Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Georgij Alburow’


Ikonoklasten kennt man aus der Kirchengeschichte, Gemälderäuber gehören eher in Krimis, Fälscher fallen meist erst hinterher auf, und Heiligenbilder verschwinden leider immer wieder aus Gotteshäusern. Aber die Ikonoklepten von Wladimir stellen all das in den Schatten und liefern ein Sujet für einen nachgerade surrealistischen Politkrimi. Doch eins nach dem andern:

Treppe vom und zum Bahnhof Wladimir

Treppe vom und zum Bahnhof Wladimir nach dem Bilderraub

Wer vom Bahnhof Wladimir zu Fuß in die Innenstadt will, hat einen steilen Aufstieg vor sich, vorbei an einer langen Bretterwand, grün gestrichen und beklebt mit Bildern des Künstlers Sergej Sotow. So war das zumindest bis vor kurzem, bis sich gar wunderliche Dinge zutrugen. Denn seit dem 25. Juni sind alle Arbeiten, die zu einem sittlicheren Leben – ohne Alkohol, Internet, Autos oder Hunde – aufriefen, verschwunden. Übrig sind nur einige Nägel und das Blaß der Stellen, wo sie hingen. Obdachlose, die sich in diesem Niemandsland zwischen Gleisen und Straßen eingerichtet haben, berichteten dem Fernsehsender Zebra, ein „Hausmeister“ habe die Bilder abgerissen, in einen Sack gesteckt und dann irgendwo weggeworfen.

Treppe vom und zum Bahnhof Wladimir vor dem Kunstraub

Treppe vom und zum Bahnhof Wladimir vor dem Kunstraub

Wer sich hinter dem unbekannten „Hausmeister“ – am Ende der als kauzig geltende Künstler selbst? – verbarg, ist bislang unbekannt. Jedenfalls geschah der Bilderraub sechs Tage nach der frühmorgendlichen Durchsuchung der Wohnung von Alexej Nawalnyj, des Moskauer Oppositionspolitikers, dem derzeit der Prozeß wegen einer acht Jahre zurückliegenden Unterschlagung von Mitteln der mittlerweile aufgelösten Partei „Union der Rechten Kräfte“ gemacht wird. Neben einigen Unterlagen fanden die Beamten auch das Bild „Schlechter guter Mensch“ von Sergej Sotow. Als gestohlen gemeldet hatte die Arbeit, für ihn „von großer Bedeutung“ der Straßenkünstler selbst bei der Wladimirer Polizei.

Der entbilderte Zaun

Der entbilderte Zaun

Doch schon tags darauf erschien im Internet ein Video, wo der Geschädigte zu Protokoll gibt, er sei niemandem böse, der sich eines seiner moralisierenden Bilder mitnehme. Wegen derlei Sachen wende er sich nicht an die Polizei – und dann wörtlich: „Zuerst war ich erschrocken, dann mußte ich lächeln. Was soll’s! Es ist wohl jemandem zu Herzen gegangen. Das macht doch nichts.“

Schlechter Mensch - guter Mensch von Sergej Sotow

Schlechter Mensch – guter Mensch von Sergej Sotow

Ein Teil des Interviews wurde just am Tag der Durchsuchung von einem zentralen Fernsehsender ausgestrahlt, wobei behauptet wurde, der Künstler sei sicher, der Kremlkritiker sei an dem Kunstraub beteiligt; außerdem habe er sich an die Polizei gewandt, was der Künstler in der Vollfassung des Interviews just bestreitet. Unklar ist dabei auch, wer überhaupt das Interview gemacht hat. Eine Investigationsplattform behauptet, der Film sei bereits am 19. Juni im Netz aufgetaucht und stamme von kremlnahen Aktivisten, die Sergej Sotow überdies auch noch dazu bewegt haben sollen, zur Polizei zu gehen. Einer anderen Version nach haben Wladimirer Journalisten die Reportage im Auftrag des Moskauer Senders gedreht, um Material gegen den in Ungnade gefallenen Alexej Nawalnyj zu bekommen. Und zwar unmittelbar nach Verschwinden des Bildes Anfang Juni, als der Künstler die Sache tatsächlich noch auf sich beruhen lassen wollte.

Schlechter Mensch - guter Mensch von Sergej Sotow in Moskau

Schlechter Mensch – guter Mensch von Sergej Sotow in Moskau

Alexej Nawalnyj selbst gab bei der Durchsuchung zu, das Werk des Wladimirer Künstlers zu schätzen, und das Bild habe ihm Georgij Alburow, ein Kollege von der Antikorruptionsstiftung, zum Geburtstag am 4. Juli geschenkt. Kurz nach der Durchsuchung wurde wegen des Bilderraubs Anzeige gegen unbekannt erstattet. Am 23. Juni dann das Verhör der mutmaßlichen Diebes, Georgij Alburow, dem nun bis zu zwei Jahren Haftstrafe drohen. Und auch Alexej Nawalnyj muß sich in der Sache verantworten, könnte er doch den Raub in Auftrag gegeben haben…

Straßenaustellung von Sergej Sotow in Wladimir

Straßenaustellung von Sergej Sotow in Wladimir

Die ganze Aufregung lenkt nun freilich ungeahnte Aufmerksamkeit auf das Werk des bisher in seiner Heimatstadt eher belächelten Künstlers. Just die gestohlene Arbeit prangt nun in übergroßer Kopie an einem der Prachtboulevards der Hauptstadt, von unbekannt in Auftrag gegeben. Sergej Sotows Marktwert dürfte rasch steigen. Und schon hat sich auch der omnipräsente Moskauer Prominentenmaler, Nikas Safronow, zu Wort gemeldet und darauf verwiesen, die Causa Sotow müsse die Öffentlichkeit für die Frage des Urheberrechts sensibilisieren.

Autoverkauf, Arbeit von Sergej Sotow

Autoverkauf, Arbeit von Sergej Sotow

Unterdessen fragt man sich in Wladimir, ob die nun verschwundene Ausstellung je wieder zu sehen sein werde. Noch allerdings hängen andernorts, in den Fenstern eines verlassenen Hauses der Innenstadt, schon recht mitgenommene Plakate des Künstlers, die hoffentlich nicht auch bald ein unbekannter „Hausmeister“ mitnimmt. „Ein ewig Rätsel“ wird die mysteriöse Sache, frei nach Ludwig II, „mir und anderen“ hoffentlich nicht bleiben.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: