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Posts Tagged ‘Gabriele Kopper’


Am Wochenende nach dem westkirchlichen Osterfest hatte ich Gelegenheit, Cumiana, eine mit Erlangen seit 2001 befreundete Stadt im Piemont, Norditalien, zu besuchen. Gemeinsam mit einer offiziellen Delegation bestehend aus Stadträtin Gabriele Kopper als Vertreterin des Oberbürgermeisters Florian Janik, und ihrem Stadtratskollegen, Christian Lehrmann, sowie Manfred Kirscher als Vertreter des Erlanger Bündnisses für den Frieden folgte ich der Einladung aus Cumiana, an den diesjährigen Gedenkfeierlichkeiten für die Ermordung von 51 Männern am 3. April 1944 durch ein Wehrmachtskommando teilzunehmen.

Die Erlanger Cumiana-Delegation vor der Abreise im Rathaus: Fredi Schmidt, Christian Lehrmann, Gabriele Kopper, Kristina Kapsjonkowa und Manfred Kirscher

Im Zweiten Weltkrieg kam es in den Tälern des Piemonts zu Partisanenkämpfen. In Cumiana wurden am 3. April 1944 unter dem Befehl eines SS-Offiziers aus Erlangen 51 Männer unterschiedlichen Alters erschossen. Das jüngste Opfer war erst 16 Jahre alt! Was für eine schreckliche Zeit!

Ankunft bei den Freunden in Cumiana

Seit 2001 reisen alljährlich offizielle Vertreter und Delegierte verschiedener Organisationen aus Erlangen nach Cumiana, um die Verbundenheit mit den Angehörigen der Opfer zu zeigen. Im Laufe der Jahre hat sich zwischen Erlangen und Cumiana eine tiefe Freundschaft auf alles Ebenen  nach dem Motto entwickelt: Ohne die fürchterliche Vergangenheit zu vergessen, alles zu tun, um in Zukunft solche Verbrechen unmöglich zu machen.

Christian Lehrmann, Paolo Poggio (Bürgermeister von Cumiana) und Gabriele Kopper

Während der zwei Tage meines Aufenthaltes in Cumiana habe ich sehr viel Beeindruckendes erlebt und sehr viele interessante und nette Leute kennengelernt. Ich wurde überall überaus freundlich und herzlich empfangen und konnte die traditionelle italienische Gastfreundschaft erleben.

Schweigeminute

Gleich am ersten Abend nahm ich an der Seite einer großen Anzahl Cumianesi an einem eindrucksvollen Fackelzug zum Ort der Erschießung teil, abgeschlossen von einer Schweigeminute. Am nächsten Tag wurden Kränze am Monument auf dem Friedhof des Ortes niedergelegt – in Gegenwart von noch lebenden Zeitzeugen und Angehörigen der Opfer. Ich sah Tränen in den Augen vieler Anwesender und konnte mir die Schrecken und  Schmerzen jeder furchtbaren Zeit vorstellen. Eine der Frauen, die ich kennenlernte, verlor bei dem Massaker vier Angehörige, unter anderen ihren Vater!

Christian Lehrmann und Gabriele Kopper mit Angehörigen der Opfer

Am letzten Tag gab es in der schönen Kirche eine Messe, gefolgt von einem Konzert  junger Streicher und einer Darbietung des Chores von Cumiana. Ich war sehr überrascht, auch eine russischsprechende Lehrerin kennenzulernen.

Gedenktafel für die 51 Opfer am Ort ihrer Erschießung

Zurückblickend hat diese Reise auf mich einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht. Die positive Einstellung der Cumianesi zu Vergangenheit und Zukunft, deren wunderschön melodiöse Sprache, ihre unübertreffliche Gastfreundschaft, die leckeren Speisen (mindestens sechs Gänge  pro Essen) und auch die herrliche Lage am Fuße der Westalpen werde ich nie vergessen!

Paolo Poggio, Christian Lehrmann, Gabriele Kopper und Manfred Kirscher im Gedenken an die Opfer auf dem Friedhof von Cumiana

Cumiana hat mein Herz erobert!

Gedenken an die Opfer

Es hat mich sehr gefreut, daß sich trotz der Kriegsgreuel eine so tiefe Freundschaft und so ein gegenseitiges Verständnis entwickeln konnte. Als Studentin aus Wladimir würde ich mir eine Kontaktaufnahme zwischen meiner Stadt und Cumiana sehr wünschen – gibt es doch so viele Parallelen!

Kristina Kapsjonkowa

 

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In den Erlanger Nachrichten war am Freitag im Kulturteil nur eine kleine Notiz zu dem gestrigen Konzert des Mädchenchors der Kunstschule Nr. 3 aus Wladimir zu finden. Verständlich, wenn es da bei dem einen oder der anderen in der Vorbereitung Befürchtungen gab, die Kirche könne sich nicht füllen. Doch es hatte sich wohl rasch herumgesprochen, was da junge Gäste aus der Partnerstadt wieder für ein musikalisches Fest veranstalten würden, und so waren denn die Reihen schon kurz vor 17.00 Uhr so gut besetzt, daß man zu Beginn des Auftritts kaum mehr einen freien Platz fand.

Die Hugenottenkirche füllt sich

Die Hugenottenkirche füllt sich

Den Auftakt machte der Mädchenchor des Christian-Ernst-Gymnasiums mit drei Stücken, einem geistlichen Lied von Gabriel Fauré, einer Volksweise über das ewige Grün der Hoffnung und einen Song aus Afrika, voller Rhythmus und Bewegung. Bescheiden hatte Musiklehrer Joachim Adamczewski sein Ensemble als „Vorgruppe“ bezeichnet, aber die Gymnasiastinnen ließen schon viel mehr als nur eine Vorahnung auf das erkennen, was sie wohl schon in ein paar Monaten auf die Bühne bringen würden.

Joachim Adamczewski und sein Mädchenchor

Joachim Adamczewski und sein Mädchenchor

Der Mädchenchor des einzigen musischen Gymnasiums in Erlangen ist nämlich immer nur auf zwei Jahre angelegt und existiert in der gegenwärtigen Besetzung erst seit diesem Schuljahr. Desto beachtlicher, mit welchem gesammelten Ernst das Lob an die Gottesmutter erklingt, wie hell und hoch die Stimmen die Hoffnung tragen, wie inspiriert die afrikanischen Elemente interpretiert werden.

Duett im Mädchenchor Wladimir

Duett im Mädchenchor Wladimir

Da haben der Leiter der Kunstschule Nr. 3, Alexander Sneschin, und die Dirigentin, Jekaterina Pudonina, natürlich ganz andere Voraussetzungen – mit drei Probestunden als Ensemble, einer individuellen Dreiviertelstunde für die eigene Stimmbildung jedes Mädchens und eben all die Jahre einer Kontinuität, denn in der Regel treten die jungen Sängerinnen schon mit sieben Jahren, spätestens im Alter von dreizehn Jahren ein und bleiben bis zum Abitur.

Im Quintett des Mädchenchors Wladimir

Im Quintett des Mädchenchors Wladimir

Da ist denn auch jedes Lied ein klangliches Kleinod, da jubiliert und vibriert es in allen Tonlagen, da jauchzt – man muß sie hier bemühen – die russische Seele, da atmet eine Leichtigkeit der Melancholie, da schafft sich ausgelassen Spielwitz Raum, und da sitzt jeder Ton, stimmt jeder Einsatz. So voll der Chor in den Tutti tönt, so anmutig-anrührend perlen die Noten im Duett oder schweben im Quintett durch den Raum, ganz ohne die ohnehin eher zurückhaltende Interpunktion der Dirigentin, die sich ganz auf die Repertoire-Sicherheit ihrer Künstlerinnen verlassen kann.

Stehende Ovatationen von allen Bänken der Hugenottenkirche

Stehende Ovatationen von allen Bänken der Hugenottenkirche

Immer wieder erklingen aus dem Publikum Bravo-Rufe, im Beifall sind Stimmen zu hören wie „Gott, ist das schön!“, und am Ende dann stehende Ovationen für einen Chor, der es versteht, sein Publikum zu verzaubern und sich dann auch nicht lange bitten läßt, als Zugabe das Hallelujah von Leonard Cohen zu wiederholen.

Elisabeth Preuß mit Blumen für den Mädchenchor Wladimir

Elisabeth Preuß mit Blumen für den Mädchenchor Wladimir

Und nach dem Auftritt? Ein Lob von einer Kollegin an die Pianistin, Darja Ljagina, die über eine ganze Stunde hinweg als Begleiterin des Chors die Spannung hielt. Die Frage danach, warum es denn keine CD von dem Ensemble gebe? Der Wunsch, doch bald wieder so ein Partnerschaftskonzert zu veranstalten

Darja Ljagowa und Elisabeth Preuß

Darja Ljagowa und Elisabeth Preuß

Und im „Abspann“ nicht nur Blumen und einen süßen Gruß für die Mitwirkenden, sondern auch bewegende Worte von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß mit dem Dank dafür, gerade am Vorabend des sicherlich emotionalsten Festes der Deutschen, des 25. Jahrestages des Mauerfalls, so viele schöne Gefühle geweckt zu haben, dem Publikum so viel Freude bereitet zu haben.

Elisabeth Preuß mit süßen Grüßen für den Mädchenchor Wladimir

Elisabeth Preuß mit süßen Grüßen für den Mädchenchor Wladimir

Und mit dem Dank an einen Stadtrat in Erlangen, der lange, bevor man in Deutschland den Begriff „Glasnost“ kannte, den Mut bewiesen hatte, mit dem damals noch sowjetischen Wladimir eine Partnerschaft einzugehen, die von Jahr zu Jahr intensiver und lebendiger wird und gewiß nicht nur auf dem Papier steht.

Birgitt Aßmus, Joachim Adamczewski, Elisabeth Preuß, Gabriele Kopper und Peter Steger

Birgitt Aßmus, Joachim Adamczewski, Elisabeth Preuß, Gabriele Kopper und Peter Steger

Mit Dank auch an die Stadtratskolleginnen – stellvertretend für das ganze Gremium – Birgitt Aßmus und Gabriele Kopper, die mit ihrem Besuch wieder einmal bewiesen, wie wichtig ihnen die freundschaftlichen Verbindungen zu Wladimir, wie beglückend schön gerade die kulturellen Höhepunkte dieser Partnerschaft sind.

Alexander Sneschin und Joachim Adamczewski liegen ihren Mädchen im Calvin-Saal der Reformierten Gemeinde zu Füßen

Alexander Sneschin und Joachim Adamczewski liegen ihren Mädchen im Calvin-Saal der Reformierten Gemeinde zu Füßen

Ein Glück, das aber besonders die russischen und deutschen Mädchen erleben: im täglichen Miteinander in den Familien, in gemeinsamen Unternehmungen – und natürlich bei so einem Doppelkonzert und der anschließenden Stärkung im Calvin-Saal, der an diesem Abend in ein Refektorium umgewandelt wurde.

Marina Maximowa, Joachim Adamczewski, Jekaterina Pudonina, Alexander Sneschin und Darja Ljagowa im Calvin-Saal der Reformierten Gemeinde

Marina Maximowa, Joachim Adamczewski, Jekaterina Pudonina, Alexander Sneschin und Darja Ljagowa im Calvin-Saal der Reformierten Gemeinde

Ein Glück, das die Lehrmeister der Musik teilen als Lohn all ihrer Mühen, all der vielen Zeit, die sie in Vorbereitung und Proben investieren, all der Kraft und Energie, die sie dem musikalischen Nachwuchs schenken. Ein Glück, das sie im Miteinander über die Grenzen von Politik und Länder hinweg erleben, das sie vereint. Wäre Sabine Kreimendahl – wie beim Knabenchor Wladimir Ende Juni – wieder im Publikum gesessen, sie hätte wieder Anlaß genug gehabt, für die Erlanger Nachrichten von einem „großartigen Konzert“ zu schreiben und zusammenzufassen: „So sieht Völkerverständigung aus“!

Beste Laune: Ein Trio des Mädchenchors Wladimir nach dem Auftritt

Beste Laune: Ein Trio des Mädchenchors Wladimir nach dem Auftritt

Heute, um 11.15 Uhr ist der Chor aus Wladimir nochmals mit der Ode an die Freude zu Beginn der Podiumsdiskussion in der Volkshochschule zum Thema Mauerfall zu hören, und dann gibt es noch um 18.00 Uhr das Konzert in der Katharinen-Kirche zu Thuisbrunn in der Fränkischen Schweiz. Wer Ohren hat zu hören, der komme und frohlocke!

P.S.: Ein herzlicher Dank an Nadja Steger für die Bilder!

 

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Neben den vielen publikumswirksamen Veranstaltungen während des Jubiläums gab es auch eine Fülle von Begegnungen, die nicht im Rampenlicht standen, wie etwa der Besuch von Stadträtin Gabriele Kopper und ihrer Kollegin, Gerlinde Stowasser, in der Kinderklinik Wladimir. Kein Krankenhaus der Partnerstadt hat, stets unter der fachlich sorgenden Obhut von Prof. em. Dieter Wenzel, so früh und so viel an Unterstützung aus Erlangen erfahren, nirgendwo sonst gehen die Gäste aus Franken so ungezwungen ein und aus, und keine medizinische Einrichtung erfährt noch immer so viel Aufmerksamkeit. Mittlerweile auch seitens des russischen Staates, wie die beiden Besucherinnen zu ihrer Freude feststellen konnten.

Inkubator in der Neonatologie Wladimir

Inkubator in der Neonatologie Wladimir

Besonders deutlich wurde dies in den renovierten Räumen, wo auch die Neonatologie untergebracht ist. Erstaunt bemerkt Gabriele Kopper, die weiß, wie es hier früher ausgesehen hat: „Die Einrichtungen und Ausstattungen sind in der Zwischenzeit hervorragend und mit deutschen Standards zu vergleichen. Herr Prof. Wenzel war sehr beeindruckt davon.“ Dazu wird der Kinderarzt, der seinen Besuch zu einem Vortrag  nutzte, zu dem etwa 50 Kollegen gekommen waren, auch noch einen eigenen Bericht für den Blog schreiben. Davon also später mehr.

Gabriele Kopper und Klinikleiterin Swetlana Makarowa mit den Bildern aus Tennenlohe

Gabriele Kopper und Klinikleiterin Swetlana Makarowa mit den Bildern aus Tennenlohe

Hier nur der Hinweis auf die Bilder, gemalt von den Kindern der Grundschule Tennenlohe, für die kleinen Patienten in Wladimir und übergeben von Gabriele Kopper. Immer wieder ein schönes Zeichen der Verbundenheit, von Kind zu Kind, schön nachzulesen unter: http://is.gd/pJOfgr. Bei der Gelegenheit sei auch erinnert an die Spendenaktion der Tennenloher Schule und an das Ehepaar Arnold und Erika Axmann, das unlängst schon zum zweiten Mal für die Krebsstation des Kinderkrankenhauses Wladimir anläßlich eines runden Geburtstages um Spenden gebeten hatte: http://is.gd/htZWL4. Eine junge Flötistin der Sing- und Musikschule erkrankte übrigens während des Jubiläums und wurde untersucht und behandelt – hier im Kinderkrankenhaus – und rechtzeitig zur Abreise entlassen. Oberbürgermeister Sergej Sacharow hat dem Mädchen mit den besten Genesungswünschen bereits angeboten, noch einmal – gesund! – nach Wladimir zu kommen, um all das dort Versäumte nachzuholen. Da gibt es dann bestimmt ein Wiedersehen – auch im Kinderkrankenhaus.

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Mehr als vierzig junge Menschen mit Behinderung gehören bei der Selbsthilfeorganisation Swet zur Musikgruppe. Aus Platzgründen konnte am gestrigen Freitag nur ein kleiner Teil von ihnen zum Auftakt des Seminars „Beispiele für erfolgreiche Umsetzung der Rechte von Behinderten auf Teilhabe“ ins Erlangen-Haus kommen. Aber für gute Stimmung sorgten sie dennoch!

Musikgruppe Swet im Erlangen-Haus.

Musikgruppe Swet im Erlangen-Haus.

Zusammenarbeit im Bereich der Behindertenarbeit gibt es in der Partnerschaft seit den frühen 90er Jahren, doch ein derart intensiver fachlicher Austausch, an dem sich auch die politische Spitze beider Städte beteiligt, ist neu. Und soll fortgesetzt werden. Jelena Owtschinnikowa, „Sozialbürgermeisterin“ Wladimirs, ist sich da mit ihrer Kollegin, Elisabeth Preuß, einig. Besonders will man sich für die Inklusion von behinderten Kindern einsetzen. Von denen gibt es etwa eintausend in Wladimir – bei insgesamt 53.000 Kindern -, von denen wiederum 67 so schwer behindert sind, daß sie bislang nur zu Hause am Bildschirm unterrichtet werden können. Wenn es nach Jelena Owtschinnikowa geht, sollen aber auch diese Kinder bald die Möglichkeit haben, wie alle anderen eine Schule zu besuchen. Dabei muß man wissen, daß es bis 2001 ein Gesetz gab, das bei der Diagnose „nicht beschulbar“ die Kinder aus dem Unterricht ausschloß. Aufgehoben wurde diese Vorschrift erst auf Betreiben von Eltern mit behinderten Kindern. Auch Ljubow Katz, selbst Mutter eines mittlerweile 29jährigen behinderten Sohnes, hatte sich damals schriftlich in der Sache an den Präsidenten gewandt. Erfolgreich!

Tatjana Kirssanowa und Elisabeth Preuß bei dem Behinderten-Seminar im Erlangen-Haus.

Tatjana Kirssanowa und Elisabeth Preuß bei dem Behinderten-Seminar im Erlangen-Haus.

Als den größten Erfolg ihrer Arbeit sieht das Ehepaar Ljubow und Jurij Katz, die Gründereltern der Selbsthilfegruppe Swet, freilich die Veränderung in den Köpfen. Noch vor fünf oder zehn Jahren habe man in Wladimir Behinderte auf der Straße angestarrt wie einen Elefanten, nun drehe sich niemand mehr um. Und Jelena Owtschinnikowa berichtet begeistert vom Fach Toleranz, das in Kindergärten und Schulen helfe, den Umgang mit dem Anderssein als normal und selbstverständlich einzuüben. Auch die Politik nimmt das Thema ernst: Wladimir ist die erste Region, die ab dem kommenden Jahr eine Vergütung im Fall einer Pflegschaft für Familienangehörige, gleich ob Kinder oder alte Menschen, behindert oder krank vorsieht. Dem gegenüber stehen freilich auch erschreckende Zahlen: 80% der Väter verlassen ihre Familie, wenn ein behindertes Kind geboren wird! Nur ganze 4% beteiligen sich an der Pflege. Und es gibt, bedingt durch die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik, immer mehr Abtreibungen im Fall einer Behinderung.

Nikolaj Romanow, Leonhard Hirl, Thomas Grützner, Elisabeth Preuß und Ljubow Katz mit Kindern im Erlanger Zimmer.der Frühförderstätte.

Wiktor Tschukajew, Leonhard Hirl, Thomas Grützner, Elisabeth Preuß und Ljubow Katz mit Kindern im Erlanger Zimmer.der Frühförderstätte.

Dennoch: Thomas Grützner, Behindertenbeauftragter der Stadt Erlangen, und Leonhard Hirl, der Altmeister in Sachen „Betreutes Wohnen“ für Menschen mit psychischen Behinderungen, sind begeistert von dem, was sie bei dem Seminar, wo sie natürlich auch selbst sprechen, in fünf Referaten von ihren russischen Kollegen hören. Und vor allem von dem, was sie nach der Mittagspause mit eigenen Augen sehen. Zum Beispiel das mit Spenden aus der Partnerstadt eingerichtete „Erlanger Zimmer“ im Zentrum für Frühförderung, wo Eltern für ihre behinderten Kinder alles geschaffen haben, was für deren Entwicklung notwendig ist, von der Logopädie bis hin zur Bewegungstherapie, wo es Rechtsberatung ebenso gibt wie Platz für gemeinsame Feiern. Alles in Räumlichkeiten, die von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt, aber mit ehrenamtlichen Kräften und mit der Hilfe von Sponsoren renoviert und eingerichtet wurden.

Elisabeth Preuß in der Schule des Lebens.

Jurij Katz, Leonhard Hirl, Thomas Grützner, Ljubow Katz und Elisabeth Preuß in der Schule des Lebens.

Besonders eindrucksvoll die „Schule des Lebens“, in einem anderen Gebäude untergebracht, wo in Kleingruppen geübt wird, wie man für sich selbst sorgt: Putzen, Waschen, Kochen, Aufräumen, aber auch Basteln stehen auf dem Lehrplan. Immer gemeinsam, immer in einer familiären Atmosphäre. Und immer gern zur Freude anderer, denn, was da gerade mit viel Sorgfalt entsteht, ist eine ganze Serie von Glückwunschkarten.

in der Schneiderei.

Elisabeth Preuß, Ljubow Katz, Ludmila Nikolina, Leonhard Hirl, Jurij Katz und Thomas Grützner in der Näherei.

Eine sinnvolle Beschäftigung bietet auch die Näherei. Bis zu sechs Plätze sind hier jeweils für vier Stunden besetzt. Dann ist Schichtwechsel. Länger halten die jungen Leute wegen ihrer Beeinträchtigungen nicht durch. Und sie sollen ja auch noch etwas anderes lernen: in Würde zu leben, möglichst selbständig. Alle hier haben eine abgeschlossene Ausbildung hinter sich, finden aber in der freien Wirtschaft keine Stelle. Also nähen sie für die Verkaufsausstellungen, die Swet regelmäßig organisiert. Aus dem Erlös wird wieder Stoff gekauft, und die Jugendlichen erhalten eine kleine Gratifikation.

In der Probewohnung.

In der Probewohnung.

Wenn die Pädagogen von Swet jemanden für reif halten, bereits auf eigenen Beinen zu stehen, schlagen sie die Person für die Wohngruppe vor. Ein mittelständischer Unternehmer hat der Selbsthilfeorganisation seine ehemaligen Geschäftsräume kostenlos überlassen, die nach einer Renovierung und der Ausstattung mit gespendeten Möbeln nun immer für einen Monat zum Zuhause auf Probe für Vierergruppen geworden sind. Unter Anleitung einer Sozialarbeiterin gestalten die jungen Leute ihren Alltag selbst, schaffen sich eine Struktur und bereiten sich auf ein selbstbestimmtes Leben vor. Auf Dauer. Dafür wird ab März eine Sechszimmerwohnung hergerichtet – mit einem über die Partnerschaft vermittelten Zuschuß der katholischen Hilfsorganisation Renovabis in Höhe von 50.000 Euro! -, die betreutes Wohnen, ein für Rußland bisher einmaliges Projekt, ermöglichen soll. In den zwei Jahrzehnten segensreicher Tätigkeit sind nämlich aus den ersten Kindern mit Behinderungen junge Erwachsene geworden, die früher oder später auch mit der Frage konfrontiert werden, was aus ihnen werden soll, wenn die Eltern einmal selbst Hilfe brauchen, erkranken, sterben. Dafür die Wohnung und dafür schon im nächsten Jahr der Bau eines Hauses, für das die Stadt bereits ein Grundstück bereitgestellt hat. Und dafür Respekt und Anerkennung dem Ehepaar Ljubow und Jurij Katz sowie all ihren Mitstreitern aus Swet, der Stadtverwaltung und den vielen Spendern und Unterstützern aus Wladimir und Erlangen.

Natalia Korssakowa,

Natalia Korssakowa, Elisabeth Preuß, Irina Chasowa und Nadja Steger im Deutsch-Kurs.

Eine ganz andere Schule des Lebens findet man abends im Erlangen-Haus, wenn all die Sprachkurse für die 200 Deutschlernenden auf den verschiedenen Stufen beginnen. Die Gäste aus Erlangen haben dieses Mal ein Geschenk mitgebracht, das richtig Freude aufkommen läßt: German Hacker, 1. Bürgermeister von Herzogenaurach, hat seine Mitarbeiterin, Nadja Steger, die angenehme Aufgabe übertragen, in seinem Namen den Deutschkursen im Erlangen-Haus ein Erlangen-Monopoly zu überreichen. Eine schöne Geste von jemandem, der Wladimir bisher noch nicht aus eigenem Erleben kennt, ein schönes Geschenk, das die spielerische Beschäftigung mit Erlangen ermöglicht. Ein herzliches Dankeschön dafür von Wladimir nach Herzogenaurach oder besser: спасибо большое!

P.S.: Im Museum im Amtshausschüpfla zu Erlangen eröffnet heute um 11.00 Uhr Stadträtin Gabriele Kopper die Ausstellung mit Ostereiern aus Wladimir. Nicht vergessen, weitersagen und nachlesen unter: http://is.gd/xxSP3N

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„Man konnte es gar nicht besser treffen“, meinte Bürgermeisterin Birgitt Aßmus bei dem kleinen Empfang auf der Bühne der Heinrich-Lades-Halle kurz vor dem gestrigen Konzert. „Denn wir sind am Vorabend zum dreißigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft. Und RUS gehört längst fest zu dieser einmaligen deutsch-russischen Freundschaft.“

Vor dem Konzert mit Stadträtin Gabriele Kopper und Bürgermeisterin Birgitt Aßmus sowie dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger

Vor dem Konzert mit Stadträtin Gabriele Kopper und Bürgermeisterin Birgitt Aßmus sowie dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger

Doch der Symbolik gibt es noch mehr an diesem Abend. Nikolaj Litwinow, künstlerischer Leiter des Staatlichen Tanz- und Gesangsensembles, erinnert daran, daß RUS vor 25 Jahren hier auf diesen Brettern die Bühnenpremiere nicht nur in Erlangen, sondern in Deutschland und Westeuropa überhaut erlebte. Und er selbst dabei, damals noch zuständig „nur“ für das Orchester. „In diesen 25 Jahren ist die Sowjetunion untergegangen, aber die russische Volkskunst lebt weiter.“ Ebenso wie die Freundschaft zwischen Erlangen und Wladimir, an die er am Ende des großartigen Konzertes dankbar erinnert und die es zu bewahren und an die Jugend weiterzugeben gelte.

Anspannung vor dem Auftritt: Regine Burk.

Anspannung vor dem Auftritt: Regine Burk.

Recht hatte Regine Burk, unter deren umsichtiger Regie RUS nun schon zum zweiten Mal in Folge auf Tournee durch Deutschland und die Schweiz geht. Recht mit ihrer Ankündigung, das Ensemble habe ins Programm ganz neue Höhepunkte eingebaut. Mehr als nur die Farbtupfer der immer prächtigeren Kostüme, mehr als nur die musikalischen Pretiosen mit einer virtuosen Jazz-Improvisation und einer beglückend-schönen Badinerie von Johann Sebastian Bach auf traditionellen russischen Instrumenten, mehr als nur die immer wieder verblüffenden artistischen Sprünge und Drehungen der Tänzer und auch mehr als die mal innig-inspirierten, mal lebensfroh-ausgelassenen Gesangseinlagen der Chorgruppen und Solisten.

RUS: Ausgelassenes Treiben auf der Bühne.

RUS: Ausgelassenes Treiben auf der Bühne.

Es ist ein Mehr an inneren Zusammenhängen, an schlüssigen Übergängen, an gewachsener Harmonie, die aus jeder Nummer des Programms strahlt und den Abend in ein festliches Licht taucht. In ein weihnachtliches Licht, das man frohgemut nach Hause trägt und weiterschenken möchte.

RUS: Pastorale.

RUS: Pastorale.

Immer dann, wenn man meint, RUS habe den künstlerischen Höhepunkt erreicht, erfindet sich das Ensemble neu und beweist: Nur RUS ist besser als RUS. Seit drei Jahrzehnten füllt die Truppe nun die Säle daheim in Wladimir und wo sonst auch immer, wo der Vorhang aufgeht. Nur gestern in Erlangen blieben einige Stühle unbesetzt. Vielleicht weil die Gruppe im Vorjahr schon hier aufgetreten war und manche meinten, sie würden nichts mehr versäumen. Welch ein Irrtum! Wenn sie den Beifall gehört hätten, wenn sie die Begeisterung in den Gesichtern gesehen hätten!

RUS in Erlangen 2012.

RUS in Erlangen 2012.

Die Russische Weihnacht zieht nun weiter in die Schweiz und nach Liechtenstein und endet am Sonntag in München (s. www.burk-artist.de), bevor es für die knapp dreißig Künstler wieder nach Hause geht, nach Wladimir. Wer den Auftritt dieses Mal versäumt hat, sei aber getröstet, denn vom 29. Mai bis 2. Juni 2013 findet in Wladimir das dreißigjährige Partnerschaftsjubiläum statt.

Blumen und ein Geschenkkorb für RUS.

Blumen und ein Geschenkkorb für RUS.

Noch sind Plätze für die Bürgerreise frei. RUS wird da sicher im Festprogramm auftauchen, freilich nicht mit der Russischen Weihnacht, sondern mit Sommerszenen. Also, nicht lange gezögert, Anmeldungen werden unter wladimir@stadt.erlangen.de bis Ende Januar 2013 angenommen.

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Nirgendwo ist es kürzer, schöner und anschaulicher dargestellt. „Unsere Freunde“ steht über der Schautafel der Feuerwehr zu lesen, und die vielen Bilder sprechen für sich. Aber nicht nur davon zeigt sich Friedhelm Weidinger, Erlangens Feuerwehrchef, tief beeindruckt. Modernste Technik für Videokonferenzen, Löschgerät für unterschiedliche Einsätze, Satellitenüberwachung auf dem neuesten Stand von Glonass – und immer wieder Anerkennung und Lob für die hochprofessionelle Arbeit seines Kollegen Pawel Litow, dem es gelungen ist, seine Mannschaft nicht nur mit besserer Ausrüstung auszustatten, sondern auch auf einen beachtlichen Ausbildungsstand zu bringen. Da braucht man sich nicht zu sorgen um die weitere Zusammenarbeit der Feuerwehrleute beider Partnerstädte.

Dieter Rossmeissl, Ursula Lanig, Gabriele Kopper, Felix Wasel, Birgitt Aßmus, Anna Makarowa, Pawel Litow und Friedhelm Weidinger.

Doch das Programm ist erbarmungslos gedrängt und beschert jedem seine Termine. Und so finden sich Ursula Lanig, Gabriele Kopper und Dieter Rossmeissl schon eine Stunde später im Landesmuseum Wladimir wieder, um mit der Direktorin, Swetlana Melnikowa, über eine gemeinsame Photoausstellung zum Partnerschaftsjubiläum im nächsten Jahr zu sprechen. Nachdem der Fachaustausch in der Museumspädagogik nun so erfolgreich angelaufen ist, schlägt die Gastgeberin denn auch vor, zwei Mitarbeiterinnen zu benennen, die sich um Form und Inhalt dieses gemeinsamen Projektes kümmern sollen. Doch die bei allem Charme durchaus streitbare Museumsleiterin berichtet auch von ihren Sorgen: zurückgehende Touristenzahlen – vor allem bei den Studienreisen -; ein überdimensioniertes Internetportal des Kulturministeriums, das viel zu viel Geld verschlinge und die Museen auf den Bildschirm bringe statt vor allem die Kinder und Jugendlichen in die Ausstellungen zu locken. Gleichzeitig beobachtet sie ein verstärktes Interesse der Öffentlichkeit. Zu allen nur denkbaren Fragen aus Politik und Gesellschaft, Kultur und Zeitgeschichte erhalte sie Anfragen von den Medien, weil man den Politikern immer weniger vertraue. Diesen Umstand nutzt Swetlana Melnikowa freilich auch geschickt, um historische Vergleiche zu ziehen. So hat sie eine Spendenaktion mit dem Ziel ins Leben gerufen, die Grabstätte von Nikolaj Somow, dem letzten Oberbürgermeister Wladimirs vor der Oktoberrevolution, beigesetzt auf einem Pariser Friedhof, wieder in einen würdigen Zustand zu bringen. Erwünschter Nebeneffekt: Die Aktion erlaubt zu zeigen, wie viel dieser Politiker ganz uneigennützig seiner Stadt gegeben hat, wie gut seine Nachfolger daran tun, ihm nachzueifern. Doch dies nur am Rande. Beider Museen ganzer Eifer gilt nun der Vorbereitung der Ausstellung, denn es bleiben nur noch wenige Monate.

Swetlana Melnikowa, Dieter Rossmeissl, Gabriele Kopper und Ursula Lanig.

Inzwischen hat auch Bürgermeisterin Birgitt Aßmus, zuständig für Feuerwehr und Katastrophenschutz, ihre Besichtiung der Feuerwehrwache abgeschlossen und stößt im Haus der Offiziere wieder zu der „Kultur-Delegation“. Die so kriegerisch klingende Einrichtung war einst Versammlungsstätte für die Adligen Wladimirs, wurde später von den Bolschewiken für ihre Kongresse genutzt und erhielt erst nach dem Zweiten Weltkrieg ihren heutigen Namen. Mittlerweile geht es hier ganz friedlich zu – nur eine Daueraustellung erinnert noch an die vielen blutigen Konflikte der Vergangenheit -, und längst ist in die Räume die Kultur eingezogen.

Die Kultur im Haus der Offiziere

Wie bereits am Vortag erwartet die Gäste wieder eine angenehme Überraschung, ein Wiedersehen mit dem Chor Raspew, der im Frühjahr in Erlangen aufgetreten ist und nun ein kleines Konzert für die Besucher aus der Partnerstadt gibt. Inspiration genug, um mit den Vertreterinnen des Kulturamtes nicht nur Ideen für das Partnerschaftsjubiläum auszutauschen, sondern auch darüber nachzudenken, wie man auf verschiedenen Ebenen noch enger zusammenarbeiten könnte. Der Bereich Bibliotheken – der Erlanger Bücherbus weckt besonders großes Interesse – könnte da schon bald an der Reihe sein. Schon erstaunlich, wie bei aller Vielfalt der bereits bestehenden Kontakte sich immer wieder neue Türen auftun.

Natalia Kolesnikowa, Leiterin des Kammerchors Raspew, und Birgitt Aßmus.

Der Nachmittag steht ganz im Zeichen der sozialen und medizinischen Projekte. Auch da gibt es noch viel gemeinsam zu tun. Ein großes Anliegen ist es zum Beispiel Irina Owtschinnikowa, als Vizebürgermeisterin unter anderem zuständig für Medizin und Soziales, gemeisam mit dem Roten Kreuz ein Hospiz einzurichten. Noch in diesem Jahr möchte sie deshalb mit Olga Dejewa, der Direktorin des Roten Kreuzes Wladimir, nach Erlangen kommen, um die Erfahrungen der Partner zu nutzen. Zumal es in Wladimir bisher nicht eine einzige Palliativstation gibt. Bis zu einem eigenen Hospiz ist es da noch weit, deshalb will das Rote Kreuz zunächst – unterstützt vom Förderverein in Erlangen, dem auch Birgitt Aßmus angehört – die häusliche Pflege von Krebspatienten wiederaufnehmen und nach Möglichkeit auch eine Schwangerschaftsberatung anbieten. Große Hoffnungen und Pläne, bei deren Umsetzung Dieter Rossmeissl helfen will, ist er doch auch für den Bereich Jugend zuständig. Und schon ist man bei Themen wie Spielsucht, Alkohol und Drogen, aber damit auch beim Thema Sozialarbeit. Da, so bekennt Irina Owtschinnikowa, habe man noch viel zu lernen, denn bisher gebe es im städtischen Jugendamt noch nicht einmal eine Psychologenstelle. Man kümmere sich dort bislang nur um Veranstaltungen für Jugendliche, während man die Problemfälle gemeinnützigen Organisationen überlasse.

Birgitt Aßmus, Olga Dejewa, Gabriele Kopper, Dieter Rossmeissl, Irina Owtschinnikowa und Peter Steger im Garten des Erlangen-Hauses. Photo: Irina Chasowa.

Dies soll anders und besser werden. Und es ist auch schon besser geworden mit der Unterstützung seitens der Stadtverwaltung, zumindest für Familien mit behinderten Kindern, wie Ljubow und Jurij Katz dankbar berichten. Ihre Selbsthilfeorganisation „Swet – Licht“ plant nun nach dem erfolgreichen Start des Zentrums für behinderte Kinder und Jugendliche mit seinem „Erlangen-Zimmer“, dem größten Raum für Tanz, Sport und Spiel, eine Wohnung für junge Erwachsene mit Behinderungen einzurichten, die dort selbständig zu leben lernen sollen. Einige Zimmer gibt es bereits für Gruppen, die jeweils zwei Monate lang auf das „normale“ Leben vorbereitet werden. Doch in der neuen Wohnung soll das Experiment selbstbestimmtes Leben dann auf Dauer gelingen, und für die fernere Zukunft ist sogar ein eigenes Haus geplant. Dafür freilich braucht es noch viele Helfer und Spender, Menschen wie einen Erlanger Pharmazeuten, der ungenannt bleiben will, und den Birgitt Aßmus als Paten für Swet gewonnen hat. Seit bald zehn Jahren nun unterstützt er mit regelmäßigen Überweisungen diese einzigartige Behindertenarbeit. Und so kann die Bürgermeisterin mehr als 900 Euro übergeben und staunen über all das, was vom Ehepaar Ljubow und Jurij Katz schon alles geschaffen wurde. Man kann gewiß sein, daß man so bald nicht aus dem Staunen herauskommen wird.

Ljubow Katz, Herbstmädchen, Birgitt Aßmus, Jurij Katz und eine ehrenamtliche Helferin im Erlangen-Zimmer von Swet.

Birgitt Aßmus hat schon recht, wenn sie sagt: „Das kann man gar nicht alles erzählen, was man hier erlebt!“ Dennoch soll ein wichtiges Thema nicht unerwähnt bleiben: die Medizin.

Jewgenij Jaskin und Birgitt Aßmus

Auch wenn Jewgenij Jaskin, ärztlicher Direktor des Notfallkrankenhauses, im Volksmund Rot-Kreuz-Krankenhaus genannt, in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr nach Erlangen kommen kann, will er den Austausch mit den Kollegen auf jeden Fall fortsetzen und wird dazu spätestens im Winter neue Vorschläge machen. Bis dahin ist noch viel Verwaltungsarbeit zu leisten, denn seit diesem Jahr unterstehen alle Krankenhäuser in Wladimir der Regionalregierung. Und Verwaltungen neigen dazu, sich selbst zu verwalten. Nicht nur hier. Aber die weitere Gestaltung der Partnerschaft wird das nicht aufhalten. Da sind die vielen wunderbaren Menschen davor, wie die Gäste aus Erlangen einhellig und freudig auch an diesem Tag bei Freunden feststellen.

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Stets einsatzbereit, wenn es um Wladimir geht: Felix Wasel, der bereits vor zwei Jahren in seiner Doppelfunktion als ehrenamtlicher Mitarbeiter des BRK Erlangen-Höchstadt und hauptberuflicher Feuerwehrmann in Erlangen die Partnerstadt besucht hat. Gennadij Brajt und Pjotr Ponassenko von der Organisation „Retter“ kennen und schätzen ihn seit damals und schließen ihn buchstäblich in ihre Arme, bevor der gemeinsame Arbeitstag beginnt.

Pjotr Ponassenko, Felix Wasel, Gennadij Brajt vor dem Erlangen-Haus

Früh am Morgen beginnt der Arbeitstag auch an der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst, direkt dem Präsidenten der Russischen Föderation unterstellt. Wer etwas werden will als Beamter, macht hier seine Verwaltungsausbildung und nimmt alle drei Jahre an Fortbildungskursen teil. Seit zwei Jahrzehnten gibt es diese Hochschule, deren Besuch und Abschluß freilich nicht zwingend in die Amtsstuben führen muß, denn die drei Fakultäten – Recht, Wirtschaft und Verwaltung – bieten den derzeit 4.500 Studenten auch beste Chancen für eine Karriere in der Wirtschaft. Sogar bis in die Raumfahrt kann von hier aus aufsteigen, wovon nicht nur die Rakete auf dem Vorplatz der Akademie, sondern auch die enge Zusammenarbeit mit dem „Sternenstädtchen“ bei Moskau zeugt.

Wissenschaftlicher Neustart für Wiktor Malygin, ganz rechts.

Einen Neustart macht hier ein alter Bekannter und Träger der Partnerschaft. Wiktor Malygin, bis zur Fusion der beiden Wladimirer Universitäten vor zwei Jahren Rektor der Pädagogischen und Geisteswissenschaftlichen Universität und dann Leiter der Fremdsprachenabteilung an der neugeschaffenen Hochschule, hat nun zwar nicht das Fach, aber den Arbeitgeber gewechselt und ist seit Anfang des Monats an der Akademie zuständig für Russisch, Deutsch, Englisch und Franzöisch. Ihm zur Seite steht übrigens ebenfalls ein verdienter Mitstreiter der deutsch-russischen Freundschaft: Alexander Illarionow, Direktor für Wissenschaftliche Arbeit und früherer Bürgermeister von Susdal, der Partnerstadt von Rothenburg. Nun sucht die Akademie nach einer Hochschule in Deutschland, die zu ihrem Profil passen könnte, denn bisher hat man nur mit China und den USA einen regelmäßigen Austausch. Doch das wird sich hoffentlich bald ändern.

Larissa Wyssozkaja, Dieter Rossmeissl, Ursula Lanig, Birgitt Aßmus, Gabriele Kopper, Anna Makarowa, Natalia Judina.

Enger sollen auch die Kontakte zum Institut für Kunst an der Staatlichen Universität werden. Larissa Wyssozkaja, die Dekanin, kann sich da viele Formen der Zusammenarbeit vorstellen und wird von Prorektorin Natalia Judina darin voll unterstützt. Aber auch die Gäste lassen sich von der Begeisterung anstecken, und wenn die Deutsche Botschaft in Moskau rasch genug ein Visum ausstellt, kann schon am 2. Oktober ein erster Kontakt zu der Design-Szene der Metropolregion Nürnberg hergestellt werden. Dieter Rossmeissl, Referent für Kultur, Jugend und Freizeit, jedenfalls lädt schon einmal herzlich ein.

Larissa Wyssozkaja mit einem ihrer Ensembles

Ein erstaunlich vielseitiges Konzertprogramm schließlich überzeugt alle: In dem Kontakt ist Musik drin. Von der Klassik bis zu Jazz-Standards feinster Güte. Was hier an Talentförderung betrieben wird, macht staunen und Lust auf Austausch mit Ensembles und Bands aus Erlangen, möglichst schon im Jubiläumsjahr 2013. Ideen gibt es schon viele. Und wenn es nach den neuen Freunden geht, wird aus denen auch etwas. Das haben sie sich versprochen.

Gabriele Kopper, Birgitt Aßmus, Dieter Rossmeissl, Oberschwester Swetlana Dsjuba, Alexander Bersenjew und Ursuala Lanig vor dem Kleinbus, gespendet von Lions Erlangen und Stiftung Lichtlblick.

Versprochen sind auch neue Kontakte für Alexander Bersenjew, den Chefpsychiater der Region Wladimir, und seinen Blauen Himmel, das Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik. Wenn der Arzt im November nach Erlangen kommt, soll er möglichst viele Einrichtungen kennenlernen, wo mit Kindern gearbeitet wird, die an psychischen Erkrankungen leiden oder in ihrer Entwicklung verzögert sind.

Gruppenbild mit Kinder im Blauen Himmel

Wie gut die Betreuung der Kinder im Blauen Himmel ist, erleben die Gäste spätestens beim Treffen mit der Gruppe, die gerade Tanz und Bewegung auf dem Programm hat, bevor es wieder hinaus in die Natur oder in die Werkstatt geht. Von einem der letzten Ausflüge in den Wald haben die Kinder übrigens eimerweise Steinpilze in den Blauen Himmel gebracht. Kein Wunder, wenn da der Abschied nach zwei Wochen Aufenthalt in dem Zentrum jedes Mal jedem schwerfällt.

Im Märchenzimmer des Pionierpalastes

Kinder und ihre krative Entwicklung stehen auch im Zentrum des Pionierpalastes, wo sich Dutzende von Gruppen zusammenfinden, die alle ein Ziel haben: ihre Talente möglichst vielseitig zu entwickeln. Vom Modellbau über Tanzen bis zur Botanik, vom Kleinzoo bis zur Geschichtswerkstatt findet man alles nur Denkbare aus den Bereichen Kultur, Sport, Gesellschaft oder Technik. Ein Labor der Möglichkeiten nicht nur für Kinder und Jugendliche – 4.000 sind es, die hier von 90 Fachkräften betreut werden -, sondern auch für die Zusammenarbeit mit Erlangen, zumal hier die technischen Voraussetzungen auf 11.000 m² Fläche gegeben sind, um alles von Theateraufführungen bis zu Konzertveranstaltungen auszuprobieren.

Dieter Rossmeissl, Gabriele Kopper, Ursula Lanig, Birgitt Aßmus und Irina Tschistjakowa vor der Rosenkranzkirche

An den Gästen aus Erlangen wird im Anschluß an den Besuch gleich auch noch ein neues Programm getestet. Irina Tschistjakowa, deren Arbeit hier im Blog unter der Rubrik „Deutsche in Wladimir“ in der Kategoriewolke zu finden ist, hat mit ihrem Arbeitskreis von bis zu 70 an der Stadtgeschichte interessierten Jugendlichen eine Route durch Wladimir erstellt, die zu den vielen, meist unbekannten Wirkungsstätten von Deutschen führt. Darunter viele von Deutschen erbaute Häuser, aber auch das einzige noch erhaltene Lagergebäude, wo deutsche Kriegsgefangene untergebracht waren, die Auferstehungskirche. Viel Material für das Thema „Deutsche in Wladimir“, demnächst in Ihren Blog vorgestellt. Versprochen! Und – ja, die Premiere dieser Tour von Irina Tschistjakowa ist gelungen und kann in Serie gehen.

Ursula Lanig, Gabriele Kopper, Birgitt Aßmus, Itrina Tschistjakowa und Dieter Rossmeissl. vor der Auferstehungskirche.

Doch der Tag ist noch lange nicht zu Ende. Im Erlangen-Haus werden die Gäste von Jugendlichen erwartet, die im August in Erlangen waren – auf Einladung des Jugendparlament – und dort Bürgermeisterin Birgitt Aßmus ein Wiedersehen versprochen haben. Weit über die vorgesehene Zeit hinaus bleibt man zusammen, um Fragen zu diskutieren: junge Familien und deren Förderung, Jugend und Politik, Frauen und Beruf… Genug Stoff für eine Fortsetzung des Dialogs.

Jugendtreff im Erlangen-Haus

Ein gelungener Tag, ein gelunges Programm, so das einmütige Fazit nach dem ersten Tag. Das freut natürlich auch die Gastgeber. Besonders Kirill Kowaljow.

Gabriele Kopper, Kirill Kowaljow, Irina Chasowa, Ursula Lanig, Birgitt Aßmus, Dieter Rossmeissl.

Der Stadtrat, zuständig für den Ausschuß Jugend, Kultur, Sport,  Religion, Soziales und Bildung, kennt Erlangen noch nicht aus eigener Anschauung, hat aber im Juni an dem Kongreß des Deutsch-Russischen Forums in Stuttgart teilgenommen und dort gemeinsam mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, die Zusammenarbeit vorgestellt. Nun hat er von Bürgermeisterin Birgitt Aßmus die offizielle Einladung erhalten, und man wird Kirill Kowaljow wohl schon bald in Erlangen erwarten dürfen. Ein gelungener Tag eben mit viel Ausblick auf eine gemeinsame Zukunft.

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