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Posts Tagged ‘Florian Janik’


Beim gestrigen Empfang zum 85. Geburtstag von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg im Redoutensaal sprachen für die Partnerstädte Jena und Wladimir Altoberbürgermeister Peter Röhlinger und Jurij Fjodorow, Abgeordneter des Regionalparlaments und „Vater“ der Partnerschaft auf russischer Seite. Die Rede des vormaligen stellvertretenden Bürgermeisters und Staatssekretärs liegt der politischen Redaktion des Blogs vor und möge hier als Zeugnis einer besonderen Freundschaft verstanden werden.

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Dr. Dietmar Hahlweg,

heute haben sich in diesem Saal Ihre Freunde, Genossen und Kollegen versammelt. Sehen Sie sich nur einmal um, wie viele Menschen zusammengekommen sind, um Ihnen zu Ihrem Jubiläum zu gratulieren. Das zeugt davon, was Sie uns allen bedeuten. Für Ihre Landsleute wurden Sie zu einer Legende von Mensch, zu einem Oberbürgermeister, der Erlangen zu einer „Radfahrerstadt“, zu einer Hauptstadt des Umweltschutzes oder ganz einfach zu einer der saubersten, gepflegtesten und lebenswertesten Städte Deutschlands machte. Für uns aus Wladimir sind Sie der Diplomat, der den Grundstein für eine lange und feste Partnerschaft zwischen unseren Städten legte. Und für mich sind Sie ein enger und teurer Freund.

Jurij Fjodorow und Peter Steger

Diese Freundschaft währt nun schon viele-viele Jahre. Im Deutschen gibt es den Begriff einer „Freundschaft fürs Leben“. 37 Jahre ist es her, doch ich erinnere mich noch genau daran, wie wir uns kennenlernten, ich habe keine der Begegnungen vergessen, die später folgten, ich habe alles vor Augen, als wäre es gestern geschehen. Ich weiß noch, wie Anfang der 80er Jahre Dr. Klaus Wrobel, der damalige Direktor der VHS, eine Bürgergruppe in die Sowjetunion begleitete und dabei einen Abstecher nach Wladimir machte. Er war begeistert von unserer altehrwürdigen Stadt und berichtete auch Ihnen von seinen Eindrücken, während die Reiseteilnehmer ihre Erlebnisse natürlich auch weitererzählten. Schon damals pflanzten wir den Setzling der Liebe zu Wladimir. Oder, prosaischer, das Interesse an Wladimir war in jedem Fall geweckt.

Norbert Meyer-Venus und Thomas Fink

1983 empfingen wir die erste offizielle Delegation. Die Namen der Mitreisenden erinnere ich bis heute: Mit Ihnen zusammen kamen Heide Mattischeck, Claus Uhl und Peter Millian. Und dann folgte auch schon unsere Photoausstellung in Erlangen. Wir bereiteten uns sorgfältig darauf vor, schließlich wollten wir all das Beste zeigen, was wir hatten, und die Erlanger zumindest auf diesem Umweg mit den Menschen aus Wladimir bekanntmachen. Ich kam ganz allein mit dieser Ausstellung hierher. Ein damals durchaus unüblicher Vorgang. Ich gebe zu, aufgeregt gewesen zu sein. Wie wird man die Ausstellung aufnehmen, wird man sie verstehen, wird man sehen, was wir ausdrücken wollten? Doch die Ausstellung kam an, sie wurde gut besucht. Ich erinnere mich an einen witzigen Fall: Vor einem der Bilder versammelten sich besonders viele Leute. Ich fragte mich, was es wohl sei, das die Menschen so fesselte. Es stellte sich heraus, es war ein Photo unseres Heiz- und Stromkraftwerks, das damals noch mit Kohle befeuert wurde. Klar, es qualmte aus allen Rohren. Und das in einer Zeit, wo man sich hier in Erlangen bereits ernsthaft mit den ökologischen Problemen beschäftigte und sich um Luftreinhaltung sorgte. Während bei uns der Schornstein rauchte. Da fühlte ich mich doch ein wenig unwohl. Wozu das verbergen!

Henning Zimmermann, Fridays for Future

Ich weiß noch sehr gut, wie herzlich man mich aufnahm, wie Sie selbst mich überall herumführten, mir alles zeigten, alles erklärten. Damals begriff ich, es mit einem richtigen Stadtvater zu tun zu haben, mit jemandem, der seine Stadt aufrichtig liebt. Ich gebe zu, beeindruckt gewesen zu sein.

Die offizielle Vereinbarung über die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Wladimir und Erlangen unterzeichneten wir viel später, erst 1987. Aber mir scheint, alles hatte sich bereits damals entschieden. Wir sprachen viel miteinander, diskutierten die Perspektiven unserer Partnerschaft.

Tatjana Fjodorowa, Jurij Fjodorow, Florian Janik, Ursula Rechtenbacher und Dietmar Hahlweg

Ich kam mit dieser Idee nach Hause, erzählte der Leitung der Stadt davon. Der damalige Vorsitzende des Exekutivkomitees – heute würden wir Oberbürgermeister sagen –, Michail Swonarjow, hörte mir aufmerksam zu und interessierte sich für die Idee, er entbrannte sogar regelrecht dafür. Und so wurde beschlossen, eine offizielle Delegation nach Erlangen zu entsenden.

Wie es dann weiterging? – Der Austausch von Schülern, Studenten, gemeinsame Konzerte und Ausstellungen, Familienbegegnungen… Es setzte eine regelrechte „Volksdiplomatie“ ein, die „Bürgerpartnerschaft“, von der Sie immer sprachen, war geboren. Ich bin sicher, auch Sie erinnern sich noch an das großartige „Fränkische Fest“ zum zehnjährigen Jubiläum unserer Partnerschaft im Jahr 1993. 30.000 Wladimirer nahmen daran teil.

Tatjana Fjodorowa, Jurij Fjodorow, Herbert Lerche und Ursula Rechtenbacher

1995 schließlich eröffneten wir das Erlangen-Haus. Tausende Menschen aus unserer Stadt lernten und lernen dort Deutsch in Kursen, die dank der Zusammenarbeit mit der VHS Erlangen und dem Goethe-Institut in Moskau angeboten werden. Hunderte von unterschiedlichen Projekten und Austauschprogrammen in Wirtschaft, Kultur und Soziales könnte ich aufzählen. Das Wichtigste aber – die vielen deutschen und russischen Familien, die alle dank Ihnen und der Partnerschaft zueinander fanden. Hier gebührt aber auch Deinen Nachfolgern alle Ehre: Dr. Siegfried Balleis und Dr. Florian Janik. Beide ließen und lassen nicht nach in ihrem Bestreben, die Partnerschaft unserer Städte auf diesem hohen Niveau zu halten und weiterzuentwickeln – so wie das in der Nachfolge von Michail Swonarjow auch Wladimir Kusin, Igor Schamow, Alexander Rybakow, Sergej Sacharow und Olga Dejewa taten und weiter tun, immer unterstützt von den Stadträten und ihrem Team in der Verwaltung.

Stefan Barth und Jurij Fjodorow

Unsere Partnerschaft gilt als beispielhaft für andere. Ich bin stolz, zu den ersten Schwalben dieser russisch-deutschen Freundschaft zu gehören. Ich freue mich auch darüber, wie es uns gelungen ist, Rothenburg o.d.T. und Susdal zusammenzubringen. Und ich möchte fast glauben, unsere Volksdiplomatie könnte auch die deutsche Einheit befördert haben, zumal in unsere Zusammenarbeit zu meiner großen Freude Jena erfolgreich eingebunden ist.

Peter Röhlinger

Heute, zu Ihrem Jubiläum, kommt mir natürlich viel in den Sinn. Aus irgendeinem Grund vor allem Sachen zum Lachen. Da war doch zum Beispiel dieser spaßige Kasus, als wir mit Ihrer Delegation spät abends von einem Ausflug zurückkehrten und unterwegs im Wald einen Halt einlegten, um auf dem Kühler im Scheinwerferlicht des Autos ein Picknick zu veranstalten. Für uns die normalste Sache der Welt, während die Gäste, wie wir begriffen, sich einigermaßen unbehaglich fühlten. Später lachten wir alle darüber.

Aber jetzt erlaube mir, mich an Dich als Freund zu wenden:

Lieber Dietmar!

Ich sehe mir immer wieder die Photos jener Jahre an, erinnere mich und danke dem Schicksal dafür, das mir vor 37 Jahren einen so weisen und verlässlichen Freund geschenkt hat.

Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen zu Deinem Wiegenfest! Ich wünsche Dir noch ein langes Leben, gesund, munter und glücklich. In Wladimir kennt man Dich, erinnert man sich an Dich, liebt man Dich, freut man sich zu jeder Zeit auf Deinen nächsten Besuch!

Tatjana Fjodorowa und Heidi Hahlweg mit dem Jubilar, Dietmar Hahlweg

Zu diesem Festtag beglückwünsche ich aber auch Deine bezaubernde Frau, die Dich Dein ganzes Leben lang begleitet, Dir bei all Deinen Aufgaben Hilfe leistet und Dich bis heute in allem unterstützt, die Dir, wie man bei uns sagt, den Rücken freihält. Immer wenn meine Frau Tatjana und ich Erlangen besuchten, waren wir bei Heidi und Dir eingeladen. Und jedes Mal führten wir wunderschöne und herzliche Gespräche. Glaube mir, ich weiß diese Begegnungen zu schätzen und die Erinnerung daran zu bewahren.

Liebe Heidi, als Zeichen meiner Anerkennung bitte ich Dich, diese Blumen anzunehmen.

Familie Hahlweg

Und jetzt, lieber Dietmar, gestatte mir bitte, einen wichtigen Auftrag zu erfüllen und Dir zu Deinem 85. Geburtstag die Ehrenurkunde des Regionalparlaments Wladimir zu überreichen für Deinen „großen Beitrag zur Begründung der Partnerschaftsbeziehungen zwischen Erlangen und Wladimir sowie zur Entwicklung der Volksdiplomatie“.

Lieber Dietmar, darüber hinaus überreiche ich Dir eine Grußbotschaft des Vorsitzenden unseres Regionalparlaments, Wladimir Kisseljow. Wir baten unsere berühmten Künstler aus Mstjora darum, diese Ehrenbezeigung zu gestalten. Du kennst das natürlich, aber für alle Anwesenden erkläre ich: Mstjora liegt in der Region Wladimir und gilt als das Zentrum der russischen Lackminiaturmalerei, die Weltruhm genießen.

Jurij Fjodorow und Dietmar Hahlweg

Und schließlich ganz persönlich von meiner Familie diese Ikone der Wladimirer Gottesmutter, ebenfalls aus einer Werkstatt der Meister von Mstjora.

Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie uns Dr. Dietmar Hahlweg Beifall spenden!

Silvia Klein, Sabine Lotter und Altdekan Josef Dobeneck, zurecht hochzufrieden mit dem Ablauf des Abends

P.S.: Jurij Fjodorow richtete sich aber nicht nur an seinen Freund. Abweichend vom Manuskript wünschte er mit ergreifenden Worten allen Gästen des Abends ein gesundes und friedliches Neues Jahr, wo sich auch noch die innigsten und geheimsten Wünsche erfüllen sollten. Wie das gehen könnte? Indem wir einander öfter umarmen, füreinander da sind, unseren Angehörigen und Freunden unsere Zuneigung zeigen… Wenn das mehr Leute täten, dann könnte es auch auf der Welt insgesamt menschlicher zugehen. Eine Botschaft, für die der Redner mit viel Applaus und Sympathie bedacht wurde.

Bleibt nur noch, Nadja Steger für die Bilder des Abends zu danken, der mit dem Lied der Franken ausklang.

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Die Zeit des Oberbürgermeisters beim morgendlichen Empfang für Nikolaj Schtschelkonogow mag noch so knapp sein, er hört gebannt den Erinnerungen des Veteranen zu, den er im Mai 2015 persönlich in Wladimir kennengelernt hatte. Da kann der nächste Termin ruhig etwas warten. Denn: „Es ist unglaublich und bewundernswert wie Sie die Erinnerung an die Schrecken des Krieges mit einem lebensfrohen Willen zur Aussöhnung verbinden!“ Es ist genau diese Mischung, die der wegen seiner vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten zum Oberst ehrenhalber ernannte Hauptmann a.D. der Sowjetarmee auch gestern an den Tag legte. Es ist sein Lebensmotto: „Nicht vergessen, was war, und frohgemut in die Zukunft blicken.“ Und so erzählte er gestern denn auch im Rathaus – anfangs durchaus ein wenig aufgeregt, im Besprechungszimmer des Stadtoberhaupts sitzen zu dürfen – nicht nur von den erbitterten Kämpfen an der weißrussischen Front und vom Häuserkampf in Berlin, sondern auch davon, wie er, selbst ein Landkind, vor den Toren der zerstörten Hauptstadt Deutschlands wenige Tage nach den Kampfhandlungen Bauern bei der Arbeit half und am Wiederaufbau mitwirkte, bis er im Oktober 1945 zur weiteren militärischen Ausbildung in die Ukraine geschickt wurde und von dort nach Wladimir kam, wo er seine mittlerweile verstorbene Frau kennenlernte.

Florian Janik, Peter Steger und Nikolaj Schtschelkonogow, gesehen von Robert Hatzold

Aber immer wieder Erlangen: Seine erste Reise in das wiedervereinigte Deutschland im Jahr 1992, wo die Veteranendelegation aus Erlangen am Abend von einer gespannt wartenden Gruppe erwartet wurde, wohin er nun schon zum sechsten Mal gekommen ist, um Abschied zu nehmen, begleitet von seiner Gefährtin, Tatjana Jazkowa, und der Dokumentarfilmerin, Jekaterina Zwetkowa, die jeden Schritt und jede Begegnung für die Nachwelt festhält. Ein wichtiges Moment, wie Florian Janik betont, denn: „Die Zeitzeugen werden immer weniger. Dabei ist gerade für junge Leute so wichtig, an deren Erleben teilhaben zu können. Ich erinnere mich selbst noch, wie ans Ohm-Gymnasium in meine Klasse einmal eine Überlebende des Holocaust kam. So etwas kann man nie vergessen, zumal die Frau die gleiche heitere Ausstrahlung hatte wie Sie – ungeachtet all des Leids, das hinter ihr lag.“

Florian Janik, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Jekaterina Zwetkowa

Für sein einzigartiges Friedenswerk, begonnen bereits 1991 mit der Aufnahme der ersten Erlanger Veteranendelegation in Wladimir, zeichnete darum Erlangens Oberbürgermeister den Ehrengast aus Wladimir mit einer Dankurkunde aus, verliehen für den großen Beitrag zur Verständigung und Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

In diesem Geist fand dann auch das Treffen mit Wolfgang Morell statt, dem man – der Blog berichtete bereits ausführlich darüber – nach der Gefangennahme in der Winterkälte vor Moskau im Jahr 1941, schwer erkrankt, in einem Wladimirer Militärhospital das Leben rettete. Die beiden Veteranen hatten sich lange nicht mehr gesehen, das letzte Mal im Juni 2011, und hatten sich denn auch viel zu erzählen, aufmerksam verfolgt von Jekaterina Zwetkowa und ihrem Doku-Team. Und doch blieb auch noch Zeit für die Freunde, einigen Damen noch ein Ständchen zu singen. Alte Kavaliere eben.

Nikolaj Schtschelkongow und Wolfgang Morell beim Damenkränzchen

Zwei Stunden waren am frühen Nachmittag für ein Treffen am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas. Es wird niemanden verwundern, daß dieses Seminar in Oral History am Ende fast drei Stunden dauerte. Zu viel hatte Nikolaj Schtschelkonogow auf dem Herzen, von der vielfach betriebenen Geschichtsfälschung bis hin zur Bedeutung des Geschichtsstudiums. Ginge es nämlich nach ihm, sollten in der Politik hauptsächlich Historiker tätig sein. Kein Fach sei so wichtig, wie dieses, denn ohne die Geschichte gerate alles ins Trudeln und Wanken. Eine Haltung, die an das traurige Fazit des Veteranen Günther Liebisch erinnert: „Es studieren so viele Geschichte, aber niemand lernt aus der Geschichte.“ Der Gast aus Wladimir würde da sicher widersprechen. Er wird nicht müde, seine erlebte Geschichte des Krieges mitzuteilen – stets in der Hoffnung, damit etwas für den Frieden leisten zu können.

Nikolaj Schtschelkonogow im Gespräch mit Moritz Florin, Igor Biberman und Olga Malinowa-Tsiafeta

Recht hat er ja damit, denn mit dieser zugewandten Haltung nimmt er nicht nur jedes Mal sein Publikum, wie gestern abend im Club International der Volkshochschule, für sich und seine Botschaft ein, sondern er gewinnt auch ständig neue Freunde dazu.

Familienbild mit Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Ganze Familien oder jemanden wie Heinrich Hirschfelder, der zur Geschichte der russischen Kriegsgefangenen aus dem 1. Weltkrieg in Erlangen forschte und dem Gast sein Buch mit Widmung überreichte.

Heinrich Hirschfelder und Nikolaj Schtschelkonogow

Dann aber die Diskussion – gemeinsam mit Wolfgang Morell geführt und gekonnt vom Sprecher des Freundeskreises Wladimir, Gerhard Kreitz, moderiert – im Club International, die nach eineinhalb intensiven Stunden noch lange nachwirken wird, und von der hier nur einige Schlaglichter wiedergegeben werden sollen: Etwa das mit dem doppelten Stalin-Wodka vor jeder Schlacht, um den sich viele Legenden ranken, der in seiner ursprünglichen Form aber vom Generalissimus bald wieder abgeschafft und ersetzt wurde durch ein Hundertgramm-Glas Wässerchen für jene in vorderster Front, das auf Antrag des jeweiligen Befehlshabers und entsprechend der Versorgungslage im Troß auch durchaus einmal reichlicher ausgeschenkt werden konnte. Etwa das – schon viel ernsthafter – mit dem Rotarmisten, der kurz nach dem Krieg in Erfurt eine Schneiderin vergewaltigte und die von ihr bewachten Stoffe mitgehen ließ, nach zwei Tagen aber dingfest gemacht und in einer п-Formation standrechtlich erschossen wurde. Denn für solche Vergehen gab es keine Gnade. Streng hielt man es auch mit dem Umgangsverbot mit Deutschen, das erst nach Stalins Tod gelockert wurde. Wer sich mit einer deutschen Frau einließ, lief Gefahr, innerhalb von 24 Stunden unehrenhaft in die Heimat zurückgeschickt zu werden, degradiert und ggf. aus der Partei entlassen. Nicht einmal Kinos oder Restaurants und Theater durfte man besuchen. Andererseits lebte man einigermaßen privilegiert, war gut versorgt, und als Nikolaj Schtschelkonogow 1953 seine Frau nachholen durfte, sammelte sich bis 1956 – nach sechs Jahren Dienst in der DDR – derart viel „Plunder“ an, daß eine befreundete deutsche Familie mit Preßspankisten aushelfen mußte. Da war sie dann schon erlaubt und sogar erwünscht – allerdings nur für die höheren Ränge – die deutsch-sowjetische Freundschaft. Und dann noch etwa das von den Zeitungen, die kurz vor der Schlacht in den Unterständen und Gräben verteilt wurden – stets mit einem scharfen Artikel von Ilja Ehrenburg, der „Auge um Auge“, „Blut um Blut“, „Zahn um Zahn“ und sogar die Schändung deutscher Frauen als Vergeltung forderte. Die Deutschen hatten ja mit den Greultaten begonnen. Erst vor den entscheidenden Kämpfen um Berlin schlug der Ton um und der Hetzjournalist verstummte. Nun hieß es: „Wir sind nicht wie die Faschisten, wir tun niemandem Gewalt an, wir zwingen nicht Kinder und Frauen in die Schlacht.“ Und noch dedizierter: Am 9. Februar schrieb die „Krasnaja Swesda“, das Organ des Kommissariats: „Auge um Auge, Zahn um Zahn ist ein alter Spruch. Aber man muß ihn nicht wörtlich nehmen. Wenn die Deutschen marodierten und Frauen schändeten, heißt das nicht, daß wir dasselbe tun müssen. Das war niemals so und wird niemals so sein.“ Siehe dazu den Spiegelartikel aus dem Jahr 1975: https://is.gd/BBPGul

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow zur Eröffnung des Abends im Club International

Oder jene Geschichte vom Geburtsort eines in Polen geborenen Mannes aus dem Publikum, der kaum glauben kann, daß Nikolaj Schtschelkonogow offensichtlich bei der Befreiung seiner Heimatstadt dabei war. Überhaupt – all die Gefechte und Schlachten: Nikolaj Schtschelkonogow kennt sie noch alle, die Orte, die Opfer auf beiden Seiten, die Strategien. Und nun schlägt er seine letzte Schlacht um die Bewahrung der Wahrheit und um den Frieden. Möge er auch diese Schlacht gewinnen! Wie er das tut, ist auch ohne viele Worte anhand der Bildstrecke von Othmar Wiesenegger, gerade noch rechtzeitig vor Redaktionsschluß eingetroffen, zu sehen.

Bleibt noch nachzureichen: Zum Ausklang des Abends stimmte Nikolaj Schtschelkonogow seine bereits 1992 komponierte und getextete Erlangen-Hymne „Stadt an der Regnitz“ an, ohne Begleitung, auswendig aus dem Stand und in der deutschen Übersetzung von Peter Steger. Und dabei behauptet er, kein Talent zum Schreiben und zur Tonsetzerei zu besitzen. Der Veteran hat eben auch den Schalk im Nacken.

Abendliche Einkehr mit Othmar Wiesenegger in der Stadt an der Regnitz

Stadt an der Regnitz, wie bist du mir teuer,

gleich beim Hotel wird flaniert,

Gärten und Parks, alter Mühlen Gemäuer,

gern man zu zwein hier spaziert.

Erlangen, Erlangen!

Es war einmal, früh noch im Mai.

Erlangen, Erlangen!

Ja, damals war ich auch dabei.

Hauptstädtisch wird wohl dein Puls niemals schlagen,

davon halt‘ dich besser fern, –

mehr hat dein eigener Reiz mir zu sagen,

darum hab‘ ich dich so gern.

Erlangen, Erlangen!

Gemütlicher Gassen Gewirr. –

Erlangen, Erlangen!

Der Wind trägt ein Glockengeschirr.

Viele lockt freilich der Flitter der Kronen:

London, Ägypten, Paris…

Doch ob die Mühen sich wirklich auch lohnen?

Du bist viel schöner gewiß.

Erlangen, Erlangen!

An Schönem bist du selbst so reich. –

Erlangen, Erlangen!

So alt und doch jung stets zugleich.

Und Kameraden hab‘ ich hier gefunden,

Freundschaft mit ihnen ich halt‘.

Zärtlich und heiter in all deinen Stunden,

dank dir wird’s mir nimmer kalt.

Erlangen, Erlangen!

Die Liebe zu dir singt mir Lieder.

Erlangen, Erlangen!

Vielleicht sehen wir uns bald wieder.

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Nach 28 Jahren im Amt verabschiedete sich am 3. Januar in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale zu Wladimir Erzbischof Jewlogij in den Ruhestand. Der Heilige Synod würdigte den Geistlichen als jemanden, dem es gelungen sei, die Entwicklung des kirchlichen Lebens in alle Richtungen zu lenken, die Zahl der Gemeinden und Priester sowie der Ordensleute zu erhöhen und einen konstruktiven Dialog mit der Öffentlichkeit und der Politik zu führen. Der promovierte Theologe trägt seit dem 14. Jahrhundert, als dieses Amt nach Moskau verlegt wurde, als erster wieder den Titel eines Metropoliten.

Florian Janik, Erzbischof Tichon, Elisabeth Preuß und Erzbischof Mark

Im Amt folgte Jewlogij nun Tichon, 1948 in Woronesch geboren und mit Unterbrechungen seit 1990 Erzbischof von Nowosibirsk und Berdsk, wo es ihm, ebenso wie Jewlogij in Wladimir, gelang, das kirchliche Leben wiedererstehen zu lassen. Was es bedeuten kann für seinen Glauben einzustehen, weiß der 1981 in Moskau zum Priester geweihte Pater aus der Geschichte der eigenen Familie: Sein Großvater wurde 1931 erschossen, weil er sich offen und aktiv zu seiner Gemeinde bekannt hatte.

Erzbischof Tichon beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Erlangen

Während Jewlogij in Wladimir immer wieder hohe Vertreter aus Erlangen empfing, etwa die beiden Oberbürgermeister Siegfried Balleis und Florian Janik sowie seinen katholischen Amtsbruder, Erzbischof Ludwig, in all den Jahren aber nie nach Erlangen kam, nahm nun Tichon nach gerade einmal elf Monaten im Amt die Einladung der Erlanger russisch-orthodoxen Gemeinde an, die er seit gestern, nach dem Empfang im Rathaus und dem Eintrag ins Goldene Buch, begleitet von einer Delegation seiner Erzdiözese, noch bis Sonntag visitiert.

Erzbischof Mark übersetzt die Grußbotschaft von Erzbischof Tichon

Vorausgegangen ist dem Besuch ein mehrtägiger Aufenthalt in München bei seinem Amtsbruder Mark im Kloster des Heiligen Hiob von Potschajew, der seit 1982 als Erzbischof von Berlin und Deutschland der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland fungiert und den Titel eines Archimandriten trägt.

Erzbischof Mark beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Erlangen

„Eine ganz besondere Ehre und Freude“ nannte denn auch Oberbürgermeister Florian Janik im Gespräch mit den Geistlichen diesen ersten Besuch eines so hohen Würdenträgers aus Wladimir. Freilich ganz im Geiste der Partnerschaft, denn seit Jahren pflegen die Katholiken der Rosenkranzgemeinde mit den Mitgliedern der Erzdiözese einen ausgesprochen einvernehmlichen Dialog, der besonders deutlich beim gemeinsamen Jugendaustausch zum Ausdruck kommt. Wichtig sei aber auch, wie Erlangens Stadtoberhaupt betonte, die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit der Theologen und Religionswissenschaftler mit ihrer langen Tradition zwischen den Partnerstädten.

Die Delegation von Erzbischof Tichon mit Oberbürgermeister Florian Janik, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, Erzbischof Mark und den beiden Stadträten Martin Ogiermann und Jürgen Zeus (2. Reihe, zweiter und erster v.r.)

Da überrascht es dann kaum noch, wenn der Wladimirer Metropolit erklärt, bereits vor 40 Jahren zum ersten – und bisher letzten Mal – in Erlangen gewesen zu sein, um Fairy von Lilienfeld, von 1966 bis 1984 Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens an der Theologischen Fakultät der FAU, bei der Zusammenstellung einer Biographie russischer Bischöfe zu unterstützen. Später dann habe er auch noch die Evangelische Akademie in Tutzing besucht und an verschiedenen ökumenischen Konferenzen in Deutschland teilgenommen. Alles nun aber schon lange her. – Und sein 1941 in Chemnitz geborener und 1964 während seines Slawistikstudiums in Heidelberg zur Orthodoxie konvertierter Amtsbruder kennt Erlangen sogar schon seit 50 Jahren, als er hier an der Universität tätig war.

Florian Janik, Erzbischof Tichon, Erzbischof Mark, Elisabeth Preuß und Gemeindepfarrer Anatolij

Der Delegation, der auch eine Glöcknerin, ein Ikonenmaler und eine Textilkünstlerin angehören, nutzen den Aufenthalt, um mit der hiesigen Gemeinde in den spirituellen, kunsthandwerklichen und zwischenmenschlichen Dialog zu treten, und am Sonntag feiern beide Erzbischöfe in der russisch-orthodoxen Kirche, Stinzingstraße 20, um 9.30 Uhr einen Festgottesdienst, zu dem herzliche Einladung ergeht.

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Am späten Montagabend in Nürnberg gelandet, sitzt die 16köpfige Gruppe aus dem Erlangen-Haus nun seit Dienstag jeden Morgen bis Freitag nächster Woche im Deutschkurs von Heide Thies im Club International der Volkshochschule, paukt Grammatik und übt Konversation. In der Freizeit und am Wochenende sollen die Gäste dann Erlangen – von „Klassik am Berg“ bis zu den Regnitzwerkstätten – und möglichst viel von Franken kennenlernen und sogar einen Ausflug bis nach Kloster Weltenburg unternehmen. Ein vielseitiges Programm, zusammengestellt vom Freundeskreis Wladimir, der auch diese, die zwölfte Sprachreise des Erlangen-Hauses in Folge, aufmerksam vorbereitete und begleitet. Immer für die zweiten Julihälfte schreibt das Erlangen-Haus in Kooperation mit der Volkshochschule Erlangen für seine jährlich gut 200 Deutsch-Kursteilnehmer diese Möglichkeit der Vertiefung von Sprachkenntnissen aus. Es kann nicht oft genug gesagt werden: Was von Klaus Wrobel, dem seinerzeitigen Direktor der VHS, und seinen Nachfolgen, Christine Flemming und Markus Bassenhorst, mit der tatkräftig-kompetenten Unterstützung des Sprachenbeauftragten, Reinhard Beer, schon Mitte der 90er Jahre ins Werk gesetzt wurde und unermüdlich fortgesetzt wird, trägt nicht nur erstaunliche Früchte, sondern entwickelt eine großartige Eigendynamik.

Markus Bassenhorst

Dank den Bemühungen von Klaus Wrobel und Reinhard Beer kamen die Deutsch-Kurse des Erlangen-Hauses unter die Fittiche des Goethe-Instituts Moskau, die wachsende Dozentenschar aus Wladimir wurde dort geschult und auf die eigenen pädagogischen, an der Sprachpraxis ausgerichteten Lehrmethoden eingeschworen. Mit Erfolg. Das Konzept hebt sich offenbar so wohltuend von den Angeboten anderer Einrichtungen – vor allem der Schulen und Universitäten – ab, daß die Kurse ungeachtet des allgemein zu Gunsten des Englischen nachlassenden Interesses an der deutschen Sprache immer stärker nachgefragt werden, besonders übrigens von jungen Leuten.

Florian Janik und Irina Chasowa

Beim gestrigen Treffen mit Oberbürgermeister Florian Janik zeigte denn auch Irina Chasowa, Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses, eine gehörige Portion Selbstbewußtsein, als Markus Bassenhorst bei seiner Begrüßung meinte, man werde an seiner Volkshochschule erst demnächst das erste Smartboard einsetzen können, eine Technik, die im Wladimirer Sprachlernzentrum bereits vor gut zwei Jahren den Praxistest bestanden hatte. Die Besucherin bot nämlich gleich schlagfertig ein Praktikum in der Partnerstadt vor, um die Erlanger Dozentenschaft von den Vorteilen der schlauen Weißwandtafel zu überzeugen. Ein Angebot, das Florian Janik, der als Gastgeschenk seine russische Lieblingsleckerei erhielt, gern aufgriff, denn: „Gründe, Wladimir zu besuchen, gibt es viele!“

Aber natürlich gibt es auch nicht weniger Gründe, Erlangen zu besuchen. Gerade in diesen Zeiten, wie das Stadtoberhaupt anmerkte, wo, ohne Schuldzuweisungen aussprechen zu wollen, das Verhältnis zwischen unseren Staaten besser sein könnte. Gerade da komme es auf den bürgerschaftlichen Austausch, auf die Volksdiplomatie an. Und die lebt tatsächlich zwischen Erlangen und Wladimir, zumal wieder alle Gäste in Familien untergebracht sind und so, wie sich Florian Janik wünscht, neue Verbindungen und Freundschaften zwischen Deutschen und Russen entstehen. Denn davon kann es gar nicht genug geben. Gerade in diesen Zeiten.

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Zum ersten Mal in Deutschland, zum ersten Mal in Erlangen, zum ersten Mal in der Redaktion der Lokalzeitung in der Partnerstadt. Auf diesen Termin hatten sich die Journalistinnen Karina Romanowa und Julia Kusnezowa nach der Podiumsdiskussion am Montagabend besonders gefreut. Weniger die eigene Arbeit erklären, als vielmehr sich mit Kollegen austauschen und erfahren, was eint und was trennt.

Karina Romanowa, Markus Hörath und Julia Kusnezowa

Schnell wird im Gespräch mit Markus Hörath, Redaktionsleiter der Erlanger Nachrichten, klar, da ist mehr was eint als trennt: der Schwund bei der Printausgabe, die zurückgehenden Werbeeinnahmen, der Kostendruck mit Auswirkungen auf die Personaldecke, die Orientierung auf das Internet. Aber auch ein fairer Umgang mit Politikern ohne Schongang, ein Vertrauensbasis mit der Leserschaft, eine emotionale Bindung an Stadt und Region.

Wjatscheslaw Kartuchin, Elisabeth Preuß, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa und Amil Scharifow

Und: Man weiß viel zu wenig voneinander, sollte mehr die Möglichkeiten der Partnerschaften nutzen, um sich auch unter Journalisten besser kennenzulernen und vielleicht sogar das eine oder andere Material zwischen den Redaktionen auszutauschen. Denn, auch darin ist man sich einig, die völkerverbindenden Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir will man auch in Zukunft journalistisch begleiten, gerade auch vor dem Hintergrund der schwierigen geopolitischen Lage.

Julia Kusnezowa, Florian Janik, Karina Romanowa und Wjatscheslaw Kartuchin

Ganz im Sinne von Oberbürgermeister Florian Janik, der dritten Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und von Landrat Alexander Tritthart, die alle mit ihren je eigenen Worten den Wert der Kontakte betonen. Ganz nebenbei können die Gäste beim Besuch des Landratsamtes eine Besonderheit feststellen: Nirgendwo sonst in einem bayerischen Landkreis gibt es zwei deutsch-russische Städtepartnerschaften wie hier, das Paar Höchstadt an der Aisch mit Krasnogorsk und eben die Verbindung Erlangen-Wladimir.

Julia Kusnezowa, Alexander Tritthart und Karina Romanowa

Und noch etwas verbindet, von dem Christofer Zwanzig, Pressesprecher der Stadt Erlangen, berichtet. Es werde, so die übereinstimmende Auffassung, hier wie dort, immer schwieriger, komplexe Zusammenhänge und Entscheidungswege – etwa im Fall der Stadt-Umland-Bahn – angemessen zu vermitteln. Durch eine Vermischung von Fakten und Meinungen, besonders in den Sozialen Medien, komme es häufig rasch zu Verdrehungen der Sachverhalte, zu absichtlichen Entstellungen und oft auch zu offener Ablehnung, ohne sich mit dem Wesen der Sache beschäftigt zu haben. Leider wirke dann derlei Meinungsmache oft regelrecht ansteckend und untergrabe das Vertrauen in den Journalismus ebenso wie in Behörden und Institutionen.

Christofer Zwanzig, Julia Kusnezowa und Karina Romanowa

Wichtig ist den beiden aber: „Wir haben uns hier gleich wie zu Hause gefühlt, nicht wie Fremde.“ Und noch etwas freut sie: „In Erlangen scheinen die Politiker für Journalisten so zugänglich und offen zu sein.“ Spürbar schon am freien, unkontrollierten und unangemeldet möglichen Zugang zu Behördengebäuden ohne Wachpersonal. Vielleicht auch daher der Eindruck von Julia Kusnezowa und Karina Romanowa nach gerade einmal drei Tagen in Erlangen: „Es ist, als gingen hier für uns alle Türen von selbst auf.“

 

 

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Er ließ es sich nicht anmerken, aber ein wenig nervös war Kirill Wedernikow gestern schon, so kurz vor der Ausstellungseröffnung in der Volkshochschule mit Oberbürgermeister Florian Janik und all den vielen Gästen aus Politik, Verwaltung und vor allem natürlich Kunst und Kultur. Doch schon im Gespräch mit Erlangens Stadtoberhaupt löste sich die Spannung und wich der Freude darüber, mit welcher wißbegierigen Offenheit man seinen Arbeiten begegnete.

Irene Hetzler, Florian Janik, Kirill Wedernikow, Carolin Gugel und Hans-Peter Singer

Der Künstler hätte es freilich auch schon vorher wissen können. Denn von Beginn an hatte er – „trotz meiner geringen Englischkenntnisse“ – mit der Gruppe Andersartig eine gemeinsame Sprache gefunden, hatte die Verständigung über die Kunst, diese universelle Form des menschlichen Ausdrucks, bestens funktioniert. Und es war manchmal beim Aufbau, als hätten die Bilder ihren Platz an den Wänden und in den Räumen selbst gefunden.

Jutta Brandis

Glücklich und zufrieden jedenfalls waren nicht nur die Künstler, sondern vor allem Jutta Brandis, die mit „(R)Evolution“ nach dreißig Jahren des Wirkens an der Volkshochschule hiermit ihre vorletzte Ausstellung kuratierte, darunter viele mit Gästen aus Wladimir. Doch keine hatte sie nach eigenen Worten bisher so mit Freude über das Gelingen erfüllt wie diese, die nun noch bis zum 12. April in den Räumen der Volkshochschule, Friedrichstraße 19, zu sehen sind.

Peter Steger, Kirill Wedernikow, Hans-Peter Singer, Jutta Brandis, Carolin Gugel, Irene Hetzler, Michael Ort und Eva Herrmann

Zeit genug also, sich selbst noch einen Eindruck zu verschaffen von diesem deutsch-russischen Projekt einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, die Florian Janik in seinem Grußwort als wichtiges Element der Verständigung in Zeiten politischer Konflikte lobte, die aber auch zeigt, wie gut Künstler verschiedener Länder konzeptionell zusammenfinden können. Denn, so Kirill Wedernikow: „Sie entsteht zwar in Raum und Zeit, ist aber nicht an diese Dimensionen gebunden, wirkt darüber hinaus.“ Worte, die so auch gelten könnten für das eigens zu dieser Ausstellung komponierte „Concertino für Vibraphon und Klavier“, uraufgeführt von Michael Ort und Eva Herrmann.

Anke Steinert-Neuwirth, Peter Steger, Kirill Wedernikow, Hans-Peter Singer, Carolin Gugel und Irene Hetzler

Ein großer Teil der Bühne – und auch der Ausstellungsfläche – gehörte gestern dem Gastkünstler, der Gelegenheit erhielt, anhand eines Videos mit beeindruckend animierten Arbeiten aus seiner jüngsten Schaffensperiode und einer Präsentation seinen Werdegang darzustellen. Erstmals im Ausland und erstmals in dieser Ausführlichkeit, denn in der Heimat können sich nicht alle an seiner Ästhetik etwas abgewinnen.

Karin Günther und Peter Millian

Sie hat ja auch tatsächlich etwas Düsteres, und vor allem in seinem Zyklus der Lost Places und Industriebrachen sehe man wenig Optimismus und Aufbruch, wie Peter Millian von den Erlanger Nachrichten bemerkte. „Richtig“, bestätigte der 27jährige Künstler aus Wjasniki, hundert Kilometer östlich von Wladimir gelegen, „aber aus diesem Schatten bin ich herausgetreten, diese Periode liegt hinter mir.“

Zwar, so der Künstler, ziehe ihn noch immer diese Landschaft des Verfalls mit ihren groben Formen und den unendlichen Räumen des Vergehens magisch an, weil es da so viel Gestaltungsmöglichkeit gebe, aber nach seinen Anfängen im Bereich des Graffiti und der Straßenkunst und all den Lehrjahren durch die Kunsthochschule in Susdal sowie die Aufenthalte in Sankt Petersburg und Moskau wende er sich nun stärker philosophischen, theologischen und mythologischen Themen zu.

Kirill Wedernikow im Gespräch

Man hört es aus seinen Worten heraus, man merkt es seinen Bildern an: Hier wird man Zeuge eines künstlerischen Reifeprozesses, der auf dem Weg zu echter Meisterschaft ist, im Ausdruck wie im Handwerk. Passend zum evolutionären Titel der Ausstellung mit dem R in Klammern.

So richtig zur Geltung kommt das im Musikzimmer, wo die Keramiken von Carolin Gugel und die Arbeiten von Kirill Wedernikow einander nicht nur ergänzen, sondern in ihrer Wirkung verstärken, formal wie inhaltlich. Aber davon sollte man sich selbst überzeugen. Zeit ist ja noch genug.

Und nehmen Sie sich auch ein paar Minuten für die Mappen, wo sich neben Angaben zu den Persönlichkeiten auch die Preise für die Arbeiten finden. Es bietet sich die exklusive Gelegenheit, eine Wedernikow-Sammlung, die erste in Deutschland und außerhalb seiner russischen Heimat, aufzubauen.

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Vor acht Jahren veranstaltete das Bürgermeister- und Presseamt zum ersten Mal einem Empfang für Personen und Gruppen, die sich ehrenamtlich für die Städtepartnerschaften engagieren. Seither entwickelte sich die Feier im Ratssaal zu einer festen Institution, bei der von Mal zu Mal die Sessel und Stühle zahlreicher besetzt sind. Gestern nun, als Wolfram Howein aus den Händen von Oberbürgermeister Florian Janik den Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften entgegennahm, blieb freilich wirklich kein Platz mehr frei. Vielleicht, weil, wie der Laudator, anerkennend und vom Manuskript abweichend, meinte, der Geehrte es beispielhaft verstehe, andere in seine vielfachen Aktivitäten und Initiativen einzubinden.

Wie vielfältig und für das Gemeinwohl entscheidend dieses Engagement gerade auch im Internationalen Bereich wirkt, betonte Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens in ihrer Begrüßung. Durchaus auch aus eigener Anschauung vor Ort auf dem Feld der Ökologie, Jugendarbeit oder Kulturvereine. Das Stadtoberhaupt ging sogar noch weiter und stellte diese Arbeit in einen globalen Zusammenhang: „Heute bedarf es mehr denn je der Menschen, die Brücken bauen; gerade jetzt, wo so viele andere sich daran machen, Brücken einzureißen und Mauern hochzuziehen.“

Florian Janik und Wolfram Howein

Desto wichtiger, einmal im Jahr all die einzuladen, denen die Zusammenarbeit mit den zehn Partnerstädten und den drei befreundeten Kommunen, von den sonstigen Verbindungen Erlangens in alle Welt zu schweigen, am Herzen liegt. Und eine Person stellvertretend für die anderen auszuzeichnen, gestern Wolfram Howein. Wofür und mit welchen Worten ist hier nachzulesen: Laudatio Wolfram Howein – 21.11.2018

Wolfram und Inge Howein

Florian Janik machte es sichtlich Freude, dem ehemaligen Siemens-Manager das in vierzehn Jahren und auf vierzig Wladimir-Reisen verdiente Lob auszusprechen, kennt er doch die Ergebnisse dieser großartigen Arbeit aus eigener Anschauung, im Blauen Himmel wie beim Roten Kreuz, im Forum Prisma wie bei den wissenschaftlichen Projekten, besonders aber im Erlangen-Haus, wo beide das „beste Frühstück in der Partnerstadt“ zu schätzen wissen, und von wo aus beide sich auch schon auf die Suche nach einem Schlummertrunk machten.

Gratulation von Melitta Schön an Wolfram Howein

Wolfram Howein nahm es in seiner Erwiderung sportlich: „Mein Engagement für Wladimir ist allemal billiger als Golf zu spielen.“ Aber im Ernst: „Mein Leben ist reicher geworden durch diese Begegnungen, und Wladimir ist mir zum Jungbrunnen geworden.“ Möglich aber natürlich auch nur, wenn die Frau diesen Einsatz unterstützt. Deshalb galt denn der erste und größte Dank Inge Howein, die nun auch schon zehn Reisen in die Partnerstadt hinter sich hat.

Gratulanten: Margrit Vollertsen-Diewerge, Ute Schirmer, Jürgen Binder, Inge und Wolfram Howein, Gerda-Marie und Michael Reitzenstein

Was das Ehepaar noch vor sich hat? Hoffentlich noch viele Jahre der Zusammenarbeit mit Wladimir – zumal sich, siehe Blogeintrag von gestern, im Bereich Erlebnispädagogik schon wieder neue Türen öffnen – und die dafür nötige Gesundheit.

Knut Gradert und seine Stadl Harmonists

Zum Gelingen des Abends trugen auf ihre Weise die Stadl Harmonists aus Kosbach mit „Weltmusik“ bei, von „California Dreaming“ über „Ein Freund, ein guter Freund“ oder „Über den Wolken“ bis hin zum abschließenden „Oj, moros, moros“, das der Leiter des Ensembles, Knut Gradert, bereits 1993 zum Fränkischen Fest in Wladimir mit seinem großen Chor einstudierte und zur Überraschung der Gastgeber auf Russisch interpretierte. Gestern nun also auch noch diese musikalische Brücke über ein Vierteljahrhundert Partnerschaft. Was kann schöner sein?!

Karin Günther, Ruth Sych mit der Broschüre über ihr Engagement in Wladimir vor 20 Jahren und Susanne Lender-Cassens

Höchstens noch die vielen Gespräche, die beim Stehempfang zustandekamen – über die Grenzen der jeweiligen Städtepartnerschaften hinweg. Jena stand da neben Riverside und Rennes kam mit San Carlos ins Gespräch, während Wladimir mit Cumiana Erfahrungen austauschte.

Rudolf und Inge Schloßbauer mit Giuseppe Andolina

Eine Börse der internationalen Beziehungen eben, wo, wie Florian Janik bei der Eröffnung des Buffets meinte, „bestimmt wieder neue Ideen und Projekte entstehen“.

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