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Posts Tagged ‘Erzdiözese Wladimir’


Hierzulande gibt es das Amt schon lange nicht mehr, das einst Quasimodo so erschütternd innehatte und das heutzutage per Knopfdruck erledigt wird. Doch in der orthodoxen Christenheit lebt die hohe Kunst des Glockenspiels weiter und wird auch in der Partnerstadt gepflegt. Mehr noch, seit Oktober vergangenen Jahres gibt es in der Erzdiözese Wladimir sogar eine Glöcknerschule, wo man das Läutwerk in Theorie und Praxis erlernen kann.

Unterricht und Prüfung
Unterricht und Prüfung

Unterricht und Prüfung mit Walerij Garanin

Für die Qualität der Ausbildung steht ein Name: Walerij Garanin, der 1985 die Fachhochschule für Musik in Wladimir als „Dirigent eines russischen Volkschores“ abschloß und bereits ein Jahr später im Susdaler Museumskomplex die Glocken läutete. Heute ist der Musiker im ganzen Land mit seiner Kunst unterwegs, wenn er nicht gerade in Wladimir Unterricht hält oder Prüfungen abnimmt.

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Ernennungsurkunde für das Glöckneramt

Die ersten zehn Prüflinge hatten bereits Ende 2018 bestanden, seit Februar d.J. lief nun der zweite Kurs mit fünfzehn Teilnehmern, darunter auch Frauen, aus der ganzen Region. Am 7. April, zum Fest der Verkündigung des Herrn, wurden beim Hochamt mit Erzbischof Tichon von Wladimir und Susdal in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale die Ernennungsurkunden überreicht.

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Erzbischof Tichon beim Festgottesdienst

Am 4. Oktober 2012 hatte der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche unter Vorsitz von Patriarch Kirill den Glöcknerdienst ins Leben gerufen. Nun kommt er auch in Wladimir zu Amt und Würden.

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Überreichung der Urkunden

Hierzu gibt es auch eine kleine TV-Reportage, die auch einen Höreindruck vermittelt. https://is.gd/hcNPqz

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Heute begeht man in Rußland den Tag des Gedenkens an die Opfer der politischen Unterdrückung. Wer wollte all die Menschen zählen, die dem Wüten von Wladimir Lenin und Josef Stalin zum Opfer gefallen sind, wer dokumentieren, wie viele im Gulag gebrochen wurden, irrwitziger Verbrechen angeklagt und wahnhafter Verfolgung ausgesetzt. Ein kolossaler Kosmos der Vernichtung, den man vielleicht nur erfassen kann, wenn man sich den literarischen Annäherungen an das Thema von Schriftstellern wie Alexander Solschenizyn oder Warlam Schalamow aussetzt. Oder wenn man sich mit einem Einzelschicksal konfrontiert wie dem des Mönchs Afanasij konfrontiert, der 1913 in Wladimir begann, Pastoraltheologie zu lehren, fünf Jahre später in den Bischofsrat berufen wurde, Anfang der 20er Jahre dem Kloster in Bogoljubowo vorstand und gleichzeitig als Bischof von Kowrow wirkte, bevor er für fast 30 Jahre – immer wieder mit Unterbrechungen – in Gefängnissen und Lagern verschwand. Das Leben dieses mittlerweile seliggesprochenen Gottesmannes zeigt noch bis Mitte November im Wladimirer Landesmuseum eine Ausstellung in Bildern.

Afanasij von Kowrow

Hier sollen nur – stellvertretend für die vielen – Stationen seines Leidensweges nachgezeichnet werden, der 1922 mit der ersten Verhaftung begann, weil man ihn verantwortlich machte für das Verschwinden von Kirchenschätzen aus dem Heilandkloster in Susdal und zu einem Jahr Haft verurteilte. Dank einer Amnestie kam er zwar bald wieder auf freien Fuß, wurde aber schon im September 1922 inhaftiert, weil er gegen die staatstreue „Erneuerungsbewegung“ in der Kirche opponierte. Man brachte ihn nach Moskau, wo er zu zwei Jahren Verbannung verurteilt wurde, aus der Afanasij erst im Januar 1925 nach Wladimir zurückkehrte. Freilich nur für gerade einmal ein Jahr, denn von Januar bis März 1926 saß er erneut ein.  Im November 1926 stellten ihn die Behörden vor die Wahl: Entweder er gibt sein Bischofsamt auf und beendet seinen Dienst an der Kirche, oder… Der Geistliche blieb unbeugsam und wurde am 2. Januar 1927 wiederum in Haft genommen und nach Moskau gebracht. Dieses Mal beschuldigte man ihn der Zugehörigkeit zu einer verschwörerischen Gruppe von Erzpriestern und schickte ihn für drei Jahre ins berüchtigte Lager Solowezkij, wo er an Typhus erkrankte. Nach seiner Genesung verlängerte man die Frist um weitere drei Jahre, und so kehrte der Bischof erst 1933 in die Region Wladimir zurück. Die Kirchenverfolgung war nun auf einem grausamen Höhepunkt, eine regelrechte Hexenjagd hatte begonnen, und jede Beschuldigung kam gerade recht, um Menschen Unrecht zu tun. Im April 1936 warf man Afanasij vor, mit dem Vatikan und den Weißgardisten in der Ukraine im Bunde zu sein. So abstrus, daß nicht einmal der KGB daran glauben wollte. Verurteilt wurde er denn auch, weil er sich geweigert hatte, mit den sowjetloyalen Kräften in der Kirche zu kooperieren: zu fünf Jahren, die er in Lagern des Weißen Meers und im Baltikum absitzen mußte. Dort war er eine Zeitlang für die Inkassation zuständig, doch als Kriminelle ihn ausraubten, erhielt er ein weiteres Jahr Haft zugesprochen. Immerhin aber gingen die Massenerschießungen von Geistlichen in den Jahren 1937/38 an ihm vorüber.

Ausstellungsplakat: Afanasij, ein Leben als Dienst.

Erst 1942 kam Afanasij frei, wurde aber sofort in die Region Omsk deportiert, wo er als Nachtwächter arbeitete. Als er im November 1943 erneut festgenommen und nach Moskau geschickt wird, sagt er bei einem Verhör im April 1944: „Ich konnte mich nicht abfinden mit der Sowjetmacht, die Religion nicht anerkennt. Ich kann das bis heute nicht, wo doch die Religion so bekämpft wird. Aber das sind nur meine persönlichen Überzeugungen, die ich niemandem in meiner Umgebung aufgedrängt habe, ebensowenig wie ich zum Kampf gegen die Sowjetmacht aufgerufen habe.“ Acht Jahre Haft folgen nun in sibirischen Lagern. Erst im Mai 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, kam der Zeuge seines Glaubens in Freiheit, und 1955 gestattete man ihm schließlich, wieder in die Region Wladimir, nach Petuschki, zurückzukehren, wo er sich endlich ganz seiner Kirche widmen konnte, unter anderem als Vorsitzender der Kalenderkommission des Verlags des Moskauer Patriarchats. In seinem Nekrolog – Afanasij starb am 28. Oktober 1962 – heißt es: „Seine Liebe und Herzensgüte spürte jeder, der mit dem Geistlichen in Berührung kam. Die Gespräche mit ihm waren erhellend. Seine zahlreichen Freunde konnten Stunden um Stunden im Gespräch mit ihm verbringen und erfahren, was er im Bereich der Liturgie, Hagiographie oder Exegese an erstaunlichen Erkenntnissen gewonnen hatte. Wenn man ihn wieder verließ, war man spirituell bereichert und mit der Welt versöhnt.“

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