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Posts Tagged ‘Ella Rogoschanskaja’


Wie notwendig der Austausch gerade auch der jungen Generation zwischen Erlangen und Wladimir ist, zeigen oft Kleinigkeiten. So war Maxim Lortschenko vom Dokumentationsteam, das den Veteranen Nikolaj Schtschelkonogow auf seiner Reise begleitet, der Meinung Fritz sei nichts mehr als die im Zweiten Weltkrieg übliche abwertende Bezeichnung für die Deutschen. Und nun stellt sich heraus: Es handelt sich um einen männlichen Vornamen, wenn auch heute nicht mehr so gebräuchlich wie noch vor ein oder zwei Generationen, hinter denen konkrete Menschen stecken wie Fritz Rösch und eben Fritz Wittmann, dessen Grab die Gäste aus der Partnerstadt am Freitag besuchten.

Für Nikolaj Schtschelkonogow hatte dieser Vorname seit 1991, als Fritz Wittmann zum ersten Mal nach Wladimir kam, ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte, die ihn bis heute mit Deutschland tief verbindet. Und da, wo es so persönlich wird, haben Feindbilder keinen Platz mehr, da tauscht man nur noch Familienphotos und gemeinsame Erfahrungen aus.

Hans Gruß, Harald Sander, Bridget Gruß, Johanna Sander, Paul Sander, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Elisabeth Wittmann am Grab von Fritz Wittmann

Dabei hätte alles ganz anders ausgehen können: Der „Fritz“ und der „Iwan“ – so ja die deutsche Kollektivbezeichnung für die sowjetischen Feinde – lagen einander in den letzten Kriegstagen bei Küstrin in den Schützengräben gegenüber und fielen einander später in die Arme. Ihnen gelang es, in sich den Krieg zu besiegen, sie wurden beide zu Botschaftern des Friedens, zu den großen Männern der Aussöhnung und Verständigung zwischen den Partnerstädten und weit darüber hinaus.

Lange verharrte Nikolaj Schtschelkonogow in Stille vor dem Grab des Kameraden, das zu besuchen sein Herzenswunsch war. Doch dann brachen sie aus ihm heraus, all die Erinnerungen an die Begegnungen und Gespräche, voll freundschaftlicher Hochachtung für den Verstorbenen und sein Vermächtnis, all die guten Wünsche für dessen Familie und Freunde. All das, was zum Abschied gesagt sein wollte.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann wieder diese Zugewandtheit zu den Menschen, zum Leben. Man kann es nicht anders nennen als die helle Freude, die einen im Gespräch mit diesem Mann überkommt.

Nikolaj Schtschelkongow, Tatjana Jazkowa und Hans Gruß

Voller Wißbegier: Was dachte und machte der Freund noch vor seinem Tod? Welche Gedichte schrieb er noch? Welche Graphiken zeichnete er, als es mit den Buchstaben nicht mehr so klappen wollte?

Nikolaj Schtschelkonogow

Auch voller Anerkennung dafür, wie die Familie das Andenken an Fritz Wittmann bewahrt, indem etwa sein Arbeitszimmer fast unberührt blieb und wirkt, als könnte er jeden Moment wieder eintreten.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Auch voller Überraschung, den originalen Friedenskreis wiederzusehen, der als Banner, überreicht am 9. Mai 2015 von Oberbürgermeister Florian Janik, im Versammlungsraum des Veteranenverbands Wladimir hängt.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Und dann beim Abendessen wieder, wie am Vorabend im Club International, diese Fülle an Detailwissen mit immer wieder neuen Facetten des Kriegsgeschehens: Hunde, die, mit Sprengstoff am Körper, unter deutsche Panzer geschickt wurden, die bei der Zündung, wenn nicht völlig zerstört wurden, so doch schweren Schaden nahmen, etwa an den Ketten oder am Turm; Vorteile der deutschen Ausrüstung beispielsweise im Tornister mit seinen Fächern und der Abdeckung aus Pferdeleder und den Aluminiumflaschen, während man im eigenen Sack nur Glasbehälter hatte, die brechen konnten; der robuste sowjetische Karbiner, der leichter und weniger anfällig war als das deutsche Pendant.

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Oder das deutsche Geschirr aus Metall versus das eigene Besteck aus Holz oder die Uhr, die jeder Wehrmachtssoldat trug und dann gern als Beutestück genommen wurde, von Toten wie von Gefangenen; oder die Eiserne Ration, die für die Sowjetsoldaten hauptsächlich aus Graupen und Trockenfisch bestand, während die Deutschen sogar Schokolade mitführten, etwas, das Nikolaj Schtschelkonogow erst beim Auffinden eines Wehrmachtstrosses entdeckte.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann die „pornographischen Bilder“, die sich bei den Deutschen fanden. Oder die Vorliebe der Wehrmacht, mit Leuchtschußpistolen die Nacht zum Tag zu machen.

Andrej Maximow, Jekaterina Zwetkowa und Amil Scharifow mit Elisabeth Preuß im Interview

Man fragt sich schon jetzt, wie das Team von Jekaterina Zwetkowa all den Stoff in eine einzige Dokumentation packen will, zumal ja erst die Hälfte der Reise abgeschlossen ist.

Johanna Sander, Adventskonzert Herz Jesu

Und zumal nicht einmal der emsigste Berichterstatter des Blogs alles wiederzugeben vermag. Aber wie soll man auch die Gefühle des Gastes beschreiben, wenn er nach dem Konzert in Wladimir im September nun noch einmal Johanna Sander, die Tochter von Fritz Wittmann, bei einem Auftritt erlebt…

Rosie Zahn und Jekaterina Zwetkowa

Oder wenn es dann zu einer Begegnung von Rosemarie Zahn und Jekaterina Zwetkowa kommt, die eine langjährige Freundschaft mit Kira Limonowa, der Architektin des Erlangen-Hauses und Witwe von Pjotr Dik, verbindet. All diese Querverbindungen verdienten es, gesondert zu erzählen.

Johanna Sander und Nikolaj Schtschelkonogow

Aber wir wollen es dabei belassen und mit dem Bild der Sängerin und des Veteranen enden, einem Bild der Harmonie und des Einvernehmens von zwei Menschen, von dem man sich gern hineinnehmen lassen will, bevor es heute für Nikolaj Schtschelkonogow und seinen Troß weitergeht nach Jena, Leipzig und Berlin.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jekaterina Zwetkowa, Tatjana Jazkowa und Andrej Maximow im Nürnberger Bratwursthäusla

P.S.: Gerade rechtzeitig vor der Veröffentlichung dieses Beitrags schickt Othmar Wiesenegger noch eine kleine Rückschau, auf das, was gestern abend noch so alles abging – mit Bildern und vor allem einem Video, das man gesehen haben sollte, um Nikolaj Schtschelkonogow zu kennen:

Ohne Worte…

Lieber Peter, gestern hast Du noch etwas versäumt!

Wir sind nach dem Konzert direkt zur Waldweihnacht am Schloßplatz gegangen und hatten noch eine schöne Zeit bis 21.00 Uhr.

Nikolaj und Tatjana waren bester Stimmung und tanzten, und Nikolaj wollte noch sein Erlangen-Lied auf der Bühne vortragen!

Ich hatte mit der Band gesprochen – leider nicht zu bestimmt -, und so konnte er es nicht vortragen, es wäre echt toll gewesen!

Außerdem haben die beiden mit dem Finalisten von “Deutschland sucht den Superstar” mit Dieter Bohlen und Freundin, getanzt und posiert: ING_6159. Ich schmeiß mich weg, die ganze Zeit waren sie bester Laune!!! Sag niemanden, daß er 94 Jahre alt ist! Ich will mit 94 auch so sein!!!

https://www.rtl.de/videos/fortunato-lacovara-rockt-sich-zum-goldenen-buzzer-5a154717a2ea5024f25304d8.html

Auf jeden Fall haben “unsere Russen” einen schönen Abend verlebt und werden den 1. Dezember hier in guter Erinnerung behalten.

Link mit Bildern und Video

https://www.dropbox.com/sh/6oh6v5m8g2u991j/AAAkBrtSOgnfiw1gLXhl1ImCa?dl=0

Viele Grüße und Dir eine schöne Zeit noch mit den fünfen aus Wladimir. Dein Othmar

 

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„Hier riecht es nach Zeitung“, rief Ella Rogoschanskaja erfreut, als es in den Keller der Nürnberger Nachrichten ging, wo – ein ingenieurtechnisches Meisterwerk – auf engstem Raum die Druckerei liegt, von wo aus die Postkästen und Kioske der ganzen Region beliefert werden. Die seit Jahren in Nürnberg lebende Journalistin aus Wladimir hatte die Gäste am Vormittag durch ihre neue Heimat geführt und sah nun auch zum ersten Mal das Verlagshaus mit allen Bereichen, von den Redaktionsstuben bis zur Auslieferung der Blätter Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung.

Wjatscheslaw Kartuchin, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Klaus Schrage und Ella Rogoschanskaja

„Eine derart moderne und große Druckerei, noch dazu unter einem Dach mit der Redaktion, haben wir in Wladimir nicht“, bekennt Wjatscheslaw Kartuchin, Leiter der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung, dem Betriebsratsvorsitzenden Klaus Schrage, der sich gestern viel Zeit für die Führung genommen hatte. „Diese Bereiche sind in der Regel getrennt. Dafür haben wir in so gut wie jeder Kreisstadt unserer Region eine eigenständige Lokalzeitung.“ Noch, möchte man hinzufügen, denn auch die russische Medienlandschaft befindet sich im Umbruch, orientiert sich zu Lasten der gedruckten Zeitung immer stärker auf das Internet. Noch aber zeigt sich in der Partnerstadt und im ganzen Gouvernement mit der Größe von ganz Franken und der halben Oberpfalz zusammengenommen ein buntes Bild mit allein in Wladimir vier TV-Stationen, nicht weniger Radiosendern, drei Zeitungen und vielen Internetportalen, unter denen Zebra-TV, immer wieder auch die Referenz für den Blog, herausragt. „Wenn bei uns eine Pressekonferenz angesetzt ist“, beschreibt Julia Kusnezowa vom privaten Fernsehkanal TV6, der zu Ren TV gehört, „dann ist die Hütte voll, während es, wie wir erfahren haben, im Erlanger Rathaus schon einmal vorkommen kann, daß ein Termin platzt, weil kein Journalist kommt. Undenkbar bei uns.“

Julia Kusnezowa und Karina Romanowa

Beide Journalistinnen arbeiten ja beim Fernsehen (s. vorherige Einträge im Blog) und machten ihre ersten Medienerfahrungen mit dem Radio. Beide moderieren, beide haben sich die Liebe zum gesprochenen Wort bewahrt und genießen staunend die technischen Möglichkeiten beim Bayerischen Rundfunk, Studio Franken, kundig-pfundig rundgeführt von Daniel Peter und begrüßt von Thomas Rex, dem Gesicht der allsonntäglichen Frankenschau, der mit seinen drei Reportagen über die Städtepartnerschaft besonders eng mit Wladimir verbunden ist und auch bereits einmal einer russischen Kollegin Gelegenheit zu einem Praktikum gab: https://is.gd/nbCQw3

Thomas Rex, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Daniel Peter und Wjatscheslaw Kartuchin

„Wenn wir das alles so sehen, würden wir uns auch Rundfunkgebühren wünschen“, meinen die Gäste, „aber das ließe sich gesellschaftspolitisch nicht durchsetzen. Bei allen Vorteilen, die wir hier sehen, etwa die starke Präsenz in den Regionen und die ausgewogene Berichterstattung.“ Vor allem auf letzteres kommt es Julia Kusnezowa und Karina Romanowa an, und so lautet denn auch die Antwort auf eine Frage am Abend im Kollegenkreis, was das schönste Zuschauerlob für sie beide sei: „Die Anerkennung, den Fakten entsprechend und ehrlich berichtet zu haben.“ Dies, Tatsachen und Gewissenhaftigkeit, sei denn auch ihr höchster Anspruch an sich selbst, und: „Die Leute wissen das zu schätzen. Damit und mit Kompetenz verschafft man sich dann auch Ansehen in einem allgemeinen Klima des Mißtrauens gegenüber den Medien.“ Etwas, das die deutschen Kollegen sicher ebenfalls unterschreiben würden.

Ella Schindler, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa und Klaus Schrage

Im Unterschied zur Podiumsdiskussion im Erlanger Club International am Montag geriet das gestrige Gespräch in der Nürnberger Nordkurve, gemeinsam unterhaltsam moderiert von der eloquent zweisprachigen Ella Schindler und dem noch besser als sonst schon gestimmten Klaus Schrage eher zu einer kammermusikalischen Veranstaltung mit – freilich zu wenig – Zeit für Zwischentöne, für Fragen nach dem journalistischen Arbeitsalltag in Wladimir, für das kollegiale Kennenlernen – und für noch mehr Lust, einander besser zu verstehen.

Wjatscheslaw Kartuchin, Wolfgang Mayer, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa, Ella Schindler und Klaus Schrage

Ein Wort des Dankes fehlt noch. Wolfgang Mayer hatte nach seiner Teilnahme an der Prisma-Reise nach Wladimir im November vergangenen Jahres, die Idee, eine Journalistendelegation aus der Partnerstadt zur Fortsetzung des Dialogs einzuladen. Er hielt sich nun bescheiden im Hintergrund. Aber ohne ihn wären all die Begegnungen nicht zustande gekommen. Wie schade und bedauerlich das wäre, zeigen diese Begegnungstage. Deshalb nochmals danke und спасибо!

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Als die 271 Kriegsgefangenen und Internierten aus dem 1. Weltkrieg in Erlangen auf dem Zentralfriedhof beigesetzt wurden, hatten die roten Revolutionäre in der Heimat gerade das von Katharina der Großen eingeführte Sankt-Georgs-Band als Auszeichnung für Heldenmut und Kampfesgeist abgeschafft. Erst im Großen Vaterländischen Krieg, wie der Zweite Weltkrieg bis heute von den Russen genannt wird (der Vaterländische Krieg ist die Bezeichnung für den Kampf gegen Napoleons Truppen Anfang des 19. Jahrhunderts), erst ab Mai 1942 trugen die Soldaten der neugeschaffenen Garderegimenter auf der rechten Brustseite wieder das Georgsband, das auch die Banner schmückte. Eine ganz bewußte Fortführung der militärischen Tradition im Kampf gegen die Invasoren.

Julia Beljajewa, Oxana Kotowa, Jelisaweta Kusnezowa und Malika Scharipowa,

Julia Beljajewa, Oxana Kotowa, Jelisaweta Kusnezowa und Malika Scharipowa an den Russengräbern auf dem Zentralfriedhof in Erlangen

Die vier Besucherinnen aus Wladimir – Jelisaweta Kusnezowa, Malika Scharipowa, Julia Beljajewa und Oxana Kotowa – kennen die Geschichte des Bandes, das nach 1945 kollektiv und postum allen sowjetischen Gefallenen verliehen wurde und seit 1998 wieder als offizielle Auszeichnung der russischen Streitkräfte fungiert. Seit zehn Jahren, seit dem 60. Jahrestag der Kapitulation des Dritten Reiches, gehört das Georgsband fest zur Erinnerungskultur und schmückt nicht nur die Revers, sondern auch die Autoantennen der Russen. Mehr und mehr, je näher der wichtigste Festtag des Landes rückt.

Georgsband

Georgsband. Quelle: http://www.saratov.2stick.ru

Nun also, nach fast einhundert Jahren, für die in Erlangen verstorbenen und beigesetzten 271 Russen ein stilles Gedenken und die späte Ehrung mit dem Georgsband. Manches rückt die Geschichte eben auch wieder zurecht und fügt zusammen, was zusammengehört. Kostbare Augenblicke des Innehaltens.

Oxana Kotowa, Julia Beljajewa, Malika Scharipowa und Jelisaweta Kusnezowa bei den Russengräbern auf dem Südfriedhof in Nürnberg. Photo: Ella Rogoschanskaja

Oxana Kotowa, Julia Beljajewa, Malika Scharipowa und Jelisaweta Kusnezowa bei den Russengräbern auf dem Südfriedhof in Nürnberg. Photo: Ella Rogoschanskaja

Ein ehrender Gruß der Enkelgeneration auch für die auf dem Südfriedhof in Nürnberg bestatteten, mehr als 3.500 im Lager Langwasser ums Leben gekommenen sowjetischen Gefangenen. Ein würdiger Auftakt für die bevorstehenden Feiern zum Gedenken an die Opfer des Faschismus mit den vier Botschafterinnen des Friedens, die heute wieder die Heimreise antreten.

Mehr zu dem Thema unter: http://is.gd/KhpKLD

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Gestern ist ein lange schon gehegter Wunsch von Wiktor Malygin in Erfüllung gegangen. Anfang September 2012, unmittelbar nach seinem Wechsel vom Posten des Leiters der Fremdsprachenabteilung der Staatlichen Universität zur Akademie für Volkswirtschaft und Verwaltung. hatte der habilitierte Germanist – in gleicher Funktion – die Idee, mit einer ähnlich ausgerichteten Bildungseinrichtung in Franken Kontakt aufzunehmen.  Die Wahl war rasch getroffen und fiel auf die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Nürnberg. Eine gute Wahl, wie sich bald zeigen sollte.

Wilfried Berg, Christine Berg, Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Ella Rogoschanskaja

Wilfried Berg, Christine Berg, Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Ella Rogoschanskaja

Schon die erste Anfrage im Herbst 2012 an Christine Berg, Geschäftsführerin des von der Metropolregion Nürnberg, der IHK Nürnberg, dem Bezirk Mittelfranken, von einigen Firmen und Kommunen, darunter auch Erlangen, getragenen Vereins, erwies sich als Volltreffer. Man sei durchaus interessiert an einer Zusammenarbeit mit der russischen Akademie, lautete die hoffnungsfroh stimmende Antwort, die nun gestern nach einer kundigen Stadtführung durch Ella Rogoschanskaja, der aus Wladimir stammenden und mittlerweile in Nürnberg ansässigen Journalistin, und einer zünftigen Stärkung im Bratwursthäusle zu einem ersten persönlichen Kennenlernen und der anschließenden Unterzeichnung eines Kooperationsvertrags führte.

Wilfried Berg, Michael Amberg, Wiktor Malygin, Wjatscheslaw Kartuchin und Christine Berg

Gesprächsrunde: Wilfried Berg, Michael Amberg, Wiktor Malygin, Wjatscheslaw Kartuchin und Christine Berg

Der Termin freilich hatte immer wieder verschoben werden müssen. Und dann kam es auch noch zu einem Wechsel in der Wladimirer Akademie, an der etwa 3.500 Studierende aus dem ganzen Gouvernement das Rüstzeug für eine solide Arbeit in Verwaltung und Wirtschaft erhalten. Der neue Direktor, Wjatscheslaw Kartuchin, griff den Plan einer Zusammenarbeit mit den Kollegen aus der Metropolregion Nürnberg allerdings sofort auf und trat vorgestern seine erste Auslandsreise nach Bayern an. Erfolgreich, wie sich zeigen sollte! Im Unterschied zu Wiktor Malygin, der bereits 1987 zum ersten Mal nach Erlangen gekommen war, um als stellvertretender Rektor des Pädagogischen Instituts mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde den bis heute so lebendigen Kooperationsvertrag abgeschlossen hatte und danach noch häufig in der Partnerstadt zum Arbeitsbesuch war, kannte der promovierte Jurist, Wjatscheslaw Kartuchin, die fränkischen Freunde bisher nur von Begegnungen in Wladimir, wo er allerdings in vielfacher Funktion in Erscheinung trat: als Stadtrat sowie als Leiter des städtischen und später regionalen Jugendamtes.

Michael Amberg, Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Christine Berg

Präsentation der Akademie Wladimir: Michael Amberg, Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Christine Berg

Nun also am Runden Tisch in Nürnberg in einer guten Tradition der Städtepartnerschaft. Denn neben dem bereits erwähnten Vertrag mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde gibt es Kooperationsabkommen mit der Friedrich-Alexander-Universität, dem Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen, dem Bayerischen Laserzentrum, der Volkshochschule Erlangen, der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg – und nun eben auch mit der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie der Metropolregion.

Wjatscheslaw Kartuchin und Michael Berg

Unterzeichnung des Vertrags: Wjatscheslaw Kartuchin und Michael Amberg

Die beiden Professoren, Studienleiter Michael Amberg, und sein Stellvertreter, Wilfried Berg, freuen sich auf die Zusammenarbeit mit der russischen Akademie, die bereits Kontakte in die USA oder nach China unterhält. Dieser Tage erst ist Wiktor Malygin von einer Tagung aus Paris zurückgekehrt. Die Nürnberger können sich nämlich recht gut vorstellen, vor allem einige der russischsprachigen Studierenden zum Austausch nach Wladimir zu schicken, und die Russen wollen mehr über den Verwaltungsaufbau in Deutschland wissen. Gegenseitige Wißbegier ist ja der schlechteste Antrieb nicht. Und so planen die frischgebackenen Partner schon den Gegenbesuch in Wladimir, voraussichtlich im Februar nächsten Jahres, um den Vertrag mit Leben, sprich mit konkreten Austauschprogrammen und Projekten zu erfüllen.

Wjatscheslaw Kartuchin, Michael Amberg, Christine Berg und Wilfried Berg

Besiegelung des Vertrags: Wjatscheslaw Kartuchin, Michael Amberg, Christine Berg und Wilfried Berg

Es bleibt allerdings Christine Berg vorbehalten, auf das besondere Datum des Vertragsabschlusses hinzuweisen, den 17. Juni, als vor 61 Jahren sowjetische Panzer den Volksaufstand in der DDR blutig beendeten. Derlei tragische Ereignisse in der Zukunft zu verhindern, dazu möge auch dieser Vertrag seinen Beitrag leisten.

Dietmar Hahlweg, Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Rudolf Schwarzenbach

Freundestreffen: Dietmar Hahlweg, Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Rudolf Schwarzenbach

Die deutsch-russische Verständigung und Versöhnung müsse weitergehen. Darin sind sich auch die Gesprächspartner am Abend, Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg und der ehemalige „Wladimir-Referent“ Rudolf Schwarzenbach, einig. Und just an dem Tag twittert denn auch noch der Politikwissenschaftler Roman Jewstifejew zum Ukraine-Konflikt, der natürlich auch auf diese Begegnungen seine schweren Schatten wirft: ,Alle reden davon, man müsse den Krieg beenden. Mit geballten Fäusten und gegenseitigen Verwünschungen tut man das. Solange dies so ist, werden wir weiter Krieg führen.“ Möge es den einstigen Brudervölkern, den Russen und Ukrainern, so gelingen, wie das dank den großen Friedensstiftern Dietmar Hahlweg, Rudolf Schwarzenbach und Wiktor Malygin seinerzeit so vorbildlich für die einstigen Feindvölker, die Deutschen und die Russen, gelungen ist. Möglichst bald – mit ausgestreckter Hand, nicht mit der drohenden Faust! Vielleicht ist ja dann eines Tages sogar ein Dreierabkommen unter Einschluß einer Verwaltungsakademie in Nürnbergs ukrainischer Partnerstadt Charkiw möglich. Wiktor Malygins Wunsch ist ja auch in Erfüllung gegangen…

Wann und wie alles begann, ist hier nachzulesen: http://is.gd/Jcebrc

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Bowling-Sportler aus der Partnerstadt Wladimir waren in der vergangenen Woche Gäste des Bowling-Clubs Erlangen. Sie erwiderten damit einen Besuch der Erlanger vom letzten Jahr. Der sportliche Höhepunkt des Treffens war ein spannendes Turnier am 1. Mai im Sportland Erlangen, bei dem über 40 Teilnehmer aus Wladimir, Erlangen und Herzogenaurach um den Sieg kämpften, und wo die Erlanger Revanche für die Niederlage in Wladimir nehmen wollten.

Bowling-Wettkampf Erlangen - Herzogenaurach - Wladimir.

Vereint nach dem Wettkampf: Bowling-Spieler aus Erlangen, Herzogenaurach und Wladimir mit Birgitt Aßmus.

Es zeigte sich dann auch sehr schnell: Die russischen Gäste hatten erhebliche Schwierigkeiten mit den ungewohnten Bahnverhältnissen und spielten diesmal für den Sieg keine Rolle. Denn besonders die Herzogenauracher Mannschaft drehte mächtig auf und lieferte den Favoriten von Flying Pins Erlangen, die in der Bereichsliga spielen, einen sehr spannenden Kampf. Jeder der drei Durchgänge endete äußerst knapp, und nach fast drei Stunden Spielzeit hatten die Herzogenauracher mit der Winzigkeit von nur 9 Pins die Nase vorn. Überragend dabei Mannschaftsführer Peter Meier, der mit dem Gesamtergebnis von 620 Pins einen Durchschnitt von 207 Pins spielte, und Andreas Mittelmeier, der sich mit starken 244 Pins im letzten Durchgang den Sieg sicherte.

Christian Reinmann

Christian Reinmann

Sehr erfreulich aus Erlanger Sicht war auch, wie der Jugendspieler, Christian Reinmann, von den Flying Pins mit einer Serie von 628 Pins und dem höchsten Einzelspiel von 262 Pins zum erfolgreichsten Spieler des Turniers wurde.

Bowling-Gruppe aus Wladimir in Nürnberg, geführt und photographiert von Ella Rogoschanskaja.

Bowling-Gruppe aus Wladimir in Nürnberg, geführt und photographiert von Ella Rogoschanskaja.

Alle Siegerinnen und Sieger erhielten Pokale und Urkunden aus der Hand von Bürgermeisterin Birgitt Asmuß, die sich begeistert zeigte von der fröhlichen und sehr freundschaftlichen Atmosphäre dieses sportlichen Vergleichs zwischen den Partnerstädten. Sie überreichte den Sportlern aus Wladimir Urkunden und Erinnerungsmedaillen. Die Vereinsvorsitzenden, Oleg Romanenko aus Wladimir und Wolfgang Meyer aus Erlangen, bedankten sich beim Sportland Erlangen und bei der Stadt Erlangen für die tatkräftige Unterstützung während dieser sehr abwechslungsreichen Besuchswoche, für die das Team um Andreas Schott ein buntes Programm aus Sport, Unterhaltung und Besichtigungen zusammengestellt hatte. „Wir sind sehr dankbar für die freundliche Aufnahme und die schönen Tage in Erlangen“, drückte Bowlingchef Oleg Romanenko die Stimmung der Wladimirer Sportler aus. Und die Gegeneinladung ist auch schon ausgesprochen!

Wolfgang Meyer

Und hier geht’s zum Rückblick auf die Begegnung in Wladimir vor genau einem Jahr: http://is.gd/kxzq86

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Manja Eckert und Lutz Bartlau

Es werden heuer zehn Jahre, daß Lutz Bartlau, damals Einkaufs- und Lagerleiter der Mainau GmbH, seine Freundin, Manja Eckert, in Perm besuchen wollte, wo sie ein Praktikum bei der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ absolvierte und Überlebende des ehemaligen Lagers Nr. 36 im Ural betreuen half. „Aber“, so erinnert er sich am Abend nach dem „Schmutzigen Donnerstag“ im Gespräch mit seinen Besuchern aus Franken, „das war damals gar nicht so einfach mit einem Visum für Rußland. Da brachte mich meine Schwester, Conny, auf die Idee, mich an einen Verrückten im Erlanger Rathaus zu wenden, der bestimmt würde helfen können.“ Nun, der tat denn auch für den Unbekannten aus den Neuen Bundesländern, den es an den Bodensee verschlagen hatte, was er konnte, schätzte er doch Cornelia Bartlau für ihren einzigartigen Einsatz im Bereich Jugend- und Umweltaustausch im Rahmen der Partnerschaft Erlangen – Jena. Aber Peter Steger, der „verrückte“ Partnerschaftsbeauftragte im Erlanger Bürgermeister- und Presseamt, tat und tut kaum etwas ohne ideelle Gegenleistung und versucht im Gegenzug, möglichst alle beruflichen und ehrenamtlichen Potentiale seiner Klienten für die Völkerverständigung nutzbar zu machen.

Schlafende Schöne - Insel Mainau

So steckte er denn seiner damaligen Kollegin im Wladimirer Rathaus, Nadja Jewrassowa, daß es da auf der Insel Mainau einen „Verrückten“ gebe, der gemeinsam mit seiner Freundin einen Narren an Rußland gefressen habe und Comtesse Bettina Bernadotte gut kenne, die väterlicherseits Zarenblut in den Adern habe. Außerdem könnte sich da doch eine buchstäblich blühende Zusammenarbeit mit Wladimir ergeben, das zu der Zeit gerade sein Faible für Grünanlagen und Parks entdeckte. Ab 2001 standen die Wladimirer Partnerschaftsbeauftragte und Lutz Bartlau schon per E-Mail in Kontakt und vereinbarten zunächst einmal einen Informationsaustausch. Bücher, Prospekte und ein Film auf VHS gingen von der Blumeninsel an die Kljasma und weckten dort so viel Begeisterung, daß Lutz Bartlau mit seiner Lebensgefährtin und der Kollegin, Monika Böhm, bereits im Jahr darauf  einen Moskau-Besuch zu einem Abstecher nach Wladimir nutzten, um dort im Erlangen-Haus einen Vortrag über die Mainau zu halten. Anfang Mai war das, gerade die rechte Zeit für die ersten Blüten und die Tulpenzwiebeln vom Bodensee.

Patriarchengarten

Es blieb nicht bei Anschauungsunterricht und Theorie, wie erwarten darf, wer die Partnerschaft kennt. Stationen der Stippvisite waren u.a. der Pionierpalast mit seiner botanischen Abteilung, wo – und darüber staunt Lutz Bartlau noch heute – auch behinderte Kinder in die Aktionen einbezogen wurden, vor allem aber der Patriarchengarten (s. Eintrag vom 15.01.09) mit seiner Jugendgruppe, die sich voller Elan um all das bunte Grün und dessen Gedeihen kümmert.

Gräfin Bettina Bernadotte (Photo: Mainau)

Königin Olga von Griechenland

Nun endlich war es an der Zeit, die gräfliche Familie Bernadotte mit ihrer ganz besonderen Beziehung zu Rußland und Wladimir von den Vorgängen in Kenntnis zu setzen. Im Jahr 2003 sollte in der Stadt am Goldenen Ring das 20jährige Partnerschaftsjubiläum gefeiert werden – mit Beteiligung eines Mitglieds der adligen Familie. Die Oberbürgermeister beider Städte, Siegfried Balleis und Alexander Rybakow, richteten ein Einladungsschreiben an Gräfin Sonja und ihren Gatten Lennart, die zwar nicht selbst annehmen konnten, aber ihre älteste Tochter, Comtesse Bettina, als ihre Vertretung benannten. Und das nicht von ungefähr, wie die Wladimirer Landeskundlerin Rosa Mosgowa in einen Interview wissen ließ, das sie der Journalistin Ella Rogoschanskaja kurz vor Eintreffen der offiziellen Delegation gab: „Im Juni 1908 kam die Urgroßmutter der Comtesse Bernadotte, Olga, Königin von Griechenland, mit ihrem Bruder, Großfürst Konstantin, nach Wladimir. Als Gastgeschenk überreichte man ihnen Alben mit Aufnahmen der alten Gotteshäuser Susdals und Wladimirs, die der Wladimirer Photograph Wiktor Iodko gemacht hatte. Den Auftrag für diese Alben hatte er von der Wladimirer Archivwissenschaftlichen Kommission erhalten.“

Maria Pawlowna Romanowa

Bettina Bernadotte ist die Tochter von Graf Lennart Bernadotte, Sohn der Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa und Urenkel des Zaren Alexander II. Und nun kam die Comtesse von der Mainau im September 2003, fast 100 Jahre nach ihrer Urgroßmutter, nach Wladimir. Fast ist man versucht zu sagen – zurück. Als Ehrengast sprach sie mit spürbarer innerer Anteilnahme beim Festakt des Jubiläums, wohnte der Einweihung des Erlangen-Gartens unweit  vom Erlangen-Haus bei und besichtigte natürlich den Patriarchengarten, wo die duftende Saat von der Insel so gut aufgegangen war.  

Gerade einmal eineinhalb Jahre vergingen, bis Gouverneur Nikolaj Winogradow und Oberbürgermeister Alexander Rybakow die Gegeneinladung auf das Blumeneiland annehmen konnten. Tief bewegt standen sie zusammen mit Comtesse Bettina in der Schloßkapelle vor der Grabstätte ihrer Großmutter, Maria Pawlowna Romanowas. Sie hatte ihre letzten Lebensjahre des Exils bei ihrem Sohn Lennart verbracht, der die Mainau zu dem Blütenwunder gemacht hat, als das man die Mainau heute in der ganzen Welt bewundert.  Hier wurde sie 1958 neben ihrem Bruder, Großfürst Dmitrij, bestattet.

Irina Pristawko, portraitiert von Natalja Potechina

Irina Pristawko - Mariä Schutz am Nerl

Doch just in jenem Jahr, Mitte März 2005, erschien noch ein weiterer Gast aus Wladimir auf der Mainau, die junge Künstlerin Irina Pristawko. Vielleicht weil sie selbst nicht recht wußte, wann sie genau ankommen würde, meldete sie sich vorher weder in Erlangen noch bei den Gastgebern auf der Insel und war einfach plötzlich da, wie vom Himmel gefallen. Lutz Bartlau weiß es noch, als wäre es gestern geschehen: Ein Anruf von der Sekretärin des Inhalts „Ihre Russin ist da“, habe ihn kalt erwischt. „Und da saß Irina tatsächlich mit ihrem Marschgepäck. Ich weiß bis heute nicht, wie sie das ohne ein Wort Deutsch per Bus von Moskau nach Ulm und von dort mit Linienbussen bis Meersburg und nach Konstanz geschafft hat.“ Die erste Nacht brachten Manja Eckert und Lutz Bartlau die Malerin bei sich unter, dann fand sie Quartier auf der Insel und arbeitete und arbeitete und arbeitete. Bilder über Bilder entstanden mit Motiven von der Mainau. „Auch das eines ihrer künstlerischen Geheimnisse“, so der gelernte Koch und studierte Ökonom. „Sie schaffte es, wildfremde Leute ohne einen Brocken Deutsch zu überreden, für sie Portrait zu sitzen.“ Gouverneur Nikolaj Winogradow hatte dafür zwar nicht die Zeit, aber immerhin lernte Irina Pristawko hier auf der Mainau ihren Landesvater persönlich kennen. Später organisierte ihr Quartiermacher auf der Insel sogar noch eine Ausstellung mit Arbeiten der Künstlerin, die übrigens heute in Karlsruhe lebt und mit ihren Gastgebern von damals noch immer eine enge Freundschaft pflegt.

Schlafende Schöne - Insel Mainau

Comtesse Bettina ist heute nach dem Tod ihrer Eltern, die rasch aufeinander verstarben, Gräfin Bernadotte und Geschäftsführerin der Mainau GmbH und schickt noch immer via Erlangen die „Mainau Inselpost“ nach Wladimir, wo man sie nicht nur in bester Erinnerung behält, sondern sie auch gerne wieder als Ehrengast begrüßen würde. Lutz Bartlau und Manja Eckert haben einander 2005 in einer Jurte in Kirgisien das Ja-Wort gegeben und sind im Oktober 2006 für zwei Jahre als Entwicklungshelfer nach Usbekistan gegangen, wo sie in Chiwa ein Konzept für die Aus- und Weiterbildung für Erwachsene in den Bereichen Gastronomie, Hotellerie und Tourismus erarbeiteten.  Und Cornelia Bartlau? Auf die machte Dieter Argast, 2001 als Erlanger Stadtrat der Grünen Liste in offizieller Mission in Wladimir, Nadja Jewrassowa mit dem Hinweis aufmerksam, die Streetworkerin aus Jena würde gerne eine Jugendorganisation in Wladimir für das EU-Projekt „Move together“ finden. Natürlich fand sich auch dieser Kontakt und noch vieles mehr, aber das ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte, die wir exklusiv an diesem Ort ein andermal erzählen wollen. 

Schlafende Schöne - Insel Mainau

Schlafende Schöne - Insel Mainau

Zugegeben, ein bißchen viel Geschichte und noch mehr Lebensgeschichten für einen Blogeintrag, aber so spielt eben manchmal das pralle Leben der Partnerschaft. Und wer wollte da schon den Spielverderber mimen? Bleibt nur noch die Frage aufzulösen, warum der Titel von der „schlafenden Schönheit“ spricht. Genau so nennt man im Russischen Dornröschen. Und wer sich in diesen eisbedeckten Wintermärchentagen vom kalten Seewind über die schneeverzauberte Insel tragen läßt, versteht, daß die Schönheit besonders schön ist, solange sie sich nur erahnen läßt, solange sie noch ein Geheimnis und ein Versprechen birgt, solange sie noch schläft. Jeder zärtliche Blick der wenigen Besucher ist jetzt wie ein hingehauchter Kuß. Einer von ihnen wird die Schlafende Schöne bald wecken.

S. auch: http://is.gd/xsNMYA

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Im Februar 2004 tat die Künstlerin, Erika Zimmermann, eine Reise, über die Ella Rogoschanskaja, über lange Jahre als Journalistin der Partnerschaft Erlangen – Wladimir eng und wohlwollend verbunden, einen Bericht schrieb, der gut in diese winterlichen Tage paßt:

Sie träumte schon immer davon, einmal einen richtigen russischen Winter zu erleben. Und nun übertraf die Wirklichkeit alle Erwartungen: viel Schnee und Temperaturen bis fast – 30° C. Erika Zimmermann, eine 79jährige Künstlerin aus Möhrendorf, erwies sich als standhafte Reisende. Ungeachtet des strengen Frostes konnte sie ein paar Stunden vor Abflug der Versuchung nicht widerstehen und spazierte auch noch in Moskau über den Roten Platz.

Erika Zimmermann - Jahreszeiten

Wie nur mag sie auf die Idee gekommen sein, eine solche selbst für junge Leute nicht ganz einfache Reise zu unternehmen? Spontan. Nach einem Gespräch mit Peter Steger, Partnerschaftsbeauftragter im Erlanger Rathaus, der ihr einfach sagte, sie solle ihn doch gleich begleiten. Drei Wochen darauf packte sie bereits in ihren Koffer auf Rollen das Minimum an bequemer Kleidung, Zeichenblock und Stifte. In die freie Hand nahm sie einen Regenschirm, der multifunktional die Rolle eines Spazierstocks übernahm. Und dann auf nach Rußland – zum ersten Mal, zum ersten Mal zu unbekannten Menschen nach Wladimir, bei denen sie wohnen sollte.

Die beste Art, ein Land kennenzulernen ist es, bei einfachen Menschen zu wohnen. Ich hatte das Glück, Erika Zimmermann als erste in Wladimir in meinem Haus begrüßen zu dürfen. Dabei war ich nicht weniger aufgeregt als sie. Und das nur aus einem Grund: Wie würden wir miteinander sprechen? Sie kann kein Russisch, ich spreche nicht Deutsch. Aber… Mit ein paar Brocken Französisch und dem einen oder anderen Satz auf Englisch war der Kontakt dann die einfachste Sache von der Welt. Erika benahm sich bei mir, als würde sie hier schon gewohnt haben. Und was hatte ich erwartet? Daß sie mich für eine Bärin halten würde? Vor zwanzig Jahren wäre es vielleicht noch so gewesen. Aber die Zeiten haben sich geändert.

Am Morgen, das sei nicht verheimlicht, war mir dann doch blümerant zumute. Erika war nachts gekommen und hatte keine Zeit gehabt zu bemerken, in welch schlimmem Zustand unserer Treppenhaus ist. Ein Bild wie in jedem Plattenbau in unserer „Schlafstadt“. Aber die Aufregung war vergebens. Sie nahm daran ebenso wenig Anstoß wie an dem Hakenkreuz, das Rowdys immer wieder an die Wand schmieren. „Das gibt’s bei uns auch…“

Ella Rogoschanskaja

Ihr erster Tag in Wladimir. Ein durchdringender Wind. Wir fahren mit dem Oberleitungsbus. Der Schaffner läßt sich das Geld für die Fahrkarten geben, aber nicht von Erika. Er sieht, daß sie Rentnerin ist und damit zu einer Kategorie gehört, die in Wladimir freie Fahrt hat. Sie wurde also gleich als eine der Unseren angenommen. Dann die erste Bekanntschaft mit den Sehenswürdigkeiten. Ein Rundgang um die Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Der Wind wirft einen schier um. Eisesglätte. Erika wählt den windigsten Platz. „Hierher komme ich zum Malen.“ Der Wind? Macht gar nichts! Dafür der herrlichste Blick.

Bettler bitten um ein Almosen. Erika versteht die Welt nicht mehr. Warum so viele Bettler? Warum arbeiten die nicht, wo es doch überall so viel Eis gibt, das man wegschaffen und so etwas Geld verdienen könnte.

Überhaupt das Geld. Devisen in der Bank ohne Paß, den sie nicht auf den Spaziergang mitgenommen hat, tauschen? Ist nicht. Der Wechselkurs von 1 Euro = 36 Rubel erscheint ihr zu hoch. Es ist ihr peinlich, und sie will mich fast herunterhandeln, als ich ihr zu dem Kurs tausche. Nebenbei klären wir, in welchem Verhältnis ihre Pension von 800 Euro zu der Durchschnittsrente in Wladimir von 1.900 Rubel (ca. 50 Euro) steht. Erika wundert sich darüber, warum die Menschen in Rußland so wenig bekommen und trotzdem nicht in Lumpen herumlaufen.

Tags darauf ging sie zum Malen hinaus. Vorsichtshalber steckte sie auf die Sohlen ihrer Stiefel eine Vorrichtung, die aus Ketten an Schnallen bestand. Jetzt macht ihr das Eis nichts mehr aus. Alle wunderten sich beim Anblick dieser Gehhilfe. Frau Zimmermann weiß jetzt, was man als Geschenk nach Rußland mitbringen sollte. Ich war auch erstaunt darüber, daß man in unserem Land zwar erfolgreich Raumschiffe baut, aber noch nicht auf ein so wunderbares Mittel gegen Glatteis gekommen ist. Schließlich sind doch Knochenbrüche in der Winterzeit der Hauptgrund für die überfüllten Krankenhäuser.

Erika gewann viele neue Bekannte in Wladimir. Sie besuchte die Ateliers von Künstlern. Mein Haus verließ sie (ich mußte für ein paar Tage nach Moskau) und zog zu meinen Freunden, den Schenderows. Doch an unser Treppenhaus, bzw. an den Lift, wird sie bestimmt noch lange denken. Wir blieben nämlich 20 Minuten in ihm stecken. Der Strom fiel aus. Ob sie dabei Streß hatte? „Nein“, lacht Erika. „So etwas habe ich auch schon einmal im Krieg erlebt. Allerdings war das ein Jugendstillift.“ Doch unserer war ein dunkler und enger Käfig ohne Lüftung. Gott noch mal! Warum ist sie nur in der kalten Jahreszeit nach Rußland gekommen? „Ich wollte einen richtigen Winter erleben, wie es ihn in Deutschland nicht gibt.“ Sie war regelrecht verzaubert von dem weißen Schneegefunkel in Susdal. Dort verbrachte Erika eine Woche. Sie wohnte bei Kira Limonowa, der Architektin des Erlangen-Hauses und Witwe von Pjotr Dik. Ein schönes Haus mit Blick auf die Kirchen in der Nähe. Ihnen galt Erikas künstlerisches Interesse. Aber von langen Spaziergängen nahm sie dann doch Abstand. In ihrem Alter kann man den Beinen schließlich nicht mehr alles zumuten.

In Susdal trafen wir uns dann wieder. Bei der Unterhaltung half uns die Dozentin am Kunstmuseum, Marina Jaroschenko, die gut Deutsch spricht. Ich konnte die Besucherin ausführlich zu ihrem Leben befragen. Darüber werde ich einen längeren Artikel für die hiesige Presse schreiben. Für die deutschen Leser mag es aber interessant sein, von ihren Reiseeindrücken zu hören.

Erika Zimmermann - Motiv aus Susdal

„Was hat Sie am meisten beeindruckt?“ „Die ungewöhnliche Gastfreundschaft der Menschen, mit denen ich Kontakt hatte.“ – „Was gefiel Ihnen gut in Rußland, was weniger?“ „Ich stehe allem positiv gegenüber. Gefallen haben mir die großen Innenhöfe und die Rutschbahnen für die Kinder.“ – „Kann man einen Unterschied im Lebensniveau feststellen?“ „In den Familien, wo ich wohnte, nicht. Aber vielleicht habe ich zu wenige arme Menschen gesehen. Wohl nur bei der Kathedrale.“ – „Haben Sie auch mit unbekannten Menschen auf der Straße gesprochen?“ „Ich habe nach etwas zu fragen versucht. Aber meine Aussprache ist wohl zu schlecht, man hat mich nicht verstanden. Allerdings hat mich eine Frau dann auf Englisch gefragt, ob sie mir helfen könne.“ – „Was hilft Ihnen, so optimistisch zu bleiben?“ „Ein gerüttelt Maß Neugierde.“ Und dann erinnerte sie sich kurz vor der Abreise noch an meine Frage nach dem stärksten Eindruck von der Reise: „Ich habe in der Nacht nachgedacht und weiß jetzt die Antwort. Weißt du, was mich am meisten beeindruckt hat? In Rußland gibt es viele starke Frauen.“ „Weil sie schwere Taschen tragen?“ „Aber nein! Geistig stark. Und viel zu wenige von ihnen sind an der Macht, nicht wahr?“ Ganz richtig! In der russischen Regierung gibt es eine einzige Frau, in der Gouvernementsduma auch nur eine. In der Stadtverwaltung sind es etwas mehr. „Aber wir haben eine Frau als Kandidatin für den Präsidentenposten, Irina Chakamada…“ „Das habe ich gehört. Unser Kanzler will auch, daß das nächste Mal eine Vertreterin des schwachen Geschlechts Bundespräsidentin wird.“ – „Interessieren Sie sich für Politik?“ „Aber ja doch!“

Erika trug in ihrer Tasche Geschenke nach Hause. Die neuen Freunde schonten sie und schenkten ihr nur kleinere Andenken. Für ihren Enkel wollte sie eine Stange „Jawa“ kaufen. Frau Zimmermann greift selbst manchmal zur Zigarette, aber jetzt legt sie keine Vorräte für sich an, sondern schnorrt sich nur mal eine bei den Enkeln.

Erika Zimmermann - Susdal

Bliebe Erika noch länger in Wladimir, würden wir sie als ihre neuen Freunde ganz bestimmt ins Rennen um den Titel der „Super-Oma“ schicken. Der Wettbewerb wird am 8. März vom Wladimirer Lokalfernsehen veranstaltet. Ich bin überzeugt, daß unsere Kandidatin den ersten Preis machen würde. Sie hat die Ehre, sechs Enkel und zwei Urenkel ihr eigen nennen zu können, fährt Auto, kann sich ein Leben ohne Computer nicht vorstellen, malt erstaunlich moderne Bilder, kennt sich in der Politik aus, bereitet wunderbare Knödel mit Pilzen zu, spricht mehrere Sprachen, reist viel. Ihre Rußlandfahrt nannte sie ein „Abenteuer“. Wenn es nur mehr solcher „Abenteurer“ unter uns gäbe, die uns ein Beispiel dafür geben, wie man den Kopf hochhält

Heute ist die Naturalistin Erika Zimmermann sechs Jahre älter, aber kein bißchen weniger unternehmungslustig. Mit Kira Limonowa, von der sie per Kurier aus dem Erlanger Rathaus ein verspätetes Weihnachtsgeschenk erhält, will sie demnächst wieder länger telephonieren, und eine Ausstellung in Moskau steht noch auf ihrem Wunschzettel. Zuerst aber geht es am 22. April nach Marktredwitz, in dessen Egerlandmuseum sie bis in den Juni hinein ihr von expressiver Farbigkeit geprägten Arbeiten zeigen will. Von soll sie der Weg dann nach Karlsbad führen, wo sie vor 85 Jahren geboren wurde und ihr Großvater bis 1918 Oberbürgermeister war. Schon als 16jährige stellte sie dort – damals noch Plastiken – in einer Galerie aus, die der Großvater eröffnet hatte. Die Galerie gibt es noch immer. „Sobald das Dach repariert ist, will ich da noch meine Gemälde ausstellen. Mit den Tschechen bin ich immer gut ausgekommen, ich habe ihnen nichts nachzutragen“, erinnert sich die Vertriebene. Kein Wunder deshalb, daß der Direktor der Kunstgalerie aus Karlovy Vary persönlich zur Vernissage nach Marktredwitz anreist, um die Konditionen für das Projekt mit Erika Zimmermann zu besprechen.

Walter Zimmermann im winterlichen Garten

Und Jena steht dann auch noch auf dem Programm, wo die Witwe des 2002 verstorbenen Walter Zimmermann schon einmal mit viel Erfolg Arbeiten ihres Mannes gezeigt hatte. Wann da für Moskau Zeit sein soll, ist noch nicht klar, aber die Zeit kommt sicher noch, und die Arbeiten von Erika Zimmermann lohnen das Abwarten und die Mühe.

Noch eine Anmerkung zu den in Wladimir und Susdal entstandenen Gemälden: Eine große Arbeit hat die Künstlerin dem Erlanger Kunstmuseum vermacht, die beiden anderen hängen bei ihr zu Hause. Vor Ort hat sie Skizzen entworfen, die Feinarbeit mit dem Pinsel folgte im Möhrendorfer Atelier.

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