirer Landesmuseum arbeitete und 1995 die Ausstellung zum Thema der Wladimirer Kriegsgefangenenlager nach Erlangen bringen sollte. Sie fanden aber auch noch Kollegen von damals, zumeist Frauen, die mit ihnen als Mediziner und Pflegekräfte gearbeitet hatten. Der Arzt, Erwin Brenneke, Jahrgang 1912 und mittlerweile verstorben, kam später immer wieder nach Kameschkowo und traf sich mit seinen einstigen Mitarbeiterinnen. Auch Martin Kade, drei Jahre jünger, inzwischen aber ebenfalls nicht mehr am Leben, reiste später wieder nach Rußland. Dazwischen Besuche von Wera Friedmann bei den Veteranen, die für das Trio eine vertraute Verbindung zum vormaligen Land der Feinde geworden war.

Witalij Gurinowitsch, Walter Kuhnert, Peter Steger

Witalij Gurinowitsch, Walter Kuhnert, Peter Steger

Nur Walter Kuhnert, 1924 in Zirlau bei Breslau geboren, beließ es bei dem ersten und einzigen Besuch, der auf ihn einen so großen Eindruck gemacht hatte, daß er, wie es in einem Brief von Martin Kade an Witalij Gurinowitsch heißt, nicht glaubte, da noch etwas draufsetzen zu sollen. Fragt man den pensionierten Musiklehrer aber heute nach seinem Herzenswunsch, dann lautet der: noch einmal Wera Friedmann sehen. Wohl nicht von ungefähr, denn Martin Kade hinterließ einen Reisebericht, der besonders Walter Kuhnert würdigt:

Alles in allem ein schöner Besuch von Wera Friedmann und ihrer Familie, an den wir lange zurückdenken werden und, dessen bin ich sicher, die Russen auch. Und sie haben uns reichlich mit Geschenken bedacht, wofür wir nicht genug danken können. Mein besonderer Dank geht an Walter, der weder Mühen noch Kosten gescheut hat, um unseren russischen Freunden das Gefühl zu geben, daß wir sie gern bei uns hatten.

Witalij Gurinowitsch und Walter Kuhnert

Witalij Gurinowitsch und Walter Kuhnert

Richtschütze bei der 16. Panzerdivision der 6. Armee war Walter Kuhnert. Aber als Hornist im Musikzug hatte er keinen einzigen Kampfeinsatz mitgemacht, als er in Stalingrad in Gefangenschaft geriet. Die Überlebenden hatten sich in die Keller geflüchtet. Am 31. Januar 1943 stießen die ersten Russen in die Häuserruinen vor und fanden dort auch Walter Kuhnert. „Eine böse Zeit war das, böse, böse“, so charakterisiert der Veteran die Schlacht um Stalingrad und die Kapitulation: „Kniehoch der Schnee, Frost, viele Erfrierungen, Amputationen ohne Narkose…“

Witalij Gurinowitsch und Walter Kuhnert

Witalij Gurinowitsch und Walter Kuhnert

Im Frühjahr erst kam Walter Kuhnert, wie fast alle vor Erschöpfung, Kälte und Hunger dem Tod näher als dem Leben, in ein Hospital außerhalb von Stalingrad. Nur aus Baracken bestand es und bot Platz für ca. 200 bis 300 Gefangene, ein Feldlager, wie es viele gegeben hat, wo noch keine Registrierung stattfand. Die erfolgte erst in Kameschkowo. Ein wichtiger Hinweis, wie Witalij Gurinowitsch bemerkt, denn erst mit der schriftlichen Aufnahme der Daten erschienen die Gefangenen auch in der Statistik. Wer ohne Registrierung starb, galt später – und gilt oft bis heute – als vermißt.

Krankenschwestern in Kameschkowo

Krankenschwestern in Kameschkowo

Per Krankentransport in Güterwaggons wurden Erwin Brenneke, Martin Kade und Walter Kuhnert im Frühjahr nach Kameschkowo gebracht. Unter erträglichen Umständen, meint der Überlebende. Hätte der Transport aber schon im Winter stattgefunden, wäre es allerdings möglicherweise ganz anders ausgegangen. Diese Züge kamen oft mit mehr erfrorenen als lebenden Gefangenen am Ziel an.

Martin Kade hatte Walter Kuhnert schon im Stalingrad-Lager als Sanitäter gesehen, aber nicht persönlich kennengelernt. Mit Erwin Brenneke machte er erst in Kameschkowo Bekanntschaft, wo sie nun alle drei, jeder auf seinem Posten, nachdem sie selbst wieder einigermaßen hergestellt waren, für die medizinische Betreuung der Gefangenen eingesetzt wurden.

Walter Kuhnert im Mai 1995 in Erlangen bei der Ausstellungseröffnung im Rathaus

Walter Kuhnert im Mai 1995 in Erlangen bei der Ausstellungseröffnung im Rathaus

Das Hospital, in einer Schule untergebracht, war ursprünglich für verwundete Angehörige der Roten Armee eingerichtet worden. Angesichts der großen Zahl von Gefangenen nach Stalingrad wurde beschlossen, das Haus umzuwidmen und fortan hier Deutsche, Rumänen, Ungarn und Österreicher zu behandeln. Soweit das möglich war. Ein Umstand, der unter dem russischen Personal für Unmut gesorgt hatte, vor allem auch, weil man sich vor den ansteckenden Krankheiten wie Fleckfieber fürchtete, die von den neuen Patienten eingeschleppt wurden, und mit denen sich dann auch tatsächlich viele russische Pflegekräfte – oft mit tödlichem Ausgang – infizierten. Als Walter Kuhnert eintraf, spürte er von diesen Vorbehalten nichts mehr. Im Gegenteil: Die deutschen Ärzte – ein ganzes Feldlazarett hatte man von Stalingrad nach Kameschkowo gebracht – waren nicht nur in der großen Überzahl, sondern sie genossen auch Respekt und Ansehen seitens des russischen Personals. Die Beziehungen waren gut, man vertraute einander, brauchte einander im Kampf ums Überleben.

Walter Kuhnert, Alissa Axjonowa, Martin Kade, Jelena Ljubar und Witalij Gurinowitsch 1995 in Erlangen

Walter Kuhnert, Alissa Axjonowa, Martin Kade, Jelena Ljubar und Witalij Gurinowitsch 1995 in Erlangen

Erwin Brenneke arbeitete im OP-Saal, Martin Kade im Verbandsraum, und Walter Kuhnert war für die Reha-Maßnahmen zuständig, für Übungen und Bewegungen, die er streng nach Anleitung seines russischen Vorgesetzen mit den Rekonvaleszenten machte. Insgesamt etwa 400 Patienten waren von den ca. 30 deutschen und ebensovielen russischen Medizinern und Pflegekräften zu betreuen, untergebracht in zwei ehemaligen Schulen, einer profanisierten Kirche und einem Vereinshaus, alles von Stacheldraht umgeben.

Martin Kade, Alissa Axjonowa, Erwin Brenneke und Witalij Gurinowitsch; im Hintergrund Elisabeth Wittmann und Gerd Lohwasser

Martin Kade, Alissa Axjonowa, Erwin Brenneke und Witalij Gurinowitsch; im Hintergrund Elisabeth Wittmann und Gerd Lohwasser

Auf Initiative von Dr. Frisch, erinnert sich Walter Kuhnert, formierte man ein Theater-Ensemble, dessen Gründer auch als Regisseur wirkte. Vor allem Martin Kade – er studierte später sogar Slawistik – und Erwin Brenneke, der sein Russisch noch im Ruhestand mit Hilfe einer Muttersprachlerin pflegte, machten sich fleißig an das Übersetzen von russischen Stücken der Klassik ins Deutsche: Alexander Puschkin, Nikolaj Gogol, Anton Tschechow. Besonders dessen „Revisor“ haben sie gerne gespielt, nicht nur im Hospital, sondern auch in Wladimir und in umliegenden Dörfern. Walter Kuhnert fiel dabei oft die Frauenrolle zu, nicht ganz freiwillig: „Wollte ja sonst keiner machen“, grinst er zu dem Thema. Aber auch im Orchester wirkte er mit. Wie auch nicht als Multiinstrumentalist.

Alles machten die Gefangenen selbst, denn sie hatten ja auch alle Berufe vertreten: ein Schneider, ein Toningenieur, ein Zimmermann. Man wußte sich zu helfen, wenn es um Kostüme und Kulissen ging. Bei seiner Rückkehr nach Kameschkowo in den 90er Jahren fand Walter Kuhnert noch die Kellerbühne vor. Doch es stand schon das Wasser in den Räumen, und wenig später riß man das Gebäude ab. Heute steht nur noch eines der beiden Schul- bzw. Hospitalgebäude von einst.

Theatergruppe; die

Theatergruppe; die „Dame“ in Weiß dargestellt von Walter Kuhnert

Während die Theateraufführungen natürlich für die eigenen Landsleute gedacht waren, trat das kleine Orchester, dem Walter Kuhnert angehörte, auch für Russen auf. Sogar Tanzveranstaltungen gab es. Dazu holte man das Klavier aus dem Keller, brachte es per LKW in ein anderes Gebäude auf dem Lagergelände, „und da haben wir gespielt“. Besonders wichtig dabei: Es gab da eine Küche mit einem deutschen Koch, wo sich die Musiker nach ihrem Einsatz sattessen konnten, einmal im Monat. 200 bis 300 Leute kamen immer zu diesen Darbietungen.

Krankenschwester Sonja

Krankenschwester Sonja

Darunter auch die Krankenschwester Sonja. „In die waren wir alle verliebt – und ich besonders“, bekennt Walter Kuhnert. Wer das Bild von ihr gemacht hat, weiß er nicht mehr. Aber es gab für die Zivilbevölkerung die Möglichkeit, defekte Apparate im Lager reparieren zu lassen. Die findigen Deutschen mußten anschließend natürlich die Funktionstüchtigkeit überprüfen und dazu Probeaufnahmen machen, die sie dann behielten. Dabei wird wohl auch diese Photographie entstanden sein. Dr. Frisch wollte Sonja übrigens sogar mit nach Deutschland nehmen. Aber die Umstände damals waren nicht danach. Die Umschwärmte ist später nach Nowosibirsk gezogen… Zwei oder drei Briefe von ihr hat Walter Kuhnert noch aufbewahrt.

Doch auch andere menschliche Begegnungen gab es. So etwa mit dem Russen, der bei Walter Kuhnert das Akkordeonspiel erlernen wollte. Der Musikus freute sich über das Interesse am Instrument, doch als der Schüler kam, brachte er Wodka mit und einen kleinen Imbiß, eine Sakuska: „Wir haben uns hingesetzt, getrunken, schnabuliert. Und es dauerte nicht lange: Er war besoffen, ich war besoffen. Er ist wieder gegangen, ohne einen Ton gespielt zu haben, wollte aber wiederkommen. Er kam auch wieder. Und wieder das gleiche Theater: Wodka, Sakuska. Ich war besoffen, er war besoffen. Vielleicht gab es sogar noch ein drittes Mal. Ich weiß nicht mehr genau. Jedenfalls hat er nie auch nur einen Ton gespielt. Wera Friedmann erzählte mir später, ihr habe ein Russe davon berichtet, er habe bei mir Akkordeon gelernt.“ So entstehen musikalische Legenden…

Walter Kuhnert

Walter Kuhnert

Schon vor dem Krieg wurde Walter Kuhnert, der einzige Sohn einer Eisenbahnerfamilie, Orchestermusiker, hatte sich in seiner schlesischen Heimat mit 17 Jahren zur Militärkapelle gemeldet und landete nach drei Monaten Grundausbildung in Bamberg beim Panzer-Musikzug. Als er im Frühjahr 1949 heimkam, gab es die schlesische Heimat nicht mehr, Musiker galt nicht als richtiger Beruf. Im Ruhrgebiet arbeitete er ein Jahr bei Hamm unter Tage, weshalb er noch heute seine Rente bei der Knappschaft bezieht. Aber die Musik blieb seine Berufung. Es war wieder Dr. Frisch, der dem Spätheimkehrer half. Der Arzt stellte die Verbindung zum Konservatorium in Duisburg her, und Walter Kuhnert bestand auch gleich die Aufnahmeprüfung. Doch erst nach fünf Jahren legte er sein Examen ab, denn er hatte inzwischen geheiratet und war Vater geworden. Da ging es nicht ohne Nebenerwerb auf dem Bau, als Vermessungsgehilfe, als Arbeiter in der Spedition einer Kupferrohrfabrik. Ein saueres Brot. Auch das Examen 1957 brachte noch nicht den notwendigen Verdienst. Zunächst gab der Musiker nur privaten Unterricht, was natürlich nicht reichte, um eine Familie zu ernähren. Dann erfuhr er, in Mülheim an der Ruhr suche man einen Musiklehrer. Von Duisburg aus konnte man ja mit der Straßenbahn hinkommen. Was für ein Glück! Blockflöte und allgemeine Musiklehre unterrichtete er da zunächst, dann blieb er dort hängen, wurde sogar stellvertretender Leiter der Musikschule, zuständig für Unterricht und Verwaltung mit 1.600 Schülern und 60 Lehrkräften.

Die klassische Musik liebt und spielt er bis heute leidenschaftlich. Doch die russischen Lieder seiner Jugend haben es ihm besonders angetan. Bis heute kennt er die Melodien und Texte auswendig. Ein Lied spielt und singt er am liebsten von allen. Jenes, das beim Krankentransport nach Saratow eine russische Schwester unterwegs auf einem Rangierbahnhof angestimmt hatte. Am Ende bliesen die drei oder vier Dampflokomotiven zum Applaus. Was für ein Auftritt! Walter Kuhnert hatte zusammen mit Martin Kade nach Auflösung des Hospitals in Kameschkowo den Transport begleitet. Erwin Brenneke kam als Arzt nach Wladimir.

Walter Kuhnert und Witalij Gurinowitsch

Walter Kuhnert und Witalij Gurinowitsch

„Ich liebe das Leben sehr!“ Das glaubt man Walter Kuhnert gern, wenn man ihn besucht in Rhede, wo er seit einigen Jahren hoch oben im Norden Deutschlands lebt, unweit der holländischen Grenze und nah am Meer. „Hier fühle ich mich wohl!“ Noch oft denkt er an jene ferne Zeit zurück, an die Krankenschwestern, in die er sich verliebt hat, an die Kameraden und an Wera Friedmann, die er so gerne noch einmal wiedersehen würde.

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Gestern haben Oberbürgermeister Siegfried Balleis und sein Vorgänger im Amt, Dietmar Hahlweg, jemanden in den Ruhestand verabschiedet, der es verstanden hat seinen Bereich zur „zentralen Stelle der Verwaltung zu machen, die den Überblick über die großen Entwicklungslinien Erlangens behält.“ Jemanden, der, wie er selbst sagt, unter drei Oberbürgermeistern seinen treuen Dienst versehen und mit 226 Stadträten zusammengearbeitet hat. In 48 Berufsjahren und seit 1986 als Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes, das er erst zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Helmut Schmitt mit seiner Familie und Dietmar Hahlweg

Die Rede ist von Helmut Schmitt, dessen Schaffen und Wirken auch den beiden Laudatoren nur in groben Zügen und im großen Bogen gelingen konnte, zu vielschichtig, ja, filigran ist das verästelte Netz seiner Initiativen, Aktionen, Verbindungen und Erfolge. Ein Ausnahmebeamter, wie man sie kaum mehr findet, ein Mann, der beim Blick auf die übergeordneten Zusammenhänge immer auch ein scharfes Auge auf jedes Detail wirft, vor allem auf jene vermeintliche Kleinigkeit, die das Zeug hat, das Große scheitern oder erst richtig groß werden zu lassen.

Helmut Schmitt und Siegfried Balleis

Ein Mann mit erstaunlichem Gespür für Stimmungen, aber auch mit Willen und Durchsetzungskraft, selbst schwierigste Ziele – mit meist eng begrenzten Verwaltungsmitteln – zu erreichen. Unter enormem persönlichen Einsatz und ohne je auf die innere Stechuhr zu achten. Doch, was nicht einmal den beiden Oberbürgermeistern in Gänze gelingen wollte, soll auch hier gar nicht erst versucht werden. Der Blog hat ja das Privileg der Exklusivität, darf alles ausblenden, was nicht mit Wladimir zu tun hat.

Das Geschenk an Helmut Schmitt

Wie gut es da doch ist, daß Helmut Schmitt auch und gerade mit Wladimir zu tun hat. Viel sogar. Viel mehr, als man meinen möchte. Ihm ist es nämlich auch zu verdanken, daß die Städtepartnerschaften an jener „zentralen Stelle der Verwaltung“ nicht nur als ornamentaler Appendix geführt, sondern als zentrale Aufgabe gestaltet werden. Und Wladimir ist da mitten drin, im Zentrum, bei all seiner Liebe zu den übrigen Partnerschaften. Helmut Schmitt gehört nämlich noch jener Generation an, die verinnerlicht hat, was die Folgen des Zweiten Weltkrieges für die Menschen bedeuteten, was es konkret bedeuten kann, wenn ganze Völker Erbfeindschaften, tiefe Gräben, erbitterten Haß, ideologische Grenzen und als unüberwindbar geltende Spaltungen überwinden, kurzum, wenn Verständigung und Versöhnung gelingen.

Wegbegleiter Hermann Gumbmann und Rudolf Schwarzenbach

„Wir wollen – und wir müssen mit den Russen Freundschaft halten!“ Ein Lebensmotto für Helmut Schmitt, der es vom Stadtassisentenanwärter z.A. bis zum Verwaltungsdirektor gebracht hat. Eine Karriere übrigens – und das nur als Einschub -, die angesichts der heute so rigiden Einstellungs- und Beförderungsvoraussetzungen undenkbar wäre, wie selbst Siegfried Balleis bedauernd einräumte.

Dietmar Hahlweg und Helmut Schmitt

Die Freundschaft mit den Russen ist ihm Herzenssache. Das hat er bewiesen, wenn es galt, mit den Kommunisten die Verständigung zu suchen, das hat er bewiesen, als eine Besuchergruppe aus Wladimir im August 1991 während des Putsches gegen Michail Gorbatschow in Erlangen buchstäblich nicht mehr weiterwußte, das hat er bewiesen mit der Aktion „Hilfe für Wladimir“, vor allem aber hat er es bewiesen mit seiner umfassenden Unterstützung für das Erlangen-Haus, dieses Dach der Bürgerpartnerschaft, das ohne seine ordnende Hand – vor allem in der Bauphase -nicht vorstellbar wäre.

Willi Götz, Dietmar Hahlweg, Siegfried Balleis, Helmut Schmitt, Gerd Lohwasser, Ursula Rechtenbacher, Birgitt Aßmus, Elisabeth Preuß.

Dietmar Hahlweg sprach von dem Glück, das ihm zuteilgeworden mit einem solchen Amtsleiter an seiner Seite, und Siegfried Balleis lobte den „Politikmanager“ als „loyale, zuverlässige rechte Hand“. Ja, es ist ein Glück, daß Helmut Schmitt für Wladimir brennt und der Partnerstadt ein loyaler und zuverlässiger Freund ist – und bleibt!

Elisabeth Preuß, Birgitt Aßmus, Helmut Schmitt

Und ja, es ist ein Glück in ihm jemanden zu haben, der immer wieder nach dem Rechten sieht, der die Dinge richtet, der es zwar nicht allen recht machen will, der aber mit seinen Entscheidungen fast immer recht behält. Er ist nämlich – nicht nur hinsichtlich Wladimir – mehr als nur die rechte Hand: Er ist der rechte Mann am richtigen Ort mit einem großen Herzen am richtigen Fleck.

Helmut Schmitt und Herbert Lerche mit dem Team: Silvia Klein, Ute Klier, Anita Lochner, Andrea Kaiser, Till Fichtner, Britta Chiarelli, Jolana Hill und Gerhard Mahler.

In seinem sehr persönlich gehaltenen Schlußwort machte Helmut Schmitt gestern Hoffnung auf ein Wiedersehen: „Ich sage auf Wiedersehen. Und wir sehen uns bestimmt wieder!“ Das ist gut so – für die viele Projekte, an denen er noch arbeitet, für seine Freunde, die ihn sonst sehr vermissen würden, für sein Team, dem er noch einiges geben kann, für seinen Nachfolger, Herbert Lerche, in dessen bereits bürgermeisteramtserfahrene Hände er den Leitungsstab gern übergeben hat. Besonders gut aber ist dieses Versprechen für die Partnerschaft mit Wladimir und das Erlangen-Haus, dem er seit Anfang September als Mitglied des Beirates ehrenamtlich enger denn je verbunden ist. Wie gut!

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