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Posts Tagged ‘Fritz Wittmann’


Nach dem Tod ihres Vaters, des großen Versöhners zwischen Deutschen und Russen, Fritz Wittmann, kündigte Johanna Sander im November an, sie wolle im nächsten Sommer mit ihrem Sohn Paul nach Wladimir reisen, um endlich mit eigenen Augen zu sehen und in Begleitung ihres Sohnes Paul zu erleben, warum es den Weltkriegsveteranen immer wieder so in die Partnerstadt zog. Dann, im Dezember, die gemeinsamen Auftritte der Sängerin mit dem Kammerchor Wladimir unter Leitung von Tatjana Grin in Erlangen und Kirchehrenbach, und nun ist Johanna Sander bereits seit einer Woche in der einstigen russischen Hauptstadt und hatte gestern ihren ersten Auftritt im Zentrum für Klassische Musik.

Nikolaj Schtschelkonogow und Paul Sander

Einer der einprägsamen Aphorismen, die Fritz Wittmann hinterließ, lautet: „Wo Deutsche und Russen einander Familienphotos zeigen, können keine Feindbilder mehr entstehen.“ Ganz im Geiste dieses Mottos blätterten denn auch vor dem Konzert der Frontkämpfer, Nikolaj Schtschekonogow, und Paul Sander in einem Album, das zurückreicht bis ins Jahr 1991, als sich die beiden Friedenskämpfer zum ersten Mal trafen. Welch eine Begegnung!

Johanna Sander mit Nikolaj Schtschelkonogow und Sohn Paul

Und Johanna Sander? Sie erlebt ein Wladimir, wie sie es aus den Schilderungen ihres Vaters kennt und wie sie es sich doch nicht vorstellen konnte mit all der Aufmerksamkeit, die ihr entgegengebracht wird, vom Chor, vom Erlangen-Haus, vom Publikum… Eine Begeisterung, die sie sagen läßt: „Das war bestimmt nicht meine letzte Zusammenarbeit mit Wladimir und diesem Ensemble.“

Tatjana Prokuschkina und Johanna Sander

An der Seite von Tatjana Prokuschkina bestand Johanna Sander dann gestern zur Eröffnung der Konzertsaison eine schwierige Prüfung mit dem Requiem des zeitgenössischen Komponisten, Artjom Semjonow, dessen überwältigendes Werk für Chor, zwei Klaviere und Schlagwerk die Wladimirer Sopranistin oft bis an die musikalische Schmerzgrenze führte, während die deutsche Altistin eine tröstend-warme Stütze bot, ganz so, als gehörte sie schon immer zu dem Ensemble. Nur bei den allerersten Takten merkte man der Baiersdorferin noch die Aufregung an.

Tatjana Prokuschkina und Johanna Sander mit Dmitrij Fjodorow am Klavier

Nun darf sich das Publikum in Erlangen wie in Wladimir auf neue Projekte von Johanna Sander und ihren Wladimirer Freunden freuen. So geht ja auch noch hoffentlich der große Wunsch von Fritz Wittmann in Erfüllung: „Wir mögen die letzten Kriegsveteranen sein.“ Und im Album der Freundschaft von Nikolaj Schtschelkonogow gibt es nun neue Bilder.

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Wieder ist eine Stimme im großen Chor der Partnerschaft verstummt, für immer. Jelena Borsowa hatte bereits allen Grund zu glauben, ihre schwere Erkrankung besiegt zu haben, als dann doch ein Rückfall eintrat und ihr, erst knapp 58 Jahre alt, am 8. Februar die letzte Lebenskraft raubte. Ulrich Kobilke, Musiklehrer am Ohm-Gymasium im Ruhestand, erinnert sich an die Kollegin als eine begabte Chorleiterin mit der Fähigkeit, Kinder und Jugendliche zum Singen zu vereinen und zu begeistern, als eine Frau mit Selbstdisziplin und Heiterkeit im Umgang mit den Ensembles, stets bescheiden in ihrem Auftreten und liebenswürdig bei den Proben und Auftritten in Erlangen, aber auch privat, zusammen mit ihrem Mann in Etlaswind und in Wladimir beim Gegenbesuch: rührend gastfreundlich bei sich zu Hause mit den Speisen, im Sommer auf der Datscha angepflanzt und geerntet. Bis zuletzt blieben die beiden Musiker einander mit großer Dankbarkeit und gegenseitiger Wertschätzung verbunden, obwohl ihr künstlerischer Austausch schon so lange zurücklag.

Jelena Borsowa, 2005 in Wladimir, gesehen von Ute Schirmer

Im Frühjahr 2004 war es, als Jelena Borsowa mit ihrem Mädchenchor der Schule Nr. 33 per Bus den 2.500 km langen Weg nach Erlangen antrat, um am 1. April gemeinsam mit dem Chor des Ohm-Gymnasiums im Gemeindezentrum am Bohlenplatz, das heute als Kreuz+Quer firmiert, einen, wie die Erlanger Nachrichten schrieben „Streifzug durch die Musikgeschichte“ vorzustellen, der in einem „furiosen Finale“ endete, bei dem „die Schüler der beiden Partnerstädte bewiesen, wie gut sie harmonieren“. Die fast zweiwöchige Tournee mit weiteren Auftritten u.a. im Redoutensaal bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung des Stadtverbands Kultur zu Gunsten des Erlanger Kinderklinikums wurde musikalisch und zwischenmenschlich zu einem derartigen Erfolg, daß Ulrich Kobilke und seine Kollegin Anges Paetzold im Februar des folgenden Jahres mit ihrem Schulensemble die Gegeneinladung nach Wladimir annahmen. Auch wenn es bei diesem im doppelten Sinne einmaligen Austausch blieb, rissen die Verbindungen nie ab, Verbindungen, die wesentlich durch die Vermittlung von Ute Schirmer zustande gekommen waren.

Jelena Borsowa und ihr Mädchenchor

Bereits am 20./21. September 2003 war nämlich, ebenfalls in den Erlanger Nachrichten, unter der Schlagzeile „Musik über Grenzen“ in einem Bericht zu lesen:

Ute Schirmer und Irmgard Krause sind noch immer begeistert. Die Erlangerinnen, die sich der Bürgergruppe zum zwanzigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft angeschlossen hatten, haben gerade eine „erlesene Darbietung“ (wie sie sagen) hinter sich. Der Chor der Oberklassen der Mittelschule Nr. 33 hat unter der Leitung von Jelena Borsowa und mit der Pianistin Natalia Slokina nicht nur einen bunten Strauß schöner Melodien intoniert, sondern mit dem Frühlingswalzer nach Motiven von Johann Strauß die Erlanger Besucher zu wahren Begeisterungsstürmen hingerissen. Diese Begeisterung nach Erlangen zu bringen, ist seitdem ihr Anliegen – jetzt bedarf es „nur“ noch der Sponsoren, die den Chor nach Erlangen bringen.

Jelena Borsowa mit ihren Schülerinnen im November 2001

Wer Ute Schirmer kennt, weiß: Sie ruhte nicht, bis Sie genug Zusagen hatte, um die Reise für die jungen Gäste zu finanzieren, sie führte ungezählte Gespräche, bis sie genug gastgebende Familien für die Mädchen beisammen hatte, sie begleitete die Gruppe, treusorgend wie eine Großmutter, zu allen Proben und Auftritten. Nicht von ungefähr, denn zu der Schule hatte Ute Schirmer ein besonderes Verhältnis: Im Mai 2001 schon war sie dort mit ihrer Schwester eingeladen und rief darauf in Erlangen eine Spendenaktion ins Leben, um die desolate Toilettenanlage renovieren zu lassen.

Plakatgestaltung Fritz Wittmann

Was bleibt, sind nun Erinnerungen an eine Frau, die allen, die sie kannten, schrecklich fehlt, an eine lebendige Freundschaft, Bilder, Plakate, Programmhefte, Briefe – und an ein Reisetagebuch aus dem Jahr 2005, dank Jonas Eberlein, damals Mitwirkender im Chor des Ohm-Gymnasiums, hier im Blog nachzulesen in drei Teilen unter:  https://is.gd/qqEGI2, https://is.gd/Lh6SqU und https://is.gd/lYnND3 – viele Stimmen im Chor der Partnerschaft.

 

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Ein Fundstück von gestern, am Weltfriedenstag der römisch-katholischen Kirche: zwei Sängerinnen des Veteranenchors Wladimir 1994 auf der Bergkirchweih, Lebkuchenherzen tragend mit der Aufschrift „Willkommen in Erlangen“. Im Hintergrund zu sehen: Heinrich Pickel, seinerzeit Stadtrat und Leiter der ersten Erlanger Veteranendelegation, die zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion Mitte Juni 1991 Wladimir besuchte.

Am Revers der Bluse das Symbol des Friedens, 1993 gestaltet von Fritz Wittmann und hergestellt in Wladimir. Sie alle miteinander konnten die Welt seither nicht friedlicher machen. Aber sie versuchten es zumindest redlich, und den Krieg besiegten sie in ihren Herzen. Kein Grund also für uns, nachzulassen. Frieden ihrem Andenken.

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In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

Fritz 10

Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

Fritz 11

Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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„Gerade weil man an der gegenwärtigen Lage in der Welt verzweifeln könnte“, so Susanne Lender-Cassens, „ist Ihr Beispiel der Versöhnung und Verständigung so wichtig.“ Ganze zwei Stunden nahm sich Erlangens Bürgermeisterin Zeit für die zum Teil von weither angereisten Veteranen, um mit ihnen am Samstagmorgen im Rathaus zu sprechen.

Susanne Lender-Cassens, Fritz Rösch und Friedhelm Kröger

Von den regelmäßigen Treffen der ehemaligen Kriegsgefangenen in Lagern in und um Wladimir weiß Susanne Lender-Cassens, seit sie die Runde im Vorjahr empfangen hatte. Nun, bei der mittlerweile vierzehnten Begegnung dieser Art, ist auch Zeit für längere Gespräche.

Philipp Dörr und Jürgen Ganzmann

Doch erst noch einmal kurz zurück in die Geschichte dieses Veteranenkreises. Friedhelm Kröger reiste mit seiner Frau Christa im Jahr 2000 als Mitglied einer Bürgergruppe nach Wladimir, um die Stätten seiner Gefangenschaft wiederzusehen. Obwohl er sich 1949, nach der Entlassung aus dem Lager, geschworen hatte, nie wieder hierher zurückzukehren. Nun aber kam er von der Reise mit der Idee zurück, Kameraden von damals zu suchen, die seinerzeit auch in Wladimir und Umgebung interniert waren.

Paul und Werner Hütter

Auf sein Inserat im „Heimkehrer“ hin meldeten sich zunächst einige, später kamen mehr dazu, und über die Jahre traf man sich immer an verschiedenen Orten, wo einer der Veteranen lebte, von Burg auf Fehmarn über Minden, Walkenried, Schmalkalden, von Fränkisch Crumbach bis Erlangen, wo man schließlich in den letzten Jahren auch blieb.

Gruppenbild mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens

Man könnte meinen, es sei nun alles erzählt und berichtet – zumal der Blog die letzten neun Begegnungen protokolliert hat, zumal es mittlerweile den Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ gibt -, aber aus dem Gedächtnis der ehemaligen Wehrmachtsangehörigen tauchen immer wieder neue Episoden aus Krieg und Gefangenschaft auf.

Paul Hütter und Philipp Dörr

Da ist die Erinnerung von Wolfgang Morell an den „Blauen“ im Lager, den Vertreter des NKWD, des Geheimdienstes, bei dessen Erscheinen alle spurten, aber er berichtet natürlich auch von seiner Reise nach Wladimir und Nischnij Nowgorod im April, vor allem aber von dem Theaterstück, das nach seinen Erlebnissen entstand und nun im Oktober auch in Erlangen von russischen Schülern aufgeführt wird.

Christa Kröger, Kurt Seeber, Philipp Dörr; Clara Müller, Wolfgang Morell, Paul Hütter und Friedhelm Kröger

Da ist die Erinnerung von Paul Hütter, der mit seinen 93 Jahren noch alle Treppen bis hinauf in den achten Stock des Wohnstiftes Rathsberg zum Café läuft, ohne Stock und Handlauf, geraden Rückens – und wieder hinunter -, an den Posten mit der Pistole, auf die Gefangenen gerichtet, die sich weigern, zwangsfreiwillig an ihrem freien Tag gemeinnützige Arbeit zu verrichten. Schießen will der Wachmann dann aber doch nicht und marschiert nach einem saftigen Fluch mit dem Trupp unverrichteter Dinge wieder zurück ins Lager.

Wolfgang Morell und Paul Hütter

Paul Hütter, der noch immer Radtouren von bis zu 60 km Länge unternimmt, auf einen E-Motor mit dem Hinweis verzichtet, davon bekomme man nur einen dicken Bauch, und dafür auf „Kräuterspeck“ – Knoblauch, Zwiebeln und Dill – schwört, wußte sich aber auch mutig zu wehren. Als ein Wachposten ihn einmal schlagen wollte, nahm er die Gabel zur Hand, mit der die Kartoffeln verladen werden sollten, und drohte – erfolgreich. Vielleicht wurde der Schlesier deshalb auch erst später aus dem Lager entlassen als die anderen…

Philipp Dörr und Fritz Wittmann

Früher nach Hause durften besonders Männer wie der Thüringer, Kurt Seeber, die aus der sowjetisch besetzten Zone stammten und von denen man glaubte, sie zum Aufbau der DDR gebrauchen zu können. Sie mußten sich für die „bewaffneten Kräfte“ – Polizei, Grenzschutz etc. – verpflichten, durften dann aber gar nicht zur Familie, sondern wurden gleich kaserniert. Kurt Seeber türmte zunächst, wurde festgesetzt und quittierte den Dienst bereits nach einem Jahr.

Friedhelm Kröger, Paul Hütter, Clara Müller und Kurt Seeber

So unterschiedlich die Herkunft, so verschieden auch die Behandlung in der Gefangenschaft. Fritz Wittmann, der sich als „Friedensgefangener“ bezeichnet, weil er sich erst in den letzten Kriegstagen der Roten Armee ergab, wundert sich bis heute, nie geschlagen oder beschimpft worden zu sein. Aber es mag wohl schwerer gewesen sein, schon wie Wolfgang Morell nach nur zwölf Tagen an der Front bereits im Winter 1942 in Gefangenschaft geraten zu sein – und acht Jahre lang zu büßen.

Philipp Dörr und Fritz Wittmann, Christa Kröger, Clara Müller, Kurt Seeber, Friedhelm Kröger, Paul Hütter und Elisabeth Wittmann

Glück hatten sie jedenfalls alle und einen guten Schutzengel, trotz Hunger und Krankheit – und dank manch einem Stück Brot, das man ihnen zugesteckt hatte, sowie dank der Hilfe von russischen Ärzten und Krankenschwestern – überlebt zu haben und noch heute davon Zeugnis ablegen zu können, wie aus einstigen Feinden heute Freunde werden. Denn eines eint all die Veteranen, die heute wieder in den Odenwald, nach Minden, in den Thüringer Wald und in den Westerwald zurückkehren: Sie sind alle zurückgekehrt nach Wladimir – manche wie Philipp Dörr und Wolfgang Morell sogar mehrmals – und leben uns vor, wie Versöhnung und Verständigung wirken, gerade dann, wenn man an der Lage in der Welt verzweifeln könnte.

 

 

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Für alle, die am vergangenen Dienstag nicht die Gelegenheit hatten, in Wladimir an der Vorstellung der russischen Fassung des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ teilzunehmen, hier die Rede des Autors zu diesem Anlaß – allerdings ohne all die gewählten Zitate aus dem Sammelband – zum Nachlesen:

Oberbürgermeisterin Olga Dejewa, Witalij Gurinowitsch und Peter Steger

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr über Ihr Kommen und das Interesse an meinem Buch über kriegsgefangene Wehrmachtssoldaten in Wladimirer Lagern.

Peter Steger und Witalij Gurinowitsch

Bevor wir zum Inhalt des Buches kommen, einige Worte zu mir selbst. Wie viele Deutsche meiner Generation wurde ich in einer Familie geboren, wo Krieg und Faschismus noch präsent waren, dabei mit ganz unterschiedlicher Prägung. Mein Großvater mütterlicherseits, Albert Leicht, ein Bauer aus Baden-Württemberg, verbot es seinen Kindern, in die Hitler-Jugend einzutreten und setzte sich selbst für französische Kriegsgefangene ein. Er wurde deshalb mehrfach verwarnt und entging nur knapp der Deportation in ein KZ. Nach dem Krieg lag sein Dorf in der französischen Zone, und auf Vorschlag der befreiten Gefangenen ernannte man ihn zum Bürgermeister. Später wurde er für drei Perioden wiedergewählt.

Theresia und Albert Leicht mit ihren Kindern Franz, Maria und Aloisia sowie der Schwiegertochter Anna mit ihren Enkeln Reinhard (am Tisch) und Doris, Peter sowie Elsbeth, 1962

Ganz anders die Seite des Vaters, Leonhard Steger, der sich freiwillig zur Waffen-SS meldete und sich davon die Möglichkeit versprach, seinen kleinen Bauernhof verlassen zu können und beruflich Erfolg zu haben. Er nahm am Unternehmen Barbarossa teil, erkannte bald das verbrecherische Element dieses Krieges, ging deshalb aber nicht in den Widerstand, desertierte auch nicht, erlitt aber einen moralischen Zusammenbruch. Auch wenn er kein Held wurde, wollte er doch etwas gutmachen und erzog mich von Kindesbeinen an im Geist der Völkerverständigung und vor allem des Respekts und der Liebe gegenüber den Russen.

Leonhard und Aloisia Steger mit ihren Kindern Peter und Doris, 1959

Nach vielen Umwegen studierte ich schließlich Slawistik und begann genau vor 30 Jahren meine ehrenamtliche Arbeit für die Partnerschaft Erlangen – Wladimir, bevor ich drei Jahre später fest im Rathaus angestellt wurde und seither diese großartige Verbindung betreuen darf. Von Beginn an lag mir die Aussöhnung der Veteranen besonders am Herzen. Deshalb regte ich auch 1991 zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR am 22. Juni die erste Reise von zwölf Frontkämpfern aus Erlangen in Wladimir an. Die Begegnungen waren überwältigend – Igor Schamow und Nikolaj Schtschelkonogow können das bestätigen -, und bald schon kam es zu Gegenbesuchen. Wenige Jahre später dann die Ausstellung über Gefangenenlager in der Region Wladimir, darauf mit dem Veteranen Fritz Wittmann die Arbeit an dessen Erinnerungsband „Rose für Tamara“, den wir auch ins Russische übersetzten.

Leonhard Steger, Winter 1941/42 an der Ostfront

Die vielen Begegnungen mit den einstigen Feinden, die nun zu Freunden geworden waren, regten mich an, die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen zu sammeln. Spät begann ich damit, aber gottlob nicht zu spät, auf eigene Initiative und Rechnung etwa ab 2009 ganz Deutschland von Nord bis Süd, von Ost bis West zu bereisen, um die ehemaligen Kriegsgefangenen zu treffen. Bis nach Österreich und in die Schweiz führte mich mancher Weg, sogar auf dem Flughafen von Los Angeles traf ich einen Veteranen zum Gespräch. Die Erlebnisse und Gespräche haben mich tief geprägt, zumal manche dieser Männer nach Jahrzehnten erstmals offen über ihre Erfahrungen in Gefangenschaft berichteten.

erste Erlanger Veteranendelegation 1991 in Wladimir

Zunächst veröffentlichte ich das Material in meinem Wladimir-Blog, doch bald schon wurde mir klar, daraus müsse ein Buch werden. Was dann zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Erlangen publiziert werden konnte, war nur möglich dank der Hilfe meiner Frau Nadja, vieler Helfer und Mitautoren sowie Sponsoren. Besondere Ermutigung erfuhr ich in dieser Zeit von Witalij Gurinowitsch, der als Zeitgeschichtler die Materie kennt wie kaum ein anderer und wichtige Texte und Hintergrundinformationen zum Buch beisteuerte. Ihn darf man wohl auch den Vater der russischen Ausgabe nennen, die wir heute vorstellen.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten 2003 auf der Bühne der Heinrich-Lades-Halle, Erlangen

Nicht möglich aber wäre die heutige Veranstaltung ohne einen ganz außergewöhnlichen Menschen geworden, Stanislaw Gadyschew aus Wolgograd, den ich schmerzlich vermisse. Der Geschäftsmann ließ sich in Erlangen wegen einer unheilbaren Tumorerkrankung behandeln. Als Enkel eines Stalingrad-Kämpfers nahm er großen Anteil an dem Buch, wollte unbedingt die russische Fassung noch erleben und gab ganz spontan 3.000 Euro für die Übersetzung. Ich konnte ihn im letzten Sommer noch in Wolgograd besuchen und zumindest vom Beginn der Arbeiten an der russischen Fassung berichten. Wo immer sein Geist jetzt sein mag, dieser Tag ist sein Tag!

Stanislaw und Marina Gadyschew mit der Hospitantin Anastasia Bytschkowa aus Wladimir in Erlangen, 2016

Das Buch, aus dem ich nun einige Zitate vortragen möchte, ist mein persönliches Geschenk an großartige Menschen, an Veteranen, die in sich den Krieg besiegt haben und natürlich an Ihre Stadt, an alle Wladimirer, denn es ist ja doch Ihrer aller Geschichte, die hier in vielen Facetten und Brechungen vor dem Vergessen bewahrt bleibt. Nicht als wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern als Kompendium von Erinnerungen, die etwas Wichtiges in sich tragen und uns vermitteln: den menschlichen Erfahrungsschatz, wie Humanität auch in barbarischen Zeiten gelebt werden konnte – während des Krieges und in der Lagerzeit hier in Wladimir. Einige wenige im Buch waren übrigens nicht hier in Gefangenschaft, aber sie haben ihre Spuren in der Städtepartnerschaft hinterlassen und gehören deshalb auch zu Ihnen, den Freunden in Wladimir, die mit diesem Buch ein zutiefst menschliches Zeugnis der Vergangenheit in Händen halten. Viel Freude damit.

Bevor ich mit den Zitaten beginne, lassen Sie mich aber noch zwei Männer begrüßen, denen ich tief und dankbar verbunden bin: Wolfgang Morell aus Erlangen, einem der ersten Gefangenen in Wladimir, dem man hier im Hospital das Leben gerettet hat, und Richard Dähler aus Zürich, einer der Sponsoren meines Buches, der mit seiner Doktorarbeit ein Standardwerk über japanische Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern geschrieben hat. Ich kann Ihnen nur allen empfehlen, im Anschluß an die Veranstaltung mit den beiden das Gespräch zu suchen. Beide sprechen nämlich auch ausgezeichnet Russisch!

Witalij Gurinowitsch und Peter Steger

Ich möchte schließen mit der Hoffnung, der Veteran Günther Liebisch möge nicht recht behalten, wenn er sagt, die Menschen seien unfähig, aus der Geschichte zu lernen. Auch wenn die weltpolitische Lage weniger Anlaß zur Zuversicht gibt, möchte ich doch uns allen wünschen, künftige Generationen brauchen keine Bücher dieser Art mehr zu schreiben, dies waren die letzten Veteranen. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Peter Steger

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Im Oktober 2015 reiste Moritz Nestor mit einer fränkisch-schweizerischen Delegation von Psychiatern und Psychologen nach Wladimir und machte so auch Bekanntschaft mit der Städtepartnerschaft und dem Versöhnungswerk zwischen Deutschen und Russen, als dessen Protagonisten man zweifelsohne Fritz Wittmann sehen darf. Nun ist im Blog https://naturrecht.ch ein Beitrag erschienden, der hier nicht fehlen soll:

Moritz Nestor, 3. v.l.

Am 2. Januar 2001 erschien unter der Schirmherrschaft des damaligen Oberbürgermeisters von Erlangen, Dietmar Hahlweg, dem Initiator der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir, die erste Auflage des einzigartigen Buchs „Rose für Tamara“ von Fritz Wittmann. Der Autor verfaßte dieses Buch in Zusammenarbeit mit Peter Steger, dem Städtepartnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen. Der bewegende Untertitel des pensionierten Lehrers aus Baiersdorf lautet: «Bei einer russischen Umarmung spürt man selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit.» Einer, der es am eigenen Leibe erfahren hat, schreibt so.

Fritz und Elisabeth Wittmann

Das Buch enthält die Erinnerungen von Fritz Wittmann und weiteren zehn ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen, die Jahre nach dem Krieg in Lagern der russischen Stadt Wladimir und in anderen Lagern der UdSSR lebten.

Das östlich von Moskau hinter der Front gelegene Wladimir wurde im Sommer 1941 nach dem Einmarsch der Wehrmacht zur Lager- und Lazarettstadt umfunktioniert. Als der deutsche Vormarsch im Winter vor Moskau gestoppt wurde, verschlug es die ersten Erlanger als Kriegsgefangene nach Wladimir.

Der Friedenskreis von Fritz Wittmann

Im Vorwort zur zweiten Auflage des Buches von 2008, dem 25jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir, schreibt der Baiersdorfer Erste Bürgermeister, Andreas Galster: «Ja, es gab viele schreckliche Erlebnisse. Aber hatten die deutschen Soldaten nicht erst den Schrecken in ein Land gebracht, das keinen Krieg wollte? Und mußten sie nicht mit Rache und Haß rechnen? Um so erstaunlicher, mit wieviel Mitgefühl und Anteilnahme seitens der Bevölkerung und teilweise sogar der Bewacher und Befehlshaber, vor allem aber des Krankenhauspersonals die Kriegsgefangenen behandelt wurden. Eben davon erzählen die Autoren des Sammelbandes, der von Fritz Wittmanns humanem Geist und ungebrochenem Willen zur Versöhnung geprägt ist. In Wladimir war man übrigens von diesem Friedenswerk so angetan, daß man es bereits 2002 in russischer Übersetzung und ergänzt durch Erinnerungen von russischen Zeitzeugen veröffentlichte.»

Der Autor hat dafür den ersten Preis des Deutsch-Russischen Forums für Bürgerengagement erhalten. Es sollte eine „menschliche Feindberührung“ sein, schreibt Fritz Wittmann. Ein Projekt, das ihm gelungen ist.

Vor allem besticht das Buch den Historiker durch eine Geschichtsschreibung „fernab von allen Klischees und Feindbildern, aber auch ohne jede Beschönigung und Geschichtsglättung“. Eine Rarität an Objektivität und Sachlichkeit, gepaart mit Menschlichkeit und Völkerfreundschaft, fernab von Auftragsgeschichtsschreibung.

Still wird man beim Lesen, sehr still. Ein Buch, das in jeden Politik- und Geschichtsunterricht gehört. Und man wünscht sich, es würden diese Veteranen der Wehrmacht, die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges, mehr respektiert. Sie wissen, was Krieg in Rußland heißt, sie waren in Stalingrad, und sie kennen das russische Volk aus ureigener Erfahrung – als Soldaten und als Gefangene. Und zwar so gut wie keiner von den Eliten in Regierungsverantwortung, die den Respekt vor dem Krieg verloren haben und dabei sind, uns erneut in den Krieg zu treiben.

Moritz Nestor

Restexemplare des Buches sind noch gegen 10 Euro zu beziehen über peter.steger@stadt.erlangen.de

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