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Posts Tagged ‘Fritz Wittmann’


Für eine der vielen Begegnungen im Rahmen des Austausches mit Wladimir begänne jetzt allmählich die Hochphase der Vorbereitung: den Besuch des Kinderensembles von „Rus“. Statt dessen hier nun ein Rückblick des Gründers und Künstlerischen Leiters der Gruppe, Witalij Antonow, Preisträger vieler allrussischer und internationaler Festivals sowie des russischen Kulturministeriums, Verdienter Künstler Rußlands. 

1995 besuchte unser Tanz- und Gesangskinderstudio „Rus“ zum ersten mal das wunderschöne Erlangen. Damals waren wir noch eine ganz neue Kulturtruppe, gegründet 1989 von seinem künstlerischen Leiter, Witalij Antonow, der bis heute dem Ensemble vorsteht. Da es unsere erste Auslandsreise war, bereiteten wir uns gewissenhaft und mit allem Ernst auf die Tournee vor und studierten sogar das Volkslied „Wohl unter Linden“ ein.

Gabriele Lindner, Dieter Meiner, Witalij Antonow und Hildegard Meiner

Als wir dann in Erlangen ankamen sahen wir uns einem ganzen Gebirge von lächelnden Gesichtern gegenüber und erlebten ein derartig freundschaftliches Willkommen, daß wir angenehm schockiert waren. Und diese Freundlichkeit der Erlanger begleitete uns über die ganzen zehn Tage unseres Aufenthalts hinweg bei unseren Auftritten wie bei den vielen Ausflügen mit ihrer Fülle an Interessantem für die Kinder ebenso wie für die erwachsenen Betreuer, Musiker, Gesangspädagogen und Tanzlehrer.

Ein Wimmelbild u.a. mit Michail und Lydia Petrow, Nikolaj Litwinow, Fritz Wittmann, Witalij Antonow, Leonhard Plack und Brunhilde Hummich

Wir traten in Schulen auf, spielten in Altersheimen, in Konzertsälen, auf Kirchweihen und wo auch sonst noch. Dabei kamen wir viel mit den Einheimischen zusammen und hatten auch einen Empfang im Rathaus bei Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg. Übrigens kam, als mir im Juli 2004 die Auszeichnung „Verdienter Künstler Rußlands“ verliehen wurde, als eines der ersten Gratulationsschreiben ein Brief von Oberbürgermeister Siegfried Balleis, ein Dokument, das ich bis heute dankbar aufbewahre.

Dolmetscherin Nadja Loktjewa und Witalij Antonow

Bei den vielen Ausflügen in die Umgebung mit all ihren alten Burgen kamen wir auch nach Nürnberg, wo wir den großartigen Tiergarten besuchten, wo uns besonders das Delfinarium beeindruckte. Geleitet wurden diese Touren von Karl Heinz Lindner, einem Profi in solchen Dingen und besonders aufmerksamen Menschen. Dabei kam es natürlich auch zu vielen Überraschungen und Entdeckungen. Besonders im Gedächtnis ist mir ein Vorfall in Nürnberg geblieben, als unser Fahrer den Bus an einem Ort abstellte, wo das, wie sich später herausstellte, verboten war. Als wir abends nach unseren Unternehmungen zurückkamen, war unser Bus weg. Man hatte ihn abgeschleppt. Karl Heinz fuhr zur Polizei, wo er eine Strafe in Höhe von 500 DM bezahlen mußte, bevor man uns den Bus zurückgab. Dabei wäre die Strafe noch höher ausgefallen, wenn die Polizei nicht, weil wir aus Erlangens russischer Partnerstadt kamen, einen Nachlaß eingeräumt hätte. Diese und all die anderen Kosten unseres Aufenthalts trugen die Stadtverwaltung Erlangen und der Stadtverband Kultur, dessen Leiter Karl Heinz Lindner damals war.

Lydia Petrow, Witalij Antonow und Karl Heinz Lindner

In Erlangen selbst nahm uns Lydia Petrowa unter ihre Fittiche. Sie fuhr, häufig begleitet von Herbert und Brunhilde Hummich, im Bus mit, spazierte mit uns durch die Stadt, erzählte und zeigte alles. In jeder Hinsicht ist sie eine ganz liebe, gutherzige, gesellige und wunderbare Frau, ein hochanständiger und einfühlsamer Mensch. Wir sprechen noch immer oft von ihr in den höchsten Tönen. Unsere Gruppe schätzte sich jedenfalls sehr glücklich, sie und ihren Mann, Michail Petrow, damals in Erlangen kennengelernt zu haben.

Witalij Antonow mit Dominik und Peter Steger

Eingeladen aber hatte uns Peter Steger, der auch für unser Programm insgesamt verantwortlich zeichnete. Ich kenne Peter schon sehr lange, mehr als 25 Jahre. Er ist ein stets pünktlicher, aufmerksamer und guter Mensch, immer einsatzbereit, in Maßen streng und dabei nie ungerecht. Man könnte ihn als einen Menschen mit feinem Geschmack charakterisieren. Aber trifft das nicht auf alle echten Franken zu? Wir unterhalten jedenfalls eine besondere Beziehung zu ihm. Dank ihm wurden die Verbindungen zwischen unseren Partnerstädten über all die vielen Jahre hinweg ausgesprochen freundschaftlich und warmherzig.

Witalij Antonow und seine Frau Swetlana mit Michail Firsow

Nach dieser ersten Reise kam ich als Mitglied anderer Delegationen noch öfter nach Erlangen und verspürte dabei immer die große Gastfreundschaft der Deutschen. Einige Jahre nach unserer ersten Tournee kamen wir noch einmal mit dem Kinderstudio in unsere geliebte Partnerstadt, wo uns vor allem Angelika Balleis einen unvergeßlichen Pizza-Abend schenkte. Bei all den vielen weiteren Gastspielen von Frankreich und Italien bis Österreich und Slowenien, die wir später gaben, bleiben doch die Eindrücke aus Erlangen prägend, denn hier begann für uns alles.

Nun hatten wir zusammen mit Peter Steger für diesen Sommer die dritte Erlangen-Tour für die Kinder-Rus geplant. Doch die Umstände, die derzeit die ganze Welt auf den Kopf stellen, lassen es nicht zu. Wir lassen uns aber die Hoffnung nicht nehmen, diesen Besuch später nachholen und noch einmal Gast in unserer geliebten Partnerstadt sein zu können.

Antonow Möhrendorf

Auftritt in Möhrendorf

Nochmals herzlichen Dank an alle, die uns noch kennen, in Liebe und Hochachtung für unsere deutschen Freunde!

Witalij Antonow

Als kleiner Trost für die entgangenen Auftritte hier drei Mitschnitte von Konzerten der singenden, tanzenden und musizierenden Kinder: https://yadi.sk/i/22Kl_6xlhIkYKQ und https://yadi.sk/i/U7SO8yF7FVEnhg sowie https://yadi.sk/i/RPsBunxed7RJiQ, angesagt von Witalij Antonow

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Wie notwendig der Austausch gerade auch der jungen Generation zwischen Erlangen und Wladimir ist, zeigen oft Kleinigkeiten. So war Maxim Lortschenko vom Dokumentationsteam, das den Veteranen Nikolaj Schtschelkonogow auf seiner Reise begleitet, der Meinung Fritz sei nichts mehr als die im Zweiten Weltkrieg übliche abwertende Bezeichnung für die Deutschen. Und nun stellt sich heraus: Es handelt sich um einen männlichen Vornamen, wenn auch heute nicht mehr so gebräuchlich wie noch vor ein oder zwei Generationen, hinter denen konkrete Menschen stecken wie Fritz Rösch und eben Fritz Wittmann, dessen Grab die Gäste aus der Partnerstadt am Freitag besuchten.

Für Nikolaj Schtschelkonogow hatte dieser Vorname seit 1991, als Fritz Wittmann zum ersten Mal nach Wladimir kam, ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte, die ihn bis heute mit Deutschland tief verbindet. Und da, wo es so persönlich wird, haben Feindbilder keinen Platz mehr, da tauscht man nur noch Familienphotos und gemeinsame Erfahrungen aus.

Hans Gruß, Harald Sander, Bridget Gruß, Johanna Sander, Paul Sander, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Elisabeth Wittmann am Grab von Fritz Wittmann

Dabei hätte alles ganz anders ausgehen können: Der „Fritz“ und der „Iwan“ – so ja die deutsche Kollektivbezeichnung für die sowjetischen Feinde – lagen einander in den letzten Kriegstagen bei Küstrin in den Schützengräben gegenüber und fielen einander später in die Arme. Ihnen gelang es, in sich den Krieg zu besiegen, sie wurden beide zu Botschaftern des Friedens, zu den großen Männern der Aussöhnung und Verständigung zwischen den Partnerstädten und weit darüber hinaus.

Lange verharrte Nikolaj Schtschelkonogow in Stille vor dem Grab des Kameraden, das zu besuchen sein Herzenswunsch war. Doch dann brachen sie aus ihm heraus, all die Erinnerungen an die Begegnungen und Gespräche, voll freundschaftlicher Hochachtung für den Verstorbenen und sein Vermächtnis, all die guten Wünsche für dessen Familie und Freunde. All das, was zum Abschied gesagt sein wollte.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann wieder diese Zugewandtheit zu den Menschen, zum Leben. Man kann es nicht anders nennen als die helle Freude, die einen im Gespräch mit diesem Mann überkommt.

Nikolaj Schtschelkongow, Tatjana Jazkowa und Hans Gruß

Voller Wißbegier: Was dachte und machte der Freund noch vor seinem Tod? Welche Gedichte schrieb er noch? Welche Graphiken zeichnete er, als es mit den Buchstaben nicht mehr so klappen wollte?

Nikolaj Schtschelkonogow

Auch voller Anerkennung dafür, wie die Familie das Andenken an Fritz Wittmann bewahrt, indem etwa sein Arbeitszimmer fast unberührt blieb und wirkt, als könnte er jeden Moment wieder eintreten.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Auch voller Überraschung, den originalen Friedenskreis wiederzusehen, der als Banner, überreicht am 9. Mai 2015 von Oberbürgermeister Florian Janik, im Versammlungsraum des Veteranenverbands Wladimir hängt.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Und dann beim Abendessen wieder, wie am Vorabend im Club International, diese Fülle an Detailwissen mit immer wieder neuen Facetten des Kriegsgeschehens: Hunde, die, mit Sprengstoff am Körper, unter deutsche Panzer geschickt wurden, die bei der Zündung, wenn nicht völlig zerstört wurden, so doch schweren Schaden nahmen, etwa an den Ketten oder am Turm; Vorteile der deutschen Ausrüstung beispielsweise im Tornister mit seinen Fächern und der Abdeckung aus Pferdeleder und den Aluminiumflaschen, während man im eigenen Sack nur Glasbehälter hatte, die brechen konnten; der robuste sowjetische Karbiner, der leichter und weniger anfällig war als das deutsche Pendant.

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Oder das deutsche Geschirr aus Metall versus das eigene Besteck aus Holz oder die Uhr, die jeder Wehrmachtssoldat trug und dann gern als Beutestück genommen wurde, von Toten wie von Gefangenen; oder die Eiserne Ration, die für die Sowjetsoldaten hauptsächlich aus Graupen und Trockenfisch bestand, während die Deutschen sogar Schokolade mitführten, etwas, das Nikolaj Schtschelkonogow erst beim Auffinden eines Wehrmachtstrosses entdeckte.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann die „pornographischen Bilder“, die sich bei den Deutschen fanden. Oder die Vorliebe der Wehrmacht, mit Leuchtschußpistolen die Nacht zum Tag zu machen.

Andrej Maximow, Jekaterina Zwetkowa und Amil Scharifow mit Elisabeth Preuß im Interview

Man fragt sich schon jetzt, wie das Team von Jekaterina Zwetkowa all den Stoff in eine einzige Dokumentation packen will, zumal ja erst die Hälfte der Reise abgeschlossen ist.

Johanna Sander, Adventskonzert Herz Jesu

Und zumal nicht einmal der emsigste Berichterstatter des Blogs alles wiederzugeben vermag. Aber wie soll man auch die Gefühle des Gastes beschreiben, wenn er nach dem Konzert in Wladimir im September nun noch einmal Johanna Sander, die Tochter von Fritz Wittmann, bei einem Auftritt erlebt…

Rosie Zahn und Jekaterina Zwetkowa

Oder wenn es dann zu einer Begegnung von Rosemarie Zahn und Jekaterina Zwetkowa kommt, die eine langjährige Freundschaft mit Kira Limonowa, der Architektin des Erlangen-Hauses und Witwe von Pjotr Dik, verbindet. All diese Querverbindungen verdienten es, gesondert zu erzählen.

Johanna Sander und Nikolaj Schtschelkonogow

Aber wir wollen es dabei belassen und mit dem Bild der Sängerin und des Veteranen enden, einem Bild der Harmonie und des Einvernehmens von zwei Menschen, von dem man sich gern hineinnehmen lassen will, bevor es heute für Nikolaj Schtschelkonogow und seinen Troß weitergeht nach Jena, Leipzig und Berlin.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jekaterina Zwetkowa, Tatjana Jazkowa und Andrej Maximow im Nürnberger Bratwursthäusla

P.S.: Gerade rechtzeitig vor der Veröffentlichung dieses Beitrags schickt Othmar Wiesenegger noch eine kleine Rückschau, auf das, was gestern abend noch so alles abging – mit Bildern und vor allem einem Video, das man gesehen haben sollte, um Nikolaj Schtschelkonogow zu kennen:

Ohne Worte…

Lieber Peter, gestern hast Du noch etwas versäumt!

Wir sind nach dem Konzert direkt zur Waldweihnacht am Schloßplatz gegangen und hatten noch eine schöne Zeit bis 21.00 Uhr.

Nikolaj und Tatjana waren bester Stimmung und tanzten, und Nikolaj wollte noch sein Erlangen-Lied auf der Bühne vortragen!

Ich hatte mit der Band gesprochen – leider nicht zu bestimmt -, und so konnte er es nicht vortragen, es wäre echt toll gewesen!

Außerdem haben die beiden mit dem Finalisten von “Deutschland sucht den Superstar” mit Dieter Bohlen und Freundin, getanzt und posiert: ING_6159. Ich schmeiß mich weg, die ganze Zeit waren sie bester Laune!!! Sag niemanden, daß er 94 Jahre alt ist! Ich will mit 94 auch so sein!!!

https://www.rtl.de/videos/fortunato-lacovara-rockt-sich-zum-goldenen-buzzer-5a154717a2ea5024f25304d8.html

Auf jeden Fall haben “unsere Russen” einen schönen Abend verlebt und werden den 1. Dezember hier in guter Erinnerung behalten.

Link mit Bildern und Video

https://www.dropbox.com/sh/6oh6v5m8g2u991j/AAAkBrtSOgnfiw1gLXhl1ImCa?dl=0

Viele Grüße und Dir eine schöne Zeit noch mit den fünfen aus Wladimir. Dein Othmar

 

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Über zwei Monate ist es her, seit ich mich Anfang September mit meinem 15jährigen Sohn Paul und dessen Schulfreund Noah auf den Weg nach Wladimir machte. Die Stadt war mir schon lange vertraut, auch wenn ich sie bislang noch nie besucht hatte. Ab dem Zeitpunkt, von dem an mein Vater, Fritz Wittmann, sich, aus einem persönlichen Anliegen heraus, für die deutsch-russische Friedens- und Versöhnungsarbeit zu engagieren begann, Russisch lernte und Russen in unser Haus einlud, war Wladimir und waren vor allem die Menschen aus Wladimir ein fester Bestandteil in unserem Leben. Auch im Zimmer des Pflegeheims in Baiersdorf, in dem mein Vater die letzten Jahre seines Lebens wohnte, fanden sich Erinnerungsstücke, die von den Reisen und Begegnungen mit den Freunden in Wladimir erzählten. Im frühen Herbst 2018 äußerte mein Sohn Paul seinem Opa gegenüber den Wunsch, nach Wladimir zu reisen. Mein hochbetagter Vater freute sich darüber sehr! Wenige Wochen danach starb er. Die Idee der Reise nach Wladimir jedoch verlor ihre Energie nicht! Im Gegenteil! Als Peter Steger von unseren Plänen erfuhr, war er sofort bereit, uns bei unseren Reiseplänen zu unterstützen. Sehr spannend waren die Reaktionen von manchen Freunden und Bekannten auf unser Ansinnen. Große Augen, Erstaunen, Bedenken und die Frage, was wir denn in Rußland wollten. Und ob wir dahin müßten. Das sei doch gefährlich usw. Zum Teil von ziemlich jungen Menschen, die locker mal um den halben Erdball reisen, um unbekannte Länder zu bereisen. Es ist schon erstaunlich!

Eva-Maria Helbig, Johanna Sander und Tatjana Grin, Dezember 2018 in Kirchehrenbach

Bei Konzerten zu Beginn der Adventszeit 2018 in Kirchehrenbach und Erlangen durfte ich mit dem bezaubernden Kammerchor Wladimir und Erlanger Sängern und Musikern gemeinsam das Te Deum von Antoine Charpentier als Solistin aufführen. Die Profis aus Rußland sangen sich damals mit ihrem wunderschön ausgewogenen und weichen Chorklang zwei Wochen nach dem Tod meines Vaters in mein Herz. Ich freute mich deshalb riesig, als im Frühsommer die Anfrage aus Wladimir bei mir einging, ob ich bei einem Konzert des Chores in Erlangens Partnerstadt mitwirken und die Altsolopartie bei der Uraufführung eines Requiems für Chor, zwei Frauenstimmen, zwei Klaviere und Schlagzeug aus der Feder des jungen Komponisten, Artjom Semjonow, übernehmen wolle. Die Noten kamen per Mail, und so machte ich mich ans Studieren.

Mein Sohn Paul und ich begannen, mit der Hilfe von Peter Steger die Fahrt zu planen. Paul wünschte sich seinen Freund Noah als Reisegefährten. Noahs Eltern waren von der Idee begeistert. Das Beantragen der Visa war für uns eine unbekannte Sache. Aber mit Hilfe des unschlagbaren Leitfadens der Stadt Erlangen, schafften wir es. Hans Gruß , in Sachen Wladimir ein erfahrener Hase, versorgte uns mit einem Stadtplan, machte Kontakte und gab uns wertwolle Tips.

Tatjana Grin, Johanna Sander, Paul und Noah

Am 2. September hob unser Flugzeug in München mit dem Ziel Moskau ab. Im Gepäck hatten wir einige Geschenke, die Noten für das Requiem und jede Menge Neugier. Außerdem hatte ein uns bis zu diesem Zeitpunkt nahezu unbekanntes Netzwerk für uns einen tollen Reiseplan ausgeklügelt. Wirklich unglaublich!

Am Flughafen in Moskau holte uns Eduard Batalow, ein Mitglied des Chores, mit dem Auto ab. Ab diesem Zeitpunkt waren wir drei in ein Dauererlebnis von Gastfreundschaft und Herzlichkeit eingehüllt, wie wir das noch nie zuvor erlebt hatten. Eduard brachte uns mit Engelsgeduld durch die Rushhour Moskaus und über die dicht befahrenen Straßen in einer zweieinhalbstündigen Fahrt nach Wladimir. Schon dabei strömten viele Eindrücke auf uns ein.

Kaum waren wir im Erlangen-Haus in Wladimir angekommen, meldete sich Tatjana Parilowa, eine Freundin meiner Eltern, bei uns. Keine 30 Minuten später stand sie vor der Tür und holte uns mit Katja, einer russischen Lehrerin, zum gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant ab. Dort trafen wir zwei russische Jugendliche, mit denen mein Sohn und sein Freund Noah über ihre Englischkenntnisse sehr unkompliziert in Kontakt kamen. Von da an waren die Jungs wunderbar in das russische Jugendleben integriert. Die beiden besuchten eine russische Schule, verbrachten ihre Nachmittage mit den neuen Bekanntschaften in der Stadt, lernten die Lebenswelt ihre Altersgenossen kennen. Die beiden ließen sich die Stadt zeigen und erkundeten mit ihren neuen Freunden das schöne Susdal mit seinen vielen Kirchen.

Tatjana Parilowa als Reiseführerin

Für mich begannen am nächsten Tag nach dem wunderbaren russischen Frühstück die Proben für das Konzert am Freitag, den 6. September, mit dem Kammerchor Wladimir. Es ist ja schon an sich etwas sehr Besonderes, bei einer Uraufführung mitwirken zu dürfen. Und das dann noch in Rußland und obendrein mit solchen Musikern! Die Probenarbeit unter der Leitung der mitreißenden, temperamentvollen und sensiblen Tatjana Grin gestaltete sich sehr intensiv und fruchtbar. Der Chor war schon sehr sehr gut vorbereitet und nahm mich mit großer Offenheit und Wertschätzung auf. Dmitrij Fjodorow, ein versierter und einfühlsamer Pianist, spielte den Klavierpart des Werkes und begleitete die Proben. Er fand auch noch Zeit, mit mir geduldig an meinem Solopart zu arbeiten. Noten zu Hause zu studieren und Musik im Zusammenklang zu proben, sind einfach sehr verschiedene Dinge! Wenn ich einmal Pause hatte, weil das Ensemble an einem anderen Werk des Konzertprogrammes probte, wurde ich von einzelnen Chormitgliedern mit großer Herzenswärme umsorgt. Sie kümmerten sich um mein leibliches und seelisches Wohl und führten mich an ihre Lieblingsplätze in Wladimir.

Das Programm, das uns während unserer Reise geboten wurde, war ganz zauberhaft zusammengestellt. Wir besuchten Kirchen und Klöster, erfuhren bei einer ausführlichen Stadtführung etwas über die Geschichte Wladimirs. Paul und Noah wurden von russischen Schülern und zwei Lehrerinnen betreut und besuchten Susdal. Stets war irgend jemand zu finden, der uns mit dem Auto zu unseren Abstechern chauffierte. Die Mutter der Dirigentin, Tatjana Grin, lud uns an einem Mittag zu sich nach Hause ein. Der Tisch bog sich. Wir konnten nur einen Bruchteil der Speisen essen, die uns da kredenzt wurden. Die ganze Familie begrüßte uns, und obwohl wir kein Wort Russisch sprechen, hatte ich nie das Gefühl, unverstanden zu sein. Wir wurden sofort mit in ihr Leben hineingenommen.
Roman, Zahnarzt in Wladimir und ein Freund von Tatjana Parilowa, war unser Gastgeber in der Banja, einer Art Dampfsauna, auf der ehemaligen Datscha seiner Mutter. Nadja und Sergej, die beiden Banjameister, ebenfalls Freunde von Roman, behandelten uns einzeln in dem heimeligen Dampfbad mit warmen und kalten Güssen, wuschen unsere Haut mit Zweigen und Büscheln, ließen uns danach auf einer Schwebeliege zu den Klängen ihrer weichen, wohltönenden Stimmen ruhen. Zwischen und nach den Behandlungen in der Banja gab es Köstlichkeiten aus dem Garten, vom Grill und wärmenden Tee. Für mich war dieser Nachmittag wie eine Reise zu mir selbst. Immer wieder waren wir von Gastfreundschaft überwältigt und berührt.

Dmitrij Fjodorow, Tatjana Grin, Johanna Sander, Tamara Mironowa und Eduard Batalow

Als Sängerin wurde mir eine in Deutschland für Künstler ungewohnte Aufmerksam zuteil. So bat man mich, für die Homepage des Chores in einem kleinen Video über meine Erlebnisse und Eindrücke in Wladimir, über die Musik von Artjom Semjonow und die Probenarbeit zu berichten.

Der Tag des Konzertes kam. Auf dem Programm standen neben dem Requiem noch andere Werke, die alle zum ersten Mal zu hören waren. Unter anderem auch ein Stück aus der Feder des Pianisten des Abends, Dmitrij Fjodorow, für Chor und zwei Klaviere. Kurz vor der Veranstaltung, mit der die Saison 2019/2020 des Kammerchors Wladimir im Saal des Zentrums für klassische Musik mit seiner erstaunlichen Akustik eröffnet wurde, gab ich noch ein Interview für einen lokalen TV-Sender, das einen Beitrag über das Konzert brachte.

Johanna Sander mit Nikolaj Schtschelkonogow und ihrem Sohn Paul

Peter Steger war aus Deutschland angereist und übernahm freundlicherweise das Dolmetschen. Er stellte mir Menschen vor, die meinen Vater gekannt und ihn sehr geschätzt hatten. So durfte ich Nikolaj Schtschelkonogow, einen der ältesten russischen Freunde meines Vaters, als Zuhörer begrüßen. Er hatte ein Album mit vielen Bildern ihrer gemeinsamen Erlebnisse mitgebracht, das er wie einen Schatz bei sich trug. Ihn während des Konzertes neben meinem Sohn sitzen zu sehen, hat mich tief berührt. Für mich schloß sich damit ein Kreis. Ich weiß, daß mein Vater sich unglaublich gefreut hätte, dies mitzuerleben.

Tatjana Prokuschkina und Johanna Sander

Gemeinsam mit dem Chor, den Musikern und vor allem meiner Soprankollegin, Tatjana Prokuschkina, auftreten zu dürfen, war eine große Ehre für mich! Über den Applaus nach dem Konzert, die vielen Blumen und die liebevollen Geschenke habe ich mich sehr gefreut!

In einem russischen Restaurant ließen wir den Konzertabend gemeinsam mit den Chormitgliedern, ihrer so engagierten Dirigentin, Tatjana Grin, und dem bewundernswerten Pianisten, Dmitrij Fjodorow, ausklingen. Zum Abschied stimmten alle in lupenreinem Deutsch den Satz „Tanzen und Springen“ von Hans Leo Hassler an. Mit einem russischen Lied konnte ich leider nicht antworten! Ich glaube, das muß ich ändern!

Der Abschied am Tag nach dem Konzert fiel uns gar nicht leicht: von den Menschen nicht und auch nicht vom Erlangen-Haus! Paul, Noah und ich haben uns dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Bereits das liebevoll zubereitete Frühstück am Beginn eines jeden Tages war ein Grund, mit guter Laune in den Tag zu starten.

Abschied von Wladimir

Weil die Straßen in Wladimir am Morgen unserer Abreise wegen eines Halbmarathons gesperrt waren, liefen wir, begleitet von Tatjana Parilowa und Katja, zu Fuß vom Erlangen-Haus mit unseren Koffern zum nahen Bahnhof. Dort erwarteten uns Tatjana Grin und eine Schülerin, die Paul und Noah mit betreut hatte. Alle standen am Bahnsteig und winkten uns, als sich unser Zug Richtung Moskau in Bewegung setze.

Dort erwartete uns schon Wera, eine junge Frau, die uns vor vielen Jahren in Baiersdorf besucht hatte. Heute lebt sie in Moskau und arbeitet dort als Rechtsanwältin. Wir durften mit ihr einen kleinen Eindruck von dieser unglaublichen Stadt gewinnen. Sie begleitete uns auch zum Zug, der uns zwei Tage später zum Flughafen brachte. Mit vielen Geschenken und noch mehr Eindrücken im Gepäck, kehrten Paul, Noah und ich nach einer unglaublich dichten und erlebnisreichen Woche nach Hause zurück. Es ist für uns nicht vorstellbar, daß dies unser einziger Besuch in Wladimir gewesen sein wird!

Johanna Sander

Hier geht es zum TV-Bericht über den gemeinsamen Auftritt: https://youtu.be/UCONHbJ_w6w und zur Videobotschaft von Johanna Sander: https://is.gd/OR8rMm sowie zum Konzertbericht im Blog: https://is.gd/zFHYbY

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Nach dem Tod ihres Vaters, des großen Versöhners zwischen Deutschen und Russen, Fritz Wittmann, kündigte Johanna Sander im November an, sie wolle im nächsten Sommer mit ihrem Sohn Paul nach Wladimir reisen, um endlich mit eigenen Augen zu sehen und in Begleitung ihres Sohnes Paul zu erleben, warum es den Weltkriegsveteranen immer wieder so in die Partnerstadt zog. Dann, im Dezember, die gemeinsamen Auftritte der Sängerin mit dem Kammerchor Wladimir unter Leitung von Tatjana Grin in Erlangen und Kirchehrenbach, und nun ist Johanna Sander bereits seit einer Woche in der einstigen russischen Hauptstadt und hatte gestern ihren ersten Auftritt im Zentrum für Klassische Musik.

Nikolaj Schtschelkonogow und Paul Sander

Einer der einprägsamen Aphorismen, die Fritz Wittmann hinterließ, lautet: „Wo Deutsche und Russen einander Familienphotos zeigen, können keine Feindbilder mehr entstehen.“ Ganz im Geiste dieses Mottos blätterten denn auch vor dem Konzert der Frontkämpfer, Nikolaj Schtschekonogow, und Paul Sander in einem Album, das zurückreicht bis ins Jahr 1991, als sich die beiden Friedenskämpfer zum ersten Mal trafen. Welch eine Begegnung!

Johanna Sander mit Nikolaj Schtschelkonogow und Sohn Paul

Und Johanna Sander? Sie erlebt ein Wladimir, wie sie es aus den Schilderungen ihres Vaters kennt und wie sie es sich doch nicht vorstellen konnte mit all der Aufmerksamkeit, die ihr entgegengebracht wird, vom Chor, vom Erlangen-Haus, vom Publikum… Eine Begeisterung, die sie sagen läßt: „Das war bestimmt nicht meine letzte Zusammenarbeit mit Wladimir und diesem Ensemble.“

Tatjana Prokuschkina und Johanna Sander

An der Seite von Tatjana Prokuschkina bestand Johanna Sander dann gestern zur Eröffnung der Konzertsaison eine schwierige Prüfung mit dem Requiem des zeitgenössischen Komponisten, Artjom Semjonow, dessen überwältigendes Werk für Chor, zwei Klaviere und Schlagwerk die Wladimirer Sopranistin oft bis an die musikalische Schmerzgrenze führte, während die deutsche Altistin eine tröstend-warme Stütze bot, ganz so, als gehörte sie schon immer zu dem Ensemble. Nur bei den allerersten Takten merkte man der Baiersdorferin noch die Aufregung an.

Tatjana Prokuschkina und Johanna Sander mit Dmitrij Fjodorow am Klavier

Nun darf sich das Publikum in Erlangen wie in Wladimir auf neue Projekte von Johanna Sander und ihren Wladimirer Freunden freuen. So geht ja auch noch hoffentlich der große Wunsch von Fritz Wittmann in Erfüllung: „Wir mögen die letzten Kriegsveteranen sein.“ Und im Album der Freundschaft von Nikolaj Schtschelkonogow gibt es nun neue Bilder.

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Wieder ist eine Stimme im großen Chor der Partnerschaft verstummt, für immer. Jelena Borsowa hatte bereits allen Grund zu glauben, ihre schwere Erkrankung besiegt zu haben, als dann doch ein Rückfall eintrat und ihr, erst knapp 58 Jahre alt, am 8. Februar die letzte Lebenskraft raubte. Ulrich Kobilke, Musiklehrer am Ohm-Gymasium im Ruhestand, erinnert sich an die Kollegin als eine begabte Chorleiterin mit der Fähigkeit, Kinder und Jugendliche zum Singen zu vereinen und zu begeistern, als eine Frau mit Selbstdisziplin und Heiterkeit im Umgang mit den Ensembles, stets bescheiden in ihrem Auftreten und liebenswürdig bei den Proben und Auftritten in Erlangen, aber auch privat, zusammen mit ihrem Mann in Etlaswind und in Wladimir beim Gegenbesuch: rührend gastfreundlich bei sich zu Hause mit den Speisen, im Sommer auf der Datscha angepflanzt und geerntet. Bis zuletzt blieben die beiden Musiker einander mit großer Dankbarkeit und gegenseitiger Wertschätzung verbunden, obwohl ihr künstlerischer Austausch schon so lange zurücklag.

Jelena Borsowa, 2005 in Wladimir, gesehen von Ute Schirmer

Im Frühjahr 2004 war es, als Jelena Borsowa mit ihrem Mädchenchor der Schule Nr. 33 per Bus den 2.500 km langen Weg nach Erlangen antrat, um am 1. April gemeinsam mit dem Chor des Ohm-Gymnasiums im Gemeindezentrum am Bohlenplatz, das heute als Kreuz+Quer firmiert, einen, wie die Erlanger Nachrichten schrieben „Streifzug durch die Musikgeschichte“ vorzustellen, der in einem „furiosen Finale“ endete, bei dem „die Schüler der beiden Partnerstädte bewiesen, wie gut sie harmonieren“. Die fast zweiwöchige Tournee mit weiteren Auftritten u.a. im Redoutensaal bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung des Stadtverbands Kultur zu Gunsten des Erlanger Kinderklinikums wurde musikalisch und zwischenmenschlich zu einem derartigen Erfolg, daß Ulrich Kobilke und seine Kollegin Anges Paetzold im Februar des folgenden Jahres mit ihrem Schulensemble die Gegeneinladung nach Wladimir annahmen. Auch wenn es bei diesem im doppelten Sinne einmaligen Austausch blieb, rissen die Verbindungen nie ab, Verbindungen, die wesentlich durch die Vermittlung von Ute Schirmer zustande gekommen waren.

Jelena Borsowa und ihr Mädchenchor

Bereits am 20./21. September 2003 war nämlich, ebenfalls in den Erlanger Nachrichten, unter der Schlagzeile „Musik über Grenzen“ in einem Bericht zu lesen:

Ute Schirmer und Irmgard Krause sind noch immer begeistert. Die Erlangerinnen, die sich der Bürgergruppe zum zwanzigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft angeschlossen hatten, haben gerade eine „erlesene Darbietung“ (wie sie sagen) hinter sich. Der Chor der Oberklassen der Mittelschule Nr. 33 hat unter der Leitung von Jelena Borsowa und mit der Pianistin Natalia Slokina nicht nur einen bunten Strauß schöner Melodien intoniert, sondern mit dem Frühlingswalzer nach Motiven von Johann Strauß die Erlanger Besucher zu wahren Begeisterungsstürmen hingerissen. Diese Begeisterung nach Erlangen zu bringen, ist seitdem ihr Anliegen – jetzt bedarf es „nur“ noch der Sponsoren, die den Chor nach Erlangen bringen.

Jelena Borsowa mit ihren Schülerinnen im November 2001

Wer Ute Schirmer kennt, weiß: Sie ruhte nicht, bis Sie genug Zusagen hatte, um die Reise für die jungen Gäste zu finanzieren, sie führte ungezählte Gespräche, bis sie genug gastgebende Familien für die Mädchen beisammen hatte, sie begleitete die Gruppe, treusorgend wie eine Großmutter, zu allen Proben und Auftritten. Nicht von ungefähr, denn zu der Schule hatte Ute Schirmer ein besonderes Verhältnis: Im Mai 2001 schon war sie dort mit ihrer Schwester eingeladen und rief darauf in Erlangen eine Spendenaktion ins Leben, um die desolate Toilettenanlage renovieren zu lassen.

Plakatgestaltung Fritz Wittmann

Was bleibt, sind nun Erinnerungen an eine Frau, die allen, die sie kannten, schrecklich fehlt, an eine lebendige Freundschaft, Bilder, Plakate, Programmhefte, Briefe – und an ein Reisetagebuch aus dem Jahr 2005, dank Jonas Eberlein, damals Mitwirkender im Chor des Ohm-Gymnasiums, hier im Blog nachzulesen in drei Teilen unter:  https://is.gd/qqEGI2, https://is.gd/Lh6SqU und https://is.gd/lYnND3 – viele Stimmen im Chor der Partnerschaft.

 

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Ein Fundstück von gestern, am Weltfriedenstag der römisch-katholischen Kirche: zwei Sängerinnen des Veteranenchors Wladimir 1994 auf der Bergkirchweih, Lebkuchenherzen tragend mit der Aufschrift „Willkommen in Erlangen“. Im Hintergrund zu sehen: Heinrich Pickel, seinerzeit Stadtrat und Leiter der ersten Erlanger Veteranendelegation, die zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion Mitte Juni 1991 Wladimir besuchte.

Am Revers der Bluse das Symbol des Friedens, 1993 gestaltet von Fritz Wittmann und hergestellt in Wladimir. Sie alle miteinander konnten die Welt seither nicht friedlicher machen. Aber sie versuchten es zumindest redlich, und den Krieg besiegten sie in ihren Herzen. Kein Grund also für uns, nachzulassen. Frieden ihrem Andenken.

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In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

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Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

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Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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