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Posts Tagged ‘Fjodor Dostojewskij’


Seit 2003 pflegen Jena und Wladimir einen engen Jugendaustausch, der damals, vor 15 Jahren, mit dem EU-Projekt „Move Together“ mit Begegnungen einsetzte, die alle europäischen Partnerstädte einbezog. Derlei Programme laufen naturgemäß nach einer bestimmten Zeit aus, die Beteiligten gehen auseinander, die Treffen enden nach Abrechnung der Kosten in der Ablage. Nicht so zwischen Jena und Wladimir.

Im Botanischen Garten zu Jena

Cornelia Bartlau, damals noch Streetworkerin, heute Gleichstellungsbeauftragte, hatte im 1997 gegründeten Euroklub und deren Vorsitzenden, Jelena Guskowa, ein Wladimirer Pendant gefunden, das sich an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert zeigte. Und so entstanden neue Ideen, eigene Projekte wie der Freiwilligenaustausch, in dessen Rahmen vor sieben Jahren Iwan Nisowzew nach Thüringen gekommen war – und bis heute als Mittler zwischen den Städten und Menschen geblieben ist.

Iwan Nisowzew, Jelena Guskowa und Friedensfahrer Winfried Merkel

Zu den festen Programmen des Euroklub gehören landeskundliche Reisen, die per Bus dieses Mal bis in die Niederlande führen – nach dem Motto: gestern noch Jena, heute Amsterdam. Oder frei nach der russischen Redensart: im Galopp durch Europa.

Plenum

Dabei wollen die knapp 50 jungen Gäste nicht nur selbst möglichst viel von der Kultur und Geschichte vor Ort erfahren, sie stellen vielmehr überall auch ihre eigene Heimat vor. Und die heißt für einige in der Gruppe nicht nur Wladimir, sondern beispielsweise auch Wjasniki, eine Kreisstadt aus der Region, die mit ihren Naturschutzgebieten für sich einnimmt.

Jelena Guskowa, Iwan Nisowzew und Matthias Bettenhäuser

Wie wichtig Jena den Besuch im zehnten Jahr des Partnerschaftsdreiecks Erlangen-Jena-Wladimir nimmt, zeigt die Begrüßung durch Matthias Bettenhäuser, persönlicher Mitarbeiter und Leiter des Büros von Oberbürgermeister Albrecht Schröter, im Bürgertreff des Rathauses. Wie wichtig der Besuch ist, zeigen die politischen Umstände, die angesichts der aktuellen Eskalation mit der gegenseitigen Ausweisung von Botschaftspersonal mehr denn je auf die Volksdiplomatie setzen muß, gerade auch im „Deutsch-Russischen Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften“. Schwere Zeiten für den Austausch, wenn hüben wie drüben neue Feindbilder entstehen. Da mag helfen, manches mit historischem Abstand zu sehen, etwa, wenn man die Fahrt von Erlangen nach Jena nutzt, um sich in die Anmerkungen zum Roman „Der Idiot“ von Fjodor Dostojewskij zu vertiefen. Da findet sich nämlich folgender Hinweis:

Iwan Nisowzew, Jelena Guskowa und Matthias Bettenhäuser

Heinrich Joh. Ostermann (geb. 1687 in Westfalen als Sohn eines Pastors) hatte als Jenenser Student seinen Gegner im Duell getötet, war nach Holland geflohen und dort 1703 in russische Dienste getreten. Er gewann Peters Vertrauen und machte sich verdient bei den Friedensschlüssen am Pruth 1711 und namentlich in Nystad 1721. (Geheimrat und Baron Ostermann) Nach Peters Tode 1725 ernannte ihn Katharina I. (1725-27) zum Oberintendanten des Hofes und zum Mitglied des Regentschaftsrates für Peters Enkel, den Knaben Peter II. Alexejewitsch, der aber schon 1730 starb. Die russische Adelspartei unter Führung des Fürsten Dolgorukij erhob hierauf Peters Nichte, die Witwe des Herzogs von Kurland, Anna Iwanowna (1730-40) auf den Thron und versuchte hierbei, die kaiserliche Allmacht zu beschränken. Der Versuch scheiterte an der Opposition der anderen, deutschfreundlichen Partei bei Hofe, und nach dem Sturz und der Verbannung der Russen kam es zur Bildung des Kabinetts, in dem Annas Günstling, Biron (von Bühren), Graf Ostermann und Generalfeldmarschall Münnich die Hauptrolle spielten. Anna ernannte (auf Ostermanns Rat?) ihren zweijährigen Großneffen als Iwan IV. (1740-41) zu ihrem Nachfolger; doch schon 1741 trat Peters jüngste Tochter, Elisabeth, auf und bestieg nach einer Palastrevolution den Thron (1741-62). Graf Ostermann wurde von ihr der Intrigen gegen ihr Thronfolgerecht beschuldigt, zum Tode durch das Rad verurteilt, auf dem Blutgerüst zur Verbannung nach Sibirien begnadigt, wo er 1747 in Berjosoff starb. Er stand im Ruf, ein kluger Staatsmann und geschickter Diplomat zu sein.

zitiert nach der Ausgabe des R. Piper & Co. Verlags, München, 1977

Gruppe aus Wjasniki

Geschickte Diplomaten brauchen wir heute zwischen unseren Ländern mehr denn je, Menschen, die verhindern wollen, daß die deutsch-russischen Beziehungen unter die Räder kommen oder unzerkaut im Rachen jenes Krokodils aus der gleichnamigen Erzählung – schon wieder – von Fjodor Dostojewskij landen, wie derzeit auf der Bühne des Theaters Jena zu sehen: https://is.gd/oQdLfJ

 

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Durchaus bisweilen kontroverse Reaktionen auf die wutmaßlich humorvolle Seite des Blogs machen immer wieder klar, wie ernst man in der Hitze Witze nehmen kann. Da tut es gut, ein wenig abzukühlen und sich selber auf den Zahn zu fühlen, denn es ist, folgt man Fjodor Dostojewskij, „ein schlimmes Vorzeichen, wenn man aufhört, Ironie, Allegorie und Scherze zu verstehen“. Versuchen wir es deshalb heute mit Liza Kos, einer „deutsch-russischen Komikerin, die in verschiedene Rollen schlüpft“, mit einer „Frau, die nicht immer weiß, wer sie ist“, aber mit ihrem Programm zwischen Öcher Platt und slawischem Slang, vorgetragen gern auch auf Kiezdeutsch, ihren Beitrag zur „Intrigation“ leistet und dabei selbst einen Heidenspaß hat. Wer also schon immer einmal wissen wollte, was Russinnen an deutschen Männern zum Lachen finden, und warum die Begegnung mit deutschen Frauen für Russen einen Kulturschock auslösen kann, klicke hier: http://is.gd/jAtHNQ

Liza Kos

Liza Kos

Die Autorin, über die man unter http://www.lizakos.de mehr erfährt, als einem lieb sein kann, versteht sich übrigens auch auf das nachdenkliche Metier – ohne den Wettlauf um die rascheste Pointe, nachzulesen unter https://kosliza.wordpress.com. Nichts für ungut also und frei nach Karl Valentin: „Sie wissen ja: Sie sind auf den Blog nicht angewiesen, sondern der Blog auf Sie. Merken´s Ihnen des!“ Das zumindest meint kein Miesepeter.

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In dem Kurzroman „Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner“ von Fjodor Dostojewskij findet sich der Satz: „Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel, sondern wir schaffen sie selbst: Sie liegt in unseren Herzen eingeschlossen.“ Solch eine gute Zeit, geschaffen von der Partnerschaft, bewahren die folgenden Zeilen, die den Aufenthalt von drei jungen Frauen schildern, die ihre Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde machen, und im vergangenen Herbst am Austausch mit der Universität Wladimir teilnahmen.

Unsere Reise begann am 11. September 2015 am Flughafen in München. Für zwei von uns war es besonders aufregend, da sie noch nie zuvor geflogen sind. Nach einem zweieinhalbstündigen Flug kamen wir dann aber doch problemlos und sicher in Moskau an. Dort wurden wir schon herzlich von einem unserer Austauschstudenten erwartet. Mit dem Auto ging es dann nach Wladimir. Zwar sind es von Moskau nach Wladimir nur ca. 200 km, doch wir standen oft im Stau und kamen erst gegen halb eins nachts bei unseren Familien an. Dort haben wir erst einmal gegessen und sind daraufhin natürlich alle erschöpft ins Bett gefallen.

Demetrius-Kathedrale in Wladimir

Demetrius-Kathedrale in Wladimir

Da wir am Freitag ankamen und am nächsten Tag natürlich noch keinen Unterricht hatten, verbrachten wir unser Wochenende damit, die Stadt zu erkunden. Wir waren alle überwältigt von der alten, atemberaubenden Innenstadt, mit den einzigartigen Bauwerken wie die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, die Demetrius-Kathedrale und selbstverständlich das Goldene Tor.

Unter der Woche hatten wir natürlich Unterricht, aber nur zwei Doppelstunden täglich. Der Unterricht war sehr interessant und hilfreich, unsere Lehrerin äußerst herzlich und zuvorkommend. Wir beschäftigten uns viel mit Grammatik und erfuhren auch sehr viel von der Geschichte Wladimirs.

International education concept

Nachmittags ging es dann meistens schnell nach Hause zum Mittagessen und daraufhin in Museen oder auf Ausflüge. Wir besichtigten das Historische Museum und vieles mehr, waren bei einem klassischen Konzert und gingen ins Kino. Natürlich testeten wir das Nachtleben in Wladimir, tanzten ausgelassen in einer Disco und sangen uns in einem Karaokeklub die Seele aus dem Leib.

Museum für Holzarchitekur in Susdal

Museum für Holzarchitektur in Susdal

Ein Höhepunkt auf unserer Reise war die Besichtigung der Orte Bogoljubowo und Susdal. Vor allem Susdal hat es uns angetan. Keine Fabriken, keine Hochhäuser, nur viele ältere Gebäude, Kirchen, Museen und natürlich der Kreml. Das Holzmuseum in Susdal gewährte uns einen Einblick in das Leben der russischen Bürger vor Jahrhunderten. Erklärt wurde uns alles von unseren Austauschstudenten, wofür wir sehr dankbar waren.

Was wir uns auf keinen Fall entgehen lassen konnte, war ein Ausflug nach Moskau. Wann sonst hat man die Chance, die atemberaubende Hauptstadt zu besuchen! Früh am Morgen machten wir uns mit dem Zug auf den Weg nach Moskau. Dort angekommen, fallen einem die riesigen Gebäude auf. Wir waren viel zu Fuß unterwegs, um so viel wie möglich von der Stadt mitzubekommen. Selbstverständlich waren wir am Roten Platz. Noch nie sahen wir so viele schöne Gebäude, Kirchen, Kathedralen usw. auf einmal. Wir besuchten noch einige andere bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten in Moskau und kamen erst spät abends erschöpft wieder zu unsren Gastfamilien zurück.

Der Rote Platz in Moskau

Der Rote Platz in Moskau

Letztendlich war diese Reise für uns alle eine sehr kostbare Erfahrung, die wir unter keinen Umständen missen wollen. Noch nie wurden wir in einem fremden Land so herzlich aufgenommen wie dort. Alle waren wirklich sehr zuvorkommend und hilfsbereit. Zurück nach Deutschland flogen wir also mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Kristina Goza

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Sitzt man Ingeborg Lötterle gegenüber, bekommt man eine Ahnung von dem, was Fjodor Dostojewskij in seinen „Brüdern Karamasow“ so sagt: „Sehnsüchtig schaut der, der ich bin, auf den, der ich sein könnte.“ Die Allgemeinärztin, an die sich noch heute alte Patienten um Rat wenden, hat es, das spürt man, ihr ganzes Leben lang nie bei der bloßen Sehnsucht bewenden lassen. Sie ist ein Mensch der Tat, der guten Tat, und hat vielleicht ihr eigenes Ideal noch nicht erreicht, ist aber sicher dem ganz nahe, was sie ihren Gaben nach sein könnte.

Ingeborg Lötterle

Ingeborg Lötterle

Derlei kommt nie von ungefähr. Dazu braucht es ein Elternhaus, das die Richtung vorgibt, wie in folgender Szene zu erleben, die sich in München abspielte, wo Ingeborg Lötterle 1921 geboren wurde. Es war kurz nach der Machtübernahme, als sie in der Stadt zusammen mit der Mutter zufällig dem Führer begegnete. Die Reaktion der Mutter: „Mein Gott, hätte ich jetzt einen Schießprügel dabei gehabt, dann hätte ich den Kerl prima erschießen können! Du hättest zwar keine Mutter mehr gehabt, denn mich hätten sie auch umgebracht, aber ich glaube, ich hätte dem deutschen Volk einen großen Gefallen getan.“ Ja, hätte sie nur gekonnt! Aber es kam anders. Die Familie zog nach Düsseldorf, wo die Schülerin hart mit dem faschistischen Grauen des Alltags konfrontiert wird, als bei einem Wettkampf aus dem Stadionlautsprecher erfahren muß:  „Sie hat sich hartnäckig geweigert, dem Bund Deutscher Mädchen beizutreten und ist deshalb aus dem Düsseldorfer Schlittschuhklub auszuschließen.“ Dies hätte fast auch noch den Schulverweis nach sich gezogen, doch dem kam der Umzug nach Berlin zuvor, wo die Familie den „grauenhaften Tumult“ nach der Reichskristallnacht erlebte. Von nun an war der Krieg ständiger Begleiter. Im September 1940 immatrikulierte sich Ingeborg Lötterle an der Charité, setzte dann aber wegen der dauernden Bombenangriffe ihr Medizinstudium 1941/42 in Tübingen fort, wo ihr aber der Ton zu ruppig war, weshalb sie wieder nach Berlin zurückkehrte, dann die Famulatur in Wien antrat, während inzwischen ihr Freund an der Ostfront gefallen war. Da unterdessen auch die Charité ausgebombt war, promovierte die Medizinerin in Buch bei Berlin und flüchtete unmittelbar danach, am 13. Februar 1945, aus der Hauptstadt. In ihren „Lebenserinnerungen“ schreibt sie dazu: „Der Zug setzte sich langsam in Bewegung, und wir klammerten uns an den Türen fest und kamen mit.“ Beinahe wäre der Transport auch noch ins Inferno von Dresden geraten, beinahe wäre der schwerkranke Vater, der sich nicht freiwillig zum Volkssturm gemeldet hatte, auf dem Bahnhof in Prag in die Hände von SS-Leuten gefallen, beinahe. Aber sie bleiben zusammen – und am Leben. Im November 1945 die Hochzeit mit einem Siemens-Mitarbeiter, eine Station in Frankfurt und dann 1951 Ankunft in Erlangen, Geburt der beiden Kinder und am 1. Apri 1954 der Eröffnung der eigenen Praxis. Gäbe es nicht die ärztliche Schweigepflicht, könnte Ingeborg Lötterle dazu Anekdoten liefern, mit denen sich das ganze Stadtarchiv füllen ließe.

Lieber spricht sie davon, daß sie gern einmal morgens um 7.00 Uhr per E-Mail dem Oberbürgermeister, Florian Janik, in Sachen Seniorenbeirat eine Nachricht schickt und sich darüber freut, prompt eine Antwort zu erhalten. Oder sie berichtet von den Aktionen des Deutschen Akademikerinnenbundes, dem sie seit 1956 angehört, über viele Jahre in leitender Funktion. Aber dann kommt doch zur Sprache, was Grund des Besuchs war, ihr tatkräftiges Engagement für ein Krankenhaus im Westen der Ukraine, geschildert in ihren eigenen Worten:

Ingeborg Lötterle in ihrem ukrainischen Krankenhaus

Ingeborg Lötterle in ihrem ukrainischen Krankenhaus

1990 gründete ich auf Veranlassung von Bernhard Plettner, dem ehemaligen Siemens-Vorstandsvorsitzenden, die Hilfsgemeinschaft für das Stadtkrankenhaus Nowowolynsk. Die Schwiegermutter des Chefarztes lebte im Wohnstift Rathsberg, wo sie einmal im Jahr von der Familie aus der Ukraine Besuch erhielt. Die Freundschaft zwischen dem Ukrainer und Bernhard Plettner, der mich immer zu seinen Gesprächsrunden einlud, brachte uns zusammen, und so hörte ich von dem ukrainischen Kollegen, die Zustände seien so desolat, daß er oft nicht einmal einen Blinddarm operieren könne, weil kein Nahtmaterial vorhanden. Darauf meinte Dr. Plettner: „Ingeborg, das ist eine Aufgabe für Sie! Schauen Sie, wie Sie das organisieren!“ Ich nahm an. Der erste Schritt bestand für mich darin, sieben Gleichgesinnte zu finden und einen eingetragenen Verein zu gründen. Damit konnte ich meine Arbeit beginnen und durfte erstens die Lkws zur Ausfuhr in die Ukraine am Zollamt verplomben und zweitens für Geld- und Sachspenden offizielle Spendenquittungen ausstellen. Dann ging es ans Betteln bei Kollegen, Krankenhäusern und Firmen. Freunde stellten einen Siebeneinhalbtonner zur Verfügung, ein Kollege erklärte sich bereit, sich ans Steuer zu setzen, und bald schon war die Ladefläche voll mit Verbrauchsmaterial und einem von UB Med gestifteten neuen Ultraschallgerät sowie einem gebrauchten Röntgenapparat. Begleitet wurde der Transport vom Maler, Herbert Martius, der in der Kriegsgefangenschaft Russisch gelernt hatte. Er erzählte uns nach seiner Rückkehr sehr bedrückende Erlebnisse von dort, und da entschloß ich mich, den zweiten Transport selbst zu begleiten. Das Bild, das sich mir dort bot, war katastrophal: keine Matratzen, nur zusammengedrückte Decken, kein Naht- und Verbandsmaterial, veraltete und nicht mehr funktionsfähige Instrumente, keine Desinfektionsmittel, kein Insulin und kaum etwas von den notwendigen Medikamenten. Nun wußte ich Bescheid und ging nach meiner Rückkehr gezielt ans Organisieren. Schließlich konnte ich in etwa zehn Jahren 22 Siebeneinhalbtonner auf den Weg bringen, darunter ein Transport mit Babynahrung von Hipp (der alte Hipp war ein Spielkamerad von mir, und da konnte er nicht nein sagen!) oder 500 Matratzen.

Ingeborg Lötterle bei der Überreichung der Urkunde der Ehrenbürgerwürde

Ingeborg Lötterle bei der Überreichung der Urkunde der Ehrenbürgerwürde

Drei Jahre nach ihren ersten Transporten wurde Ingeborg Lötterle, die später noch einmal in die Ukraine reiste, vom eigens angereisten Bürgermeister der Stadt Nowowolynsk mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet. Ab etwa 2003 wurde es allmählich besser im Krankenhaus, man konnte selber einkaufen, aus Erlangen kamen nur noch Geldspenden. Der Verein hat sich mittlerweile aufgelöst, aber es kommen noch immer Anrufe und Dankbrief von ihren ukrainischen Freunden. Und in der jüdischen Gemeinde zu Erlangen umarmte man die Philantropin, als sie von der Babynahrung aus dem Hause Hipp erzählte, die war nämlich teilweise nach Winniza gegangen, woher viele der Übersiedler stammen.

Beladung eines Transport für Nowowolynsk

Beladung eines Transport für Nowowolynsk

In der Zeit, als Ingeborg Lötterle ihre Aktion ins Werk setzte, lief ja auch die „Hilfe für Wladimir“ auf Hochtouren. Immer wieder kam deshalb die Ärztin ins Rathaus, um Erfahrungen auszutauschen, Erkundigungen einzuholen. Aber man half sich auch gegenseitig mit Hinweisen darauf, wer wem helfen könnte. Nie im Geist der Rivalität, immer mit der Absicht, die gute Sache des andern zur eigenen zu machen. Es gab sogar Fälle, wo die eine oder andere Charge, das eine oder andere Gerät statt nach Wladimir nach Nowowolynsk oder umgekehrt ging, weil hier oder dort eben gerade dringender notwendig. Doch damit nicht genug: Im Hause Lötterle ging auch der Wladimirer Germanist Genrich Oserow ein und aus, nachdem man ihm im Waldkrankenhaus das Leben gerettet hatte, eine Ärztin aus Petersburg fand hier die Unterstützung, um in Deutschland eine Karriere zu beginnen, nach der Grenzöffnung fanden Akademikerinnen aus Jena hierher den Weg, und auch die englische Partnerstadt, Stoke-on-Trent, hat hier ebenso wie die Franconian Society noch immer eine Außenstelle.

Entgegennahme der Hilfsgüter in Nowowolynsk

Entgegennahme der Hilfsgüter in Nowowolynsk

Menschen in Not zu helfen, ist das Lebensmotto für die Ärztin, Mitglied in der Schweizer Hegg-Hoffet-Stiftung für Flüchtlinge, und Mutter von Patenkindern in Indien. Mit großer Sorge blickt sie auf die sogenannte Pegida. Ausgerechnet in Dresden, das sie im Feuersturm erinnert, selbst damals ein Flüchtling! Und dann das unsägliche Elend in der Ukraine… Im Westen zwar, das weiß sie, drohe niemandem Gefahr. Aber wie soll das trösten angesichts der entfesselten Barbarei im Osten, wo die Separatisten angekündigt haben, bei ihrem Angriff an allen Fronten nunmehr keine Gefangenen mehr machen zu wollen? „Die sprachen doch alle Russisch“, erinnert sie sich, „auch im Westen. Woher nur diese Feindschaft?“

Die Frage wird man nur im Kreml beantworten können, der nicht einschreitet, wenn im Namen Rußlands ein neoimperialistischer Krieg geführt wird. Selbst wenn Moskau, wie noch immer behauptet, keine eigenen, regulären Truppen einsetzen sollte, die Verantwortung bleibt dort. Und nach dem gestrigen Blutbad in Mariupol wird es noch einsamer um Rußland, dem, wenn es so weitergeht wirklich bald nur noch  so honorige Staaten wie Nikaragua, Iran, Nordkorea, Simbabwe oder die Genossin aus kommunistischer Anhänglichkeit, Kuba, als Freunde und Verbündete außerhalb der unmittelbaren Einflußsphäre bleiben. Die europäische Friedensordnung außer Rand und Band, das olympische Kalkül „heute Sotschi – und morgen die Welt“, das in deutschen Ohren ohnehin wie der Tinnitus einer dunklen Vergangenheit klingt, verliert da seinen sicher friedlich gemeinten Impetus endgültig. Und das Angebot von Angela Merkel zu einer Kooperation zwischen der EU und der Eurasischen Wirtschaftsunion? Die Antwort heißt Mariupol, von wo aus für Neurußland der Landkorridor durch die Ukraine bis zur Krim entstehen soll. Mit nackter Gewalt. So war und ist das eben mit Appeasement gegenüber Aggressoren.

Ich bin Mariupol

Ich bin Mariupol

Immer wieder springt Ingeborg Lötterle während des Gesprächs auf, weil ihr ein Gedanke kommt. Überhaupt lebt sie auf einem riesigen Archipel der Ideen und schart noch immer Menschen um sich, die ihr helfen, von Eiland zu Eiland Brücken zu bauen, Fähren in Fahrt zu bringen. Wie gerne würde sie jetzt helfen, die Wunden in ihrer Ukraine zu heilen und die einstigen Brüdervölker wieder zu versöhnen. Aber das wird Generationen dauern nach dem Blutvergießen, wenn man das Gedicht von Anastasia Dmitruk liest und hört: http://is.gd/2bPgCh (auf Russisch, aber so eindrucksvoll, daß man die Dramatik auch ohne die Sprache versteht!)

Anastasia Dmitruk

Anastasia Dmitruk

Wir sind erwachsen und mutig geworden
im Fadenkreuz von Scharfschützen.
Euch schickt man stets neue Befehle,
und bei uns flammen Aufstände auf.
Ihr habt einen Zaren, wir haben Demokratie.
Wir werden niemals Brüder sein.

Ikone gegen Gewalt auf dem Majdan

Ikone gegen Gewalt auf dem Majdan

Und in Wladimir sieht Roman Jewstifejew die Lage nur noch sarkastisch, wenn er in seinem Blog schreibt:

Auch wenn wir derzeit nicht viel zu lachen haben, meine ich doch, man könnte aus den Hypothekenzahlern eine große Armee zusammenstellen. Eine mächtige, hochmotivierte. Dem einen würde man die Ratenzahlung stunden, einem anderen aussetzen, und wer sich als Held bewährt, kann den Vertrag ganz auflösen und die Wohnung seiner Familie überlassen (postum). Bisher gibt es offenbar genug Hypothekenkrieger, aber man könnte ja später eine Mobilmachung im ganzen Land ausrufen. Ich bin sicher, viele würden sich freiwillig melden. Wie auch nicht! Ja, die Familie kann ihren Ernährer verlieren, aber dafür bekommt sie die Wohnung. Kein schlechter Tauschhandel in Zeiten der Krise. Und den überzeugt zivilen Hypothekenzahlern, denen, die auf keinen Fall Krieg führen wollen, denen hilft die Armee auch aus dem Schlamassel. Allmonatlich nämlich pumpt man soviel Geld in das Bankensystem, daß es für drei Kriege ausreichen würde. Damit sind wir alle Sponsoren des Gemetzels.

Die Opfer des Gemetzels von Mariupol haben übrigens Namen, auch wenn einige noch nicht identifiziert sind. Es sind Namen, die nun 29 Toten gehören, Namen wie Dmitro Mikolajtschuk, geb. 1993; Lilia Nimenko, geb. 1953; Jurij Jefimow, geb. 1950; Lina Tschumak, geb. 1989… Die ganze Liste der Opfer des Beschusses seitens der heldentätigen Separatisten ist hier einzusehen: http://is.gd/AI2qEt

P.S.: Rußland hat von seinem Vetorecht im Sicherheitsrat der UNO Gebrauch gemacht und damit die Resolution scheitern lassen, wonach die „prorussischen ukrainischen Aufständischen“ für den Beschuß von Mariupol verurteilt werden sollten. Was sonst! „Zeig mir deine Freunde, und ich sag dir, wer du bist“, hätte Johann Wolfgang Goethe dazu gesagt.

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Wenn man hierzulande über die gegenseitigen Sanktionen spricht, unter denen vor allem der russische Mittelstand zunehmend zu leiden hat, hört man immer selbstkritisch, die EU habe die Osterweiterung besonders im Fall der Ukraine nicht richtig mit Moskau kommuniziert, die Folgen nicht einzuschätzen verstanden, Rußlands Belange nicht bedacht. Und dann die Nato: Deren Vorrücken an die Grenzen der Russischen Föderation müsse der Kreml ja als Bedrohung empfinden, zumal angeblich versprochen wurde – Michail Gorbatschow hat Anfang Oktober diesen Mythos freilich entzaubert -, nach der Wiedervereinigung Deutschlands das Verteidigungsbündnis nicht um die mittel- und osteuropäischen Staaten zu erweitern. Aber wie sehen oder sahen das die Russen selbst? 2008 fragte ein staatliches Meinungsforschungsinstitut die Russen, was die Existenz des eigenen Staates bedrohe. Den damals wie heute in weiter Ferne liegenden Nato-Beitritt von Ukraine und Georgien, sahen dabei ganze drei Prozent der Bevölkerung als Gefahr. Der Westen insgesamt wurde freilich von elf Prozent der Befragten als feindlich betrachtet. Und das obwohl es seit 1991 eine Zusammenarbeit zwischen Nato und Rußland in Fragen der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik gibt, eine Kooperation, die über verschiedene Stationen und die Einrichtung eine Informationsbüros der Nato in Moskau sowie einer Ständigen Vertretung Rußlands im Nato-Hauptsitz in Brüssel bis hin zur Schaffung des Nato-Rußland-Rates. Rußland hat da zwar kein Vetorecht, die Entscheidungen werden aber nach dem Konsensprinzip getroffen. Der Georgienkonflikt beendete diese Zusammenarbeit im August 2008, doch schon im März 2009 drückte Barack Obama die Reset-Taste – bis, ja bis zur Annexion der Krim und der darauf folgenden militärischen und wirtschaftlichen Destabilisierung der Ukraine.

Doch zurück zur Umfrage: Nur 17% meinten 2008, ein Krieg mit dem Westen drohe ihrem Land; im August diesen Jahres fürchteten gar nur 13% eine militärische Auseinandersetzung mit der Nato. Doch dank dem Trommelfeuer der antiwestlichen Propaganda nimmt das Feindbild erschreckende Ausmaße an: Bis Januar 2014 glaubte etwa die Hälfte der Bevölkerung, die Beziehungen zu den USA seien gutnachbarschaftlich bis hin zu freundschaftlich, ungeachtet der Nato-Osterweiterung. Heute ist dieser Anteil auf zwei Prozent gesunken, ein Wert, den auch die EU und Deutschland nicht übertreffen. Wie auch nicht, wenn der Präsident selbst sagt, der Westen habe nur auf eine Gelegenheit gewartet – die Ukraine kam ihm da gerade recht -, um Rußland zu demütigen, nicht hochkommen zu lassen. Fast 80% der Russen zeigen sich nun ebenfalls davon überzeugt und nehmen – noch – lieber wirtschaftliche Einbußen hin als eine Dominanz des Westens.

Wolf Peter Schnetz und Nikolaj Gorochow 2008 beim 25jährigen Partnerschaftsjubiläum in Erlangen

Wolf Peter Schnetz und Nikolaj Gorochow 2008 beim 25jährigen Partnerschaftsjubiläum in Erlangen

Diese Botschaft vom bedrohlichen Westen wird in allen staatlich kontrollierten Medien verbreitet, auch in Wladimir – und dort besonders vom Schauspieler Nikolaj Gorochow, dereinst ein Vorkämpfer der Partnerschaft mit Erlangen, in seiner Rolle als „Vertrauensperson“ des Präsidenten, dessen Weisheit und Weitsicht er zu rühmen nicht müde wird. Exempli gratia: „Die Masken des Westens sind gefallen, er hat sich als das gezeigt, was er ist, er verbirgt sein Wesen nicht länger…“ Nur ein Dummkopf oder Schuft könne nicht sehen, was geschehe. Die wichtigste Aussage von Wladimir Putin bei seiner Rede zur Lage der Nation aber: „Die Krim gehört uns, und das wird für immer so bleiben!“ Historisch, so Nikolaj Gorochow, sei das völlig richtig, ganz zu schweigen von dem vielen russischen Blut, das man dort vergossen habe. Und dann die Breitseite gegen die „liberalen Tendenzen“, die er bereits vor einem Jahr gegenüber dem Präsidenten als schädlich gebrandmarkt habe. Es müsse Schluß damit sein, daß das liberale Europa Rußland seinen Geschmack aufnötige. Wozu all das „kulturelle Know-how“ des Westens? Und überhaupt: „Die Annahme, der Mensch solle alles sehen und dann selbst wählen, ist falsch! Wir leben in einer Zeit, wo wir besonders der jungen Generation sagen müssen, was Sache ist!“ Wenn das noch nicht überall geschehe, tragen die Schuld daran jene Beamte, die zwar von Patriotismus sprechen, dann aber doch Projekte fördern, die wieder nur den westlichen Ungeist aus der Flasche lassen. Das habe nun endlich auch der Präsident verstanden und wolle dem Einhalt gebieten. Bliebe nur noch die Schule, die der Schauspieler ebenso vom „Diktat des Westens“ befreit wissen will. Die Infiltration des Westens mache eben vor nichts halt… Dumm nur, daß ausgerechnet der zuständige Minister die Lektüre von „Schuld und Sühne“ sowie „Anna Karenina“ und anderer Klassik-Schwarten aus dem Lehrprogramm nehmen will, weil sie zu langweilig seien.

Wie weit liegt da zurück, was Fjodor Dostojewskij, den man gewiß nicht dem Verdacht aussetzen kann, er habe gegenüber dem Westen gebuckelt, in seiner Puschkin-Rede 1880 sagte: „Denn was ist die Kraft des russischen Volksgeistes in seinen letzten Zielen anderes, als das Streben nach Allweltlichkeit und Allmenschlichkeit? (…) Ja, die Bestimmung des russischen Menschen ist zweifellos alleuropäisch und allweltlich. (…) Dem echten Russen ist Europa und das Los des großen arischen Stammes ebenso teuer wie Rußland selbst, wie das Los seiner heimatlichen Erde, denn unser Los ist die Allweltlichkeit, und zwar keine mit dem Schwerte erkämpfte, sondern eine durch die Kraft der Brüderlichkeit und des Strebens nach einer Vereinigung der Menschen erworbene.“

Wenn es schon ein russischer Sonderweg in der Geschichte sein soll, dann bitte – ganz im Geist von Friedrich Schiller, den der russische Romancier so verehrte – keiner „mit dem Schwerte erkämpfter“ und keiner gegen den Westen, der sich doch nichts mehr wünscht, als ein friedensstarkes und in Freundschaft mit ihm verbundenes Rußland, das die Probleme der Welt zu lösen hilft und sich nicht in die Wagenburg des Patriotismus zurückzieht.

 

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„Wo habe ich das nur gelesen“, dachte Raskolnikow, als er weiterging, „wo habe ich das nur gelesen, wie ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor seiner Hinrichtung sagt oder denkt, wenn er irgendwo auf einem hohen Berg leben müßte, auf einem Felsen und auf so engem Raum, daß er nur mit den Füßen darauf stehen könnte, und ringsum gähnten Abgründe, der Ozean, ewiges Dunkel, ewige Einsamkeit und ewiger Sturm, und er müßte so bleiben, auf einem Raum von einem Klafter, das ganze Leben lang, tausend Jahre, eine Ewigkeit – daß es dann trotzdem besser wäre, so zu leben, als jetzt sterben zu müssen! Nur leben, leben, leben! Wenn man nur leben kann – einzig leben! … Wie wahr das ist! O Gott, wie wahr! Der Mensch ist gemein! … Und gemein ist auch, wer ihn deswegen gemein nennt“, setzte er nach einer Weile hinzu.

Schuld und Sühne

Schuld und Sühne

Selbst will er leben, nur leben, aber die alte Wucherin mußte durch Rodion Raskolnikows Axt sterben. Höherer Erwägungen wegen, weil der Antiheld in Fjodor Dostojewskij Roman „Schuld und Sühne“ die Menschen in solche und andere einteilt und sich und der Welt beweisen will, zu den „Solchen“, zum überlegenen Teil zu gehören, zu dem Teil, dem es zu überleben gegeben ist.

Schuld un Sühne 2Man könnte fast meinen, nach diesem archetypischen Muster sei der Mord an einer neunundneunzigjährigen Frau vonstatten gegangen, verübt von zwei vorbestraften Gewalttätern in dem Dorf Kolp bei Gus-Chrustalnyj. Der eine von beiden wurde unmittelbar nach der Bluttat aus einem Linienbus nach Moskau heraus verhaftet, der andere, eben erst aus dem Gefängnis entlassen, etwas später in einer Absteige in der Kleinstadt Kurlowo, unweit vom Tatort. Mit schweren Kopfverletzungen hatte man das Opfer noch ins Krankenhaus gebracht, doch jede Hilfe kam zu spät. Und das wegen einiger Gemüsekonserven im Wert von 500 Rubel, nach heutigem Kurs gerade einmal zehn Euro; Geld hatten die Totschläger im Haus der alten Frau nämlich nicht gefunden. Wenn es überhaupt noch eine Steigerung des Bösen gibt, dann die: Beide stammen aus dem gleichen Ort wie ihr Opfer, das wohl völlig arglos gewesen sein muß. Vielleicht wird der Mensch ja schon gemein, wenn er das Gemeinsame aufgibt.

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Das Böse unter der Sonne gibt es leider nicht nur bei Agatha Christie, sondern auch in der Partnerstadt. Berichtet werden soll davon heute im Blog freilich in der Hoffnung darauf, das Neue Jahr möge weniger Opfer kosten, – und all die schlimmen Dinge sollen möglichst nur zwischen zwei Buchdeckeln stattfinden.

Agatha Christie: Das Böse unter der Sonne

Agatha Christie: Das Böse unter der Sonne

Von Januar bis November 2013 wurden im Gouvernement Wladimir 117 Morde registriert, immerhin ein leichter Rückgang gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr mit damals 147 Kapitalverbrechen. Hinzu kommen 57 Totschlagsdelikte und 32 Vergewaltigungen. Sechs Mordfälle sind noch ungelöst. Tröstlich die Aufklärungsquote von 98% bei Tötungsdelikten und von 96% bei Notzuchtfällen. Auffällig aber, daß die Zahl gemeldeter pädophiler Übergriffe von 15 im Jahr 2012 auf 50 gestiegen ist. Erklären kann man sich diesen Umstand durch die Verhaftung von Serientätern. Da ist der Fall eines Offiziers, bekannt als Familienmensch und Unternehmer, der jahrelang die ganze Region Wladimir nach Mädchen im Alter von neun bis dreizehn Jahren abgesucht hat, um ihnen Gewalt anzutun. Anhand von Videomaterial, das man bei ihm fand, geht man derzeit von 127 zum Teil weit zurückliegenden Verbrechen dieses einen Täters aus. Die Statistik beschäftigte auch der sogenannte „rechtgläubige Poet“, ein Pseudopriester, der ein Heim einrichtete, in das er drei Mädchen einlud, um sie orthodoxe Sittlichkeit zu lehren – und mutmaßlich von den „Feen und Musen“, wie er sie nannte, seine eher pathologischen denn platonischen Bedürfnisse befriedigen zu lassen.

Mord

Ausgerechnet er, ein weiterer Päderast und eine wegen Gewalt gegen ihr Kind angeklagte Mutter kamen nun kurz vor der Jahreswende aus dem Untersuchungsgefängnis frei und wurden bis zur Verhandlung unter Hausarrest gestellt. Möglich geworden aufgrund der Amnestie Wladimir Putins, die im Westen fast nur im Zusammenhang mit der Freilassung von Michail Chodorkowskij und der beiden Mitglieder von Pussy Riot wahrgenommen wurde. Die aber auch Anlaß bietet, einmal darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn der Präsident von der „Diktatur des Rechts“ spricht, deren Herrschaft er propagiert. Da heißt es aufgepaßt, denn schon Alexis de Tocqueville warnte: „Für jede Dikatur kommt der Moment der höchsten Gefahr, wenn sie versucht, sich zu bessern. Nur die höchste Staatskunst kann den Thron des Königs retten, wenn er sich nach langer Unterdrückung auf den Weg macht, das Los seiner Untertanen zu erleichtern.“

Kindesmißbrauch

Doch bleiben wir beim Kindesmißbrauch. Das „Wehe dem, der ein Kind kränkt!“ aus Fjodor Dostojewskijs Roman „Der Idiot“ wird wohl heute besser verstanden denn je. Die Ermittler zumindest meinen, die gestiegene Zahl von Fällen auch damit erklären zu können, daß die Öffentlichkeit für das Thema besser sensibilisiert sei, bei Übergriffen rascher mit Anzeige reagiere als früher. Und auch die Kinder selbst seien wachsamer geworden. Dennoch gehe man – wohl leider wie überall auf der Welt – von einer hohen Dunkelziffer aus.

Und noch einmal zurück zu den Morden, von denen hier nur einige bizarre Fälle aus der ganzen Region rekapituliert werden sollen: Da ist ein ehemaliger Polizist, der einen Rauschgiftsüchtigen in den Wald lockt, ihn dort an einen Baum fesselt und sich selbst und damit dem Tod überläßt; einer lädt seine Straßenbekanntschaft zu sich ein und wird vom Gast erstochen und darauf zerstückelt und im Keller eines Schuppens nebenan verscharrt; ein Mörderpärchen, Mann und Frau, Mitte 50, sie als Postbotin, verschafft sich Zugang in ein Haus, wo die beiden mit einem Beil eine Rentnerin und deren Tochter erschlagen und 48.000 Rubel, etwa 1.000 Euro Bargeld rauben; oder der 22jährige Timofej K., der nun für neun Jahre ins Gefängnis geht, weil er mitten in Wladimir ohne erkennbaren Grund einen geistig behinderten Mann mit einer brennbaren Flüßigkeit übergoß und ihn dann anzündete und wohl hätte verbrennen lassen, wenn es dem nicht selbst gelungen wäre, sich zu einem Brunnen mit Wasser zu retten. Und schließlich ist da noch jene filmreife Geschichte, von der im Blog bereits berichtet wurde: http://is.gd/yIJb9h. Doch damit genug von diesem blutigen Jahresrückblick.

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