Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Europäischer Freiwilligendienst’


Wladimir wartet gleich mit mehreren Institutionen für ehrenamtliche Helfer auf. In der russischen Partnerstadt haben diese die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum hinweg Auslandserfahrungen zu sammeln und das Leben vor Ort aus nächster Nähe kennenzulernen. Verschiedenste Programme und Stipendien ermöglichen ein Auslandssemester, einen Freiwilligendienst oder auch ein Praktikum in Wladimir. Hier sprechen wir exklusiv für den Blog mit denjenigen, die diese Möglichkeiten aktuell nutzen:

Momentan engagieren sich drei deutsche Jugendliche in Wladimir: Lara Heinen aus Lüdenscheid im Erlangen-Haus, Mathilda Wenzel aus Saalfeld im Euroklub und an einer örtlichen Gesamtschule sowie Frederick Marthol aus Erlangen am Fremdspracheninstitut der Universität und ebenfalls im Euroklub.

Frederick Marthol, Mathilda Wenzel und Lara Heinen

Alle drei haben im letzten Jahr die Schule abgeschlossen und sich danach für einen Aufenthalt in Wladimir entschieden. Im folgenden Gespräch ziehen die drei 18 Jahre alten Gäste ein erstes Resümee aus mehreren Monaten Freiwilligenarbeit:

Redaktion: Warum genau habt Ihr Euch für die Stelle in Wladimir beworben?

  • Lara: „Meine Mutter kommt aus diesem Land, ich kann daher auch fließend Russisch sprechen und war öfters mit der Familie zu Besuch bei Verwandten. Ich habe mich übrigens nicht für Wladimir, sondern die Russische Föderation insgesamt beworben. Nachdem ich also eine Zusage von meiner Trägerorganisation „weit erhalten hatte, standen drei russische Städte zur näheren Auswahl. Ich persönlich hätte es ganz cool gefunden, nach Ufa zu fahren, da diese Stadt um einiges größer als Wladimir ist und insgesamt mehr zu bieten hat. Ich bin aber dennoch sehr glücklich mit meinem Standort hier, da ich auf keinen Fall nach Sergijew-Possad wollte.“
  • Frederick: „Die Erlanger Partnerstädte haben mich schon immer interessiert, und daher wollte ich auf jeden Fall in eine. Nachdem sich die Kommunikation mit den anderen Städten aber als sehr zäh herausgestellt hatte, wurde es dann Wladimir. Ich war aber 2015 schon einmal hier und kannte deswegen grob, was mich erwartet. Der Vorvorgänger meiner Stelle hat mir von der Arbeit ausführlich berichtet, und es klang eigentlich ganz interessant. Außerdem ist es hier einmal etwas komplett anderes, als das, was ich sonst so gewohnt bin. Und das „Erasmus-Plus-Programm“ bietet eine interessante Chance, auch für einen kürzeren Zeitraum, also nicht gleich ein ganzes Jahr, Freiwilligenarbeit im Ausland zu leisten.“
  • Mathilda: „Ich habe mich über die Eurowerkstatt Jena auf mehrere Städte in Europa beworben. Bei einem Seminar des „European Volunteer Service“ habe ich dann von der Möglichkeit gehört, in der Jenaer Partnerstadt Wladimir einen Freiwilligendienst zu machen, woraufhin ich mich hier beworben habe. Ich hatte zwar auch noch eine Zusage für eine französische Kleinstadt erhalten, entschied mich aber letztendlich für Wladimir entschieden, weil mich das einfach mehr interessierte.“

Redaktion: Wie sieht Euer Alltag konkret aus?

  • Mathilda: „Mein Tag beginnt am Morgen mit dem Russischunterricht in der Universität, das dauert meistens vier Stunden. Danach fahre ich mit dem Bus zum Euroklub wo ich meine Deutschunterrichtsstunden oder verschiedene Präsentationen vorbereite. Auch Veranstaltungen für die Gesamtschule oder natürlich auch für den Euroklub plane ich von dort aus. Am Abend fahre ich zurück ins Studentenwohnheim, wo ich manchmal noch den Russischunterricht nachbereite.“
  • Lara: „Der Tag beginnt für mich meist mit Sport im Fitness-Center. Ich muss nämlich erst mittags im Erlangen-Haus erscheinen, da der Deutschunterricht da am frühen Nachmittag beginnt. Dort starten wir dann mir einem kurzen Briefing, bei dem wir die anstehenden Unterrichtsstunden zeitlich ein- und auf unser Team aufteilen. Anschließend assistiere ich beim Unterricht oder realisiere eigene Projekte wie z.B. einen Filmabend oder auch das Plätzchenbacken vor Weihnachten. Hin und wieder gebe ich auch Einzelunterrichtsstunden. Nach dem Feierabend um 21.00 Uhr fahre ich entweder heim oder gehe noch kurz einkaufen.“
  • Frederick: „Nach dem Frühstück gehe ich zur Universität, wo ich entweder zuerst meine eigene Russischunterrichtsstunde habe oder eine Themenpräsentation/Konversationsstunde in der deutschen Sprache anbiete. Nach diesen beiden Terminen spreche ich mich meistens noch mit Oxana, einer Dozentin an der Uni, ab, welche Veranstaltungen in den nächsten Tagen anstehen und wie diese ablaufen sollen. Danach fahre ich auch öfters in das Büro des Euroklub, wo häufig noch weitere Arbeiten auf mich warten.“

Redaktion: Und womit verbringt Ihr Eure Freizeit hier in Wladimir?

  • Mathilda: „Ich treffe mich häufig mit Freunden aus dem Wohnheim auf einen Tee, oder wir unternehmen etwas wie zum Beispiel Eislaufen, einen Museumsbesuch oder ähnliches. Ich war auch schon mehrmals in Moskau, Nischnij Nowgorod und einmal in Samara.“
  • Lara: „Wie schon gesagt, ist mir Sport sehr wichtig. Im Fitness-Center habe ich auch Freunde gefunden, mit denen ich inzwischen vieles unternehme. Wir gehen zum Beispiel öfters ins Kino. Ich fahre auch gerne in andere Städte.“
  • Frederick: „Ich schließe mich den beiden an. Andere Städte anschauen, finde ich klasse, am Wochenende war ich zum Beispiel mit einem befreundeten Studenten in Sankt Petersburg! Nach der Arbeit gehe ich meist noch laufen. Außerdem fahre ich auch ich hin und wieder am Abend in die Stadt auf ein oder zwei Bier.“

Redaktion: Worauf hattet Ihr nach Eurer Ankunft zu verzichten?

  • *Alle Drei*: „Trinkbares Wasser aus der Leitung!“
  • Mathilda: „Das Leben im Wohnheim ist manchmal gewöhnungsbedürftig, besonders die Hygienestandards, aber das liegt vielleicht auch an Studentenwohnheimen generell. Anfangs fand ich auch das Einkaufen schwierig, weil ich die Produktbeschreibungen nicht lesen konnte.“
  • Lara (lacht): „Klopapier darf hier nicht im WC heruntergespült werden, sondern es gehört in den Mülleimer!“
  • Frederick: „Die Registrierungen vor Ort nerven mich. Das stört bei spontanen Fahrten einfach! Am meisten vermisse ich aber das Fahrrad als Fortbewegungsmittel, wie ich es aus Erlangen gewohnt bin. Diese ewige Busfahrerei hier ist schrecklich und macht mich unflexibel.“
  • Mathilda: „Ach ja, und die Einrichtung meines Internetvertrags per Kabel ließ sich nur sehr schwer bewerkstelligen… Ich rannte von einem Universitätsgebäude ins nächste und wurde immer aufs Neue weitergereicht. Diese Bürokratie erschwert viele Angelegenheiten, die sich eigentlich ganz einfach lösen ließen.“

Redaktion: Was war die unangenehmste Erfahrung während Eures Aufenthaltes?

  • Mathilda: „Ich habe mich einmal in Nischnij Nowgorod verlaufen und konnte noch zu wenig Russisch, um mich mit den Einheimischen zu verständigen. Ich wollte zudem noch dringend zum Bahnhof, denn die Zeit war knapp. Das war schlimm. Ich saß in tausend falschen Bussen, fragte mich ewig durch, und bat schließlich einen Bekannten per Handy, einer anderen Buspassagierin mein Problem auf Russisch zu erläutern. Diese half mir dann zum Glück weiter, und ich habe den Zug letztendlich doch noch erwischt.“
  • Frederick: „Diese eine Erfahrung gibt es bei mir jetzt nicht direkt. Aber generell stört es mich, mit den meisten Menschen hier nicht kommunizieren zu können. Wann immer ich von Passanten angesprochen werde, kann ich ihnen immer nur schulterzuckend mitteilen, sie kaum zu verstehen. Richtig unangenehm wird es jedoch erst dann, wenn anschließend völlig unbeeindruckt weitergeredet wird, ohne ein Ende in Sicht. Bei den Sicherheitsbeamten an öffentlichen Gebäuden ist das häufig so.“

Redaktion: Wladimir oder Melbourne nach dem Abi?

  • Frederick: „Auf jeden Fall Wladimir! Nach Australien komme ich bestimmt im Laufe meines Lebens einmal, bei der Russischen Föderation bin ich mir da nicht so sicher. Das ist jetzt nicht unbedingt das Land, wo ich auch als Tourist hinfahren würde. Und, wie schon gesagt, es ist einfach mal etwas anderes als der ganze Standardkram.“
  • Mathilda: „Wladimir! Ganz einfach: Weil ich über dieses Land viel weniger Wissen hatte, als über Australien. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, hier ehemalige Klassenkameraden zu treffen viel geringer.“ (lacht)
  • Lara: „Erstens habe ich ein paar Ansprüche, und zweitens: Was will ich in Australien? Ein paar Känguruhs streicheln und am Strand rumhängen? Nein – Australien ist mir zu Mainstream! Meine Mutter hat mich ja eigentlich auf die Idee gebracht, nach hierher zu fahren. Diese Idee hat mich dann aber endlich auch überzeugt. So bin ich jetzt das erste Mal alleine im Land und kann auch noch meine Sprachkenntnisse anwenden und erweitern.“

Redaktion: Gibt es eigentlich Probleme bei der täglichen Arbeit?

  • Mathilda: „Am Anfang auf jeden Fall die Sprache. Daraus resultierten dann Probleme beim Verständnis von Zwischenmenschlichem… Auch die ungewohnten Arbeitsweisen waren anfangs sehr schwierig für mich und sind es zum Teil immer noch. An der Uni herrschen beispielweise andere Umgangsformen zwischen den Dozenten und Studenten, als ich das von Deutschland gewohnt bin.“
  • Frederick: „Ja, da hat Mathilda schon recht. Die Arbeit läuft einfach ganz anders. Viel unstrukturierter. Es stört mich auch, meine Aufträge immer nur sehr grob bis gar nicht terminiert zu bekommen. Die Sprachbarriere macht sich gar nicht so sehr bemerkbar, eher sind es kulturelle Differenzen, die dann auch die Arbeit beeinträchtigen.“
  • Lara: „In den ersten Wochen meines Aufenthaltes hatte ich oft das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, beziehungsweise überflüssig zu sein. Mittlerweile ist das aber nicht mehr so. Vielleicht liegt es an dem Umstand, die erste Freiwillige im Erlangen-Haus zu sein.“

Redaktion: Könnt Ihr Euch mit Euren jetzigen Erfahrungen vorstellen, im Rahmen eines Studiums ein Auslandssemester in Wladimir zu machen?

  • Mathilda: „Nicht in Wladimir, aber an einer anderen russischen Hochschule. Die Uni in Wladimir kenne ich ja jetzt schon sehr gut, da will ich dann schon noch eine andere Stadt sehen.“
  • Lara: „Ich weiß es noch nicht, aber generell ablehnen tue ich es auch nicht.“
  • Frederick: „Nein. Wie Mathilda kenne ich die Uni jetzt sehr gut, und wenn ich noch mal längere Zeit ins Ausland gehen sollte, dann auf jeden Fall in ein anderes Land. Aber vielleicht ändere ich meine Meinung ja noch einmal.“

Redaktion: Vielen Dank für eure Unterstützung! (alle lachen)

Frederick Marthol

Weiterführende Informationen zu einem Aufenthalt in Wladimir:

Auslandssemester an der Vladimir State University: www.vlsu.ru und https://is.gd/Jz1nB5

Bewerbung beim Sprachenzentrum des Goethe-Instituts in Wladimir, dem Erlangen-Haus: https://www.kulturweit.de  und http://erlangen.ru

Bewerbung beim Euroklub (+ Partnerorganisation): https://is.gd/w7OaB0 und https://is.gd/UkCmby

Sendeorganisation www.eurowerkstatt-jena.de

Read Full Post »


Seit Anfang Oktober halten sich Anne Neumann und Anna Lippold aus Jena – angeworben und angeleitet von Cornelia Bartlau – im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes in der gemeinsamen Partnerstadt Wladimir auf. Was die beiden auf recht unterhaltsame Weise in ihren Briefen aus der Ferne zu berichten wissen, darf der Blog in der Hoffnung auf mehr nun exklusiv und ohne lange Vorrede veröffentlichen.

Einen wunderschönen Guten Tag! Es meldet sich nun aus aktuellem Anlaß die Reisegruppe Anja (Anne und Anna) aus Wladimir, da wahrscheinlich einige gerne wissen wollen würden, was wir hier so treiben. Prinzipiell leiden wir. Und zwar unter sprachlichen Inkompetenzen. Weiterhin versteckt sich Anne die meiste Zeit hinter einem unsicheren Lächeln und „Ja nje panimaju“, wohingegen Anna immer wieder versucht, standhaft das R zu rollen, und außerdem versucht, verstanden zu werden, was ihr weitaus öfter gelingt als Anne. Diese kleinen Erfolge werden aber des öfteren übersehen.

Anne Neumann und Anna Lippold mit Cornelia Bartlau in Jena

Vor genau einer Woche zogen wir ins Holzhaus der Schwiegereltern unserer Russischlehrerin um. Es befindet sich, wie auch unsere sozialistische Einraumwohnung, am Rande der Stadt. Wir wohnen hier nicht alleine, da es, wie gesagt das Haus der Schwiegereltern ist. Da liegt es nahe, daß diese, zusammen mit zwei Hunden, hier wohnen. Einer der Hunde bellt ein wenig wie bronchitiserkrankt, und der andere muß den lieben langen Tag auf seinem Platz sitzen. Dort sitz er und schaut depressiv die Wand an. Außer jemand betritt das Grundstück. Dann beginnt zuerst bronchiales Bellen auf dem Außengelände, und im Haus erwartet einen hysterisches Gekläffe. Der bronchiale Beller hat sich allerdings mittlerweile an unsere Anwesenheit gewöhnt, und beschwert sich nur selten. Unsere beiden menschlichen Mitbewohner scheinen ein wenig seltsam. Sie reden wenig, und wenn sie reden, dann Russisch. So langsam scheinen sich auch die beiden an unsere ständige Anwesenheit zu gewöhnen. Aber auch hier spielt unsere teilweise sprachliche Inkompetenz mit hinein. Denn, wird auf ein schwerwiegendes Problem gestoßen, welches sich nicht allein mit Mimik, Gestik und hektischem Wedeln von Händen und Füßen lösen läßt, wird unsere Russischlehrerin angerufen, und so haben wir eine telefonische Übersetzungshilfe. Ist nach dem Telefonat alles klar, lächeln beide Parteien des Problemlösungskombinats höchst erleichtert. Wahrscheinlich, weil sich herausstellte, daß das Problem nur so schwerwiegend war, weil niemand etwas verstand.

Heute haben wir dieses verwinkelte Holzhaus mit plastischer Plasteverkleidung ganz für uns allein, denn Tanja und Waljera (unsere „Gastfamilie“) sind heute zu ihrer Datscha gefahren. Wir dagegen haben heute Susdal besucht. Eine äußerst attraktive, kleine, beschauliche, etwas graue, vom Tourismus lebende Stadt. Es war sonnig, etwas kalt, und obwohl alle Englisch sprechen konnten, mußte die ganze Zeit ein einziges Mädchen die langweiligen historischen Fakten übersetzen und uns zu jedem sich dort befindenden Souvenirstand schleppen. Nun sitzen wir in unserer Küche, essen Quarkkuchen mit Hefeteigboden, welcher in der Mikrowelle zum Omelett metamorphiert. Falls einer der hochgeschätzten Leser dieses sonderbaren Reiseberichtes nicht die zwischen den Zeilen versteckte Nachricht findet, hier noch einmal in Reinschrift: Keine Angst, es geht uns gut. Wir haben einen großen Großeinkauf im großen Globus überlebt (dieser hat im übrigen 72! Kassen), gewöhnen uns an die konstant drei Grad Celsius (wahrscheinlich, weil wir uns mental schon darauf vorbereiten, daß dies der kälteste Winter seit 1.000 Jahren wird (Prognose bis jetzt: -50°C)), und auch an die harte Arbeit haben wir uns schon gewöhnt.

Es verbleiben nun mit freundlichstem Gruße und einem Lächeln im Gesicht Anne und Anna ( Reisegruppe ANJA PAKA bis zum nächsten Bericht!

—————————————————————– 

Дорогие друзья!

Eine Woche voller Abenteuer. Und da meinen wir nicht nur die Tücken der russischen Sprache. Aber kommen wir zur Sache. Unser Wandbild mit geographischen Fehlern ist fertig und wird nun korrigiert. Wir haben tatsächlich Bulgarien vergessen, was nicht weiter schlimm ist, denn der ganze Balkan wird nochmals gemalt. Diese Woche ist ein Feiertag. Jedoch wider Erwarten nicht der Tag der Revolution, sondern der Tag der Russischen Einheit. Das bringt uns aber leider nix, denn wir sind Teil einer Delegation. Wir nehmen an einem Festival der Russischen Kulturen teil. Heute war die Eröffnung dessen. Eine russische Tanzgruppe tanzte. Die Geschichte war für uns nicht verständlich, aber es ging wohl um Thema Mann und Frau. Zumindest gehen wir nach dem, was wir gesehen haben, davon aus. Und nun zu ganz besonders russischen Erlebnissen. Für alle unwissenden unter den geschätzten Lesern eine kleine Information. Die Post ist hier staatlich. Will man einen Brief, eine Postkarte oder nur eine Briefmarke kaufen, braucht man Zeit und Geduld. Beides war bei mir (Anne) heute vorhanden auf Grund guter Laune. So stellten wir uns in die Schlange der Wartenden und warteten. Und warteten. Und warteten. Ungefähr 10 Minuten. Dann wand sich die freundliche Frau am Postschalter mir zu und gab mir zu verstehen, sie hätte bald Pause, und die zwei Leute vor mir seien die letzten, die noch etwas von ihr bekommen. Unverzagt kehrten wir also der Post den Rücken und gingen erst einmal auf Arbeit. Heute war nur ein verkürzter Arbeitstag, da morgen ja Feiertag ist. Also um vier wieder zur Post. Wieder warteten wir und warteten wir und warteten wir. Irgendwann riß der Geduldsfaden, und wir beschlossen zu gehen. Ab zur nächsten Post. Auch hier wieder eine Schlange von Rentnern vor mir. Einmal tief Luft geholt, stellten wir uns an. Die Frau am Schalter war freundlich. Bediente beide Rentnerinnen vor mir. Diese hoben ihre Rente ab. Und dann, ich dachte schon, ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels und meine Briefmarken auf meinen Postkarten kleben, da stellte mit Schwung und Elan die Frau von der Post ein Schild auf den Tresen, auf welchem geschrieben stand: „Diese Kasse ist für 15 Minuten nicht besetzt.“ Aha. Meine Postkarten haben jetzt immer noch keine Briefmarken, aber wir geben nicht auf. Morgen werden wir es wieder versuchen!

Aber, aber wir haben noch mehr erlebt. Für alle musikalischen Menschen unter den Lesern folgt eine kleine Geschichte. Sie dürfte aber auch für alle anderen interessant sein. Um eine mechanische Maschine am Laufen zu halten, muß man sie hin und wieder ölen. So auch die Ventile einer Trompete. Da ich mein Ventilöl zu Hause vergaß, begab ich mich heute auf die Suche nach einem Musikladen und, noch schwieriger, auf die Suche nach Ventilöl. Ein Musikladen war schnell gefunden. Auch das Wort für Ventilöl haben wir uns irgendwie zusammenreimen können. Der Verkäufer verstand auch relativ schnell, was wir von ihm wollten, konnte uns aber nicht weiterhelfen. Während wir mit dem Verkäufer gestikulierend sprachen, betrat ein weiterer Kunde den Laden, hörte aufmerksam zu und schaltete sich ins Gespräch ein. Er wiederholte ständig ein Wort, dessen Bedeutung uns aber schleierhaft war. Wir entschieden, das Wort im Wörterbuch nachzuschlagen. Und was stand dort geschrieben? Automaschinenöl. Interessant. Leider habe ich immer noch kein Öl für meine Trompete, aber das Wissen, daß Maschinenöl auch funktioniert. Ich bin sehr erleichtert.

Дoрогие друзья! Damit wir nicht länger gestikulierend und verzweifelt in Postämtern, Musikläden oder auf dem Markt versuchen, krampfhaft russische Vokabeln aneinanderzuhängen, um dann zu hoffen, daß diese auch noch Sinn ergeben, müssen wir uns nun einer Sache widmen, derer wir dachten, uns entledigt zu haben: домашние задания! (Für alle Leser, deren Russisch in einer unbekannten Ecke ihres Kopfes, oder in einer stillgelegten Synapse verschwunden ist: Hausaufgaben.) Auf Grund dessen verabschieden wir uns vorläufig.

Es verbleibt mit freundlichen Grüßen die Reisegruppe Аня 

P.S.: Geschätzte Leser! Wir schicken unsere Nachrichten einsam hinaus in den Äther und wissen nicht, ob sie ihr Ziel überhaupt erreichen. Eine kleine Antwort, ein kleines Lebenszeichen von Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, würden uns schon ausreichen. Nur um zu wissen, daß unsere Nachrichten nicht einsam im Äther verschwinden…

——————————————————————–

Hallo Conny,

wir grüßen Dich herzlichst aus Wladimir, welches momentan beschlossen hat, es ununterbrochen regnen zu lassen. Deine Fragen sollen nicht unbeantwortet bleiben. Wir wohnen jetzt bei Sonjas Schwiegereltern. Als wir nach unserem On-Arrival-Training umgezogen sind, dachten wir, wir bekommen zwei Zimmer, jede eins. Dem ist leider nicht so. Aber wir kommen gut zurecht. Wir haben einen alten Kühlschrank im Zimmer und einen Wasserkocher. Und wir können selbst die Heizung runterdrehen. Ja, auch mit den zwei Hunden geht es ganz gut. Rex, der große der immer draußen ist, hat sich an uns gewöhnt und bellt nicht mehr. Aber Tschjena bellt immer noch, wenn wir ins Haus reinkommen. Mit Tanja und Waljera, Sonjas Schwiegereltern, kommen wir klar. Wir wissen nicht immer genau, was sie von uns halten, und was sie von uns denken. Einen ganz konkreten Wochenplan haben wir nicht. Wir besprechen jede Woche neu, was es für Aufgaben gibt. Aber grob kann man sagen, daß wir immer um eins im Euroklub sein müssen. Dort malen wir seit zwei Wochen die Wand an. Die Fotos laden wir sobald wie möglich hoch, nämlich wenn wir schnelles Internet haben. Lena geht es nicht so gut. Sie war wieder eine Woche im Krankenhaus. Ab Montag ist sie dann im Babyurlaub, und Natascha wird sie vertreten. Ab und an gehen wir in Schulen und sehen uns den Deutschunterricht an. Oder den Englischunterricht. Immer dienstags geben wir Deutschunterricht im Euroklub Wladimir, und mittwochs fahren wir nach Susdal, um dort Deutsch zu unterrichten. Der Deutschunterricht in Susdal ist etwas schwierig, denn es sind keine Jugendlichen, sondern 40- 50jährige Menschen. Samstags haben wir mit Sonja eine Stunde Russischunterricht, was sehr gemütlich ist. Was genau bis Dezember geplant ist, wissen wir nicht. Mitte oder Ende November ist ein Wettbewerb von den Euroklubs. Das Thema ist Belgien. Dort werden wir Schiedsrichter oder so etwas ähnliches sein. Kurz gesagt: Jede Woche hält eine Überraschung für uns bereit. Wir hoffen, Dir geht es gut. Deine Anne und Anna. 

P.S.: Anne hat eine ganz tolle Idee wegen den Reiseberichten, die wir immer per Mail rumschicken.

————————————————————————-

Hochgeschätzte Leserinnen und Leser,

kommen wir nun zur Abteilung „Alltag und Arbeit“. Die wichtigste Information gleich zu Beginn: Wir sind, auch ohne abgeschlossenes Hochschulstudium, plötzlich Lehrerinnen. Und zwar, wen wundert’s, für Deutsch. Jeden Tag besuchen wir den Ort, den wir dachten, hinter uns gelassen zu haben, nämlich die Schule. Dort kontrollieren wir Aufsätze, Schreibübungen, Dialoge und verteilen mit größter Freude an jeden Schüler Fünfen ohne Ende. Da dies jetzt wahrscheinlich fies klingt, kurz zur Erklärung: Das Notensystem ist hier anders herum als in Deutschland, so daß man sagen kann, eine Fünf entspricht in etwa einer Eins. Erschreckend für uns als Muttersprachler ist die teilweise sprachliche Inkompetenz der Deutschlehrer, aber auch deren Sturheit sich von uns etwas anders oder neu erklären zu lassen. Kein Wunder, denn wir sind ja doch im Schnitt 20 Jahre jünger. Wenn wir nicht gerade in einer Schule verweilen, führen uns unsere Wege in den Euroklub. Ein, sagen wir, Jugendzentrum des Jugendamtes. Dort unterrichten wir Deutsch oder malen eine Wand an. Unser Motiv ist eine große Europakarte. Mal sehen, wie am Ende die Umsetzung aussieht. Manchmal fragen wir uns, ob denn dieser Euroklub eigentlich einen tieferen Sinn hat. Denn meist wirkt es so, daß auch unsere Chefin zu viel Zeit für viel zu wenige Aufgaben hat. Aber vielleicht kommt uns das auch nur so vor, da wir ja meist nur die Hälfte von ihrem Russisch verstehen.

Bestimmt fragt sich jeder der geschätzten Leser, ob uns hier schon die Nasen abfrieren, oder ob wir bis zum Kinn im Schnee stecken. Leider müssen wir dieses verneinen. Weder Schnee noch eisige Temperaturen haben sich bis jetzt ernsthaft blicken lassen. So warten wir und harren der Dinge, die da kommen werden. Unsere Abende verbringen wir meist in lockerer und entspannter Atmosphäre in häuslichen Gefilden. Die russische Ausgehkultur der Jugendlichen ist uns noch ein wenig fremd. Einen Abend versuchten wir, gemeinsam mit Jugendlichen auf eine Wellenlänge zu gelangen. Die sprachliche Inkompetenz gegenüber Fremdsprachen von Seiten der russischen Jugendlichen, und unsere doch etwas gemeine Geheimhaltung des Verständnisses der russischen Sprache führte jedoch nicht zum gewollten Ergebnis, so daß wir wohl auf weiteres unsere Abende zu Hause verbringen werden. Nun ergeben wir uns der Tristesse des grauen Regenwetters, werden uns mit russischer Tannenwald-Fichtelnadelaroma-Rülpsbrause hemmungslos die Kante geben.

Deswegen verbleiben mit deutsch-sowjetischem Gruß Anne und Anna (Reisegruppe Anja) DRUSCHBA!

Zur Vorgeschichte geht es hier: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/09/21/freiwilliger-dienst-in-wladimir

Read Full Post »


Der Austausch zwischen Jena und Wladimir hat seinen Anfang bei der Jugend genommen und nutzt gerade da konsequent alle Möglichkeiten. Mehr als das Erlangen tut. Dieser Vorsprung hat einen Namen, der auch im Blog schon viele Spuren hinterlassen hat: Cornelia Bartlau.

Die kosmopolitische Jugendarbeiterin mit einem besonders geschickten Händchen für Kontakte nach Südamerika und Rußland hat für Jena den Europäischen Freiwilligendienst (EFD) entdeckt, ein EU-Programm, das junge Menschen von 18 bis 30 Jahren  europaweit entsendet, um gegen Kost, Logis und ein Taschengeld an gemeinnützigen Projekten – vom sozialen bis zum ökologischen Bereich – teilzunehmen. Man könnte die Unternehmung auch einen internationalen Zivildienst nennen (obwohl er als solcher für junge Männer nicht offiziell anerkannt wird), der zwischen einem halben und einem ganzen Jahr dauert, Reisekosten und Sozialversicherung inklusive. Am Ende gibt es eine Teilnahmebescheinigung, ausgestellt von der EU-Kommission, ein Papier, das bei Bewerbungen sicher nicht schaden kann angesichts der Internationalisierung der Arbeitswelt. Doch zunächst ist die größte Hürde zu nehmen: Man muß eine Entsende- und eine Aufnahmeorganisation finden. Und das kann man in Jena und Wladimir, nur in Erlangen noch nicht…

Anne Neumann, Anna Lippold, Cornelia Bartlau

Bei ihrem letzten Besuch im Frühjahr hat Cornelia Bartlau mit dem Euro-Klub in Wladimir die Voraussetzungen für diesen Austausch geschaffen. Seither geht sie in Schulen und streut die Information über den EFD in Jugendklubs und natürlich über das Internet. Zwei Abiturientinnen, beide von der Waldorfschule Jena, wagen nun die Reise in die russische Partnerstadt. Anna Lippold für zehn, Anne Neumann für sechs Monate. Beide haben an der Schule Russisch gelernt, Anne Neumann hatte sogar schon die Möglichkeit im Rahmen des Programms MixTour die künftigen Gastgeber kennenzulernen. Wie alles werden wird, weiß noch niemand so recht, vieles wird sich erst vor Ort ergeben, aber daß dies kein Hinderungsgrund ist, haben Claudia Nagel und Maria Kuczera auch schon bewiesen. Sobald die Visa in den nächsten Tagen ausgestellt sind, geht es los. Schon Anfang Oktober steht in Nischnij Nowgorod für alle Teilnehmer am EFD ein Einführungskurs auf dem Programm. Und dann geht es an die Arbeit, pardon, an den Dienst im Bereich Umwelt, Soziales, Jugend… Für März nächsten Jahres hat sich übrigens schon eine Deutsch-Lehrerin zum Gegenbesuch in Jena angemeldet. Bis dahin wird es diese Strukturen hoffentlich auch in Erlangen geben. Bis es aber soweit ist, können Interessierte sich gerne direkt an Cornelia Bartlau wenden:  jugendinfo@jena.de

Siehe auch: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/06/10/es-tut-sich-was-im-freiwilligendienst; https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/09/28/nachrichten-aus-dem-blauen-himmel und https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/04/25/hymnischer-abschied-vom-blauen-himmel.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: